Knut Hamsun - Autobiographische Elemente in seinen Werken


Diplomarbeit, 2008
146 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Knut Hamsun in seinen Werken

2. Reale Personen und Namen

3. Hamsun und das Nordland – die Welt seiner Kindheit
3.1. Früheste Kindheit
3.2. Die Zeit bei Onkel Hans Olsen
3.3. Hamsuns Leben nach Olsen
3.4. Bjørger im Kontext zu Hamsuns Biographie
3.5. Der Landstreicher und die Bedeutung von Onkel Ol
3.6. Das Nordland und dessen Natur in den Werken und seine Bedeutung für den Dichter

4. Der Bauer Knut Hamsun
4.1. Die Kindheit auf dem Bauernhof
4.2. Die Zeit als Farm- und Präriearbeiter in Amerika
4.3. Der Bauer in den Romanen
4.4. Hamsuns persönliche Bauerngeschichte

5. Mäzene, Gönner und Wohltäter in Hamsuns Leben und seiner Romanwelt
5.1. Erasmus Benedigt Kjerschow Zahl, Hamsuns erster Mäzen
5.2. Johan Sørensen und Vergleiche mit dem Sult-Ich
5.3. Die Figur des Mack und andere Mäzene in Hamsuns Romanen
5.4. Weitere Gönner in Hamsuns Leben
5.5. Hamsun als Mäzen

6. Amerika
6.1. Der erste Amerikaaufenthalt
6.2. Der zweite Amerikaaufenthalt
6.3. Fra det moderne Amerikas aandsliv
6.4.Festina lente
6.5. Amerika in den Werken

7. Auslandsschilderungen
7.1. I Æventyrland – Hamsuns Werk über seine Orientreise
7.2. Pariser Skizzen

8. Hamsun und die Frauen
8.1. Jugendliebe Laura
8.2. Die Frauen in Amerika
8.3. Weitere Damenbekanntschaften und viele Vorbilder für Dagny Kielland
8.4. Bergljot Goepfert – Hamsuns erste Ehefrau
8.5. Marie Andersen – die zweite Ehefrau
8.6. Die Theorie des Künstlerproblems

9. Hamsuns Abrechnungen I – persönliche Angriffe
9.1. Lars Oftedal
9.2. Kritik an Nansen und am Sport
9.3. Die großen Vier – Hamsuns Angriffe auf Bjørnson, Ibsen, Kielland und Lie
9.4. Ola(f/v) Thommessen
9.5. Professor Langfeldt

10. Hamsuns Abrechungen II – nicht personenbezogene Angriffe
10.1. England
10.2. Die Schweiz und die Kritik am Tourismus
10.3. Die Abrechnung mit den jungen Künstlern in Ny Jord
10.4. Das ungeliebte Theater
10.5. Pfarrer/Beamte im Nordland

Resümee

Bibliographie

Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit den autobiographischen Elementen in Hamsuns Werken beschäftigen. Um den Leser auf die kommenden Seiten vorzubereiten, soll an dieser Stelle in erklärender Art und Weise dargelegt werden, nach welchen Kriterien die Primärliteratur, deren Umfang noch näher erläutert wird und die in diesem Fall den Hauptforschungsgegenstand bildet, untersucht wird.

Dafür ist es erstmals erforderlich, den Begriff „autobiographische Elemente“ zu erklären. Philippe Lejeune meint, dass für eine Autobiographie zwei Bedingungen erfüllt werden müssen. Einerseits muss sowohl die Identität des Autors mit jener des Erzählers und andererseits die des Erzählers mit der der Hauptfigur übereinstimmen. Darüber hinaus müssen noch zusätzliche Punkte nahezu vollständig gegeben sein, um von einer Autobiographie sprechen und eine Grenzlinie zu benachbarten Gattungen, wie Memoiren, Tagebücher oder Essays, schaffen zu können: (a.) eine Prosaerzählung einer (b.) individuellen Geschichte muss in (c.) rückblickender Erzählperspektive erfolgen.1 Des Weiteren verlangt Lejeune, „daß zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag steht), dem Erzähler und dem Protagonisten der Erzählung Namensidentität besteht.“2 Hat die Person der Geschichte jedoch einen fiktiven Namen oder gibt es zwischen ihr und dem Autor, der sich ja zu seiner Identität nicht eindeutig bekennt, nur Ähnlichkeiten, die in einem fiktiven Text stattfinden, spricht man von einem autobiographischen Roman, der im Gegensatz zur Autobiographie verschiedene Stufen annehmen kann.3

In Hamsuns umfangreicher Bibliographie befindet sich nur ein Werk, das somit die Bedingungen der Autobiographie erfüllt, nämlich sein letztes Werk På gjengrodde stier . Deswegen bietet es sich an, einen Blick auf jene Gattung zu werfen, die die Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie bildet, auf den bereits erwähnten autobiographischen Roman. Diese „ästhetisch-fiktionale Übertragung der Lebensgeschichte des Autors bzw. einzelner Erlebnisse daraus in einen Roman“4 bringt uns, ob seiner weniger strengen Bedingungen – so müssen unter anderem weder Autor noch Hauptfigur identisch sein, noch besteht ein vollkommener Anspruch auf Wahrheit – der Bestimmung des Begriffs autobiographische Elemente schon näher. In der Arbeit soll es aber nicht darum gehen, die Werke der Reihe nach auf ihre Eigenschaft als Autobiographie oder autobiographischer Roman zu prüfen, sondern es sollen jene Textpassagen und Teile herausgehoben werden, die einen Hinweis auf die Lebensgeschichte des Dichters bieten können. Dabei macht es erforderlich, auf zahlreich vorhandene Werke der Sekundärliteratur zurückgreifen zu können, bei der vor allem Lars Frode Larsens dreiteilige Biographie des jungen Hamsun und Robert Fergusons Hamsunbiographie wegen ihrer qualitativen und quantitativen Dichte Berücksichtigung finden werden. Großes Gewicht kommt auch dem von Harald S. Næss herausgegebenen und kommentierten Gesamtbriefwerk des norwegischen Schriftstellers zu.

Die zu untersuchende Primärliteratur umfasst die gesamten Romane Hamsuns und vereinzelt sein lyrisches Schaffen. Seine sechs Dramen finden in der Arbeit hingegen keine Erwähnung. Dies hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass Hamsuns Bühnenstücke, aber auch seine poetischen Werke, in Anbetracht seiner Kraft als Prosaschriftsteller nicht von so großer Bedeutung sind, sondern damit, dass dies mit dem Umfang der Arbeit kollidieren würde. Dagegen wird den in den gesammelten Werken nicht aufgenommenen und zum Teil unveröffentlichten und unvollständigen Stücken Den gaadefulde , Bjørger , Lurtonen und Reban Platz eingeräumt.

Zur Vermeidung einer bloßen Auflistung der autobiographischen Elemente in den einzelnen Werken werden zusammenpassende Themen zu Kapiteln zusammengefasst und mit einem einleitenden Ausblick auf den Inhalt versehen. Um die Untersuchungen nachvollziehbar zu machen, wird keine vollständige Biographie vorausgeschickt, sondern es werden die biographischen Daten und Ausführungen immer themenbezogen ins Feld geführt, um so auch ein zusammenhängendes Lesen zu gewährleisten. Darüber hinaus sollen Vergleiche mit zitierten Stellen aus den Werken zusätzlich unterlegt werden.

1. Knut Hamsun in seinen Werken

Wie nur wenige andere Schriftsteller nutzte Hamsun seine Werke in großem Ausmaß dazu, um seine Persönlichkeit, sei es durch zurückliegende Erfahrungen und Erlebnisse oder durch seine eigene Meinung zu gewissen Themen, direkt zum Ausdruck zu bringen und griff dabei auf verschiedene Methoden zurück. Vor allem am Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit fügte er sich selber als Held des Werkes ein bzw. konfrontierte diesen mit seiner eigenen Herkunft, zurückliegenden Ereignissen aus seinem Leben, denselben Eigenschaften, denselben Wünschen. Er projizierte also seine eigene Lebensgeschichte, zumindest Teile oder Nuancen daraus, auf seine literarischen Schöpfungen. Oft macht es Hamsun seinem biographiekundigen Leser dabei sehr einfach, indem er nicht einmal seinen Namen verhüllt oder keinen Zweifel daran lässt, wer hinter dem Protagonisten oder der Ich-Figur steckt. An anderen Stellen ist eine etwas genauere Analyse erforderlich, um den verkleideten Hamsun zu erkennen.

