Mitte 2001 erfolgte mit der Herausgabe des Neunten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB IX) die sozialrechtliche Reform zugunsten behinderter Menschen in Deutschland. Ein Jahr darauf, mit der Einführung des neuen Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG), wurden Neuregelungen auch über den sozialrechtlichen Bereich hinaus formuliert. Im Jahr 2003 rief die Europäische Union das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen aus. Ein erklärtes Ziel dieser Maßnahme ist „Die Verbesserung der Kommunikation über die Behinderung und Förderung einer positiven Darstellung der Menschen mit Behinderungen“ (Rat der Europäischen Union, S. 1). Offensichtlich wurde viel unternommen, um behinderten Menschen die gleichen Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu geben wie nicht behinderten Menschen. Im Rahmen meines Studiums an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (FH) entschloss ich mich bereits in einem frühen Stadium für den Schwerpunkt Gesundheit und Rehabilitation. Erste Anregungen zum Thema meiner Diplomarbeit fand ich während der studentischen Praktika in einer Werkstatt für behinderte Menschen der Arbeiterwohlfahrt. Dort gelang es mir, einen ersten Kontakt mit behinderten Menschen zu knüpfen. Im nächsten halben Jahr machte ich für mich sehr prägende Erfahrungen mit diesen Menschen. Während dieser Zeit fiel mir eine sehr respektvolle Haltung meines privaten Umfeldes in Bezug auf meine Tätigkeit in der Werkstatt auf. Viele fanden mein Engagement bewundernswert, erwähnten aber sogleich, dass sie sich diese Arbeit nicht zumuten würden. Durch die praktische Arbeit wuchs mein Interesse für das Verhältnis der Gesellschaft gegenüber der Randgruppe behinderter Menschen. In Folge dessen erhöhte sich meine Aufmerksamkeit gegenüber der Berichterstattung der regionalen Presse zum Thema Menschen mit Behinderungen. Ich wollte erfahren, wie andere Menschen mit diesem Thema umgehen und in welchem Maße Medien für diese beobachtete Distanziertheit der Menschen gegenüber der Thematik verantwortlich sein könnten. Auf Grund der anfangs genannten Initiativen der Europäischen Union und der Bundesregierung nahm ich an, dass sich dies auch in der medialen Berichterstattung niederschlagen würde. So reifte in mir der Gedanke, einen Vergleich vorzunehmen. Es schien sehr interessant zu sein, was sich in den letzten Jahren der Berichterstattung verändert hat. Somit entschied ich mich für einen inhaltlichen Vergleich der Darstellung behinderter Menschen in den Jahren 2002 und 1993. Als methodischen Weg wählte ich die massenmediale Inhaltsanalyse.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Begriffsdefinitionen und Klassifizierungen der Behinderungen und der Massenkommunikation
1.1 Eine Annäherung an den Behinderungsbegriff
1.1.1 Das Krankheitsfolgenmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
1.1.2 Die Definition des Behinderungsbegriffes laut Sozialgesetzbuch Neuntes Buch der Bundesrepublik Deutschland
1.1.3 Die Klassifizierung der Behinderungsarten
1.2 Die Grundlagen der Massenkommunikation
1.2.1 Die Definition eines Massenmediums
1.2.2 Die Terminologie und Komponenten einer Massenkommunikation
1.3 Eine Typisierung von Medien
1.3.1 Die Broadcast-Medien
1.3.2 Die Printmedien
1.3.3 Die Neuen Medien
2 Die Theorie der Inhaltsanalyse
2.1 Die historische Entwicklung
2.2 Die theoretischen Grundlagen
2.2.1 Die Definition der Methode
2.2.2 Die Qualitativ-Quantitativ Debatte
