Antonomasien im Gregorius von Hartmann von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zur Lage der Forschungsliteratur
1.2 Begriffsklärung
1.2.1 Funktionen

2 Antonomasien im Gregorius
2.1 Antonomasien für Gregorius
2.2 Antonomasien für Gott und den Teufel
2.2.1 Zur Appellfunktion des Werkes
2.2.2 Exkurs: Zahlensymbolik
2.2.3 Antonomasien für Gott- Gradmesser der Gotteserkenntnis
2.2.4 Der Teufel als Gegenpol Gottes
2.3 Nebenfiguren

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit behandelt die Gregoriusdichtung Hartmanns von Aue vor allem unter einem Gesichtspunkt: Der von Hartmann verwendeten Antonomasien. Im Verlauf der Arbeit soll dabei gezeigt werden, dass diese ein für Verständnis und Deutung des Handlungsgeschehens kaum zu unterschätzendes Instrument darstellen. Um diese Funktion der Antonomasien angemessen darstellen zu können, ist diese Hausarbeit in folgende Schritte untergliedert:

Zunächst einmal sei auf einer allgemeinen Ebene eine kurze Begriffsumgrenzung des Stilmittels vorgenommen, wobei eine knappe Gegenüberstellung mit der Metapher vorgenommen wird. Dass dieser Vergleich – aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit - nicht umfassend sein kann, versteht sich von selbst. Die Gegenüberstellung soll lediglich dazu dienen, die für den Zweck dieser Hausarbeit wichtigsten Eigenschaften der Antonomasie herauszustreichen. Im Anschluss an diesen Teil wird kurz auf die Lage der Forschungsliteratur einzugehen sein, um zu veranschaulichen, welch geringe Beachtung Antonomasien in der Sekundärliteratur besitzen. Um die davon abweichende und weitaus größere Bedeutung des Stilmittels zu veranschaulichen, seien die theoretischen Überlegungen zur Antonomasie im folgenden auf den Text der Dichtung[1] bezogen. Es wird dabei um eine Untersuchung der verwendeten Antonomasien gehen, innerhalb der nicht allein ihr jeweiliger Kotext in Betrachtung gezogen werden soll, sondern gleichsam ihr Zusammenspiel im übergreifenden Kontext des Werkes. Das „Konzert“, das durch die Verknüpfung der verschiedenen, mit Antonomasien belegten Personen[2] entsteht, soll so anschaulich dargestellt werden. Um dies innerhalb eines angemessenen Rahmens vornehmen zu können, werden Bezüge zu ausgewählten Werken der Sekundärliteratur unumgänglich sein. Ebenso werden, aufgrund des Aussagegehaltes der Dichtung, Bezüge zur Bibel herausgestellt werden müssen, denn – wie noch darzustellen sein wird- ist der Dichtung deutlich an der Übermittlung religiöser Inhalte gelegen.

1.1 Zur Lage der Forschungsliteratur

Obwohl die Antonomasie „in antiker Rhetorik und mittelalterlicher Poetik definiert und in der antiken Gerichtsrede und Poesie wie in der lateinischen Literatur des Mittelalters allenthalben genutzt wird“[3], finden sich erstaunlich wenig erläuternde, kommentierende oder vergleichende wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit den Antonomasien verschiedener literarischer Werke, oder gar speziell mit denen der Gregoriusdichtung auseinandersetzen. Da nicht alle mittelalterlichen Autoren – und somit auch nicht alle Bearbeiter des Gregorius- regen Gebrauch dieses Stilmittels zeigen, mag das in manchen Fällen zu verstehen sein[4]. Gerade in Bezug auf Hartmann von Aue muss es den aufmerksamen Leser aber wundern, weil dieser Antonomasien „in ihren Möglichkeiten intensiv nutzt, wenn er die Fabel prägnant auf ihren Sinn hin deutet“[5]. Dennoch lassen sich auch nach ausgiebiger Recherche in den Bibliographiensammlungen nur wenige Untersuchungen zum Antonomasiebegriff finden- und in Titel oder Inhaltsverzeichnis eines Sekundärwerkes taucht der Begriff demzufolge höchst selten[6] auf. Nichtsdestotrotz erwähnen einige Autoren[7], die sich mit der Interpretation der Werke Hartmanns beschäftigen, im Verlaufe ihrer Untersuchungen dieses Stilmittel und beziehen es in ihre Gesamtinterpretation mit ein. Sie verdeutlichen so, dass sie ihr Vorhandensein erkennen- ohne aber ihre Bedeutung und Tragweite zu realisieren. Somit erwecken sie den Eindruck, dass sie es für unnötig halten, sich ausgiebiger mit ihnen zu beschäftigen. Eine Beantwortung der Frage, warum dies so ist, wäre müßig und würde ihren spekulativen Charakter nie verlieren[8]. Deshalb sei von einem solchen Versuch hier abgesehen.