In seinen späteren Werken kam er von dieser Technik weitgehend ab und teilte etwaige persönliche Eigenschaften auf verschiedene Romangestalten auf. So konstatiert auch Ferguson: „Der Mann Hamsun, dessen überspitzte Wiedergabe seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit in vielfältiger Weise die Stärke seiner frühen Werke ausmacht, ist (…) immer noch lebendig vorhanden, nicht als leicht identifizierbares Individuum, aber aufgeteilt auf hundert Gestalten.“5 Dazu führte Hamsun Figuren mit Sprachrohrfunktion ein, die bei

Gelegenheit die Stimme des Dichters erhoben und so seine eigene Meinung im Werk vertraten.

Wie soeben erwähnt brachte Hamsun sich selbst in seinen Frühwerken am stärksten ein. Den Gaadefulde (1877) handelt vom Sohn eines kürzlich verstorbenen und bankrott gegangenen Handelsmanns, der unter dem Decknamen Rolf Andersen untertaucht, um finanziellen Forderungen zu entgehen. Als alle Ungereimtheiten aus der Welt geschafft sind, lüftet er sein Geheimnis, das auch eine Kiste voller Goldmünzen beinhaltet, nimmt wieder seinen richtigen Namen Knud Sonnenfield an und bekommt schließlich das Mädchen, in das er sich als angeblich verarmter Mann verliebt hat.6 Eine Parallele zu Hamsun ist neben dem

Vornamen die „sosial ærgjerrighet og storhetsdrømmer“,7 die der aufstrebende junge

Schriftsteller auf jeden Fall hatte. Auch, dass der vermeintlich arme Jüngling sich in eine reiche Bauerntochter verliebt, passt, wie man später noch sehen soll, gut zu Hamsuns eigener Biographie und ist auch im nie veröffentlichten Gedicht Lurtonen zentrales Thema.

Noch mehr gibt die nächste Erzählung, Bjørger (1879), das Leben des Dichters preis. Auch hier steht die Liebe zu einem Mädchen, das einer höheren Gesellschaftsschicht angehört, im Mittelpunkt. Daneben erfährt man aber auch indirekt mehr über Hamsuns Arbeit als Ladengehilfe, der auch der Romanheld, Bjørger, nachgeht, und bekommt einen Einblick über das Leben bei jenem Kaufmann Walsøe, von dem der Dichter als junger Mann im Jahre 1874 eingestellt wurde. Daneben besitzt Bjørger mit der Liebe zur Literatur und dem Talent zum Schreiben Eigenschaften, die der Dichter sich zweifelsohne selber attestierte. Am Schluss ist Bjørger anwesend, als seine große Liebe Laura im Bett ihrer Dachkammer stirbt. Auch Hamsun konnte auf ein ähnliches Erlebnis, das mit dem Tod eines jungen Menschen verknüpft war, zurückblicken. Während seiner Zeit auf Tranøy nutzte er die Gelegenheit, einen Jungen, der sich auf Durchreise befand, aber an Typhus erkrankt war und im Sterben lag, jeden Tag zu besuchen und dabei seinen wirren Reden zuzuhören.8 Carl David Marcus glaubte in jener Szene Bjørgers , in der Thor, der Bruder des Helden, seine Nahrungsarmut schildert, schon den später in Sult selbstverständlich ausführlicher ausgearbeiteten und deutlich identifizierbaren persönlichen Hintergrund der Hunger-Thematik zu erkennen.9 Natürlich drängt sich hier die Frage auf, auf welche Hungererlebnisse sich der Biograph hier genau bezogen hat. Die schweren Zeiten in Kristiania bzw. in den Vereinigten Staaten von

Amerika lagen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Bjørger noch vor Hamsun, und über andere Phasen des Hungers, z.B. während Hamsuns Zeit als Landstreicher, ist nichts bzw. nur sehr wenig bekannt und sie werden auch von Marcus – bis auf die beiläufige Bemerkung, dass Hamsuns schon als Kleinkind „hungrig“ war10 – nicht näher erläutert.

Noch deutlicher, wenn nicht sogar am deutlichsten – sieht man jetzt einmal vom als Autobiographie durchgehenden Werk På gjengrodde stier (1949), dem größtenteils auf eigene Erfahrungen basierenden Reisebuch I Æventyrland (1903) oder einzelnen Novellen, in denen sich der Dichter in keiner Weise bemüht zeigt, sich selber zu verstecken, ab – spiegelt sich ein Abschnitt von Hamsuns Lebensgeschichte in Sult (1890) wider. Die Geschichte der mit großen Ambitionen als Schriftsteller Fuß fassen wollenden, aber in diesem Vorhaben immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfenden Ich-Figur, die in Kristiania großen Hunger leidet, scheint so stark dem Leben Hamsuns nachempfunden, dass dieser im Zusammenhang mit seinem berühmten Roman sogar selber von einer Autobiographie gesprochen haben soll.11 Und einen Freund lässt er im Zusammenhang mit dem Werk wissen: „Det, jeg har skrevet om i «Sult», er oplevet her – og meget værre Ting til. Gud, hvor jeg har slidt ondt. Men jeg lever.“12 Trotzdem hat Hamsun laut Frank Thiess versucht, seinen in Ich-Form auftretenden Helden „auf Armeslänge von sich fern zu halten.“13 Dieses Vorhaben wird aber spätestens dann zerschlagen, sobald der Dichter seine Schöpfung in Hungerphasen abdriften lässt. Dann entsteht der Eindruck, dass der Autor diese selber erlebt haben muss, was wiederum seine Verschmelzung mit der Hauptfigur von Sult zur Folge hat.14

Den realen Hintergrund des Werks, das zuerst im November 1888 als Fragment in der Zeitschrift Ny Jord abgedruckt wurde und das Hamsun später nicht als Roman verstanden wissen wollte,15 bilden die Aufenthalte in Kristiania, Kopenhagen und Chicago, in denen der Autor mit der eigenen Armut konfrontiert wurde und die er eben in seinem Buch wohl übertrieben dargestellt zum Ausdruck brachte. Larsen äußert leisen Zweifel daran, dass

Hamsun ein ähnlich tristes Dasein wie seine literarische Schöpfung fristen musste. Als plausible Argumente erwähnt er den für Hamsun gewöhnlich hohen täglichen Geldverbrauch, der sich mit der Situation des Hungers kaum in Einklang bringen lässt, Einkünfte aus Abschreibarbeiten, Bezahlung für Artikel, finanzielle Unterstützung vom Königshaus und schließlich einen mehr oder weniger wohlhabenden Bekanntenkreis und Verwandte in der Stadt, die Hamsun wohl kaum einem wie im Buch beschriebenen Elend überlassen hätten. Larsen räumt aber ein, dass der Autor, auch wegen zeitweise auftretendem und nicht zuletzt durch die langwierigen Schreibphasen bedingtem Kontaktverlust zur Realität, an angebliche Freunde womöglich viel Geld verliehen haben könnte, was ihn schließlich in ökonomische

Schwierigkeiten brachte.16

Die Handlung des Sult -Fragments spielt, wie auch jene des später erschienenen gleichnamigen Romans, im Kristiania des Augusts 1886 und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem sich der Dichter auch wieder in der Stadt befand, seine Lebensumstände aber wohl nicht annähernd so von Armut geprägt waren, wie er sie in seinem Schriftstück darstellt. Natürlich war sich Hamsun durchaus bewusst, dass das Fragment von vielen als autobiographisch gesehen werden würde, was auch ein Grund war, es anonym erscheinen zu lassen. Erst als das Geheimnis um den Autor nicht mehr gehütet werden konnte, nutzte er diese Entwicklung zu seinen Gunsten. So betonte er stets die Hungerphase und die Armut als Parallele zu seinem literarischen Held, als er mit Erfolg versuchte, den Verleger Sørensen als Geldgeber zu gewinnen. Als tatsächliche Gemeinsamkeiten, die Hamsun mit dem Sult -Ich hatte, wären hingegen die Unterkunft in einer verlassenen Werkstatt, das Aufsuchen von

