Zwischen o-bento und o-shigoto - Rollenerwartungen und ihr Einfluß auf die Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter in Japan und Österreich


Magisterarbeit, 2006
137 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Verzeichnis häufig benutzter japanischer Ausdrücke

1. Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2 Forschungsstand
1.2.1 Forschungsstand Österreich
1.2.2 Forschungsstand Japan
1.3 Methode und Interviewpartnersuche

2. Begriffsbestimmung und Kategorien von „alleinerziehend“
2.1 Definition
2.2 Kategorien
2.3 Die Situation lediger Mütter
2.3.1 dekichatta kon
2.3.2 Abtreibung (datai, ninshin chūsetsu) statt Verhütung (hinin)
2.3.3 Die Diskriminierung von unehelichen Kindern (kongaishi , shiseiji, tetenashigo)
2.4 Die Situation geschiedener Alleinerzieher
2.4.1 Scheidung in Japan
2.4.2 Scheidung in Österreich
2.4.3 Unterhaltspflicht (fuy ō gimu) in Japan und Österreich
2.4.4 Geschiedene Alleinerzieher und das japanische Ideal von Männlichkeit (otokorashisa)
2.5 Die Situation verwitweter Alleinerzieher

3. Gesellschaftliche Vorstellungen zu Männer- und Frauenrollen
3.1 Fukenron (Diskussion um väterliche Rechte)
3.2 Die Rolle von Mutter und Vater in der japanischen Familie

4. Die Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter
4.1 Die Wichtigkeit eines Arbeitplatzes
4.2 Alleinerziehende Mütter und die Arbeitssuche mit Kind
4.3 Alleinerziehende Väter und ihr Arbeitsplatz
4.4 Die finanzielle Situation
4.5 Wohnsituation

5. Selbstverständnis und die positiven Aspekte des Alleinerziehens
5.1 Einstellung zum Alleinerziehen
5.2 Positive Aspekte des Alleinerziehens

6. Psychische und emotionale Belastungen
6.1 Situationen, in denen ein Partner oder eine Elternfigur fehlt
6.2 Die Zwei-Eltern-Familie als Maßstab
6.3 Erwartungen von außen, mit denen sich Alleinerziehende konfrontiert sehen
6.3.1 Die Mutter, die jederzeit verfügbar ist
6.3.2 Der Vater, der die Mutter ersetzen muß
6.3.3 Das Idealbild der Hausfrauen-Mutter und des arbeitenden Vaters
6.4 Die Reaktion der Außenwelt auf Scheidung und Alleinerziehen
6.5 Alleinverantwortung
6.6 Vorurteile gegenüber alleinerziehenden Müttern und Vätern
6.7 Die Sorge ums Kind
6.8 Probleme von ledigen Müttern in Japan

7. Hilfestellungen und gesellschaftliche Faktoren, die Alleinerziehen erleichtern
7.1 Institutionelle Hilfe
7.1.1 Finanzielle Unterstützung vom Staat
7.1.2 Institutionelle Kinderbetreuung
7.1.3 Unterstützungsmassnahmen zum Wiedereinstieg in den Beruf
7.2 Private Unterstützung
7.3 Gesellschaftliche Faktoren, die Alleinerziehen erleichtern

8. Die Wirkung von tradierten Frauen- und Männerrollen auf Alleinerziehende

ANHANG: Interviewleitfaden

Literaturliste

Literaturverzeichnis der japanischen Werke

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis:

Abbildungen:

Abb.1: Umfrage zum dekichatta kon in Japan, herausgegeben vom Kabinettsbüro (naikakufu): „Die Mehrheit sagt: „Wenn man ein Kind gezeugt hat, ist es besser, zu heiraten.“

Abb. 2: bent ō-Beispielbild für alleinerziehende Väter im Internet

Abb. 3: Unterhaltungs manga aus der Asahi-Shinbun: Kommunikationsschwierigkeiten von Vater und Kind

Tabellen:

Tab. 1: Die Zusammensetzung von japanischen Alleinerziehendenhaushalten nach der Art der Trennung

Tab.2: Armutsraten zu Mitte der 90er in Japan, Österreich und Irland im Vergleich: Alleinerzieherfamilien sind einem vermehrten Armutsrisiko ausgesetzt

Tab.3: Die Arbeitssituation alleinerziehender Mütter und Väter in Japan

Tab.4: Problemfelder bei japanischen Alleinerziehenden

Tab.5: Heimkehrzeiten von Alleinerziehern in Japan

Tab.6: Die Kinder betreffende Schwierigkeiten bei japanischen Alleinerziehern

Verzeichnis häufig benutzter japanischer Ausdrücke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alle Zitate aus fremdsprachigen Werken und Auszüge aus den geführten Interviews werden in eigener Übersetzung wiedergegeben.

1. Einleitung:

Meine erste Begegnung mit dem Thema Alleinerziehend fand statt, als ich im Zuge meiner Teilzeitarbeit bei Horizont 3000, einer österreichischen Entwicklungshilfsorganisation, ein Gespräch zweier Mitarbeiterinnen überhörte. Die eine, alleinerziehende Mutter eines Vierjährigen, erzählte dabei: „Gestern arbeitete ich noch spät abends, da kam mein kleiner Junge aus dem Bett, setzte sich vor mich hin und sah mir zu. Als ich ihn zurück ins Bett schicken wollte, wehrte er sich und sagte ganz ernst: Aber Mama, wenn du mich nicht beim Arbeiten zusehen lässt, dann bist du schuld, wenn ich das später mal nicht kann.“ Mich hat dabei betroffen, dass ein Junge von vier Jahren sich bereits mit einem Begriff wie Arbeit auseinander setzt und wie schuldbewusst die Mutter während ihrer Erzählung aussah, obwohl sie durch ein Gleitzeitarrangement in der Firma ihre Arbeitszeit relativ frei einteilen konnte und teilweise von zu Hause aus arbeitete. So kam ich dazu, über die Situation von Alleinerziehenden nachzudenken, und begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

1.1 Erkenntnisinteresse:

Alleinerziehende finden sich immer in der schwierigen Situation wieder, Arbeit, Kindererziehung und Haushalt alleine zu übernehmen, Aufgaben, die in einer sogenannten

„intakten“ Familie auf zwei Partner aufgeteilt sind. Diese Situation ruft eine Mehrbelastung des Erziehungsberechtigten hervor. Um erfolgreich mit dieser Mehrbelastung fertig zu werden, bedarf es persönlicher Strategien und der Nutzung von Hilfsmitteln, die zur Verfügung stehen. Meine These ist nun, dass sich gesellschaftliche Ideen über Mutter- und Vaterschaft,

Ehe und Familie auf das Selbstverständnis und die Lebenssituation von Alleinerziehenden auswirken. Beispielsweise kann die häufige Konfrontation mit dem Bild der sich für ihr Kind aufopfernden Mutter zu starken Schuldgefühlen und Rückzug bei alleinerziehenden Müttern führen oder die Konfrontation mit einem zu starken gesellschaftlichen Mutterbild zu Kommunikationsschwierigkeiten alleinerziehender Väter mit ihren Kindern. Inwieweit solche Konzepte wirklich Selbstverständnis und Lebensqualität von Alleinerziehenden beeinflussen, möchte ich in meiner Arbeit überprüfen.

Die Situation Alleinerziehender wird in dem Maße ein immer wichtigerer Forschungsgegenstand, in dem sich die Zahl derer, die dieser Lebensform angehören, erhöht. Obwohl sie derzeit noch in einem Großteil der Fälle von den Betroffenen nicht selbst gewählt ist, was heissen will, dass für viele der Frauen und Männer, die Eineltern sind, die Idealvorstellung von Familie immer noch die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie ist, wie sie in den meisten Fällen vom Staat propagiert wird, der sie jedoch aus irgendeinem Grund nicht angehören können, ist es dennoch eine Lebensweise, die immer mehr als aktive Wahlmöglichkeit in Betracht gezogen wird, besonders in Fällen, in denen das eheliche Zusammensein sich nicht als in dem Masse befriedigend erweißt, in dem man es sich erwartet hat. Es sind geänderte ökonomische Lebensbedingungen (beispielsweise der Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt) und neue Wertvorstellungen, die diese Entwicklung vorantreiben. Bei Richter wird Alleinerziehen heutzutage als Herausforderung an einen westlichen Sozialstaat beschrieben, der sicherstellen soll, dass „[...]Pluralismus und Individualisierung, wie sie u.a. in der „Lebenslage Alleinerziehen“ zum Ausdruck kommen, in Folge eines systematischen und nachhaltigen Einsatzes von sozialpolitischen Instrumenten und Verfahren garantiert [...]“(2004:15) sind. Alleinerziehen als Lebensform ist zu einem so weitverbreiteten Phänomen geworden, dass es politische Wichtigkeit erlangt, besonders in einer Zeit, in der viele Staaten, die mit fallenden Geburtenraten zu kämpfen haben, wie Österreich und Japan (OECD 2003:26), sich die Frage nach der zukünftigen Existenzsicherung ihrer alternden Bevölkerung stellen müssen und somit auch die Frage nach der Versorgung und Betreuung ihrer Jugend, egal in welchem Familientyp sie aufwächst.

Die Zugänge zu dieser Frage gestalten sich je nach Land unterschiedlich, deshalb erschien es mir lohnend, einen Vergleich zwischen zwei Ländern anzustellen, um so die Auswirkungen, die gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse auf die „Lebensform Alleinerziehend“ haben können, zu untersuchen. Österreich und Japan habe ich deshalb ausgewählt, da mein Forschungsinteresse Japan gilt und Österreich als mein Heimatland nahe liegt, aber auch, weil ich auf eine OECD Studie stieß, in der die Familien- und Arbeitspolitik beider Länder verglichen wird. Der Sozialstaat präsentiert sich dabei in unterschiedlicher Ausformung, wobei die „Wohlfahrtsgesellschaft japanischer Ausprägung“ (nihongata fukushi shakai), anstatt sich auf den Staat als hauptsächlichen Garant für soziale Sicherheit zu verlassen, diese Rolle großteils den drei gesellschaftlichen Institutionen Familie, Gemeinde und Firma zuweist, was schon in der Bezeichnung Wohlfahrtsgesellschaft zum Ausdruck kommen soll (Goodman 2000:25). Hilfe soll Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Um nicht zu sehr auf der politischen und theoretischen Makroebene zu bleiben, entschloß ich mich, qualitative Forschung zu betreiben und in beiden Ländern Interviews mit Betroffenen durchzuführen.

Zu Beginn der Recherche entdeckte ich verschiedene japanische Internetseiten, die zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse Alleinerziehender und sich mit unterschiedlichsten Themenbereichen befassen, die für Alleinerziehende von Interesse sind. Dazu zählen sowohl

Foren zum Austausch von Meinungen, Problemen oder zur Kontaktaufnahme mit Personen, die sich in der gleichen Situation befinden wie man selbst, als auch die Organisation von Seminaren zum beruflichen Wiedereinstieg oder die Bereitstellung von professionellen Beratern in problematischen Situationen, wie zum Beispiel Rechtsberatung im Falle einer Scheidung. Wenn man sieht, wie viele unterschiedliche Bereiche auf diesen Seiten angesprochen werden, läßt sich daraus schon erschließen, dass in Japan ein großer Teil der moralischen Unterstützung über das Internet funktioniert. In Österreich hat das Internet einen wesentlich geringeren Stellenwert, jedoch auch hier gibt es Alleinerziehendenvereinigungen, die Foren und andere Hilfsmittel anbieten.