Ist der einzelne Rezipient bei der Analyse der Antonomasien somit zwar im Wesentlichen auf seine eigenen Gedanken angewiesen- so kann er doch von der umfangreichen Sekundärliteratur zum Gregorius Gebrauch machen, denn diese bietet fundiertes und dichtungsübergreifendes Wissen, welches an den Antonomasien punktuell verdeutlicht werden kann.

1.2 Begriffsklärung

Als Antonomasie bezeichnet man „die Umschreibung eines bekannten Eigennamens durch charakteristische Beiwörter oder Eigenschaften“[9], die sich z.B. auf Volkszugehörigkeit oder Beruf bezieht. Eine solche Umschreibung kann durch ein einziges Wort vorgenommen werden, wie beispielsweise in der Antonomasie „der Nazarener“ für Jesus. Es ist aber auch möglich, Umschreibungen in umfangreicherem Maße vorzunehmen, wobei man dann von sog. periphrastischen Antonomasien[10] spricht[11]. In beiden Fällen dienen Antonomasien jedoch denselben Zwecken, weshalb sie im folgenden auch nicht ausdrücklich unterschieden werden.

1.2.1 Funktionen

1. Der stilistische Wert der Antonomasie liegt in der Vermeidung „wiederholter Namensnennung“[12]. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, sich in einem Text[13] wiederholt auf dieselbe Person zu beziehen, ohne dabei jeweils dasselbe Substantiv verwenden zu müssen.
2. Neben ihrer stilistischen Bedeutung besitzen Antonomasien jedoch auch heuristische Funktionen und um diese soll es im Verlauf dieser Hausarbeit primär gehen. Dadurch dass Antonomasien ihre Wurzel in bestimmten Eigenschaften einer Person haben, ist es dem Autor mit ihrer Hilfe möglich, dem Leser zu verdeutlichen, welche Charakteristika einer Person innerhalb eines Erzählabschnittes von besonderer Bedeutung sind. Er kann somit eine „präzisiere, pointiertere Akzentuierung“[14] vornehmen, als das durch die bloße Wiederholung des Eigennamens möglich wäre. Gleichsam können inhaltliche Aspekte der Erzählung in wenigen Worten komprimiert werden, die bereits vorher oder im Anschluss in epischer Breite ausgeführt werden können. Wenn dies der Fall ist, dann reicht die Bedeutung von Antonomasien „über die Einzelszene hinaus“[15] und sie unterstreicht Handlungszusammenhänge des gesamten Textes.

Die beiden letztgenannten Eigenschaften der Antonomasie seien an einem weiteren Beispiel erläutert: Die Pharisäer werden in der Bibel wiederholt als „Gesetzeslehrer“ bezeichnet um zu verdeutlichen, dass sie den Inhalt der Gesetze kennen und weitergeben- sich in ihrem eigenen Leben aber nicht danach richten. Die Bezeichnung „Gesetzes lehrer“ entspringt genau dieser Eigenschaft und verdeutlicht den Aspekt, der innerhalb des Kontextes besonders zu beachten ist: Die Gesetzeslehrer befolgen den Inhalt der Gesetze nicht- sie geben nur ihre Form an andere weiter. Dabei wird das Verhalten der Gesetzeslehrer durch das kontextualiserte Handlungsgeschehen verdeutlicht[16].

Wie an diesem Beispiel deutlich wird, kann der Autor demnach durch Antonomasien nicht nur den Blick des Lesers auf bestimmte Textstellen lenken, sondern gleichzeitig vorgeben, wie diese zu interpretieren sind. Eben deshalb kann man davon sprechen, dass Antonomasien dazu dienen, „zu präzisieren und das Handlungsgeschehen zu interpretieren“[17]. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass Antonomasien mit einigen anderen Stilmitteln inhaltliche Überschneidungen aufweisen. Zwar lassen sich einzelne sprachliche Phänomene mit relativ großer Sicherheit auf das zugrunde liegende Stilmittel untersuchen[18], aber es ist durchaus möglich, dass zwei Stilmittel inhaltlich ähnliche Aspekte verdeutlichen. Wenn nämlich gesagt worden ist, dass Antonomasien bestimmte Eigenschaften einer Person in den Vordergrund stellen können, so kann dies z.B. auch auf die Metapher zutreffen. Zudem können auch Metaphern Handlungsgeschehen in wenigen Worten zusammenfassen, welches im näheren oder weiteren Kontext ausgeführt werden kann. Ein Unterschied zwischen Antonomasien und Metaphern liegt jedoch in der Tatsache, dass Metaphern in der Regel größere semantische Felder abdecken, aus denen jedoch im jeweiligen Kontext nur einzelne Elemente von Bedeutung sind. So wird in der altbekannten Metapher „der Löwe Achill“ lediglich der Mut und die Kampfkraft des Löwen dem Verhalten Achills parallelisiert- alle anderen Eigenschaften aber werden vom Leser ausgeblendet. Nur durch dieses verstehende und den Textzusammenhang integrierende Lesen des Rezipienten ist das angemessene Verständnis der Metapher gesichert. Ist es auch bei unserem Beispiel relativ unwahrscheinlich, dass ein Leser die Metapher falsch versteht, so liegt das in anderen Fällen durchaus im Bereich des Möglichen. Somit ist der Autor bei der Verwendung einer Metapher nicht immer in der Lage, ihre Rezeption mit relativ großer Sicherheit zu antizipieren und die Möglichkeit, dass sie falsch verstanden wird, besteht[19]. Bei der Antonomasie ist es dem Autor jedoch möglich, diese Gefahr gänzlich zu umgehen, denn hier würde die Stilfigur lauten „Der, der kämpfte wie ein Löwe/ den Mut eines Löwen hätte...“ - und somit klar herausstellen, um welche Eigenschaften es geht. Der Autor kann durch Antonomasien also Eindeutigkeiten herstellen, die durch Metaphern nicht unbedingt zu erreichen sind- wobei er allerdings nur einige Aspekte thematisieren kann. Dennoch können auch Antonomasien Schwierigkeiten bei der Interpretation verursachen deshalb, weil zu ihrer Interpretation oft ein Verständnis des ganzen Kontextes erforderlich ist und sie dann „als Anspielung nur dem Wissenden“[20] verständlich sind[21].

