Jugendliche und soziale Ungleichheit. Das Potenzial der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) für benachteiligte Jugendliche


Bachelorarbeit, 2019

47 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modelle sozialer Ungleichheit: Milieu, Schicht, Klasse?
2.1 Definition soziale Ungleichheit
2.2 Soziale Ungleichheit und Gesellschaftsanalyse
2.3 Schichten und Klassen
2.4 Der Soziale Raum nach Bourdieu
2.5 Soziale Milieus
2.6 Soziale Lagen als Ungleichheitskonzept
2.7 Zwischenfazit

3. Soziale Ungleichheit im Jugendalter
3.1 Allgemeine Aspekte
3.2 Regionale und sozialräumliche Disparitäten
3.3 Sinus-Jugendstudien
3.4 Kinder und Jugendarmut
3.5 Soziale Ungleichheit und Gesundheit
3.6 Bildungsprozesse und Bildungsungleichheit
3.7 Zwischenfazit

4. OKJA – Rahmenbedingungen und Potenziale
4.1 Was ist die Offene Kinder- und Jugendarbeit?
4.2 Bildung in der OKJA
4.3 Themen und Handlungsfelder der OKJA
4.4 Die sozialintegrative Funktion der OKJA
4.5 Sozialraumorientierung als Potenzial

5. Diskussion

Literaturverzeichnis

Abstract

Bei der sozialen Ungleichheit handelt es sich um eine vielschichtige Thematik, mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Sie beschreibt einen Zustand in dem Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr beziehungsweise weniger als andere erhalten oder besitzen. Diese Güter werden im Rahmen von theoretischen Auseinandersetzungen auch als Kapitale oder Ressourcen bezeichnet. Zentrale Güter umfassen vor allem das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital, aber auch Wertevorstellungen oder Einflüsse der äußeren, natürlichen oder sozialen Umwelt sind bedeutende Kriterien. Kinder und Jugendliche sind ebenso von einer ungleichen Verteilung der Güter betroffen wie andere Mitglieder der Gesellschaft. So gehören Kinderarmut, räumliche Disparitäten, Bildungschancen oder gesundheitliche Probleme zu den zentralen Punkten sozialer Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit bietet mit ihren konzeptionellen Grundorientierungen der Subjektorientierung, Selbstbildung, Partizipation, Demokratiebildung und Offenheit eine Anlaufstelle für betroffene junge Menschen, um an Ursachen sozialer Ungleichheit zu arbeiten.

Social inequality is a complex issue with a high social relevance. It describes a state in which people regularly receive or possess more or less of the goods of a society than others because of their position in social relationships. These goods are also referred to as capital or resources in the context of theoretical debates. Key goods include economic, cultural and social capital above all, but the values or influences of the external, natural or social environment are also criteria of high importance. Children and adolescents are just as affected by an inhomogenous distribution of goods as other members of society. Child poverty, spatial disparities, educational opportunities or health problems are among the central points of social inequality in childhood and adolescence. With its basic conceptual orientations of subject orientation, self-education, participation, democracy formation and openness, Open Child and Youth Work offers a contact point for young people to work on the causes for social inequality.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sinus-Modell nach Sinus-Institut

Abbildung 2: Milieumodell nach Michael Vester

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Bei dieser Ausarbeitung handelt es sich um eine Bachelorarbeit, welche im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit an der Medical School Hamburg angefertigt wurde. Thematisch befasst sich die vorliegende Arbeit mit der sozialen Ungleichheit bei Jugendlichen. Die erste zu überprüfende Hypothese soll aufzeigen, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) das Potenzial aufweist, der sozialen Ungleichheit bei Jugendlichen entgegen zu wirken.

Hierfür werden zunächst die theoretischen Aspekte sozialer Ungleichheit analysiert. Dabei besteht die Beantwortung von Fragen wie: „Was ist soziale Ungleichheit, was sind die Ursachen, welchen Einfluss hat sie auf die Gesellschaft oder wie lässt sie sich modular darstellen und beschreiben?“ im Fokus. Anknüpfend an die Ergebnisse der theoretischen Auseinandersetzung werden Felder sozialer Ungleichheit, von denen Jugendliche betroffen sind, dargestellt. Hier werden Handlungsfelder aufgegriffen und deren Probleme analysiert. Hierbei handelt es sich um Aspekte der Kinderarmut, der Gesundheit sowie Inhalte der Bildungsungerechtigkeit oder weitere äußere Einflüsse.

