Deutsche und Spanier. Kollektive Identitäten, Selbstbilder und Fremdwahrnehmungsmuster


Diplomarbeit, 2008
100 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische und methodische Überlegungen
1.1 Fremdwahrnehmungsmuster
1.2 Identitätsbegriff
1.3 Nationale Identitäten
1.4 Kollektive Identitäten
1.5 Selbst- und Fremdbilder Darstellender Teil

2. Selbstbilder
2.1 „Typisch deutsch“ – über Ticks und Tugenden der Teutonen
2.2 „Typisch spanisch“ – über Ticks und Tugenden der Iberer

3. Typisierende Bilder
3.1 Typisierende Bilder in Deutschland – Michel, Faust, Siegfried und der Baron von Münchhausen
3.2 Typisierende Bilder – Don Quijote, Don Juan, .. Celestina, Carmen und der Torero (Stierkämpfer)

4. Fremdwahrnehmungen
4.1 Das Bild der Deutschen im Ausland
4.2 Spaniens Wahrnehmung von Deutschland
4.3 Das Bild der Spanier im Ausland
4.4 Deutschlands Wahrnehmung von Spanien

5. Kollektive Identitäten und Tugenden auf dem Prüfstand
5.1 Fleiß und Arbeit
5.2 Freizeit, Klima und Siesta
5.3 Individualismus
5.4 Regionalismus und Heimat
5.5 Nationalstolz
5.6 Familie
5.7 Religion

6. Resümee: Spanien ist anders – Deutschland auch!

Anhang I

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1-1: "Kurtze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und ihren Aigenschaftten", Steiermark, Anfang 18. Jahrhundert (Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien)

Abbildung 4-1: Karikatur „typischer Deutscher“

Abbildung 4-2: Flamenco und Stierkampf in Spanien

Abbildung 4-3: Der typische Spanier

Abbildung 4-4: Geburtenziffern im europäischen Vergleich 1980 und 2002 (Kinder pro Frau),

Abbildung 4-5: Anteil der außerehelichen Lebendgeborenen im internationalen Vergleich 1980 und 2002 (pro 100 Lebendgeborene)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1-1: Eigene Darstellung und Übertragung aus der Völkertafel Abbildung 1-1.

Tabelle 2-1: Eigene Darstellung, „Was halten Deutsche für ihre besten und schlechtesten Eigenschaften“

Tabelle 5-1: Eigene Darstellung, „Urlaubs- und Feiertage im internationalen Vergleich“

Tabelle 5-2: Eigene Darstellung „Lebenszufriedenheit“

Tabelle 5-3: Eigene Darstellung, „Wie stark verbunden fühlen Sie sich mit der EU, ihrem Land, ihrer Region, ihrem Dorf/Stadt?

Tabelle 5-4: Eigene Darstellung, „Grad des Zugehörigkeitsgefühls in Prozent- angaben“

Tabelle 5-5: Eigene Darstellung, „Nationalstolz in Abhängigkeit vom Bildungsstandard, vom Alter und Geschlecht“

Tabelle 5-6: Eigene Darstellung:„Struktur der spanischen Bevölkerung nach Altersgruppen“

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, was sich in den Fremdwahr- nehmungsbildern und in den eigenen Selbstbildern widerspiegelt. Sagen diese nicht viel über das eigene Empfinden aus und geben ebenfalls eine Wertigkeit preis? Wa- rum nehmen wir die andere Nation so wahr, wie wir es tun? Und welche Rolle spie- len kollektive Identitäten?

