Arbeit im Wandel der Zeit

Eine Studie zu den Möglichkeiten der Personalbedarfsdeckung aufgrund des demografischen Wandels steigender Leistungsnachfrage


Diplomarbeit, 2008

79 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen
2.1 Die Definition der Arbeit und das Arbeitsverständnis in Laufe der Geschichte
2.2 Was ist eine gute Arbeit?

3 Demografischer Wandel und seine Folgen für derzeitige und zukünftige Arbeitswelt
3.1 Bestimmungsfaktoren demografischer Entwicklung
3.1.1 Geburtenhäufigkeit
3.1.2 Lebenserwartung
3.1.3 Außenwanderungen
3.2 Entwicklung der deutschen Bevölkerung bis
3.2.1 Wachsendes Geburtendefizit
3.2.2 Abnehmende Bevölkerung
3.2.3 Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung
3.3 Einfluss der negativen demografischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt

4 Zunehmende Nachfrage an älteren Arbeitsnehmern
4.1 Ältere Arbeitnehmer – Fakten statt Vorurteile und Stereotypen
4.2 Angepasste und erweiterte Rekrutierungs- und Personalentwicklungsstrategien
4.3 Längere Lebensarbeitszeit

5 Gesundheitsförderung als Maßnahme der Personalbedarfsdeckung von steigender Leistungsnachfrage
5.1 Betriebliches Gesundheitsmanagement – Begriff, Bedeutung und Ziele
5.2 Gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung
5.2.1 Strategien der Arbeitsgestaltung
5.2.2 Arbeitsplatzgestaltung
5.2.3 Arbeitszeitgestaltung
5.3 Bewegungsmanagement
5.3.1 Bedeutung und Auswirkungen der körperlichen Aktivität
5.3.2 Maßnahmen zur Bewegungsförderung im Unternehmen
5.4 Ernährungsmanagement
5.5 Psychische Gesundheit der Mitarbeiter
5.5.1 Stress und seine Bewältigung
5.5.2 Kostenfaktor Angst
5.5.3 Mobbing

6 Familienpolitische Konzepte - Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen
6.1 Ungenutztes Potenzial der Frauen
6.2 Ganztägige Kinderbetreuung
6.3 Familienfreundliches Unternehmen
6.3.1 Flexible Arbeitszeit und –ort
6.3.2 Betriebliche Förderung von Kinderbetreuung
6.3.3 Familienfreundliche Unterstützungskasse

7 Zuwanderung – eine Möglichkeit zur Milderung des zukünftigen Arbeitskräftemangels

8 Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anforderungen an gute Arbeit aus Sicht der Erwerbstätigen

Abbildung 2: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland

Abbildung 3: Altersstruktur der Bevölkerung im Erwerbsalter im Jahr 2005 und 2050

Abbildung 4: Erwerbsbeteiligung Älterer (55-64 Jahre) im Jahr 2001

Abbildung 5: Wirkung regelmäßiger körperlicher Aktivität

Abbildung 6: Mögliche Maßnahmen im Bereich des Ernährungsmanagements zur Steigerung von Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten

Abbildung 7: Eustress und Distress

Abbildung 8: Die 45 Mobbing-Handlungen nach Leymann

Abbildung 9: Stresssymptome infolge Mobbing

Abbildung 10: Durch Mobbing verursachte Kosten

Abbildung 11: Eckpunkte für eine Betriebsvereinbarung "Mobbing"

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Lebenserwartung 1871/1881 im Deutschen Reich und 2002/2004 in Deutschland

Tabelle 2: Arbeitszeit in Stunden pro Jahr

Tabelle 3: Strategien der Arbeitsgestaltung

Tabelle 4: Das Phasenmodell von Mobbing

Tabelle 5: Deutsche und ausländische Absolventen an allgemeinbildenden Schulen

1 Einleitung

Die Demografie ist die Hauptursache für ein viel beklagtes Phänomen, nämlich die wirt- schaftliche Krise in Europa. Die Arbeitsmarkt- und Berufsforscher rechnen in der Zukunft mit einem sinkendem Angebot an Arbeitskräften. Ein Grund für diese Senkung ist der Rückgang der Bevölkerung.

Sinkende Geburtenraten und eine kontinuierliche Steigerung der Lebensdauer führen mittel- bis langfristig zu einer erheblichen Veränderung der Altersstrukturen in Deutsch- land wie auch in Europa und anderen Industrieländern. Prognosen gehen von einem Be- völkerungsrückgang aus, der mit einer Abnahme der Zahl der Erwerbspersonen einher- geht.

Schon heute haben die Unternehmen Schwierigkeiten, hochqualifiziertes Personal zu finden. In der Zukunft wird sich dieses Problem noch verschärfen. Wenn keine Maßnah- men ergriffen werden, um das künftige Angebot an Arbeitskräften zu erhöhen, steht Deutschland in der Zukunft vor einem Verlust des Wohlstandes.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Maßnahmen zur Steigerung des Arbeitskräftepotenzials dar- zustellen. Es sollte gezeigt werden, was zu tun ist, damit der durch die Experten vorgese- hene Arbeitskräftemangel nicht entsteht oder zumindest gemildert wird. Zuerst werden der Begriff „Arbeit“ und sein Verständnis entlang der Geschichte erläutert. Im Kapitel 3 wer- den genauere Prognosen zur Entwicklung der gesamten Bevölkerung und der einzelnen Altersgruppen gezeigt. Es wird auch der Einfluss des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt dargestellt. Es wird festgestellt, dass es in Zukunft einen Mangel an Arbeits- kräften geben wird. In den Kapiteln 4 bis 7 werden verschiedene Maßnahmen vorgestellt, die die Steigerung des Arbeitskräftepotenzials ermöglichen. In dieser Arbeit werden die Maßnahmen zur Erhöhung der Geburt nicht betrachtet. Kapitel 4 wird darstellen, wie wich- tig ist es, die Frühverrentung zu reduzieren und die Beschäftigung von Älteren zu erhö- hen. Längere Lebensarbeitszeit wird ausschlaggebend für das zukünftige Arbeitskräftepo- tenzial. Damit es überhaupt möglich ist, länger zu arbeiten, muss man auch gesund blei- ben. Im Kapitel 5 werden die wichtigsten Maßnahmen des Gesundheitsmanagements beschrieben, die zur Erhaltung der Gesundheit von Mitarbeitern führen. Anschließend wird auch betont, dass die Frauen ein unbenutztes Potenzial auf dem Arbeitsmarkt dar- stellen. Zum Schluss wird die Bedeutung der Integration der Zuwanderer gezeigt.

