Welche Anforderungen ergeben sich für die Kinder- und Jugendhilfe aus der zunehmenden kulturellen Vielfalt? Fachkräfte arbeiten mit Menschen verschiedenster Wertvorstellungen und Kulturen zusammen und es ist davon auszugehen, dass die Anforderungen an die Sensibilität im Umgang mit Diversität und Andersartigkeit zunehmen werden. Soll sich die Praxis der Erziehungshilfen also am aktuellen Bedarf orientieren, muss sowohl ein angemessener professioneller Umgang mit kultureller Vielfalt und Differenz gefunden werden als auch die Familie in der steigenden Komplexität ihrer Lebenslagen unterstützt werden. Insbesondere die Gestaltung der Arbeitsbeziehung zu den Adressat*innen als zentrale Grundlage für den Hilfeprozess rückt hierbei in den Fokus der Debatten. Für Fachkräfte stellt sich die Frage, wie diese vor dem Hintergrund der zunehmenden kulturellen Diversität ihrer Adressat*innen gelingend gestaltet werden kann.
Um dieser Frage nachzugehen, soll im Folgenden zunächst nach einem für die Erziehungshilfe passenden Kulturverständnis gesucht werden, auf dessen Basis es möglich wird zu begreifen, wie sich Kulturen in einer postmodernen Gesellschaft begegnen. Anschließend werden die im Zuge der Globalisierung veränderten Lebensrealitäten von Familien betrachtet und die Frage beantwortet, welche Anforderungen sich daraus für die Familien und auch für die Kinder- und Jugendhilfe ergeben. Im zweiten Teil der Arbeit soll sich dem Themenkomplex „Gestaltung von Arbeitsbeziehungen in den Erziehungshilfen“ genähert werden, wobei die Relevanz von Arbeitsbeziehung dargestellt und deren Konstitutionsbedingungen besprochen werden.
Daraufhin wird das Konzept der Kultursensibilität als Lösungsansatz zur gelingenden Gestaltung von Arbeitsbeziehungen mit Adressat*innen unterschiedlicher kultureller Hintergründe diskutiert. Das Nachdenken über Methode und Kultur und die Berücksichtigung kultureller Dimensionen im Kontakt erweist sich als komplexe Aufgabe, zeigt sich jedoch von erheblicher Relevanz für die professionelle Weiterentwicklung des Arbeitsfelds. So soll im dritten Teil der Arbeit die Methode Video-Home-Training (VHT) als methodischer Zugang zur kultursensiblen Gestaltung von Arbeitsbeziehungen diskutiert werden. An eine Darstellung der Grundlagen der Methode schließt der empirische Teil der Arbeit an, in dem eine Antwort auf die Frage gefunden werden soll, inwiefern VHT die kultursensible Gestaltung von Arbeitsbeziehungen unterstützen kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Phänomen Kultur - Versuch einer Einordnung
2.1 Natur und Kultur
2.2 Der Kulturbegriff wissenschaftshistorisch betrachtet
2.3 Kultur als Bedeutungskomplex
2.4 Wie begegnen sich Kulturen? - Transkulturalität als Beschreibung veränderter Realitäten
3 Familien unterschiedlicher Kulturen als Adressatinnen der Hilfen zur Erziehung
3.1 Familienbilder im Wandel
3.2 Anforderungen an Familien in der Postmoderne
3.3 „Kulturell andere“ Familien – Diskurs über die Kategorie „Migrationshintergrund“
4 Zwischenfazit – Die professionelle Arbeitsbeziehung als Lösungsansatz
5 Die professionelle Arbeitsbeziehung in den Hilfen zur Erziehung – Merkmale und Spannungsfelder
5.1 Professionelle Beziehungsmodelle nach Oevermann und Müller – eine Skizze
5.2 Merkmale von professionellen Arbeitsbeziehungen in den Hilfe zur Erziehung
5.2.1 Prozesshaftigkeit
5.2.2 Netzwerkförmigkeit
5.2.3 Zeitliche Begrenzung und spezifischer Gegenstandsbezug
5.3 Spannungsfeld Hilfe und Kontrolle
5.4 Spannungsfelder Asymmetrie der Arbeitsbeziehung sowie Abhängigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe
5.5 Spannungsfeld Rollendiffusität sowie Nähe und Distanz
5.6 Kritische Reflexion und Thesen zu Arbeitsbeziehungen in den Hilfen zur Erziehung
5.7 Spannungsfeld Kultur als Bezugsgröße und Gefahr der Kulturalisierung
6 Kultursensibles Arbeiten in den Hilfen zur Erziehung
6.1 Der professionelle Habitus
6.2 Kultursensibilität als Teil des professionellen Habitus
6.3 Ergänzung der Spannungsfelder durch den Blick durch die „Kulturbrille“
7 Zwischenfazit - Methodisches Vorgehen zur Unterstützung der Beziehungsarbeit
8 VHT als Methode in den Hilfen zur Erziehung
8.1 Zielsetzung von VHT
8.2 Gelingende Kommunikation und Interaktion als Kern von VHT
8.2.1 Das Kontaktritual