Die Abhandlung soll einen Zugang zur kulturellen Vielfalt Spaniens geben und das Verstehen von Alltag, von Handeln, Fühlen und Denken seiner Menschen ermögli- chen. Zugleich soll die Arbeit auch die deutsche Identität näher beleuchten und Ge- meinsamkeiten zur spanischen herausstellen. Woher kommen diese Klischees und Bilder – und vor allem: Stimmen diese überhaupt mit der Wirklichkeit überein? Ist es nicht vielmehr so, dass man in den letzten Jahren einen Wertewandel sowohl in Deutschland als auch in Spanien feststellen konnte und die beiden Nationen sich in ihrer Basis und ihren Grundzügen doch sehr gleichen? Sind Parallelen in den Berei- chen Kirche und Glauben, Familie und Freunde, Arbeit und Freizeitstatus nicht of- fensichtlich? Wenn dies so ist, warum existieren verschiedene Fremdwahrnemungs- muster und hartnäckige Vorurteile? Die Herausforderung eines solchen Vergleiches birgt besondere Schwierigkeiten zwischen wissenschaftlichem Anspruch und breiter Rezitierbarkeit. Es fällt schwer, in einem Text die kollektiven Identitäten, die Selbst- bilder und Fremdwahrnehmungsmuster eines ganzen Landes zu beschreiben, ohne zu verallgemeinern, denn jedes der beiden zu vergleichenden Länder unterscheidet sich zusätzlich noch durch den Einfluss und die Persönlichkeit ihrer spezifischen Regio- nen. So wird ein Bayer Gemütlichkeit anders definieren als ein Schwabe. Ein Baske wird ebenfalls anders über Regionalismus denken als ein Andalusier. „ Ohne stereo- type Muster wären wir unfähig, uns in unserer sozialen Umwelt zu bewegen. Wenn wir nicht über einen Vorrat gesellschaftlich vorgeprägter Perzeptions-, Urteils- und Handlungsmuster verfügten, wären wir unfähig, auch nur über die Straße zu ge- hen.[1]

Der theoretische Teil dieser Arbeit soll zeigen, wie solche geistigen Konstrukte zu- stande kommen und welche Bedeutung sie beim Entstehen von Bildern anderer Nati- onen haben. Um Identitäten von Nationen zu beschreiben und diese vergleichen zu können bzw. kollektive Identitäten herauszustellen, müssen all jene Bereiche be- leuchtet werden, die einen bestimmten Einfluss auf die Ausprägung nationaler Ei- genarten haben. Hierbei sind besonders historische Prozesse und Ereignisse, die das nationale Bewusstsein geprägt haben, sowie kulturelle Werte und konkrete Lebensbe- reiche als auch soziale Strukturen von besonderer Bedeutung. Um ein facettenreiches Bild einer vielschichtigen Gesellschaft zu erhalten, müssen mehrere Merkmale be- sondere Berücksichtigung finden.[2] Im Einzelnen wird der Blick auf die Einstellung der deutschen und spanischen Bevölkerung gerichtet. Hierbei werden die verschiede- nen Verhaltensdispositionen, die von den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verhältnissen und internationalen Problemen beeinflusst sind, genauer betrachtet. Auch soll auf die gewachsenen spezifischen Persönlichkeitsmerkmale näher einge- gangen werden.[3] Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird versucht, den Begriffen der Identität gerecht zu werden und ihre Entstehung in Deutschland und Spanien näher zu beleuchten. Es soll aufgezeigt werden, auf welche Weise Typisierungen zustande kommen und welche Funktion sie haben. In einem weiteren Schritt werden Überle- gungen zum Nationalbewusstsein in Deutschland und Spanien angestellt. Danach erfolgt eine Beschreibung der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Deutschen und Spaniern. Im darstellenden Teil werden die Selbstbilder und typisierenden Bilder so- wie die Fremdwahrnehmungen weiter spezifiziert. Abschließend befinden sich die kollektive Identitäten und Tugenden auf dem Prüfstand. Diese sollen anhand von Studien und Meinungsumfragen analysiert werden und auf ihre heutige Aktualität untersucht werden.

1. Theoretische und methodische Überlegungen

Mit Begriffen zu operieren, wie sie im Titel dieser Diplomarbeit stehen, weckt ge- wisse ambivalente Gefühle. „Kultur“, „Identität“, „Selbstbilder“ und „Fremdwahr- nehmungen“ – dies sind jedes für sich Codeworte des Zeitgeistes. Eine Aussage über die Mentalität eines Volkes zu treffen ist nicht einfach, denn für nahezu alles, was nationaltypisch sein soll, lassen sich Gegenbeispiele anführen. Kann die Beschrei- bung von typischen Merkmalen anhand von empirischen Befunden untermauert wer- den, so haftet jedem Versuch zu erklären, weshalb ein Volk zu dem wurde, was es ist, etwas Spekulatives an. Selbst, wenn man die komplette Bevölkerung einer Nation einzeln befragen und ihre Selbstcharakteristik statistisch auswerten würde, wäre man noch immer nicht sicher, ob sie wirklich so ist, wie sie sich einschätzet. Und doch ist fast jeder davon überzeugt, dass nationale Eigentümlichkeiten des Verhaltens und der Wertsetzung vorhanden sind.

