Das Florentiner Baptisterium San Giovanni


Seminararbeit, 2008
22 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Baugeschichte und allgemeine Baubeschreibung

3 Die liturgische Anlage und ihr Gebrauch
3.1 Das Florentiner Taufbecken
3.2 Das Pisaner Taufbecken
3.3 Der Pisaner und der Florentiner Taufritus

4 Die Deckenkonstruktion und das statische System

5 Stilgeschichtliche Einordnung des Baptisteriums
5.1 Antikenrezeption
5.1.1 Die Innenfassade
5.1.2 Die Außenfassade
5.2 Nicht-Antike Elemente

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird das Florentiner Baptisterium San Giovanni unter besonderer Berücksichtigung der liturgischen Anlage und ihres Gebrauchs, der Statik des Gebäudes und seiner stilgeschichtlichen Einordnung betrachtet. Einführend wird die Baugeschichte zusammen mit einer allgemeinen Baubeschreibung dargestellt. Den ersten Schwerpunkt dieser Arbeit stellt dann der Themenkreis zum Ort und Ritus der christlichen Taufe im Florentiner Baptisterium dar, da das Baptisterium zwecks dieser Aufgabe erbaut wurde. Hierzu gehört eine genauere Betrachtung des mittelalterlichen Taufbeckens. Weil dieses 1577 entfernt wurde[1], dient ein Vergleich mit dem Pisaner Baptisterium der umfassenderen Betrachtung. Die dortige Anlage wurde nach dem Vorbild des Florentiner Bassins entworfen[2]. Der Themenkreis um die Taufe soll durch die Erläuterung des im mittelalterlichen Pisa und Florenz üblichen Taufritus zum Abschluss gebracht werden.

Im Gegensatz zum Taufbecken findet die Deckenkonstruktion von San Giovanni im Italien der Entstehungszeit des Baptisteriums keinen Vergleich[3]. Aus diesem Grund befasst sich ein weiterer Abschnitt der Arbeit mit dem Aufbau der Kuppel und dem damit zusammenhängenden statischen System des Gebäudes.

Im letzten Abschnitt dieser Arbeit soll es schließlich um das Baptisterium als einem Bau der Protorenaissance gehen. Es wird beschrieben werden, in wie fern an Innen- und Außenfassade Antikenrezeptionen auszumachen sind und in welchen Punkten San Giovanni sich von einem antiken Bau unterscheidet. Hier dient das Pantheon in Rom als Vergleichsbau. Der florentinische Geschichtsschreiber Giovanni Villani (um 1280-1348) war der erste, der die Gliederung der Innenfassade des Baptisteriums mit dem Pantheon verglich. Seitdem haben sich verschiedene Historiker mit dieser These beschäftigt und sie immer wieder bestätigt[4]. Die wesentlichen Parallelen und Unterschiede sollen hier kurz vorgestellt werden. Für die Außenfassade gibt es kein solch eindeutiges Vorbild, jedoch wird ihr Aufbau maßgeblich von der Gliederung des Innern bestimmt[5]. Im Vordergrund wird daher stehen, die Parallelen zwischen der Gliederung der Innen- und Außenfassade aufzuzeigen und wie diese mit dem statischen System zusammenhängt.

2 Baugeschichte und allgemeine Baubeschreibung

Das Florentiner Baptisterium zählt zu den Hauptwerken mittelalterlicher Architektur und ist ein Bauwerk hauptsächlich aus dem späten 11. und frühen 12. Jahrhundert[6]. Die Datierung ist bis heute nicht eindeutig möglich, da das Baptisterium an einer Stelle erbaut wurde, an der sich Baureste älterer Kulturen aus dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. finden lassen[7]. Um zu einer eindeutigen Datierung des Baptisteriums gelangen zu können, müssten weitere Ausgrabungen unternommen werden. Die nord- und die südwestliche Hälfte des Platzes um das Baptisterium sind bereits Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt worden, ebenso wie die Westhälfte unter der Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nur Grabungen an
den verbleibenden Stellen können die Baugeschichte des Baptisteriums ganz
aufdecken[8].