Zuerst gehe ich auf den derzeitigen Forschungsstand zum Thema Alleinerziehend in Österreich und Japan ein und beschreibe, wie sich Forschungszugänge in den letzten Jahrzehnten geändert haben, ausgehend von einer Mangelperspektive, die die Ein-Eltern- Familie als unvollständig betrachtete, bis hin zur Akzeptanz der Ein-Eltern-Familie als alternatives Familienmodell. Danach folgt eine kurze Beschreibung der Methodik und meines Interviewleitfadens, außerdem der Probleme, die sich während der Interviewpartnersuche ergaben. Daran anschließend befaßt sich Kapitel zwei mit einer Begriffsdefinition von Alleinerziehend und den verschiedenen Kategorien von Ein-Eltern-Familien mit ihren spezifischen Besonderheiten. Im dritten Kapitel folgt eine Darlegung der Konzepte von Mutter- und Vaterschaft, sowie des Männlichkeitsideales in Japan. Die nächsten Kapitel beschreiben die Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter, die positiven Aspekte und die emotionalen Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen und die Unterstützung, die sie erhalten, wobei ich darin immer wieder auf die von mir geführten Interviews bezug nehme. Im sechsten Kapitel fasse ich zusammen, wie Rollenvorstellungen sich auf die Lebenssituation Alleinerziehender auswirken, und versuche einen überblicksmässigen Vergleich der Lebenssituationen Alleinerziehender in beiden Ländern zu geben.

1.2 Forschungsstand:

In Österreich gibt es vergleichsweise wenig öffentlichen Diskurs zum Thema Alleinerziehend. Das wirkt sich nicht nur in der geringen Menge an Literatur, die sich mit dieser Familienform beschäftigt, aus, sondern auch in der Quasi-Abwesenheit von politischen Massnahmen und Beihilfen, die sich explizit an Alleinerziehende richten. Da armutsvermeidende Massnahmen im österreichischen Staat breit angelegt und nicht explizit auf eine Risikogruppe abgestimmt sind, kommen Alleinerziehende zwar häufig in den Genuß einzelner Erleichterungen und sind so bis zu einem gewissen Grad abgesichert, werden aber nicht durch ein spezifisches Programm unterstützt. Ein Problembewußtsein, was diese Bevölkerungsgruppe angeht, besteht kaum. Das hängt auf der einen Seite sicher mit den kaum vorhandenen Beratungsangeboten, die sich speziell an Alleinerziehende richten, zusammen und mit der Quasi-Abwesenheit von Vereinen, die sich für die Rechte Alleinerziehender einsetzen. Auf der anderen Seite wird aber auch von Frauen erwartet, Kind und Beruf zu verbinden, und so finden sich Frauen auch nach einer Scheidung oft nicht in einer so prekären Lage, auch weil durch das in Österreich geltende Scheidungsrecht beide Parteien relativ gut abgesichert sind. Was alleinerziehende Väter betrifft, wird deren Vorhandensein öffentlich so gut wie nicht wahrgenommen. Die derzeitige Forschung beschränkt sich auf einige wenige quantitative Untersuchungen zu sozialpolitischen Massnahmen und Lebenssituation von Alleinerziehenden.

In Japan besteht im Gegensatz dazu, zumindest, was alleinerziehende Mütter betrifft, ein gewisses Problembewußtsein und es gibt so etwas wie einen Alleinerziehendendiskurs. Dieser Diskurs wird vor allem durch Vereine, die gegen die Diskriminierung von Alleinerziehenden, ledigen Müttern und deren Kindern kämpfen, und sich gegen Kürzungen bei sozialpolitischen Massnahmen, die sich an Alleinerzieherinnen richten, einsetzen, am Leben erhalten. In den achtziger Jahren wurden in diesem Rahmen auch die Schwierigkeiten von alleinerziehenden Vätern besprochen und politisch instrumentalisiert. Um Kürzung von Beihilfen für alleinerziehende Mütter zu relativieren, wurde dabei die Situation alleinerziehender Väter problematisiert und einzelne politische Hilfsmassnahmen beschlossen. Seitdem ist die Lebenssituation alleinerziehender Väter im öffentlichen Diskurs aber erneut in Vergessenheit geraten. Alleinerziehende Mütter sind in Japan stark armutsgefährdet, da viele Mütter ihrer Kinder wegen den Arbeitsplatz aufgeben und sich dann im Fall einer Scheidung ohne Anstellung finden. Auch scheidungsrechtlich sind sie schlecht abgesichert. Dementsprechend läßt sich die Alleinerziehendenliteratur in Ratgeberliteratur und sozialpolitische Forschung unterteilen. Dabei versucht erstere, durch qualitative Beschreibungen einen Einblick in die Lebenssituation von Ein-Eltern-Familien zu vermitteln, teils inspiriert durch amerikanische Beratungsliteratur, zweitere beschäftigt sich mit Armut, der schwierigen Lebenssituation von Ein-Eltern-Familien und sozialpolitischen Massnahmen.

1.2.1 Forschungsstand Österreich:

Das Phänomen des Alleinerziehens ist an und für sich nichts Neues, aber dass sich deren Zusammensetzung in den letzten Jahrzehnten stark geändert hat (von Witwenschaft als wichtigstem Faktor, der zum Alleinerziehen führt, zu Scheidung als Hauptgrund für den Familienstatus Einelter und einem Anstieg von ledigen Müttern), dass die Zahl der Familien, die sich in dieser Lebensform befinden, stetig zunimmt und dass der Status Alleinerziehender als eine Art von Familie unter anderen in der Gesellschaft mehr und mehr Anerkennung findet, ist neu. Darüber hinaus ist der graduelle Anstieg von alleinerziehenden Vätern ein junges Phänomen, das auch im Zusammenhang mit der Forderung nach neuer Väterlichkeit gesehen werden muss. Faktoren, die die zahlenmässige Zunahme Alleinerziehender begünstigen, sind gesellschaftliche Werteänderungen, wie in Österreich beispielsweise der Rückgang religiöser Überzeugungen wie der der Unauflöslichkeit der Ehe sowie die höhere gesellschaftliche Akzeptanz von Scheidung und der Erwerbsteilnahme von Frauen. In diesem Zusammenhang wurden im deutschsprachigen Raum eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten publiziert, die sich mit den Implikationen der „neuen“ Lebensform Alleinerziehen für Sozialpolitik und das Konzept Familie befassen (siehe beispielsweise Richter 2004, Nave-Herz 2002, Stiehler 2000, Brand 2002).

Was Österreich betrifft, gibt es jedoch kaum veröffentlichte Abhandlungen, die sich mit dem Thema Alleinerziehend beschäftigen, die deutschsprachigen Publikationen behandeln so gut wie alle die Situation in der Bundesrepublik. Eine Ausnahme bildet hier die Artikelsammlung von Simsa, „Kein Herr im Haus“ von 1994. In Diplomarbeiten und Dissertationen zum Thema wird großteils die deutsche Literatur unhinterfragt auf die österreichische Situation übertragen. Dass Deutschland jedoch im Gegensatz zu Österreich zweigeteilt war und sich die Entwicklung der beiden Staaten dementsprechend unterscheidet, bleibt dabei ungesagt. Man kann wohl dennoch annehmen, dass sich die Diskurse zu den Themen Alleinerziehend, Mutter- und Vaterschaft in den alten Bundesländern Deutschlands und in Österreich ähnelten, da beide Länder sich durch Kriegsverlust und Besatzung in der Nachkriegszeit in einer ähnlichen Situation fanden, jedoch fehlen dazu konkrete Studien. Da sich auch im „Wegweiser für Alleinerziehende“, einem Ratgeber herausgegeben vom Bundesministerium, größtenteils Buchtips deutscher Autoren finden, lässt sich hier nur ein Mangel an (besonders geschichtlichen) Studien, die sich explizit mit der Entwicklung des Phänomens in Österreich beschäftigen, konstatieren. In der vorhandenen deutschsprachigen Literatur erkennt man einen graduellen Wandel im Blickwinkel auf die Eineltern-Familie. Die wissenschaftliche Literatur der fünfziger bis achtziger Jahre forscht, beeinflusst von der psychoanalytischen Entwicklungstheorie, aus einer Defizitsperspektive heraus, in der das Fehlen eines Elternteils, im Normalfall des Vaters, Schäden in der Entwicklung des Kindes hervorruft. Danach entwickelt sich die Literatur hin zur Darstellung von Alleinerziehen als

Alternative zur Kernfamilie mit Vor- und Nachteilen in den Neunzigern, besonders auf dem Hintergrund qualitativer Studien (Braches-Chyrek 2002:42-44). Dabei geht der Blick weg nur von den möglichen Schwierigkeiten in der Entwicklung des Kindes zu den tatsächlichen Leistungen Alleinerziehender in ihrer Doppelfunktion als Ernährer und Erzieher. Diese Entwicklung vollzieht sich parallel zur Debatte um die Erwerbstätigkeit der Frau, die von Beginn der Siebziger an nicht mehr ausnahmslos aus wirtschaftlicher Not heraus eingegangen und so als Makel gesehen wird, und zu einem Wandel im Selbstverständnis von Ein-Eltern- Familien bedingt durch deren zahlenmässigen Anstieg und einem Problembewusstsein, woraus beispielsweise Selbsthilfegruppen entstehen (für Details siehe Nave-Herz 1992:17-25). Bis in die 80er liegt dabei das Hauptaugenmerk auf alleinerziehenden Müttern, mittlerweile gibt es vereinzelte Untersuchungen auch zur Situation von alleinerziehenden Vätern (z.B. Stiehler 2000: Alleinerziehende Väter, Nave-Herz 2002: Familie heute).

Zur konkreten sozialen Lage alleinerziehender Mütter in Österreich gibt es einen Bericht der Frauanabteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus dem Jahre 1990 von Martina Beham und eine Studie der Arbeiterkammer zur Situation alleinerziehender Frauen in Wien von 2001, ausserdem wird im OECD-Bericht „Babies and bosses – reconciling work and family life“ immer wieder auf die Situation alleinerziehender Mütter Bezug genommen (OECD 2003). Weiters befassen sich einige Diplomarbeiten und Dissertationen meist qualitativ mit dem Thema. Was Vaterschaft betrifft, wird in Österreich mit dem ständigen Fallen der Geburtenraten, und besonders seit der Einführung der Männerabteilung im Ministerium Väterlichkeit verstärkt diskutiert. So erschien 2006 die erste österreichische Publikation, die sich auch mit dem Phänomen des alleinerziehenden Vaters beschäftigt, „Große Väter“ von Bischofberger und Leibovici-Mühlberger. Sie beschränken sich jedoch auf zwölf qualitativ durchgeführte Interviews und Portraits von prominenten Vätern, unterstützt von einem Ministerialbericht zu Väterlichkeit, ihre Aussagekraft für das Thema bleibt demnach eingeschränkt. Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass durch die geringe Anzahl alleinerziehender Väter kein Problembewusstsein vorhanden ist, was diese Bevölkerungsgruppe betrifft. So sah ich mich, wenn ich Bekannten das Thema meiner Arbeit nannte, oft mit der Aussage konfrontiert: „Alleinerziehende Väter, die gibt’s auch?“.