8.2.2 Die fünf Schritte der Basiskommunikation
8.3 Vorgehen und Ablauf von VHT
9 Empirischer Teil: VHT zur Unterstützung von kultursensibler Gestaltung von Arbeitsbeziehungen
9.1 Methodische Herangehensweise
9.1.1 Forschungsgegenstand
9.1.2 Eintritt ins Feld und Datengenerierung
9.1.3 Forschungsethik und Gütekriterien der Forschung
9.1.4 Forschungsmethode
9.1.5 Datenauswertung
9.2 Ergebnisse der Gruppendiskussion „VHT International“: Diskursbeschreibung
10 VHT als methodischer Zugang zur kultursensiblen Gestaltung von Arbeitsbeziehungen
11 Fazit und Ausblick – Institutionen in der Verantwortung
12.1 Dokumente teilnarrative Leitfadeninterviews
12.2 Dokumente problemzentrierte Gruppendiskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie das Video-Home-Training (VHT) als methodischer Zugang dazu beitragen kann, Arbeitsbeziehungen in den Hilfen zur Erziehung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Globalisierung und zunehmender kultureller Diversität kultursensibel zu gestalten. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Fachkräfte in dieser komplexen Praxis erfolgreich Beziehungsarbeit leisten können, ohne in Kulturalisierungsfallen zu tappen.
- Kulturelle Diversität und Globalisierung in den Hilfen zur Erziehung
- Herausforderungen für Familien in der Postmoderne
- Konstruktion und Bedeutung der Arbeitsbeziehung
- Kultursensibilität als professioneller Habitus
- VHT als ressourcenorientierte Methode zur Beziehungsgestaltung
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Kulturbegriff wissenschaftshistorisch betrachtet
Mit dem steigenden Bewusstsein der Kontingenz menschlicher Lebensformen lässt sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Entwicklung und Verbreitung eines modernen Kulturbegriffs beobachten. Im Zuge des Kontingenzgedankens „es könnte auch anders sein“, wird Kultur zum Gegenstand von Interpretation und Diskussion. Reckwitz (2008: 19–20) unterscheidet dabei vier systematisch verschiedene Kulturbegriffe: den historisch früher datierten normativen und den totalitätsorientierten Kulturbegriff und im 20. Jahrhundert schließlich den differenzierungstheoretischen und den bedeutungsorientierten Kulturbegriff. Erst der bedeutungsorientierte Kulturbegriff stellt eine Radikalisierung des Kontingenzgedankens dar.
Der normative Kulturbegriff bildet sich nach Reckwitz (2008: 20) im Kontext der Aufklärung und reicht teilweise bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts hinein. Auch im gegenwärtigen Alltagsverständnis von Kultur lassen sich oft normative Tendenzen des Kulturbegriffs erkennen.
Unter einem normativen Verständnis wird Kultur als eine ausgezeichnete menschliche Lebensweise beschrieben, was mit einer Bewertung von und Abgrenzung dieser Lebensweise zu Anderen führt. Im historischen Kontext der Aufklärung bezog sich die erstrebenswerte Lebensweise auf jene des aufstrebenden Bürgertums, welche sich in kulturell-moralischer Abgrenzung zum Adel und dem Proletariat konstruierte (Reckwitz 2008: 20). Kultur als normative und homogene Lebensweise einer Gruppe vertritt dabei universalistische Wertmaßstäbe und lehnt jede Form der Abweichung ab (Goebel 2015: 138; Lüddemann 2019: 11). Begleiterscheinung dieser bis heute propagierten Auffassung von Kultur ist der Überlegenheitsanspruch bestimmter Bevölkerungsgruppen gegenüber den scheinbar unzivilisierten Anderen und Fremden und die vehemente Abwehr von Allem, was Standards in Frage stellen könnte (Klein 2018: 893–894; Lüddemann 2019: 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Auswirkungen der Globalisierung auf die Gesellschaft und die daraus resultierenden neuen Herausforderungen für Familien sowie die Kinder- und Jugendhilfe, wobei die Bedeutung der Arbeitsbeziehung hervorgehoben wird.
2 Das Phänomen Kultur - Versuch einer Einordnung: Dieses Kapitel erörtert wissenschaftshistorisch verschiedene Kulturbegriffe und deren Wandel von normativen Konzepten hin zu einem konstruktivistischen, bedeutungsorientierten Verständnis von Kultur als Prozess.
3 Familien unterschiedlicher Kulturen als Adressatinnen der Hilfen zur Erziehung: Hier wird der Wandel von Familienbildern in der Postmoderne analysiert und die kritische Bezeichnungspraxis „Migrationshintergrund“ im Kontext der Hilfen zur Erziehung diskutiert.