2.2.3 Die Probleme inhaltsanalytischer Verfahren
3 Die praktische Umsetzung der Inhaltsanalyse
3.1 Der Entdeckungszusammenhang
3.1.1 Die Bestimmung des Forschungsinhaltes und der Zielstellung der Untersuchung
3.1.2 Die Typologie der Inhaltsanalyse
3.1.3 Die Auswahl des Messverfahrens
3.1.4 Die Bestimmung des Untersuchungsmaterials
3.2 Der Begründungszusammenhang
3.2.1 Die Ableitung der Hypothesen
3.2.2 Die Operationalisierung der Hypothesen und Erstellung von Indikatoren
3.2.3 Die Wahl des inhaltsanalytischen Verfahrens
3.2.4 Das Codebuch
3.2.5 Die Datenerhebung
3.2.6 Die Bereinigung und Auswertung der Daten
4 Die Datenanalyse und Ergebnispräsentation
4.1 Die Vorgehensweise und Auswahl der Darstellungsform
4.2 Die allgemeine Entwicklung des Nutzungsverhaltens ostdeutscher regionaler Abonnement-Tageszeitungen von 1991-2004
4.3 Die Ergebnisse der Untersuchungskategorien
4.3.1 Die Gesamtmenge der zum Thema gefundenen Artikel und Bilder pro Jahr
4.3.2 Die Positionierung der Artikel in der Gesamtausgabe
4.3.3 Der Vergleich der Häufigkeiten der verschiedenen Artikelarten pro Jahr
4.3.4 Die Relevanzmessung anhand der Gesamtartikelfläche
4.3.5 Die Anzahl der Zitate und Zusammensetzung der zitierten Personen
4.3.6 Die Bezugnahme auf rechtliche Regelungen
4.3.7 Die behinderten Menschen als Opfer von Gewaltverbrechen und Unfällen
4.3.8 Die bildhafte Darstellung behinderter Menschen anhand von Analogien
4.3.9 Die Berücksichtigung der Behinderungsarten in der Berichterstattung
4.4 Eine Gesamtbetrachtung der Ergebnisse und Modifizierung der Hypothesen
5 Die Diskussion der Ergebnisse
5.1 Das Ausmaß der Berichterstattung als Spiegel gesellschaftlicher Akzeptanz behinderter Menschen
5.2 Die Behinderung als Titelstory
5.3 Die Wertschätzung durch Wortwahl
5.4 Mitleid oder Sachlichkeit? - Das Erscheinungsbild der Berichterstattung
5.5 Reproduktion der Ereignisse oder 4. Staatsgewalt? - Die Aufgaben einer Tageszeitungen
5.6 Die behinderten Menschen und das Maß an medialer Aufmerksamkeit
5.7 Die Verhältnismäßigkeit der Problemgewichtung in der gesamten Berichterstattung
Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse, wie behinderte Menschen in der Berichterstattung der "Leipziger Volkszeitung" (LVZ) in den Jahren 1993 und 2002 dargestellt wurden. Ziel ist es, Veränderungen in der Bedeutsamkeit und Darstellungsweise sowie den Grad der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für behindertenspezifische Themen zu evaluieren.
- Vergleichende Analyse der Berichterstattung zwischen 1993 und 2002
- Untersuchung der Darstellung von behinderten Menschen in der "Opferrolle"
- Analyse formaler Aspekte wie Platzierung, Bildmaterial und Sprachgebrauch
- Diskussion über die mediale Verantwortung und die Kontrollfunktion der Presse
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Bestimmung des Forschungsinhaltes und der Zielstellung der Untersuchung
In meinem speziellen Beispiel dient diese Erarbeitung vor allem der Analyse, in wie weit sich ein Massenmedium um die Belange einer Minderheit kümmert und welche Bedeutung dieser Thematik formal und inhaltlich zugesprochen wird. Die Ergebnisse sollen eine Tendenz aufzeigen, in der sich widerspiegelt, welche Rolle die behinderten Menschen in unserer Gemeinschaft spielen. Es sollen gegebenenfalls Mechanismen der Printmedien aufgezeigt werden, mit denen durch journalistische Stilmittel gewünschte Darstellungsweisen von behinderten Menschen erzeugt werden. Diese Stilmittel können formaler oder inhaltlicher Art sein.