Zeitungsredaktionen, um Artikel abzugeben, die Übernachtung im Rathaus und die Angewohnheit einen Holzspan zu kauen, um den größten Hunger zu stillen, zu nennen.17 Außerdem wohnte Hamsun selber einmal in jenem Logishaus,18 in dem er seinen Helden im ersten Kapitel des Buches am Morgen erwachen lässt. Das reale Haus in der Tomtegaten 11 wurde in Hamsuns Werk im Wesentlichen detailliert nachempfunden. So lagen beide Häuser zwischen zwei Gassen und hatten deswegen auch zwei Zugänge. Eine Tatsache, die der hungernde Held ausnutzt, als er einen Kutscher um sein Fahrgeld prellt.19

Weitere mögliche Punkte, in denen sich die Wesen von Hamsun und dem Sult -Ich überschneiden, betreffen die im Roman allerorts durchschimmernde Isolation.20 An ihr, die durch Szenen, in denen es zur hilflosen Interaktion mit anderen Figuren kommt, noch zusätzlich verstärkt wird bzw. durch die die soziale und in weiterer Folge psychische Abgeschiedenheit als unabwendbares Schicksal offen gelegt wird, könnte auch der Schriftsteller in seinen an der Psyche zehrenden Schreibphasen gelitten haben, ruft man sich noch einmal sein durch temporären Realitätsverlust verändertes Verhalten in Erinnerung. Ein weiterer Punkt wäre die Angst davor, im sozialen Ansehen zu sinken.21 Zweifelsohne war sich Hamsun, analysiert man z.B. die gesammelten Briefe, seiner einfachen bäuerlichen Herkunft sehr bewusst und könnte in Anbetracht der Kreise, in denen er zu verkehren pflegte, leicht diesem negativen Gefühl ausgesetzt worden sein. Bewiesen ist auch, dass er am Anfang seiner Karriere sehr daran interessiert war, was die Kritiker über seine Bücher schrieben und verteidigte diese, wenn erforderlich, mit großem Eifer.22 Als letzten Punkt bringt Larsen die religiöse Komponente ins Spiel. Die blasphemisch anmutenden und später entschärften Äußerungen des Hauptprotagonisten in Sult fußen nach Ansicht des Experten durchaus in den persönlichen Ansichten und Erfahrungen Hamsuns, der im Umfeld des Pietismus aufgewachsen war, schon in seiner Kindheit mit der Glaubensgemeinschaft von Lars Oftedal konfrontiert wurde und später, während seiner Zeit in den Vereinigten Staaten, mit dem Unitarismus von Kristofer Janson in Kontakt kam. Hamsuns Meinung nach lag das Schicksal in den Händen Gottes, womit dieser, vereinfacht ausgedrückt, sowohl für die Erfolglosigkeit des Schriftstellers im Werk als auch für jene des realen Dichters verantwortlich war. Ein anderer Erklärungsansatz für die harten gegen Gott gerichteten Angriffe ist jener, dass der Allmächtige, ähnlich wie später Amerika oder Hans Olsen, als Sündenbock für die

Abweisung, die Hamsun durch seine Mutter erfahren hatte – Hamsun musste ja einen Teil seiner Kindheit bei seinem Onkel verbringen – herhalten musste.23 1880 ließ Hamsun seinen damaligen Gönner Zahl in einem Brief wissen, dass er die Stelle beim Straßenbau einer Audienz beim König zu verdanken hat.24 Als eine ironische Anspielung an dieses nie dokumentierte Treffen mit dem König interpretiert Ferguson jene Szene in Sult , in der der Held vom boshaften Zimmermädchen gefragt wird, ob er im Schloss sein Mittagessen eingenommen hat.25 In seinen Vorträgen zur Literatur bzw. in seiner Schrift über die psychologische Literatur erwähnt Hamsun einen alten Mann, der sich den Demütigungen der Kinder seiner Tochter wortlos aussetzt, weil diese ihm sein Gnadenbrot gibt. In Sult trifft man auf ein ähnliches Verhältnis zwischen einem Greis und seiner Tochter, der Wirtin des Buchhelden. Auch er erduldet die Quälereien seiner Enkel, um seine Unterkunft und die Mahlzeiten nicht zu verlieren.

In seinem nächsten Roman Mysterier (1892) schraubte Hamsun die autobiographischen Elemente wieder deutlich zurück, was in Anbetracht der Konzentration ebendieser in Sult aber nicht allzu sehr überraschen sollte, ohne jedoch gänzlich darauf zu verzichten: „Hamsuns hang til å blande seg selv inn i sine litterære produkter kann imedlertid spores også i denne boken”26 und „(…) die Stimme des Autors artikuliert sich in Nagels endlosen Tiraden, die manches von dem wiederholen, was Hamsun damals ähnlich sagt, und vieles von dem vorwegnehmen, was er später genauso praktiziert.“27 Der Held des Buchs, Johan Nils Nagel, ist laut Jan Marstrander ein Produkt, das bedingt durch die eigene Erfolglosigkeit des Dichters und seinen dadurch außerhalb der Gesellschaft geglaubten Platz entstehen konnte. Diese empfundene Ausgrenzung und das daraus resultierende aggressive, provokante Verhalten gegenüber anderen als Mittel zur Selbstbehauptung hat auch Hamsun seiner Hauptperson gegeben.28 Diese kommt in eine kleine Küstenstadt und sorgt dort für Aufsehen und Turbulenzen unter den Bewohnern. Möglich, dass auch der Schriftsteller selber für eine ähnliche Aufruhr unter den Leuten verantwortlich war, als er sich mit dem von seinem ersten großen Mäzen Zahl erhaltenen Geld 1879 in einer ähnlichen Stadt namens Øystese niederließ, um sich in Ruhe auf seine Rolle als Schriftsteller vorzubereiten, und nebenbei mit kritischen Artikeln über den Kirchengesang des Ortes Unruhe stiftete. Auf jeden Fall nutzte Hamsun sein neuestes Werk aber als Bühne, um seine Abneigung gegen Guy de Maupassant, Henrik Ibsen und Leo Tolstoi bzw. ihr Schaffen zum Ausdruck zu bringen. Bjørnstjerne Bjørnson und Alfred de Musset werden hingegen ob ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gelobt.

Auch in politischer Hinsicht lässt Hamsun durchblicken, wie er denkt und wem er seine Sympathien oder besser seine Antipathien zukommen lässt. In einer Rede lässt er Nagel sich über die scheinbare Rechtschaffenheit und Unfehlbarkeit, die Bigotterie des britischen Premiereministers William E. Gladstone, den er auch einmal in seinen Briefen dazu passend

„den gamle, bigotte Kua“29 nennt, lustig machen. Dem deutschen Reichskanzler Otto von

Bismarck scheint Nagel positiver gegenüberzustehen, was durchaus einen kleinen Hinweis auf Hamsuns Anglophobie auf der einen Seite und seine immerwährende Deutschfreundlichkeit auf der anderen Seite zulässig macht. In einem Nachwort des Romans versucht Walter Baumgartner eine auf Grund einer Szene, in der Nagel in einem Dialog, geführt mit einer imaginären Frau, die Bedeutung von „herremenneskene, de store“,30 von denen Nagel aber nicht allzu viel zu halten scheint, und auf der anderen Seite die Unfähigkeit der Mehrheit, des so genannten Packs, sich selbstständig zu führen, eine Verbindung zu Hamsuns späteren Sympathien zum Nationalsozialismus herzustellen.31

Um Nagel aber nicht als Ebenbild seines Verfassers wirken zu lassen, war auch Hamsun selber bemüht, wie eine Stelle aus einem Brief an seinen Freund Erik Skram beweist, eine deutliche Abgrenzung zur Figur herzustellen: „Men forresten vil ikke jeg personlig have Skyld for alle Nagels Meninger (…)“32 Eine weitere Bedeutung wird jenem Zeitpunkt beigemessen, den der Dichter gewählt hat, um seinen Helden in der Kleinstadt ankommen zu lassen, den 12. Juni 1891. Das ist ausgerechnet jenes Datum, an dem Hamsun selber nach

Lillesand kam, jenem Ort, der auch auf Grund der Äußerungen des Schriftstellers oft als Vorbild für die namenlose Küstenstadt in Mysterier genannt wird. Doch Hamsun stritt später jeden Zusammenhang des Buchs mit Lillesand ab, indem er betonte, es in Kristiansund geschrieben zu haben33 und die Stadt an der norwegischen Südküste demnach keinen Einfluss auf seine Arbeit genommen haben konnte.

