Analyse der Konfliktsteigerung in den Schlachten des ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach


Seminararbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anlass des Krieges

3. Analyse der Konfliktsteigerung
3.1. Erste Schlacht auf Alischanz
3.2. Unterbrechung der Kampfhandlungen
3.3. Zweite Schlacht auf Alischanz

4. Kompositionstechniken der Schlachten

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem unvollendeten Werk ‚Willehalm’ (um 1210) von Wolfram von Eschenbach. Dieses mittelhochdeutsche Epos stellt einen Krieg zwischen Christen und Heiden dar und macht damit ein bereits seit der Antike beliebtes Thema zu seinem Mittelpunkt[1].

Doch was thematisiert Wolfram genau in seinen Schlachtdarstellungen? Welche Gründe und Motive führt er für den Krieg an und wie wird dieser gestaltet?

Genau diesen Fragestellungen nimmt sich die vorliegende Arbeit an, indem im ersten Teil der Arbeit die Anlässe für den Konflikt aufgezeigt werden sollen. Den zentralen Untersuchungsgegenstand werden anschließend die beiden großen Alischanzschlachten sowie die Kampfunterbrechung bilden. Dabei soll besonders die Erweiterung des Konfliktes von der ersten zur zweiten Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident in enger Textarbeit Betrachtung finden.

Abschließend sollen einige, für den zu untersuchenden Gegenstand relevante, Aspekte der Schlachtkomposition angeführt werden um so zu einem möglichst umfassenden Bild zu gelangen.

Die Hausarbeit basiert auf einer Reihe von einschlägigen Monographien und Aufsätzen von führenden ‚Willehalm’-Forschern; unter anderem Joachim Bumke, John Greenfield und Werner Schröder.

Als Primärtext dient die Textausgabe von Werner Schröder (2003).

2. Anlass des Krieges

Entgegen seiner Vorlage, der Chanson de geste Aliscans, stellt Wolfram von Eschenbach letztendlich einen anderen Anlass des Krieges zwischen Christen und Heiden an den Beginn seiner Dichtung[2].

Arabeln Willalm erwarp,

dar umbe unschuldic volc erstarp. (7,27-28)

ir man, der künic Tybalt,

minnen vlust an ir klagete.[3] (8,2-3)

Willehalm hat Arabel nach seiner Flucht aus heidnischer Gefangenschaft entführt und löst somit den Konflikt zwischen ihm und Tybalt, Arabels Ehemann, aus. Es entwickelt sich ein Liebe zwischen Arabel und ihrem Entführer, der im Folgenden zahlreiche unschuldige Menschen zum Opfer fallen[4]. Doch nicht nur die Entführung und die anschließende Eheschließung, sondern vielmehr die offenkundige Abwendung Arabels von ihrer Sippe, indem sie christlich getauft wird, bereitet die Schlachten vor:

diu minne im leiste und e gehiez,

Gyburc si sich toufen liez.

Waz hers des mit tode engalt! (7,29-8,1)

Am Beginn der Dichtung steht also, laut Joachim Bumke, ein privater Streit, ein Streit um die minne und um den Besitz der nun auf den Namen Gyburc getauften Arabel[5]. Thomas Grenzler widerspricht diesem. Er ist der Auffassung, dass ein „Streit um die Minne Gyburcs (...) schon deswegen nicht ‚privat’ [sein kann], weil er das Resultat [einer] grundlegenden Kollision ist, die sich zunächst in ihm fortsetzt“[6]. Folgt man diesem Einwand, müssten neben der Eheschließung zwischen Gyburc und Willehalm Konfliktmotive nichtprivater Form vorgeherrscht haben. Auch der Dichter selbst verrät uns, dass er von minne und ander klage (4,26) berichten wird. Zu diesem Zeitpunkt der Dichtung, im einleitenden Prolog, lassen sich für die ‚anderen Nöte’ jedoch keine Anzeichen finden und es muss hier von einem privaten Anlass ausgegangen werden.

