Mit seinem tagebuchähnlichen Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ lässt
Rilke eine neue Form des Romans entstehen. Die Hauptfigur des Werks ist der junge Dichter Malte
Laurids Brigge, der isoliert in seinem Pariser Apartment seine Eindrücke, Empfindungen und
Erinnerungen niederschreibt und Wege aus seiner Identitätskrise und Existenzangst sucht.
„Malte“ ist sicherlich im Kontext zu Rilkes eigenen Lebenserfahrungen zu lesen. Dennoch kann
man den „Malte“ vor der Hintergrund der Endzeitstimmung um die Jahrhundertwende,
Gegenströmung zum Naturalismus sowie der Kritik an der modernen Zivilisation interpretieren. In
dem Zusammenhang widmeten sich Autoren wie Morgenstern, Musil und Rilke der Mystik, so dass
ihre Werke als „Epiphanie“ zu lesen sind.
Zunächst werde ich die Entstehung des Werkes MLB, dessen literaturhistorischen Hintergrund, das
Verhältnis Rilkes zur Mystik sowie den Inhalt des Werkes darlegen, bevor ich speziell auf die
mystischen Erscheinungen im Prosawerk eingehe, die Maltes Identitätsproblematik verdeutlichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung des Malte Laurids Brigge
3. Literaturgeschichtlicher Kontext
4. Rilke und die Mystik
5. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
5.1. Pariser Großstadterfahrung
5.2. Kindheitserinnerungen
5.3. Maltes Lektüren
6. Mystische Motive und Erscheinungen im „Malte“
6.1. Das „neue Sehen“
6.2. Tod und Angst
6.3. Die Mauer
6.4. Der Sterbende in der Crémerie
6.5. Das Große
6.6. Der Epileptiker
6.7. Das mystische Bewusstsein der Brahes
6.8. Maltes Hand
6.9. Das Spiegelgeschehen
6.10. „Der verlorene Sohn“
7. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die mystischen Erscheinungen und Motive in Rainer Maria Rilkes Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rilke durch diese mystischen Elemente die Identitätskrise und existenzielle Entfremdung der Hauptfigur Malte inmitten der modernen Großstadtwelt darstellt und wie das „neue Sehen“ zur zentralen Methode der Welt- und Selbsterfahrung wird.
- Analyse der Entstehungsgeschichte und des literaturhistorischen Kontextes (Symbolismus).
- Untersuchung des Verhältnisses von Rilkes Werk zur Mystik und dem Epiphanie-Begriff.
- Interpretation zentraler mystischer Motive wie dem Tod, der Mauer, dem Spiegelgeschehen und der „Tanzkraft“.
- Deutung der Identitätsproblematik und der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage.
Auszug aus dem Buch
5.4. Der Sterbende in der Crémerie
In einer Crémerie begegnet Malte einen „Sterbenden“, was Malte zunächst nicht wahrhaben will: „Dort hätte er nicht auf mich warten dürfen. Sterbende lässt man nicht hinein.“ (MLB, [18], S. 42) Doch dann fühlt Malte eine Verbindung zwischen ihnen, indem er spürt, was in dem Inneren des Mannes vorgeht: „[…] ich wusste, dass er erstarrt war vor Entsetzen. Ich wußte, daß das Entsetzen ihn gelähmt hatte, Entsetzen über etwas, was in ihm geschah.“ (MLB, [18], S. 42) Malte kann sich durch diese Verbindung in das Innere des Mannes einfühlen und seine Regungen nachempfinden, die auf den Vorgang des Sterbens hindeuten:
Vielleicht brach ein Gefäß in ihm, vielleicht trat ein Gift, das er lange gefürchtet hatte, gerade jetzt in seine Herzkammer ein, vielleicht ging ein großes Geschwür auf in seinem Gehirn wie eine Sonne, die ihm die Welt verwandelte. (MLB, [18], S. 42)
Das Einfühlen in das Innere des Mannes und das Nachfühlen des Sterbens, empfindet Malte als beängstigend. Sobald Malte ihn eingesehen hat, ist der Sterbende für ihn existent. Eine Flucht kann daran nichts ändern:
Mit unbeschreiblicher Anstrengung zwang ich mich, nach ihm hinzusehen, denn ich hoffte noch, daß alles Einbildung sei. Aber es geschah, daß ich aufsprang und hinausstürzte; denn ich hatte mich nicht geirrt. (MLB, [18], S. 42).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Identitätskrise Malte Laurids Brigges und Verortung im symbolistischen Kontext der Jahrhundertwende.
