Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Randgruppe der Spielleute im Mittelalter. Im
Zuge der Literaturrecherche zu dieser Thematik und deren Bearbeitung war es
nahezu unumgänglich auf einen eklatant tiefen Widerspruch im Leben dieser
Randständigen aufmerksam zu werden:
Die Spielleute hatten ein umfassendes Repertoire an Unterhaltungskünsten zu
bieten. Mit Gesang, instrumentalen Künsten, bis hin zu Zauberkünsten und
erotischen Tänzen beeindruckten und unterhielten sie ein breites Publikum.
Erwartungsvoll, begierig und dankbar wurden diese Darbietungen von den
Zuschauern aufgenommen und mit entsprechender Anerkennung und Entlohnung
honoriert. Der gesellschaftliche Ausschluss sowie die deklassierende Stellung in der
weltlichen und kirchlichen Herrschaft stehen dem Vorangegangenen in deutlicher
Gegensätzlichkeit gegenüber.
Und genau dieser Thematik nimmt sich die vorliegende Arbeit an, indem die Kluft
zwischen der Realität und speziell den kirchlichen Normen aufgezeigt werden soll.
Die zentrale Fragestellung hierbei wird sein, welches die möglichen Motive oder die
Begründung dieses augenfälligen Widerspruchs sind.
Die Quellenlage und die Anzahl der verschiedenen Quellengattungen bezüglich
dieser Thematik sind sehr breit gefächert. Neben den Gesetzessammlungen,
Traktaten und Predigten, bieten ebenso die literarischen und historiographischen
Texte die Möglichkeit zur Beurteilung und Darstellung der Spielleute. Besonders
über die kirchlichen und weltlichen Normen berichten uns zahlreiche Quellentexte.
Genannt werden sollen hier die beiden bedeutendsten mittelalterlichen
Rechtsquellen, namentlich der Schwaben- und Sachsenspiegel. Besonders
letzterer weist laut Jürgen Brandhorst „ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen
der dort niedergelegten normativen Diskriminierung und der tatsächlichen
Behandlung der Spielleute“ auf.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das frühchristliche Erbe
2.1. Die ‚Vorfahren’ der Spielleute
2.2. Die Haltung der Kirchenväter
3. Die Spielleute im Mittelalter
3.1. Norm und Recht der spielmännischen Lebensform
3.1.1. Die Haltung der Kirche
3.1.2. Die Haltung der weltlichen Herrschaft
3.2. Realität der Lebensform
4. Gründe der Kluft zwischen Normen und Realität
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den eklatanten Widerspruch im Leben der mittelalterlichen Spielleute, die einerseits durch kirchliche und weltliche Normen scharf diskriminiert und ausgegrenzt wurden, andererseits jedoch als gefragte Unterhaltungskünstler in der Gesellschaft präsent waren und gefördert wurden. Das Ziel ist es, die Motive für diese Ambivalenz zwischen normativer Ablehnung und gelebter Realität zu analysieren.
- Die soziale Randstellung der Spielleute im Mittelalter.
- Die Rolle frühchristlicher Traditionen und Kirchenväter bei der Stigmatisierung.
- Rechtliche Restriktionen durch weltliche Herrschaftsstrukturen.
- Die gelebte Realität: Duldung, Förderung und gesellschaftliche Funktion.
- Analyse der Paradoxie zwischen Theorie (Norm) und Praxis (Realität).
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Die Haltung der Kirche
Diese, gegenüber den Schauspielern und ihren Werken, vorangegangene feindliche Haltung der Kirchenväter findet ihre Fortsetzung in mittelalterlicher Zeit. An ein bruchloses Fortwirken der spätchristlichen Einstellungen sei jedoch laut Werner Dankert nicht zu denken. Ihm zu Folge sei wohl vielmehr das Widererstarken der Kirche in karolingischer Zeit für die erneut vermittelte antike Abwertung der mimi, histriones und skôpi verantwortlich. Und, so der Autor, „[d]ie Verdikte der kirchlichen (...) Macht überbieten bei weitem die Geringschätzung, die [ihnen] im Altertum entgegenwehte“. Die Beschlüsse, die im Mittelalter über sie verhängt wurden, greifen viel tiefer in ihr Dasein ein. Diesem Faktum der neuerlichen Härte gegenüber den Spielleuten schließt sich Wolfgang Hartung an, betont jedoch, dass der Wortlaut der Kirchenväter in den Konzil- und Synodalbeschlüssen explizit fortlebt. Gemeint sind damit unter anderem die Formulierungen der Synode von Laodikeia wie bereits unter 2.2. dargelegt. Diese Dekrete wurden in den folgenden Jahrhunderten auf Konzilen regelmäßig wiederholt, was ein deutliches Indiz für die kirchliche Aktualität dieser frühchristlichen Beschlüsse darstellt. Zudem kamen weitere Sanktionen hinzu, wie beispielsweise das an Mönche, Priester und andere Kleriker gerichtete Verbot, welches Spielleuten die Teilnahme am Abendmahl untersagte.