Bei den Deutschen kommt ein besonderes Problem hinzu, denn sie haben sich von ihrer Geschichte vor 1945 entschiedener getrennt als die übrigen europäischen Natio- nen.[4] Jeder, der als Fremder auf ein Land blickt, konstruiert sich sein Wunsch-Land und verbindet es mit seinen individuellen Wünschen und Vorstellungen. Hierbei ist noch zu beachten, dass ein Deutscher sicherlich ein anderes Bild von Spanien hat als zum Beispiel ein Franzose. Ein Spanier wird Deutschland ebenfalls mit anderen Au- gen sehen als ein Brite. Über Jahrzehnte hat man das Deutschlandbild der Spanier und das Spanienbild der Deutschen gesucht. Touristen, Gastarbeiter, Geschäftsleute und Sportinteressierte machen sich ständig ein Bild vom anderen Land oder haben sich bereits ein Urteil über die Eigentümlichkeiten des Anderen gebildet.

Heute ist man sich ei]nig, dass Bilder nicht einfach entstehen, vielmehr weiß man, dass sich die Spanier ihre Deutschlandbilder selbst entwerfen, wie umgekehrt die Deutschen sich ihre Spanienbilder konstruieren. Die oft thematisierten Stereotype fungieren dabei als Filter. Dirschel stellt heraus, das die Wahrnehmung des Anderen demnach eine mentale Konstruktion des Anderen ist. Durch die Begriffe „Wahrneh- mung“ und „Perzeption“ des Fremden können neue Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich die verschiedenen Nationen sehen und sich gegenseitig wahrneh- men. Durch die Perzeption des Andern wird immer auch das Eigene mitartikuliert.[5] So gibt der Deutsche bei seiner Sicht über die Spanier immer auch etwas von seinem Selbstbild preis und andersherum. Der Eindruck, den wir von einem andern Land ha- ben, kann jedoch nicht pauschalisiert werden und hat daher keine allgemeine Gültig- keit. So wird ein spanischer Kellner auf Mallorca oder am Strand von Benidorm ein anderes Deutschlandbild haben als ein Schriftsteller oder Geschäftspartner. Im Fol- genden sollen Wahrnehmungsmuster und Wahrnehmungsstrategien, sowie die Beg- riffe “Identität“, „Selbstbild“ und „Fremdwahrnehmungsmuster“ näher erläutert wer- den. Diese sollen dabei behilflich sein, die Entstehung von (spanischen) Deutsch- landbildern – oder besser: Die Perzeption von Deutschland – vorzustellen. Ebenso wie die (deutschen) Spanienbilder bzw. die Perzeption von Spanien.

1.1 Fremdwahrnehmungsmuster

Was sind Fremdwahrnehmungsmuster und warum ist ihre Erforschung und genaue Beobachtung so wichtig für ein Land? Bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann das wissenschaftliche Interesse an der Entstehung und Wirkung von nationa- len Fremd- und Eigenbildern. Am Anfang waren die Forscher davon überzeugt, dass es eindeutige Unterschiede zwischen den Nationen und daher auch klare „National- charaktere“ gebe.[6] Die ersten „Völkertafeln“ entstanden sogar bereits zu Anfang des 18. Jahrhundert. In diesen wurden Spanier, Franzosen, Italiener (Welsche), Deutsche, Engländer, Schweden, Polen, Ungarn, Russen (Moskowiter), Türken und Griechen nach angeblich völkertypischen Merkmale klassifiziert (siehe Völkertafel auf der nachfolgenden Seite).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1-1: "Kurtze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und ihren Aigenschaftten", Steiermark, Anfang 18. Jahrhundert (Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien)

Quelle: Margarete Payer in http://www.payer.de/kommkulturen/kultur01.htm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1-1: Eigene Darstellung und Übertragung aus der Völkertafel Abbildung 1-1

Quelle: Völkertafel siehe Abbildung 1-1

So kann gesagt werden, dass sich Fremdwahrnehmungsmuster mit Hilfe von Stereo- typen erklären lassen. Hierbei handelt es sich laut dem Begründer der Stereotypenfor- schung Lippmann um „Bilder in unseren Köpfen“.[7] Der aus der Drucktechnologie entlehnte Ausdruck wurde 1922 in den sozialen und kultur-wissenschaftlichen Dis- kurs eingeführt. In der Drucktechnik wird mit „Stereotypie“ das Verfahren bezeich- net, bei dem Letternsatz oder Bilddruckstöcke in Matrizen aus weicher Papiermasse abgeprägt werden, von diesen können dann Bleidruckplatten in großer Anzahl gegos- sen werden.[8] Der Bezugspunkt zu bestimmten Wahrnehmungen, Meinungen und Ur- teilen ist, dass sie entsprechend vervielfältigt und der Wirklichkeit aufgepresst wer- den. Dabei handelt es sich nicht immer um Negativbilder oder Vorurteile gegenüber anderen Nationen, denn grundsätzlich ist der Stereotypenbegriff nach der Sichtweise des Beschreibenden und nach der Art des Bezuges zu unterscheiden.

