Die Arbeit untersucht anknüpfend an konstruktivistische Ansätze die deutsche Sicherheitspolitik im Hinblick auf länderspezifische Werte und Normen. Die Beachtung von Sinn stiftenden Normen und Identitäten in den Internationalen Beziehungen lässt sich vor allem innerhalb des konstruktivistischen Spektrums theoretischer Ansätze verorten.
Welche Normen deutscher Sicherheitspolitik können eine Erklärung dafür liefern, dass sich Deutschland in Libyen im Jahr 2011 nicht militärisch engagierte? Dieser Frage soll mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse nachgegangen werden, welche zwei Parlamentsdebatten im Deutschen Bundestag hinsichtlich dominanter Normen untersucht und somit eine Erklärung für die umstrittene Enthaltung Deutschlands bei der Resolution 1973 zu liefern versucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand: Konstruktivistische Theorien und Außenpolitikanalyse
3. Theoretischer Rahmen
3.1. Das Rollenkonzept der Zivilmacht nach Maull
3.2. Deutschlands militärische Sicherheitspolitik als Zivilmacht
4. Fallauswahl: Libyen und die Resolution 1973
5. Methode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz
5.1. Operationalisierung und Kategorienbildung
5.2. Analytisches Vorgehen
6. Analyse der Parlamentsdebatten
6.1.Multilateralismus
6.2.Werteorientierte Außenpolitik
6.3.Skepsis gegenüber militärischen Mitteln
6.4.Induktive Kategorien
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche handlungsleitenden Normen der deutschen Sicherheitspolitik die Enthaltung Deutschlands bei der UN-Resolution 1973 im Jahr 2011 erklären können. Mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse von Parlamentsdebatten wird analysiert, wie sicherheitspolitische Eliten das Dilemma zwischen Multilateralismus und der Kultur der militärischen Zurückhaltung verhandelten.
- Konstruktivistische Außenpolitikanalyse
- Rollenkonzept der Zivilmacht nach Hanns W. Maull
- Die deutsche Enthaltung zur Libyen-Resolution 1973
- Qualitative Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz
- Spannungsfeld zwischen Bündnissolidarität und militärischer Zurückhaltung
Auszug aus dem Buch
3.2. Deutschlands militärische Sicherheitspolitik als Zivilmacht
Wie schon im vorherigen Unterkapitel erwähnt wurde, ist die bundesdeutsche Sicherheitspolitik stark von den historischen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass dramatische, existentielle Erfahrungen in der Frühphase einer nationalen Gemeinschaft (wie Revolutionen oder Kriege) einen besonderen Einfluss auf die normative Ausrichtung eines Staates ausüben und diese sogar entscheidend prägen (Dalgaard-Nielsen 2006, S. 10). Als Resultat historischer Lernprozesse, ist es daher nur folgerichtig, dass Deutschland unilateralem Handeln eine klare Absage erteilt hat und sich seit dem zweiten Weltkrieg klar zum Multilateralismus bekannte. Neben dem Leitspruch einer multilateralen Ausrichtung („never alone“) werden im folgenden Abschnitt weitere Richtlinien und Prinzipien der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik beschrieben.
Drei Merkmale sind für die Sicherheitspolitik Deutschlands entscheidend: Bündnissolidarität (Westbindung), ein klares Bekenntnis zum Multilateralismus und eine ausgeprägte „Kultur der Zurückhaltung“ (Löfflmann 2008, S. 56). Maull zählt hierbei die Normen Bündnissolidarität eher in die Kategorie „Multilateralismus“ und ergänzt eine „wertegebundene Außenpolitik“ (Maull 2011, S. 101). Dies bedeutet jedoch nicht, dass Deutschland pazifistisch agiert, denn unter bestimmten Voraussetzungen können sich auch Zivilmächte an militärischen Missionen beteiligen (Vgl. Maull 2019, S. 53).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der normgeleiteten deutschen Außenpolitik ein und stellt die Forschungsfrage zur Enthaltung bei der Libyen-Resolution.
2. Forschungsstand: Konstruktivistische Theorien und Außenpolitikanalyse: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen sowie dessen Relevanz für die Analyse normengeleiteten Handelns dargestellt.
3. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel führt das Rollenkonzept der Zivilmacht nach Maull ein, um das normative Fundament für die Untersuchung der deutschen Sicherheitspolitik zu legen.
4. Fallauswahl: Libyen und die Resolution 1973: Es wird begründet, warum die Libyen-Krise als Fallbeispiel für das Spannungsfeld deutscher sicherheitspolitischer Normen dient.
5. Methode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz: Dieses Kapitel erläutert das methodische Vorgehen der strukturierten Inhaltsanalyse zur Untersuchung der Parlamentsdebatten.
6. Analyse der Parlamentsdebatten: Hier erfolgt die empirische Untersuchung und Auswertung der Debatten im Deutschen Bundestag entlang der definierten Kategorien.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die dominante Rolle der „Kultur der Zurückhaltung“ als Erklärungsfaktor für die Enthaltung.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Zivilmacht, deutsche Außenpolitik, Libyen-Resolution 1973, Multilateralismus, Kultur der Zurückhaltung, Bündnissolidarität, qualitative Inhaltsanalyse, Parlamentsdebatten, normative Außenpolitik, Sicherheitspolitik, internationale Normen, Maull, Sicherheit, Menschenrechte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die außenpolitische Entscheidung Deutschlands, sich im Jahr 2011 bei der UN-Resolution 1973 zum militärischen Eingreifen in Libyen zu enthalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretische Perspektive des Konstruktivismus, das Rollenkonzept der Zivilmacht nach Hanns W. Maull und die Anwendung von Normen in der deutschen Sicherheitspolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Normen deutscher Sicherheitspolitik können eine Erklärung dafür liefern, dass sich Deutschland in Libyen im Jahr 2011 nicht militärisch engagierte?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz, um Parlamentsdebatten auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der theoretische Rahmen und die Fallauswahl erläutert, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Debatten im Deutschen Bundestag mittels MAXQDA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Konstruktivismus, Zivilmacht, Multilateralismus und die Kultur der Zurückhaltung.
Welche Rolle spielt die „Kultur der Zurückhaltung“ in der Analyse?
Sie wird als die dominante Norm identifiziert, die laut Analyse die Enthaltung Deutschlands im Sicherheitsrat maßgeblich erklärt.
Warum wird die Enthaltung als „Bruch mit der Westbindung“ diskutiert?
Da Deutschland sich bei einer wichtigen Entscheidung gegen seine engen Bündnispartner Frankreich, Großbritannien und die USA stellte, wurde dies in der sicherheitspolitischen Community als Bruch der Bündnissolidarität gewertet.
- Quote paper
- Paul Kruse (Author), 2020, Normen deutscher Sicherheitspolitik und die Resolution 1973. Warum engagierte sich Deutschland 2011 in Libyen nicht militärisch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1176804