In Redaktør Lynge (1893) hat Hamsun mit Høibro ein Sprachrohr eingeführt und ihm

„viel Persönlichkeit einverleibt“,34 indem er ihn seine politische Meinung und Einstellung vertreten ließ. Der von der politischen Situation im Lande gezeichnete Høibro greift in einer als unbeholfen dargestellten Rede die so genannten Radikalen, zu denen sich Hamsun selber gezählt hatte, an, weil ihre Ansichten zu gemäßigt, zu gering mit dem Idealismus verbunden sind. Høibro, auch den Linken nahe stehend, zählt sich aber zu den wirklichen Radikalen, die an den Adel des Herzens und an die Bildung des Herzens glauben.35 Seine Vorwürfe stellen sich als berechtigt heraus, als die „radikalen“ Lynge und Bondesen zwischenzeitlich ohne Gewissensbisse die Fronten wechseln. Ein weiteres bekanntes Detail in Hamsuns Biografie ist die ständig zwischen Erfolg und Misserfolg hin und her pendelnde Arbeit als Journalist,36 vorgeführt am Beispiel von Ihlen, dem hier aber in weiterer Folge nicht allzu große Bedeutung beigemessen werden soll.

Auf Hamsuns Sprachrohr Coldevin in Ny Jord (1893) soll im Kapitel „Hamsuns Abrechnungen II – nicht personenbezogene Angriffe“ noch näher eingegangen werden. Eine Szene lässt aber einen Vergleich, wenn auch weit hergeholt, mit Hamsuns eigenem Leben zu. Auf seinen Sauftouren wurde der Schriftsteller anscheinend des Öfteren vom Schalk gepackt und kaufte z.B. kurzerhand einen Heuwagen, um so seine Kneipentour fortsetzen zu können oder er verwendete eine Kuh als Boten für einen Brief, der für eine Dame bestimmt war.37 Als Erfinder außergewöhnlicher, im berauschten Zustand geborener Streiche entpuppt sich

Hamsun, als er im Roman den Schauspieler Norem eine heiß gemachte Münze einem Zeitungsjungen vor die Füße werfen lässt. Die Boshaftigkeit hinter der Ausführung war aber wohl nicht im Sinne des Dichters und soll vielmehr die Antipathie gegen die im Roman auftretende Künstlergruppe schüren. In der Novelle På gaten aus der Sammlung Siesta (1897) ist ein anderer Zeitungsjunge Opfer eines Streichs, dieses Mal ausgeführt von einem Ich- Erzähler, der durchaus als Hamsun selber identifiziert werden könnte. Er lässt Geld durch ein

Eisengitter fallen, sodass der Junge, der den Mann zuvor geärgert hat, es nur mit viel Mühe und nicht ohne sich seine Hände aufzuschürfen, erreicht. Am nächsten Tag tut diesem die Tat aber leid und er möchte seinen Streich mit einer Münze wieder gut machen.

Eine nur allzu bekannte Situation aus seinem eigenen Leben hat Hamsun in seinen Roman Victoria (1898) eingewoben. In seiner Unterkunft in der Stadt singt der Hauptprotagonist Johannes, der wie Hamsun selber Dichter ist, nächtelang, was seinem Nachbarn verständlicherweise den Schlaf raubt. Der in Arbeitsphasen äußert empfindsame Hamsun war sich der Wirkung dieser psychischen Qual wohl ganz genau bewusst, schließlich war er doch selber immer wieder Opfer solcher Ruhestörungen. So schreibt er z.B. in einem Brief von einem Musiker, der in seiner Unterkunft in Lillesand nebenan wohnt und ihn anscheinend nicht zur Ruhe kommen lässt.38

In den zusammengehörigen Werken Benoni (1908) und Rosa (1909) bringt Hamsun nur sehr wenig seiner eigenen Persönlichkeit mit ein. Das wird noch zusätzlich dadurch untermauert, dass er im zweiten der Romane mit dem Studenten Parelius eine Ich-Figur einfügt, die nur wenig mit dem Dichter gemein hat. Ferguson spricht in diesem Zusammenhang in treffender Weise von einem „(…) Experiment (…) einen Ich-Erzähler zu schaffen, der nicht den Extremen seiner (Hamsuns, Anm.) eigenen Persönlichkeit unterworfen ist.“39

Vollkommen konträr dazu verhält sich der Aufbau der als Wanderer-Trilogie bezeichneten Romane Under Høststjærnen (1906), En vandrer spiller med sordin (1909) und Den siste glæde (1912). Der Fokus der Romane ist auf einen Ich-Erzähler gerichtet, der den Namen des Schriftstellers, Knut Pedersen, trägt und wie der aus dem Nordland stammt. Die Rahmenhandlung bildet die „Suche nach dem Mann, der er einst war, dem Bauern und Arbeiter, der er hätte sein können, hätte ihn nicht sein Ehrgeiz aus der Bahn geworfen und in die Stadt getrieben.“40 Diese Suche nach den eigenen Wurzeln erklärt auch die Intuition des

Autors, seinen eigenen ursprünglichen und unberührten Namen als Symbol für die Vergangenheit zu wählen. Obwohl der Großteil der Handlung der Fiktion entspringt, finden sich in den Werken immer wieder Bruchstücke von Hamsuns eigener Biographie. Man stößt auf Erinnerungen an seine Zeit beim Straßenbau in Gjøvik, stößt auf eine Säge, die Hamsun wirklich erfunden haben soll41 oder Hinweise auf seine Neurasthenie.

Die Anspielung auf eine Debatte, in der der Dichter einen äußerst radikalen Standpunkt einnahm, findet man in seinem Nobelpreiswerk Markens grøde (1917). In einem Zeitungsartikel hatte Hamsun Kindermorde aufs Schärfste verurteilt und forderte harte Strafen für die Täterinnen – „Hängt sie auf!“ war seine polemische Forderung.42 Mit dieser Aussage schoss er aber wohl wieder übers Ziel hinaus, was ihm Kritiken einbrachte, unter anderem von Seiten der Feministinnen, die aber sehr wohl seinem Wunsch nach mehr Kinderheimen zur Vermeidung solcher Fälle ihre Zustimmung geben konnten. Im Roman kommt es gleich zwei Mal zum Mord an Neugeborenen mit vollkommen unterschiedlichen Konsequenzen. Zuerst tötet die Ansiedlerin und Isaks Frau Inger ihr Baby, weil es wie sie selber mit einer Hasenscharte geboren wurde. Als die Tat bekannt wird, wird die Frau, die ihre Tat zutiefst bereut, verurteilt und muss für acht Jahre ins Gefängnis. Später vollführt die junge Barbro, eine Nachbarin des Siedlerpaares, die gleiche Tat. Allerdings ist ihre Reue nicht groß, vielmehr lässt sie den Leser wissen, dass sie nicht zum ersten Mal ein Neugeborenes getötet hat. Auch ihr wird der Prozess gemacht, der jedoch mit einem Freispruch endet. Nicht zuletzt wegen der Rede von Frau Heyerdahl, der Lehnsmanngattin, die stellvertretend die Rolle der Feministinnen einnimmt, mit denen es Hamsun im Streit zu tun bekam, in der sie die Täterin vor Gericht von ihrer Schuld freispricht, indem sie die Schuld bei Barbros Partner im Speziellen und im bestehenden patriarchalischen System im Allgemeinen findet.

Konerne ved vandposten (1920) beinhaltet eine weitere Nuance aus Hamsuns Leben. Als Kind wurde er oft gehänselt, weil er eine Uhrkette trug, an der jedoch keine Uhr hing.43 Im Buch heißt es über Abel, für den der Autor offenkundig seine Sympathien hegt: „Nu knappet han (Abel, Anm.) trøien op og satte maven litt ut, ja han brukte altså tilsist dette uværdige knep i fuld bevissthet om at hun måtte opdage klokkekjæden hans – som han ikke hadde klokke i.”44

Landstrykere (1927) enthält eine Passage, die auf Hamsuns Aufenthalt bei seinem ehemaligen Chef Walsøe Aufschluss gibt. Im Buch heißt es, dass Edevart zusammen mit seinem Chef und dessen Familie das Mahl einnimmt. Auch unter dem Dach des Kaufmanns auf Tranøy war es üblich, dass der Besitzer des Ladens und seine Angestellten am gleichen Esstisch Platz nahmen.45 Die Rolle der verschiedenen Mäzengestalten in den Segelfoss- Büchern wird im Kapitel „Mäzene, Gönner und Wohltäter in Hamsuns Leben und seiner Romanwelt“ behandelt. Allerdings soll bereits auf die Ähnlichkeit zwischen Hamsun und dem

Willatz Holmsen aus Børn av tiden (1913) hingewiesen werden. Wie sein Schöpfer ist der von Stolz durchzogen und ehrenhaft. Neben der geteilten Leidenschaft für das Kartenlegen sind beide Männer mit einer deutlich jüngeren Frau verheiratet.46 Im zweiten Roman Segelfoss by (1915) findet sich auch jenes beliebte Motiv wieder, in dem sich ein Mann, in diesem Fall der Ladenbesitzer Theodor, in Marianne, eine Frau von höherem Stand, verliebt – ein Schicksal, das Hamsun im Falle der Tochter Walsøes, aber auch bei Bergljot, die aus einer angesehenen Familie kam, bekanntlich selbst widerfuhr.