Anschließend sollen die Potentiale der OKJA aufgezeigt werden. Hierbei wird die konzeptionelle Grundlage der OKJA als Lösungsansatz für die Ursachen und Symptome sozialer Ungleichheit betrachtet sowie Praxisbezüge der OKJA zu Themen der sozialen Ungleichheit präsentiert. Dabei wird ihre integrative Funktion berücksichtigt.

Zum Abschluss dieser Arbeit wird im Diskussionsteil ein kritischer Blick auf das Thema geworfen. Hierbei wird betrachtet, weshalb die OKJA lediglich das Potenzial aufweist, etwas gegen soziale Ungleichheit zu tun.

2. Modelle sozialer Ungleichheit: Milieu, Schicht, Klasse?

2.1 Definition soziale Ungleichheit

Heutzutage wird viel über soziale Ungleichheit gesprochen. Doch wie wird soziale Ungleichheit eigentlich definiert? Nach Stephan Lessenich (2015) bestimmen Markt und Staat über die Verteilung individueller Lebenschancen und sozialer Statuspositionen in demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften. Er beschreibt die moderne Gesellschaft als eine Marktgesellschaft, in welcher Privatpersonen ihre eigenen sowie die von Unterstützung abhängigen Lebensbedarfe durch Tausch in Form von Arbeitskraft gegen Lohneinkommen decken. Die ungleichen sozialen Lagen werden vor allem durch unterschiedliche Marktchancen bestimmt. Zumeist handelt es sich dann um eine ungleiche Ressourcenausstattung, wie niedrigere Qualifikation. Aber auch die Verwertbarkeit der Ressourcen, wie die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen, spielen eine zentrale Rolle (Lessenich, 2015).

Bezieht man den Begriff der sozialen Ungleichheit auf Güter, erscheinen diejenigen Menschen, die über wertvolle Güter verfügen, besser- oder höhergestellt und haben Vorteile. Der Wert des Gutes wird von der Gesellschaft als wünschenswerten Zustand bestimmt, dazu gehören zum Beispiel (z.B.) Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und individuelle Autonomie. Weiterhin enthält soziale Ungleichheit eine bestimmte Vorstellung darüber, wie diese Güter verteilt sein müssen, um als ungleich zu gelten. Die Definition von Ungleichheit ist hierbei in absolute Ungleichheit und relative Ungleichheit zu unterteilen. Wenn ein Gesellschaftsmitglied von einem Gut mehr erhält als ein anderes, wird von absoluter Ungleichheit gesprochen. Relative Ungleichheit beschreibt hingegen die Verteilungskriterien eines Gutes. So tritt relative Ungleichheit dann auf, wenn z.B. der Verdienst bestimmter Personen unverhältnismäßig zu ihrer Leistung steht. In der soziologischen Terminologie spricht man von sozialer Ungleichheit, wenn Güter nicht absolut gleich verteilt sind. Eine zentrale Rolle spielt zudem die beständige Ungleichverteilung von Gütern. Zusammengefasst lässt sich soziale Ungleichheit so beschreiben, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten (Hradil, 2001).

2.2 Soziale Ungleichheit und Gesellschaftsanalyse

Micheal Vester (2015) unterscheidet Gesellschaft in große Gruppen, welche sich durch ungleiche Macht, Funktionen, Chancen und Praxisformen differenzieren. Durch eine funktionelle Abhängigkeit bildet sie einen gegliederten Zusammenhang in der Gesellschaft, woraus sich eine Über- und Unterordnung ergibt. Abhängig von der Art der Gliederung werden die Gruppen als Klasse, Stand, Kaste oder Milieu bezeichnet. Die Bezeichnungen und Konzepte dieser Teilungen, die in der Wissenschaft und Gesellschaft verwendet werden, haben vielfältige und kontroverse Bedeutungen, die den verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Akteure und der Sozialwissenschaften entsprechen (Vester, 2015).

