Traduire – Übersetzen. Übersetzungstheorien aus linguistischer Sicht am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt


Magisterarbeit, 2000
209 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Teil I

2. Definitionen

3. Geschichtliches – Herausbildung übersetzerischer Grundkonzeptionen
3.1 Die Anfänge
3.2 Die Antike: Herausbildung der Dichotomie frei vs. wörtlich
3.3 Die Renaissance: Herausbildung der Dichotomien Einbür-gerung vs. Verfremdung und Übersetzung vs. Bearbeitung
3.4 Die Romantik: Herausbildung der Dichotomie Gering-schätzung vs. Hochschätzung des Übersetzers
3.5 Die Klassik: Herausbildung der Dichotomie Übersetzbarkeit vs. Unübersetzbarkeit
3.6 Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Herausbildung der Dichotomie: Alternde Übersetzungen vs. ewig junge Originale

4. Übersetzungstheorien
4.1 Den Transfer im Blickfeld
4.2 Das Sprachenpaar im Blickfeld
4.3 Den Text im Blickfeld
4.4 Das Handeln im Blickfeld
4.5 Den Übersetzer im Blickfeld
4.6 Die Methode im Blickfeld
4.7 Die Disziplin im Blickfeld
4.8 Fazit

Teil II

5. Begründung der Textauswahl

6. Georges-Arthur Goldschmidt: Leben und Werk
6.1 Stammbaum
6.2 Biographie
6.3 Werke

7. Georges-Arthur Goldschmidt – der „Komplize des Autors“

8. Bernard Lortholary – der „Anwalt des Lesers“

9. Franz Kafka im Spiegel der Übersetzungen
9.1 Sprachliche Besonderheiten bei Franz Kafka
9.2 Franz Kafka und seine französischen Übersetzer Goldschmidt und Lortholary

10. Inhalt des Romans Der Proceß

11. Übersetzungsanalyse
11.1 Syntax
11.2 Lexik
11.3 Wiederholungen
11.4 Partikeln
11.5 Auswertung der Analyseergebnisse

12. Semantisches Netz

13. Schlussbemerkung

14. Bibliographie

Anhang

15. Texte

16. Personen- und Sachregister

17. Erklärung

Vorwort

Bevor ich mit den eigentlichen Ausführungen zum Thema „Traduire Übersetzen . Übersetzungstheorienaus linguistischer Sicht – am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt“ beginne, möchte ich mich an dieser Stelle zunächst bei allen bedanken, die mich auf so vielfältige Weise unterstützt haben. Ein besonderer Dank geht dabei an Frau Prof. Dr. Trudel Meisenburg und Herrn Prof. Dr. Wolfgang Asholt von der Universität Osnabrück, die sich dazu bereit erklärt haben, mich bei meiner Arbeit zu betreuen. Des Weiteren möchte ich es nicht versäumen, Herrn Georges-Arthur Goldschmidt und Herrn Bernard Lortholarymeinen Dank zu sagen für die vielen geduldigen Antworten auf meine Fragen. Bei Herrn Goldschmidt möchte ich mich außerdem für die extra für mich angefertigte Neuübersetzung des Anfangs der Türhüterlegendeaus Franz Kafkas Proceß bedanken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der aufmerksame Leser wird sicherlich schon bemerkt haben, dass ich mich dazu entschieden habe, die neuen Rechtschreibregeln zu verwenden. Sollten dennoch an verschiedenen Stellen die alten Regeln Verwendung gefunden haben, so ist dieses meist bei Zitaten aus Werken der Fall, die vor dem 01. August 1998 entstanden sind (also vor der Einführung der neuen Rechtschreibregeln) bzw. in der zur Zeit herrschenden Übergangszeit zwischen alter und neuer Recht-schreibung. Aber dass Zitate nicht verändert werden dürfen, versteht sich von selbst.

Nun noch eine letzte Anmerkung: Um das ohnehin schon sehr umfassende Thema der Übersetzungstheoriennicht unnötig zu verkomplizieren, werde ich mich in der vorliegenden Arbeit der Bezeichnungen Übersetzerbzw. Dolmetscher bedienen, mit denen natürlich auch die Übersetzerinnen bzw. Dolmetscherinnen gemeint sind. Gleiches gilt auch für andere Berufs- und/oder Personengruppen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 – Das sprachliche Zeichen nach Ferdinand de Saussure

Abbildung 2 – Das semiotische Dreieck von C. K. Ogden und L. A. Richards

Abbildung 3 – Bühlers Organonmodell der Sprache

Abbildung 4 – Das Zweischrittschema von Erwin Koschmieder

Abbildung 5 – Das Dreischrittschema von E. A. Nida und C. R. Taber

Abbildung 6 – Das Zirkelschema des Translationsprozesses nach Christiane Nord

Abbildung 7 – Das Modell des Übersetzungsprozesses nach Wolfram Wilss

Abbildung 8 – Das Modell des einsprachigen Kommunikations- prozesses

Abbildung 9 – Das Modell des zweisprachigen Kommunikations- prozesses nach Otto Kade

Abbildung 10 – Hierarchisches Ordnungsprinzip der Übersetzungs- prozeduren nach Wolfram Wilss

Abbildung 11 – Der informative Texttyp nach Katharina Reiß

Abbildung 12 – Der expressive Texttyp nach Katharina Reiß

Abbildung 13 – Der operative Texttyp nach Katharina Reiß

Abbildung 14 – Feldtheorie der Übersetzungsforschung nach James S. Holmes und Gideon Toury

Abbildung 15 – Das „Spannungsfeld“ von Mary Snell-Hornby

Abbildung 16 – Stammbaum der Familie Goldschmidt

Abbildung 17 – Die Villa der Familie Goldschmidt in der Kückallee in Reinbek bei Hamburg

Abbildung 18 – Die Familie Goldschmidt im Jahre 1931

Abbildung 19 – Georges-Arthur Goldschmidt

Abbildung 20 – Semantisches Netz zu Satz 1-6 (FK)

Abbildung 21 – Semantisches Netz zu Satz 1-6 (GAG: 1983)

Abbildung 22 – Semantisches Netz zu Satz 7-12 (FK)

Abbildung 23 – Semantisches Netz zu Satz 7-12 (GAG: 1983)

Abbildung 24 – Semantisches Netz zu Satz 13-15 (FK)

Abbildung 25 – Semantisches Netz zu Satz 13-15 (GAG: 1983)

Abbildung 26 – Semantisches Netz zu Satz 16-17 (FK)

Abbildung 27 – Semantisches Netz zu Satz 16-17 (GAG: 1983)

Abbildung 28 – Semantisches Netz zu Satz 18-23 (FK)

Abbildung 29 – Semantisches Netz zu Satz 18-23 (GAG: 1983)

Abbildung 30 – Semantisches Netz zu Satz 24-27 (FK)

Abbildung 31 – Semantisches Netz zu Satz 24-27 (GAG: 1983)

Abbildung 32 – Semantisches Netz zu Satz 28-31 (FK)

Abbildung 33 – Semantisches Netz zu Satz 28-31 (GAG: 1983)

Abbildung 34 – Semantisches Netz zu Satz 32-35 (FK)

Abbildung 35 – Semantisches Netz zu Satz 32-35 (GAG: 1983)

Abbildung 36 – Semantisches Netz zu Satz 1-3 (FK)

Abbildung 37 – Semantisches Netz zu Satz 1-3 (GAG: 1983)

Abbildung 38 – Semantisches Netz zu Satz 1-3 (GAG: 2000)

Abbildung 39 – Semantisches Netz zu Satz 1-3 (BL)

1. Einleitung

„1× Alle Welt hatte nur eine Spracheund dieselben Laute. 2× Als man vom Osten her aufbrach, fand man im Lande Sinear eine Ebene und wohnte daselbst. 3× Sie sprachen zueinander: ‚Wohlan, laßt uns Ziegel streichen und sie hart brennen!‘ Und es diente ihnen der Ziegel als Stein, und das Erdpech diente ihnen als Mörtel. 4× Dann riefen sie: ‚Auf! Laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht! Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir nicht in alle Welt zerstreut werden!‘ 5× Der Herr aber fuhr herab, um sich die Stadt und den Turm, den sich die Menschen erbaut hatten, anzuschauen. 6× Der Herr sprach: ‚Siehe, sie sind ein Volk, und nur eine Sprache haben sie alle; das ist aber erst der Anfang ihres Tuns. Nichts von dem, was sie vorhaben, wird ihnen unmöglich sein. 7× Wohlan, laßt uns hinabsteigen! Wir wollen dort ihre Sprache verwirren, daß keiner mehr die Rede des andern versteht!‘ 8× Und der Herr zerstreute sie von da aus über die ganze Erde hin; sie hörten mit dem Städtebau auf. 9× Darum heißt die Stadt ‚Babel‘; denn dort hat der Herr die Sprache der ganzen Welt verwirrt, und von da aus hat er sie über die ganze Erde hin zerstreut.“[1]

Ob man den Mythos vom Turmbau zu Babel, der einen Erklärungsversuch für die existierende Sprachenvielfalt darstellt, nun glauben mag oder nicht, Tatsache ist, dass nicht alle Menschen eine Sprachesprechen, sondern dass es heute weltweit rund 3000[2] Sprachen gibt, was die Notwendigkeit von Übersetzungen zur Überwindung der existierenden Sprachbarrieren deutlich macht. Es gibt aber noch zwei weitere Gründe, aus denen ich mich für die Verwendung des obigen Zitates entschieden habe:

Zum einen war ich hierbei selbst auf eine Übersetzungangewiesen, da ich des Hebräischen, der Sprachealso, in der ein Großteil des Alten Testamentes der Bibel ursprünglich verfasst wurde, nicht mächtig bin.

Ich hätte mich allenfalls für eine lateinische Übersetzungentscheiden können, in der Hoffnung, dass diese sich sehr stark an der Wiedergabe des ausgangssprachlichen Inhaltes orientiert hat, da die ersten Übersetzungen der Bibel zunächst in die griechische und später dann in die lateinische Sprachegemacht wurden. Ob das allerdings angesichts der großen Anzahl von Neuübersetzungenein Garant für eine „richtige“ Übersetzung sein kann, ist mehr als fraglich. Aus diesem Grunde habe ich also mein vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten der Übersetzergelegt, ohne mit anderen Übersetzungen, sei es ins Deutsche oder in andere Sprachen, zu vergleichen. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Bevölkerung neben der Muttersprachekeine weitere Sprache so gut beherrscht, dass sie auch nur einen kleinen Teil der Weltliteratur im Original lesen könnte. Vertrauen in Übersetzer und ihre Arbeiten ist demnach das A und O. Dass ich mich nun gerade für die oben zitierte Übersetzung entschieden habe, hat folgenden Grund: Es handelt sich um eine sehr moderne Bibelübersetzung, die zwar von Luthers[3] Erstübersetzung ins Deutsche stark abweicht, auf Grund ihrer Aktualität aber bislang noch keinem Alterungsprozess (vergleiche hierzu Kapitel 3.6) unterworfen ist.

