Wilhelm Meisters Lehrjahre – Ein Medienroman


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Buch als Medium
2.1. Das Medium Buch
2.2. Historischer Exkurs: Das Buch als Leitmedium um 1800
2.3. ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ als Medium

3. Medien im Medium ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’
3.1. Das Medium Buch
3.2. Das Medium Theater
3.3. Weitere Medien

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Wolfgang von Goethes Werk ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ ist, ohne Frage, ein Roman. Schon der Untertitel Erstausgabe von 1795/96 lautete: ‚Ein Roman. Herausgegeben von Goethe’.[1] Jedoch wird das Werk in vielen Quellen nicht nur als Roman bezeichnet, sondern Unterkategorien zugeordnet. Eine der häufigsten Zuordnung ist die des klassischen Bildungsromans[2], bei der die Thematisierung der Biographie der Hauptfigur Wilhelm Meister als vordergründig gilt. Als Erweiterung dieses Begriffs kann die Bezeichnung Entwicklungsromans[3] angesehen werden, bei welchem die geistig-seelische Entwicklung der Zentralfigur beschrieben wird. Ferner wird unter einem psychologischen Betrachtung mit Goethes Werk, auch der Begriff des Erziehungsromans[4] verwendet. Walter Beller hingegen sagt in seinem Buch ‚Goethes Wilhelm Meister Romane’: „Der Roman ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ ist über weite Strecken auch ein Theaterroman“[5]. Rosemarie Haas bezeichnet das Werk sogar als Geheimbundroman[6]. In folgender Hausarbeit werde ich auf Goethes Wilhelm Meister Roman als Medienroman eingehen und dabei versuchen einige der erwähnten Unterkategorien des Romans zu vereinen. Ich werde das Werk aus einem kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachten.

Wenn heute von Medien die Rede ist, sind damit meist Massenmedien wie Fernsehen oder Internet gemeint. Dem gegenüber stellt die Sprache das historisch erste Medium dar. Dazwischen ist das Buch anzusiedeln. Einführend werden im Kapitel ‚Das Medium Buch’ (2.1.) kurze Definitionen für die Begriffe ‚Medium’ und ‚Buch’ gegeben. Ein historischen Exkurs im darauffolgenden Kapitel (2.2.) geht genauer auf das Buch als Leitmedium, mit einer Blütezeit von der Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts[7], ein. Dabei wird kurz auf die Mediengeschichte des Buches eingegangen und Aussagen der Medientheoretiker Marshall McLuhan und Friedrich A. Kittler im Bezug auf das Medium Buch zusammengefasst. Das darauffolgenden Kapitel (2.3.) geht auf die Frage ein, inwieweit Goethes ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ als Medium dienen kann.

Im Hauptteil der Hausarbeit (Kapitel 3) soll untersucht werden, welche Medien im Medium ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ thematisiert werden. Dabei unterteile ich die Untersuchung nach Art des Mediums. Ausführlich betrachtet werden das Medium Buch und das Medium Theater. Es geht darum, wann diese Medien im Werk in welcher Funktion auftauchen und welche Parallelen man zu der Zeit in der das Werk geschrieben wurde ziehen kann. Alle weitere Medien werden im Kapitel 3.3. kurz aufgezählt, können jedoch leider nicht eingehender ausgearbeitet werden.

2. Das Buch als Medium

2.1. Das Medium Buch

Für die Betrachtung des Buches als ‚Medium’ soll eine kulturwissenschaftliche Definition des Begriffes vorangestellt werden: Ein Medium ist ein „Vermittler von Kommunikation“[8] zwischen mindestens einem Sender und mindestens einem Empfänger. Seine Funktionen liegen in der „Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten“.[9]

Die Art der Kommunikation ist abhängig von der Beschaffenheit des Mediums. Ein Buch ist zunächst einmal ein materielles, physisches Objekt, bestehend aus „einem Trägermaterial und den darauf aufgebrachten Sprach- und Bildzeichen“, welche handgeschrieben oder gedruckt sein können[10]. Von diesem Blickwinkel gesehen ist das Buch eine massenhaft produzierbare Ware. Andererseits bildet das Buch eine „textuelle Einheit dessen, was in diesem gedruckt niedergelegt ist“[11]. Der Inhalt dessen ist „nicht ohne weiteres subsituierbar“[12]. Um mit dem Medium Buch arbeiten zu können, braucht es der Kulturtechnik des Lesens. „Der gedruckte Text bietet allererst die Vorrausetzung dafür, sich mit ihm auseinander zu setzen“[13] oder sich von ihm zu entfernen.