2. Entstehung des Malte Laurids Brigge: Darstellung der biografischen Hintergründe, der Schreibphasen und der Abgrenzung zu autobiografischen Deutungen des Werks.
3. Literaturgeschichtlicher Kontext: Einordnung Rilkes in die Generation des Symbolismus als Gegenbewegung zum Naturalismus mit Fokus auf die Metaphysik und das individuelle Erleben.
4. Rilke und die Mystik: Theoretische Definition der Mystik in Literatur und Theologie als Erkenntniserfahrung und „Epiphanie“ zur Bewältigung der Subjekt-Objekt-Problematik.
5. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge: Analyse der äußeren und inneren Handlungsorte, insbesondere der Pariser Großstadterfahrungen, der Kindheit und der Bedeutung der Lektüren.
6. Mystische Motive und Erscheinungen im „Malte“: Detaillierte Untersuchung spezifischer Szenen wie des „neuen Sehens“, des Sterbens, des „Großen“, der Mauer, der Hand- und Spiegelerlebnisse sowie der Parabel vom verlorenen Sohn.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung des Werks als kulturkritisches Zeugnis, das die Entfremdung des modernen Menschen durch mystische Verwandlungsprozesse reflektiert.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Malte Laurids Brigge, Mystik, Symbolismus, Identitätskrise, Entfremdung, Epiphanie, Großstadterfahrung, Existenzangst, Subjektzerfall, Unio mystica, moderne Zivilisation, Spiegelmotiv, Verwandlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse mystischer Motive und Erscheinungen in Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ und deren Bedeutung für die Identitätsfindung der Titelfigur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen den Symbolismus um die Jahrhundertwende, das Verhältnis von Ich und Welt, existenzielle Todesangst sowie die psychologische Verarbeitung von Großstadterfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Malte durch mystische Erfahrungen und ein „neues Sehen“ versucht, seine Identitätskrise zu bewältigen und den Gegensatz zwischen der modernen Zivilisation und seinem inneren Seelenleben zu überbrücken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf einer fundierten Textinterpretation basiert und philosophische sowie psychologische Aspekte (etwa im Kontext des Unbewussten) einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Rilke und der Mystik sowie eine detaillierte Einzelanalyse mystischer Erscheinungen wie dem „Großen“, dem „neuen Sehen“ und diverser Schlüsselszenen wie dem Spiegel- oder Handerlebnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Epiphanie, Identitätskrise, symbolistischer Naturalismus, existenzielle Desintegration und mystische Unio.
Warum spielt die Kindheit Maltes eine so bedeutende Rolle in der Analyse?
Die Kindheit dient als Kontrast zur bedrohlichen Pariser Großstadt und ist gleichzeitig durch mysteriöse Geistererscheinungen geprägt, die Maltes Blick auf die Welt maßgeblich beeinflusst haben.
Welche Bedeutung kommt der Spiegelszene in der Argumentation zu?
Die Spiegelszene wird als zentrale Schlüsselszene interpretiert, in der der vollkommene Ich-Verlust und die Entfremdung vom eigenen Körper durch die Identifikation mit verschiedenen Rollen und Masken verdeutlicht werden.
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- Sarah Kalis (Author), 2007, Die mystischen Erscheinungen in Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117691