Als Gegenstand der Übersetzungswissenschaft dient – wie der Name schon sagt – die Übersetzung. Im Deutschen und im Französischen, den beiden Sprachen, mit denen ich mich vorwiegend befasse, sind die Begriffe Übersetzung bzw. traduction doppeldeutig. Diese werden einerseits zur Bezeichnung des Prozesses, andererseits zur Bezeichnung des Produktes verwendet. Für die Übersetzungswissenschaft bedeutet dies, dass sie zum einen eine prospektive Wissenschaft ist, die Prozessforschung betreibt, zum anderen eine retrospektive, die sich mit Ergebnisforschung befasst.
Da sich Übersetzungen nicht durch den bloßen Austausch von Wörtern verschiedener Sprachen bewerkstelligen lassen, sondern neben Denotationen und Konnotationen auch kultur- oder regionalspezifische Bedeutungen von Wörtern, Polysemien und Falsche Freunde zu bedenken sind, wundert es nicht, dass immer wieder Neuübersetzungen angefertigt werden, die die Frage nach dem Unterschied zwischen ewig jungen Originalen einerseits und alternden Übersetzungen andererseits aufwerfen.
Im ersten Teil meiner Arbeit widme ich mich in erster Linie den Übersetzungstheorien, um einen theoretischen Rahmen für den zweiten Teil meiner Arbeit abstecken zu können. Dort steht Georges-Arthur Goldschmidts Übersetzung von Kafkas Proceß im Vordergrund. Sie dient, im Vergleich mit weiteren Übersetzungen, als Grundlage für die Erstellung eines semantischen Netzes nach Gerzymisch-Arbogast & Mudersbach (1998).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Teil I
2. Definitionen
3. Geschichtliches – Herausbildung übersetzerischer Grundkonzeptionen
3.1 Die Anfänge
3.2 Die Antike: Herausbildung der Dichotomie frei vs. wörtlich
3.3 Die Renaissance: Herausbildung der Dichotomien Einbürgerung vs. Verfremdung und Übersetzung vs. Bearbeitung
3.4 Die Romantik: Herausbildung der Dichotomie Geringschätzung vs. Hochschätzung des Übersetzers
3.5 Die Klassik: Herausbildung der Dichotomie Übersetzbarkeit vs. Unübersetzbarkeit
3.6 Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Herausbildung der Dichotomie: Alternde Übersetzungen vs. ewig junge Originale
4. Übersetzungstheorien
4.1 Den Transfer im Blickfeld
4.2 Das Sprachenpaar im Blickfeld
4.3 Den Text im Blickfeld
4.4 Das Handeln im Blickfeld
4.5 Den Übersetzer im Blickfeld
4.6 Die Methode im Blickfeld
4.7 Die Disziplin im Blickfeld
4.8 Fazit
Teil II
5. Begründung der Textauswahl
6. Georges-Arthur Goldschmidt: Leben und Werk
6.1 Stammbaum
6.2 Biographie
6.3 Werke
7. Georges-Arthur Goldschmidt – der „Komplize des Autors“
8. Bernard Lortholary – der „Anwalt des Lesers“
9. Franz Kafka im Spiegel der Übersetzungen
9.1 Sprachliche Besonderheiten bei Franz Kafka
9.2 Franz Kafka und seine französischen Übersetzer Goldschmidt und Lortholary
9.2.1 Franz Kafka und Georges-Arthur Goldschmidt
9.2.2 Franz Kafka und Bernard Lortholary
10. Inhalt des Romans Der Proceß
11. Übersetzungsanalyse
11.1 Syntax
11.2 Lexik
11.3 Wiederholungen
11.4 Partikeln
11.5 Auswertung der Analyseergebnisse
12. Semantisches Netz
13. Schlussbemerkung
14. Bibliographie
15. Texte
16. Personen- und Sachregister
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Übersetzungstheorien aus linguistischer Perspektive und vergleicht sie anhand der französischen Übersetzungen von Franz Kafkas Roman "Der Proceß" durch Georges-Arthur Goldschmidt und Bernard Lortholary. Das Ziel ist es, zu analysieren, wie theoretische Ansätze in der praktischen Übersetzungsarbeit umgesetzt werden und ob sich Unterschiede in der Methodik, Lexik und Syntax zwischen den beiden Übersetzern feststellen lassen.
- Historische Entwicklung übersetzerischer Grundkonzeptionen und Dichotomien
- Analyse moderner Übersetzungstheorien und deren Anwendung in der Praxis
- Biographische Hintergründe von Georges-Arthur Goldschmidt und deren Einfluss auf sein Werk
- Synchroner Vergleich der Übersetzungen von Kafkas "Der Proceß" (Goldschmidt vs. Lortholary)
- Untersuchung von sprachlichen Besonderheiten und Übersetzungsstrategien (Syntax, Lexik, Partikeln)
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Anfänge
Eines der frühesten Zeugnisse des Dolmetschens finden wir im Alten Testament der Bibel. Joseph, der Sohn Jakobs, den seine Brüder einst als Sklaven nach Ägypten verkauft hatten, wird von diesen bei seiner Rückkehr nicht erkannt, als er mit ihnen über Getreidelieferungen verhandelt, denn „[...] es war ein Dolmetscher zwischen ihnen.“
Genau sind die Ursprünge des Übersetzens und Dolmetschens nicht festzulegen. Nach unterschiedlichen Angaben gehen sie bis ins dritte oder vierte Jahrtausend vor Christus zurück. Man muss allerdings annehmen, dass übersetzt wird, seit Menschen die Mehrsprachigkeit wahrgenommen haben.