2 Begriffsbestimmungen

2.1 Die Definition der Arbeit und das Arbeitsverständnis in Laufe der Ge- schichte

In der Wirtschaft wird die Arbeit neben dem Boden und dem Kapital (in der VWL) oder neben den Betriebsmitteln und Werkstoffen (in der BWL) als eine von drei Produktionsfak- toren bezeichnet. Volkswirtschaftlich betrachtet, „richtet sich die Arbeit ... auf Vorprodukti- on (Gewinnung von Naturerzeugnissen), Gewerbe (Rohstoffveredlung und -verarbeitung), Vermittlung und Verteilung von Gütern (Handel, Verkehr), Wirtschaftsdisposition (Geld- verkehr, Verwaltung) sowie Erzeugung und Pflege kultureller Werte.“1 Betriebswirtschaft- lich wird der Produktionsfaktor Arbeit in dispositive und ausführende Arbeit unterschieden. Die Wirtschaftstheorie definiert die Arbeit als jede bewusste, zielgerichtete Tätigkeit des Menschen zur Befriedigung von Bedürfnissen des einzelnen oder der Allgemeinheit.

In den Arbeitswissenschaften wird die Arbeit als beruflich durchgeführte fremd- oder selbstbestimmte Tätigkeit eingesehen, die bei einem Arbeitgeber in einer bestimmten Ar- beitsumgebung zu einer definierten Arbeitszeit gegen eine festgelegte Entlohnung in Geld erfolgt.2

Im Laufe der Geschichte hat sich das Verständnis von der Arbeit gewandelt. In der Antike wurde die ausführende, besonders die körperliche Arbeit als eines freien Menschen un- würdig angesehen. Einem freien Mann sollte möglich sein, von seinen Einkünften leben und seine Familie versorgen zu können, ohne dabei auf eine körperliche Arbeit angewie- sen zu sein. Auch alle Tätigkeiten, die notwendig waren, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen waren für einen freien Bürger erniedrigend. Denn es herrschte die Ansicht, dass das Handeln des Menschen und nicht die Befriedigung von Grundbedürfnissen den Unterschied zwischen Menschen und Tieren macht. Deswegen haben die Bürger die Sklaven für ihre Nahrung, Wohnung usw. arbeiten lassen. Nur das Wirken in und für die Öffentlichkeit (Politik, Geistesleben, Militär, Rechtsberatung) war als tugendhaftes und eines freien Menschen würdiges Handeln betrachtet.3

Nach der Lehre des Alten Testaments ist die Entwürdigung der körperlichen Arbeit aus- geschlossen. Gott hat nämlich bei der Erschaffung der Welt auch handwerklich gearbeitet, deswegen soll jeder Mensch seine Arbeit als Gehorsam gegenüber Gott betrachten.4 Im Mittelalter war die Arbeit als die Strafe Gottes für die Sünden verstanden. Der Mensch wurde für seine Sünde durch Gott dazu verflucht, sein alltägliches Brot im Schweiße sei- nes Angesichtes zu verdienen. Gleichzeitig war Arbeit ein Instrument zur Verherrlichung Gottes und seiner Schöpfung. Arbeit dürfte nicht dem Erwerb von Reichtümern dienen, weil es dem mittelalterlichen Menschen suspekt erschien. Sie drückte einen tiefen Glau- ben aus. Ab dem 13. Jahrhundert begann sich die skeptische Einstellung gegenüber der Arbeit und dem Gewinn zu verändern. Die Ursache dafür war die Entwicklung von Städten und die Entstehung von städtischem Bürgertum. Es hat die ökonomischen Bedingungen der mittelalterlichen Ständegesellschaft extrem verändert. Die „Erfindung“ des Fegefeuers hat dazu geführt, dass die Arbeit zum Erwerb von Reichtum nicht mehr mit absoluter Ver- dammnis gleichgesetzt war. Zwar blieb noch das moralische Urteil für die Leute, die die Reichtümer erworben haben, aber der durch eigene Arbeit erwirtschaftete Erfolg gilt nicht mehr als minderwertig.5

Das neuzeitliche Arbeitsverständnis sieht man in einem engen Zusammenhang mit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Gesellschaft war als freiwilliger Zusammen- schluss gleichberechtigter Bürger verstanden. Es wurden individuelle Bürgerrechte defi- niert. Jeder Bürger war in der Lage sich zu verwirklichen, ob mit oder ohne Erfolg hing von individuellem Fleiß und Geschick ab. Dadurch nimmt die individuelle Lebensführung an Bedeutung zu und solche Merkmale wie Sparsamkeit, Fleiß, Enthaltsamkeit und Pünkt- lichkeit wurden zu den ausgeprägtesten Tugenden der bürgerlichen Gesellschaft und gal- ten als Basis für den wirtschaftlichen Erfolg. Die Arbeit diente nicht mehr nur der Befriedi- gung von Grundbedürfnissen, sondern war ein Mittel zur Vermehrung von Vermögen der neuen bürgerlichen Klasse. So wurde ein neues Arbeitsverständnis geprägt. Arbeiten zu müssen, war keine moralische Minderwertigkeit der Arbeitenden mehr. Eine erfolgreiche Berufsarbeit war eine Bedingung für soziale Zugehörigkeit zum Bürgertum. Arbeit stellte eine Voraussetzung der gelungenen Lebensführung dar und definierte soziale und politi- sche Mitspracherechte.6