Zum anderen – und hier komme ich nun zum zweiten Grund für das Zitieren des Babel-Mythos – ist die Bibel das meist übersetzte Buch der Welt, das vielfach als Ausgangspunkt für Überlegungen übersetzungstheoretischer Art genommen wurde[4]. Es sei an dieser Stelle noch kurz darauf hingewiesen, dass sich verschiedene Übersetzungswissenschaftler, wie z. B. Eugène A. Nidaoder Jacques Derrida[5], ausführlich mit dem Thema Bibelübersetzungen beschäftigt haben, worauf ich hier allerdings nicht näher eingehen möchte.

Stattdessen komme ich nun zur Übersetzungswissenschaft: Diese relativ junge Disziplin ist ursprünglich aus den Überlegungen zur maschinellen Übersetzunghervorgegangen[6] und wird häufig durch ihre Interdisziplinaritätcharakterisiert.[7] Die Übersetzungswissenschafthat immer auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen mit in ihre Forschungsarbeit einbezogen, was damit zu begründen ist, dass Übersetzenz. B. auch etwas mit Sprache, Kommunikationund Kultur[8] zu tun hat.

Als Gegenstand der Übersetzungswissenschaftdient – wie der Name schon sagt – die Übersetzung. Im Deutschen und im Französischen, den beiden Sprachen, mit denen ich mich in meiner Arbeit vorwiegend befasse, sind die Begriffe Übersetzung bzw. traduction doppeldeutig. Diese werden einerseits zur Bezeichnung des Prozesses, andererseits aber auch zur Bezeichnung des Produktes verwendet.[9] Für die Übersetzungswissenschaftbedeutet dies, dass sie zum einen eine prospektive Wissenschaft ist, die Prozessforschung betreibt, zum anderen eine retrospektive Wissenschaft, die sich mit Ergebnisforschung befasst.[10]

Des Weiteren sollte bedacht werden, dass der Begriff Übersetzung im Volksmund häufig sowohl für den schriftlichen als auch für den mündlichen Transfervon einer Sprachein eine andere verwendet wird. Im Allgemeinen unterscheidet man jedoch vor allem in wissenschaftlichen Forschungsbereichen zwischen der schriftlichen Form des Transfers, dem Übersetzen, und der mündlichen, die als Dolmetschenbezeichnet wird.[11] Es ist der deutsche evangelische Theologe, Philosoph und Pädagoge Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher[12] (1768-1834), der als erster konsequent zwischen Übersetzenund Dolmetschenunterschied. Ihm fällt das Verdienst zu, „eine Korrelation Dolmetscher – Geschäftsleben einerseits und Übersetzer– Wissenschaft, Kunst andererseits begründet zu haben.“[13] Am besten lasse ich Schleiermacher hier selbst zu Wort kommen:

„Der Dolmetscher nämlich verwaltet sein Amt in dem Gebiete des Geschäftslebens, der eigentliche Übersetzervornämlich in dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst. Wenn man diese Wortbestimmung willkührlich findet, da man gewöhnlich unter dem Dolmetschenmehr das mündliche, unter dem Uebersetzen das schriftliche versteht, so verzeihe man sie der Bequemlichkeit für das gegenwärtige Bedürfniß um so mehr, als doch beide Bestimmungen nicht gar weit entfernt sind. Dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft eignet die Schrift, durch welche allein ihre Werke beharrlich werden; und wissenschaftliche oder künstlerische Erzeugnisse von Mund zu Mund zu dolmetschen, wäre eben so unnüz, als es unmöglich zu sein scheint. Den Geschäften dagegen ist die Schrift nur mechanisches Mittel; das mündliche Verhandeln ist darin das ursprüngliche, und jede schriftliche Dolmetschung ist eigentlich nur als Aufzeichnung einer mündlichen anzusehen.“[14]

Als Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen verwende ich in Anlehnung an Otto Kadeden Begriff Translation.[15] In meiner Arbeit werde ich mich allerdings überwiegend mit dem schriftlichen Transfer beschäftigen.

Es muss an dieser Stelle außerdem darauf hingewiesen werden, dass häufig nicht zwischen Hin- und Herübersetzungunterschieden wird. Und damit komme ich direkt auf das Thema meiner Arbeit zu sprechen. Im Titel kommt ein Doppelpfeil zwischen Traduire und Übersetzen vor, über den der aufmerksame Leser sicherlich schon nachgedacht hat. Ich denke es ist bereits jetzt deutlich, dass damit angedeutet werden soll, dass ich mich in meiner Arbeit nicht auf eine Übersetzungsrichtung beschränken möchte, sondern sowohl die Hin- als auch die Herübersetzung bearbeiten werde – und das sowohl aus französischer als auch aus deutscher Sicht. Des Weiteren bleibt festzuhalten, dass ein mathematisches Gleichheits- (=) oder Entsprechungszeichen (=) an Stelle des Doppelpfeils „zu viel des Guten“ gewesen wäre. Denn da sind sich die Übersetzungstheoretiker mit Hegel weitgehend einig:

„Es widerstreitet gewiß geradezu der Natur der Sache, die Forderung zu machen, daß ein Ausdruck der Spracheeines Volkes ... mit einem Ausdruck unserer Sprache wiedergegeben werde, welcher jenem in seiner vollen Bestimmtheit entspreche.“[16]

Es gibt nun einmal keine „ein-eindeutigen Zuordnungen von Bezeichnendem und Bezeichnetem.“[17] Denn das würde bedeuten, dass sich eine Übersetzungim Großen und Ganzen durch einen bloßen Austausch von Wörtern verschiedener Sprachen bewerkstelligen ließe, so dass Entsprechungslisten aufgestellt und danach die Übersetzungen angefertigt werden könnten. So einfach geht es allerdings nicht: Denn es gibt neben Denotationen auch Konnotationen, kultur- oder regionalspezifische Bedeutungen von Wörtern, Polysemien[18] und Falsche Freunde[19] – Dinge also, denen bei jeder Übersetzung besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss und auf die ich im Laufe meiner Arbeit noch ausführlich zu sprechen kommen werde.

Alles, was bisher geäußert wurde, wirft folgende Fragen auf, die ich in meiner Arbeit zu beantworten versuche: Was ist eigentlich eine Übersetzung? bzw. Wie wird eine Übersetzungdefiniert? Wann kann man noch bzw. nicht mehr von Übersetzungsprechen, sondern sollte auf andere Begriffe (z. B. Bearbeitung) ausweichen?[20]

Die vielen Neuübersetzungender verschiedensten Werke werfen die Frage nach dem Unterschied zwischen ewig jungen Originalen einerseits und alternden Übersetzungen andererseits auf. Außerdem ist unklar, ob man bei der Interdisziplinaritätder Übersetzungs-wissenschaftüberhaupt von einer eigenen Disziplin sprechen kann oder ob es besser wäre die einzelnen Theorien anderen wissenschaft-lichen Disziplinen, wie z. B. der Linguistik, der Hermeneutik, der Generativen Grammatikoder der Literaturwissenschaft, als jeweilige Teilgebiete unterzuordnen.

Fragen über Fragen also, die ich durch folgende schrittweise Vorgehensweise beantworten möchte, falls dieses überhaupt in allen Fällen möglich ist: Zuerst muss ich anmerken, dass ich meine Arbeit in zwei große Teile gegliedert habe, wobei sich der erste Teil hauptsächlich mit den Übersetzungstheorienbefasst, während der zweite Teil überwiegend Georges-Arthur Goldschmidtund seiner Arbeit gewidmet ist.

Im ersten Teil führe ich zunächst einige allgemeine Definitionendes Begriffs Übersetzung an (vergleiche Kapitel 2), um eine Idee des Gegenstandes der Übersetzungswissenschaftzu geben. Es folgt dann ein Ausblick auf „Geschichtliches“ (vergleiche Kapitel 3). Innerhalb dieses Kapitels wird des Öfteren auf widersprüchliche Übersetzungs-maximenhingewiesen. In vielen Fällen kann sogar von echten Dichotomiengesprochen werden, die jeweils in Zusammenhang mit bestimmten Übersetzungstheorien und -methoden entstehen und aus diesem Grunde an den entsprechenden Stellen zur Sprache gebracht werden. Danach komme ich auf verschiedene Übersetzungstheorienzu sprechen (vergleiche Kapitel 4), mit denen häufig neue spezifische Definitionendes Übersetzungsbegriffes sowie spezielle Termini verbunden sind.

Im zweiten Teil der Arbeit wird Georges-Arthur Goldschmidt, auf den ich zunächst durch seine Bücher aufmerksam geworden bin und den ich später beim XXVI. Deutschen Romanistentag an der Universität Osnabrück referieren hören durfte, im Vordergrund stehen. Nach der Begründung der Textauswahl (vergleiche Kapitel 5) werde ich zunächst über den Autor und Übersetzerselbst (vergleiche Kapitel 6) sowie über seine theoretischen Äußerungen zu den Themen Sprache und Übersetzung berichten (vergleiche Kapitel 7). Dabei habe ich mir für eine Analyse seine Übersetzung von Kafkas Proceß ausgesucht, wobei ich zum Vergleich auch die im selben Jahr (1983) erschienene Übersetzung von Bernard Lortholaryheranziehen werde, den ich in Kapitel 8 kurz vorstellen möchte.

Es ist unmöglich, alle in Kapitel 4 vorgestellten Theorienund Methoden auf die von mir analysierten Übersetzungen anzuwenden. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, nach der eigentlichen Übersetzungsanalyse (vergleiche Kapitel 11) die in Kapitel 4.5 vorgestellte Übersetzungsmethodevon Heidrun Gerzymisch-Arbogastund Klaus Mudersbachzumindest teilweise auf die Übersetzungvon Georges-Arthur Goldschmidtanzuwenden, d. h. ich werde versuchen, ein semantisches Netz vom deutschsprachigen Originaltext und vom französischsprachigen Übersetzungstext zu erstellen, um beide anschließend auf ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede prüfen zu können (vergleiche Kapitel 12).

Danach (vergleiche Kapitel 13) komme ich zur Schlussbemerkung, in der ich versuchen werde, die in dieser Einleitung gestellten Fragen zumindest teilweise zu beantworten und eine kurze Bilanz meiner Arbeit zu ziehen. Im Anschluss an die Bibliographie (vergleiche Kapitel 14) findet man ein Personen- und Sachregister (vergleiche Kapitel 16 im Anhang), das dem Leser die Suche nach bestimmten Begriffen und Personennamen in meiner Arbeit erleichtern soll. Eine weitere Hilfe bei der Suche bestimmter Dinge in meiner Arbeit können die Kopfzeilen bieten, die neben der jeweiligen Seitenzahl immer auch die Überschrift des Kapitels, in dem man sich gerade befindet, anzeigen. Der Anhang beinhaltet außerdem die zur Analyse verwendeten Texte (vergleiche Kapitel 15). Sie tauchen in Form einer Interlinearversion, einer zwischen die Zeilen geschriebenen Übersetzung, auf. Dabei habe ich die Sätze zur besseren Übersichtlichkeit nummeriert, mit den Namenskürzeln FK (= Franz Kafka), GAG (= Georges-Arthur Goldschmidt) und BL (= Bernard Lortholary) versehen und verschiedene Schrifttypen verwendet, um die einzelnen Versionen voneinander abzugrenzen.