Im alten Ägypten war es der Gott Thot, der für Sprachen und Sprachmittlung zuständig war. In ihm meinten die Griechen den Götterboten und Viehdieb Hermes wieder zu erkennen. Es hat viele etymologische Spekulationen über den Zusammenhang zwischen Hermes und dem griechischen Wort hermeneuo mit der Bedeutung „auslegen, dolmetschen“ gegeben. Tatsache ist, dass Hermes von hermaion abgeleitet wird, was ‘Steinhaufen’ bedeutet. Trotz der Ähnlichkeit von Hermes und hermeneuo gibt es daher keine etymologische Verwandtschaft, auch wenn dieses sehr naheliegend scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, die Bedeutung der Übersetzungswissenschaft sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit.
2. Definitionen: Zusammenstellung verschiedener Lexika-Definitionen, um den Begriff der Übersetzung im Hinblick auf die linguistische und philologische Verwendung zu präzisieren.
3. Geschichtliches – Herausbildung übersetzerischer Grundkonzeptionen: Historischer Überblick über die Entwicklung grundlegender Konzepte und Dichotomien (frei vs. wörtlich, Einbürgerung vs. Verfremdung) von der Antike bis zum 20. Jahrhundert.
4. Übersetzungstheorien: Detaillierte Darstellung moderner theoretischer Ansätze, einschließlich transferorientierter, texttypologischer und handlungsorientierter Modelle sowie deren Einordnung in die Disziplin.
5. Begründung der Textauswahl: Erläuterung der Auswahl von Kafkas "Der Proceß" für die praktische Analyse und Begründung des Vergleichs zwischen den Übersetzungen von Goldschmidt und Lortholary.
6. Georges-Arthur Goldschmidt: Leben und Werk: Biographische Darstellung des Autors und Übersetzers, seine Herkunft und die Bedeutung der Sprachen für seine schriftstellerische Tätigkeit.
7. Georges-Arthur Goldschmidt – der „Komplize des Autors“: Analyse von Goldschmidts eigenem Verständnis seiner Arbeit und seiner sprachtheoretischen Äußerungen zur engen Anbindung an den Originaltext.
8. Bernard Lortholary – der „Anwalt des Lesers“: Porträt des Übersetzers Lortholary und Darstellung seines theoretischen Konzepts, das besonders die Bedeutung des Kontexts betont.
9. Franz Kafka im Spiegel der Übersetzungen: Diskussion der sprachlichen Besonderheiten Kafkas (Distanzsprache, Unbestimmtheit, Metaphorik) und deren spezifische Anforderungen an den Übersetzer.
10. Inhalt des Romans Der Proceß: Grobe inhaltliche Zusammenfassung des Romans, um die analysierte "Türhüterlegende" in den notwendigen Kontext zu setzen.
11. Übersetzungsanalyse: Kern der Arbeit: Detaillierter Vergleich der Übersetzungen hinsichtlich Syntax, Lexik, Wiederholungen und Partikeln.
12. Semantisches Netz: Anwendung der Relatra-Methode zur Veranschaulichung der informativen Strukturen in den Ausgangs- und Zieltexten.
13. Schlussbemerkung: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf die zukünftige Relevanz von Humanübersetzungen in einer technisierten Welt.
Schlüsselwörter
Übersetzungswissenschaft, Translation, Georges-Arthur Goldschmidt, Bernard Lortholary, Franz Kafka, Der Proceß, Übersetzungstheorie, Texttypologie, Äquivalenz, Sprachmittlung, Literaturübersetzung, Semantisches Netz, Linguistik, Interdisziplinarität, Wortwahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Übersetzungstheorien unter linguistischen Gesichtspunkten und prüft deren praktische Anwendung durch den direkten Vergleich von zwei französischen Kafka-Übersetzungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Das Spektrum reicht von der historischen Entwicklung übersetzerischer Grundkonzepte über moderne linguistische Translationstheorien bis hin zur konkreten Analyse von Stilmitteln wie Syntax, Lexik und Partikelgebrauch in literarischen Texten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz oder Harmonie zwischen den theoretischen Übersetzungsansätzen der Übersetzer und ihrer tatsächlichen Praxis bei einem hochkomplexen Autor wie Franz Kafka aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Neben der deskriptiven Analyse von Übersetzungsprozeduren nutzt die Arbeit die "Relatra-Methode" (semantische Netze) nach Gerzymisch-Arbogast und Mudersbach, um die informativen Strukturen der Texte vergleichend darzustellen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Teil I widmet sich den theoretischen Grundlagen, während Teil II die konkrete Analyse der Übersetzungen von Georges-Arthur Goldschmidt und Bernard Lortholary inklusive biographischer Einordnung vornimmt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Begriffe Übersetzungswissenschaft, Translationstheorie, interkultureller Transfer, Äquivalenzproblematik und vergleichende Textanalyse aus.
Welche Rolle spielt Franz Kafkas Sprache für die Untersuchung?
Kafkas spezifische Bildhaftigkeit und die sparsame Interpunktion stellen die Übersetzer vor besondere Herausforderungen, die in der Arbeit als "Distanzsprache" und "Protokollsprache" analysiert werden.
Warum ist der Vergleich zwischen Goldschmidt und Lortholary so aufschlussreich?
Beide Übersetzer verfolgen unterschiedliche Ansätze – Goldschmidt identifiziert sich extrem mit dem Autor ("Komplize des Autors"), während Lortholary stärker die Vermittlerrolle für den Leser einnimmt ("Anwalt des Lesers").
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- Dr. phil. Birgit Lonnemann (Autor:in), 2000, Traduire – Übersetzen. Übersetzungstheorien aus linguistischer Sicht am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117918