1.2.2 Forschungsstand Japan:

In Japan wurde erstmals in der zweiten Hälfte der 60er Jahre das Thema der ledigen Mütter (mikon no haha) in den Massenmedien aufgegriffen, zu einer Zeit, in der liberales Gedankengut junge Menschen begeisterte, vermittelt beispielsweise durch das Lied

Kandagawa von Minami Kōsetsu oder den Comic D ō sei jidai (Ära der Kohabitation) von Kamimura Kazuo, die Liebe auch ausserhalb der Ehe beschreiben. Ausgelöst durch die Bekenntnisse der Schauspielerin Kaga Mariko und der Journalistin und freien Schriftstellerin Kirishima Yōko zum Leben als ledige Mütter, entwickelte sich eine Mediendiskussien zum Thema. In den darauffolgenden Jahren jedoch wurde die Zunahme an unverheirateten Müttern (mikon no haha no z ō ka) immer mehr zu einem der Schlagwörter, die pathologische Gesellschaftserscheinungen umfassten, hochstilisiert (zu Unrecht, wie man daran erkennen kann, dass prozentuell gesehen die Ledigenquote von 1965 mit 0,9 Prozent bis zum Ende der 70er sogar auf 0,8 Prozent zurückgeht, und erst danach wieder leicht ansteigt, um 1989 ein Prozent zu erreichen und mittlerweile bei um die zwei Prozent zu stehen, womit Japan auch heute noch eines der Länder mit einer extrem niedrigen Unehelichenquote ist). (Yoshizumi 1992:126,128). Zu Beginn der 80er zeigte sich erneut öffentliches Interesse, diesmal an Mutter-Kind- und Vater-Kind-Haushalten (boshi setai und fushi setai, wie die Familien alleinerziehender Mütter und Väter in staatlichen Publikationen bezeichnet werden), bedingt durch einen zahlenmässigen Anstieg und Veränderungen in der Zusammensetzung dieser Familien (auch hier wurde Scheidung zur Hauptursache und der Anteil an ledigen Müttern nahm zu, jedoch in wesentlich geringerem Masse als in Österreich). Da man von Regierungsseite her eine rasche Zunahme von Ein-Eltern-Familien, wie man sie in westlichen Staaten beobachtet hatte, fürchtete, entstand ein gewisses Problembewusstsein (Morita 1997:2).

Für Wohlfahrtsreformen, die mit Mitte der 80er vorangetrieben wurden und im Zuge derer 1985 die jid ō fuy ō teate (Zuschuss zum Unterhalt der Kinder), die sich an alleinerziehende Mütter richtet, gekürzt und die Einkommensschwelle, die als Grenze für ihren Bezug galt, hinaufgesetzt wurde, nahm man die steigende Scheidungsrate als Aufhänger (The Japan Times 2002:1). Nach dem sogenannten „1,5-Schock“ 1983-84, als die Scheidungsrate zum ersten Mal in diesem Jahrhundert 1,51 erreichte, wurde das Problem der steigenden Anzahl alleinerziehender geschiedener Frauen im Zusammenhang mit der beklagenswerten Situation von Kindern geschiedener und lediger Mütter in Waisenhäusern und Familienselbstmorden von alleinerziehenden Vätern in der Presse diskutiert. Die Regierung verknüpfte das Thema mit der Schwächung von traditionellen Familienbanden (Peng 1996:2) und zwar, obwohl Japan bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein Land mit einer traditionell hohen Scheidungsrate war, bedingt durch Probeheirat, Variationen der Heiratszeremonien in den regionalen Gebräuchen und der Quasi-Abwesenheit von sozialem Stigma im Falle von Scheidung, so wie das auch in anderen traditionellen Gesellschaften, besonders wenn sie nicht von christlichen Werten durchdrungen waren, der Fall war (Fuess 2004:1,2,5,11). Im Zuge der Reformen liess man jedoch diesen geschichtlichen Hintergrund ausser Acht und, während für alleinerziehende Väter, die die jid ō fuy ō teate nicht beziehen können, neue lokale Unterstützungmassnahmen beschlossen wurden, damals Kramer- Massnahmen genannt, nach dem Film, in dem ein amerikanischer Vater um das Sorgerecht für sein Kind kämpft (kureema taisaku), wurde eine angestrebte Senkung der Scheidungsrate zum Anstoß für Kürzungen bei den Zuschüssen für Mutter-Kind-Familien. Dies hatte bedingt den gewünschten Effekt, nämlich das Budget möglichst klein zu halten, auf die Scheidungsrate jedoch geringe Auswirkungen. Ein Vorschlag von 1984, in der Reformierung des Gesetzes zur jid ō fuy ō teate ledige Mütter nicht mehr zu berücksichtigen, wurde auf der anderen Seite wegen zu grossen Widerstandes in der Bevölkerung fallengelassen (Okumura 2002:310).

Im Zuge der Diskussion um die Situation Alleinerziehender berichtete die Presse zwar vorwiegend aus einem Problembewusstsein heraus über die negativen Seiten des Alleinerziehens, (beispielsweise wurden alleinerziehende Väter als Männer, die ihre Männlichkeit verloren hatten, porträtiert (Kasuga 2002:77) und bei den Frauen wurde vor allem die Armutssituation betont, der die Familie ausgesetzt sei), jedoch kam es Mitte der 80er erstmals zu Veröffentlichungen von Erzählungen und Essays, die das Leben von alleinerziehenden Müttern heiter und positiv darstellten (bespielsweise 1984 Yukkuri T ō ky ō boshi marason (Der schrittweise Marathon von Müttern und Kindern aus Tōkyō) von Hikari Agata oder 1987 Tanshin kazoku no iwai (Glückwunsch der Ein-Eltern-Familie) von Shimoda Naomi). Morita führt diese Entwicklung nicht zuletzt auf das Erstarken eines feministischen Bewusstseins für die Probleme der Frau zurück. (Morita 1997:2). Nachdem jedoch die Gesetzesreform von 1985 verabschiedet worden war, geriet das Thema Alleinerziehend für einige Jahre fast gänzlich in Vergessenheit (Peng 1996:2). Zu Mitte der 90er aber treten dann im Fernsehen vermehrt Alleinerziehende als Helden von Dramen auf (alleinerziehende Mütter als Hauptfiguren in Liebesdramen wie beispielsweise „For you“ von 1995, Ai no kiseki (das Wunder der Liebe) und Konyaku ryok ō (Verlobungsreise) von 1996, und ein verwitweter Vater, der verzweifelt mit der Erziehung seines Kindes kämpft in Ashita wa daij ō bu (Morgen ist alles in Ordnung) von 1996) (Morita 1997:2) und es erscheinen Publikationen, die sich mit Frauen, die bewußt ihr Kind ohne Mann aufziehen wollen, beschäftigen und so das Image dieser Familienform verbessern (Kakuchi 1998:1). Im Jahre 2000 wird das Drama Watashi no aozora (Mein blauer Himmel) ausgestrahlt, das den Alltag einer alleinerziehenden Mutter, die vorm Altar sitzengelassen wird, beschreibt, was zur vermehrten Publikation von Ratgebern für alleinerziehende Mütter führt (siehe beispielsweise Shinguru Mazāzu Fōramu: Prost den alleinerziehenden Müttern! (Shinguru maz ā ni kanpai!). Gleichzeitig schockiert im Februar 2000 der tragische Fall einer alleinerziehenden Mutter aus Utsunomiya (Präfektur Tochigi), deren Kind aufgrund fehlender Unterstützungszahlungen erfriert (Curtin 2002:1). Groß diskutiert wird das Thema aber erst wieder 2002, im Zuge nochmaliger Kürzungen der jid ō fuy ō teate, die die Regierung erneut am Ansteigen der Scheidungsrate aufhängt und mit Massnahmen zur Selbständigwerdung alleinerziehender Mütter koppeln will (v.a. Unterstützung im Beruf, Vorrecht in der Kinderkrippe).

Die derzeitige Literatur alleinerziehende Mütter betreffend läßt sich dem Diskurs entsprechend in zwei Strömungen einteilen. Da sind auf der einen Seite Ratgeber, die von Alleinerziehenden für Alleinerziehende geschrieben werden, die persönliche Erlebnisse qualitativ darstellen, positive Aspekte der Lebensform betonen, den neu Alleinerziehenden Mut machen wollen oder Tips bezüglich Scheidung und Unterstützungsmassnahmen geben (beispielsweise „Tagebuch einer erbärmlichen Single-Mutter“ (Henachako shinguru maz ā nikki) von Nakayama Midori, „Single-Mutter – So lebe ich“ (Shinguru maz ā – Kore ga watashi no ikikata) von Okumura Noriko oder oben erwähntes „Prost den Single-Müttern!“). Zur Entwicklung dieser Literatur trägt wesentlich die Präsenz von Beratungsstellen, die selbst Ratgeber veröffentlichen und auch im Internet vertreten sind, bei (beispielsweise die

„Republik der alleinerziehenden Mütter“ (Boshikatei kyōwakoku) seit 1997, oder das

Shinguru Maz ā Fōramu (Forum für alleinerziehende Mütter) seit 1998).

Auf der anderen Seite stehen quantitative Befragungen, die alle fünf Jahre vom Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt k ō seir ō d ō sh ō (der Einfachheit halber von hier ab Arbeitsministerium) durchgeführt werden und den Zustand von Mutter-Kind- Haushalten und deren Schwierigkeiten statistisch festhalten, die sogenannten

„Untersuchungen zu Mutter-Kind-Haushalten im ganzen Land“ (Zenkoku boshisetai t ō ch ō sa), wobei die letzte aus dem Jahr 2003 stammt, sowie Publikationen aus dem Bereich der sozialen Wohlfahrtsforschung (shakai fukushi kenky ū), die sich mit der Armut (hinkon, konky ū) von Mutter-Kind-Familien und sozialpolitischen Massnahmen, um dem entgegenzutreten, auseinandersetzen (siehe beispielsweise „Im gegenwärtigen Japan

„unsichtbare“ Armut“ (Gendai Nihon no „mienai“ hinkon) herausgegeben von Aoki Osamu oder „Alle Massnahmen für Mutter-Kind-Familien, die eine einheitliche Entwicklung zeigen“ (S ō g ō teki na tenkai o miseru boshikatei t ō shisaku no subete) herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft betreffend das Gesetz zum Wohlergehen von Müttern mit Kindern und Witwen (Boshi kafu fukushi h ō rei kenky ū kai). Im Zusammenhang mit dem Sozialsystem findet man ausserdem komparative Untersuchungen, die Ländervergleiche anstellen, wobei hierbei als Vergleichsland besonders beliebt Amerika ist, da viele der übersetzten Ratgeber für alleinerziehende Mütter von dort stammen (zu komparativen Analysen siehe: „Zwischen Betreuung und Dienstverhältnis – ein internationaler Vergleich von politischen Massnahmen für alleinerziehende Mütter in 20 Ländern“ von Majella Kilkey 2001, Übersetzung aus dem Englischen 2005, „Alleinerziehende Mutter – Alleinerziehende Mütter in Japan und Amerika“ (Single Mother – Nichibei non shinguru maz ā tachi) von Morita Akemi, oder „Lone Mothers and Welfare-to-Work Policies in Japan and the United States: Toward an Alternative Perspective” von Aya Ezawa, 2003). An Hochschulschriften europäischer Forscher zur Mutter-Kind-Familie in Japan gibt es eine Diplomarbeit von Karin Kleiber, eingereicht 1991 an der Universität Wien. Außerdem nimmt einige Literatur Bezug auf die Dissertation von Ito Peng an der London School of Economics von 1995, zu der ich jedoch keinen Zugriff hatte. Weiters gibt es eine breite Palette von japanischen Veröffentlichungen zu Scheidung, auf die ich in dieser Arbeit jedoch aus Platzgründen nicht näher eingehen möchte.