Wie durch Vester beschrieben, ergeben sich auf der Grundlage der sozialwissenschaftlichen Arbeit und der Gesellschaftsanalyse Modellkonzepte. Diese Modelle enthalten Sichtweisen über Ursachen und Merkmale sozialer Ungleichheit und zeigen, ob sich nach diesen Kriterien eine bestimmte Struktur abgegrenzter Gruppierungen ergibt. Solche Modelle reduzieren die Diversität der Realität, um Eigenschaften wie eine Über- und Unterordnung oder die gesellschaftliche Entwicklung einteilen und abbilden zu können (Burzan, 2011).

Die Modelle eignen sich dadurch ideal um unterschiedliche Sichtweisen auf die Thematik der sozialen Ungleichheit zu betrachten und Kriterien zu bestimmen durch welche Ungleichheiten entstehen. In den folgenden Kapiteln werden daher die Theorien der Gesellschaftsanalyse und deren Modelle genauer betrachtet und erläutert, sowie voneinander unterschieden. Ferner werden die Ursachen sozialer Ungleichheit, die Merkmale und Kriterien der Einordnung anderer Menschen, die Strukturen sozialer Ungleichheit, sowie die Auswirkung der Zuordnung und die Folgen sozialer Ungleichheit aufgezeigt. Die Modelle lassen sich hierfür unter anderem (u.a.) in Klassen- und Schichtmodelle sowie Milieus und soziale Lagen unterteilen. Ebenso werden die Modelle chronologisch nach dem Entstehungszeitraum sortiert. Begonnen wird hierbei mit den Schicht- und Klassenmodellen Ende des 19. Jahrhunderts.

2.3 Schichten und Klassen

Die beiden Begriffe „ Klasse “ und „ Schicht “ werden in der Sozialwissenschaft zumeist unterschiedlich verwendet. Beide Begriffe fassen Menschen, die sich in ihrer sozioökonomischen Lage ähneln, zu einer Klasse oder Schicht zusammen. Zu diesen Ähnlichkeiten gehören Lebenslagen und Persönlichkeitsmerkmale wie Einstellungen, Werteorientierung, Bedürfnisse, Interessen oder Mentalitäten sowie ähnliche Lebenschancen und Lebensrisiken. Klassenanalysen sind durch eine starke ökonomische Orientierung am Markt, Machtbeziehungen und Konflikte zwischen den Klassen, ihre historische Entwicklung sowie den theoretischen Diskurs geprägt. Klassenanalysen sollen die Ursachen von Ungleichheit, Konflikten, Machtbeziehungen und Entwicklungen aufzeigen. Schicht- und Klassenanalytiker gehen davon aus, dass die ähnlichen sozioökonomischen Lagen der Menschen zu ähnlichen Lebensbedingungen und Lebenserfahrungen führen, welche die Persönlichkeitsentwicklung und das Verhalten vergleichsweise prägen. So nimmt man an, dass klassentypische Mentalitäten und Lebensstile entstehen, welche als klassentypischer Habitus benannt sind. Dieser Habitus entsteht durch Sozialisationsprozesse innerhalb der Familien, Peergroups oder anderweitigen Netzwerken. Einen weiteren, zentralen Punkt bilden die schicht- und klassentypischen Lebenschancen, bei denen sich Schichten und Klassen durch Privilegien und Benachteiligungen unterscheiden (Geißler, 2017).