Im Laufe der Zeit hat sich die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit verschoben. Im- mer mehr Tätigkeiten, die früher nicht als Arbeit angesehen waren, werden als Arbeit be- trachtet (z.B. Rechtsberatung). Während in der Antike die Arbeit eine private Gelegenheit war und die freie Zeit den öffentlichen Sachen geschuldet war, wird für das Bürgertum

Arbeit öffentlich und Freizeit privat. Im Gegenteil zur Antike und zum Mittelalter ist Arbeit in der Neuzeit mit einem gewissen sozialen Status verbunden.7

2.2 Was ist eine gute Arbeit?

Was versteht man unter „eine gute Arbeit“? Aus Sicht des Arbeitgebers ist die gute Arbeit mit einer guten Arbeitsleistung verbunden. In der Physik bedeutet die Leistung Energie pro Zeiteinheit und in der Ökonomie bezeichnet man als Leistung ein Ergebnis von Wirt- schaftsprozessen. Die Definition der Leistung in den Arbeitswissenschaften weicht davon ab und orientiert sich am Menschen.8 Viele Faktoren haben einen Einfluss auf die Arbeits- leistung eines Menschen. Zunächst spielt eine Leistungsfähigkeit, unter deren man ein körperliches und geistiges Leistungsvermögen versteht, eine wichtige Rolle. Die Ar- beitsaufgabe muss mit Fähigkeiten des Mitarbeiters übereinstimmen, damit er eine gute Leistung bringen kann. Es verhindert Über- oder Unterforderung und ermöglicht dem Mit- arbeiter seine Aufgabe als Herausforderung zu sehen.9 Jeder Mensch unterliegt im Ar- beitsrhythmus bestimmten Schwankungen wie Tagesrhythmik, allgemeine Ermüdung während der Arbeit oder jeweilige Lebensalter, deswegen ist die Leistungsdisposition für die Leistung des Menschen von Bedeutung. Ein weiterer Einflussfaktor ist die Leistungs- bereitschaft, unter deren man das Ausmaß an biologischer Aktivität versteht. Sie prägt den Willen zum Handeln durch extrinsische und intrinsische Motive. Extrinsische Motive werden von außen an den Menschen herangetragen. Die intrinsischen Motive kommen aus dem Mensch selbst und entsprechen Selbstverwirklichungsbedürfnissen wie z.B. et- was Nützliches oder Bedeutendes zu leisten oder das Erreichen von selbst gesetzten Zielen.10 Wenn alle diese Faktoren einen positiven Einfluss auf die Arbeit des Mitarbeiters haben, dann kann man auch erwarten, dass durch ihn durchgeführte Arbeit gut sein wird und er seine Aufgaben richtig erfüllt.

Eine gute Arbeit ist für den Arbeitnehmer etwas anderes. Um es herauszufinden, was für die Arbeitnehmer eine gute Arbeit ist, wurde Ende 2004 im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) eine umfassende repräsentative Umfrage bei den deutschen Erwerbstätigen durchgeführt. Es wurden 7.444 abhängig und selbständig Beschäftigte zufällig ausgewählt, damit sie ihre derzeitigen Arbeitbedingungen beschreiben und unab- hängig von ihrer aktuellen Arbeitssituation, wichtige Aspekte guter Arbeit nennen. Über 70% der Befragten haben sich an der Befragung beteiligt, was zeigt, wie wichtig das Thema ist.11 Die folgende Abbildung stellt 25 aus 60 Aspekten für gute Arbeit, welche die Befragten genannt haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anforderungen an gute Arbeit aus Sicht der Erwerbstätigen

(Quelle: Was ist gute Arbeit? Anforderungen aus der Sicht von Erwerbstätigen. Berechnungen: Tatjana Fuchs, INIFES)

Als das wichtigste Merkmal für eine gute Arbeit haben die Befragten ein festes verlässli- ches Einkommen genannt (92% der Befragten). Weitere Aspekte, die unmittelbar mit der materiellen Existenz verbunden sind, befinden sich auf weiteren Plätzen: ein sicherer Ar- beitsplatz (2. Platz mit 88%), ein unbefristetes Arbeitsverhältnis (5. Platz mit 83%), re- gelmäßige Einkommenssteigerungen (18. Platz mit 62%). Für die Mitarbeiter ist es auch wichtig, dass sie sich durch die Arbeit verwirklichen können. Arbeit soll Spaß machen und als sinnvoll empfunden werden, sie soll abwechslungsreich und vielseitig sein, die Arbeit- nehmer wollen stolz auf ihre Arbeit sein. Die Beschäftigten wünschen sich auch durch die Vorgesetzten als Mensch betrachtet zu werden (84%). Sie möchten auch ein gutes Be- triebsklima sowie Zusammenarbeit und Unterstützung von Kollegen. Betrieblicher Ge- sundheitsschutz ist für den Arbeitnehmer auch eine sehr wichtige Voraussetzung, um die Arbeit als gut zu bezeichnen. Die Arbeit wird positiv bewertet, wenn sie Entwicklungs-, Einfluss- und Lernmöglichkeiten bietet. Auch gute Führung hat darauf Einfluss, ob die Arbeit als gut betrachtet wird oder nicht.12

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen also ganz deutlich, was die Arbeitnehmer in Deutsch- land unter guter Arbeit verstehen. Sie wünschen sich eine faire Entlohnung, einen siche- ren Arbeitsplatz, menschengerechte Arbeitsbedingungen, gute Führung und ihre Aner- kennung.1314

3 Demografischer Wandel und seine Folgen für derzeitige und zukünftige Arbeitswelt

Demografischer Wandel hat sehr großen Einfluss auf die Entwicklung von Deutschland. Die steigende Lebenserwartung und geringe Geburtenrate sind bekannte Entwicklungen. Der Umgang mit den Auswirkungen von diesen Entwicklungen ist eine der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Bevölkerungsvorausberech- nungen zeigen, wie sich der demografische Wandel im Einzelnen vollzieht. Im folgenden Kapitel werden auf der Basis der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung die zukünftige Entwicklung der deutschen Bevölkerung und seine Auswirkungen dargestellt.