Was Vater-Kind-Familien betrifft, so wird zwar in Japan derzeit verstärkt über Väterlichkeit diskutiert, da Schwierigkeiten in Vater-Kind-Haushalten aber als Probleme einer Minderheit (sh ō s ū no mondai) empfunden werden, ist daraus kein neues Problembewusstsein (mondai ishiki) erwachsen (Morita 2001:4). Seit den 80ern sammeln öffentliche Studien zu alleinerziehenden Müttern gleichzeitig Daten über alleinerziehende Väter und aus diesen Jahren stammt auch die meiste Literatur, die sich mit dem Thema beschäftigt und den Zustand von Vater-Kind-Familien beschreibt (z.B. Kasuga Kisuyo, 1989, „Vaterfamilie leben“ (Fushikatei o ikiru), oder Heiya Ryūnosuke, 1987, „Vater-Kind-Familien – ihr realer Zustand und der Weg zu einer Organisation der Betroffenen“). In neueren Publikationen, die sich zu einem Teil mit dem Phänomen auseinandersetzen, werden Vater-Kind-Familien vorwiegend entweder nicht als Familien mit wirklich schwerwiegenden Problemen wahrgenommen, da sie eine Minderheit darstellen, besonders verwitwete Väter häufig Unterstützung von ihren Familien erhalten und die landläufige Meinung ist, dass sie finanziell besser gestellt sind als Mutter-Kind-Familien, oder aber Vater-Kind-Haushalte werden als Übergangsformen angesehen, die möglichst rasch wieder aufgelöst werden sollten (siehe beispielsweise Takahashi „Vater und Familie“ (Chichioya to kazoku) von 1994). Durch den Einfluss amerikanischer Scheidungsliteratur wird auf der anderen Seite zeitgleich mit dem steigenden Interesse an Mutter-Kind-Familien die Rolle des Vaters, der von Frau und Kind getrennt lebt, hinterfragt und der Ruf nach Verantwortlichkeit der Familie gegenüber, durch Unterhaltszahlungen und Besuchsrecht, wird laut (Morita 2001:4,5). So erscheint 2001 das

Buch „Alleinerziehender Vater – Alleinerziehende Väter in Japan und Amerika“ (Single Father – Nichibei no shinguru f ā z ā tachi) von Morita, das eine vergleichende Untersuchung zu Vater-Kind-Familien und Elternschaft beim vom Kind getrennt lebenden Vater anstellt.

Es wird jedenfalls auch in Japan eine Veränderung in der Einstellung gegenüber der Ein-Eltern-Familie sichtbar, von der Mangelfamilie (kesson kazoku), wie sie früher bezeichnet wurde, zu einer diversifizierten Sicht von Familie, in der neue und andere Formen nicht mehr mit so grossen Vorurteilen zu kämpfen haben, besonders in Metropolen wie Tōkyō, wo diese Veränderungen auch ihren Ausgang nahmen. Akzeptierter als die Vater-Kind-Familie scheint die Mutter-Kind-Familie zu sein, da in der japanischen Gesellschaft die Meinung vorherrscht, dass „die Mutter eigentlich die wichtigere Rolle in der Entwicklung des Kindes spiele.“ (Ohinata Masami: Bosei no kenky ū Tōkyō: Kawashima (1988):257, zit. n. Amann 1994:84).

1.3 Methode und Interviewpartnersuche:

Ich möchte in dieser Arbeit gesellschaftliche Konstrukte von Mutter- und Vaterschaft, Ehe und Familie und deren Einfluss auf das Selbstverständnis von Alleinerziehenden überprüfen, da sich laut meiner Hypothese gesellschaftlich-archetypische Konstruktionen (beispielsweise der Mann als Familienerhalter oder die Frau als Mutter), die von Generation zu Generation weitergegeben werden und von denen es schwerfällt, sich abzugrenzen, auf die Lebenssituation Alleinerziehender auswirken.

In diesem Sinne erschien es mir nicht zielführend, mich nur auf Sekundärliteratur zu stützen und ich entschloß mich, problemzentrierte Leitfadeninterviews (nach Witzel) durchzuführen. Diese Form des Interviews orientiert sich an einer gesellschaftlich relevanten Problemstellung und geht von gewissen Vorinterpretationen aus, nach denen dann der Interviewleitfaden erstellt wird. Im Interview wird die Problemsicht der Betroffenen überprüft und analysiert. Das PZI soll ein Wechselspiel aus deduktiven und induktiven Elementen sein (Witzel 2000:1), es ist ein "diskursiv-dialogisches Verfahren" (Mey 1999:145), das [...] die Befragten als Experten ihrer Orientierungen und Handlungen begreift, die im Gespräch die Möglichkeit zunehmender Selbstvergewisserung mit allen Freiheiten der Korrektur eigener oder der Intervieweraussagen wahrnehmen können. Um seinen eigenen Erkenntnisfortschritt zu optimieren, kombiniert der Interviewer das Zuhören mit Nachfragen.“(Witzel 2000:13).

Mein Leitfaden ging von der Annahme aus, dass Alleinerziehende Schwierigkeiten haben, die Doppelfunktion von Arbeit und Kindererziehung zu übernehmen, dass jedoch Möglichkeiten, mit dieser Doppelfunktion umzugehen und die Zufriedenheit mit diesen

Möglichkeiten, von gesamtgesellschaftlichen Einstellungen zu Mutter- und Vaterrolle, Frauen- und Männerarbeit, Ehe und Familie beeinflusst werden. Diese These wollte ich in sechs Bereichen hinterfragen: Kinderbetreuung, Erwartungen der Gesellschaft an Mütter, Unterschiede zwischen verheirateten Müttern und Alleinerzieherinnen, soziale Netzwerke, Arbeits- und Lebenssituation Alleinerziehender und gesellschaftliche Zwänge, denen Ein- Eltern-Familien ausgesetzt sind. Ich begann mit der Frage nach der Kinderbetreuung, da dieses Feld geeignet schien, den Einstieg zu vereinfachen. Danach stellte ich meine Fragen je nach Gesprächshergang. Mit Ad-hoc-Fragen ging ich auf Bereiche ein, die unbeantwortet geblieben waren.

Ich führte Interviews mit zwei alleinerziehenden Müttern in Japan und drei in Österreich. Alleinerziehende Väter konnte ich bedauerlicherweise keine befragen, da meine Zeit in Japan auf einen Monat begrenzt war und es mir nicht möglich war, rechtzeitig Kontakte herzustellen.

So beziehe ich mich in meinen Aussagen über alleinerziehende Väter für Österreich vorwiegend auf die Publikation „Große Väter“, für Japan auf das 1989 erstmals erschienene Buch von Kasuga Kisuyo, „Vaterfamilie leben“ (Fushikatei o ikiru), das sich in die Publikationen einreiht, die dem Interesse an Alleinerziehenden Mitte der 80er Jahre Rechnung trugen. Kasuga wurde sich 1984 bei einem Treffen von Mutter-Kind-Familien zur nachteiligen Revision (kaiaku) des Gesetzes zur jid ō fuy ō teate, bei dem auch ein alleinerziehender Vater seine Schwierigkeiten schilderte, der Probleme, mit denen diese Haushalte konfrontiert sind, bewußt und rief so ein Treffen für Vater-Kind-Familien (fushi no tsudoi) in Hiroshima ins Leben, in dem sich jeden zweiten Sonntag im Monat alleinerziehende Väter im Beisein von Sozialarbeitern über die Hindernisse, mit denen sie sich konfrontiert sahen, unterhalten konnten. Das Buch schildert sehr anschaulich und geschlechtsrollenbewußt die Problemfelder, mit denen diese Männer zu kämpfen haben. Um die Gültigkeit der Aussagen für die derzeitige Situation von Vater-Kind-Familien zu überprüfen, beziehe ich mich weiters auf Einträge im Internetforum der Vater-Kind-Republik (Fushikatei Ky ō wakoku), das im Jahre 2000 mit Unterstützung der Mutter-Kind-Republik als Beratungsorgan für alleinerziehende Väter gegründet wurde. Dabei habe ich einen Monat lang, im April 2006, die Forumeinträge, in denen alleinerziehende Väter zu Wort kamen, überprüft und ausgewertet. Außerdem beziehe ich mich auf Sekundärliteratur zum Thema und ließ weiters in meine Analyse auch statistisches Material einfliessen, um sie im Sinne einer Daten- Triangulation zu validieren (Flick 2004:310).

In Österreich nahm ich, nachdem die Literatursuche kaum Früchte trug, mit der Männerberatungsstelle Wien per E-Mail Kontakt auf, die Antwort war enttäuschend: „Leider können wir Ihnen nicht weiterhelfen. Unsere Institution suchen alleinerziehende Väter nur sehr selten zur Beratung auf. Im letzten Jahr weniger als zehn. Vermutlich weil Männer sich immer noch schwer tun, bei Überforderung Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Die Aussagen, die ich über die Situation männlicher Alleinerzieher in Österreich treffe, sind deshalb leider eher allgemein gehalten. Es gibt nämlich auch auf den Internetseiten kaum Einträge von alleinerziehenden Männern.

