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Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London

Title: Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London

Thesis (M.A.) , 1994 , 104 Pages , Grade: 1

Autor:in: Daniela Krommer (Author)

English Language and Literature Studies - Literature
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Betrachtet man die Darstellung der Stadt in der Literatur, so sollte man nie außer acht lassen, daß das literarische Bild der Stadt zu keiner Zeit mit der faktischen Stadt gleichsetzbar und auch kein getreues Abbild der herrschenden Verhältnisse ist, sondern in erster Linie als abhängig von der Einstellung und Persönlichkeit des Autors gesehen werden sollte. Dennoch ist der Einfluß der außerliterarischen Wirklichkeit nicht zu vernachlässigen und hat wohl jede fiktionale Stadt entscheidend mitgeprägt.

Von alters her zeigten sich die Menschen fasziniert von der großen Stadt, wie bereits die frühen literarischen Belege aus den alten Epen wie der Ilias oder der Odyssee und der Bibel bestätigen. Die Stadt galt und gilt immer noch einerseits als Schutzraum und Kulminationspunkt von Wissen und Macht, andererseits wurde und wird sie immer wieder in den negativen Ausmaßen erfahren, die ein Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum mit sich bringt, und es ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Stadt in der Literatur zu allen Zeiten in ambivalenten Bildern gezeigt wird. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist wohl zweifelsohne in der Offenbarung des Johannes zu finden, die der Stadt Babylon, der "Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden" das "neue Jerusalem" gegenüberstellt, das sich durch reine Schönheit und Regelmäßigkeit auszeichnet.1 Ein Beispiel, das nicht nur die zwiespältige Einstellung der Stadt gegenüber wiedergibt, sondern auch zeigt, wie sehr sich literarisches Bild und reale Stadtkonzeption gegenseitig beeinflussen, da die Idealstadt des "Himmlischen Jerusalem" nicht nur zum Vorbild für die jenseitsgerichteten literarischen Stadtkonzepte des Mittelalters wie den Gottesstaat des Augustinus wurde, sondern selbst den faktischen mittelalterlichen Städtebau bestimmte.

Nach dem Aufbrechen des jenseitsgerichteten Weltbildes des Mittelalters entwickelte sich in der Renaissance ein Interesse am Individuum und an der unmittelbaren Wirklichkeit. Der Roman, der sich dann seit dem 18. Jahrhundert in Europa zur führenden literarischen Form entwickelt, kommt dieser neuen Denkweise nahe und wird zum idealen Medium zur Darstellung der Stadt, da sich durch einen städtischen Schauplatz mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und Erscheinungsformen auf plausible Weise die unterschiedlichsten Charaktere, Situationen und Handlungen zusammenführen lassen.
Von Roman zu Roman kann sich die Bedeutung der Stadt für das Textganze allerdings erheblich unterscheiden.[...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Die Stadtdarstellung vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne - ein motivgeschichtlicher Überblick

1. Frühformen der Großstadtdarstellung im Roman des 18. Jahrhunderts

2. Die realistische Stadtdarstellung im 19. Jahrhundert

3. Subjektivierung und Fragmentarisierung - die Großstadtdarstellung in der Moderne

III. Das zeitgenössische Bild der Stadt

1. Die Gestalt der heutigen Stadt

2. Das Leben in der zeitgenössischen Großstadt

3. Von der lesbaren Stadt zur opaken Zeichenstätte

4. Die zeitgenössische Literatur und die Großstadt - allgemeine Kennzeichen

IV. London und die London-Darstellung von der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre

1. Die "reaction against experiment" - Die Großstadt im traditionell erzählten zeitgenössischen englischen Roman

2. Die Wiederaufnahme des experimentellen Erzählens

2.1 Die intertextuell bestimmte Großstadterfahrung - David Lodge, The British Museum is Falling Down (1969)

V. Die britische Megalopolis - Londons Weg in die Unübersichtlichkeit und Unwirtlichkeit

1. Die Großstadt zwischen Sein und Schein - Peter Ackroyd, The Great Fire of London (1982)

2. Die geheime Tiefenstruktur der Großstadt - Peter Ackroyd, Hawksmoor (1985)

3. Stadtgeschichte - und -geschichten - Michael Moorcock, Mother London (1988)

4. Die Großstadt im postmodernen historischen Roman - Lawrence Norfolk, Lemprière's Dictionary (1991)

VI. Schlußbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Großstadt London in ausgewählten Romanen der zeitgenössischen englischen Literatur, mit dem Ziel, die literarische Auseinandersetzung mit urbanen Räumen vor dem Hintergrund moderner und postmoderner Stadttheorien zu analysieren und deren wandelnde narrative Vermittlung aufzuzeigen.

  • Motivgeschichtlicher Überblick der Stadtdarstellung vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne
  • Analyse der Unwirtlichkeit, Unübersichtlichkeit und Unwirklichkeit in zeitgenössischen Romanen
  • Untersuchung der Bedeutung von Intertextualität und fiktionalen Mustern für die Wahrnehmung der Stadt
  • Herausarbeitung der Rolle von Stadtgeschichte und dem "städtischen Unbewussten" in der Postmoderne

Auszug aus dem Buch

Die geheime Tiefenstruktur der Großstadt - Peter Ackroyd, Hawksmoor (1985)

Angeregt durch Iain Sinclairs Gedichtband Lud Heat, in dem erstmals die pentagrammartige Anordnung von fünf Londoner Kirchen des historischen Architekten Hawksmoor angesprochen wird, macht Peter Ackroyd in seinem dritten Roman nach The Great Fire of London erneut die englische Hauptstadt zum bestimmenden Schauplatz.

