Dieser Essay strebt das Ziel an, die Dilemma-Situation "würdevolles Sterben in der Coronazeit" näherzubringen. Um die im ersten Kapitel vorgestellte Problemsituation tiefergehend zu erläutern, ist der Essay in vier Kapitel aufgeteilt. Im zweiten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen und die Dilemma-Situation erläutert. Aufbauend darauf wird in Kapitel drei die Dilemma-Situation aus utilitaristischer, deontologischer und tugend-ethischer Sichtweise analysiert. Das vierte Kapitel schließt mit dem Fazit, in dem unter Berücksichtigung der ethischen Hintergründe zusammenfassend Stellung bezogen wird.
Im März 2020 hat die WHO die Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus "SARS-CoV- 2" zu einer Pandemie erklärt. Die Gefahr am lebensgefährlichen Virus zu erkranken oder zu versterben, Angehörige zu verlieren, beeinflusst unser gegenwärtiges Leben. In einer Rede des Oberbürgermeisters Palmer aus Tübingen, hieß es: "Menschen über 65 Jahre aus dem Alltag herausnehmen". Sein Amtskollege Geisel aus Düsseldorf, appellierte: "Die Risikogruppe der Älteren isolieren". Bundeskanzlerin Angela Merkel gab zu verstehen, dass "nur Abstand Ausdruck von Fürsorge" sei.
"Herausnehmen und Isolieren" verdeutlicht was in den Pflegeheimen seit der Coronazeit geschieht. Mit der Pandemie begann ein flächendeckendes Besuchsverbot in Pflegeheimen. Über Monate durften Angehörige ihre pflegebedürftigen oder sterbenden Familienmitglieder nicht oder nur sehr eingeschränkt besuchen. Dies hat Spuren bei allen Betroffenen hinterlassen. Sterbende erlitten einen einsamen Tod, hilflose Angehörige sind traumatisiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Gang der Arbeit
2 Theoretische Grundlagen
2.1 „Definition würdevolle Sterbebegleitung“
2.2 „Sterbebegleitung im Pflegeheim“
2.3 Dilemma-Situation „Fallbeispiel“
3 Ethische Analyse
3.1 Utilitaristische Ethik („Wohlfahrt für alle“)
3.2 Deontologische Ethik („Der freie Wille“)
3.3 Tugend-Ethik („Gerchtigkeit“)
4 Fazit
Anhang
Anhang 1 „Aufstellung der Werte, Normen und Interessen“
Anhang 2 „Ausarbeitung der Handlungsoptionen A und B“
Anhang 3 „Sammlung: Pressemitteilungen (2020-2021)“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das ethische Spannungsfeld zwischen dem notwendigen Infektionsschutz während der Corona-Pandemie und dem Anspruch auf eine würdevolle Sterbebegleitung in Pflegeeinrichtungen. Ziel ist es, durch die Anwendung ethischer Theorien Lösungsansätze für dieses Dilemma zu evaluieren.
- Ethische Bewertung von Besuchsverboten im Kontext der Sterbebegleitung.
- Konflikt zwischen Selbstbestimmungsrecht und Fürsorgepflicht.
- Analyse durch Utilitarismus, Deontologie und Tugend-Ethik.
- Belastungen für pflegendes Personal und Angehörige.
- Notwendigkeit menschenwürdiger Rahmenbedingungen in Krisenzeiten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Utilitaristische Ethik („Wohlfahrt für alle“)
Utilitaristische Ethik (lat.: ,utilis‘ = nützlich) verfolgt das Neigungsprinzip, bei dem das Sittliche dem Nützlichen gleichgesetzt wird. Als Grundthese verfolgt der Utilitarismus, dass die Folgen einer Handlung „größtmögliches Glück“ für eine „größtmögliche Menge“ bewirken soll. Utilitarismus konzentriert sich auf Handlungsfolgen bzw. Konsequenzen jeder Handlung. (Schmid-Noerr 2018a, S. 76-77) Menschliches Wohlergehen (Fürsorge) und Minimierung von Leid (Nicht-Schaden) bilden die Grundlage. Entwickelt wurde er von Jeremy Bentham und John Stuart Mill.