Urkundlich wurde eine Johanneskirche bereits 897 das erste Mal erwähnt[9]. Doch inzwischen ist ziemlich sicher, dass es sich dabei nicht um den gleichen Bau handelte, sondern vielmehr um ein langobardisches Baptisterium, das an gleicher Stelle stand[10]. Von diesem Bau übernahm der Baumeister des heutigen Florentiner Baptisteriums vermutlich den oktogonalen Grundriss[11]. Überliefert ist eine Weihe, die Papst Nikolas II. am 6.11.1059 durchführte[12]. Hierbei handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die Grundsteinweihe des heutigen Florentiner Baptisteriums. Die Bautätigkeiten wurden 1150 zum Abschluss gebracht, als dem achtseitigen, zeltartigen Pyramidendach eine ebenfalls achtseitige Laterne aufgesetzt wurde[13].

Nachträglich wurden am Baptisterium noch einige wesentliche Änderungen vorgenommen. So wurde 1202 die ursprünglich halbkreisförmige Apsis an der Westseite des Gebäudes von einer querrechteckigen Chorkapelle ersetzt, die auch einen eigenen Eingang in Form einer kleinen Priestertür an der nördlichen Seite erhielt. Von 1250 bis 1300 wurde die achtteilige, spitzbogige Klostergewölbe-Kuppel mit ihrem heutigen Mosaikschmuck versehen[14], der das wichtigste Beispiel seiner Gattung in der Toskana ist[15]. Die einschneidenste Veränderung am Baptisterium wurde jedoch 1577 durch Bernado Buontalenti (1523-1608, Florentinischer Maler und Architekt) vorgenommen, als dieser entgegen der Proteste der Bürgerschaft das ursprüngliche Taufbecken und den dazugehörigen Kanonikerchor entfernen und zerstören ließ[16].

3 Die liturgische Anlage und ihr Gebrauch

3.1 Das Florentiner Taufbecken

Das von Buontalenti entfernte Taufbecken (vgl. Abschnitt 2) entstand 1128. Es ahmte in seiner achteckigen Form den Grundriss des Baptisteriums nach und stand in der Mitte des Raumes. Die heute sichtbare, nicht dekorierte Fläche im Boden markiert die Größe eines Schrankenachtecks, welches das Taufbecken umgab. Auch die Maße des eigentlichen Taufbeckens kann man noch heute anhand eines unter dem Boden befindlichen blockartigen Fundamentes rekonstruieren[17] (siehe Grundriss: Abb.1). Hieraus und aus der Beschreibung von Giovanni Boccaccio (1313-1375, Schriftsteller und Dichter; lebte größtenteils in Florenz) kann geschlossen werden, dass das Taufbecken ungefähr zwölf Menschen aufnehmen konnte[18]. Vier brunnenartige Schächte – sogenannte Pozzi –, die innerhalb des Beckens an vier Ecken angebracht waren, boten je einer weiteren Person Platz; sie dienten den Priestern während der Taufe als Standort[19].

Zusammen mit dem Kanonikerchor bildete das Taufbecken eine einheitliche Anlage, die mit Marmor kunstvoll inkrustiert war[20]. Zeugen hierfür sind die zwei Platten, die im Museo del Opera del Duomo in Florenz gelagert werden. Es sind zwei Seiten der acht Wände des Taufbeckens und zeigen, wie diese verziert waren[21]. Vermutlich war jede Seitenwand in zwei nebeneinander angeordnete Kassetten geteilt[22]. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, sind diese Kassetten von einer Rahmenleiste umgeben. Innerhalb des Feldes, das von der Rahmenleiste umgeben wird, befindet sich ein auf die Spitze gestelltes Quadrat. Zwischen Rahmen und Quadrat sind die freibleibenden Flächen mit schwarzen, halbkreisförmigen und vier dreieckigen Marmorstücken verziert. Das Quadrat bildet seinerseits einen Rahmen für das ebenfalls quadratische innere Feld, in dem sich eine Rosette befindet. Die einzelnen Rosetten sind alle in sehr ähnlicher Ausführung; vermutlich besaß jede Seitenwand zwei identische Rosetten. Innerer und äußerer Rahmen sind mit einfachen ornamentalen Verzierungen geschmückt und sind vermutlich ebenso wie die Marmorinkrustation an allen Kassetten übereinstimmend gewesen. Diese Schlüsse lässt ein Vergleich beider noch erhaltener Seitenwände zu (siehe Abb. 3).