Das autobiographischste Werk findet sich ausgerechnet am Schluss der Bibliographie des Dichters. Das Buch, das den Titel På gjengrodde stier trägt und von Thiess auf Grund seiner, lediglich durch doppelsinnig wirkende „Einschübe, Beobachtungen, Rückblenden, novellistischen Partien“47 unterbrochenen, zur Erlangung eines weitläufigeren Überblicks eingenommenen, Distanz deswegen als typisches Alterswerk klassifiziert wird,48 handelt vor allem von Hamsuns von Juni 1945 bis 1947 andauernde Phase im Krankenhaus von Grimstad, den Aufenthalten in Landviks Altersheim, von der Zeit in der Psychiatrie Oslos unter der Obhut von Prof. Langfeld und schließlich vom Ende 1947 stattfindenden Prozess der gegen ihn geführt wurde, weil er sich ob seiner Sympathie für die Nazis wegen Landesverrats schuldig gemacht hatte.

Hamsun überdeckte aber nicht nur seine Romane mit dem Schatten seiner eigenen Biographie, sondern er setzte auch einige seiner Novellen dieser Besonderheit aus, indem er in ihnen Elemente aus seiner eigenen Vergangenheit verarbeitete. In Et livsfragment wählt ein von den Ärzten als todkrank geweihter junger Mann, der besessen von seiner ehemaligen Liebe, einer erfolgreichen Schauspielerin, ist, den umgekehrten Weg, den der junge Hamsun genommen hatte, als er in jungen Jahren mit der niederschmetternden Diagnose der Schwindsucht konfrontiert wurde. Er nimmt ein Schiff, das ihn nach Amerika bringen soll, macht sich aber keine Hoffnungen, New York jemals zu erreichen.

Das in zwei verschiedenen Versionen vorliegende På turné ist ein selbstironisierendes, teils fiktives Zeugnis von Hamsuns erfolgloser Vortragsrundreise, die ihn im Jahre 1886 nach Gjøvik, Hamar, vermutlich Lillehammer, Horten, Tønsberg und Sandefjord führte und über literarische Themen referieren ließ. Die ursprüngliche Version setzt mit der Zugfahrt von Kristiania nach Drammen ein. In einem Waggon sitzt ein „reisender Ästhetiker, Schöngeist,

Literat, Redner“49 auf dem Weg in die Stadt, in der er seinen nächsten Vortrag halten soll. Hamsun macht sich in dieser Szene unter anderem über seinen eigenen, ständig falsch geschriebenen Namen lustig. In der Stadt angekommen zeigt sich, dass der geplante Vortrag unter keinem guten Stern steht. Der Saal des Arbeitervereins ist schon von einem Spiritisten gebucht, über die Nutzung der einzigen Ausweichmöglichkeit, einem Parkpavillon, müsste noch eine Verwaltung abstimmen. Recherchen haben ergeben, dass am 16. Mai 1886 im erwähnten Saal in Drammen in der Tat ein Schwede mit übersinnlichen Demonstrationen aufgetreten ist und Hamsun womöglich seinen Vortrag kurzer Hand absagte.50 Erwähnenswert ist auch die Ähnlichkeit des Hauptakteurs der Novelle mit jenem von Sult . Auch Hamsun klagt darüber, immer 5 Kronen zu wenig zu haben, schenkt aber trotzdem einem Mädchen aus dem Zug eine Krone, verteilt großzügig bemessene Trinkgelder und denkt sich Geschichten aus, die erklären würden, warum er gerade nicht viel Geld bei sich hat, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, arm zu sein. Auch der Hinweis auf den „Onkel“ lässt einen an Sult denken. Die zweite Version von På turné unterscheidet sich von der ersten unter anderem dadurch, dass Hamsuns Namen nicht direkt genannt wird, und man bekommt außerdem die genaue Information, wovon der bevorstehende Vortrag handeln soll: „Jeg vilde tale om Alexander Kielland.“51 Auch lässt sich der Vortragende von den Warnungen nicht einschüchtern und will seine Rede auf jeden Fall halten. Allerdings bleibt er in einem leeren Parkpavillon zurück, was ihn schließlich in die Hände des Spiritisten treibt, um dessen Show als Textschreiber und Redner zu unterstützen. Der tosende Applaus gibt ihm schließlich das

Gefühl, einen Sieg für die Literatur errungen zu haben. Ansonsten ist die Stimmung, bis auf die aufgezählten und weiteren kleinen Unterschiedlichkeiten, in beiden Versionen ähnlich. Einen Kunstgriff hat Hamsun bei seiner neueren Version im Vergleich zum ursprünglichen Stück allerdings noch getätigt.

In der ersten Version der Novelle liest der Vortragsreisende ein Buch von Alphonse Daudet, nämlich Aventures prodigieuses de Tartarin de Tarascon (1872). In diesem Roman blickt Tartarin in einer Szene furchtlos in das Antlitz eines Löwen, der sich jedoch hinter Gittern befindet und deswegen keine Gefahr darstellen kann. In der endgültigen Fassung von Hamsuns Novelle wird der Erzähler als Helfer des Spiritisten bei dessen Vorstellung auch mit vermeintlich gefährlichen Tieren konfrontiert, die zwar nicht in Käfigen sind, diese Sicherheitsvorkehrungen aber ob der Harmlosigkeit der Geschöpfe ohnehin nicht von Bedarf wären – die Tiere werden nämlich nur durch die phantasievollen Ausführungen des Redners vom naiven, leicht zu beeinflussenden Publikum als furchteinflößende Kreaturen wahr genommen, so geht in den Augen der Besucher z.B. ein Dachs ohne weiteres als gefährliche Hyäne durch.52 Hamsun hat hier also ein autobiographisches Element entfernt – man kann nämlich davon ausgehen, dass er das Buch des französischen Schriftstellers gelesen hat – um es in der neuen Version des Stücks in verschlüsselter Form, eben indem er auf den Inhalt des

Buches zugegriffen und diesen für seine Novelle adaptiert hat, mit ironischem Augenzwinkern wieder einzufügen.

Durch die Einleitung, die eine Nachricht an einen Redakteur ist und mit seinem Namen gekennzeichnet ist, wirkt die Novelle Synd, als hätte Hamsun selbst mit einem Unbekannten auf einem Friedhof anhand eines von einem Mädchen ausgeführten Blumenraubs über die Moral und Auswirkungen des Diebstahls debattiert. „I «Synd» vilde jeg vise, at Tyveri under visse Betingelser, Tyveri af Trang ikke var Synd“,53 schrieb Hamsun in einem Brief an einen Freund.

In En ærkeskelm greift der Dichter diese Episode erneut auf, jedoch ohne seinen Namen zu nennen und damit eine wahre Begebenheit vorzugaukeln. Er reizt die Pointe – das Mädchen war in Folge ihrer Tat ins Rotlichtmilieu abgerutscht – weiter aus und verschärft sie noch zusätzlich, indem er den Erzähler als Opfer eines Taschenuhrendiebstahls und im Glauben, einer Lügengeschichte aufgesessen zu sein, zurück lässt, und damit die Kurzgeschichte damit in eine andere Richtung lenkt.