Handlungsutilitarismus bedeutet, wenn bei jeder einzelnen Handlung die Folgen abgewogen werden und somit eine ethische Entscheidung getroffen wird. (Noll, 2013, S. 66). Wenn die PK die Angehörigen unbeschränkt zum Sterbenden ließe, würde das den größten Nutzen („Glück“) der Familie bedeuten. Auch sie selbst wäre zufrieden, wenn sie etwas Gutes tut und der Fürsorge nachkommt, dem Sterbenden seinen „letzten Wunsch“ zu erfüllen. Die meisten Betroffenen haben jedoch einen negativen Nutzen, wenn die PK wegen Verstoß gegen die Corona-Besuchsbeschränkung, bspw. ihre Arbeitsstelle aufgrund einer Kündigung, verliert. Nicht nur die Bewohner, auch Kollegen sind betroffen, wenn sie eine PK verlieren und mehr arbeiten müssen. Es herrscht genereller Pflegenotstand. Des Weiteren gilt, dass „alle Betroffenen“ einen ,negativen Nutzen‘ haben, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren, somit erfahren alle mehr Leid als Freude. ,Handlungsutilitaristisch‘ steht das ,Wohl aller Beteiligten‘ im Vordergrund. Das ,Glück‘ des Sterbenden und seiner Familie (kleiner Personenkreis) ist dem ,Leid aller Betroffenen‘ mit Bewohnern und Kollegen (größerer Personenkreis) nachrangig.
Der Regelutilitarismus wendet die ,Nutzen-Schaden-Abwägung‘ in Bezug auf die gesamte Gesellschaft an. Ziel ist ,größtes allgemeines Glück‘ unter Berücksichtigung von Handlungsregeln und Moralvorschriften zu erreichen. Demnach wird die ,nützlichste Regel‘, nicht die nützlichste Handlung betrachtet. Aus dieser Sicht gilt: die Kündigung, als ,moralische Regel‘, ist für die ,Wohlfahrt aller Betroffener‘ nützlicher als das Glück der Familie. Die Regel wird zur Konsequenz: „Wer die Vorschrift missachtet erhält die Kündigung.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die pandemiebedingte Problematik der Isolation Sterbender in Pflegeheimen und die daraus resultierenden ethischen Spannungsfelder.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel definiert den Begriff der würdevollen Sterbebegleitung und erläutert die institutionellen Rahmenbedingungen sowie die typische Dilemma-Situation in der Pflegepraxis.
3 Ethische Analyse: Eine tiefgehende Untersuchung des Falls unter Anwendung utilitaristischer, deontologischer und tugendethischer Perspektiven, um die Rechtfertigung der Handlungsoptionen zu prüfen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die ethische Abwägung zusammen und fordert die Etablierung menschenwürdiger Rahmenbedingungen für Sterbende auch unter Pandemieauflagen.
Schlüsselwörter
Sterbebegleitung, Pflegeheim, Corona-Pandemie, Ethisches Dilemma, Utilitarismus, Deontologie, Tugend-Ethik, Selbstbestimmung, Fürsorgepflicht, Infektionsschutz, Pflegenotstand, Menschenwürde, Patientenwille, Besucherregelung, Ethik im Gesundheitswesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Scientific Essay grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem ethischen Konflikt zwischen den Infektionsschutzmaßnahmen während der Corona-Pandemie und dem Anspruch auf eine würdevolle, menschliche Sterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Palliativversorgung, die ethischen Dilemmata im Pflegealltag sowie die normative Bewertung von Handlungsoptionen im Kontext staatlicher Schutzvorgaben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die ethische Einordnung und Bewertung der Entscheidungssituation einer Pflegekraft, die zwischen strikten Besuchsverboten und dem individuellen Wunsch des Sterbenden nach Begleitung abwägen muss.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin nutzt eine ethische Analyse, bei der das Fallbeispiel mittels drei klassischer Ethik-Modelle (Utilitarismus, Deontologie, Tugend-Ethik) systematisch geprüft wird.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Begriffsdefinitionen, die Beschreibung der Dilemma-Situation anhand eines Fallbeispiels und die anschließende philosophisch-ethische Reflexion der Handlungsoptionen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sterbebegleitung, Infektionsschutz, ethisches Dilemma, Selbstbestimmung und Menschenwürde charakterisiert.
Warum wird die Corona-Pandemie als „Neuanfang“ für die Sterbebegleitung bezeichnet?
Die Autorin argumentiert im Fazit, dass die Krise als Anlass dienen sollte, die menschenwürdige Begleitung in Pflegeheimen neu zu denken und dauerhaft sozial verträgliche Lösungen zu etablieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Pflegekraft im Dilemma?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Pflegekräfte in einem intrapersonalen Wertkonflikt stehen, da sie sich zwischen rechtlichen Vorgaben des Arbeitgebers und ihrem ethischen Auftrag zur Fürsorge hin- und hergerissen fühlen.
- Arbeit zitieren
- Sandra Waldermann-Scherhak (Autor:in), 2021, Der Schutz vor Covid-19 als Gegensatz zur würdevollen Sterbebegleitung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1177380