Das Buch kann einmal aufgezeichnete oder gedruckte Informationen, „die über einen begrenzten Kreis der an einem Gespräch Beteiligten sowohl in zeitlicher wie in räumlicher Hinsicht hinausreichen“[14], sicherstellen und speichern. Ein Buch ist folglich ein Medium, welches unabhängig von Zeit und, im Laufe seiner Entwicklung auch unabhängig vom Raum, als Kommunikationsmittel dienen kann. Seine Kommunikation ist bestimmt durch die Entlastung des individuellen und des kollektiven Gedächtnisses einerseits und der „Öffentlichkeit des Aufgeschriebenen, die sich aus der Verselbstständigung des materiellen Schriftträger ergibt“ andererseits.[15]

Das Buch ist ein klassisches Einzelmedium, das heißt, es wirkt in gewisser Weise isolierend, hinzielend auf „die sozialen und situativen Bedingungen der Rezeption von Büchern“. Nicht nur ist man beim Akt des Lesens meist alleine, auch ist die Möglichkeit der direkten Interaktion zwischen Produzent und Rezipient äußerst begrenzt. Das Buch kann also als monologisches Medium bezeichnet werden, welches nicht nur den Leser, sondern auch den Produzenten isoliert.[16]

Bereits in diesem kleinen Abschnitt wurden ‚Buch’ und ‚gedruckter Text’ synonym verwendet. Auch ‚Werk’ und ‚Schrift’ gelten als Synonyme für ‚Buch’[17]. In der weiteren Betrachtung möchte ich die Begriffe ‚Werk’, ‚Text’ und ‚Buch’ gleichsetzen.

2.2. Historischer Exkurs: Das Buch als Leitmedium um 1800

Ein Buch ist, wie bereits erwähnt, ist eine Sammlung von Blättern zwischen zwei Buchdeckeln. Wenig Sinn hätte diese Blättersammlung ohne Informationen darauf. Diese Information ist in Form von Zeichen auf die Blätter, meist Papier, gedruckt. Ein kurzer geschichtlicher Abriss zeigt wie es dazu kam: Die meisten Schrift und Medientheorien sehen den Beginn der Alphabetenkultur im 5. Jahrhundert vor Christus. Um 1000 v. Christus entstand in Griechenland ein vollständiges Buchstabenalphabet, welches unter anderem die Grundlage für die lateinische Sprache bildete. Wichtiger für diese Betrachtung sind jedoch nicht die Zeichen- und Schriftsysteme, sondern die Zeichen- und Schriftträger. „Die als Zeichenträger dienenden natürlichen Materialien wie Baumrinde, Bambus- oder Palmblätter, Stein- und Tontafeln werden durch Papyrus (seit 3000 v. Chr.), Pergament (seit 1300 v. Chr.) und Papier (seit etwa1300) abgelöst.“ Erst die zuletzt genannten Materialien erlauben die Anfertigung umfassenderer handschriftlicher Manuskripte.

„Ab dem 12. Jahrhundert nimmt die Produktion und Distribution handgeschriebener Bücher ständig zu, auch wenn der Austausch auf einen relativ kleinen Kreis von schriftkundigen Klerikern begrenzt bleibt.“ Erste Schreibwerkstätten, in den Bücher in größerer Zahl abgeschrieben und illustriert werden, entstehen im 13. Jahrhundert.[18]

Eine neue Phase in der Geschichte des Buches läutet die Erfindung des Buchdruckes von Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert ein. Mit Hilfe beweglich auswechselbaren Lettern entstand eine revolutionäre Drucktechnik, die die Vorraussetzung für die maschinelle Serienproduktion gedruckter Manuskripte darstellte.[19] Diese massenhafte Produktion von Druckmedien löste in Europa eine Medienrevolution aus: „Die seit dem 16. Jahrhundert rapide ansteigende Zahl von Druckerzeugnissen erbringt seit Ende des 17. Jahrhunderts, verbunden mit zunehmenden Alphabetisierungsbemühungen sowie Reformen des Schul- und Universitätswesens, zunächst eine Blütezeit für Zeitungen und Zeitschriften [...].“[20] Eine ähnlicher Aufschwung für die Verbreitung von Büchern ist einige Jahrzehnte später festzustellen. Das Buch wird zum Leitmedium.

„Unter dem Begriff ‚Leitmedium’ wird dasjenige Medium verstanden, das innerhalb eines bestimmten Zeitraumes die gegenüber anderen Medien umfassende Verbreitung erfährt und damit zusammenhängend die größte Wirkung in gesellschaftspolitischer, weltanschaulicher und kunstästhetischer Hinsicht erzielt.“[21]

Der Aufstieg des Buches zum Leitmedium ist eng verbunden mit der „Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft“ und „der Herausbildung eines sicher immer weiter ausdifferenzierenden Literatursystems im Zusammenhang mit einem prosperierenden Buchmarkt im 18. Jahrhundert“.[22] Zwar kann man behaupten, dass das Buch bis zum Ende der Goethezeit nahezu eine Monopolstellung[23] gegenüber anderen Medien hatte, aber man kann nicht von einer Medienablösungen sprechen. Handschriftlich verfasste Manuskripte wurden nicht gänzlich vom Buchdruck ersetzt, genauso wenig wie Bücher mit dem Aufkommen neuer Medien, besonders am Anfang des 20. Jahrhunderts, substituiert werden. Eher ist von einer „Koexistenz und Konkurrenz“[24] zu sprechen.