Kulturelle Eigen- oder Fremdbilder werden nach der Sichtweise getrennt, also nach „Auto-“ und „Heterostereotypen“. Beide können sowohl abfällig bis diskriminieren- de als auch positive und wohlmeinende Aspekte zum Ausdruck bringen. Stereotypen unterscheiden sich in der Art des Bezuges dadurch, ob sie Wertungen des Anderen vornehmen (wie beispielsweise: “Der Spanier ist stolz!“), oder ob sie ein bestimmtes kulturelles Artefakt zum Inbegriff des jeweiligen Landes, Volkes usw. schematisieren (so zum Beispiel, wenn unter Spanien immer zuerst „Sonne und Strand“ verstanden wird). Beide Varianten haben eines gemein, sie stilisieren und reduzieren das Be- schriebene auf wenige Merkmale, zudem sind sie äußerst resistent gegen jegliche Art von Veränderungen.[9]

Autostereotype hingegen sind häufig selbstkritischer, sie karikieren und übertreiben eigene Schwächen stärker als Heterostereotype dies tun. Im Allgemeinen stellen Au- tostereotype Bilder dar, die man über die eigene Kultur hat oder von denen man meint, dass Kulturfremde die eigene Kultur so sehen. Hetereostereotype hingegen sind meist als Stereotype verstandene Bilder über fremde Kulturen. „ Diese Unter- scheidung zwischen den beiden Blickwinkeln verdeutlicht die Relativität, die bei Ste- reotypen inhärent ist. Ein Mitglied einer eher unpünktlichen Kultur wird für eine an- dere eher unpünktliche Kultur nicht den Stereotyp „unpünktlich“ benutzen.“[10]

Mit Hilfe von Stereotypen können somit wichtige soziale Funktionen abgegrenzt werden. Sie ermöglichen die Untersuchung selektiver Strategien im Wahrnehmungs- prozess. Des Weiteren erleichtert das Denken in Stereotypen den Umgang mit der enormen Komplexität der auf einen Menschen einströmenden Eindrücke. Sie dienen somit als Konstrukte, die helfen sollen, das Bild von der Wirklichkeit zu ordnen.[11] Auf der einen Seite bildet die Verwendung von Stereotypen eine kulturelle Konstan- te, d. h. es wird kaum eine Gesellschaft geben, die sich von ihren Nachbarn oder an- deren Nationen kein (in der Regel negatives) Bild gemacht hätte. Auf der anderen Seite dienen Stereotypen als Denkhilfe, d. h. sie wollen das Verstehen des Fremden vereinfachen. Dies geschieht, indem sie das eigene Kategoriensystem und Denkmus- ter anpassen, durch diesen Vorgang geht jedoch die Komplexität des Beschriebenen verloren.[12]

Bei dieser Ausarbeitung wird auf einige Stereotype näher eingegangen, ebenso wird versucht, Vorurteile und Images herauszuarbeiten. Im Gegensatz zu Stereotypen ist das Image wesentlich individueller geprägt. Dieses kann auch Einzelbeobachtungen oder originelle Vorstellungen über das jeweilige andere Land enthalten. Der Begriff „Image“ erweitert somit die individuellen Sichtweisen, die nicht von einer Mehrheit getragen werden müssen. Wie bereits erwähnt hängen viele Einstellungen und Bilder auch mit Vorurteilen zusammen. Diese unterscheiden sich vom Image und Stereoty- pen vor allem durch seinen Realitätsbezug. Vorurteile ergeben sich aus einer Verbin- dung von – meist negativen – Gefühlsurteilen. Diese wiederum werden mit verschie- denen Eigenschaften auf eine Gruppe von Menschen projiziert.[13] Sie stellen somit gewissermaßen eine Steigerung von Stereotypen dar. Während mit der Bezeichnung „Stereotyp“ auch eigentümliche Harmlosigkeiten in Verbindung gebracht werden, sind Vorurteile oft Elemente von Feindbildern.[14] Die Festschreibung der deutschen sowie der spanischen Eigenarten, wie sie von außen herangetragen oder im Inneren erfunden wurden, entbehren jeder Überzeugungskraft, wenn man diese erst einmal näher beleuchtet. „Spanien ist anders“ – ist eines dieser kulturellen Phänomene, wel- ches aufschlussreich ist und einer näheren Betrachtung bedarf. Vor diesem Hinter- grund sind auch andere nationale Identitätskonstituierungen zu verstehen.

