Der Gaskrieg im Ersten Weltkrieg. Die Darstellung in Schweizer Tageszeitungen


Bachelorarbeit, 2012

34 Seiten, Note: 5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Quellenanalyse
2.1 Sekundärliteratur
2.2 Tageszeitungen

3 Der Gaskrieg
3.1 Die Haager Landkriegsordnung
3.2 Der Einsatz von Reizgas
3.3 Der Gasangriff auf Ypern
3.4 Die Antwort der Alliierten
3.5 Die Gasschlacht an der Somme
3.6 Die Gasschlacht in Flandern
3.7 Der Höhepunkt des Gaskrieges im letzten Kriegsjahr

4 Berichterstattung von Schweizer Tageszeitungen über den Gaskrieg
4.1 Allgemein
4.2 22. April 1915
4.3 25. September 1915
4.4 19. Januar 1916
4.5 12. Juli 1917
4.6 21. März 1918
4.7 24. Mai 1918

5 Schlussteil

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis
7.1 Sekundärliteratur
7.2 Tageszeitungen

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges, einem Aspekt dieses schlimmen Krieges, der als fürchterliches, nicht humanes Morden in die Geschichte einging. Dabei wurden chemische Waffen schon seit dem Altertum im Kampfe eingesetzt. Damals verbrannte man gewisse Stoffe wie Pech, tierische Fette oder Harze in einem Feuer, damit der entstehende Rauch für den Gegner reizend oder giftig war. Bald fügte man diesem Verfahren chemische Stoffe wie Schwefel oder Arsen bei, um die Wirkung zu erhöhen. Eine im Altertum bekannte Waffe, welche im Krieg rege Anwendung fand, war das „griechische Feuer“, eine Brandwaffe, welche durch den Zusatz von Erdöl oder Asphalt einen beizenden Qualm entstehen liess. Im Mittelalter waren chemische Kampfmittel und künstliche Nebelerzeugung in aller Munde. Viele Gelehrte und Kriegsherren versuchten durch chemische Mittel einen Vorteil in der Schlacht zu erhalten. Doch schon in dieser Zeit kamen erste Zweifel über die Anwendung solch vergiftender Waffen auf. Man sah die Waffe als unmoralisch an und wollte sie nur gegen Andersgläubige, also Ungläubige, einsetzen. Auch in der Neuzeit fanden die chemischen Waffen durchaus Verwendung. Neben den herkömmlichen Mitteln experimentierte man erstmalig auch mit Blausäure. Ebenso begann man die Anwendung von Tränengas theoretisch zu behandeln. Mit der Haager Konvention zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte dann eigentlich der Einsatz von giftigen Substanzen eingeschränkt oder sogar beendet werden. Jedoch eröffnete der Erste Weltkrieg den Masseneinsatz von Gas und chemischen Waffen auf dem Schlachtfeld und an der Front.1

Diese Abschrift soll nun, nach der Quellenanalyse, in einem ersten Teil den Begebenheiten dieses Gaseinsatzes im Ersten Weltkrieg nachgehen und sie aufzeigen. Dabei wird der Krieg in chronologischer Weise abgehandelt und folgt somit den bedeutendsten Momenten, welche die Geschichte der chemischen Waffen prägten, und deren Spuren bis in die heutige Zeit zu erkennen sind. Zur Erarbeitung dieses Kapitels wird gängige Sekundärliteratur verwendet, wobei versucht wird, eine möglichst grosse Objektivität zu wahren, obwohl restlos deutschsprachige Publikationen verwendet wurden. Das Ganze sollte dann ein Grundgerüst für den Fortgang der Arbeit bilden, an dem sich die weiteren Fragestellungen richten. Es wird somit beabsichtigt, dass man sich das Grundwissen erarbeitet, welches daraufhin in einer freieren Form analysiert wird. In diesem zweiten Teil soll der Blick der neutralen Schweiz auf die verheerenden Folgen dieser Gaseinsätze behandelt werden. Dabei bilden drei schweizerische Tageszeitungen aus der grenznahen Stadt Basel und Zürich die Quellen dafür. Hier stellen sich die Fragen, wie die Schweizer Bevölkerung die Schrecken dieses Gaskrieges wahrnahm und, aufgrund der publizierten Texte, wahrnehmen konnte sowie die Art der Präsentation dieser neuartigen Waffen in den Medien. Der Vorgang dieser Pressanalyse ist die Wahl einiger wichtiger Erlebnisse dieses Gaskrieges, wie beispielsweise der Beginn des grossflächigen Gaseinsatzes im Jahre 1915 in Ypern. Diese an Daten festgemachten Ereignisse werden daraufhin in den Zeitungen untersucht.

Das Ziel dieser Arbeit ist die Behandlung dieses Gaskrieges aus der Sicht der, meist aus Deutschland stammenden, Sekundärliteratur sowie der Schweizer Presse. So soll auf dieses, vielleicht in der heutigen Gesellschaft nicht mehr allzu präsente Thema umfassend eingegangen werden. Besonders die Missachtung der Kriegsgesetze und das gegenseitige Schuldzuschieben sollten auch heute noch Anregungen zum Nachdenken geben.