Teil I

2. Definitionen

Um die in der Einleitung gestellte Frage „Was ist eigentlich eine Übersetzung?“, über die nach Meinung vieler Übersetzungs-wissenschaftler kein Konsens besteht[21], zumindest im Ansatz beantworten zu können und einen kleinen Einblick in die Terminologie zu geben, seien hier einige Definitionenaus verschiedenen Lexika und Enzyklopädien angeführt:

Herders Volkslexikon[22] aus dem Jahre 1966 definiert Übersetzungals

„Wiedergabe eines Schriftwerkes in anderer Sprache. [...].“

Während die Übersetzunghier ausschließlich auf die Schriftsprache beschränkt ist, unterscheiden andere Lexika nicht zwischen gesprochenem und geschriebenem Sprachtransfer:

„Übertragung eines gesprochenen oder geschriebenen Textes wort- oder sinngetreu in eine andere Sprache, unterschieden nach Ü. i. e. S. (wortgetreuer Anschluß an den Originaltext), Übertragung (freiere Wiedergabe unter Berücksichtigung der Eigenheiten der Zielsprache) und Nachdichtung (v. a. bei poet. Texten). [...].“[23]

Auf die hier angesprochene Unterscheidung zwischen Übersetzungim eigentlichen Sinne, Übertragung und Nachdichtung wird gegen Ende dieses Kapitels noch zurückzukommen sein. Im Moment sollte das Augenmerk bei dieser Definition aber auf die Tatsache gerichtet sein, dass hier nicht zwischen Übersetzenund Dolmetschenunterschieden wird, was möglicherweise damit zu begründen ist, dass es in der deutschen Sprachedas Wort * Dolmetschung nicht gibt. Interessanterweise wird – wie in der

Einleitung kurz angesprochen – auch im Volksmund der Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen oft vernachlässigt.

In Meyers Lexikon[24] von 1993 wird Übersetzungfolgendermaßen definiert:

„Wiedergabe eines Textes in einer anderen Sprache, Form der schriftl. Kommunikationim Unterschied zu unmittelbar mündl. Vermittlung des Dolmetschers. [...].“

Bei den von mir ausgewählten einschlägigen Lexika wird hier zum ersten Mal zwischen Übersetzenund Dolmetschen unterschieden. Um auch eine der großen Enzyklopädien zu Wort kommen zu lassen, sei ein Eintrag aus der Brockhaus Enzyklopädie[25] zitiert, wo die Übersetzungfolgendermaßen definiert wird:

1. Computerlinguistik: das Übersetzeneines größeren gesprochenen oder geschriebenen Sprachkomplexes aus einer natürl. Sprache(Quellsprache) in eine andere (Zielsprache) mit Hilfe eines Computers. Man unterscheidet dabei grundsätzlich zw. (voll-) automat. maschineller Ü. und maschinen- oder computer-unterstützter Ü. [...].

2. Philologie: schriftl. Form der Vermittlung eines Textes durch Wiedergabe in einer anderen Spracheunter Berücksichtigung bestimmter Äquivalenzforderungen. Zu differenzieren sind einerseits die interlinguale (Ü. von einer Sprache in eine andere), die intersemiot. (Ü. von einem Zeichensystem in ein anderes, z. B. vom Text ins Bild) und die intralinguale Ü. (Ü. von einer Sprachstufe in eine andere, z. B. vom Althochdeutschen ins Neuhochdeutsche, vom Dialekt in die Standard- oder Hochsprache), andererseits umfaßt der Oberbegriff die unterschiedlichsten Typen von Ü., z. B. Glossen, Interlinearversionen, Übertragung (Bearbeitung), Nachdichtung (Adaption) oder auch Neuvertextung (z. B. Filmsynchronisation). [...].“

Auffällig ist bei dieser Definition zum einen die Unterscheidung zwischen Computerlinguistikund Philologie. Im Bereich der Philologie wird sehr wohl zwischen mündlichem und schriftlichem Transfer unterschieden. Zum anderen wird der Unterschied zwischen intralingualer Übersetzung oder rewording, interlingualer Übersetzung oder translation proper und intersemiotischer Übersetzung oder transmutation zur Sprache gebracht. Hierbei handelt es sich um die von Roman Jakobson vorgenommene Unterteilung der Übersetzung in drei Arten.[26] In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf zwei Dinge hinweisen:

Einerseits entspricht diese Unterteilung nicht der im Universallexikon des Lingen Verlages gemachten Unterscheidung zwischen Übersetzungim eigentlichen Sinne, Übertragung und Nachdichtung. Da die von Roman Jakobson eingeführte Unterscheidung aber allgemeine Anerkennung gefunden hat und von vielen Übersetzungstheoretikern immer wieder zitiert wird[27], möchte auch ich dieser Einteilung den Vorrang gewähren.

Andererseits möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich in meiner Arbeit überwiegend mit der translation proper, der interlingualen Übersetzung(von einer Sprachein eine andere), befassen werde.

In den hier zitierten Definitionenwurden die unterschiedlichsten Bezeichnungen für das Übersetzenverwendet. So ist z. B. von Wiedergabe, Übertragung, Nachdichtung, Form der schriftl. Kommunikation , Vermittlung, Bearbeitung , Adaptation und Neuvertextung die Rede. Diese Unterschiede weisen bereits auf die verschiedenen Auffassungen dessen hin, was Übersetzung eigentlich ist. Diese Tatsache ist natürlich auch im Zusammenhang mit der historischen Entwicklung zu betrachten, auf die ich nun im folgenden Kapitel näher eingehen möchte, ohne eine befriedigende Antwort auf meine Frage „Was ist eigentlich eine Übersetzung?“ gegeben zu haben.

3. Geschichtliches – Herausbildung übersetzerischer Grundkonzeptionen

Auf Grund der Interdisziplinaritätder Übersetzungs-wissenschaft und ihrer Komplexität ist es bis heute nicht möglich gewesen, eine vollständige Geschichte der Übersetzungvorzulegen.[28] Deshalb habe ich es vorgezogen, mein Kapitel nicht mit „Geschichte“ zu betiteln, sondern es „Geschichtliches“ zu nennen, was einerseits die Unmöglichkeit deutlich macht, alles bisher zu diesem Thema Gesagte zu erfassen, andererseits aber auch zeigt, dass ich eine bestimmte Auswahl getroffen habe, ja sogar treffen musste. Die von mir ausgewählten, übersetzungstheoretisch relevanten Äußerungen entsprechen meiner subjektiven Auffassung von der Wichtigkeit dieser „Theorien“. Ich denke, L. Söll hat auf jeden Fall Recht, wenn er schreibt, dass die

„Geschichte der Übersetzungstheorie [...] als eine Diskussion über die Polysemie des Wortes ‘Übersetzen’aufgefaßt werden [kann].“[29]

Letzteres wird im Laufe dieses und des folgenden Kapitels noch zur Genüge deutlich werden, ebenso wie die Tatsache, dass ein Großteil der heute noch diskutierten Thematik ihren Ursprung bereits vor vielen Jahrhunderten hatte. Aus diesem Grunde habe ich die Überschrift „Geschichtliches“ durch „Herausbildung übersetzerischer Grundkonzeptionen“ näher bestimmt, da ich in diesem Kapitel auf verschiedene Dichotomien eingehen möchte. Die meisten werden uns bei Georges-Arthur Goldschmidt und Bernard Lortholary (vergleiche Kapitel 7 und 8) wieder begegnen. Es muss an dieser Stelle noch angemerkt werden, dass der genaue Ursprung einer übersetzungsrelevanten Dichotomie nicht immer exakt zu bestimmen ist. Dennoch habe ich versucht, mich auf solche theoretischen Äußerungen zu beschränken, in denen zumindest eine Seite eines Gegensatzpaares ihren Ursprung haben könnte. Die Gegenseite entsteht dann meist etwas später aus der Kritik an einer gängigen Übersetzungspraxis.

3.1 Die Anfänge

Eines der frühesten Zeugnisse des Dolmetschens finden wir im Alten Testament der Bibel. Joseph, der Sohn Jakobs, den seine Brüder einst als Sklaven nach Ägypten verkauft hatten, wird von diesen bei seiner Rückkehr nicht erkannt, als er mit ihnen über Getreidelieferungen verhandelt, denn

„[...] es war ein Dolmetscher zwischen ihnen.“[30]

Genau sind die Ursprünge des Übersetzens und Dolmetschens nicht festzulegen. Nach unterschiedlichen Angaben gehen sie bis ins dritte[31] oder vierte[32] Jahrtausend vor Christus zurück. Man muss allerdings annehmen, dass übersetzt wird, seit Menschen die Mehrsprachigkeit wahrgenommen haben.

Im alten Ägypten war es der Gott Thot, der für Sprachen und Sprachmittlungzuständig war. In ihm meinten die Griechen den Götterboten und Viehdieb Hermes wieder zu erkennen.[33] Es hat viele etymologische Spekulationen über den Zusammenhang zwischen Hermes und dem griechischen Wort hermeneuo mit der Bedeutung „auslegen, dolmetschen“ gegeben. Tatsache ist, dass Hermes von hermaion abgeleitet wird, was ‘Steinhaufen’ bedeutet. Trotz der Ähnlichkeit von Hermes und hermeneuo gibt es daher keine etymologische Verwandtschaft, auch wenn dieses sehr naheliegend scheint.[34]

Die frühen Übersetzerund Dolmetscher waren meist bi- oder multilinguale Personen ohne besondere Ausbildung. So wählte beispielsweise Caesar als Bevollmächtigten Gaius Valerius Procillus

„et propter fidem et propter linguae Gallicae scientiae.“[35]

Zwar herrscht auch heute noch die weitläufige Meinung, zum Übersetzensei die ausgezeichnete Kenntnis einer Fremdsprachevöllig ausreichend, doch sind sich die Übersetzungswissenschaftler einig, dass immer auch z. B. kulturelles Wissen bei einem Dolmetscher bzw. Übersetzervorhanden sein muss.