Mit rejsefølge erzählt das Furcht erregende Erlebnis, das der Ich-Erzähler mit einem anscheinend geisteskranken Mann an Bord eines verlassenen Schiffs hat. Zwar ist es mehr als unwahrscheinlich, dass Hamsun diese Geschichte wirklich genau so erlebt hat, allerdings dürfte ihn aber eine ähnliche seltsame Begegnung zu dieser Novelle, die auf das nervöse Gemüt des Dichters, seine Paranoia, anspielt, inspiriert haben.54

Hamsuns angespannte Psyche war wohl auch der Hintergrund für Schlimme Tage . Der von Neurosen und Zwanghandlungen bestimmte Alltag des Ich-Erzählers erscheint als nahezu unzumutbar und als Qual beschrieben. Außerdem wird der Versuch, für die große Menge zu schreiben, als sinnloses Unterfangen abgetan: „Poesie ist für die Wenigen, für die Auserwählten, die Zwanzig.“55

Ob Hamsun die Vorkommnisse, die in der 1906 erschienene Novelle På klinik geschildert werden, bzw. diesen Aufenthalt im Krankenhaus selbst erlebt hat, ist nicht festzustellen. Allerdings passt die Beschreibung des überspannten Schriftstellers, der in eine Klinik eingeliefert wurde, um wieder zur Ruhe zu kommen, gut zum realen Bild des Autors. Die Aussicht auf zwei halbfertige Bücher – Hamsun arbeitete zu jener Zeit gerade an Benoni und Under høststjærnen – ist zudem ebenso authentisch wie der in der Novelle zitierte

Zeitungsausschnitt.56

Auch die in der Sammlung Siesta zu findende Novelle Dronningen av Saba enthält biographische Züge. Auf seiner Reise nach Schweden lernt er ein Mädchen kennen, verliebt sich in dieses und reist ihm bei einer zufälligen zweiten Begegnung quer durch Schweden mit dem Zug nach. Ja er verfolgt die junge Dame regelrecht, um schließlich von ihr, die verheiratet ist, ignoriert zu werden. Die beschriebene Reise nach Schweden im Jahre 1888 hatte Hamsun wirklich unternommen, auch die erwähnte Zeitungskritik im Dagblad über das Gemälde von Julius Kronberg, das der Namensgeber des Stücks ist, existiert.57 Zu guter Letzt findet man Anspielungen auf Hamsuns Plagiatsgeschichte – dem Schriftsteller wurde ja bekanntlich vorgeworfen, mit seiner Novelle Hazard Dostojewskis Der Spieler (1866) nachgeahmt zu haben. Somit hat Hamsun hier wieder gekonnt auf jene Technik zurückgegriffen, Ereignisse aus seinem eigenen Leben mit fiktionalen Elementen zu mischen, um so ein Stück Literatur zu schaffen.

Die 1898 erschiene Kurzgeschichte Solens Søn , das jene Winterdepression greifbar macht, mit der auch der Schriftsteller und seine Frau Bergljot während ihres Finnlandaufenthalts zu kämpfen hatten,58 lässt wiederum einen Blick in das damalige Gefühlsleben seines Verfassers zu.

In der Novelle Far og søn aus der Sammlung Kratskog (1903) ist weniger die Identifikation als der Hinweis auf den Spielteufel von Bedeutung. Im Stück wird geschildert, wie Männer dieser Sucht verfallen und vom Roulettetisch nicht mehr wegzubringen sind. Mit dem Spiel hatte Hamsun auch selber leidvolle Erfahrungen gemacht. In einem Kasino in Ostende hatte Hamsun, der anscheinend an keinem Roulettetisch vorbeigehen konnte – diese Konklusion lassen zumindest Briefe, in denen die Spielsucht thematisiert wird, zu – 13.000

Francs vom Vermögen seiner Frau verloren.59

In Livets røst tritt der Schriftsteller H. auf, dessen amouröse Begegnung mit einer jungen Witwe geschildert wird. Bis auf die Namensabkürzung finden sich jedoch keine Hinweise auf die Authentizität der Geschichte.

Weitere autobiographische Elemente in Hamsuns Romanen und Novellen, die in diesem Abschnitt keine Erwähnung gefunden haben und in weiterer Folge nicht so isoliert betrachtet werden, sollen in den kommenden Kapiteln, eingebettet in einem passenden Kontext, aufgearbeitet werden.

2. Reale Personen und Namen

In einem Brief an seinen Verleger Harald Grieg nimmt Hamsun zu jenen Mutmaßungen Stellung, dass er für seine Romangestalten lebende Modelle verwendet haben könnte:

Jeg har aldrig Bruk for et Leksikon, jeg bare spinder ut av mig selv alt jeg gjør. Derfor bruker jeg heller aldrig Modeller. Hundreder gaar og skryter med at jeg har brukt dem til Model, de skriver endog til mig om det, Bjarne Aagaard mener ogsaa at være Model, jeg har én Gang brukt Model (Thommessen) og det mislyktes. Ellers kan jeg bruke et Navn paa en bestemt Person, aldrig Personen. Jeg vil ikke ha dette faktiske

Grundlag, det bare ødelægger min subjektive Skildring. Likedan med Leksika, jeg skriver jo ikke Avhandlinger hvor jeg hadde Bruk for Tal, jeg dikter alt .60

Trotz Hamsuns Beteuerung, mit Ausnahme des Zeitungsredakteurs, auf den als Vorbild für den Redaktør Lynge aus dem gleichnamigen Roman an einer anderen Stelle noch näher eingegangen wird, alle Figuren, die seine Werke bevölkern, in seiner Phantasie entworfen zu haben, ohne dem Einfluss von realen Personen ausgesetzt worden zu sein, entspricht diese nicht ganz der Wahrheit und soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.

Schon in Sult stößt man auf Personen, die womöglich aus Hamsuns Realität in Kristiania ausgeschnitten und in seinen vorliegenden Roman wieder eingefügt wurden. So ist der Kommandeur unverkennbar der Person Ola Thommessen nachempfunden. Eine weitere Gestalt aus dem Zeitungswesen taucht mit Edvard Brandes in der Figur des Redakteurs auf. Zumindest hat Hamsun jene Begegnung, in der er mit seinem Sult -Manuskript in der Tasche zu Brandes ging und dieser, erregt vom verarmt wirkenden Äußeren des jungen Dichters, ihm sofort Geld zusteckte, in mehr oder weniger „verdeckter Form“61 in seinen Roman eingeflochten. Ein interessantes Ergebnis brachten Larsens Nachforschungen bezüglich der Figur der Ylajali zu Tage. Anhand eines Adressbuchs von 1880 stellte der Hamsunbiograph fest, dass in der in Sult geschilderten Wohnung, über die Hamsun gute Kenntnisse zu haben schien, ein Leutnant wohnte, der ausgerechnet jenen Nachnamen trug, den sich die Ich-Figur im Roman an einer Stelle selber verpasst – Wedel-Jarlberg. Doch damit nicht genug. Der Militär hatte eine Cousine namens Ida, die sowohl Verbindungen zum norwegischen Hof und zu Künstlerkreisen hatte als auch – wie ihre Eltern und Schwestern – gute Kontakte zu Deutschland pflegte und damit das ideale Modell für Ylajali abgeben würde.62 Am Ende des Buches wird die wahre Identität von Ylajali gelüftet. Sie ist Hoffräulein und heißt Nagel,63 ausgerechnet so wie die Hauptgestalt in Hamsuns nächstem Werk. Neben seinem eigenen Schicksal könnte Hamsun beim Fertigstellen des Romans auch jenes von John Larsen Lunde im Auge gehabt haben. Wie die Ich-Person im Roman und Hamsun selber litt der Student an großer Armut, hatte keine regelmäßigen Mahlzeiten64 und „gaar i Hundene midt for vore øjne“65, wie von Hamsun ausgedrückt – eine Phrase, die übrigens auch im Zusammenhang mit dem Sult -Helden gefallen war.