Allgemein war das Bild des Spielmannes im Mittelalter ein sehr düsteres und sie hatten vor allem in den Kirchenvertretern weiterhin ihre stärksten Feinde. Für sie waren die Spielleute ‚notorische Verbrecher’ und ‚Anwälte der Weltlust’. Ihr Tun wurde als sündhaft, „selbstzwecklich, nutz- und sinnlos“ angesehen, weswegen man sie meiden musste. Aus kirchlicher Sicht erfüllten die Musiker keinen eigentlichen Beruf. Sie förderten lediglich die Spiel- und Trinkleidenschaft, waren unbehaust und verstießen gegen sämtliche kirchliche Normen. Aufgrund ihres ehrlosen Lebenswandels wurden sie auf eine Stufe mit Epileptikern und Huren gestellt. Diesen allen wurde, wie bereits zu Zeiten des Augustinus, das heilige Sakrament des Altares verweigert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Spielleute als Randgruppe ein und benennt den tiefen Widerspruch zwischen ihrer gesellschaftlichen Deklassierung und ihrer Rolle als Unterhalter.
2. Das frühchristliche Erbe: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Vorbilder der Spielleute und die ablehnende Haltung der Kirchenväter, die das negative Bild entscheidend prägten.
3. Die Spielleute im Mittelalter: Das Hauptkapitel untersucht die kirchlichen und weltlichen Normen, die rechtliche Ausgrenzung und die gelebte Realität der Spielleute, in der sie trotz aller Verbote gefördert wurden.
4. Gründe der Kluft zwischen Normen und Realität: Hier werden die Gründe für die Diskrepanz analysiert, insbesondere die Rolle der Spielleute als Informationsübermittler und die Paradoxie der kirchlichen Herrschaft.
5. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kluft als unvereinbare Paradoxie zu werten ist, die nur durch die Herrschaftslogik der damaligen Zeit erklärbar ist.
Schlüsselwörter
Spielleute, Mittelalter, Randgruppe, Kirche, Normen, Realität, Diskriminierung, Unterhaltungskunst, Unehrlichkeit, Kirchenväter, Rechtsquellen, Sachsenspiegel, Vaganten, soziale Ausgrenzung, Paradoxie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Stellung von Spielleuten im späten Mittelalter und dem Widerspruch, dass sie einerseits als ehrlos stigmatisiert, andererseits aber in der Praxis als Unterhalter geschätzt und unterstützt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Herkunft des negativen Bildes aus frühchristlicher Zeit, die rechtliche Verfolgung durch Kirche und weltliche Herrschaft sowie die gelebte Realität der Spielleute als präsente Akteure im gesellschaftlichen Leben.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, die Gründe für die signifikante Diskrepanz (Kluft) zwischen den offiziellen kirchlichen und weltlichen Normen einerseits und dem tatsächlichen Umgang mit Spielleuten in der mittelalterlichen Gesellschaft andererseits aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine quellenbasierte Analyse, wobei insbesondere Rechtsquellen (wie der Sachsenspiegel), zeitgenössische Traktate und Predigten sowie eine umfangreiche Auswertung der einschlägigen fachwissenschaftlichen Literatur herangezogen werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des frühchristlichen Erbes, die detaillierte Darstellung der kirchenrechtlichen und weltlichen Diskriminierung sowie eine Analyse der Realität, in der Spielleute an Höfen und bei Festen eine durchaus akzeptierte Rolle spielten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Spielleute, soziale Randstellung, kirchliche Diskriminierung, rechtliche Ausgrenzung, Unehrlichkeit, Ambivalenz, gesellschaftliche Realität und die Paradoxie der mittelalterlichen Herrschaft.
Welche Rolle spielten die Kirchenväter bei der Stigmatisierung der Spielleute?
Die Kirchenväter formulierten das theoretische Fundament der Ablehnung, indem sie das Schauspiel mit heidnischen Bräuchen und Sittenlosigkeit verknüpften, was im Mittelalter ohne kritische Differenzierung übernommen wurde.
Was bedeutet der Begriff „spiegelnde Buße“ im Kontext der rechtlichen Behandlung?
Die „spiegelnde Buße“ war eine symbolische Bestrafung, bei der ein Spielmann, wenn er angegriffen wurde, rechtlich nicht auf eine echte Vergeltung zählen konnte, sondern nur so tun durfte, als würde er seinen Angreifer schlagen (den Schatten schlagen), was seine eingeschränkte Rechtsstellung verdeutlicht.
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- Nina Hollstein (Author), 2006, Die Spielleute des Mittelalters zwischen Normen und Realität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117955