Zu Beginn der analytischen Arbeit muss der genaue Forschungsinhalt festgelegt werden. Es geht um die Darstellung von behinderten Menschen in dem Massenmedium Leipziger Volkszeitung. Hierbei beobachte ich eine Trendentwicklung der Berichterstattung über einen Zeitraum von neun Jahren. Vordergründig soll erhoben werden, in welchen Formen und Ausmaßen Themen über diese Menschen Beachtung in der täglichen Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung finden.
Anhand dieser Maßgaben formuliere ich die Forschungsfrage:
Welche Veränderungen vollzogen sich bezüglich der Bedeutsamkeit und Darstellungsweise der behindertenspezifischen Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung in den letzten neun Jahren?
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor erläutert seine persönliche Motivation für das Thema, die auf Erfahrungen im Zivildienst basiert, und führt in den Forschungsgegenstand der medialen Berichterstattung ein.
1 Die Begriffsdefinitionen und Klassifizierungen der Behinderungen und der Massenkommunikation: In diesem Kapitel werden grundlegende Begrifflichkeiten geklärt, einschließlich des WHO-Krankheitsfolgenmodells und verschiedener Medientypen.
2 Die Theorie der Inhaltsanalyse: Es erfolgt eine theoretische Einbettung der Inhaltsanalyse als wissenschaftliche Methode unter Berücksichtigung historischer Aspekte und der quantitativ-qualitativen Debatte.
3 Die praktische Umsetzung der Inhaltsanalyse: Dieses Kapitel beschreibt das konkrete methodische Vorgehen, die Festlegung von Hypothesen und die operationalisierten Indikatoren für die Untersuchung der "Leipziger Volkszeitung".
4 Die Datenanalyse und Ergebnispräsentation: Die empirischen Ergebnisse werden hier statistisch aufbereitet und im Hinblick auf die aufgestellten Hypothesen analysiert.
5 Die Diskussion der Ergebnisse: Die Ergebnisse werden kritisch hinterfragt und mit gesellschaftlichen Aspekten sowie der Rolle der Presse als "vierte Staatsgewalt" in Beziehung gesetzt.
Schlüsselwörter
Inhaltsanalyse, behinderte Menschen, Leipziger Volkszeitung, Massenkommunikation, Behindertenbild, soziale Randgruppe, Printmedien, Berichterstattung, soziale Teilhabe, Integrationsprozess, Valenzanalyse, Medienwirkung, Behindertengleichstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung behinderter Menschen in den Medien, konkret am Beispiel der Berichterstattung der "Leipziger Volkszeitung" in den Jahren 1993 und 2002.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die mediale Relevanzzuweisung, die Häufigkeit von Berichten, die Verwendung von Bildanalogien sowie die sprachliche Charakterisierung von Menschen mit Behinderungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Veränderungen in der Bedeutsamkeit und in der Art der Darstellungsweise behindertenspezifischer Themen über den Untersuchungszeitraum von neun Jahren festzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt die empirische Inhaltsanalyse, wobei sowohl quantitative Elemente (Häufigkeitszählungen) als auch qualitative Aspekte (Interpretation der Darstellungsformen) kombiniert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst der theoretische Rahmen der Inhaltsanalyse erarbeitet, gefolgt von der praktischen Durchführung (Operationalisierung), der Datenanalyse der Zeitungsartikel und der anschließenden Diskussion der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Inhaltsanalyse, Medienberichterstattung, soziale Randgruppen, Integration und die Untersuchung der Leipziger Volkszeitung.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Bildmaterials?
Der Autor stellt eine Zunahme von Bildanalogien (wie Rollstuhlfahrern) im Jahr 2002 fest und diskutiert deren Einfluss auf die Assoziationen der Leser bezüglich des "Andersartigen".
Zu welchem Ergebnis kommt die Arbeit in Bezug auf die Hypothesen?
Die anfängliche Vermutung, dass die Berichterstattung über behinderte Menschen signifikant zugenommen habe, konnte nicht bestätigt werden; stattdessen zeigen sich eher rückläufige Tendenzen.
- Quote paper
- Jan Schubert (Author), 2005, Die Darstellung behinderter Menschen in den Medien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117829