Externe Leistungsmessung – Ursachen, Folgen, Alternativen


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursachen der externen, vergleichenden Leistungsmessung
2.1 Vereinigung und Standard
2.2 Leistungsverfall ?

3 Die Folgen externer Evaluation
3.1 Die Folgen externer Evaluation für den Lehrer
3.2 Die Folgen externer Evaluation für den Schüler
3.3 Die Folgen externer Evaluation für die Schule
3.4 Was leisten vergleichende Tests ?

4 Interne Evaluation als Alternative

5 Abschließende Bemerkungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In einer Schrift des „Arbeitskreises Grundschule“ von 1999 heißt es „Der Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule e.V.- begrüßt, dass die Qualität von Schule und Unterricht wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit findet“[1], und in der Tat ist es wohl eine erfreuliche Entwicklung, dass die Öffentlichkeit sich wieder zunehmend mit dem Bildungswesen und der Schulpolitik beschäftigt. Öffentliches Interesse nämlich ist häufig Ausdruck von Wertung und Gewichtung und gerade hier hatte die Schule in den letzten Jahren einen Stand, der ihr aufgrund ihrer Bedeutung als prägender Faktor für den lernenden Menschen in keiner Weise gerecht wurde. Neben der Hoffnung, dass dieses Interesse zu kontroversen Diskussionen führt, an deren Ende verbesserte Lehrmethoden und – möglichkeiten für die Schulkinder und Lehrer[2] stehen, bleibt aber vor allem zu fragen, wie sich das Interesse zeigt, welcher Art es ist und welche Ziele und Folgen es hat oder haben könnte. Um eben diese Fragen soll es in dieser Hausarbeit gehen. Dabei soll gezeigt werden, dass das grundsätzliche Interesse der Öffentlichkeit für die Schule in keiner Weise automatisch zu Verbesserungen führt und dass die vergleichenden Leistungstests, die lange Zeit eine große Popularität besessen haben (und z.T. immer noch besitzen), in letzter Zeit zurecht in die Diskussion gerückt sind. Sie bergen nämlich neben den (vorgeschobenen?) Vorteilen auch eine Menge an Gefahren. Deshalb soll es in dieser Hausarbeit auch um die (schul-) interne Evaluation gehen, die eine gewisse Alternative zu der externen darstellt. In welcher Form sich ein Kompromiß finden ließe, wird in dieser Hausarbeit nicht umfassend diskutiert werden können. Gleichsam sei diese Frage angerissen und erläutert. Dabei sind mit dem Begriff der externen Leistungsmessung zunächst nur die Vergleichstests gemeint, wobei es vor allem um die „TIMSS – Studie“ gehen wird, weil sie wohl zu den am besten vorbereiteten Untersuchungen der letzten Jahre zählt und auch auf ein großes öffentliches Interesse stieß. Im weiteren wird dann die Definition der „externen Leistungsmessung“ differenziert.

2 Ursachen der externen, vergleichenden Leistungsmessung

Vor der Behandlung der Frage nach den Folgen der vergleichenden Leistungsmessung ist es wohl angemessen, zunächst einmal nach den Ursachen derselben zu fragen. Mit welcher Motivation wird vergleichende Leistungsmessung durchgeführt?

2.1 Vereinigung und Standard

Waren die letzten Jahrhunderte der menschlichen Geschichte vor allem durch territoriale Abgrenzungen und isolierte Machtbestrebungen einzelner Länder und Staaten gekennzeichnet, so stehen die Zeichen zum Ende des 20 JH eher auf Vereinigung und Zusammenarbeit: Nicht nur Europa wächst zusammen, sondern auch von der ganzen Welt wird zunehmend als ein „globales Dorf“ gesprochen. Dabei scheint es im Zuge der Vereinigungen vor allem darum zu gehen, dass jeweils alle Mitglieder eines Bündnisses einen bestimmten Stand hinsichtlich verschiedener Kriterien erreicht haben, oder noch erreichen müssen. Einheit wird somit an strukturellen, messbaren Kriterien festgemacht. Mit der Sicherung ökonomischer und politischer Standards (wie Währungsstabilität und demokratischer Staatsform) geht es dabei auch die Vereinheitlichung der schulischen Bildung, bzw. der Normierung ihrer Ergebnisse.