In der vorliegenden Arbeit wird darüber hinaus versucht auf den nationalen Charakter Spaniens, anhand einiger fiktiver Figuren, einzugehen. Hierbei werden zum Beispiel „Don Quijote“ – als Mischung von gescheitertem Idealismus – „Don Juan“ – mit sei- nem undisziplinierten Individualismus und die egoistische, sich gegen die Interessen der Gemeinschaft bereichernde „Celestina“ – näher betrachtet. Aber auch das Bild der rebellischen Frauenfigur „Carmens“ und der anmutende Stierkämpfer, beides Er- scheinungen, die als stereotype Spaniensicht von außen gelten, werden eingehender untersucht. Für Deutschland und seine typisierenden Gestalten werden der weltfrem- de und autoritätsgläubige Träumer „Michel“ und die Bildungsfigur „Faust“, sowie „Siegfried“ und der „Baron von Münchhausen“ ausführlicher betrachtet. Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, alle Kulturträger – wie die Literatur, Dar- stellungen in Filmen und der Malerei, der Architektur und in Bräuchen oder Festen, in Wissenschaft und Sprache – vor einem Hintergrund – zu erfassen. Zudem können auch nicht alle politischen Einflüsse und Richtungen sowie die dazugehörigen Ideo- logien untersucht werden.

Aber woran machen wir nun unsere eigenen Selbst- und Fremdbilder fest? Fast all unserem Wissen und unserem Selbstverständnis liegt eine gewisse mediale Vorprä- gung zu Grunde. Dies gilt explizit für die Wahrnehmung des Fremden. Insofern wird der Information durch Medien bei der Konstruktion von Fremdbildern eine entschei- dende Rolle zugesprochen. So bedienen sich Personen oder Personenkreise, Politiker oder Parteien, Bischöfe oder Kirchen, Unternehmen oder deren Repräsentanten – alle jene, die sich gegenüber größeren Öffentlichkeiten artikulieren wollen, der verschie- denen Medienangebote.[15] Hierbei ist der Stellenwert, der den einzelnen Medien zu- teil wird, besonders hervorzuheben. Dieser unterliegt einer differenzierten Bewer- tung im jeweiligen Kulturraum. Immerhin waren noch nie so viele Informationskanä- le – ob Fernsehen, Radio, Zeitungen, Zeitschriften oder das Internet – mit so vielfäl- tigen Darstellungsmöglichkeiten zu einem Zeitpunkt verfügbar wie heute.[16] Dabei fand die Thematisierung Deutschlands bisher zum überwiegenden Teil in der spani- schen Tagespresse statt.[17] Im Gegensatz hierzu werden in Deutschland politische und sportliche Ereignisse sowie allgemein relevante Informationen über Spanien sowohl in der Presse als auch im Fernsehen verbreitet. Neben der Zugänglichkeit von Infor- mationen entscheidet aber auch die Interessenlage eines Landes über die Ausprägung von nationalen Images. Das Interesse spielt hierbei eine besonders große Rolle. Die- ses dient zur Selektion und Interpretation von Material über andere Länder.

1.2 Identitätsbegriff

„Der Identitätsbegriff ist ein fundamentaler logischer Begriff“.[18] Die lateinische Herkunft des Wortes weist die „Wesenseinheit“, eine völlige Gleichheit oder Über- einstimmung als Kern des Bedeutungsfeldes aus.[19] Laut Teichert wird die Bezeich- nung als „Selbigkeit“ oder als eine Art der Gleichheit, nämlich als vollkommene Gleichheit bestimmt. Mitunter wird Identität als primitiver, d. h. ursprünglicher oder nicht analysierbarer Begriff bezeichnet, welcher philosophiehistorisch betrachtet je- doch eine wichtige Rolle spielt.[20] Auf der einen Seite versteht man darunter somit das Denken über das Gleichsein von zwei oder mehr benannten „Wesenseinheiten“, andererseits das Denken über den Ausdruck des „Identischen“. So erweist sich als eine weitere wichtige Komponente des heutigen Identitätsbegriffs der Ausdruck des „Bewusstseins“. Somit ist Identität nicht bloß die Eigenschaft einer Person, sondern diese liegt vielmehr beim wahrnehmenden und sich selbst beobachtenden Subjekt.[21] Laut Gelfert ist Identität ein Gefühl der Zugehörigkeit; Mentalität hingegen umfasst alle nationaltypischen Verhaltensmerkmale, die sich empirisch nachweisen lassen.[22]