3.1 Bestimmungsfaktoren demografischer Entwicklung

3.1.1 Geburtenhäufigkeit

Die Geburtenhäufigkeit ist eine der zwei Bestimmungsfaktoren von der Geburtenentwick- lung. Sie ist an der durchschnittlichen Zahl der Kinder, die eine Frau zur Welt bringt, ge- messen. Der zweite Bestimmungsfaktor ist die Anzahl der potentiellen Mütter, also die Frauen im gebärfähigen Alter (von 15 bis 49 Jahren). Anfang 60-iger Jahre haben beide Teile Deutschlands die höchste Geburtenziffer nach dem Krieg in Höhe von 2,5 Kindern pro Frau erlebt. Seit 1964 in der ehemaligen DDR und seit 1967 in den alten Bundeslän- dern nimmt die Geburtenziffer kontinuierlich ab. 1975 betrug sie in der ehemaligen DDR 1,54 und in den früheren Bundesgebieten noch weniger: 1,45. Seitdem sank die Gebur- tenziffer in den früheren Bundesländern noch weiter und Mitte der 80-iger Jahre erreichte sie das tiefste Niveau mit weniger als 1,3 Kindern pro Frau. Dann stieg sie bis 1990 auf 1,45 und schwankt seitdem in gesamt Deutschland geringfügig um 1,4 Kinder pro Frau.

Das Problem steckt darin, dass die Frauen sich immer später für ihr erstes Kind entschei- den. Beispielsweise haben im Jahr 1960 nur 16% der Frauen im Alter von 30 bis 49 Jahre ihr erstes Kind zur Welt gebracht; im Jahr 2004 waren es schon fast 50%. Durch die zeitli- che Verschiebung der ersten Geburten verkürzt sich automatisch die Lebensphase, in der die Frauen die Kinder bekommen. Für die zukünftige Geburtenentwicklung ist deswegen entscheidend, ob die Frauen mit der ersten Geburt noch länger abwarten werden. Sollte der Fall sein, wird die endgültige Kinderzahl eines Jahrgangs davon abhängen, ob diesel- be Anzahl der Frauen wie heute - nur im höheren Alter – Mutter werden und ob es genug Frauen gibt, die nicht nur ein Kind, sondern noch weitere Kinder zur Welt bringen.

Bei der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wurde angenommen, dass die Entwicklung den letzten 15-20 Jahren sich während der nächsten 20 Jahre fortsetzen wird. Die Geburtenziffer bleibt bei einem Niveau von knapp 1,4 Kindern pro Frau und der durchschnittliche Gebäralter erhöht sich um ca. 1,6 Jahre. Die Geburtenverhältnisse blei- ben im Zeitraum von 2026 bis 2050 konstant.1516

3.1.2 Lebenserwartung

Die Veränderung der Sterblichkeit, die in der Lebenserwartung ausgedrückt wird, ist ein weiterer Faktor, der die Bevölkerungsentwicklung beeinflusst. Seit 130 Jahren geht die Sterblichkeit der Deutschen zurück und ihre Lebenserwartung steigt. Zu dieser Entwick- lung haben vor allem die Verbesserung der medizinischen Versorgung, der Hygiene, der Ernährung, der Wohnsituation und der Arbeitsbedingungen beigetragen. Beispielweise die Infektionskrankheiten, die zum Anfang des 20. Jahrhunderts am häufigsten zum Tod ge- führt haben, sind heute heilbar und haben an Bedeutung verloren. Heutzutage gehören Krebs und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist die Sterblichkeit vor allem bei Säuglingen und Kindern sehr gesunken. In der zweiten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts ist auch die Sterblichkeit von älteren Menschen stark zurückgegangen.

Die Sterblichkeitsverhältnisse und die Lebenserwartung werden mit Hilfe so genannten Periodensterbetafel dokumentiert. Aus diesen Tafeln kann man die durchschnittliche Le- benserwartung eines neugeborenen Kindes und der Personen, die einen bestimmten Al- ter schon erreicht haben, ablesen (Tabelle 1).

Im Deutschen Reich betrug 1871/1881 die durchschnittliche Lebenserwartung eines neu- geborenen Jungen 35,6 Jahre und eines neugeborenen Mädchens 38,4 Jahre. Seitdem hat sich die Lebenserwartung für die Säuglinge mehr als verdoppelt. Auch die Leute leben erheblich länger. 1871/1881 haben nur 31% der Männer und 36% der Frauen das 60. Lebensjahr erreicht. 2002/2004 waren es schon fast 88% der Männer und gute 93% der Frauen. Ende des 19. Jahrhunderts war es fast unmöglich, das 90. Lebensjahr zu erleben (0,33% Männer und 0,47% Frauen). Heutzutage sind es schon über 12% der Männer und sogar 25% der Frauen, die ihren 90. Geburtstag erleben können.

Tabelle 1: Lebenserwartung 1871/1881 im Deutschen Reich und 2002/2004 in Deutschland

(Quelle: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 12)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Man kann annehmen, dass die Lebenserwartung aufgrund weiteren Fortschritts in der Medizin und besseren Lebensumständen zwar nicht so schnell aber weiter steigen wird. Bei der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausrechnung wurde angenommen, dass die Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 2050 für Männer auf 83,5 Jahren und für Frauen auf 88,0 Jahren steigt.1718

3.1.3 Außenwanderungen

Auch die Außenwanderung, also die Bevölkerungsbewegungen über die Grenzen des Landes, haben eine große Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Bevölkerung. Dabei ist die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, der sogenannte Wanderungssaldo, für die zukünftige Bevölkerungszahl und die Altersstruktur ausschlaggebend. Dieser Saldo wird einerseits von politischen, wirtschaftlichen, demografischen und ökologischen Ent- wicklungen in den Herkunftsländern und andererseits von der Migrationpolitik in Deutsch- land sowie wirtschaftlichen und sozialen Attraktivität Deutschlands als Zielland beein- flusst.