[...]


[1] Im folgenden wird- wann immer es um Textbezüge zum „Gregorius“ (von Aue, Hartmann I) geht- lediglich die Verszahl im Anschluß an das Zitat genannt. Eine umfassende Literaturangabe befindet sich am Ende der Arbeit.

[2] Das Phänomen, das verschiedene Wörter benutzt werden, die denselben Bezugspunkt besitzen, gibt es natürlich nicht nur bei Personenbezeichnungen. So finden sich z.B. für den Sündebegriff folgende Ausdrü>

[3] Freytag, 143.

[4] Insbesondere ist zu beachten, dass „dieser Tropus in den volkssprachigen Gregoriusdichtungen der afrz. „Vie“ und mehr noch der frühnhd. Legendare praktisch überhaupt keine Rolle“ spielt (ebd., 153) und es sogar der Fall zu sein scheint, „dass die Bearbeiter Hartmanns diesen stilistischen Kunstgriff und seine interpretatorische Funktion ignorieren“ (ebd.).

[5] ebd., 142.

[6] Vgl.: ebd..

[7] Vgl. z.B.: Steinle, Gisela, Kennzeichnen durch Bezeichnen, 36 ff. ; sowie: Dahlgrün, Corinna, 117.

[8] Ähnlich verhält es sich mit der Frage, wie folgenreich dieses Versäumnis ist, denn die Gesamtaussage eines Textes wird je nicht lediglich anhand der Stilmittel deutlich. Dennoch machen diese häufig einen besonderen Reiz desselben aus.

[9] Wilpert, 40.

[10] Vgl.: Freytag, 144.

[11] In unserem Beispiel würde die Antonomasie lauten: „Der, der aus Nazareth kam...“

[12] Wilpert, 40.

[13] Da es sich bei dieser Hausarbeit um ein Textinterpretation handelt, seien Antonomasien auch nur hinsichtlich der geschriebenen Sprache betrachtet. Dabei ist jedoch klar, dass sie sich ebenso in mündlichen Äußerungen finden.

[14] Freytag, 143.

[15] Ebd., 144.

[16] Vgl.: Die Bibel, Lukas 11, 37-54.

[17] Freytag, 144.

[18] Eine Antonomasie von einer Metapher zu unterscheiden ist allein anhand stilistischer Unterschiede möglich. In manchen Fällen können Ausdrücke allerdings auch zwei Stilmittel vereinen. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich wird, können z.B. Antonomasien gleichzeitig Oxymora sein.

[19] Als Beispiel für eine potentiell missverständlichere Metapher sei hier die der „schwarzen Milch der Frühe“ aus der Todesfuge Paul Celans angeführt (Beda, 45 f.). Hier ist es ungleich schwerer zu bestimmen, in welcher Weise sich die beiden Begriffe in ihre Bedeutungen beeinflussen, bzw. einzelne Bedeutungselemente übertragen werden.

[20] Wilpert, 40 f..

[21] Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass es auch zum Verständnis von Metaphern ein notwendiges Basiswissen gibt, welches in der Regel in der Geschichte eines Kulturkreises wurzelt (weitere Rezeptionsvoraussetzungen sind in der Arbeit von Oliver Hallich, 30 ff. beschrieben).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Antonomasien im Gregorius von Hartmann von Aue
Hochschule
Universität Hamburg  (FB Germanistik)
Veranstaltung
Die `Gregorius`- Dichtung Hartmanns von Aue und ihre Adaptation im 13., 16. und 20. Jahrhundert
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V11806
ISBN (eBook)
9783638178617
ISBN (Buch)
9783638642071
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonomasien Gregorius Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Hanno Frey (Autor), 2000, Antonomasien im Gregorius von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11806

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