Die Vorbilder für Nagel, Held in Hamsuns nächstem Roman Mysterier , liegen – obgleich Marcus wegen der Redegewandtheit des Romanhelden eine mögliche Modellfunktion des norwegischen Dichters Aasmund Olavsson Vinje vermutet hat66 – weniger in der realen als in der Welt der Literatur. Zumindest bringt Baumgartner, der Nagel ob seines auffälligen Erscheinungsbilds, mit der großen Mütze und dem gelben Anzug, mit

Johann Wolfgang von Goethes Werther – eine Figur die, abgesehen von den hier genannten optischen Ähnlichkeiten, in der Rolle als gesellschaftsfremder Mann, der sich in ein im Sinne der bürgerlichen Gemeinschaft anständiges, aber schon vergebenes Mädchen verliebt, sich aber hartnäckig weigert, die Zeichen ihrer erwiderten Liebe zu erkennen und aufgrund des Scheiterns an sich selbst schließlich in den Freitod flüchtet, sehr große Parallelen mit Nagel aufweist67 – und Joris-Karl Huysmans’ Des Esseintes aus dem Roman À rebours (1884) vergleicht, der wegen seiner Exzentrik diesbezüglich zweifelsohne einen schwer erreichbaren Höhepunkt der Literaturgeschichte darstellt, diese Möglichkeit ins Spiel.68 Larsen weist aber auf die Namensgleichheit des Romanhelden mit dem Landschaftsmaler Johan Nielsen hin, den der Dichter möglicherweise 1891 in Kristiansand getroffen hat und der wie die literarische Schöpfung Agronom war.69 Interessant ist aber vor allem, was Hamsun zu Nagels zweiter Hälfte, Minutten, zu sagen hat: „Minutten bor i Lillesand, hans virkelig Navn er Grøgaard, han er virkelig Søn af en Præst, han er virkelig i Slægt med Eidsvoldsmanden – akkurat til Punkt og Prikke som jeg har det i min Bog. Jeg har ikke skaanet Manden.”70 Mit diesen Worten hat der Schriftsteller seine Romanfigur eindeutig identifiziert. Zumindest tat er das kurz nach Erscheinen des Buches. Über dreißig Jahre später wollte er von einer Ähnlichkeit nichts mehr wissen und bezeichnet den realen Grøgaard mit jenem im Buch „saa ulike som Ild og Vand.”71

Neben Thommessen und Simon Hammer, den Hamsun selber als „Forretningsføreren i

«Red Lynge»“72 bezeichnet, ist es Harald S. Næss womöglich gelungen, in Redaktør Lynge eine weitere reale Gestalt aus dem Umfeld des Dichters ausfindig zu machen. Seiner Meinung nach steht hinter der Figur der Mimi Arentzen Hamsuns Bekannte Mimi Schrøder.73 Außerdem wird im Roman der Selbstmord des jungen talentierten Dichters und Malers Dalbye erwähnt, dessen realer Hintergrund der Freitod von Vilhelm Solheim und die darauf folgenden vollkommenen unterschiedlichen Berichterstattungen sind - einerseits mit gefühlvollen Worten durchzogen, andererseits nach Sensation heischend, in den Zeitungen Dagbladet und Verdens Gang .74

In Landstrykere begegnet man einem ziehenden Händler, der sich aufs Verkaufen von Uhren spezialisiert hat und alle Tricks beherrscht, um seine Ware an den Mann zu bringen. Hinter dieser Gestalt verbirgt sich eine Person, die Hamsun zu Gunsten seines Romans ebenso der Realität entnommen hat und wie im Buch unter dem Namen Pabst bekannt war.75

Wie Hamsun selber angesprochen hat, wurde er offensichtlich immer wieder von Leuten, die sich oder einen Bekannten in den verschieden Romanfiguren erkannt zu haben glaubten, auf vermutliche Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufmerksam gemacht. So wurde selbst in norwegischen Zeitungen und in Marcus’ Hamsunbiographie auf die Ähnlichkeit zwischen einem gewissen Peder Johannessen aus Kraakmo – Hamsun hatte mehrmals auf dessen Hof gewohnt, um in Ruhe schreiben zu können, und so den tüchtigen

Mann kennengelernt – und Isak aus Markens grøde hingewiesen76 – eine Vermutung, die

Hamsun aber augenblicklich dementierte.77

Daneben tauchten in Hamsuns Werken, wie er im oben angeführten Zitat selber einräumt, immer wieder Namen auf, die realen Menschen entlehnt wurden, jedoch hinsichtlich ihres

Charakters, Wirkens oder ihrer Gepflogenheiten keinerlei Zusammenhänge mit ihren literarischen Namensvettern aufweisen konnten. Als einzelne Beispiele seien hier die Namen Rasch,78 bekannt aus den Segelfoss -Büchern, Hagelstam79 aus I Æventyrland oder Clemens80 aus Ringen sluttet angeführt. Doch auch hier glaubten manche Menschen, unverhofft zu literarischer Ehre gekommen zu sein, wie ein Brief beweist, in dem Hamsun bekannt gibt, den Namen Glahn, sieht man jetzt von den Anagrameigenschaften zu Nagel einmal ab, nur durch Zufall ausgewählt zu haben.81

Auf weitere Personen, die versteckt oder unter ihrem richtigen Namen immer wieder in Hamsuns Werken zu finden sind, wie z.B. die Modelle für seine Mäzenfiguren oder diverse Frauengestalten, soll im Laufe der Arbeit noch in den spezifischen Kapiteln kontextbezogen aufmerksam gemacht werden.

3. Hamsun und das Nordland – die Welt seiner Kindheit

Das Nordland, genauer gesagt Hamarøy, wird allgemein als Hamsuns Heimat bezeichnet, denn hier verbrachte und erlebte er den größten Teil seiner Kindheit. Als Sohn eines ehemaligen Schneiders, der zusammen mit seiner Frau einen kleinen Hof bewirtschaftete, lernte der Dichter, wie auch seine Geschwister, schon früh seine Hände zum Arbeiten zu gebrauchen. Trotzdem beschwerte er sich später nie über diese für ein Kind sicher nicht einfache Zeit, und auch in seinen Werken findet man keine negativen Erinnerungen daran. Dunkle Wolken zogen erst auf, als er in die Obhut seines Onkels gegeben wurde, um diesem unter die Arme greifen zu können. Diese äußerst kontrovers betrachtete Periode sollte Hamsun nachhaltig prägen und in seiner Literatur ebenso Eingang finden wie seine Zeit als Kaufmannsgehilfe oder als Hausierer. Als Hamsuns Wunsch, Schriftsteller zu werden, immer größer wurde, verließ er das Nordland, um erst viele Jahre später wieder zurückzukehren. Obwohl seine Besuche immer spärlich und auch die Versuche, sich in seiner alten Heimat wieder dauerhaft niederzulassen, nicht von Erfolg gekrönt waren, lässt Hamsun in seinen Werken keinen Zweifel daran, dass ein Teil seines Herzens immer im Nordland schlug und er sich immer mit diesem Teil Nordnorwegens verbunden gefühlt hatte.

Vor allem die einzigartige Natur inspirierte den angehenden Literaten schon sehr früh zu ersten Gehversuchen in Form von einfachen lyrischen Werken. Später taucht sie als beeindruckende Kulisse in seinen Romanen auf. Wie sehr sie in der Erinnerung Hamsuns verankert war, zeigen z.B. die Vergleiche, die er in seinem Buch über seine Orientreise mit den russischen Landschaften zieht. In seinen Romanen schildert er die schon in frühester Kindheit gewonnenen Eindrücke so lebhaft, dass man sie als Hamsuns Oden an das Nordland bezeichnen kann.

3.1. Früheste Kindheit

Knut Hamsun wurde am 4. August 1859 in Lom in der Gemeinde Vågå im Gudbrandsdal als viertes von sieben Kindern von Per und Tora Pedersen geboren und auf den Namen Knud getauft. Ungefähr drei Jahre später verließ die Familie jedoch ihre ursprüngliche Heimat, um im Nordland eine neue Existenz aufzubauen. Die Reise führte sie nach Hamarøy, wo ein

Bruder von Hamsuns Mutter, Hans Olsen, bereits Fuß gefasst hatte und für die zugewanderte Familie ein kleines Anwesen zur Pacht zur Verfügung stellte. Diesen Hof, der seinen Namen von der anliegenden Hamsund-Bucht erhalten hatte und der später auch für den Künstlernamen des Schriftstellers Pate stand, sollte Hamsuns Eltern Per und Tora zusammen mit den Kindern bewirtschaften.