Die Suche nach Interviewpartnern gestaltete sich schwieriger als angenommen. Ich versuchte, noch bevor ich im September 2005 zu Recherchezwecken nach Japan flog, per E- Mail mit zwei der Internetforen, die, wie es mir schien, die größte Reichweite hatten, Kontakt aufzunehmen, um etwaige Interviewpartner zu finden oder Informationen über die Organisationen zu erhalten, wobei ich jedoch auf wiederholte Anfragen keine Antwort erhielt. So entschloss ich mich, in Tōkyō angekommen, ohne Voranmeldung eines der beiden Büros aufzusuchen, das jeweils nur Montag nachmittags für zwei Stunden geöffnet war. Es befand sich in der Nähe des Bahnhofs Higashi-Nagasaki, im Stadtbezirk Toshima, in einem Wohngebäude, das äußerlich keinerlei Anzeichen einer Beratungsstelle zeigte, und auch als ich mich beim Portier erkundigte, verwies er eher zögerlich, nach mehrmaligem Nachfragen auf eine Wohnung im 8. Stock, was mich darauf schließen ließ, dass wohl die meisten Anfragen telefonisch oder per Mail erfolgen. Durch verwinkelte Gänge kam ich schließlich vor einer Tür an, an der nur das Namensschild, Shinguru Mazāzu Fōramu (Single Mothers’ Forum), eine Beratungsstelle vermuten liess, und trat nach mehrmaligem Klopfen durch die bereits geöffnete Tür in einen Gang, der in ein Büro mündete, das so wirkte, als würde es gleichzeitig als Wohnraum benützt. Es war ausgestattet mit LDK, Schreibtisch und Tatamimatten, auf denen Kissen angeordnet waren, um etwaigen Besuchern Platz zu bieten, der Aschenbecher quoll über und der Tisch war von Kekskrümeln bedeckt. Während die Direktorin (riji) des Büros, die einzig anwesend war, eine Telefonberatung führte, wartete ich in etwa eine halbe Stunde, bis sie Zeit hatte, sich mit mir zu befassen. Nachdem ich ihr mein Anliegen erklärt hatte, bestand ihre erste Frage darin, von welcher japanischen Universität ich betreut würde. Es gäbe nämlich derzeit so viele europäische Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen des Alleinerziehens in Japan beschäftigen würden, ob ich mich nicht an eine größere Organisation wenden könne, denn das Shinguru Mazāzu Fōramu habe nur um die 600 Mitglieder (dabei empfahl sie mir NPO Hōjin Wink, die zweite Organisation, mit der ich schon über ihre Internetseite Boshi katei kyōwakoku versucht hatte, in Kontakt zu treten). Sie versprach zwar, meine Visitenkarte an ihre Mitglieder weiterzugeben, machte jedoch dabei deutlich, dass sich kaum jemand melden würde, das sei vor allem ein Problem der Privatsphäre (puraibash ī no mondai). Später erklärte mir Herr Kitao, Verantwortlicher des Internationalen Zentrums an der Hōsei Universität, dass die Weigerung mit Privatsphäre wohl wenig zu tun hatte, sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass ich keinen japanischen Kontakt mitgebracht hatte, der mich einführen hätte können. Ich verliess also wenige Minuten später das Büro, ohne neue Kontakte, jedoch zumindest mit mehr Informationsmaterial versehen als zuvor. Auch bei NPO Hōjin Wink hatte ich kein Glück. Die Organisation informierte mich per E-Mail, dass sie mir nur ein Seminar anbieten könnten in Verbindung mit Freiwilligenarbeit, das dann aber während des Monats, das ich in Japan verbrachte, nicht angeboten wurde.

Schlußendlich fand ich meine zwei Interviewpartnerinnen mit Hilfe von persönlichen Beziehungen. Die erste, Frau Takahashi*, vermittelte mir eine Freundin, die auf ihr Kind aufgepasst hatte, die zweite, Frau Suzuki, lernte ich über eine Professorin, die an der Hosei- Universität zum Thema Gender und Familie unterrichtete, kennen. Dadurch erkannte ich, welch wichtigen Faktor in der Japanforschung persönliche Beziehungen darstellen. Das Interview mit Frau Takahashi führte ich im Empfangszimmer ihrer Firma durch, das mit Frau Suzuki in einem Kaffeehaus, beides durch das ständige Kommen und Gehen nicht die optimale Geräuschkulisse, aber andere Möglichkeiten gab es nicht. Frau Takahashi ist 33 Jahre alt und seit mehreren Jahren geschieden, da ihr Mann sie elf Monate nach der Geburt ihrer mittlerweile siebenjährigen Tochter verlassen hat. Wirklich alleinerziehend ist sie aber erst seit drei Jahren, denn ihr Mann kehrte nach mehreren Monaten des Alleinseins nochmals für vier Jahre zu ihr zurück. Sie arbeitet für einen Verlag. Frau Suzuki arbeitet für eine Universität, ist 27 und eine der wenigen ledigen Mütter Japans, deren Zahl jedoch besonders in der jüngeren Generation langsam zunimmt. Ihre Tochter war zur Zeit des Interviews ein Jahr und vier Monate alt. Beide arbeiten in Tōkyō und leben in der Umgebung.

Zurück in Österreich beschloß ich, mich nicht an eine Stelle für Alleinerziehende zu wenden, um meine heimischen Gesprächspartner zu finden, sondern nach dem gleichen Prinzip vorzugehen wie in Japan. Grund dafür war, dass die zwei japanischen Alleinerzieherinnen, mit denen ich sprach, finanziell sehr selbständig waren und kaum Unterstützungsmassnahmen von Organisationen, die sich an alleinerziehende Mütter wenden, in Anspruch nahmen. Ich versuchte also, österreichische Interviewpartnerinnen zu finden, die in einer ähnlichen finanziellen und lebensgeschichtlichen Lage waren. Meine Kriterien waren dabei: Wohnort Wien und Umgebung, Alleinerziehende mit einem Kind, ähnliche Altersgruppe von Mutter und Kind, Anstellung, kein neuer Lebensgefährte, der mit der Mutter-Kind-Familie zusammenlebt. Es fiel mir anfangs nicht leicht, alleinerziehende Mütter der gleichen Altersgruppe zu finden, da viele der alleinerziehenden Mütter aus meinem weiteren Bekanntenkreis bereits in einer neuen Beziehung zusammenleben. Die beiden Interviewpartnerinnen, die schließlich meinen Kriterien entsprachen, Frau Kleber und Frau Richter, wohnen und arbeiten in Wien. Frau Kleber ist wie Frau Takahashi 33 Jahre alt und lebt mit ihrem achtjährigen Sohn. Sie ist seit vier Jahren geschieden und alleinerziehend und derzeit als Turnusärztin tätig. Frau Richter ist wie Frau Suzuki ledige Mutter, sie lebte noch bei ihren Eltern, als sie ihr Kind bekam und zu Beginn der Alleinerzieherschaft, hat aber seit einem Jahr eine eigene Wohnung. Von ihrem Freund hat sie sich vor eineinhalb Jahren getrennt. Sie arbeitet Teilzeit als Assistentin der Geschäftsführung eines Einzelunternehmers. Das Interview mit ihr gestaltete sich über Teile sehr schwierig, da ihr Sohn im Nebenzimmer kreischte und es dadurch immer wieder zu Unterbrechungen kam.

Außerdem lernte ich Frau Vogel (56) über eine Mitstudentin, die selbst Kind einer alleinerziehenden Mutter ist, kennen. Da sie um einiges älter als meine japanischen Interviewpartnerinnen ist und ihre Tochter schon an der Universität studiert, habe ich das mit ihr durchgeführte Interview nur ergänzend verwendet. Dass ihre Erfahrungen und Erzählungen, was Rollenbilder angeht, teils die Zeit, in der ihre Tochter klein war, betreffen, schien mir dennoch für meine Studie reizvoll, um so den Bogen etwas weiter zu spannen.

Das Besondere an der Lebenslage Alleinerziehen ist die alleinige Übernahme von Rollen und Pflichten, die im normativen Denken beider Gesellschaften auf zwei Partner verteilt sind. Sowohl in Österreich als auch in Japan wird die Kernfamilie Mutter-Vater-Kind, in der eine Rollenaufteilung möglich beziehungsweise einfacher ist, noch als die Norm propagiert, und zumindest Arbeitsplatzbedingungen sind auf sie angepasst. Im Versuch, alleine mit der doppelten Verpflichtung von Arbeit und Kinderbetreuung fertig zu werden, ergeben sich materielle und emotionale Schwierigkeiten und es bedarf individueller Strategien und Unterstützung von außen, um diese zu bewältigen. Alleinerziehende sind deshalb „in noch stärkerem Maße auf flächendeckend arbeitende vertikale und horizontale Netze der praktischen Sozialpolitik angewiesen, als sogenannte Komplett-Familien mit zwei Erwachsenenen als Garanten für Einkommen und soziale Absicherung“ (Richter 2004:13).

In den Interviews versuchte ich, die Felder, in denen sich die größten Schwierigkeiten ergeben, herauszufiltern und anzusprechen, wobei ich mein Augenmerk nicht nur auf materielle und zeitliche Engpässe richten wollte, sondern auch auf die pychologische Ebene, auf die gesellschaftlicher Druck von aussen und von innen einwirken kann, da meiner These nach diese Ebene ausschlaggebend ist, um eigene Strategien zu entwickeln, mit der Situation der doppelten Belastung fertigzuwerden. Welche unterschiedlichen Strategien sich dabei ergeben und wie ausschlaggebend dabei Projektionen von außen auf das innere Selbstbild sind und wie die beiden Staaten durch unterschiedliche Wohlfahrtssysteme auf die Lebenssituation Alleinerziehender reagieren und auf diese einwirken, möchte ich im Folgenden darlegen.

2. Begriffsbestimmung und Kategorien von „alleinerziehend“:

In diesem Kapitel werde ich den Begriff „alleinerziehend“, so wie er in dieser Arbeit verwendet wird, näher bestimmen. Danach nehme ich eine Kategorisierung der unterschiedlichen Lebensweisen, die unter diesem Überbegriff zusammengefasst werden, mit den für sie relevanten Besonderheiten vor, da sich deren Lebenssituation bedingt durch gesetzliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Werthaltungen unterschiedlich darstellt.

2.1 Definition:

Auch heute noch sehen sich Alleinerziehende mit Diskriminierung konfrontiert. Das zeigt sich schon in der Begrifflichkeit, die verwendet wird, um das Phänomen zu benennen. So werden beispielsweise in der Studie der Arbeiterkammer Wien von 2001 Ein-Eltern- Familien abwechselnd als Teilfamilien und Alleinerziehenden-Haushalte bezeichnet (Amesberger 2001:12). Im Begriff Teilfamilie drückt sich jedoch bereits ein Mangelbewußtsein aus, das auf die „ganze, intakte“ Familie hinweist.

Ich verwende in meiner Arbeit alternierend die Begriffe Alleinerziehend, Ein-Eltern- Familie, Mutter-Kind-Haushalt und Vater-Kind-Haushalt. Gewählt habe ich diese Bezeichnungen deshalb, weil alleinerziehend das Wort ist, das in den wenigen österreichischen Publikationen vorwiegend diese Familienform benennt, und in der japanischen Forschung hauptsächlich mit den letzten drei Begriffen gearbeitet wird. Obwohl alleinerziehend die Erziehungsleistung von anderen, die am Aufziehen des Kindes teilhaben, nicht mit ausdrückt, scheint es mir doch ein Begriff, der den Zustand der Familien gut beschreibt und auch die Leistung, die von den Müttern und Vätern erbracht wird, mit einschließt.

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen, was Ein-Eltern-Familien betrifft, da die Familienform sich sehr heterogen darstellt. Ich möchte für meine Arbeit die Definition von

Brand und Hammer (2002:38) heranziehen: „Alleinerziehende sind ledige, verheiratet getrennt lebende, geschiedene oder verwitwete Mütter und Väter, die in haushaltsgebundenen Eltern-Kind-Gemeinschaften mit mindestens einem unverheirateten leiblichen, Adoptiv-, Stief- oder Pflegekind zusammenleben.“, sie jedoch um den Zusatz erweitern, dass kein neuer Partner im gleichen Haushalt lebt, da das die spezifische Lebenssituation darstellt, die ich untersuchen wollte. Weiters möchte ich noch auf Unterschiede in der Definition von Ein- Eltern-Familien in den Statistiken von Österreich und Japan hinweisen, da in Japan Familien mit Kindern bis 20 Jahren als Mutter- oder Vater-Kind-Haushalte bezeichnet werden, in Österreich gilt man nur mit Kindern bis 18 Jahren als alleinerziehend, was in beiden Staaten jeweils das Alter der Volljährigkeit bezeichnet. In manchen österreichischen Statistiken werden überhaupt nur Familien mit Kindern bis fünfzehn aufgenommen, wohl weil es mit steigendem Alter einfacher wird, ein Kind allein zu lassen, was die Vereinbarung von Arbeit und Betreuungspflichten erleichtert, und außerdem mit fünfzehn die Schulpflicht endet (siehe beispielsweise die Studie der Arbeiterkammer zu Alleinerziehenden in Wien).