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs der 50-iger und 60-iger Jahre warb die Bun- desrepublik Deutschland die Arbeitskräfte aus solchen Staaten wie Italien, Spanien, Grie- chenland, die Türkei, Portugal und Jugoslawien an. Zufolge hat die Nettozuwanderung am Anfang der 60-iger stark zugenommen und erreichte im Jahr 1965 die Höhe von 300.000 Personen. In den Jahren 1969 und 1970 wanderten schon jeweils mehr als eine halbe Million Ausländerinnen und Ausländer in die alten Bundesländer zu. Die wachsenden Probleme auf dem Arbeitsmarkt führten 1973 zu einem Anwerbestopp, wodurch die Net- tozuwanderung schrumpfte und sich in den nächsten Jahren negativ entwickelt hat. Nach mehreren Schwankungen der Nettozuwanderung (mal positiv mal negativ) ist sie seit 1999 positiv, schwankt jedoch stark zwischen etwa 190.000 (2001) und rund 55.000 (2004) Personen. Im Jahr 2005 erreichte sie 96.000 Personen. Osteuropäische Länder wie Polen, Russland, Rumänien, aber auch die Türkei, Serbien und Montenegro sowie Italien gehören zu den wichtigen Herkunftsländern, deren Bürgerinnen und Bürger Deutschland als Zielland für ihre Auswanderung wählen.

Auch die Fortzüge sind für Bevölkerungsentwicklung wichtig, diese bleiben aber über viele Jahre eher stabil. Die Leute, die sich entscheiden, Deutschland zu verlassen, wählen als Zielland ebenfalls Polen, die Türkei, Italien, Serbien und Montenegro, Rumänien sowie Griechenland.

Für die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung wurden zwei Werte für künftige Wanderungssaldo angenommen. Man rechnet mit einem jährlichen Wanderungsüber- schuss von 100.000 bzw. 200.000 Personen, was bis 2050 insgesamt 4,4 bzw. 8,6 Millio- nen Zuwanderinnen und Zuwanderer bringt.19

3.2 Entwicklung der deutschen Bevölkerung bis 2050

3.2.1 Wachsendes Geburtendefizit

In Deutschland herrscht Kindermangel. Wegen einer niedrigen Geburtenziffer (1,4 Kinder pro Frau) ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. In der Zukunft wird dieses Geburtendefizit rasant weiter steigen. Ein Grund dafür ist einerseits die stei- gende Zahl der Sterbefälle, was eine Folge von zunehmender Zahl der Hochbetagten ist. Andererseits wird die Zahl der Geburten zurückgehen. Die heute 30-jährigen Frauen wer- den bis Ende ihres gebärfähigen Alters nicht genug viele Kinder zur Welt bringen, was aber nötig wäre, um die Generation der Mütter zahlenmäßig zu ersetzen. Also, wenn die- se Mädchen erwachsen werden und ebenfalls durchschnittlich nur 1,4 Kinder zur Welt bringen, wird die künftige Kinderzahl weiter sinken. Obwohl die Nettozuwanderung hoch ist, geht die Zahl der potentiellen Mütter seit 1998 zurück. 2005 waren es 19,5 Millionen Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahre. Wenn die aktuelle demografische Entwicklung sich fortsetzen wird, werden es im Jahr 2050 nur noch 12,1Millionen (im Fall bei dem

Wanderungssaldo i.H.v. 100.000 Personen pro Jahr) bzw. 13,4 Millionen (bei 200.000 Personen). Unter diesen Bedingungen wird das Geburtendefizit von 144.000 im Jahr 2005 auf 602.000 bzw. 566.000 im Jahr 2050 steigen (beim Wanderungssaldo i.H.v. 100.00 bzw. 200.000 Personen).20

Es gibt viele soziale und ökonomische Gründe, warum sich die Leute für keine bzw. weni- ge Kinder entscheiden. Der negative Entwicklung der Zahl von Geburten hat sich zuerst im Bildungsbürgertum, der Beamtenschaft und den freien akademischen Berufen vollzo- gen, weil in den städtischen Sozialkulturen Kinder die soziale Mobilität eingeschränkten. Die Kinderzahl von Arbeitern und Bauern sank erst nach dem Übergang von Agrar- zur Industriegesellschaft, weil die Kinder als Arbeitskräfte schon nicht mehr wichtig waren. Auch der Wandel zum Sozialstaat war eine Ursache für die Senkung der Kinderzahl in den Familien. Eine große Zahl von Kindern als Absicherung im Fall von Alter oder Krank- heit war schon nicht mehr nötig.21

Viele Menschen verzichten auf eigene Kinder, weil Eltern zu sein mit einem erheblichen Verlust des Wohlstandes verbunden ist. Die Kinder verursachen Kosten, und dabei geht es nicht nur um die fixen Kosten, die durch Schwangerschaft, die Geburt und die materiel- le Versorgung entstehen, sondern auch variable Kosten, deren Höhe die Eltern durch die Ausgaben für die Bildung bestimmen. Neben diesen Kosten entstehen auch sog. Oppor- tunitätskosten, weil der Elternteil, der seine Zeit der Erziehung des Kindes schenkt, kein oder ein geringeres Lohneinkommen als vorher erzielt, und somit das Paar auf manche Güter verzichten muss.22