Auch das Eingreifen Terramers, Gyburcs Vater, verändert den Charakter einer Privatfehde nicht. Wolfram berichtet, dass in des niht genuoget, des sine tohter duhte vil (11,20-21). Terramer eilt also, da er die Entschlüsse seiner Tochter nicht akzeptiert, seinem Schwiegersohn im Kampf gegen Willehalm zur Hilfe[7]. Dadurch behält der Streit seinen anfänglichen Charakter bei, wird nun jedoch um einen weiteren familiären Aspekt, einen Sippenkonflikt, erweitert. Bumke verweist in diesem Zusammenhang auf die namentlichen Einführungen der drei handelnden Personen in die Dichtung: Der Rezipient erfährt lediglich, dass Willehalm ein marcgrave (8,24) ist und der Heide Tybalt, wie auch Terramer, den herrschaftlichen Titel künec (8,2; 8,30) innehaben[8]. Wolfram verzichtet hier auf die konkrete Nennung der Machtgebiete und Besitzungen, was einen politisch motivierten Kampf für den Zuhörer ausschließt. Nur eine Verbindung zu den Einflussgebieten der Handelnden hätte eine Erweiterung des Kampfanlasses möglich gemacht. Die Auseinandersetzung bleibt demnach in ihrem privat-familiären Rahmen bestehen, wenn auch nur kurzzeitig, da Elemente einer Konflikterweiterung im Text folgen:

er [Tybalt] klagete ere und wip,

da zuo bürge und lant. (8,6-7)

Es wird angedeutet, dass Tybalt den Markgrafen neben dem Ehebruch auch wegen einem Ländereienraub anklagt, da er reit mit gewalt nach minne und nach dem lande (11,6-7). Bumke sieht darin bereits einen „Keim (...) zu einem handfesten Territorialstreit“[9]. Doch was es genau mit diesem Vorwurf auf sich hat wird zu diesem Zeitpunkt der Dichtung nicht erläutert, da man nicht erfährt um welches Land es sich genau handelt. Dennoch bekräftigt es die Ansichten Grenzlers, da der Begriff lant episch die Gewalt und die Herrschaft über ein Land ausdrückt[10]. Tybalt beklagt demnach den Verlust einer politischen Befehlsgewalt, was über die Grenzen des Privaten hinausgehen würde.

Der konkrete Anlass des Konflikts zwischen Willehalm und den beiden heidnischen Königen Terramer und Tybalt lässt sich hier, also vor den beiden Alischanzschlachten, nicht eindeutig feststellen. Man erfährt lediglich, dass es sich um einen privaten Streit um Gyburc handelt und Tybalt zudem den Verlust von Ländereien beklagt. Als Anlass für Willehalm kann hier nur die bloße Verteidigung seiner Minne zu Gyburc gesehen werden.

Im Folgenden wird die Konfliktgestaltung zwischen Heiden und Christen analysiert. Aus den einzelnen Abschnitten des Handlungsverlaufes sollen die Kriegsziele der handelnden Personen aufgezeigt sowie ihre Kampfmotive ermittelt werden. Parallel dazu sollen die ursprünglichen Anlässe weitere Betrachtung finden, um schlussendlich zu einem umfassenden Bild der Konfliktgestaltung zu gelangen.

3. Analyse der Konfliktsteigerung

3.1. Erste Schlacht auf Alischanz

uf erde ein vlüsteclicher tac

und himels niuwe sunderglast

erschein, do manec werder gast

mit engelen in den himel vlouc. (14,8-11)

Mit diesen Worten beginnt die erste Schlacht auf Alischanz und zugleich kristallisiert sich damit eine oben bereits angesprochene Konfliktsteigerung deutlicher heraus: „der minne-Streit wird zum Glaubenskrieg“[11], da der Konflikt durch Gyburcs Übertritt zum Christentum eine religiöse Betonung erhält[12]. Auf heidnischer, besonders aber auf christlicher Seite wird dieses Motiv während des Kampfes offensichtlicher. Willehalm spornt sein Heer zum Kampf an, indem er ihnen ein Feindbild präsentiert, welches ihren Glauben und die Taufe zu schädigen vorhat (17,3-7). Durch ihre irdische Unterlegenheit „bleibt ihnen nur die Glaubensgewißheit“[13] und so ir sælekeit si wenic trouc, die durh Willelm nu striten und die mit manlichen siten komen (14,12-15). Auf sarazenischer Seite werden zu Beginn der Schlacht lediglich die Götter Mahomet und Tervagant um Beistand angerufen (11,16-17), was ihrerseits auf eine weit weniger aggressiv-religiöse Auffassung des Krieges hindeutet. Terramer zieht erst kurz vor Ende der Schlacht mit der christlichen Auslegung des Krieges gleich auf, indem er sagt:

´die helde von der heidenschaft,

nu reche et unser altiu kraft,

die wir heten von den goten,

daz so verre zu ir geboten

Arabel diu vervluochet ist komen!

mir und den goten ist benomen

der ich e jach ze kinde. (44,5-11)

Auch er „proklamiert (...) den heidnischen Glaubenskrieg“[14]. Viel deutlicher wird dies noch in dem Religionsgespräch mit seiner Tochter nach der ersten Schlacht, in dem er sagt:

ich hete dich zeime kinde.

ob ich dich bi sælden vinde,

so ere din geslehte

unt tuo den goten rehte.’ (217,27-30)

Der Versuch, Gyburc zu missionieren und sie wieder dem heidnischen Glauben und der Sippe zuzuführen macht die Erweiterung des Familienkrieges zu einem Glaubenskrieg, zu einem Krieg aufgrund der religiösen Verschiedenheit, offensichtlich. Diese These wird kurz zuvor in demselben Gespräch unterstützt, da Terramer ausdrücklich erklärt, er sei nicht auf Bitten Tybalts in den Krieg gezogen, sondern für den Glauben und das Verbüßen seiner Sünden (217,19-25). Er wolle Gyburc aus Rache für die Taufe töten und somit gleichzeitig Jesus entehren[15].

[...]


[1] Vgl. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, (= Sammlung Metzler, Bd. 36), 6. neu bearb. Aufl., Stuttgart 1991, 251.

[2] Vgl. Sabel, Barbara: Toleranzdenken in mittelhochdeutscher Literatur, in: Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung, Bd. 14, hrsg. von Horst Brunner u.a., Wiesbaden 2003, S. 116.

[3] Eschenbach, Wolfram von: Willehalm, 3. durchgesehene Aufl., Text der Ausgabe von Werner Schröder, Übersetzung, Vorwort und Register von Dieter Kartschoke, Berlin/New York 2003, S. 5.; Im Folgenden nur noch durch die Dreißigereinheit und Zeilenangabe gekennzeichnet.

[4] Die Liebesthematik spielt in der französischen Vorlage nur eine untergeordnete Rolle. Vgl. Sabel: Toleranzdenken, S. 116.

[5] Vgl. Bumke, Joachim: Wolframs Willehalm, Studien zur Epenstruktur und zum Heiligkeitsbegriff der ausgehenden Blütezeit, hrsg. von Richard Kienast und Richard von Kienle (= Germanistische Bibliothek, Untersuchungen und Einzeldarstellungen, 3. Reihe), Heidelberg 1959,S. 66.

[6] Grenzler, Thomas: Erotisierte Politik – politisierte Erotik? Die politisch-ständische Begründung der Ehe-Minne in Wolframs „Willehalm“, im „Nibelungenlied“ und in der „Kudrun“, in: Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 552, hrsg. von Ulrich Müller u.a., Göppingen 1992, S.7.

[7] Vgl. Greenfield, John/ Miklautsch, Lydia: Der ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, Eine Einführung, Berlin/New York 1998, S. 71.

[8] Vgl. Bumke: Wolframs Willehalm, S. 67.

[9] Ebenda, S. 67.

[10] Vgl. Grenzler: Erotisierte Politik – politisierte Erotik?, S.11.

[11] Bumke: Wolframs Willehalm, S. 67.

[12] Pörksen, Uwe: Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos, Formen seines Hervortretens bei Lamprecht, Konrad, Hartmann, in Wolframs Willehalm und in den „Spielmannsepen“, in: Philologische Studien und Quellen, Heft 58, hrsg. von Wolfgang Binder, Berlin 1971, S. 217.

[13] Bumke: Wolframs Willehalm, S. 69.

[14] Ebenda, S. 68.

[15] Greenfield/ Miklautsch: Der ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 91.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Analyse der Konfliktsteigerung in den Schlachten des ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Wolfram von Eschenbach: Willehalm
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V117958
ISBN (eBook)
9783640201679
ISBN (Buch)
9783640206674
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Konfliktsteigerung, Schlachten, Wolframs, Eschenbach, Wolfram, Willehalm
Arbeit zitieren
Nina Hollstein (Autor), 2007, Analyse der Konfliktsteigerung in den Schlachten des ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117958

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