Dass es schon früh so etwas wie Berufsdolmetscher und -über-setzer gegeben haben muss, lässt sich am Beispiel der Gaugrafen von Elephantine belegen. Diese gehörten zur sechsten Dynastie des ägyptischen Alten Reiches und unterhielten Handelsbeziehungen mit dem benachbarten Nubien. Sie trugen den Titel „Vorsteher der Dragomanen“.[36] Dragoman ist ein altägyptisches Wort mit der Bedeutung ‘Fremdenführer und Sprachkundiger im Nahen Osten.’ Dieses Wort, das sich bis zum Akkadischen targumannu(m) oder turgumann zurückverfolgen lässt und in der Form turguman ins Arabische entlehnt wurde, gelangte während der Kreuzzüge ins Französische (droguement, truchement) und ins Italienische (turcomanno, dragomanno). Das im heutigen Französisch nur noch als ‘Vermittler’ im übertragenen Sinne gebräuchliche Wort truchement ist in verschiedenen Formen ins Mittelhochdeutsche gelangt (trutzelman, tragemunt, trougmunt).[37]

Das deutsche Wort Dolmetscher stammt wahrscheinlich (ebenso wie das slawische tolmatsch) von dem mitannischen Wort talami ab.[38] Talami ist über das Nordtürkische (tilmaç) und das Magyarische ins Mittelhochdeutsche gelangt, wo es als tolmetsche erscheint.[39]

Nun aber zurück zum eigentlichen Gegenstand: dem Übersetzen. Als älteste Übersetzungen gelten altbabylonische Inschriftentafeln in akkadischer und sumerischer Sprache, die meist einen religiösen Inhalt aufweisen. Die Übersetzungder religiösen Literatur hatte neben der Übersetzung wissenschaftlicher und administrativer Texte über Jahrtausende hinweg eine Vorreiterrolle.[40]

Die Ägypter werden in geschichtlichen Abhandlungen zum Übersetzenund Dolmetschenimmer wieder erwähnt, was Jörn Albrecht auf die

„eindrucksvollen Reliefdarstellungen in den Felsgräbern von Elephantine und in der Nekropole von Memphis [zurückführt]. Auf dem sog. ‚Dolmetscher-Relief‘ aus dem Grab des Haremhab in Memphis ist eine Doppelgestalt zu sehen, die sich gleichzeitig an die zwei verhandelnden Parteien wendet.“[41]

Das Erstellen von Interlinearversionen[42] und später auch von zweisprachigen Glossaren wurde zuerst im sumerischen Reich praktiziert, in das semitische Einwanderer eindrangen, die zunächst neben ihrer eigenen Spracheauch das Akkadische beibehielten.[43]

3.2 Die Antike: Herausbildung der Dichotomie frei vs. wörtlich

Während es bei den Griechen zunächst nur Gelegenheits-dolmetscher gegeben zu haben scheint, wird in Bezug auf die Römer davon gesprochen, dass sie ihre Kultur und Literatur den Übersetzungen aus dem Griechischen zu verdanken haben. Römische Übersetzer, die das Griechische rezipierten, hatten die Bereicherung ihrer Muttersprache als Ziel. Das Lateinische sollte durch die Übersetzungen zu einer literaturfähigen Sprache heranwachsen. Die griechische Literatur konnte zu diesem Zeitpunkt bereits unterschiedliche literarische Gattungen aufweisen. Diese versuchten die Römer „auf dem Wege der Übersetzung zu gewinnen“.[44]

Der Beruf des Dolmetschers wurde bei den Römern häufig von freigelassenen Sklaven ausgeübt. Sie begleiteten römische Politiker auf ihren Reisen. Neben politischen Unterredungen und Verhand-lungen wurden vor allem militärische Befehle gedolmetscht.[45]

Zur „Ausbildung“ kompetenter Übersetzerund Dolmetscher wurden schon in der Antike Kinder in fremde Sprachgebiete geschickt, wo sie nicht nur die Spracheperfekt beherrschen lernen, sondern sich auch Kulturkenntnisse aneignen sollten, d. h. Sitten und Gebräuche der fremden Kultur bzw. Sprachgemeinschaft.[46] Echte Ausbildungszentren für Übersetzerund Dolmetscher entstanden wahrscheinlich erst im Mittelalter mit den Schulen von Bagdad, Toledo und Amalfi.[47]

Die frühesten Äußerungen zur Übersetzungstheorie sind in der Regel in Vorworten zu finden und dienten meist der Rechtfertigung der eigenen Arbeiten. Häufig werden spezifische Übersetzungs-probleme erläutert. Als erste historisch fassbare Übersetzungsepoche kann die griechisch-römische Antike angesehen werden. Zu dieser Zeit bildeten sich die ersten wesentlichen Grundkonzeptionen zur Übersetzung, die entscheidenden Einfluss auf die Folgezeit hatten. Während die antiken Übersetzer die Originale in den Übersetzungen stark veränderten, indem sie sie kürzten oder auch erweiterten, geht es in der klassischen Zeit eher um eine getreue Nachbildung des Ausgangstextes. Zu den wichtigsten für die Übersetzungstheorie relevanten Vertretern der klassischen Zeit gehören der römische Staatsmann, Redner und Philosoph Marcus Tullius Cicero(106-43 v. Chr.), der römische Dichter Quintus HoratiusFlaccus (65-8 v. Chr.) sowie auch der lateinische Kirchenvater und -lehrer Sophronius Eusebius Hieronymus(347-419/420).

Cicero hat in seiner Schrift De optimo genere oratorum, der Vorrede zu den Übersetzungen der Reden von Aischines und Demosthenes, folgende Sätze verfasst:

„Converti enim ex Atticis duorum eloquentissimorum nobillissimas orationes inter seque contrarias, Aeschini et Demostheni; nec converti ut interpres, sed ut orator, sententiis isdem et earum formis tamquam figuris, verbis ad nostram consuetudinem aptis. In quibus non verbum pro verbo necesse habui reddere, sed genus omne verborum vimque servavi. Non enim ea adnumerare lectori putavi opportere, sed tamquam appendere.“[48]

Ciceromacht an dieser Stelle deutlich, dass er nicht wie ein Dolmetscher, sondern wie ein Redner vorgegangen ist unter Wahrung des Sinnes und der Form und in einer Ausdrucksweise, die der eigenen Spracheangemessen ist. Seine Übersetzungen sind nicht Wort für Wort, sondern frei erstellt worden. Damit spricht er das große Problem an, das von diesem Zeitpunkt an die übersetzerische Theorieund Praxisbis heute beschäftigt hat und vermutlich auch in Zukunft beschäftigen wird[49]: die Dichotomie wörtlich vs. frei, die ich kurz erläutern möchte, da sie uns auch im Zusammenhang mit den zu

untersuchenden Übersetzungen von Goldschmidt und Lortholary begegnen wird (vergleiche vor allem Kapitel 7 und 8).

Ein wohl jedem Übersetzerund auch jedem Übersetzungstheoretiker bekannter deutscher Leitsatz besagt, eine Übersetzunghabe „so treu wie möglich, so frei wie nötig“[50] zu sein. Dass dieser häufig belächelte Grundsatz gar nicht so unsinnig ist, wird z. B. in Judith Macheiners Vademecum deutlich, wenn sie schreibt:

„Wir dürfen aber beim Übersetzennicht einfach weglassen, was weglaßbar ist, sondern nur das, was weglaßbar ist und stört und was auf keine andere Weise in eine zielsprachlich angemessene Form zu bringen ist.“[51]

In diesem Ausspruch wird schon recht deutlich, was mit der alten Grundregel über „nötige Treue“ und „mögliche Freiheit“ gemeint ist.

Die Frage, die sich mir an dieser Stelle aufdrängt, ist die, ob es möglich ist, Treue mit Wörtlichkeit gleichzusetzen, wie es verschiedentlich gemacht wurde.[52] Auch wenn Wörtlichkeit im Sinne von „zu wörtlich“ häufig einen negativen Beigeschmack hat[53], so scheint es doch genau den Sinn bzw. das Gemeinte dieses Sinnspruches zu treffen. Dabei sollte man allerdings sorgfältig darauf achten, dass, wie Jörn Albrecht es ausdrückt, zwischen paradigmatischer und syntagmatischer Wörtlichkeit unterschieden werden muss, oder um Wolfram Wilsszu Wort kommen zu lassen, die wörtliche von der Wort-für-Wort-Übersetzung abzugrenzen ist.[54]

Freiheit wird von Jörn Albrecht als

„das Abweichen vom Prinzip der syntagmatischen und paradigmatischen Wörtlichkeitaus rein sprachlichen Gründen“[55]

definiert. Eine freie Übersetzungwäre demnach eine sinngemäße, die dadurch zu rechtfertigen ist, dass eine wörtliche oder Wort-für-Wort-Übersetzungzu Unsinn führen kann. Diese Auffassung vertrat schon der heilige Hieronymus:

„Si ad verbum interpretor, absurdam resonat.“[56]

Hieronymus, der von Papst Damasus I den Auftrag zur Neubearbeitung der Vulgata erhielt und heute der Schutzpatron der Übersetzerist, musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, einen Brief, den der Bischof Epiphanios von Salamis auf Zypern an den Bischof Johannes von Jerusalem gerichtet hatte, zu frei übersetzt zu haben, so dass er verfälscht worden sei. In einem Brief an seinen Studienfreund Pammachius verteidigt Hieronymus sich gegen diese Vorwürfe.[57] Dabei bedient er sich dessen, was Ciceround Horaz[58] vor ihm gesagt haben und interpretiert dieses als Empfehlung, sinngemäß und nicht Wort für Wort zu übersetzen. Er spricht sich ausdrücklich für eine freie Übersetzung aus, wenn er sagt:

„non verbum e verbo, sed sensum exprimere sensu“[59]

Allerdings macht Hieronymuseine Einschränkung, die die Textsortebetrifft. Er plädiert bei der Übersetzungder Heiligen Schrift für eine wörtliche Übersetzung,[60]

„da in den heiligen Schriften [...] selbst die Wortfolge ein Mysterium ist“.[61]

3.3 Die Renaissance: Herausbildung der Dichotomien Einbür-gerung vs. Verfremdung und Übersetzung vs. Bearbeitung

Mit Beginn der Reformation kommt zu der bereits erläuterten Dichotomie wörtlich vs. frei eine zweite hinzu: Einbürgerung vs. Verfremdung. Diese möchte ich in Anlehnung an übersetzungs-theoretische Äußerungen dieser und der folgenden Zeit erläutern:

Der deutsche Reformator Martin Luther(1483-1546), der im sechzehnten Jahrhundert, genauer gesagt zwischen 1522 und 1534, als erster die gesamte Bibel in die deutsche Spracheübersetzte, hat sich in seinem im Jahre 1530 erschienenen Sendbrief vom Dolmetschen[62] auch theoretisch mit dem Thema Übersetzenbefasst. Er wird als Vertreter eines zielsprachenorientierten, verdeutschenden (also einbürgernden) Übersetzens angesehen und musste sich vorwerfen lassen, zu frei übersetzt zu haben.[63]

Sein Reformationsdenken spiegelt sich in der Tatsache wieder, dass er sich für eine Bibelübersetzungausspricht, die für jedermann in seiner Muttersprachezugänglich ist. In seinem Sendbrief vom Dolmetschen betont er, dass eine notwendige Voraussetzung zum Übersetzendas Verstehen des ausgangssprachlichen Textes sei und dass es darauf ankomme, nicht den Buchstaben, sondern den Sinn aus der Ausgangs- in die Zielsprachezu übertragen.[64] Luther plädiert für eine der Zielsprache angemessene, für alle verständliche Übersetzung, wenn er schreibt:

„den man mus nicht die buchstaben inn der lateinische sprachen frage / wie man sol Deutsch rede / wie diese esel thun / sondern / man mus die mutter jhm hause / die kinder auff der gassen / den gemeinen ma auff dem marckt drumb fragen / un den selbige auff das maul sehen / wie sie reden / und darnach dolmetzschen / so verstehen sie es den / un mercken / das man Deutsch mit jn redet.“[65]

Es bleibt anzumerken, dass Luthernicht konsequent zielsprachenorientiert übersetzt hat, sondern manchmal auch den Effekt des bedeutenden Wortes bevorzugt und so den deutschen Sprachgebrauch „vernachlässigt“ hat.[66]

Zur Zeit der BibelübersetzungMartin Luthers in Deutschland wird auch in Genf mit einer Übersetzungder Bibel auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Fassung begonnen. Hier sind es die Kalvinisten, die eine französische Bibel schaffen wollen, obwohl eine solche bereits vorliegt. Der französische Humanist und Theologe Jacques Lefèvre d’Etaples(um 1450-1537) und der Vetter Calvins, Pierre Robert Olivétan(1506-1538) hatten diese Aufgabe bereits bewältigt.