Bausinger behauptet bereits 1978, dass Identität zweifellos ein modischer Begriff sei. Sprachliche Moden – auch solche der Wissenschaftssprache – kommen jedoch nicht von ungefähr. Laut dem Autor sei deshalb soviel die Rede von Identität, weil diese zum Problem geworden sei. Der Begriff verkörpert, so weit die Konnotationen im Einzelnen auch auseinanderlaufen mögen, einen Moment von Ordnung und Sicher- heit inmitten des Wechsels . Der besondere Reiz liegt dabei darin, dass Identität nicht eigentlich die Bedeutung von Starrheit oder Erstarrung vermittelt, sondern dass der Begriff verhältnismäßig elastisch etwas Bleibendes in wechselnden Konstellationen intendiert.[23]

Sonja Rinofer-Kreidel erörtert die Begriffe „Identität“ und „Differenz“ ausgehend von der Unterscheidung zwischen den Termini des Eigenen und des Fremden. Der Sinn des Eigenen und des Fremden kann nur wechselseitig bestimmt werden, hier kommt die empirische Reichhaltigkeit der Welt zum Ausdruck. Im Gegensatz dazu stehen die Begriffe „Identität“ und „Differenz“, welchen die allgemeinsten formalen Bestimmungen des Sprechens über die Welt zugeordnet werden. Die Bestimmung des Eigenen legt somit den Bezugsrahmen der Orientierung in unserer Alltagswelt fest.[24]

Verschiedene Dimensionen des Eigenen beziehen sich etwa auf das, was in einer Liebesbeziehung, einer Berufsgemeinschaft oder einer Nation in verschiedenen Gra- den der Intimität und Abgrenzung, mit wechselndem Interesse und Engagement als Lebenswirklichkeit geteilt wird.“[25] Marc Augé stellt heraus, dass Identität individu- elle sowie unterschiedliche kollektive Formen der Wahrnehmung von Wirklichkeit vereint. So definiert sich jegliche kollektive Identität zuerst im Gegensatz zum ande- ren. Andererseits wird jede individuelle Identität über die Beziehung zu anderen be- stimmt, selbst innerhalb des Familienverbandes. Demnach wird die Übereinstim- mung laut Augé zuerst über das Verhältnis zu anderen definiert, zu jenen, die einem fremd oder nah sind, die einen Bezugs- oder Abgrenzungspunkt darstellen. Dieses Doppelgefühl der Übereinstimmung und der Unterschiedlichkeit bestimmt auch die kollektive Identität. Der Autor bringt zum Ausdruck, dass die Identität somit als Be- stärkung des eigenen Ich untrennbar mit der Anerkennung des Anderen verbunden ist.[26] Ausgehend von einer einfachen Identitäts-Definition zu Beginn wurden hier im ersten Teil die verschiedenen Dimensionen des Identitätsbegriffes skizziert, um nun die Spezifika der nationalen Identität und der kollektiven Identität weiter lokalisieren zu können.

1.3 Nationale Identitäten

Eric Hobsbawm schrieb: “Ernest Renan was right when he wrote over a century ago: “Forgetting, even getting history wrong, is an essential factor in the formation of a nation, which is why the progress of historical studies is often a danger to na- tionality. We historians today are the first line of defence against the advance of dangerous national myths.” Demgemäß ist das Vergessen ein wesentlicher Faktor in der Bildung einer Nation und auch der Grund, warum der Fortschritt von historischen Studien häufig eine Gefahr für die Staatsbürgerschaft ist. So sind die Historiker heute die erste Verteidigungslinie gegen den Fortschritt von gefährlichen nationalen My- then.[27]

Bei der nationalen Identitätsbildung können grundsätzlich drei Prozesse unterschie- den werden. Erstens kann eine nationale Identitätsbildung als positive Kraft entwi- ckelt werden, so geschehen etwa bei der Französischen Republik in Form der Ideen von 1789. Zweitens kann Nationalbewusstsein in Abgrenzung vom Fremden entste- hen. Ein Beispiel hierfür ist der typische Gruppennarzissmus nationalistischer und faschistischer Bewegungen. Drittens kann sich eine nationale Identität passiv bilden. Dies erfolgt in Form von Klischees, die von außen an die Bürger einer Nation heran- getragen werden.

