Diese Arbeit bezieht sich auf Fan Fiction zu der Buchserie Harry Potter von Joanne K. Rowling.
Als erstes wird im Kapitel „Das Phänomen Fan Fiction“ mittels zweier Beiträge in Karen Helleksons und Katrin Busses „Fan Fiction and Fan Communities in the Age of the Internet“ und anderer Arbeiten ein Überblick zu Fan Fiction und zum Fandom als Institution gegeben. Im Analyseteil folgt anschließend die Beantwortung der Fragestellung in drei Kapiteln, die sich näher mit der Geschichte und Bedeutung von Fan Fiction als Kritik auseinandersetzt. Zusammengefasst werden die Ergebnisse schließlich im Fazit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Gegenstand und Problemstellung
1.2 Quellen und Methoden
2. Hauptteil
2.1 Das Phänomen Fan Fiction und das Fandom
2.2 Analyse
2.2.1 Fan Fiction füllt Lücken
2.2.2 Fandom als Ort der Kritik
2.2.3 Kritik durch Wiederholung und Weiterentwicklung
3. Abschlussdiskussion
3.1 Schlussbetrachtung des Vorgehens
3.2 Fazit
4. Anhang
4.1 Quellenverzeichnis
4.2 Forschungsliteratur
4.3 Glossar
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, unter welchen Umständen Fan Fiction als eine Form der Literaturkritik betrachtet werden kann. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Vordergrund, wie Fans durch das Schreiben von Geschichten in Paralleluniversen oder die Ergänzung von Lücken im Kanon das Originalwerk kommentieren, interpretieren oder gar kritisieren.
- Geschichte und Definition von Fan Fiction und Fankultur
- Die Rolle des Fandoms als Ort für theoretische Diskurse und Kritik
- Literarische Leerstellen als Ansatzpunkt für Fan-Kreativität
- Fan Fiction als Instrument der Erweiterung und Korrektur des Kanons
- Die Beziehung zwischen Urheberrecht, Plagiat und kreativer Hommage
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Fan Fiction füllt Lücken
In Wolfgang Isers Werk „Der Akt des Lesens“ und seiner Vorlesung „Die Appellstruktur der Texte“ wird die von Roman Ingarden entwickelte Theorie der Leerstellen in der Literatur vorgestellt und ausgeführt. Diese besagt, dass, um die Vorstellung des Lesers zu erzeugen, „schematisierte Ansichten“ nötig sind, die „den Gegenstand schrittweise hervorbringen“. Diese überlagern sich und treffen aufeinander, allerdings entstehen durch die Zwischenräume Leerstellen, für die der Text keine Informationen liefert. Obwohl der Leser diese nicht aktiv bemerkt, füllt er die Lücken unbewusst und bezieht die schematischen Ansichten aufeinander. Dadurch entstehen verschiedene Interpretationen und Lesarten des gleichen Texts.
Dieses Prinzip macht Fan Fiction sich zunutze, indem es die Leerstellen des Kanons neu auslegt, interpretiert und in ein Verhältnis zueinander setzt. Im Herrn der Ringe, der meist aus der Perspektive der neun Gefährten erzählt wird, entstehen solche Lücken beispielsweise, da der Leser nie etwas über die Perspektive Mordors erfährt. Orks erscheinen als homogene Masse, die ohne Kultur und Moral mordet und plündert. Dass man als Leser mit den Gefährten und den freien Völkern mitfiebert, statt mit dem dunklen Turm und seinen Anhängern, liegt auch daran. Deutlich wird das erst, wenn der Leser dazu ermutigt wird, die Perspektive zu wechseln:
Kirill Yeskov, ein russischer Paläontologe, veröffentlichte den Fan-Roman “The last Ringbearer”, der von Jim Clarke dahingehend analysiert wurde, dass Yeskov Tolkiens Weltbild mittels des Romans kritisieren möchte. Tolkien sehe den Ringkrieg als Kampf zwischen Multikulturalität und Fortschritt, obwohl das keinen Widerspruch darstelle. Yeskov hingegen beschreibt den Ringkrieg aus der Sicht der “Bösen”, aus Mordor heraus, und zeigt, dass das “Böse” nicht so facettenlos sein kann, wie es im Herrn der Ringe scheint. Mordor wird als Zentrum für wissenschaftlichen Fortschritt gesehen und den im Kanon oft am Rande zermetzelten Orks wird eine Persönlichkeit oder eine Art von Kultur zugesprochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema Fan Fiction als Literaturkritik ein und legt den Fokus auf die Harry-Potter-Reihe sowie die methodische Herangehensweise mittels Literaturanalyse.
2. Hauptteil: Der Hauptteil erläutert die Ursprünge der Fankultur und analysiert in drei Unterkapiteln, wie Fan Fiction durch das Füllen von Leerstellen, als Diskussionsforum und durch aktive Weiterentwicklung des Kanons eine Form der Kritik darstellt.
3. Abschlussdiskussion: Hier wird das methodische Vorgehen reflektiert und in einem Fazit zusammengefasst, dass Fan Fiction trotz ihrer nicht-institutionalisierten Form als literarische Kritik und produktive Erweiterung des Kanons gelten kann.
4. Anhang: Der Anhang enthält das Quellenverzeichnis, die verwendete Forschungsliteratur sowie ein Glossar für fan-spezifische Fachbegriffe.
Schlüsselwörter
Fan Fiction, Literaturkritik, Fandom, Kanon, Leerstellentheorie, Archontic Literature, Intertextualität, Harry Potter, Fankultur, Rezeptionsästhetik, Medienrezeption, Digitale Literatur, Slash, Prosumer
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen Fan Fiction und stellt die Frage, ob und wie diese Texte als eine Art Literaturkritik verstanden werden können, die den offiziellen Kanon ergänzt oder hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Fankultur, die Theorie der Leerstellen in literarischen Texten, die Rolle des Internets für Fandoms sowie die Abgrenzung zwischen Plagiat und kreativer Weiterentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Fan Fiction von ihrer Rolle als reine Nachahmung zu befreien und ihre Funktion als aktive, kritische und produktive Auseinandersetzung mit dem Ausgangswerk wissenschaftlich zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert ausschließlich auf einer fundierten Literaturanalyse, bei der sowohl Primärquellen aus dem Fandom als auch sekundärliterarische Forschungsergebnisse herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Überblick zur Fankultur und einen Analyseteil, in dem Konzepte wie die "archontic literature" und die Theorie der Leerstellen auf konkrete Fan-Fiction-Beispiele angewendet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Fan Fiction, Literaturkritik, Fandom, Kanon, Archontic Literature und Rezeptionsästhetik charakterisieren.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "weiterer" und "engerer" Definition von Fan Fiction?
Die weitere Definition umfasst alle Werke, die sich durch Überlieferungen und Märchen inspirieren lassen, während die engere Definition nur solche Texte einbezieht, die explizit von als Fans identifizierten Personen stammen.
Warum wird das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind" im Kontext von Fan Fiction diskutiert?
Es dient als Beispiel dafür, wie Fans auf Abweichungen vom etablierten Charakter-Kanon reagieren und das Stück als "Orte der Kritik" nutzen, um ihre Enttäuschung auszudrücken oder alternative Entwicklungen einzufordern.
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- Julia Spenger (Author), 2018, Fan Fiction als Literaturkritik. Fan Fictions zu "Harry Potter", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1181659