4 Zwischenfazit – Die professionelle Arbeitsbeziehung als Lösungsansatz: Das Kapitel fasst zusammen, dass die Gestaltung der Arbeitsbeziehung eine zentrale, fachübergreifende Voraussetzung für gelingende Hilfeleistungen darstellt.
5 Die professionelle Arbeitsbeziehung in den Hilfen zur Erziehung – Merkmale und Spannungsfelder: Dieses Kapitel definiert konstitutive Merkmale von Arbeitsbeziehungen und analysiert die typischen Spannungsfelder, wie das Tripelmandat und das Nähe-Distanz-Problem.
6 Kultursensibles Arbeiten in den Hilfen zur Erziehung: Hier wird die Haltung der Kultursensibilität als notwendiger Bestandteil eines professionellen Habitus eingeführt, um den Herausforderungen der Diversität zu begegnen.
7 Zwischenfazit - Methodisches Vorgehen zur Unterstützung der Beziehungsarbeit: Dieses Kapitel begründet die Notwendigkeit eines methodischen Ansatzes zur Unterstützung der Beziehungsarbeit in der Praxis.
8 VHT als Methode in den Hilfen zur Erziehung: Es erfolgt eine Einführung in die Methode des Video-Home-Trainings (VHT) sowie die Erläuterung ihrer zentralen Konzepte wie des Kontaktrituals und der Basiskommunikation.
9 Empirischer Teil: VHT zur Unterstützung von kultursensibler Gestaltung von Arbeitsbeziehungen: Dieser Teil beschreibt die methodische Herangehensweise der empirischen Forschung und stellt die Ergebnisse der Gruppendiskussion mit Fachkräften dar.
10 VHT als methodischer Zugang zur kultursensiblen Gestaltung von Arbeitsbeziehungen: Basierend auf den Ergebnissen wird hier diskutiert, wie VHT gezielt zur kultursensiblen Gestaltung beitragen kann.
11 Fazit und Ausblick – Institutionen in der Verantwortung: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Erkenntnisse und einem Appell an die Verantwortung von Institutionen zur Strukturierung professionellen Handelns.
Schlüsselwörter
Hilfen zur Erziehung, Arbeitsbeziehung, Kultursensibilität, Video-Home-Training, Kultur, Professionalität, Migrationshintergrund, Postmoderne, Familie, Kommunikation, Habitus, Transkulturalität, Interkulturelle Kompetenz, Reflexivität, Fallarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die professionelle Gestaltung von Arbeitsbeziehungen in den Hilfen zur Erziehung im Kontext einer zunehmend globalisierten und kulturell vielfältigen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen das Kulturverständnis in der Sozialen Arbeit, die Anforderungen an moderne Familien, die professionelle Beziehungsgestaltung und die Anwendung der Methode Video-Home-Training (VHT).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie VHT als Methode Fachkräfte dabei unterstützen kann, Arbeitsbeziehungen kultursensibel zu gestalten und den Herausforderungen kultureller Diversität professionell zu begegnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit Fachliteratur mit einem empirischen Teil, der auf einer problemorientierten Gruppendiskussion mit Fachkräften basiert, die nach der dokumentarischen Methode ausgewertet wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Kultur, Familie und Beziehungsmerkmalen, eine methodische Einführung in VHT sowie einen empirischen Teil, der die Praxisanwendung von VHT auf ihre kultursensible Wirkung hin analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kultursensibilität, professionelle Arbeitsbeziehung, Video-Home-Training (VHT), kulturelle Diversität und Habitus charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das VHT-Verständnis der Arbeit von einem rein instrumentellen Ansatz?
VHT wird nicht als technisches Rezept verstanden, sondern als Methode, die den Blick der Fachkräfte auf gelingende Interaktionsmomente lenkt und Reflexionsprozesse anregt, anstatt Defizite zu verwalten.
Welche Rolle spielt der professionelle Habitus im Kontext von VHT?
Der professionelle Habitus ist die Basis, die Fachkräften den nötigen Interpretationsspielraum gibt, um flexibel auf Situationen zu reagieren und die Methode VHT kultursensibel einzusetzen, anstatt in ein standardisiertes „Beziehungskorsett“ zu verfallen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Institutionen?
Die Autorin betont, dass die Verantwortung für gelingende kultursensible Arbeit nicht allein bei der einzelnen Fachkraft liegen darf; vielmehr müssen Institutionen entsprechende Strukturen für Austausch, Reflexion und eine interkulturelle Öffnung schaffen.
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- Lara Hein (Author), 2021, Kultursensible Gestaltung von Arbeitsbeziehungen in den Hilfen zur Erziehung. Video-Home-Training (VHT) als methodischer Zugang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1181556