3.2 Das Pisaner Taufbecken

Auch das Pisaner Taufbecken ist als achteckiges Bassin auf einem Sockel von drei Stufen angelegt worden und weist die gleichen vier in dem Becken befindlichen Schächte für die Priester auf (siehe Abb.4). Ursprünglich besaß Pisa ein deutlich kleineres Becken, erhielt dann aber 1246 das noch heute vorhandene Becken, welches von Guido Bigarelli de Cumo gefertigt wurde[23]. Hierüber liefert die Inschrift, die in der Innenseite des Beckens zu finden ist, Auskunft:

A∙D∙MCC∙XLVI∙SVB∙IACOBO∙RECTORE∙LOCI∙GVIDO∙
BIGARELLI∙DE∙CVMO∙FECIT∙OPVS∙HOC[24]

Die acht Wände des Beckens sind wie in Florenz in jeweils zwei quadratische Kassetten untergliedert, die mit Rosettenschmuck und Marmorintarsia verziert sind. Der Stil des Pisaner Beckens ist jedoch deutlich fortgeschrittener[25]. Für seine Einlegearbeiten nutzte Bigarelli bunten Marmor und seine ornamentalen Verzierungen sind ungleich feiner und reicher (vgl. Abb. 2/3 mit Abb. 5/6). Jede Kassette ist anders gestaltet (siehe Abb. 5) und selbst die Umrahmungen sind an keiner der acht Wände gleich (siehe Abb. 6). Was gleich ist, ist das Grundmuster: in einem quadratischen Feld befindet sich ein Kreis, in dem wiederum ein reich durchbrochener Rosettenschmuck Platz findet.

Ein weiteres Zeichen für eine höher entwickelte Stilstufe stellen die Tier- und Menschenköpfe dar. Zwar versuchte Bigarelli nicht, an den Figurenreichtum byzantinischer und antiker Vorbilder anzuknüpfen[26] ; dennoch finden sich an jedem der vier Tangentenpunkte der Rosettenkreise Köpfe von Figuren, die ebenfalls alle in individueller Ausführung gestaltet sind (siehe Abb. 7). Auf solch figuralen Schmuck verzichtete der Florentiner Künstler ganz. Zudem ließ Bigarelli die Köpfe, aber auch die Rosetten und Umrahmungen deutlich weiter aus der Fläche hervortreten, als es noch der Künstler des Florentiner Beckens knapp 120 Jahre zuvor getan hatte.

3.3 Der Pisaner und der Florentiner Taufritus

Neben ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung hatten beide Taufbecken im 13. Jahrhundert jedoch vor allem einen rituellen Wert und standen im Mittelpunkt der Taufzeremonie. Dennoch war es in Pisa üblich, den Taufritus in der Kathedrale zu beginnen. Vom Hochaltar durch das gesamte Langschiff zog eine umfangreiche Prozession von Priestern, Diakonen, Exorcisten, Novizen und den Täuflingen zum Westportal der Kathedrale, welches der Tür des Baptisteriums gegenüberlag[27]. Im Baptisterium teilte sich der Zug. Während sich die beiwohnende Menge im doppelten Halbkreis um das Taufbecken herum aufstellte, stiegen vier Priester in die Pozzi. Zu den Klängen des „Ecce filius meus“ wurden je vier Täuflinge gleichzeitig im Becken durch Immersionstaufe in das Christentum eingeweiht. Im Anschluss wurden den Täuflingen weiße Stolen übergezogen und sie durften schließlich die gesamte Prozession, die sich nach der Zeremonie wieder in die Kathedrale begab, anführen. Das Taufregister wurde vom Sakristan geführt. Hierzu warf dieser für männliche Täuflinge schwarze und für weibliche Täuflinge weiße Bohnen in eine Kassette[28].