Gemäß dem Zeitgeschichtler Arnulf Baring zehren die Amerikaner, Engländer und Franzosen von einem Grundgefühl, das ihre Nationen auszeichnet, sie haben große Dinge in der Vergangenheit gemeinsam getan und sind entschlossen, dieses auch in der Zukunft zu tun. Die Deutschen bilden dagegen eine „verspätete Nation“, die erst im 19. Jahrhundert vereinigt wurde.[28] Es kann somit gesagt werden, dass die Schaf- fung eines nationalen Identitätsgefühls durch das Schaffen gemeinsamer Vorstellun- gen hervorgerufen wird. Hierbei geht es darum, quer durch verschiedene ethnische Gruppen ein Identitätsgefühl hervorzurufen, das ständische, religiöse oder dynasti- sche Zugehörigkeit vereint.

Bei der Konstruktion nationaler Identitäten spielen vor allem eine gemeinsame Spra- che, kulturelle Monumente, Erinnerungsorte, typische Landschaften, aber auch weit zurückreichende geschichtliche Kontinuität und Heldenfiguren, die nationale Werte verkörpern sollen sowie Trachten und Bräuche, Nationalgerichte und die Staatssym- bolik (wie Hymne und Fahne) eine tragende Rolle. Ein wichtiges Instrument bei der Artikulation von Identitäten spielt auch die Literatur.[29] Daraus kann geschlussfolgert werden, dass nationale Identitäten nicht das unveränderliche Wesen einer Nation be- zeichnen, sondern das Selbstbild einer Gemeinschaft, welches diese vornehmlich in diskursiven Prozessen erzeugt und vermittelt. So geht der Autor Reese-Schäfer eben- falls mit der Aussage konform, dass der nationalen Identität eine gemeinsame Ge- schichte vorausgeht. Der Autor sagt weiterhin aus, dass nationale Eliten das verbin- dende Wissen über diese gemeinsame Geschichte und die Intention zur Konstruktion einer nationalen Identität beisteuern und dass damit auch die Institutionen einherge- hen, die zur andauernden Reproduktion eben dieser beitragen.[30]

1.4 Kollektive Identitäten

Was bedeutet kollektive Identität und welche Faktoren haben einen Einfluss auf die kollektive Identitätsbildung einer Nation? Laut Weidenfeld ist eine moderne Mas- sengesellschaft durch einen hohen Bedarf an einträchtiger Identität, an Gemein- schaftserfahrungen, an sozialen Räumen, in denen eine gewisse Stabilität gefunden werden kann, gekennzeichnet. Eine Massengesellschaft kann durch technologische Produktion, arbeitsteiliges Sozialwissen, Anonymität der Beziehungen und Plurali- sierung der Lebenswelten beschrieben werden.

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist die deutsche Identität weitgehend von den jeweils dominierenden politischen Leitideen geprägt worden.[31] Zu den Fak- toren, die zu einer Identitätsbildung beitragen, zählen u. a. die Konstruktion von Fremd- und Selbstbildern, Tradition und Ritus, Mythos und Symbol, aber auch das Gedächtnis und die Erinnerung. Hieraus lässt sich erkennen, dass die Bedeutung der Medien für die Entstehung und Kontinuität kollektiver Identitäten deutlich hervor- tritt. Die Aufnahme, Speicherung, Wieder- und Weitergabe erfolgt immer in medialer Form. Die Selbstdarstellung des Eigenen und die Fremddarstellung des Anderen hat mit den Massenmedien und Neuen Medien eine Erweiterung erfahren – dies wirkt sich ebenso auf den Konstruktionscharakter der kollektiven Identität aus, wie auch deren Verwendung und Nutzbarmachung.[32]

Peter Schmitt-Egner sieht die kollektive Identität als das interaktive Produkt eines Eingrenzungsprozesses, der das „Wir“ und eines Abgrenzungsprozesses, der die „Anderen“ erzeugt, an. Laut dem Autor thematisieren diese somit die Einheit und Differenz von Normen, Werten und Verhaltensformen zwischen mindestens zwei Gruppenkollektiven. Entscheidend für die Qualifizierung dieses Interaktionsprozes- ses ist nun, ob die eben genannten Werte und Normen etc., die den Abgrenzungspro- zess bestimmen, zur Integration oder zur Ausgrenzung führen.[33]

[...]