Mit den Religionskriegen kommt es zu einem wahren „Krieg der Übersetzungen“.[67] Auf der einen Seite steht dabei die Katholische Kirche, auf der anderen Seite die Reformatoren. Während die Kalvinisten für eine für jeden Gläubigen in seiner Muttersprachezugängige Heilige Schrift plädieren, die den Inhalt derselben in der jeweiligen Nationalsprache wiedergibt, beharrt die Katholische Kirche auf der vulgärlateinischen Fassung der Bibel, der Vulgata, und erklärt diese als einzig authentische Bibelübersetzung.[68] Dabei scheint es der Katholischen Kirche gerade recht zu sein, dass „Otto Normalverbraucher“ keine Lateinkenntnisse hat und die Heilige Schrift nicht verstehen kann.

Im späten sechzehnten Jahrhundert entsteht in Frankreich ein Übersetzungskonzept, das als Belles infidèles bezeichnet wird. Es war der Jurist, Philologe und Freund des Übersetzers Nicolas Perrot d’Ablancourt (1606-1664) Gilles Ménage, der dieses Bonmot im Jahre 1654 prägte, wobei er sich damit auf die Lukianübersetzung d’Ablancourts bezog.[69] Seine „schönen untreuen“ oder „untreuen schönen“ Übersetzungen fanden viele Bewunderer in Frankreich. Das Konzept der Belles infidèles hat Frankreichs übersetzerische Tätigkeit vom späten sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert beherrscht und auch die Übersetzungsgeschichtein anderen Ländern beein-flusst.[70]

Folgende Fragen gilt es diesbezüglich nun zu beantworten:

1. Wie sahen die Übersetzungen aus, die zu den Belles infidèles gezählt werden?
2. Wurde mit den Belles infidèles zweihundert Jahre lang derselbe Zweck verfolgt oder wäre es falsch, von Funktionskonstanz zu sprechen?
3. Wie kommt es überhaupt, dass sich diese Übersetzungstradition in Frankreich fast zweihundert Jahre gehalten hat?

Die erste Frage lässt sich am einfachsten beantworten, indem man Bezug auf die Übersetzerselbst nimmt, die häufig in Vorworten zu ihren Übersetzungen auf die von ihnen verwendeten Methoden hingewiesen haben, oder indem man Übersetzungskritikerzu Wort

kommen lässt, die sich entweder löblich oder abwertend zu den von ihnen untersuchten Übersetzungen geäußert haben.

„J’ai transposé, rétabli, retranché, ajouté, uni, séparé, renforcé, affaibli le discours, changé les métaphores et les phrases.“[71]

Der junge Chapelain, der den Guzman de Alfarache übersetzt hat, macht in diesem Zitat mehr als deutlich, was Belles infidèles heißt, nämlich zu kürzen oder zu erweitern, zu verstärken oder abzuschwächen. Dass das Original bei dieser Auffassung von Übersetzungkeinen besonders hohen Stellenwert mehr hat, sondern eher als Inspirationsquelle angesehen werden kann, ist eindeutig. Denn der Geschmack der französischen Leser ist das einzige, woran sich die Übersetzungen dieser Zeit, die stark einbürgernd sind, orientieren.[72] Und wenn Perrault in Bezug auf d’Ablancourts Übersetzungen erklärt, sie seien „besser als die Originale“, dann deshalb, weil d’Ablancourt sich bemüht hat, die antiken Autoren zu echten „Franzosen zu machen“.[73]

Die sich häufig auf Ciceround Hieronymusberufenden Befürworter der Belles infidèles[74] zögern nicht, sogar Handlungen zu verändern, so dass z. B. das Ende des französischen Buscón ganz und gar nicht mehr dem des spanischen Originalsvon La Geneste aus dem Jahre 1633 entspricht.[75] Allerdings würden wir in einem solchen Fall Übersetzung heutzutage wohl eher von Bearbeitung sprechen. Nun haben wir es also erneut mit einer Dichotomie zu tun, die nach Meinung von Werner Koller[76] von fundamentaler Bedeutung für die Übersetzungswissenschaft ist[77]: Übersetzung vs. Bearbeitung. Das Entscheidende ist dabei die von mir in der Einleitung zu dieser Arbeit bereits angesprochene Frage „Wann kann man noch bzw. nicht mehr

von einer Übersetzung sprechen?“ Häufig ist die Antwort darauf eher von der subjektiven Einstellung des Einzelnen zum Übersetzenabhängig als von allgemein gültigen Regeln.

Um deutlich zu machen, was alles unter diesem Gesichtspunkt diskutiert wird, möchte ich die folgenden drei Sätze anführen:

1. „The quick brown fox jumps over the lazy dog.“
2. „Zoé ma grande fille veut que je boive de ce whysky dont je ne veux pas.“
3. „Mozart hat sich zwar früh mit dem Xylophon abgequält, größere Werke hat er jedoch nur für Violine geschrieben.“[78]

Die Frage, die sich bei Betrachtung dieser drei Sätze stellt ist, ob Satz 2 und 3 als Übersetzung von Satz 1 angesehen werden können. Auf den ersten Blick haben diese drei Sätze wenig gemeinsam und man fragt sich sicherlich schon, was sie mit Übersetzungen zu tun haben sollen. Ich will es gerne verraten: In allen drei Sätzen tauchen „sämtliche Schriftzeichen“[79] des jeweiligen Orthographiesystems auf.

Aber sollte man diese Übersetzungen vielleicht nicht doch lieber als Bearbeitungen bezeichnen? Die Entscheidung darüber ist sicherlich einerseits subjektiver Natur, andererseits hat sie aber auch etwas mit dem Übersetzungsauftragzu tun und mit der jeweiligen Invariante. Unter bestimmten Bedingungen kann man hier sicherlich von adäquaten Übersetzungen sprechen.

Nach Ansicht von Werner Kollerunterscheiden sich Übersetzungen und Bearbeitungen dadurch, dassbeim ÜbersetzenAusgangstexte in einer Zielsprache re produziert, beim Bearbeiten dagegen neue zielsprachliche Texte produziert werden.[80]

Nun aber zurück zur Übersetzungsmethode der Belles infidèles: Eine sehr enge Anbindung an den Ausgangstext und den Autor des Originals, die eine verfremdende Übersetzungsmethode zur Folge hat, sehen die Verfechter der Belles infidèles als eine Art „Versklavung“ an. So schreibt beispielsweise d’Ablancourt:

„Ich bin ihm [meinem Autor] Schritt für Schritt gefolgt, eher wie ein Sklave denn wie ein Reisegefährte.“[81]

Zusammenfassend lässt sich daher als Antwort auf die erste Frage nach der Art und Weise der in der Tradition der Belles infidèles stehenden Übersetzungen sagen, dass diese häufig durch Modifikationen jeglicher Art, sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene, gekennzeichnet sind. Oder, um mit den Worten von Antoine Houdar de la Motte (1672-1731), der ebenso wie z. B. auch Voltaire (1694-1778) zu den Vertretern der Belles infidèles gezählt wird, zu sprechen:

„J’ai voulu [...] que ma traduction fût agréable, et de là il a fallu substituer les idées qui plaisent aujourd’hui à d’autres idées qui plaisaient du temps d’Homère [.]“[82]

Um auf die zweite Frage nach der Konstanz in der übersetzerischen Praxisund der damit verbundenen Funktion antworten zu können, muss folgende Erkenntnis von Jürgen von Stackelberg Beachtung finden:

gedacht haben die französischen Übersetzerdie ganze Zeit über ähnlich oder gleich – nur was sie gemacht haben, dürfte sich erheblicher unterscheiden, als man bisher gemeint hat.“[83]

In der Renaissance ging es zunächst darum, die Nationalsprache zu bereichern und sie zu einer echten Literatursprache zu machen, die dem Griechischen und dem Lateinischen ebenbürtig war.[84]

Im Gegensatz dazu ist das darauf folgende Jahrhundert dadurch gekennzeichnet, dass das im sechzehnten Jahrhundert Erreichte festgehalten werden muss. Im siebzehnten Jahrhundert, als Richelieu die Academie française gründete, dürften es vor allem die Regeln dieses Lehrapparates gewesen sein, die den Übersetzungsstil beeinflusst haben. Die Folge davon ist, dass alles Überflüssige weggelassen wird und die Übersetzungen somit nicht mehr durch ihren größeren Umfang gegenüber den Originalen auffallen, wie dieses im sechzehnten Jahrhundert der Fall gewesen war, sondern übersichtlicher gegliedert und leichter verständlich sind.[85]

Im achtzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter des Klassizismus, kommt es erneut zu einer Funktionsänderung. Die Übersetzungen ins Französische werden zu „Zeugnissen französischer Kulturüber-legenheit“.[86] Das heißt, dass das, was im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert vorbereitet wurde, nämlich die Entwicklung und Festigung einer literaturfähigen Nationalsprache, nun so weit ausgebaut ist, dass das Griechische und Lateinische dem Französischen nicht mehr überlegen sind, ganz im Gegenteil.[87]

Zusammenfassend kann man die zweite Frage also folgendermaßen beantworten: Es ist auf keinen Fall haltbar über zweihundert Jahre hinweg von Funktionskonstanz zu sprechen, auch wenn die übersetzerische Strategie sich nicht wesentlich verändert hat.

„Wie kommt es überhaupt, dass sich diese Übersetzungs-tradition in Frankreich fast zweihundert Jahre gehalten hat?“, so lautete meine dritte Frage. Und man könnte hinzufügen: „– trotz der immer stärker werdenden und schon im siebzehnten Jahrhundert relativ weit verbreiteten Kritik“.

Dazu seien an dieser Stelle zunächst einige Zitate angeführt, die die Kritik deutlich machen sollen. So schreibt der Bischof von Avranches, Daniel Huet, in seiner Schrift De optimo genere interpretandi aus dem Jahre 1661, man müsse

„nativum auctoris characterem quod fieri potest adumbrare“[88]

und sich so eng wie möglich an den ausgangssprachlichen Text halten. Der deutsche Gelehrte Ezechiel Spanheim unterstützt diese Forderung gut zwanzig Jahre später folgendermaßen:

„Tout bon traducteur doit avoir pour but de faire voir son auteur tel qu’il est et non tel qu’il doit être, de le mettre en son jour, mais non de le farder et de le travestir sous prétexte de le vouloir rendre plus agréable ou plus intelligible.“[89]

Dass trotz dieser heftigen und sehr deutlichen Kritik am Konzept der Belles infidèles keine ernsthafte Wende in der übersetzerischen Praxiszu erkennen war, führt der von mir bereits mehrfach zitierte Jürgen von Stackelberg auf die Tatsache zurück, dass im siebzehnten Jahrhundert ausschließlich Gelehrte Kritik an diesem Konzept übten, so dass sich eine echte Wende erst im

achtzehnten Jahrhundert durchzusetzen begann, wo auch renommierte Literaten wie Diderot und Publizisten wie Fréron Kritik an den Belles infidèles verlauten ließen[90].