Hawksmoor kann unter anderem als gelungene Illustration von Leslie Fiedlers bekannter Forderung nach der Überbrückung zwischen "hoher" Literatur und Unterhaltungsliteratur gesehen werden, da hier so unterschiedliche Gattungen wie Künstler- und historischer Roman, experimentelle self reflexive novel sowie zahlreiche Elemente aus der gothic fiction und der Detektivliteratur miteinander verknüpft werden. Alle der genannten Genres erhalten dadurch im einzelnen eine neue Dimension und zeigen zudem einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Stadtdarstellung.

In einem Interview mit der Times äußerte sich Ackroyd anläßlich des Erscheinens seines Buches dahingehend, daß ihn vor allem "the less salubrious areas of London", mit ihrem "air of dilapidated gloom" interessieren; und gemäß dieser Vorliebe und dem traditionell mysteriösen Charakters des East End in der englischen Literatur konzentriert sich auch in Hawksmoor die Handlung auf dieses Gebiet der Stadt. Das East End wirkt in diesem Roman als bewußte literarische Inszenierung, die nicht ausschließlich mimetisches Abbild sein will, was sich zum einen dahingehend äußert, daß die Stadtwirklichkeit zu einer Anzahl von metafiktionalen Reflexionen herangezogen wird. Zum anderen kommt in Hawksmoor einem städtischen Unterbewußtseins eine tragende Bedeutung zu, das von den Äußerlichkeiten einer zeitgenössischen Wirklichkeit überlagert wird.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einführung: Es wird dargelegt, dass das literarische Bild der Stadt stets abhängig von der Autorenpersönlichkeit ist, wobei London als zentraler Schauplatz dient.

II. Die Stadtdarstellung vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne - ein motivgeschichtlicher Überblick: Dieser Abschnitt zeichnet die Entwicklung vom bloßen topographischen Setting hin zur bewussten, subjektiven Wahrnehmung der Stadt nach.

III. Das zeitgenössische Bild der Stadt: Hier werden soziologische und semiotische Theorien zur heutigen "gestaltlosen" Stadt und deren Zeichenhaftigkeit diskutiert.

IV. London und die London-Darstellung von der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre: Es folgt eine Analyse der Abkehr vom Modernismus zugunsten eines traditionellen Realismus, mit speziellem Fokus auf David Lodges Werk.

V. Die britische Megalopolis - Londons Weg in die Unübersichtlichkeit und Unwirtlichkeit: Die Untersuchung wendet sich den Romanen von Ackroyd, Moorcock und Norfolk zu, um die postmoderne Fiktionalisierung und Geschichtlichkeit Londons zu erörtern.

VI. Schlußbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass die zeitgenössische Literatur London als einen Ort darstellt, der zwischen Realität und Fiktion oszilliert, jedoch seine eigene Physiognomie bewahrt.

Schlüsselwörter

Großstadtroman, London, Stadtdarstellung, Literatur der Postmoderne, Intertextualität, Stadtwahrnehmung, Fiktionalität, Stadtgeschichte, Unterbewusstsein, Zeichenhaftigkeit, Realismus, Urbanität, Narratologie, Peter Ackroyd, David Lodge.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung Londons in zeitgenössischen englischen Romanen und untersucht, wie diese Texte die sich verändernde urbane Realität reflektieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Entwicklung des Stadtbildes, die Verbindung von Fiktion und Wirklichkeit, die Rolle der Geschichte sowie die Wahrnehmung der Stadt als Zeichenstätte.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, den Wandel in der literarischen Auseinandersetzung mit der Großstadt aufzuzeigen, insbesondere den Übergang von realistischen zu experimentellen und postmodernen Darstellungsformen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt eine motivgeschichtliche Analyse kombiniert mit literaturwissenschaftlichen Interpretationen einzelner Primärtexte unter Einbeziehung stadttheoretischer und soziologischer Konzepte.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert chronologisch die Entwicklung der Stadtdarstellung vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne, gefolgt von einer detaillierten Betrachtung spezifischer zeitgenössischer Autoren wie Lodge, Ackroyd, Moorcock und Norfolk.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind unter anderem Großstadtroman, London, Fiktionalität, Stadtgeschichte, Intertextualität und postmoderne Literatur.

Wie unterscheidet sich die Darstellung Londons bei Peter Ackroyd von der bei David Lodge?

Während Lodge die Stadt primär durch das subjektive, intertextuell geprägte Bewusstsein seines Protagonisten filtert, inszeniert Ackroyd die Stadt als eine komplexe, geschichtsträchtige Ebene, in der das Unterbewusste und die Tiefenstruktur Londons eine tragende Rolle spielen.

Welche Bedeutung kommt dem Begriff "Palimpsest" im Kontext dieser Arbeit zu?

Der Begriff dient als Metapher für die Stadt, bei der die heutige Erscheinungsform die Spuren der Vergangenheit überlagert und eine lineare Lektüre erschwert, was die Komplexität zeitgenössischer Stadtdarstellungen verdeutlicht.

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Details

Title
Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London
College
LMU Munich  (Institut für Englische Philologie)
Grade
1
Author
Daniela Krommer (Author)
Publication Year
1994
Pages
104
Catalog Number
V11821
ISBN (eBook)
9783638178761
Language
German
Tags
Großstadt Roman Beispiel London
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Daniela Krommer (Author), 1994, Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11821
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