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan teilt in seinem Buch ‚Die Gutenberg Galaxis’[25] die Menschheitsgeschichte in vier Epochen: Oralität, Literalität, die Gutenberg-Galaxis und das elektronische Zeitalter. Für unsere Betrachtung spielt die Epoche der Gutenberg-Galaxis die entscheidende Rolle. Die Gutenberg-Galaxis bezeichnet eine Welt, die grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist und sich „von der Erfindung der Druckerpresse mit beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als das Medium Buch einige seiner Funktionen und Rezipienten an andere Medien verliert“[26] erstreckt.

[...]


[1] Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Band 5: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Herausgegeben von Karl Richter. München: Carl Hanser Verlag. 1988. S. 7 Im folgenden werden die Quellenangaben aus diesem Werk in Klammern gemäß nachstehendem Muster erfolgen: (Buch/ Kapitel, Seitenzahl).

[2] u.a.: „[...] G.s wegweisendem, klassisches Bildungsroman [...]“ – Vgl.: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. In: Goethe-Lexikon. Hg. von Wilpert, Gero von. Stuttgart: Kröner. 1998. S. 1182.

[3] u.a.: „Die ‚Lehrjahre’ sind ein Bildungs- und ein Entwicklungsroman, der zum Ende hin auch ein Rekrutierungsroman wird.“ – Vgl.:Beller, Walter. Goethes Wilhelm-Meister Romane. Bildung für die Moderne. Hannover: Revonnah-Verlag. 1995. . S. 125.

[4] u.a.: „[...] Dies war der Reiserat, Reiseweg, den Goethe im Erziehungsroman seines Wilhelm Meister gab und ging.“ – Vgl.: Bloch, Ernst. Tübinger Einleitung in die Philosophie I. Frankfurt a. Main: Edition Suhrkamp. 1967. S. 64.

[5] Beller, Walter. Goethes Wilhelm-Meister Romane. Bildung für die Moderne. Hannover: Revonnah-Verlag. 1995. S. 13.

[6] Haas, Rosemarie. Die Turmgesellschaft in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ – zur Geschichte des Geheimbundromans und der Romantheorie im 18. Jahrhundert. Bern: Lang. 1975.

[7] Nelles, Jürgen. Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann. 2002. S. 39.

[8] Kloock Daniela, Angela Spahr. Medientheorien. Eine Einführung. München: Fink. 1997. S. 11.

[9] Kittler, Friedrich A. Aufschreibesysteme 1800/ 1900. München: Fink. 1995. S. 519.

[10] Rautenberg, Ursula. Artikel: Buch. In: Reclams Sachlexikon des Buches. Hg. von Rautenberg Ursula.

Stuttgart: Reclam. 2003. S. 83.

[11] Nelles, Jürgen. 2002. S. 64.

[12] Rautenberg, Ursula. 2003. S. 85.

[13] Nelles, Jürgen. 2002. S. 60-61.

[14] Nelles, Jürgen. 2002. S. 26.

[15] Rautenberg, Ursula. 2003. S. 83.

[16] Nelles, Jürgen. 2002. S. 48.

[17] Artikel: Buch. In: Synonymwörterbuch. Hg. von Herbert Görner und Günter Kempcke. Leipzig: VEB. 1978.

[18] Nelles, Jürgen. 2002. S. 31.

[19] Nelles, Jürgen. 2002. S. 32.

[20] Nelles, Jürgen. 2002. S. 32-33.

[21] Nelles, Jürgen. 2002. S. 25.

[22] Nelles, Jürgen. 2002. S. 34.

[23] Nelles, Jürgen. 2002. S. 35.

[24] Nelles, Jürgen. 2002. S. 33.

[25] Nachstehende Informationen, soweit nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich auf folgende Ausgabe: McLuhan, Marshall. Die Gutenberg Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters. Bonn: Addison-Wesley. 1995.

[26] Nelles, Jürgen. 2002. S. 39.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Meisters Lehrjahre – Ein Medienroman
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Neuere Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte)
Veranstaltung
Medienkonkurrenz: Literatur – Bild – Neue Medien.
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V118044
ISBN (eBook)
9783640202041
ISBN (Buch)
9783640206889
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm, Meisters, Lehrjahre, Medienroman, Medienkonkurrenz, Literatur, Bild, Neue, Medien
Arbeit zitieren
Antje Schoene (Autor), 2008, Wilhelm Meisters Lehrjahre – Ein Medienroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118044

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