Es ist Chateaubriand, der als erster französischer Übersetzerdes achtzehnten Jahrhunderts die Treuegegenüber dem Original über die Schönheit der Übersetzung stellt. Die hier eingeläutete Wende, nicht mehr völlig frei und einbürgend zu übersetzen (oder besser gesagt, zu bearbeiten!), kann wohl als besiegelt betrachtet werden, wenn einer der hartnäckigsten Befürworter der Belles infidèles, nämlich Voltaire, seine Neuübersetzung von Shakespeares Julius Caesar mit folgenden Worten erläutert:

„Si le poète a employé une métaphore, il ne faut pas lui substituer une autre métaphore; s’il se sert d’un mot qui soit bas dans sa langue, on doit le rendre par un mot qui soit bas dans la nôtre. C’est un tableau dont il faut copier exactement l’ordonnance, les attitudes, le coloris, les défauts et les beautés, sans quoi vous donnez votre ouvrage pour le sien.“[91]

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts befasst sich in Deutschland einer der wohl bekanntesten deutschen Dichter, nämlich Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), in verschiedenen Schriften wie z. B. in Dichtung und Wahrheit, Zu brüderlichem Andenken Wielands und Noten und Abhandlungen zu bessern Verständnis des west-östlichen Divans mit der Übersetzungs-problematik. In seiner „Theorie des Übersetzens“ unterscheidet Goethe drei Arten von Übersetzungen: die „schlicht-prosaischen“, die „parodistischen“ und die „höchsten“ Übersetzungen.[92] Wichtig für unsere Unterscheidung zwischen Einbürgerung und Verfremdung ist allerdings eher seine Unterscheidung zwischen diesen beiden Übersetzungsmethoden, die in folgendem Zitat zum Ausdruck kommt, wobei die Frage, welche der beiden Methoden die „richtige“ sei, bei Goethe im Vordergrund steht.

„Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, daß wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wir uns zu dem Fremden hinüber begeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen.“[93]

Es ist Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834), auf den wir schon in der Einleitung (vergleiche Kapitel 1) im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen Dolmetschen und Übersetzen gestoßen sind, der in seiner am 24. Juni 1813 in der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin verlesenen Abhandlung Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens ebenfalls konsequent zwischen einbürgernder und verfremdender Übersetzungsmethode unterscheidet und die Antwort auf die von Goethe gestellte Frage nach der „richtigen“ Methode zu geben versucht.

„Meines Erachtens giebt es deren [= Übersetzungsmethoden] nur zwei. Entweder der Uebersetzer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“[94]

Nach Meinung Schleiermachers ist eine originalgetreue Wiedergabe in der Zielsprachenur durch die Methode des Verfremdens möglich, die er demnach für die einzig „richtige“ hält.

Diese Auffassung vertritt auch der zu den bedeutendsten deutschen Literaturkritikern gehörende Walter Benjamin[95] (geb. 1892), der im Jahre 1933 nach Paris emigrierte und dort 1940 Selbstmord beging. Folgende Aussage macht seine Auffassung, nur die wörtliche und verfremdende Übersetzung sei die „richtige“, deutlich:

„Die wahre Übersetzungist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern läßt die reine Sprachewie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen. Das vermag vor allem Wörtlichkeitin der Übertragung der Syntax, und gerade sie erweist das Wort, nicht den Satz als das Urelement des Übersetzers. Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, Wörtlichkeit die Arkade.“[96]

Welche Übersetzungsmethode nun im Ernstfall besser ist, muss sicherlich von Fall zu Fall entschieden werden. Es kommt nicht selten vor, dass ein Werk auf zweierlei Art und Weise übersetzt wird, so dass für jeden Geschmack das Richtige zu finden ist. Aber natürlich hängt die Entscheidung für oder gegen eine dieser beiden Methoden, ebenso wie auch diejenige für oder gegen eine freie bzw. wörtliche Übersetzung, immer auch vom jeweiligen Übersetzungsauftrag ab. Und dass die Frage, ob eine Übersetzung nun einbürgernd oder verfremdend sein soll, auch heute noch von großer Bedeutung ist[97], wird deutlich, wenn ein moderner Übersetzungswissenschaftler wie Werner Koller die Aussage macht, kein Übersetzungsweg ginge an dieser Entscheidungsfrage vorbei.[98]

3.4 Die Romantik: Herausbildung der Dichotomie Gering-schätzung vs. Hochschätzung des Übersetzers

In der Romantik wird dem Übersetzer, auf den wir im Zusammenhang mit Georges-Arthur Goldschmidts und Bernard Lortholarys Übersetzungstheorien (vergleiche Kapitel 7 und 8) noch zurückkommen werden, von verschiedenen deutschen Dichtern, Literaturkritikern und Übersetzern der Status eines Genies zugestanden. Der deutsche Dichter, Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder(1744-1803), der auch durch seine Übersetzungen bekannt geworden ist, sieht in dem Übersetzer, den er für berufen hält, ein schöpferisches Genie; die Übersetzungzählt für Herder ebenso viel wie das Original,

„sofern er [= der Übersetzer] ‚seinem Original und seiner SpracheGenüge‘ tue, nicht aber, wenn seine Arbeit nur ein ‚Schwanken zwischen zwo Sprachen und Singarten‘ ist – dann allerdings sei es ‚unausstehlich‘.“[99]

An zweiter Stelle ist August Wilhelm von Schlegel(1767-1845) zu nennen. Der Schriftsteller, Sprach- und Literaturwissenschaftler und Übersetzerverschiedener Werke von z. B. Dante, Caldéron und Shakespeare wird von Langlois bezüglich seiner Übersetzungder Bhagavad-Gita ins Lateinische kritisiert. Er reagiert darauf folgendermaßen:

„Der ächte Uebersetzer, könnte man rühmen, der nicht nur den Gehalt eines Meisterwerkes zu übertragen, sondern auch die edle Form, das eigenthümliche Gepräge zu bewahren weiß, ist ein Herold des Genius, der über die engen Schranken hinaus, welche die Absonderung der Sprachen setzte, dessen Ruhm verbreitet, dessen hohe Gaben vertheilt. Er ist ein Bote von Nation zu Nation, ein Vermittler gegenseitiger Achtung und Bewunderung, wo sonst Gleichgültigkeit oder gar Abneigung Statt fand.“[100]

Dieser Lobpreis auf den Übersetzerund seine Tätigkeit hängt mit der Tatsache zusammen, dass August Wilhelm Schlegeldie Poesie nur dann für möglich hält, wenn es dem Poeten bzw. dem Übersetzer gelingt, die in der Spracheversteckten Elemente der Natur zu entschlüsseln und symbolisch zum Ausdruck zu bringen.[101]

August Wilhelm Schlegelgeht, gelinde ausgedrückt, nicht sehr freundlich mit seinen Kritikern um:

„Mein Freund, ich war früher aufgestanden als du; was du tadelnd bemerkst, wußte ich längst; ich habe unter mehreren Mängeln oder Uebelständen den ausgewählt, der mir der leidlichste schien. Wenn du etwas besseres weißt, und zwar etwas metrisch ausführbares, so gieb es an: wo nicht, so hättest du eben so gern zu Hause bleiben mögen.“[102]

Es wird mehr als deutlich, dass Schlegeldie Meinung vertritt, Übersetzungskritikerhätten vor allem in praktischer Hinsicht nur wenig Ahnung von dem, was sie sagten und sollten daher häufiger auf ihre Kritik verzichten, vor allem dann, wenn es ihnen nicht möglich sei, eine bessere Übersetzungsalternative anzubieten. Es gefällt Schlegel nicht, wenn die Arbeit eines gewissenhaften Übersetzers geringgeschätzt wird.

Die Hochschätzung des Übersetzers und seiner Arbeit finden wir auch beim spanischen Philosophen und Essayisten José Ortega y Gasset(1883-1955), der sich in seinem Essay Miseria y esplendor de la traducción, dem ein fiktiver Dialog mit französischen Gelehrten zu Grunde liegt, kritisch zum Problem der Übersetzungäußert.

Ortega y Gassets Ansatz ist folgender: Er geht davon aus, dass alles, was der Mensch leisten will, utopisch ist, weil er nie das erreicht, was er zu erlangen gehofft hatte.[103] Da alle menschlichen Unterfangen als Utopien hingestellt werden, also auch die Übersetzung, wird zunächst die These der Unübersetzbarkeit(vergleiche hierzu auch Kapitel 3.5) aufgestellt. Das heißt allerdings nicht, dass der Mensch erst gar nicht versuchen sollte, sich der Herausforderung zu stellen. Ganz im Gegenteil: Ortega y Gassetwertet diese unveränderliche Ausgangsbasis nicht unbedingt als etwas Negatives, sondern eher als eine Art Herausforderung, der sich der Mensch stellen muss.[104] Und dabei wird der Mensch fast immer etwas erreichen, wenn auch nicht das, was er sich vorgestellt hat.

Der sich des öfteren auf Schleiermacher (vergleiche Kapitel 3.3)berufende und ebenfalls für eine verfremdende Art des Übersetzens eintretende Ortega y Gassetmacht im Folgenden deutlich, was eine Übersetzungüberhaupt leisten soll. Sie kann nie das Duplikat des Originalssein:

„La traducción no es un doble del texto original; no es, no debe querer ser la obra misma con léxico distinto. Yo diría: la traducción ni siquiera pertenece al mismo género literario que lo traducido. Convendría recalcar esto y afirmar que la traducción es un género literario aparte, distinto de los demás, con sus normas y finalidades propias. Por la sencilla razón de que la traducción no es la obra, sino un camino hacia la obra.“[105]

Die Übersetzungwird demnach als eine eigene literarische Gattung aufgefasst. Des Weiteren macht Ortega y Gassetnachdrücklich darauf aufmerksam, dass eine Übersetzung nie alles in einem Originaltext Vorhandene wiedergeben kann, sondern sich immer nur einer bestimmten Dimension desselben vollständig widmen kann. Deshalb kann es sinnvoll sein, verschiedene Übersetzungen ein und desselben Textes zu machen:

„Es imposible, por lo menos lo es casi siempre, acercarnos a la vez a todas las dimensiones del texto original. Si queremos dar una idea de sus calidades estéticas, tendremos que renunciar a casi toda la materia del texto para transcribir sus gracias formales. Por eso será preciso repartirse el trabajo y hacer de una misma obra traducciones divergentes según las aristas de ella que queramos traducir con precisión.“[106]

Nun aber zu Ortega y Gassets Auffassung von der Arbeit und dem Ansehen des Übersetzers: Er schätzt die Arbeit des Übersetzers als eine intellektuelle Aufgabe allerersten Ranges und unterstreicht,

dass der Kampf des Übersetzers gegen die im Prinzip unlösbare Aufgabe das größte Ansehen verdient:

„No comprendo como cada filólogo no se consider obligado a dejar traducida en esta forma alguna obra antigua. En general, todo escritor debería no menospreciar la ocupación de traducir y complementar su obra personal con alguna versión de lo antiguo, medio o contemporáneo. Es preciso renovar el prestigio de esta labor y encarecerla como un trabajo intelectual de primer orden. Si se hiciese así, llegaría a convertirse el traducir en una disciplina sui generis que cultivada con continuidad segregaría una técnica propia que aumentaría fabulosamente nuestra red de vías inteligentes.“[107]

Im Gegensatz zu der hier dargestellten Hochschätzung des Übersetzers und seiner Arbeit gibt es aber durchaus auch die Geringschätzung. Zumindest die Übersetzer selbst haben manchmal das Gefühl, ihren Arbeiten würde keine ausreichende Anerkennung geschenkt, was auch Dominique Aury im Vorwort zu Georges Mounins Werk Les Problèmes théoriques de la traduction (1963: VII) deutlich macht:

„Dans l’armée des écrivains, nous autres traducteurs nous sommes la piétaille; dans le personnel de l’édition, nous sommes la doublure interchangeable, le besogneux presque anonyme. Sauf en France et en Angleterre quelques honorables exceptions, si la couverture d’un livre traduit porte le nom de l’auteur et le nom de l’éditeur, il faut chercher à la page de titre intérieure, et plus encore face à cette page, tout en haut ou tout en bas, dans le plus petit caractère possible, le mieux dissimulé possible, le misérable nom du traducteur.“

In der Tat ist es so, dass der Name des Übersetzers immer erst lange nach dem des Autors erscheint. Aus unserer heutigen Sicht ist die Arbeit eines Übersetzers allerdings „harte Arbeit“, die neben sprachlichen auch eine Menge anderer Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzt, so z. B. Kulturkenntnisse.[108] Doch zur Zeit Montesquieus (1689-1755) scheint der Übersetzerein ebenso schlechtes Ansehen gehabt zu haben wie ich es mit Hilfe des obigen Zitates zu schildern versucht habe. Denn Montesquieu macht dieselbe schlechte Meinung vom Übersetzer in folgendem Dialog deutlich:

„Il y a vingt ans que je m’occupe à faire des traductions.

- Quoi! Monsieur [...], il y a vingt ans que vous ne pensez pas? Vous parlez pour les autres et ils pensent pour vous.“[109]

Heutzutage sind sich die Übersetzungswissenschaftler allerdings weitgehend darüber einig, dass die übersetzerische Tätigkeit durchaus eine beachtenswerte Arbeit ist. Da wird dem Übersetzerder Status eines „co-auteur“[110], eines „trans-author“[111] oder eines „réécrivain“[112] zugestanden.[113]

Nun möchte ich noch zur Kompetenz des Übersetzers kommen: Schon Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (1772-1801), unterschied in seinem im Jahre 1798 in der Zeitschrift Athenaeum veröffentlichten Beitrag mit dem Titel Blüthenstaub drei Arten von Übersetzungen, denen jeweils spezifische Fähigkeiten von Übersetzern als Voraussetzungen zu Grunde gelegt werden:

1. Die „grammatischen“ oder gewöhnlichen Übersetzungen, die lediglich „diskursive Fähigkeiten“ erfordern.
2. Die „verändernden“ Übersetzungen, für die der Übersetzereinen „höchst poetischen Geist“ haben muss, ja sogar selbst ein Künstler sein sollte. Zu dieser Art von Übersetzungen zählt Novalisauch die französischen.
3. Die „mythischen“ Übersetzungen, die die ideale Art des Übersetzens darstellen, bisher aber noch nicht verwirklicht worden sind.[114]

Unabhängig davon, ob das Ansehen bzw. der Status des Übersetzers eher positiv oder eher negativ ist, befindet er sich doch immer wieder in einer eher zwiespältigen Situation, auf die wir im Laufe unserer Recherchen bereits gestoßen sind. Denn schon auf dem Dolmetscher-Relief in Memphis ist der Übersetzereine Doppelgestalt, die sich den zwei verhandelnden Parteien gleichzeitig zuwendet (vergleiche Kapitel 3.1). Der Übersetzer ist also eine Art „Diener“, wie Katharina Reiß es ausdrückt:

„Wessen Diener? Diener des Autors? Diener des zielsprachlichen Lesers? Diener des Textes? Diener des Auftraggebers? Im Endeffekt also ein Diener vieler möglicher ‘Herren’ mit je anderen Anforderungen und Erwartungen, so daß der arme ‘Diener’ es letzten Endes niemandem recht machen kann.“[115]

Demnach ist der Übersetzer, um mit Wolfram Wilss zu sprechen,„nur begrenzt unabhängig“.[116] Und selbstverständlich ist er nicht nur an den Autor und den Leser, sondern auch an den Auftraggeber, den Übersetzungsauftragalso, gebunden. Dabei sind neben der Sprachkompetenz, die nahezu perfekt sein muss, und den Kulturkenntnissen, die sicherlich zu einem Großteil erlernbar sind, immer auch Kreativität und Intuition im Spiel.[117] Intuition bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht, dass der Übersetzer seine

Entscheidungen nicht kritisch reflektieren und auch verantworten muss. Auch wenn seine Einfälle zunächst intuitiv sind, muss er dennoch alles das rechtfertigen können, wofür er sich letztendlich entscheidet.[118]

Dass der Übersetzernicht nur den ausgangssprachlichen Text verstehen, sondern auch auf dessen Grundlage einen zielsprachlichen Text schreiben können muss, ist eine Tatsache, auf die Fritz Paepckeund Philippe Forget ausdrücklich hinweisen:

„Au confluent d’un exégèse et d’une écriture, le traducteur est le lieu commun d’une compétence à deux termes, la compréhension analytique et la synthèse créatrice, qu’il ressent constamment comme complémentaires mais non corollaires.“[119]

Nach Meinung der zur so genannten Pariser Schulegehörenden Übersetzungswissenschaftler Danica Seleskovitchund Marianne Ledererversucht jeder Übersetzer„le vouloir dire de l’auteur“[120] wiederzugeben. Dabei ist besonders die von ihnen dargestellte „Befreiung von den sprachlichen Strukturen des Ausgangstextes“ erwähnenswert, die sie in Anlehnung an den Vorgang des Dolmetschens fordern, bei dem der verstandene Sinn, nicht aber die ihm zu Grunde liegenden sprachlichen Strukturen im Vordergrund stehen. Der Übersetzer sollte sich ihrer Meinung nach vom Wortlaut des Textes lösen, sobald er den Inhalt völlig verstanden hat, und danach den Sinn des Gesagten wiedergeben, ganz so, wie das auch beim Dolmetschengemacht wird.[121]

3.5 Die Klassik: Herausbildung der Dichotomie Übersetzbarkeit vs. Unübersetzbarkeit

Bisher sind wir stillschweigend davon ausgegangen, dass Übersetzen immer möglich ist, einmal ist das Ergebnis „besser“, einmal „schlechter“. Allerdings hat sich der deutsche Philosoph und Sprachforscher Wilhelm Freiherr von Humboldt(1767-1835) schon im frühen neunzehnten Jahrhundert in der Einleitung zu seiner Übersetzungvon Aeschylos‘ Agamemnon kritisch mit den Themen Spracheund (Un-)Übersetzbarkeitauseinander gesetzt. Zum Thema Sprache sagt er:

„Die Spracheist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache, man kann sich beide nicht identisch genug denken.“[122]

Auf Grund der Tatsache, dass HumboldtSpracheals grundlegendes Element der spezifischen Weltauffassung ansieht, seiner Meinung nach alle Sprachen grundsätzlich verschieden sind und Übersetzungnicht durch bloßes Austauschen von sprachlichen Kodes zu Stande kommt, hält er eine Übersetzung – vor allem von dichterischen Texten – im Prinzip für unmöglich:

„Alles Übersetzenscheint mir schlechterdings ein Versuch zur Auflösung einer unmöglichen Aufgabe. Denn jeder Übersetzermuß immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf Kosten des Geschmacks und der Spracheseiner Nation zu genau an sein Original oder auf Kosten seines Originalszu sehr an die Eigentümlichkeiten seiner Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern geradezu unmöglich.“[123]

Bei Humboldt, der Übersetzung nicht immer für möglich hält, kommt in dieser Aussage neben der Dichotomie Einbürgerung vs. Verfremdung zum ersten Mal auch die Dichotomie Übersetzbarkeit vs. Unübersetzbarkeit zur Sprache, die in der Übersetzungs-wissenschaft bis heute starke Beachtung findet. Letzteres wird auch im Zusammenhang mit Georges-Arthur Goldschmidts und Bernard Lortholarys übersetzungstheoretischen Äußerungen (vergleiche Kapitel 7 und 8) deutlich werden. Wenn sogar in einem Arbeitsbuch Übersetzung, das eigentlich dazu dienen soll, das Übersetzenzu lehren, ein Kapitel mit dem Titel „The limits of translatability“[124] erscheint, sollte uns das doch stutzig machen. Und sogar der uns in dieser Arbeit bereits häufiger begegnete Georges Mouninwidmet einen Großteil seines Buches Les Belles Infidèles (21994) der Dichotomie Übersetzbarkeit vs. Unübersetzbarkeit, indem er im zweiten Kapitel dieses Buches („La traduction est possible“) die Antwort auf die Frage des ersten Kapitels („La traduction est-elle possible?“) gibt. Demnach geht er von prinzipieller Übersetzbarkeit aus, weist aber z. B. darauf hin, dass Unübersetzbarkeit zur Zeit der Belles infidèles häufig etwas mit dem mangelnden Ausdrucksvermögen der französischen Sprachezu tun hatte, die im Gegensatz zum Griechischen und Lateinischen noch relativ „unterentwickelt“ war.[125]

[...]


[1] Hamp; Stenzel; Kürzinger (1998: Gen. 11, 1-9).

[2] Universallexikon (1993: Sprache). Zur Anzahl der Sprachen gibt es unterschiedliche Angaben in den verschiedenen Lexika, je nachdem, was noch als Spracheoder schon als Dialekt angesehen wird. Beachtet wird auch die Tatsache, wie groß die Anzahl der Menschen ist, die eine Sprache sprechen.

[3] Vgl. zu Luthers übersetzungstheoretischen Äußerungen auch Kapitel 3.3.

[4] Vgl. hierzu Wilss(1977: 27).

[5] Vgl. zu den Theorien von Nida und Derrida z. B. Nida (1964) und Derrida (1997a) und Derrida (1997b).

[6] Vgl. hierzu Stolze(21997: 72).

[7] Vgl. hierzu Stolze(1992: 265) und Neubert(1997: 12).

[8] „In effect, one does not translate LANGUAGES, one translates CULTURES.“ Zitat von Casagrande aus dem Jahre 1954; zitiert nach Baker (1996: 13).

[9] Vgl. hierzu Ayad (1980: 24).

[10] Vgl. hierzu Weller (1994: 210).

[11] Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ausführliche Definitionenim Laufe der Arbeit folgen werden.

[12] Vgl. zu Schleiermachers übersetzungstheoretischen Äußerungen auch Kapitel 3.3.

[13] Königs (1979: 3).