Da durch die Auflösung der Grenzen ein Arbeitsmarkt entsteht, der den (u.a.) durch Rationalisierungen entstandenen Mangel an Arbeitsplätzen weiter verschärft und in einen länderübergreifenden Konkurrenzkampf einfließen lässt, sollen durch Bildungsstandards neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet werden, bzw. die Chancen für alle Beteiligten ausgeglichen sein. Dabei gehen offenbar viele Schulpolitiker davon aus, „ein insgesamt höheres Niveau spezifischer Leistungen führe zu insgesamt höherer Beschäftigung“[3]. Dass dies ein Trugschluß ist, zeigt sich dem aufmerksamen Betrachter in der Realität in (eigentlich) unübersehbarer Brutalität. Die hohe Zahl an Abiturienten und Studenten hat in Deutschland zu einer Überqualifizierung vieler potentieller Arbeitnehmer geführt, die eben (auch) aufgrund – oder trotz - ihrer hohen Qualifikation keine Arbeit finden. Dennoch scheint diese Tatsache weniger Aufmerksamkeit zu bekommen als die weiterdauernde und höher standardisierte Vereinheitlichung der Schulbildung. Um diese Vereinheitlichung zu kontrollieren und die Existenz eines Mindeststandards (der zweifelsohne auf relativ hohem Niveau stehen soll) feststellen zu können, sind in den letzten Jahren immer mehr vergleichende Leistungstests konzipiert und durchgeführt worden. Dabei lag das Augenmerk sowohl auf regionalen Vergleichen, wie auch auf überregionalen, länderumfassenden und schließlich europa- und weltweiten Vergleichen. Von der „Hamburger Schreibprobe“ bis zu der „TIMSS – Studie“ – vergleichende Leistungsmessung fand und findet auf allen Ebenen statt. Angesichts dieses Phänomens darf wohl die Frage laut werden, welches die genauen Ziele der jeweiligen Tests sind und – vor allem – ob diese Ziele denn erreicht werden. Anders gefragt: Was leisten vergleichende Leistungstests – und was könnten sie vielleicht leisten ?

2.2 Leistungsverfall ?

Primäres Ziel der vergleichenden Leistungsmessung kann es zunächst nur sein, den Bildungsstand der (schulpflichtigen) Bewohner eines Landes zu erfassen und mit den Entwicklungen in anderen Ländern zu vergleichen. Davon ausgehend können dann auch Verlaufsstudien erstellt werden. Durch die Erhebung dieser Daten kann nun entweder ein allgemeiner Anstieg des Bildungsniveaus festgestellt werden, ein Stillstand oder auch ein Leistungsverfall. Wenn man sich die in den letzten Jahren von Wirtschaft und Politik verbreiteten Thesen vor Augen führt, wird deutlich, dass als Spiegel der öffentlichen Meinung gelten darf, „die Schüler würden immer dümmer“[4]. Ganz in diesem Sinne lautete die Überschrift einer Serie in der BILD – Zeitung vom 4.11 bis 16.11.1991 „Werden wir ein Volk von Idioten? Der große Report über Schulen, Schüler und Lehrer“[5] hieß es da. Weiterer Ausdruck dieser Einstellung ist beispielsweise die Forderung der Industrie, endlich Schulabgänger präsentiert zu bekommen, die in der Lage sind, ordentlich zu lesen und zu schreiben. Dass diese Forderung unterstellt, die meisten Schüler könnten dies nicht, und ihr ein sehr begrenzter Bildungsbegriff zugrundeliegt, darauf sei hier nur am Rande hingewiesen.

Wie Hermann Schwarz formuliert, mag es sein, „dass Schule heute hinter dem, was die Jugend an Bildung und Leistung braucht, zu weit zurückbleibt“[6]. Davon zu trennen ist aber die Behauptung, dass es einen generellen Bildungs verfall gebe. Hierzu bemerkt Jürgen Habermas: „Die breite Bevölkerung ist heute intelligenter, jedenfalls besser ausgebildet, besser informiert, in vielen Hinsichten interessierter als früher“[7]. Dementsprechend könnte allenfalls davon gesprochen werden, dass die Schule es nicht schafft, den steigenden Bildungsansprüchen in ausreichendem Maße gerecht zu werden. Zu diesem Schluss kommt auch Horst Barnitzky: „Ein früher als ausreichend angesehenes Können würde den heute deutlich höheren Anforderungen nicht mehr gerecht werden“[8], so formuliert er. Aus diesem Grund mag der Leistungsverfall allenfalls in Relation zum Bildungsanspruch als solcher auftreten, (und ist dann kein „Verfall“ im eigentlichen Sinne) aber nicht als absolutes Phänomen.