Ein anderer Grund für Rückgang von Geburtenzahl ist ein Wertewandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eheschließungen und Familiengründung werden nicht mehr als selbstverständlich betrachtet. Der Wert der Kinder hat sich verändert: sie sind nicht mehr als eine Alterssicherung sondern als Freudenquelle gesehen. Zur Befriedigung die- ser emotionellen Bedürfnisse genügt wenig Nachwuchs. Der Wertewandel bildet sich auch im veränderten Selbstverständnis der Frauen. Sie finden sich nicht mehr nur im Leitbild der Mutter wieder, sie wollen auch als qualifizierte Arbeitskräfte auf dem Arbeits- markt Platz haben. Aber die Aufgabenteilung in der Familie hat sich nicht geändert: die Mehrheit der Männer ist nicht bereit die Haushalts- und Erziehungsarbeit zu übernehmen. Außerdem stehen nicht genug Möglichkeiten der externen Kinderbetreuung zur Verfü- gung, um der Frau eine komplikationsfreie Verbindung zwischen Beruf und Familie zu ermöglichen.23

3.2.2 Abnehmende Bevölkerung

Schon seit einigen Jahren kann das Geburtendefizit durch den Wanderungssaldo nicht ausgeglichen werden, deswegen geht die Bevölkerungszahl in Deutschland bereits seit dem Jahr 2003 zurück. Wegen des weiter steigenden Geburtendefizits wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Man kann nicht ausschließen, dass ein Bevölkerungswachstum in einzelnen Jahren vorkommt, jedoch langfristig ist der Bevölkerungsrückgang aufgrund von hohen Überschuss an Sterbefällen nicht mehr zu stoppen. Ende 2005 lebten in Deutsch- land 82,4 Millionen Menschen. Wenn die Geburtenziffer bei 1,4 Kindern pro Frau bleibt und die Lebenserwartung weiter steigt (siehe Fußnote 15), wird die Bevölkerungszahl bei einem jährlichen Wanderungssaldo von 100.000 Personen bis zum Jahr 2050 auf 68,7 Millionen sinken. Im Vergleich zur derzeitigen Bevölkerungszahl wird es 17% weniger Menschen sein. Ein höherer Wanderungssaldo wird zwar den Bevölkerungsrückgang ver- langsamen aber nicht stoppen: bei einem jährlichen Wanderungssaldo in Höhe von 200.000 Personen wird die deutsche Bevölkerung um 10% sinken und im Jahr 2050 74 Millionen Menschen betragen.24

3.2.3 Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung

Die ideale Vorstellung vom Altersaufbau lässt sich im Form der klassischen Bevölke- rungspyramide darstellen: die Kindern gehören zu den stärksten Jahrgängen und die Be- setzungszahlen der älteren Jahrgänge sinken schrittweise als Folge der Sterblichkeit. Jedoch schon seit langen weicht die Struktur der deutschen Bevölkerung von diesem ide- alen Bild ab. Der Altersbaum in Form einer Pyramide hatte das Deutsche Reich von 1910. Die zwei Weltkriege und die Wirtschaftskrise Anfang der 30-iger Jahre haben in der Pyramide deutliche Lücken gemacht und heute sieht der Altersaufbau wie ein Tannen- baum aus (siehe Abb. 2). Das mittlere Alter ist am stärksten besetzt wobei zu den Älteren und Jüngeren immer weniger Personen gehören. Mit der Zeit werden sich die stark be- setzten Jahrgänge weiter nach oben verschieben und durch zahlenmäßig kleineren Jahr- gänge ersetzt. So wird sich der Altersaufbau wieder ändern und mehr und mehr eine glat- te und steile Form annehmen. Heute gehören zu der 0 bis unter 20-Jährigen 16,5 Millio- nen Personen. Bis zum Jahr 2050 wird diese Zahl um 37% auf 10,4 Millionen (Wande- rungssaldo 100.000 Personen) bzw. um 31% auf 11,4 Millionen (Wanderungssaldo 200.000 Personen) sinken. Auch die Gruppe der 20 bis 64-Jährigen (Personen im Er- werbsalter) wird von 50,1 Millionen Personen im Jahr 2005 auf 35,5 bzw. 39,1 Millionen (beim Wanderungssaldo von 100.000 bzw. 200.000 Personen) bis zur Mitte des 21. Jahr- hunderts schrumpfen. Dazu näher im Kapitel 3.3. Die Zahl der 65-Jährigen und Älteren wird im Gegenteil Gruppen steigen: von heute 15,9 Millionen auf 22,9 bzw. 23,5 Millionen Personen im Jahr 2005.25 Somit wird diese Gruppe mehr als zweimal so groß wie die Gruppe der Kinder und Jugendlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland26

(Quelle: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 35)

3.3 Einfluss der negativen demografischen Entwicklung auf den Arbeits- markt

Ähnlich wie für die gesamte Bevölkerung Deutschlands kann man auch für die Bevölke- rung im Erwerbsalter von 20 bis 64 Jahre eine deutliche Schrumpfung und Alterung beo- bachten. Um diese Entwicklungen in dieser Gruppe zu merken, muss man die Untergrup- pen genauer anschauen. Zu der jüngsten Gruppe der 20- bis unter 30-Jährigen gehören aktuell 9,7 Millionen Menschen. Sie wird zuerst etwas zunehmen, um dann später konti- nuierlich zu sinken. Im Jahr 2050 erwartet man nur noch 6,7 bzw. 7,4 Millionen Menschen in diesem Alter (beim Wanderungssaldo 100.000 bzw. 200.000 Personen). Die mittlere Gruppe im Alter von 30- bis unter 50-Jährigen wird sofort abnehmen. Von heute 25,2 Mil- lionen deutschen Frauen und Männer wird diese Altersgruppe bis der Mitte dieses Jahr- hunderts auf 15,2 (Wanderungssaldo 100.000 Personen) bzw. 16,8 (Wanderungssaldo 200.000 Personen) Millionen Menschen sinken. Das ist knapp 40% bzw. über 33% weni- ger als heute. Die Altersgruppe von der 50- bis unter 65-Jährigen wird zuerst deutlich zu- nehmen: von heute 15,1 Millionen auf 19 Millionen im Jahr 2020. Es wird so geschehen, weil die starken Jahrgänge der 50-iger und 60-iger Jahre in das Alter von 50 bis 64 Jahre kommen. Dann wird die älteste Gruppe von Personen im Erwerbsalter zurückgehen. Bei einem jährlichen Wanderungssaldo von 100.000 Personen werden im Jahr 2050 nur noch 13,7 Millionen Menschen in diesem Alter leben. Bei dem verdoppelten Wanderungssaldo werden es geringfügig weniger Menschen als heute: 14,9 Millionen. Als Folge davon ver- schiebt sich die Altersstruktur innerhalb des Erwerbsalters.27 (siehe Abb. 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Altersstruktur der Bevölkerung im Erwerbsalter im Jahr 2005 und 2050