2.2 Kategorien:

In beiden Ländern setzen sich Alleinerziehendenhaushalte aus geschiedenen (rikon), verwitweten (kafu), ledigen (mikon, hikon) und getrennt lebenden (bekky ō) Elternteilen und deren Kindern zusammen, wobei die geschiedenen Ein-Elternfamilien in beiden Ländern mittlerweile den höchsten Anteil ausmachen. Die Scheidungsrate ist in Österreich höher als in Japan, dementsprechend finden sich mehr Familien mit Kindern in dieser Lebenssituation. 21 Prozent aller österreichischen Haushalte mit Kindern gegenüber 7,5 Prozent in Japan gehören dieser Familienform an. Ein weiterer Unterschied liegt im Ledigenanteil, der in Österreich wesentlich höher ist als in Japan (24 Prozent der alleinerziehenden Mütter sind ledig, dagegen in Japan nur 5,8 Prozent).

Laut den Ergebnissen der letzten Umfrage des Arbeitsministerium zu Mutter-Kind- Haushalten in Japan (Zenkoku boshisetai t ō ch ō sa kekka h ō koku), bei der 3792 Haushalte, die nach dem Zufallsprinzip aus dem Zensus von 2000 augewählt wurden, befragt wurden, ist die Zahl von Mutter-Kind-Haushalten (boshisetai oder boshikatei) im Jahr 2003 auf 1.225.400, die von Vater-Kind-Haushalten (fushisetai) auf 173.800 angestiegen. Das sind 2,7 beziehungsweise 0,4 Prozent aller japanischen Haushalte (Wikipedia 2006:1). Schon 1998 war der Anteil von Alleinerziehenden an allen Haushalten mit Kindern 7,5% , 6,4% bei den Frauen, 1,1% bei den Männern (JIL 2003:11), da Mutter-Kind-Familien um 28 Prozent,

Vater-Kind-Familien um 6,4 Prozent zugenommen haben, dürfte der Anteil demnach jetzt noch höher sein.

Scheidung (rikon) hat in Japan während der letzten Jahrzehnte stark zugenommen, und hat seit den späten 70ern Witwenschaft (kafu) als den bestimmenden Faktor, der Ein-Eltern- Familien (tanshin katei, hitorioya katei) hervorbringt, überholt (Ezawa 2003:8). Beinahe achtzig Prozent aller Alleinerziehenden-Familien im heutigen Japan sind Scheidungsfamilien (siehe Tab.1). Die Scheidungsrate in Japan stieg in den letzten dreissig Jahren mehr oder weniger kontinuierlich an (mit leichtem Rückgang Ende der 80er) und betrug 2003 2,25 (auf 1000 Personen gerechnet) (Odagiri 2004:6). Da in Österreich die Scheidungsrate relativ zur Anzahl von geschlossenen Ehen berechnet wird, ist ein Vergleich auf tausend Personen berechnet nicht möglich. Ich fand allerdings japanische Zahlen von 2000, die den Anteil an Scheidungen zu geschlossenen Ehen bei ungefähr 33 Prozent festsetzen, was heissen würde, dass eine von drei Ehen geschieden wird (Akai: 2005:1). In Österreich erreichte die Scheidungsrate 2005 einen neuen Rekordwert mit 46,4 Prozent, in Wien sogar 63,3 Prozent, es endet also durchschnittlich beinahe jede zweite Ehe in Scheidung (Statistik Austria 2006:1). Zahlenmäßig an zweiter Stelle stehen die Familien von Witwen (yamome) (12 Prozent) und Witwern (otokoyamome) (19 Prozent). Auf diese Gruppe möchte ich in meiner Arbeit aber nur kurz eingehen, da sie von der Gesellschaft anders betrachtet werden.

Im letzten Jahrzehnt ist außerdem ein graduelles Anwachsen der Zahl der ledigen Mütter (hikon oder mikon no haha) festzustellen, mit einem sprunghaften Anstieg Mitte der neunziger Jahre, wobei die Kategorie der ledigen Väter in der Statistik nicht aufscheint, was darauf schließen lässt, dass ein Kind, wenn nicht geheiratet wird, so gut wie immer bei der Mutter verbleibt. Generell ist die Unehelichenquote (Anteil der unehelich Lebendgeborenen an allen Lebendgeborenen) in Japan immer noch sehr gering (1,93 Prozent im Jahre 2003) (Nakamura 2005:1) verglichen mit Österreich (35,3 Prozent 2003 und 35,9 Prozent 2004) (Statistik Austria 2005:1), steigt jedoch vor allem bei den jüngeren Müttern. Laut einer Umfrage des JIL (Japanese Institute for Labour), bei der 5000 alleinerziehende Mütter befragt wurden, nimmt der Anteil der ledigen Mütter unter allen alleinerziehenden Müttern bei den Frauen unter 29 elf Prozent ein, in allen anderen Altersklassen hingegen nur fünf bis sechs Prozent (JIL 2003:26). Den geringsten Anteil an den Alleinerziehenden nehmen Getrenntlebende und Verlassene ein, bei denen die Scheidung nicht vollzogen ist.

Prozentueller Wandel der Zusammensetzung sowie der Anzahl von Mutter-Kind-Haushalten je nach dem Grund, aus dem sie zum Mutter-Kind-Haushalt wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Prozentueller Wandel der Zusammensetzung sowie der Anzahl von Vater-Kind-Haushalten je nach dem Grund, aus dem sie zum Vater-Kind-Haushalt wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1 Die Zusammensetzung von japanischen Alleinerziehendenhaushalten nach der Art der Trennung

Quelle: „Hitorioyasetai tō ni natta riyūbetsu no setaisū (Anzahl der Haushalte nach dem Grund, aus dem sie zu Einelternhaushalten wurden),

Zenkoku boshisetai t ō ch ō sa kekka h ō koku, Koseir ō d ō sh ō 2005 . http://www.mhlw.go.jp/houdou/2005/01/h0119-1b01.html (8. April 2006)

Laut Bevölkerungsstatistik (BMSG 2002:18) gab es im Jahre 2001 in Österreich unter 1,420.000 Familien 299.000 Alleinerziehende, das sind 8,7 Prozent aller Haushalte und 21 Prozent aller Familien mit Kindern (eigene Berechnung nach: Statistik Austria(a) und BMSG), prozentuell gesehen machen diese Familien also einen weitaus größeren Teil der Familien mit Kind aus als in Japan. (Neuere Zahlen aus dem Mikrozensus von 2005 unterscheiden sich nicht wesentlich, sind aber schwerer vergleichbar, da grossteils nur Prozentangaben gemacht werden, weswegen ich die Zahlen von 2001 für meinen Vergleich heranziehe). 85 Prozent der Alleinerziehenden waren Frauen, ähnlich wie in Japan, wo der Frauenanteil 2003 bei 87,6

Prozent lag, auch wenn die Zahl alleinerziehender Väter dort langsam zunimmt (eigene Berechnung nach Tab. 1).

Auch in Österreich ist ein Großteil der alleinerziehenden Mütter geschieden (37 Prozent) und an zweiter Stelle folgen Witwen mit 28 Prozent. Der Ledigenanteil (24 Prozent) ist allerdings im Vergleich zu Japan in Österreich sehr hoch, was durch verschiedene Faktoren bedingt ist, die im folgenden noch erörtert werden. Den geringsten Prozentsatz nehmen Getrennt Lebende ein (elf Prozent) (BMSG 2002:18). In Wien präsentiert sich die Verteilung ein wenig anders, ledige Mütter nehmen hier sogar den zweiten Platz ein und verdrängen damit die Witwenschaft auf Platz drei (Bischofberger 2006:31). Daten zur Zusammensetzung von Vater-Kind-Familien waren leider nicht auffindbar, trotz Anfragen beim österreichischen Institut für Familienforschung und diversen öffentlichen Ämtern. Auch laut der Publikation

„Grosse Väter“, die vom Ministerium für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz gefördert wurde, gibt es Daten zum Familienstand nur von alleinerziehenden Müttern, nicht aber von alleinerziehenden Vätern (Bischofberger 2006:31).

2.3 Die Situation lediger Mütter:

Die Stellung lediger Mütter und ihrer Kinder in Japan ist keine einfache, nicht zuletzt da 98 Prozent aller Kinder innerhalb der Ehe geboren werden (In Österreich lag dagegen die Unehelichenquote aller geborenen Babies 2005 bei 36,5 Prozent (Statistik Austria 2005:1)). Wer ein Kind gebiert, ohne verheiratet zu sein, sieht sich dementsprechend in Japan mit Vorurteilen konfrontiert, in Österreich ist es hingegen nichts Außergewöhnliches, ein lediges Kind auf die Welt zu bringen. Was die finanzielle Situation betrifft, ist diese für unverheiratete Alleinerziehende in beiden Ländern schwierig, da sie in Österreich im Gegensatz zu Geschiedenen keine Unterhaltszahlungen für sich selbst geltend machen können, in Japan, wenn das Kind nicht vom Vater anerkannt wird, nicht einmal für ihr Kind. Dass der Anteil an ledigen Müttern in Japan so gering ist, erklärt sich einerseits durch die unterschiedliche Einstellung zu Ehe und Verhütung, die man in beiden Länder vorfindet, andererseits durch Diskriminierung, der sich außereheliche Kinder in Japan gegenüber sehen.