Obwohl Hamsun bei der Übersiedelung in seine neue Heimat, wie bereits erwähnt, erst drei Jahre alt war und deswegen eine Erinnerung an jene Region, der er entstammte, dem Gudbrandsdal, fast unvorstellbar wirkt, glauben sowohl Ferguson82 als auch Berendsohn83 unisono daran, eine solche in Markens grøde zu erkennen, als der Literat seinem Protagonisten Geissler die folgenden Worte in den Mund legt: „Jeg husker fra jeg var halvandet år: jeg stod og svaiet på låvebroen på Oppigard Garmo i Lom og kjendte en bestemt lugt. Jeg kjender den lugt endda.“84 Über die Gründe für die Übersiedelung herrscht bis heute Unklarheit. War man sich bis vor kurzem noch sicher, dass die Gründe dafür hauptsächlich wirtschaftliche Überlegungen waren,85 so schließen neuere Hamsunforschungen nicht mehr aus, dass ein weiterer Bruder Toras, Ole Vesletræin, der das schwarze Schaf der Familie war, durch sein Verhalten seine Verwandten regelrecht zu dieser Flucht getrieben hat.86

Sollte doch die Hoffnung auf Reichtum die Antriebsfeder für die Übersiedelung gewesen sein, wurde sie wohl kaum erfüllt. Trotz dem Fleiß Pers, der als ehemaliger Schneider in seiner neuen Rolle sein Bestes gab und sogar versuchte, den Hof zu erweitern, lebte die Familie am Existenzminimum. Darüber, ob auch der junge Hamsun diese Schwierigkeiten zu spüren bekam, kann man nur Vermutungen anstellen. Seine später aufgeschriebenen Erinnerungen an die Kindheit lassen aber keinen Schluss darauf zu.

In seinem Buch über die Orientreise I æventyrland erinnert sich Hamsun an diese Zeit, in der er unter anderem die Tätigkeit eines Hirtenjungen ausübte:

Det husker jeg fra min barndom da jeg gik og gjætet buskapen derhjemme. I godt veir lå jeg på ryggen i lyngen og skrev med pekefingeren utover hele himlen og hadde velsignede dager. Og jeg lot kreaturerne gå som de vilde i timevis, og når jeg skulde finde dem igjen steg jeg bare op på en haug eller klatret op i et høit træ og lyttet med munden åpen. Heroppe hørte jeg så godt hvor klangen av bjælderne kom fra, og når jeg hørte den fandt jeg straks buskapen. Bukkene gav jeg en anden tobaksbus som jeg kunde ha stjålet til dem og kuerne gav jeg salt. Men væderne lærte jeg op til å stanges med mig.

[...]


1 Vgl. Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1994. S. 16f

2 Ebd. S. 25

3 Vgl. Ebd. S. 26f

4 Metzler Lexikon Literatur. 3. Ausgabe. Stuttgart: Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, 2007. Autobiographischer Roman. S. 59

5 Ferguson, Robert: Knut Hamsun. Leben gegen den Strom. München: Paul List Verlag, 1990. S. 333

6 Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. Oslo: Schibsted Forlag, 1998, 2. opplag, 2002. S. 116f

7 Ebd. S. 117

8 Vgl. Berendsohn, Walter A.: Knut Hamsun. Das unbändige Ich und die menschliche Gesellschaft. München: Albert Langen, 1929. S. 22

9 Vgl. Marcus, Carl David: Knut Hamsun. 1. bis 3. Tausend. Berlin–Grunewald: Horen-Verlag, 1926. S. 30f

10 Vgl. Ebd. S. 10

11 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 142f

12 Knut Hamsuns brev. 1879-1895. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1994. S. 112

13 Thiess, Frank: Das Menschenbild bei Knut Hamsun. München: Albert Langen – Georg Müller - Paul List Verlag, 1956. S. 9

14 Vgl. Ebd. S. 11f

15 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 161

16 Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. S. 224-228

17 Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. Oslo: Schibsted Forlag, 2001. S. 53-64

18 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 18

19 Vgl. Skavlan. Einar: Knut Hamsun. Annen utgave. Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1934. S. 65

20 Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 273

21 Vgl. Ebd. S. 273

22 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 161f

23 Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 290-293

24 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 23

25 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 67

26 Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 329

27 Bien, Horst: Werke und Wirkungen Knut Hamsuns. Eine Bestandsaufnahme. 1. Auflage. Leverkusen: Literaturverlag Norden Max Reinhardt, 1990. S. 30

28 Vgl. Marstrander, Jan: Det ensomme menneske i Knut Hamsuns diktning. Betraktninger omkring „Mysterier” og et motiv. Oslo: Det Norske Studentersamfunds Kulturutvalg, 1959. S. 21f

29 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 226

30 Samlede Verker. Bind 1. Gyldendal Norsk Forlag AS, 1954, niende utgave 1997, 2. opplag, 2002. Mysterier. S. 166

31 Mysterien. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1996, 2. Auflage, 1997. Nachwort. S. 338

32 Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 284

33 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1925-1933. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1999. S. 133f

34 Berendsohn, Walter A.: Knut Hamsun. S. 65

35 Vgl. Samlede Verker. Bind 2. Redaktør Lynge. S. 30

36 Vgl. Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Band 19. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co, 1974. Redaktør Lynge. S. 8055

37 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 282f

38 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 184

39 Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 297

40 Ebd. S. 293

41 Vgl. Ebd. S. 294

42 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1915-1924. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1997. S. 88f

43 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 34

44 Samlede Verker. Bind 8. Konerne ved vandposten. S. 221

45 Skavlan. Einar: Knut Hamsun. S. 36

46 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 334

47 Thiess, Frank: Hamsuns „Auf überwachsenen Pfaden“. Wiesbaden: Verlag der Akademie und der Literatur in Mainz in Kommission bei Franz Steiner Verlag GmbH, 1966. S. 4

48 Vgl. Ebd. S. 3-18

49 Ein Lebensfragment. Erzählungen. Herausgegeben und kommentiert von Lars Frode Larsen. Paul List Verlag, 1989. Auf Tournee. S. 29

50 Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. S. 389

51 Samlede Verker. Bind 4. Kratskog. På turné. S. 57

52 Vgl. Fechner-Smarsly, Thomas. Die Eigenschaften des Autorennamens. In: Neues zu Knut Hamsun. Heiko Uecker (Hrsg.). Frankfurt: Europäischer Verlag der Wissenschaften, 2002. S. 35-38

53 Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 72

54 Vgl. Ein Lebensfragment. Erläuterungen des Herausgebers. S. 155-157

55 Ein Lebensfragment. S. 131

56 Vgl. Ein Lebensfragment. Erläuterungen des Herausgebers. S. 159f

57 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 86f

58 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 269f

59 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1896-1907. S. 184 -188

60 Knut Hamsuns brev. 1925-1933. S. 481

61 Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 149

62 Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. S. 219-223

63 Vgl. Samlede Verker. Bind 1. Sult. S. 117

64 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 141

65 Ebd. S. 148f

66 Vgl. Marcus, Carl David: Knut Hamsun. S. 222

67 Vgl. Thiess, Frank: Das Werther-Thema in Hamsuns „Mysterien“. Wiesbaden: Verlag der Akademie und der Literatur, 1957. S. 4-20

68 Vgl. Baumgartner, Walter: Knut Hamsun. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1997. S. 43

69 Vgl. Larsen, Lars Frode: Tilværelsens udlænding. Oslo: Schibsted Forlag, 2002. S. 62f

70 Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 280

71 Knut Hamsuns brev. 1925-1933. S. 134

72 Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 489

73 Vgl. Knut Hamsuns brev. Supplementsbind. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 2001. S. 45

74 Vgl. Larsen, Lars Frode: Tilværelsens udlænding. S. 377f

75 Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. S. 95

76 Vgl. Marcus, Carl David: Knut Hamsun. S. 144-146

77 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1925-1933. S. 98f

78 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 198f

79 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1896-1907. S. 101f

80 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1915-1924. S. 178

81 Vgl. Knut Hamsuns brev. 1934-1950. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag,, 2000. S. 157

82 Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 22

83 Vgl. Berendsohn, Walter A.: Knut Hamsun. S. 17

84 Samlede Verker. Bind 7. Gyldendal Norsk Forlag, 1954, niende utgave 1997, 2. opplag, 2002. Markens grøde. S. 385

85 Vgl. zB. Berendsohn, Walter A.: Knut Hamsun. S. 16

86 Vgl. zB. Haugan, Jørgen: Solgudens fall. Knut Hamsun – en litterær biografi. Oslo: Aschehoug & Co, 2006. S. 26

Ende der Leseprobe aus 146 Seiten

Details

Titel
Knut Hamsun - Autobiographische Elemente in seinen Werken
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
146
Katalognummer
V118193
ISBN (eBook)
9783640217564
ISBN (Buch)
9783640217700
Dateigröße
1464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Knut, Hamsun, Autobiographische, Elemente, Werken
Arbeit zitieren
Mag. Stefan Häuser (Autor), 2008, Knut Hamsun - Autobiographische Elemente in seinen Werken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118193

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