Bei der Beurteilung von Leistung ist weiterhin zu beachten, welche Schulsysteme in den untersuchten Ländern herrschen und wieviel Prozent der Bevölkerung einen bestimmten Schultyp besuchen. Betrachtet man die Ergebnisse der „TIMS- Studie“ genauer[9], so wird deutlich, dass die drei in Deutschland vorkommenden Schulformen (Gymnasium, Realschule und Hauptschule) ganz gemäß den Erwartungen unterschiedliche Plazierungen erreichen. Allerdings darf die Betrachtung hier keinesfalls stehenbleiben. Schließlich ist es eine Tatsache, dass die Zahl der Abiturienten in den letzten Jahrzehnten nicht nur absolut, sondern auch in der Relation zu den anderen Schulabschlüssen, zugenommen hat. Dabei „scheint (es) auf den ersten Blick plausibel, wenn unterstellt wird, dass das Niveau eines Abschlusses um so mehr sinke, je mehr Personen ihn erreichen“[10]. Läßt man diesem ersten Blick jedoch sorgfältige Überlegungen und Untersuchungen folgen, so wird klar, „dass insbesondere Frauen Trägerinnen dieses Expansionsprozesses waren“[11] und es sich somit nicht um eine Entwicklung handelt, bei der „schlechtere“ Schüler Zugang zu höheren Schulformen bekommen haben, sondern die Schule ihre Tore den Frauen geöffnet hat. Reicht diese Erklärung natürlich nicht zur Erläuterung der Entwicklung in den letzten Jahren, so ist wiederum darauf zu verweisen, dass es sich auch um einen generellen Anstieg des Bildungsstandards handeln könnte. Dies wird gerade vor dem Hintergrund folgender Entwicklung plausibel:

Wir haben es in den letzten Jahrzehnten mit einer Umstrukturierung des Bildungsbegriffes zu tun, die sich sowohl in den Lerninhalten, als auch in den Klassenzusammensetzungen zeigt. Kam es vor einigen Jahrzehnten noch fast ausschließlich auf die Vermittlung von Fach- und Definitionswissen an, so wurden im Laufe der letzten Jahre nicht nur das Problemlöseverhalten und sinnerfassende Lernen, sondern auch das sog. soziale Lernen wichtig – vor allem letzteres findet in den Untersuchungen kaum Berücksichtigung. Für Brügelmann geht es in diesem Sinne darum „Bildung zu ermöglichen und nicht nur „Qualifikationen“ zu vermitteln (und) Bildung ist etwas anderes, als bloßes Training beobachtbaren Verhaltens“[12]. Demnach übersehen diejenigen, die durch die Untersuchungen einen Leistungsverfall bestätigt sehen, zwei Dinge: Zunächst einmal wäre es keineswegs verwunderlich, wenn durch eine Variation der Lernziele (vom reinen Fachwissen zu anderen Lerninhalten) eine partielle Verschlechterung der Leistungen in den Teilbereichen entstehen würde. Darüber hinaus aber scheint eben diese Verschlechterung in der Praxis gar nicht in dem Maße vorzukommen, wie es suggeriert wird. In diesem Sinne formuliert Neisser: „Das Niveau der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, wie sie in Intelligenztests gemessen werden, hat in derselben Zeit (= seit dem ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre hinein) geradezu dramatisch zugenommen[13]. Dieser Zuwachs zeigt sich weniger in Faktenwissen als vielmehr in Fähigkeiten zur Regelbildung und zum Perspektivenwechsel“[14]. Zu diesem Ergebnis kommt auch Hustedt, der bemerkt „Bei Aufgaben, die das Erkennen von Regeln bzw. logisch- schlussfolgerndes Denken erfordern, schneiden heutige Schulabgänger... deutlich besser ab als Jugendliche vor 20 Jahren“[15].

[...]


[1] Horst Barnitzky, S. 1.

[2] Aus Gründen der Vereinfachung wird in dieser Hausarbeit jeweils nur die maskuline Form benutzt. Gemeint sind aber selbstverständlich immer beide Geschlechter.

[3] Horst Barnitzky, S. 2.

[4] Dass die Eindrücke der Öffentlichkeit einer kritischen Überprüfung oftmals nicht standhalten, weil sie eher „aus dem Bauch heraus“, als aufgrund tatsächlicher Entwicklungen entstehen, hat Karlheinz Ingenkamp bereits 1967 bewiesen.

[5] Prof. Dr. Helmut Schoeck, IN: BILD, 1991.

[6] Hermann Schwarz, S. 4.

[7] Jürgen Habermas, zitiert nach: ebd., S.4.

[8] Horst Barnitzky, S. 4.

[9] Vgl.: Jürgen Baumert, S. 98.

[10] Rainer Block, S.19.

[11] Ebd..

[12] Hans Brügelmann, S. 43.

[13] Dabei ist zu beachten, dass gerade auch in diese Zeit massive Klage über Leistungsverfall fallen (vgl.:
Untersuchung von Karlheinz Ingenkamp)

[14] Neisser zitiert nach: Horst Barnitzky, S. 4.

[15] H. Hustedt, S. 162.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Externe Leistungsmessung – Ursachen, Folgen, Alternativen
Hochschule
Universität Hamburg  (FB Pädagogik)
Veranstaltung
Lernschwierigkeiten: Der Blick auf den Unterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V11808
ISBN (eBook)
9783638178631
ISBN (Buch)
9783638932158
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Externe Leistungsmessung – Ursachen, Folgen, Alternativen Schulen
Arbeit zitieren
Hanno Frey (Autor), 1999, Externe Leistungsmessung – Ursachen, Folgen, Alternativen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11808

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