2.3.1 dekichatta kon:

Frau Suzuki beschreibt die Reaktion ihrer Kollegen darauf, dass sie Mutter wird, folgendermassen: „Als ich das erste Mal sagte, dass ich Mutter werde, reagierten sie mit „Ah.. du wirst also heiraten?“ und ich sagte nein.. „Wieso denn?“ [...] Alle waren überrascht, aber.. irgendwie vor Verlegenheit ratlos, also..ist es in Ordnung, wenn wir gratulieren..was tun wir jetzt..es war ein „aah“-Gefühl [Verlegenheitslaut] aber niemand.. also sie waren nett, sie machten sich nur Sorgen um mich.“

Laut einer Umfrage des Arbeitsministeriums im Jahre 2002, bei der 842 Männer und 995 Frauen zwischen fünfzehn und 50 befragt wurden, sind rund 60 bis 66 Prozent der Männer und rund 50 Prozent der Frauen der Meinung, dass es besser ist, zu heiraten, wenn man ledig ist und schwanger wird. Der Rest ist unentschlossen und nur ein geringer Teil der Befragten ist nicht dieser Meinung (Abb. 1.). Die Ehe als Institution ist also im Bewusstsein der japanischen Bevölkerung immer noch sehr wichtig, besonders wenn Kinder im Spiel sind. Man kann auf der anderen Seite in dem großen Teil der Unentschlossenen Anzeichen auf einen Wandel in der Konzeption von Ehe vermuten und annehmen, dass zumindest ein kleiner Teil der jüngeren Frauen (10,7 Prozent bei den 20 bis 24-Jährigen), die dem nicht zustimmen, ein Kind nicht notwendigerweise mit dem Gedanken an Ehe verknüpfen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Umfrage zum dekichatta kon in Japan, herausgegeben vom Kabinettsbüro (naikakufu):

„Die Mehrheit sagt: „Wenn man ein Kind gezeugt hat, ist es besser, zu heiraten.“

Quelle: „Hōritsukon o jūshi suru dentōtekina ishiki ga dekichatta kon ni han’ei sarete iru (In der Heirat als Folge von Schwangerschaft spiegelt sich ein traditionelles Bewusstsein wider, das die gesetzlich registrierte Ehe wertschätzt), Kokumin seikatsu hakusho (Büro für Massnahmen zur Lebensqualität), 2003 . http://www5.cao.go.jp/seikatsu/whitepaper/h17/01_honpen/html/hm01ho10003.html (10.April 2006)

Dennoch findet sich der Ausdruck dekichatta kon oder omedeta kon (Hochzeit, die ausgelöst wird durch die Schwangerschaft der Frau oder gesegnete Hochzeit) häufig in japanischen Medien und wird auch gesellschaftlich propagiert. So denkt die 38jährige Midori, die ihre Erfahrungen im „Tagebuch einer erbärmlichen Single-Mutter“ beschreibt, sofort an eine dekichatta kon, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt, obwohl die Beziehung zu ihrem Partner erst ein halbes Jahr andauert (Nakayama 2003:9). Nach seiner negativen Reaktion rechtfertigt sie die Entscheidung, das Kind trotz lediger Mutterschaft zu bekommen mit ihrem Alter und meint, wenn ihr die Schwangerschaft fünf Jahre früher passiert wäre, hätte sie wohl abgetrieben. Sie bezeichnet ihre Handlungsweise als gegen den gesunden Menschenverstand (j ō shiki ni gyakk ō) (Nakayama 2003:14).

Der öffentliche Diskurs, der zum Heiraten mahnt, wenn ein Kind unterwegs ist, zeigt sich, wenn man die Zeitungen durchblättert. So brachte die Mainichi Shinbun beispielsweise zum dekichatta kon der Schauspielerin Adachi Yumi mit dem Komödianten Itoda Jun ein Interview mit der Überschrift „ Dekichatta kon – Ich will eine glückliche Familie haben“, in dem beschrieben wird wie „furchtbar glücklich“ (monosugoku ureshii) Itoda ist, als er von der Schwangerschaft von Adachi, vier Monate, nachdem sie sich kennengelernt haben, erfährt und sie gleich am nächsten Tag bittet, ihn zu heiraten. Adachi sagt, dass sie eigentlich nicht vorhatte zu heiraten, aber wenn man „den Menschen trifft, den man heiraten soll, dann denkt man instinktiv (shizen ni) an Heirat“ (Mainichi Shinbun, Onlineausgabe vom September 2005, Unterhaltungsteil). Schwangerschaft und Heirat werden hier als natürliches Ganzes dargestellt, wobei jedoch auch der Faktor der Liebe (daisuki) angesprochen wird, wenn Adachi sagt, dass sie sich deshalb entschlossen habe, das Kind zu bekommen, weil es von Itoda ist, den sie liebt (daisuki na hito no kodomo kara umitai). Dieses Argument verwenden übrigens auch ledige Mütter, um die Austragung ihrer Schwangerschaft zu rechtfertigen, beispielsweise Nazuna, die Heldin des Dramas „Mein blauer Himmel“, nachdem ihr Verlobter sie vor dem Altar verlässt, oder auch Midori in ihrem Tagebuch. Es heiraten jedenfalls viele japanische Frauen, die unehelich schwanger werden; wenn keine Heirat möglich ist, ist die Gefahr groß, dass sie von der Familie oder vom Vater des Kindes überzeugt werden abzutreiben (Konsakai 2004:34), da es schwierig ist, dem gesellschaftlichen Druck standzuhalten.

In Österreich ist der gesellschaftliche Diskurs, der im Falle einer Schwangerschaft zu Heirat mahnt, wesentlich weniger stark, da mittlerweile 5,9 Prozent aller Haushalte Lebensgemeinschaften sind (Statistik Austria (a) 2005:1). In Japan sind „wilde Ehen“ (jijitsu kon) selten, was damit zusammenhängt, dass junge Leute bis zur Heirat bei den Eltern wohnen bleiben (Nakamura 2005:1). Ausserdem hat man Angst vor Gerede und der Meinung der Nachbarn (Garrigue 2000:266). In den österreichischen Familienstatistiken werden Ehepaare und Lebensgemeinschaften mit Kindern oft gemeinsam angeführt, was den ähnlichen Status anzeigt (Schipfer 2005:14). 2004 standen 819.000 Ehepaare mit Kindern unter fünfzehn 101.000 Lebensgemeinschaften mit Kindern unter fünfzehn gegenüber (ORF 2005:1). Das hängt teils auch damit zusammen, dass Lebensgemeinschaften in Österreich vor dem Gesetz Ehepaaren gegenüber fast gleichgestellt sind (z.B. können Partner gemeinsam Wohnungseigentum erwerben und Pflegeurlaub nehmen, was früher nur Ehepaaren möglich war), wobei es noch einige Bereiche gibt, in denen Ungleichheiten bestehen, wie z.B. im Erbrecht und im Adoptivrecht (HOSI Wien 2005:1). Zu diesem Thema gibt es derzeit in Österreich eine rege Debatte, da die aktuelle Gleichstellung vor allem von einer konservativen

Einstellung der Politik homosexuellen Lebensgemeinschaften gegenüber behindert wird. In Japan können sich Paare, die nicht heiraten wollen, aber trotzdem zusammen leben (jijitsu kon oder nai’en), im Melderegister (j ū minhy ō) registrieren lassen und haben dann ebenfalls ähnliche Rechte wie verheiratete Paare. Dennoch gibt es sie kaum, da mit der Registrierung des Partners (im Normalfall der Frau) bei der Ehe im Familienregister (koseki) des anderen eine symbolische Bedeutung verknüpft ist, die auf die Tradition des ie -Systems zurückgeht. Es kommt aber auch gar nicht so selten vor, dass man nicht heiraten kann, da der Partner selbst schon verheiratet ist (Beispiele siehe Shinguru Mazāzu Fōramu 2004: 23, 31). Besonders diese alleinerziehenden Mütter haben mit starken Vorurteilen zu kämpfen, da sie als Familienzerstörerinnen betrachtet werden. Das ist übrigens auch in Österreich der Fall, wo laut der Alleinerziehendenberatungsstelle jene Frauen, bei denen der Kindesvater verheiratet ist, am stärksten stigmatisiert sind und mit dem Attribut „Ehebrecherinnen“ versehen werden (Amesberger 2001:128).

2.3.2 Abtreibung (datai, ninshin ch ū setsu) statt Verhütung (hinin):

Dazu erzählt Frau Suzuki: In meinem Fall.. der Vater des Kindes war.. wir waren eineinhalb Jahre zusammen und er wollte mich heiraten aber er war noch Student, als ich schwanger wurde und seine Eltern wurden sehr wütend und sie waren sehr gegen seine Heirat deshalb war er.. anfangs war er so „okay, ich werd versuchen, du weißt schon, mit meinen Eltern zu reden und so, es ist okay“ aber.. aber ich nehm an, er wurde es müde und ich wurde sehr zornig [...] und schließlich sagte er „Es ist besser, du kriegst es nicht.“ Also.. wurde ich sehr sehr wütend.“ Auch ihre Mutter reagiert ähnlich, als sie mitbekommt, dass Frau Suzuki das Kind alleine bekommen will „Mein Vater sagte: „Wenn du es willst, sage ich nichts“ wie: es ist deine Entscheidung, das betrifft dich. Und meine Mutter war.. Nein, nicht, du darfst das Kind nicht bekommen,nein, es ist sehr schlecht für dich und auch für das Baby. So arm.. weil das Kind so arm ist, verzichte darauf (kodomo ga kawais ō da kara yamenasai). Aber ich hab nicht zugehört [lacht].“

Der Druck, dem ledige Mütter in Japan ausgesetzt sind, ihr Ungeborenes abzutreiben, hängt auch mit der gesellschaftlichen Einstellung Abtreibung gegenüber zusammen. Japan war eines der ersten Länder, in dem Abtreibung legalisiert wurde. Das geschah bereits 1948 durch das y ū seihogoh ō, das eugenische Schutzgesetz, seit der Revision 1996 umbenannt in Gesetz zum Schutz der Mütter (botaihogoh ō), noch bevor Verhütungsmittel überhaupt erfunden worden waren, und schon 1949 wurde ein Passus hinzugefügt, der Abtreibung auch aus finanziellen Gründen ermöglichte. Hand in Hand mit der liberalen japanischen

Abtreibungspolitik ging eine konservative Haltung gegenüber anderen Kontrazeptionsmethoden wie beispielsweise der Pille, die Japan erst 1999, als letztes Land der Vereinten Nationen, als Verhütungsmittel legalisierte. (vgl. Norgren 2001: 3-8). Eine Abtreibungsdebatte findet in Japan kaum statt (Gründe dafür sind starkes Lobbying von seiten der Medizin und der buddhistische Glaubenshintergrund des Landes, der im Gegensatz zu Lehren wie der katholischen von einem fließenden Lebensprozeß ausgeht und Abtreibung nicht von vornherein verdammt), was dazu geführt hat, dass Abtreibung zu einem Quasi- Verhütungsmittel geworden ist.

Frau Suzuki hat eine Fehlgeburt hinter sich und betont, dass das ein wichtiger Grund war, dass sie dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde, den zweiten Fötus abzutreiben, standhalten konnte: „ Dieses Mal... habe ich nie über Abtreibung nachgedacht, weil...ich arbeitete, ich hatte auch genügend Gehalt. Weil ich finanziell ungefähr so abgesichert war, dass ich es auch mit einem Kind schaffen würde können, dachte ich, es wäre wohl kein Problem.. außerdem hatte ich einmal eine Fehlgeburt.. weil ich wahnsinnig traurig war, als ich das Kind, das auch von ihm war... verlor...also..hatte ich Angst, dass wenn ich eine Abtreibung machen lasse, ich keine Kinder mehr bekommen würde können. Davor hatte ich Angst. Auch, was das Alter betrifft.. ich war wohl 25, aber mit 26 habe ich geboren.. ich dachte, was das Alter betrifft, es ist eine gute Zeit, um ein Baby zu haben.“

2.3.3 Die Diskriminierung von unehelichen Kindern (kongaishi , shiseiji, tetenashigo):

Ein weiterer Punkt, der es einer werdenden Mutter in Japan erschwert, sich dafür zu entscheiden, ihr Kind alleine und/oder unverheiratet grosszuziehen, sind Benachteiligungen, mit denen das Kind vom Gesetz her konfrontiert wird. Auch wenn sich unter vermehrtem indirektem Druck von außen (kansetsu gaiatsu), einer Taktik, deren sich besonders Aktivistinnen für Frauenrechte in den letzten Jahren verstärkt bedient haben, um Gesetzesänderungen durchzusetzen (Gelb 2003:12), beispielsweise durch Intervention der UNO, die Situation von unehelichen Kindern leicht verbessert hat und seit 1995 im Melderegister die Beziehung zum Haushaltsvorstand für uneheliche und eheliche Kinder zu

„Kind (ko)“ vereinheitlicht wurde, muss die ledige Mutter immer noch in der Geburtsurkunde den Grad der Verwandtschaftsbeziehung zum Vater mit hichakushutsu shi (uneheliches Kind) angeben und im Familienregister wird das Kind nicht als ältester Sohn ch ō nan oder älteste Tochter ch ō jo aufgenommen, sondern nur als otoko (Junge) oder onna (Mädchen). Um eine Anstellung zu finden, kommt es nicht selten vor, dass man einen Auszug aus dem

Familienregister vorzeigen muss, aus dem dann sofort ersichtlich ist, dass man ledige Mutter ist (Ōta und Yoshizumi 2004:4, 5).