Grundlage des historischen Klassenmodells bildeten die Arbeiten von Karl Marx und Max Weber. Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf Marx seine Klassentheorie, bei welcher er die gesamte Menschheitsgeschichte als eine Entwicklung von Klassenkämpfen beschreibt. In seinem Klassenmodell geht er davon aus, dass Besitzer von Produktionsmitteln über die Nichtbesitzenden herrschen, indem ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen besteht. Marx sieht das Privateigentum als die Ursache sozialer Ungleichheit an, da eine Klasse durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln bestimmt ist. Somit bilden ökonomische Ursachen den Boden sozialer Ungleichheit, welche sich in die Bereiche der Politik, Kultur, Recht oder Religion weiter erstreckt. Auf der Grundlage der Arbeit von Karl Marx weicht Max Weber von einem binären Klassenmodell ab und beschreibt den Begriff der Klasse detaillierter. In Webers mehrdimensionalem Modell betont er nicht allein den ökonomischen Aspekt von Marx, sondern zieht zur Charakterisierung der Sozialstruktur und der Machtverhältnisse in einer Gesellschaft zusätzlich Stände und Parteien hinzu. Ebenso wird zwischen Besitz- und Erwerbsklassen sowie sozialen Klassen unterschieden. So wird bei Weber erst dann von Klassen gesprochen, wenn die Lebenschancen einer Mehrzahl von Menschen durch eine gemeinsame Ursache bestimmt sind. Diese Ursache muss ökonomische Güterbesitz- und Erwerbsinteressen unter den Bedingungen des Marktes mit beinhalten. Webers Differenzierungen bilden die Ausgangslage einiger späterer und mehrdimensionaler Analysen sozialer Ungleichheit (Burzan, 2011).

Ebenso bedeutsam ist die Arbeit von Theodor Geiger und seinem Schichtenmodell. Geiger grenzt sich mit seinem Schichtenmodell von Marx und Weber ab, indem er sich von den bisherigen Klassenbegriffen und Modellen distanziert. Seine Definition von Schicht basiert auf der Vorstellung, dass viele Personen oder Familien ein willkürliches, erkennbares Merkmal gemein haben und als Träger dieser Merkmale einen gewissen Status in der Gesellschaft und im Verhältnis zu anderen Schichten einnehmen. Der Status umfasst hierbei Lebensstandards, Chancen und Risiken, Privilegien oder auch Diskriminationen. Als Oberbegriff dient Geiger die Schicht, welche eine bestimmte soziale Lage beschreibt, so dass andere Begriffe wie Kaste, Stand oder Klasse für ihn Beispiele einer Schichtung sind. Folglich handelt es sich bei dem Begriff der Klasse um eine Schichtung, bei der die Produktionsverhältnisse das dominante Schichtungsprinzip darstellen. Die Schichtstrukturen überkreuzen, durchdringen und überdecken sich dabei. Mit dem dominanten Schichtungsprinzip meint Geiger ein Schichtmerkmal, welches zu einer bestimmten Zeit besonders dominant ist. So wäre bei einer ständischen Gesellschaft die Schichtung nach Berufsart die Dominante. Diese wurde entsprechend von der Klassengesellschaft und ihren Produktionsverhältnissen als Dominante abgelöst. Demnach befindet sich Gesellschaft nach Geiger im stetigen Wandel (ebd., 2011).

Die Gesellschaftsmodelle Ende des 19. Jahrhunderts gehen noch stark von einem ökonomischen Ursprung sozialer Ungleichheit aus. Diese werden vor allem durch mangelnden Besitz und einem daraus folgenden Abhängigkeitsverhalten ausgelöst.

2.4 Der Soziale Raum nach Bourdieu

Das Modell des sozialen Raums, nach Pierre Bourdieu, gliedert sich auf verschiedene Ebenen, wobei der Raum als objektive soziale Position als Grundlage dient. Von zentraler Bedeutung ist der ausgeweitete Kapitalbegriff des Modells. So geht Bourdieu nicht nur von einem ökonomischen Kapital, sondern auch von einem kulturellen und sozialen Kapital aus. Die soziale Position im Raum ist laut Bourdieu deshalb vom Kapitalvolumen, der Kapitalstruktur sowie dem zeitlichen Faktor der Soziallaufbahn bestimmt. Im Folgenden werden die drei Kapitalbegriffe nach Bourdieu beschrieben:

a. Das ökonomische Kapital beschreibt, nach dem bisherigen Verständnis von Marx, das Eigentum und Vermögen und ist im Grunde mit Geld definierbar.
b. Das kulturelle Kapital teilt sich in drei Unterarten auf, wobei das inkorporierte Kulturkapital Bildung und Wissen beschreibt, welches über Lernzeit erworben werden muss. Die Aneignung dieses Kapitals prägt stark die Persönlichkeit der Person, da es z.B. die Sprechweise beinhaltet. Das objektive Kulturkapital bezieht sich auf den Besitz von kulturellen Gütern wie Bücher, Gemälde oder Instrumente. Es lässt sich leicht übertragen, jedoch ist es nur ein Mehrgewinn, wenn der Handelnde es sich aneignet oder strategisch einsetzt. So ist inkorporiertes Kapital Voraussetzung für die Nutzung. Die letzte Unterart bildet das institutionalisierte Kapital, welches sich auf Schulabschlüsse oder akademische Titel bezieht. Der Inhaber des institutionalisierten Kapitals verfügt über ein Zeugnis von dauerhaftem und rechtlich garantiertem Wert. Dieses Kapital hat meist einen direkten Zusammenhang zum ökonomischen Kapital.
c. Das soziale Kapital beschreibt das soziale Netzwerk einer Person. Im Rahmen des sozialen Netzwerkes ist es mit Hilfe anderer möglich, die eigenen Ziele zu erreichen. Die familiäre Herkunft ist somit besonders wichtig. Das soziale Kapital benötigt eine dauerhafte Beziehungsarbeit für die Aufrechterhaltung (Burzan, 2011).

Die quantitative Menge an Kapital reicht jedoch nicht aus, um die Position im sozialen Raum zu bestimmen. Das Verhältnis der Kapitalarten, insbesondere zwischen dem ökonomischen und dem kulturellen Kapital ist besonders ausschlaggebend für eine Einordnung. So wird der Profi-Fußballer mit einem hohen ökonomischen Kapital anders eingeordnet als ein Historiker mit einem hohen kulturellen Kapital. Ebenso bestimmt der Zeitverlauf die soziale Position, indem eine Person als sogenannter Aufsteiger oder Absteiger gilt. Somit ist das Modell in ständiger Bewegung. Die Kapitalarten stehen ebenfalls in einem engen Zusammenhang miteinander. So beeinflusst das ökonomische Kapital einer Familie, wie viel Zeit und Geld Eltern in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. Ordnet man die sozialen Positionen dieses Modells zu einem Gefüge zusammen, entsteht ein Klassenmodell, welches sich in drei Hauptklassen unterteilt, die wie folgt beschrieben werden können:

a. Die Oberklasse lässt sich in zwei Gruppen unterteilen. Zum einen in die Gruppe mit hohem ökonomischen Kapital, wie z.B. Unternehmer und zum anderen in Gruppe mit hohem kulturellen Kapital, wie z.B. Künstler oder Hochschullehrer.
b. Die Mittelklasse teilt sich in drei Unterklassen auf. Das absteigende Kleinbürgertum ist durch seinen Mangel an ökonomischem und kulturellem Kapital an seine soziale Lage gebunden. Dazu zählen vor allem kleinere Handwerker oder Händler. Das exekutive Kleinbürgertum besteht aus Büroangestellten, Volksschullehrern oder anderen ausführenden Berufstätigen. Die letzte der drei Unterklassen ist das neue Kleinbürgertum, welches aus Berufen in Branchen mit starkem Wachstum besteht.
c. Die Volksklasse beinhaltet Arbeiter des untersten Beschäftigungsbereichs, wie z.B. Hilfsarbeiter (ebd., 2011).

Bourdieu sieht ebenfalls eine Verbindung zwischen den sozialen Positionen und Lebensstilen. Seiner Ansicht nach sind die sozialen Positionen und der Lebensstil durch den Habitus miteinander verknüpft. Der Habitus ist hierbei die eigene Grundhaltung des Individuums gegenüber der Welt und beinhaltet bestimmte kollektive Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster. Diese sind dem Einzelnen nur zu einem kleinen Teil bewusst. So zeigt der Habitus auch die Grenzen einer Person auf, dadurch können Dinge für jemanden undenkbar oder unmöglich erscheinen und/oder denjenigen aufbringen oder schockieren. Innerhalb der eigenen Grenzen kann das Individuum jedoch durchaus erfinderisch sein (ebd., 2011).