Über den Florentiner Taufritus zu der Zeit, in der das ursprüngliche Taufbecken noch bestand, ist weniger bekannt. Von Boccaccio wurde überliefert, dass in früheren Zeiten (genauere Zeitangabe nicht bekannt) nur ein- bis zweimal im Jahr getauft wurde und deswegen ein Massenandrang bestand. Die Pozzi dienten daher den Priestern als sicherer Standplatz, um die Arbeit bewältigen zu können[29]. Aufgrund des Massenandrangs kann vermutet werden, dass zu dieser früheren Zeit das gesamte Fassungsvermögen des Taufbeckens genutzt wurde und sich zwölf Täuflinge zugleich im Becken befanden. Vielleicht änderte sich dies später, als häufiger getauft wurde, und es wurde wie in Pisa nur noch je ein Täufling pro Priester zugleich in das Becken eingelassen.

Über diese gesicherten Tatsachen hinaus lassen sich im Hinblick auf den Pisaner Taufritus Vermutungen über den Ritus in Florenz anstellen. Wie in Pisa auch steht das Baptisterium von Florenz gegenüber einem großen Kirchengebäude. Beide Gebäude sind mit jeweils einem Hauptportal zueinander ausgerichtet. Denkbar ist demnach auch in Florenz ein Taufbeginn in dem Dom. Priester, Täuflinge und Beiwohnende dürften sich dann in einem Zug aus dem Dom über den Platz in das Baptisterium begeben haben. Auch die weiteren Abläufe der Taufzeremonie könnten ähnlich wie in Pisa abgelaufen sein, doch hierfür finden sich keine weiteren Anhaltspunkte.

[...]


[1] Paatz 1941, S.175

[2] Paatz 1941, S. 177

[3] Swoboda 1918, S. 75

[4] Swoboda 1918, S. 75

[5] Paatz 1941, S. 185

[6] Paatz 1941, S. 178

[7] Giusti 2000, S. 15

[8] Paatz 1941, S. 175

[9] Swoboda 1918, S. 59

[10] Paatz 1941, S. 173

[11] Paatz 1941, S. 178

[12] Giusti 2000, S. 16

[13] Paatz 1941, S. 174

[14] Paatz 1941, S. 174

[15] Paatz 1941, S. 200

[16] Paatz 1941, S. 175

[17] Paatz 1941, S. 177

[18] Paatz 1941, S. 231

[19] Paatz 1941, S. 230

[20] Paatz 1941, S. 177

[21] Paatz 1941, S. 229

[22] Paatz 1941, S. 177

[23] Schubring 1902, S. 33

[24] Schubring 1902, S. 37

[25] Swoboda 1918, S. 56

[26] Schubring 1902, S. 36

[27] Schubring 1902, S. 29

[28] Schubring 1902, S. 30

[29] Paatz 1941, S. 230

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Florentiner Baptisterium San Giovanni
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Ort, Bild und Ritus der christlichen Taufe in ausgewählten Denkmälern der Kunst und Architektur
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V117692
ISBN (eBook)
9783640200641
ISBN (Buch)
9783640206193
Dateigröße
3252 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Florentiner, Baptisterium, Giovanni, Bild, Ritus, Taufe, Denkmälern, Kunst, Architektur
Arbeit zitieren
Katharina Fee Volling (Autor), 2008, Das Florentiner Baptisterium San Giovanni, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117692

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