Mit der Anerkennung des Kindes durch den Vater (ninchi) wird die Vater-Kind- Verwandtschaftsbeziehung bestätigt, womit das Recht auf Unterhalt und Erbe verbunden ist. Aber sogar wenn das Kind vom Vater als sein eigenes anerkannt worden ist, bestehen Benachteiligungen im Erbrecht, da ihm nur die Hälfte des Erbteils eines Kindes, das innerhalb der Ehe gezeugt wurde, zusteht. 2003 gab es dazu aber eine knappe Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, in der zwei der fünf Richter auf Verfassungsverletzung erkannten und auf eine rasche Revision des Gesetzes drängten. Wird ein uneheliches Kind, dessen Vater japanischer Staatsbürger ist, die Mutter aber Angehörige einer anderen Nation, geboren, ohne schon im Mutterleib vom Vater anerkannt zu werden (taiji ninchi), erhält es nicht die japanische Staatsbürgerschaft. (nach: Yoshizumi und Ōta 2004: 4,5)

Ein uneheliches Kind, das mit Mutter und Vater zusammenlebt, wird im alltäglichen Leben kaum mit Diskriminierung konfrontiert. Im Fall einer ledigen Mutter steht man dem Kind jedoch oft voreingenommen gegenüber und nimmt an, dass es aus einer unmoralischen Verbindung entstanden ist (furin no ko), in der der Vater womöglich schon verheiratet war und Kinder hatte. Diese Einstellung zeigt sich im von den Medien und Zeitschriften häufig verwendeten Ausdruck kakushigo (zu versteckendes Kind), der auch im Kindergarten zu Diskriminierungen der Kinder untereinander führen kann. (Edamura 2004:35,36). Es ist für Väter möglich, ihre unehelichen Kinder erst testamentarisch anzuerkennen (yuigon ninchi), um so lebenslang die Tatsache zu verbergen, ein uneheliches Kind in die Welt gesetzt zu haben, dem Kind aber eine Erbschaft zu ermöglichen.

Mittlerweile gibt es in Japan Vereine, die sich für die Rechte außerehelicher Kinder einsetzen, wie zum Beispiel Kongaishi sabetsu to tatakau kai (Verein, der die Diskriminierung von außerehelichen Kindern bekämpft) und die Situation scheint sich langsam zu verbessern. Es ist jedoch immer noch keine leichte Entscheidung, ein Kind ohne Ehemann großzuziehen und es bedarf viel Mutes, sich oft gegen den Willen des Kindesvaters und der eigenen Familie für das Kind zu entscheiden.

In Österreich sind ledige Kinder vor dem Gesetz ehelichen Kindern gleichgestellt, auch für sie gilt Erbrecht und Unterhaltsrecht in gleichem Masse, wobei die Mutter allein die Obsorge über das Kind innehat, auch wenn eine Partnerschaft besteht. Im Erbrecht ist aber festgelegt, dass ein Vater den Pflichtteilsanspruch seines unehelichen Kindes um die Hälfte herabsetzen lassen kann, wenn er keinerlei Beziehung zu diesem Kind hat. Ein weiterer Unterschied besteht, wenn Eltern, die in einer Lebensgemeinschaft zusammen wohnen, den

Entschluß fassen, sich zu trennen, da dann die Obsorge automatisch, auch wenn das Kind vom Vater anerkannt ist, der Mutter zugesprochen wird, wohingegen bei Scheidungen mittlerweile die gemeinsame Obsorge gesetzlich verankert ist. (vgl. Kind 2003:47,48,60).

2.4 Die Situation geschiedener Alleinerziehender:

Geschiedene Alleinerziehende sind in Österreich rechtlich besser abgesichert als in Japan, denn sie haben gesetzlichen Anspruch auf Unterhalt für sich selbst und ihr Kind. Auch bei einer einvernehmlichen Scheidung müssen Aliments- und Sorgerechtsregelung abgeklärt sein und auf Kindesunterhalt kann nicht verzichtet werden. Da Scheidung in Japan als Privatangelegenheit betrachtet wird, bevorzugen die meisten japanischen Ehepaare eine außergerichtliche Vereinbarung ohne das Hinzuziehen eines Anwalts. Bei dieser Art der Scheidung ist es nicht Pflicht, Alimente festzulegen, was dazu führt, das viele geschiedene Frauen sich nach der Trennung ohne finanziellen Rückhalt von seiten des Ex-Mannes vorfinden. Das bringt sie in eine prekärere Situation als ihre österreichischen Pendants, besonders da es in Japan für Frauen immer noch gang und gäbe ist, kindesbedingt die Berufstätigkeit abzubrechen. Was das Sorgerecht für die Kinder betrifft, ist es in Österreich für einen Mann sehr schwierig, das alleinige Sorgerecht für sein Kind zu erhalten, und auch in Japan sind es mittlerweile immer häufiger die Mütter, denen das Kind zugesprochen wird. Alleinerziehende Väter haben in diesem Bereich oft schwer zu kämpfen.

2.4.1 Scheidung in Japan (nach Shinguru Mazāzu Fōramu 2004: 94-98):

In Japan gibt es drei Arten von Scheidung, die Scheidung in gegenseitigem Einvernehmen (ky ō gi rikon), die Scheidung durch Schlichtung (ch ō tei rikon) und die Scheidung durch Gerichtsbeschluss (saiban rikon), wobei sich letztere je nach Gerichtshof, der die Entscheidung trifft, vom Namen her unterscheidet, shinpan bezeichnet dabei das Urteil des Familiengerichts und hanketsu die Entscheidungen der dem Familiengericht übergeordneten Instanzen. Im Falle von ky ō gi rikon ist nur die Scheidungsurkunde (rikon todoke) von Nöten, die von beiden Parteien und zwei Zeugen (hosh ō nin) unterschrieben, gestempelt und dann am Amt eingereicht werden muss, womit die Scheidung rechtsgültig wird. In den Ratgebern, die sich mit dem Leben als alleinerziehende Mütter beschäftigen, wird explizit und mehrmals darauf hingewiesen, dass sich die Parteien vor der einvernehmlichen Scheidung in folgenden drei Punkten einig sein sollten, um sich nicht, nur um möglichst schnell und ohne grossen Disput geschieden zu werden, auf nachteilige Bedingungen einzulassen: erstens, wer von beiden die elterliche Gewalt (shinken) über das

Kind erhalten soll, zweitens, wie die Vermögensaufteilung (zaisan bun’yo) vor sich gehen soll und wie es mit einer Abfindung (ishary ō, eigentlich Trost- oder Beruhigungssumme) aussieht und drittens, wie die Alimentszahlungen für das Kind (y ō ikuhi) geregelt sein werden. Wenn eine Einigung nicht möglich ist, wird in jedem Fall geraten, um tatsächlich finanzielle Unterstützung zu erhalten, nicht einfach die Scheidungsurkunde einzureichen (rikontodoke wo dasu), sondern auch wenn sich dadurch der Trennungsprozeß verlängert, einen Anwalt zu kontaktieren. Man kann zwar auch nach der Scheidung noch um Gütertrennung, Abfindung und Alimente ansuchen (seiky ū), je früher die finanziellen Verhältnisse aber geklärt sind, desto besser. So versuchen die Ratgeber, dem Misstrauen, das Gerichten und Anwälten gegenüber besteht, entgegenzuwirken.

Kann man sich nicht auf eine gemeinschaftliche Scheidung einigen, so besteht die Möglichkeit, beim Familiengericht um Vermittlung anzusuchen (ch ō tei no m ō shitate). Ein direkter Gerichtsprozess ist nicht möglich, da in Japan das Prinzip der vorgeordneten Mediation (ch ō tei zenchi shugi) gilt. Betreffen die Streitigkeiten nur das Sorgerecht (shinken) für das Kind, kann man um ein Urteil, was diesen Punkt betrifft, ansuchen, da jedoch das Familiengericht selten solche Entscheidungen trifft, enden diese Fälle trotzdem meist in einer Gerichtsverhandlung.

Erst wenn durch die Mediation keine Einigung erzielt werden konnte, kommt es zum Gerichtsprozeß. In diesem Fall (saiban rikon) gibt es drei Instanzen, die durchlaufen werden können, das Landgericht (chih ō saibansho), das höhere Gericht (k ō t ō saibansho) und den obersten Gerichtshof (saik ō saibansho), um Berufung einzulegen. Die Gründe, wegen derer man eine gerichtliche Scheidung erwirken kann (rikon gen’in), sind im Paragraph 770 des Zivilrechts (minp ō) festgelegt und nur, wenn Beweise für einen der Fälle vorliegen, wird die Scheidung gerichtlich anerkannt: Betrug durch den Ehepartner (futei k ō i), böswilliges Verlassen (akui no iki), worunter auch die Weigerung eines arbeitsfähigen Ehemannes, einer Beschäftigung nachzugehen oder der Ehefrau ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, fällt, beziehungsweise die Weigerung einer Hausfrau, sich um den Haushalt zu kümmern, Unklarheit über den Verbleib des Ehepartners für über drei Jahre (san nen ij ō seishi fumei), und Geisteskrankheiten, bei denen keine Aussicht auf Genesung besteht (kaifuku no mikomi no nai seishinby ō) (Kitō 2005:1). Mittlerweile gibt es aber auch den Trend, andere wichtige Gründe, aufgrund derer man die Heirat nicht mehr fortsetzen möchte (kon’in o keizoku shigatai j ū dai na jiy ū), anzuerkennen, wenn die Ehe deshalb gescheitert ist (hatan). Weiters kann man sich mittlerweile von einem vermissten Ehemann auch schon vor dem Ablauf der Dreijahresfrist scheiden lassen.

[...]


* Alle hier verwendeten Namen sind Pseudonyme.

Ende der Leseprobe aus 137 Seiten

Details

Titel
Zwischen o-bento und o-shigoto - Rollenerwartungen und ihr Einfluß auf die Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter in Japan und Österreich
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Ostasienwissenschaften - Japanologie)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
137
Katalognummer
V118148
ISBN (eBook)
9783640220397
ISBN (Buch)
9783640222735
Dateigröße
2016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Rollenerwartungen, Einfluß, Lebenssituation, Mütter, Väter, Japan
Arbeit zitieren
Magistra Irene Hetzenauer (Autor), 2006, Zwischen o-bento und o-shigoto - Rollenerwartungen und ihr Einfluß auf die Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter in Japan und Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118148

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