2.5 Soziale Milieus

Durch die Priorisierung von Schichtmodellen und deren Betonung auf objektive Aspekte in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg, gewannen Milieukonzepte erst in den 80er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts an Bedeutung. Der Begriff des Milieus wird von Otthein Rammstedt (2011) im Lexikon der Soziologie als „Gesamtheit der äußeren, natürlichen (geografische Bedingungen) und sozialen Umwelt (Normen, Gesetze, ökonomische und politische Bedingungen) des Einzelnen bzw. einer Gruppierung, die auf die Entwicklung (Sozialisation), Entfaltungsmöglichkeit und die Modalität sozialen Handelns Einfluss nimmt.“ beschrieben (Rammstedt, 2011, S. 444).

Stadtviertel können als kleinere Milieus zusätzlich ein Wir-Gefühl entwickeln. Allgemein handelt es sich bei Milieus jedoch um größere gesellschaftliche Gruppen, in der sich Angehörige nicht gegenseitig kennen oder räumlich nah sein müssen. Die unterschiedlichen Wertvorstellungen der Angehörigen können sich z.B. auf materielle Sicherheit, Erfolg oder Spaß beziehen. Mehrere Milieus agieren innerhalb sozialer Schichten nebeneinander und grenzen sich durch ihre Werte und Grundorientierungen voneinander ab. Diese Abgrenzungen verlaufen jedoch mit fließenden Übergängen. Das Modell der Milieus unterscheidet sich durch fehlende hierarchische Strukturen von Schichtenmodellen. Diese können zusätzliche Kausalbeziehungen oder Handlungsbeziehungen zur Wahrnehmung und Nutzung sowie zu Werten und Verhaltensweisen beinhalten. Bei den Milieus werden dem Handeln, den Entscheidungen sowie der Lebensweise der Akteure eine große Bedeutung zugeschrieben. Durch die Mehrdimensionalität des Milieuansatzes lässt sich eine Realitätsnähe anstreben, welche jedoch an objektive Lebensbedingungen gebunden ist (Burzan, 2011).

Im Folgenden werden die beiden zentralen Milieu-Modelle aufgezeigt. Hierbei handelt es sich zunächst um das SINUS-Milieumodell. Anschließend wird auf das Milieumodell nach Vester näher eingegangen.

2.5.1 Die Sinus-Milieus

Das SINUS-Institut untersucht und erforscht seit vier Jahrzehnten den Wertewandel und die Lebenswelten der Menschen. Die daraus entstandenen Sinus-Milieus gelten als eines der bekanntesten Instrumente für die Zielgruppen-Segmentation, welche eine vielfältige Anwendung in den Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft findet. Mit empirischen Forschungen des Instituts wird versucht Erlebnisbereiche, mit denen Menschen im Alltag zu tun haben, zu erfassen (Barth, Fleig, Schäuble & Tautscher, 2018).

Mit Hilfe der Sinus-Studien wird die Bevölkerung anhand ihrer Wertevorstellungen und Lebensziele, ihren Einstellungen zur Arbeit, Freizeit und Konsum, Familie und Partnerschaft, ihren Zukunftsperspektiven, politischen Grundüberzeugungen und Lebensstilen zu sozialen Milieus beziehungsweise (bzw.) subkulturellen Einheiten zusammengefasst (Geißler, 2017).

Das Deutsche Sinus-Modell teilt die Bevölkerung in zehn soziale Milieus ein, wobei große Milieus in Submilieus unterteilt werden können (vgl. Abbildung 1).

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Jugendliche und soziale Ungleichheit. Das Potenzial der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) für benachteiligte Jugendliche
Hochschule
Medical School Hamburg  (Fakultät Gesundheit - MSH Medical School Hamburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V1181365
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Ungleichheit, Jugendliche, Kinder- und Jugendarbeit, Soziale Arbeit, Pädagogik, Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Patrick Möller (Autor:in), 2019, Jugendliche und soziale Ungleichheit. Das Potenzial der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) für benachteiligte Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1181365

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