2 Quellenanalyse

2.1 Sekundärliteratur

Die Sekundärliteratur zum Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges ist eher spärlich. So gibt es nur einige wenige Bücher, die explizit diesen Aspekt des Weltkrieges genauer beleuchten. Auch in den Büchern wird oft klar gemacht, dass einzelne Themen des Gaskrieges noch vollständig unerforscht sind. Auch ist die Literatur teilweise sehr alt und schon aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neuere Publikationen aus dem deutschen Sprachraum sind fast keine zu finden. Ein wichtiger Autor, welcher in der deutschen Sprache publizierte, war Dr. Rudolf Hanslian, welcher mehrere Bücher zu den chemischen Waffen und zum chemischen Krieg verfasst hat. Ergänzt werden die Quellen dieser Arbeit mit zwei Schriften zu der Haager Landkriegskonvention, dem Historischen Lexikon der Schweiz sowie einer Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg.

2.2 Tageszeitungen

Für den zweiten Teil dieser Arbeit werden Schweizer Tageszeitungen auf Nachrichten und Bemerkungen über den Gaskrieg untersucht und interpretiert. Dabei liegt der Fokus auf Deutschschweizer Zeitungen. Um die Unterschiede in den einzelnen Blättern zu analysieren und vergleichen, wurden drei Tageszeitungen ausgewählt. Es handelt sich erstens um die „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“). Dieses Nachrichtenblatt hat eine lange Tradition und ihre Gründung reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die Ausrichtung der Zeitschrift war zur Zeit des Ersten Weltkrieges, was in dieser Arbeit von primärem Interesse ist, liberal. So sind die Themen oft in der liberalen Tradition zu sehen. Auch das Personal zeigte häufig eine Nähe zur Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP), also zur liberalen und wirtschaftlich orientierten Partei der Schweiz. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg setzte sich die NZZ für die schweizerische Neutralität ein. So nahm die Zeitung während des Krieges eine vermittelnde Rolle ein. Publiziert wurde das Blatt täglich in drei Ausgaben. Die Auflage konnte kontinuierlich über das 20. Jahrhundert hinweg gesteigert werden, wobei die beiden Weltkriege einen zusätzlichen Aufschwung mit sich brachten.2 Die beiden anderen Zeitungen, welche Eingang in diese Arbeit fanden, stammen aus Basel, der frontnahen Stadt der Schweiz. Eine dieser beiden ist die „National-Zeitung“. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Als eine der radikalsten Zeitungen der Schweiz galt sie und behielt ihre radikal­demokratische Linie bis ins 20. Jahrhundert hinein. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges war die „National-Zeitung“ die grösste Basler Tageszeitung mit einer Auflage von 25'000 (1920).3 Die dritte Tageszeitung im Bunde ist die „Basler Nachrichten“. Sie wurde gleichfalls Mitte des 19. Jahrhundert gegründet. Die „Basler Nachrichten“ war als liberal-konservatives Blatt bekannt. Zweimal täglich erschien die Zeitung in einem Morgen- und einem Abendblatt. Die beiden erwähnten Zeitungen aus Basel fusionierten im Jahre 1977 zur heute noch bestehenden „Basler Zeitung“ („BaZ“).4 Durch die Auswahl dieser drei Zeitungen sollte ein spannender Diskurs zwischen den politisch verschieden eingestellten Journalisten und den räumlich unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Schweizer Städte entstehen.

3 Der Gaskrieg

3.1 Die Haager Landkriegsordnung

Die Geschichte des Gaseinsatzes im Ersten Weltkrieg beginnt gewissermassen mit den Haager Friedenskonferenzen. Die erste dieser beiden wurde 1899 durch den russischen Zaren und die niederländische Königin bewerkstelligt. Das erklärte Ziel dabei, war die Regelung von internationalen Konflikten im Sinne einer humaneren und völkerrechtlicheren Form.5 Mit der zweiten Friedenskonferenz im Jahre 1907 entwickelte die internationale Gemeinschaft unter anderem die endgültige Haager Landkriegsordnung (HLKO), welche Gesetze und Gebräuche des Landkrieges regeln sollte. Bei deren Ausarbeitung waren 44 Staaten beteiligt, worunter sich einige der späteren Weltkriegsteilnehmer befanden.6 Die Sprache ist sehr konventionell und allgemein gehalten. Der Grund dafür ist das erklärte Ziel, den Inhalt jedem Soldaten verständlich zu machen und näher zu bringen, da es primär die Menschen an der Front betraf.7 In diesem Vertragswerk ist in Bezug auf den Gaskrieg eindeutig festgeschrieben, dass zum einen „die Verwendung von Gift und vergifteten Waffen“ sowie zum anderen „der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötige Leiden zu verursachen“ verboten sind.8 Dieser Artikel entstammt jedoch schon der Brüsseler Deklaration von 1874 und kann nicht eins zu eins auf die Gasangriffe des Ersten Weltkrieges angewandt werden, was von Seiten der Kriegsparteien auch so kommuniziert wurde. Zusätzlich dazu wollte man die Verbreitung von Geschossen mit erstickenden oder giftigen Gasen verbieten, einigte sich aber nach längeren Diskussionen auf den Wortlaut: „Die Splitterwirkung muss immer die Giftwirkung übertreffen.“ Abschliessend konnten sich die teilnehmenden Nationen über diesen Punkt nicht einigen, da man dem Gaseinsatz keine grosse Zukunft zumass.9 Der Gaskrieg im Ersten Weltkrieg ist immer mit dem Hintergrund dieser Landkriegsordnung zu betrachten. Die kämpfenden Parteien berufen sich auch fortlaufend darauf und legitimieren ihre Gaseinsätze, indem sie die festgeschriebenen Verbote aus dieser Ordnung nicht brechen. Die erste Handlung wider diese Verbote im Zusammenhang mit Giftgas ist heute umstritten und die Nationen schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