(Quelle: Selbständige Zusammenfassung, Daten: Statistisches Bundesamt)

Heute stellen die Menschen im Alter zwischen 30 und 49 Jahre 50% der gesamten Bevöl- kerung im Erwerbsalter dar. Knapp 20% der Menschen im erwerbsfähigen Alter gehörten zur jüngeren Gruppe (20 bis unter 29 Jahre) und 30% zur älteren Gruppe (50 bis 64 Jah- re). 2050 entfallen 43% der Bevölkerung im Erwerbsalter auf die mittlere und knapp 40% auf die ältere Gruppe. Der Anteil der 20 bis 29-Jährigen wird sich nicht so stark verändern und wird 2050 17% betragen.28

Die gesamte Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird in den nächsten 10 Jahren stabil bei rund 50 Millionen Menschen bleiben. Dann wird sie kontinuierlich abnehmen und bis zum Jahr 2050 sinkt sie bei einer jährlichen Nettozuwanderung von 100.000 Personen auf 35,5 Millionen Menschen im Erwerbsalter. Das ist 29% weniger als heute. Die Zuwande- rung wirkt sich unmittelbar auf die Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 64 Jahren aus, weil Leute dieser Gruppe sich meistens für die Auswanderung entscheiden. Deswegen ist der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bei einem Wanderungssaldo von 200.000 Personen deutlich geringer. Im diesem Fall sind 2050 noch 39,1 Millionen Perso- nen (-22%) zu erwarten.29

„Schon jetzt haben Unternehmen Schwierigkeiten, qualifizierte Fachkräfte zu finden“, sagt Ernst Baumann, für Personal- und Sozialwesen verantwortliches Vorstandsmitglied bei BMW AG. Und dieser Mangel wird sich noch verschärfen.30 Die Aussagen über die künfti- ge Arbeitsmarktstruktur sind relativ unsicher. Dabei kann man das Arbeitsangebot besser als die Arbeitsnachfrage prognostizieren, weil das Arbeitsangebot vor allem durch die zukünftige Bevölkerungsstruktur beeinflusst wird. Die Arbeitsnachfrage hängt dagegen von der künftigen Güternachfrage, den Faktorpreisen, dem technischen Fortschritt und der Produktivität ab, die kaum zu prognostizieren sind.31

Aufgrund der Abnahme der Personenzahl im erwerbsfähigen Alter muss man mit einem Rückgang des Arbeitsangebotes rechnen. Dieser Rückgang hat Auswirkungen auf das Arbeitsmarktgleichgewicht, das Wachstum des Produktionspotenzials und die Arbeitspro- duktivität. Eine von den Folgen des sinkenden Erwerbspersonenpotenzials ist die Erhö- hung der Erwerbsquote. Demzufolge kann die Arbeitslosigkeit sinken aber nur dann, wenn ein zu hoher Lohnsatz die Ursache für diese Arbeitslosigkeit ist. Für die deutsche Arbeitslosigkeit sind jedoch auch die mangelnden Qualifikationen und Fehlanreize in der sozialen Sicherung mitverantwortlich, deswegen kann die aufgrund des demografischen Wandels Arbeitsangebotreduktion die Arbeitslosigkeit nicht vollständig lösen. Allein sogar die Vollbeschäftigung mit einer natürlichen Arbeitslosenquote von 4% hätte den zukünfti- gen Arbeitskräftemangel nicht verhindern können.32

Es gibt aber zwei Aspekte, die man betrachten muss, bevor man wirklich über den zukünf- tigen Arbeitskräftemangel sprechen kann. Erster davon ist der technische Fortschritt. Wie wirkt er sich auf den Arbeitsmarkt aus? Wenn neue Technologien eingesetzt werden, ist entweder eine qualitative Umstrukturierung oder Abbau des Personals zu erwarten.33 A- ber eine Maschine kann den Menschen nicht völlig ersetzen und die Fabrik der Zukunft wird nicht menschenleer sein. Neben programmierbaren Industrierobotern, vollautomati- schen Bearbeitungszentren und intelligenten Automaten sind auch qualifizierte Facharbei- ter und Ingenieure für eine effektive Produktion nötig.34 Man kann auch annehmen, dass die Produktivität mit dem technischen Fortschritt steigt. Wenn die Produktivität steigt, steigt auch die Arbeitsnachfrage. Deswegen kann man bei einer weiteren technischen Entwicklung langfristig mit Steigerung der Arbeitsnachfrage rechnen.35

Infolge des technischen Fortschritts befindet sich der Arbeitsmarkt in einem tiefgreifenden Strukturwandel. In der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Industrie kann man die An- teilsverluste in der Beschäftigung beobachten. Die Beschäftigung von einigen Berufen wie Bergleute oder textilverarbeitende Berufe ist in den letzten 15 Jahren um 66% gesunken. Die Anzahl solcher Berufe wie Unternehmensberater oder Datenverarbeitungsfachleute hat sich dagegen im Vergleich zur Ende der 80-iger Jahre verdoppelt.36 Dieser Dienstleis- tungsbereich wird auch in der Zukunft weiter wachsen. Die Hauptursache dafür ist die Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien. In Folge dessen wan- delt die industriell dominierte Gesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft. Aufgrund die- ses Wandels wird die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften sinken. Der Be- darf an das anspruchsvolle und hochqualifizierte Personal wird jedoch zunehmen, weil die neuen Arbeitsplätze als Folge der Einführung von den Informations- und Kommunikations- technologien entstehen.37 Insgesamt ist also der Einfluss der technischen Entwicklung auf die zukünftige Anzahl der Arbeitsplätze nicht hoch genug, um den künftigen Arbeitskräf- temangel infolge des demografischen Wandels nicht befürchten zu müssen.