[14] Zitiert nach Störig (1963: 39f.). Bei H. J. Störig findet man ein umfassendes Textkorpus zu Fragen der Übersetzungstheorien.

[15] Kade (1981: 199ff.). Vgl. hierzu auch Wilss(1975a: 1).

[16] Zitiert nach Coseriu (1981: 183).

[17] Schwanke (1991: 7).

[18] Vgl. hierzu Gougenheim; Michéa (1968: 89) und Michéa (1968: 93).

[19] Vgl. hierzu Wilss(1989: 9).

[20] Stellvertretend für solche oder ähnliche, immer wieder gestellte Fragen sei an dieser Stelle verwiesen auf Tatilon (1984: 57).

[21] Vgl. hierzu z. B. Königs (1987: 41).

[22] Herders Volkslexikon farbig ( 71966: Übersetzung). (Ü. i. e. S. = Übersetzung im eigentlichen Sinne).

[23] Universallexikon (1993: Übersetzung). (Ü. i. e. S. = Übersetzung im eigentlichen Sinne).

[24] Meyers Lexikon (1993: Übersetzung).

[25] Brockhaus Enzyklopädie (191994: Übersetzung).

[26] Jakobson (1971: 261).

[27] Vgl. hierzu z. B. Koller(1993: 50) und Bassnett(21991: 14).

[28] Vgl. hierzu Knauer (1998: 18).

[29] Zitiert nach Reiss (1990: 40).

[30] Hamp; Stenzel; Kürzinger (1998: Gen. 42, 23).

[31] Vgl. hierzu Stolze(21997: 15).

[32] Vgl. hierzu Schmitt (1982: 96).

[33] Vgl. hierzu Albrecht (1998: 26).

[34] Ebda., 38.

[35] Zitiert nach Albrecht (1998: 27).

[36] Vgl. hierzu Snell-Hornby; Hönig; Kußmaul; Schmitt (21999: 43) und Albrecht (1998: 27).

[37] Albrecht (1998: 37).

[38] Vgl. hierzu Mounin(1967: 23).

[39] Vgl. hierzu Stolze(21997: 14f.).

[40] Ebda., 15.

[41] Albrecht (1998: 28).

[42] In Kapitel 15 werde ich die Interlinearversion zur übersichtlichen Darstellung der zur Analyse stehenden Texte verwenden.

[43] Albrecht (1998: 30f.).

[44] Stolze (21997: 17f.).

[45] Vgl. hierzu Albrecht (1998: 28f.).

[46] Auch heute wird ein längerer Auslandsaufenthalt als eine der besten Möglichkeiten zum Erlernen einer Fremdsprache angesehen.

[47] Vgl. hierzu Snell-Hornby; Hönig; Kußmaul; Schmitt (21999: 40).

[48] Zitiert nach Albrecht (1998: 54). Obgleich die Anhänger einer freien, einbürgernden Übersetzung, bei der die Wirkung auf den Leser gewahrt bleiben soll, diesen Passus als Beleg für ihre Auffassung von Übersetzung angeben, gibt es auf der anderen Seite auch Übersetzungstheoretiker wie Jörn Albrecht, die eine solche Interpretation anzweifeln. Er wirft einerseits die Frage auf, ob es Cicero nicht vielmehr um die Rhetorik ging als um Übersetzungen und bezweifelt andererseits, dass Cicero die obige Übersetzungsmethode für die einzig richtige hielt. Albrecht ist der Meinung, Cicero habe die Entscheidung über die zu verwendende Übersetzungsmethode immer in Abhängigkeit von der Textsorte getroffen. Vgl. hierzu Albrecht (1998: 54ff.).

[49] Vgl. hierzu Mounin(1967: 24).

[50] Zitiert nach Albrecht (1998: 62).

[51] Macheiner (1995: 212).

[52] Vgl. hierzu z. B. Hönig (1995: 25).

[53] Vgl. hierzu Henschelmann(1993: 15f.).

[54] Nähere Erläuterungen würden an dieser Stelle zu weit führen, lassen sich aber in Albrecht (1998: 63ff.) und Wilss (1977: 104ff.) nachlesen.

[55] Albrecht (1998: 67).

[56] Zitiert nach Dedecius (1986: 92).

[57] Vgl. hierzu Albrecht (1998: 59).

[58] Horazspielt in seiner Epistula ad Pisones, die heute allgemein unter dem Namen De arte poetica bekannt ist, auf die bereits behandelte Cicero-Stelle an, als er schreibt: „Nec verbum verbo curabis reddere fidus interpres.“ Zitiert nach Mounin (1967: 24). Horaz merkt also an, dass ein gewissenhafter Übersetzer ein Wort durch das andere ersetzt. Ob dieses allerdings als Verpflichtung zur Treue gegenüber dem Original aufgefasst werden kann, wie es z. B. von Hieronymus gemacht wird, ist fraglich. Horaz sagt nämlich weder, dass das wörtliche Übersetzen zu tadeln sei, noch, dass es dieses zu loben gelte.

[59] Zitiert nach Dedecius (21986: 92).

[60] Vgl. hierzu auch Frank (1998: 19).

[61] Zitiert nach Albrecht (1998: 60).

[62] Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass zu dieser Zeit noch nicht zwischen dem Dolmetschenals mündlichem Transferzwischen zwei Sprachen und dem Übersetzenals schriftlichem Transfer unterschieden wurde.

[63] Ein umfassendes Textkorpus (nicht nur zu Luther) findet sich z. B. bei Lefevere (1992).

[64] Vgl. hierzu auch Mounin(1967: 31).

[65] Luther (1951:16). Zu seiner Rechtfertigung führt Luther zahlreiche Beispiele an, deren Erläuterung hier zu weit führen würde, zu denen man aber z. B. auch Informationen bei Wilss (1982: 31ff.) findet.

[66] Vgl. hierzu z. B. Apel(1983: 40).

[67] Mounin(1967: 32).

[68] Ebda., 32.

[69] Albrecht (1998: 76).

[70] Vgl. hierzu Stackelberg (1988: 17).

[71] Zitiert nach Stackelberg (1988: 18).

[72] Ebda., 19.

[73] Zitiert nach Stackelberg (1988: 16) und Stackelberg (1988: 20).

[74] Vgl. hierzu Mounin(21994: 56).

[75] Vgl. hierzu Stackelberg (1988: 19).

[76] Vgl. zu Kollers Übersetzungstheorie auch Kapitel 4.3.

[77] Koller(51997: 196).

[78] Albrecht(1987: 13f.).

[79] Ebda., 14.

[80] Vgl. hierzu Koller(51997: 196ff.). – Meine Hervorhebung.

[81] Zitiert nach Albrecht (1998: 69).

[82] Zitiert nach Mounin(21994: 62).

[83] Stackelberg (1988: 20).

[84] Vgl. hierzu Stackelberg (1988: 21). An dieser Stelle sollte auch auf die französischen Dichter und Übersetzer Etienne Dolet (1509-1546) und Joachim Du Bellay (1522-1560) verwiesen werden. Letzterer erläutert in seiner Schrift Deffence et Illustration de la Langue Françoyse das Ziel, das die Übersetzung seiner Meinung nach verfolgen sollte: die Bereicherung seiner Muttersprache. Die Bildungsfähigkeit der französischen Sprache ist es, die bei ihm im Vordergrund steht. Seiner Ansicht nach kann der Sprache durch nachahmende Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen zu eigenem Ruhm und Vollkommenheit verholfen werden (imitatio -Lehre). Ebenso wie Du Bellay zählt auch Etienne Dolet die Übersetzungen zu den literarischen Gattungen. Nähere Erläuterungen würden hier zu weit führen, können aber in folgenden Werken nachgelesen werden: Norton (1987); Mounin (1967); Albrecht (1998) und Aschenberg (1994).

[85] Vgl. hierzu Stackelberg (1988: 22).

[86] Stackelberg (1988: 22).

[87] Vgl. ebda., 23.

[88] Zitiert nach Stackelberg (1988: 24).

[89] Zitiert nach Stackelberg (1988: 25).

[90] Ebda., 24ff.

[91] Zitiert nach Stackelberg (1988: 28).

[92] Nähere Erläuterungen hierzu finden sich z. B. bei Störig (1963: 35ff.).

[93] Zitiert nach Störig (1963: 35).

[94] Zitiert nach Störig (1983: 47).

[95] Vgl. zu Benjamins Übersetzungstheorie auch Kapitel 3.6.

[96] Zitiert nach Störig (1963: 192).

[97] Der Franzose Jean-René Ladmiral, der einen sprachphilosophischen Ansatz in der Übersetzungswissenschaft liefert, unterscheidet zwischen sourciers und ciblistes, eine Differenzierung, die durchaus im Zusammenhang mit den beiden Übersetzungsmethoden Einbürgerung und Verfremdung gesehen werden kann. Nähere Erläuterungen hierzu und zu seiner Übersetzungstheorie findet man z. B. in Ladmiral (1993) und Ladmiral (1987).

[98] Koller (1981: 368). Vgl. zu Kollers Übersetzungstheorie auch Kapitel 4.3.

[99] Dedecius (21986: 102). Vgl. zu Herders Übersetzungstheorie auch Huyssen (1969: 33ff.).

[100] Zitiert nach Störig (1963: 98).

[101] Vgl. hierzu Huyssen (1969: 37f.).

[102] Störig (1963: 98f.).

[103] Ortega y Gasset(1983: 433).

[104] Vgl. hierzu auch Gil (1999: 61).

[105] Ebda., 449.

[106] Ebda., 450.

[107] Ebda., 452. Vgl. auch Schmitt (1981: 151).

[108] Vgl. hierzu z. B. Wilss(1992: 1ff.).

[109] Zitiert nach Garnier (1985: 7).

[110] Ladmiral(1994: 22).

[111] Santoyo (1990: 97).

[112] Lederer; Israël (1991: 32).

[113] Vgl. hierzu z. B. auch Briselance (1991: 153).

[114] Vgl. hierzu Störig (1963: 33).

[115] Reiß(1988: 67).

[116] Wilss(1988b: 12).

[117] Wilss(1992: 1ff.).

[118] Vgl. hierzu z. B. Stolze(21997: 255ff.).

[119] Paepcke; Forget (1981: 20).

[120] Seleskovitch; Lederer(1984: 23).

[121] Ebda., 8f.

[122] Zitiert nach Stolze(21997: 27).

[123] Zitiert nach Stolze(21997: 28).

[124] Smith; Klein-Braley (21989: 87).

[125] Vgl. hierzu Mounin(21994: 21).

Ende der Leseprobe aus 209 Seiten

Details

Titel
Traduire – Übersetzen. Übersetzungstheorien aus linguistischer Sicht am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
209
Katalognummer
V117918
ISBN (eBook)
9783640213986
ISBN (Buch)
9783640214099
Dateigröße
1591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traduire, Georges-Arthur, Goldschmidt, Übersetzung, Übersetzungstheorien, übersetzen, Linguistik, Kafka, Prozeß, Lortholary, Semantisches Netz, Übersetzungsanalyse
Arbeit zitieren
Dr. phil. Birgit Lonnemann (Autor), 2000, Traduire – Übersetzen. Übersetzungstheorien aus linguistischer Sicht am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117918

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