[1] Hans Nicklas/Änne Ostermann: „Die Rolle von Images in der Politik. Die Ideologie und ihre Bedeu- tung für die Imagebildung am Beispiel des Ost-West-Konflikts.“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn 1989, S. 23

[2] vgl. Seidel, 2002, S. 17

[3] vgl. Roth, 1979., S. 8

[4] vgl. Gelfert, 2005, S. 7

[5] vgl. Bernecker, 2004, S. 561 - 562

[6] vgl. Stierstorfer, 2003, S. 7 - 9

[7] vgl. Universität Trier, Dissertation von Nicole Neumann, März 2007, Kapitel 2, S. 3

[8] vgl. Margarete Payer, „Stereotype, Typisierungen und ihre Gefahren“ in http://www.payer.de/kommkulturen/kultur01.htm, zuletzt aufgerufen am 28.08.2008

[9] vgl. Seidel, 2002 , S. 21

[10] Udo Weismann, http://teamarbeit.factlink.net/133264.1/, zuletzt aufgerufen: 06.06.2008

[11] vgl. Stierstorfer, 2003, S. 11

[12] vgl. Seidel, 2002, S. 21

[13] vgl. Stierstorfer, 2003, S. 12

[14] vgl. Bausinger, 2005, S. 17

[15] vgl. Duncker, 2000, S. 33

[16] Vgl. ebd., S. 33

[17] vgl. Bernecker, 2004, S. 563

[18] Teichert, 2000, S. 2

[19] vgl. Duden Fremdwörterbuch, 1990, S. 331

[20] vgl. Teichert, 2000, S. 2

[21] vgl. Helmrich, 1998, S. 7 - 11

[22] ebd., S. 8

[23] vgl. Bausinger, „Identität“ in Reese-Schäfer, 1999, S. 251

[24] vgl. Rinofer-Kreidel, 1999 in Bolterauer, 1999, S. 37

[25] Rinofer-Kreidel, 1999 in Bolterauer, 1999, S. 37

[26] vgl. Marc Augé, „Krise der Identität oder Krise des Andersseins? Die Beziehung zum Anderen in Europa“ in Kaschuba (Hg), 1995, S. 92 - 93

[27] vgl. Kamen, 2008, Vorwort

[28] vgl. Reese-Schäfer., 1999, S. 236

[29] vgl. Klaeger Müller, 2004, S. 18

[30] vgl. Reese-Schäfer, 1999, S 260 - 262

[31] vgl. Weidenfeld, 1984, S. 25

[32] vgl. Klaeger Müller, 2004, S. 7-8

[33] vgl. Peter Schmitt-Egner. “Regionale Identität, Transnationaler Regionalismus und Europäische Kompetenz.“ In Reese-Schäfer (Hrsg.), 1999, S.129-133

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Deutsche und Spanier. Kollektive Identitäten, Selbstbilder und Fremdwahrnehmungsmuster
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Romanisches Seminar - Fachbereich Spanisch)
Veranstaltung
Diplomarbeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
100
Katalognummer
V117946
ISBN (eBook)
9783640201587
ISBN (Buch)
9783640206582
Dateigröße
1325 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beurteilung durch den Dozenten: &gt, Die Arbeit ist im Sinne der Fragestellung klar angelegt und gut strukturiert. &gt, Sie erreicht die formulierten Ziele, wobei hierbei die Kapitel 5 und 6 den Kernbereich der Studie bilden. Dies führt zu einem sehr erfreulichen Ergebnis. ht die formulierten Ziele, wobei hierbei die Kapitel 5 und 6 den Kernbereich der Studie bilden. Dies führt zu einem sehr erfreulichen Ergebnis.
Schlagworte
Deutsche, Spanier, Kollektive, Identitäten, Selbstbilder, Fremdwahrnehmungsmuster, Diplomarbeit
Arbeit zitieren
Verena Witt (Autor), 2008, Deutsche und Spanier. Kollektive Identitäten, Selbstbilder und Fremdwahrnehmungsmuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117946

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