[...]


1 o.V.: Meyers Lexikon online: Definition Arbeit, in: http://lexikon.meyers.de/meyers/Arbeit

2 Vgl.: Dr. J. Schuhmacher: Controlling21, Einführung in die Arbeitswissenschaft, in: http://www.multimedia- beratung.de/ergonomie/theorie/grundlagen/einfuehrung.htm

3 Vgl.: P. Nieschmidt: Arbeit und Führung unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, in: FB/IE 46 (1997), S. 38

4 Vgl.: P. Nieschmidt: Arbeit und Führung unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, in: FB/IE 46 (1997), S.38

5 Vgl.: M.S. Assländer: Der Weg zur bürgerlichen Erwerbsarbeit, in: http://www.wipo.unifreiburg.de/dateien/folder.2005-09-21.1702490563/tagung/alander_buergerliche_erwerbsarbeit.pdf, S. 14ff

6 Vgl. ebenda, S. 26ff

7 Vgl.: M.S Assländer: Der Weg zur bürgerlichen Erwerbsarbeit, in: http://www.wipo.uni- freiburg.de/dateien/folder.2005-09-21.1702490563/tagung/alander_buergerliche_erwerbsarbeit.pdf, S. 38ff

8 Vgl.: Dr. J. Schuhmacher: Controlling21, Die Arbeitsleistung des Menschen, in: http://www.multimedia- beratung.de/ergonomie/theorie/grundlagen/arbeitsleistung.htm

9 Vgl.: R. Busch und AOK Berlin: Unternehmensziel Gesundheit (2004), S. 109

10 Vgl.: o.V.: Wirtschaftslexikon24.net: Arbeitsleistung, in: http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/arbeitsleistung/arbeitsleistung.htm

11 Vgl. o.V.: Initiative Neue Qualität der Arbeit: Was ist gute Arbeit?, in: http://www.inqa.de/Inqa/Redaktion/Zentralredaktion/PDF/Publikationen/was-ist-gute- arbeit,property=pdf,bereich=inqa,sprache=de,rwb=true.pdf

12 Vgl.: o.V.: Initiative Neue Qualität der Arbeit: Was ist gute Arbeit?, in: http://www.inqa.de/Inqa/Redaktion/Zentralredaktion/PDF/Publikationen/was-ist-gute- arbeit,property=pdf,bereich=inqa,sprache=de,rwb=true.pdf

13 Vgl.: ebenda

14 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 3ff

15 Bei der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wurden verschiedene Annahmen für Geburten- häufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo dargestellt und miteinander kombiniert was insgesamt 12 verschiedene Varianten ergeben hat. Die folgende Arbeit basiert nur auf zwei Varianten: die Geburten- häufigkeit bleibt bei 1,4 Kinder pro Frau annährend konstant, die Lebenserwartung steigt leicht auf 83,5 Jah- ren für Männer und auf 88,0 Jahren für Frauen, das jährliche Wanderungssaldo beträgt 100.000 bzw. 200.000 Personen. (alle Annahmen für Jahr 2050)

16 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 12ff

17 siehe Fußnote 15

18 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 19ff

19 siehe Fußnote 15

20 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 31ff

21 Vgl.: Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Perspektive 2050 (2004), S. 36ff

22 Vgl.: ebenda, S. 39

23 Vgl.: ebenda, S. 37

24 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 33

25 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 36

26 Als „mittlere“ Bevölkerung wurde bei der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung die Bevölkerung im Jahr 2050 bei einer konstanten Geburtenziffer i.d.H. von 1,4 Kinder pro Frau und einer Lebenserwartung von 83,5 Jahren für Männer und auf 88,0 Jahren für Frauen genannt. Die Untergrenze ist die Bevölkerung im Jahr 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100.000 Personen, Obergrenze – bei 200.000 Personen

27 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 40ff

28 Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bericht „11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ (2006), S. 41ff

29 Vgl.: ebenda

30 Vgl.: o.V.: Sehen die Unternehmen bald alt aus?, in: http://inhalt.monster.de/8615_de-de_p1.asp

31 Vgl.: Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Perspektive 2050 (2004), S. 98

32 Vgl.: Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Perspektive 2050 (2004), S. 104ff

33 Vgl.: Ch.Baden, T. Kober, A. Schmid: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (1992): S. 63

34 Vgl.: Landesinstitut für Schule Nordrein-Westfalen: Technischer Wandel und seine Auswirkung auf berufli- che Qualifikationen, in: http://www.learnline.de/angebote/berufswahlorientierung/modul3/index.htm

35 Vgl.: Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Perspektive 2050 (2004), S. 108

36 Vgl.: G. Huber, H. Krämer, H.D. Kurz: Einkommensverteilung, technischer Fortschritt und struktureller Wan- del (2005), S. 411

37 Vgl.: ebenda, S. 419

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Arbeit im Wandel der Zeit
Untertitel
Eine Studie zu den Möglichkeiten der Personalbedarfsdeckung aufgrund des demografischen Wandels steigender Leistungsnachfrage
Hochschule
Internationales Hochschulinstitut Zittau
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
79
Katalognummer
V117861
ISBN (eBook)
9783640212712
ISBN (Buch)
9783640212569
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Wandel, Zeit
Arbeit zitieren
Anna Kowalik (Autor:in), 2008, Arbeit im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117861

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