3.2 Der Einsatz von Reizgas

Unter anderem aufgrund der Haager Landkriegsordnung von 1907 dachte beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 keiner an den Einsatz von Gas an der Front.10 So wurden auf Seiten der kriegführenden Mächte in der Vorkriegszeit nahezu keinerlei Aktivitäten in Bezug auf die Erforschung der Gaswaffe betrieben. Die allgemeine militärische Strategie ging von einem Bewegungskrieg durch Soldaten aus und das Potenzial des Gases wurde zu jenem Zeitpunkt noch nicht erkannt. Einzig die Franzosen begannen schon im Jahre 1912 eine Bromessigester­Gewehrgranate, die als tränenreizendes Gas einzustufen ist, im polizeilichen Dienst zu verwenden. Nach einigen erfolgreichen Einsätzen auf der Jagd nach Verbrechern wurde die Waffe als tauglich befunden und fand Eingang ins Waffenarsenal des französischen Heeres.11 Jedoch glaubten auch sie nicht an die Möglichkeit eines Stellungskrieges, in welchem der Einsatz von Reiz- oder Giftgas von grösstem Nutzen sein würde.12

Das französische Militär brachte von Anbeginn der Kämpfe ihre Reizgasgranaten auf dem Schlachtfeld zum Einsatz. Mit der Schlacht an der Marne Anfang September 1914 kam dem Gaseinsatz eine bedeutendere Stellung zu. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich beendete den Schlieffen-Plan und damit das Voranschreiten der deutschen Truppen. Der Bewegungskrieg entwickelte sich zum Stellungskrieg. Hierbei erkannten die Militärs, dass die Brisanz-Munition gegen die Deckungen des Feindes nicht ihre Stärke und Effizienz ausspielen konnte.13 Die frühe Anwendung des Gases hatte mit diesem Hintergrund auch nicht die Vernichtung der gegnerischen Soldaten, sondern die Aufhebung des Stellungskrieges und damit die Wiederherstellung der Effektivität der Brisanz-Munition zum Ziel.14 „Der Vorteil der Gasmunition kommt im Stellungskriege zu besonderer Entfaltung, weil der Gaskampfstoff hinter jeden Erdwall und in jede Höhle dringt, wo der fliegende Eisensplitter keinen Zutritt findet“ erklärte der Chemiker Fritz Haber, führende Persönlichkeit des deutschen

Gaseinsatzes im Ersten Weltkrieg, den Grund für die Anwendung des Gases in seinen Anfängen.15

Die deutsche Militärführung erkannte sofort das Potenzial der französischen Geschosse. Sogleich unternahm man Anstrengungen um eigene Gaswaffen zu entwickeln. Dabei fokussierten die Deutschen auch auf das Auslösen einer Reizwirkung ihres Gases, wie sie es von den Franzosen gekannt hatten. Die deutschen Forschungen im Bereich der Gaswaffe blieben jedoch vorerst noch ohne nennenswerte Erfolge, wenn man von einzelnen Einsätzen an der Westfront absieht. Unter der Führung von Fritz Haber entwickelten sie daraufhin die T-Granate16, welche Xylylenbromid enthielt und zu Beginn des zweiten Kriegsjahres zur Anwendung kam.17 Parallel dazu experimentierte das französische Militär mit dem gleichwirkenden Chlorazeton als Füllung der Gasgranaten, da Brom Mangelware wurde.18

3.3 Der Gasangriff auf Ypern

Mit dem Fortschreiten des unermüdlichen Stellungskrieges und der Steigerung des Einsatzes von Gas im Jahre 1915 begann Fritz Haber die Verwendung des viel effektiveren Giftgases Chlor in Erwägung zu ziehen. Somit fing Deutschland die Erprobung von Chlorgas als Waffe an. Die Wahl fiel auf diesen chemischen Stoff, da er in Deutschland als Abfallprodukt der chemischen Industrie in grosser Anzahl zur Verfügung stand.19 Zur Verbreitung des Gases erdachten die Deutschen die Methode des Gasblasens. Beim Blasverfahren agiert der Wind als Treibmittel, der das Gas nach dem Ablassen von der eigenen Linie zum Feind führen soll. Das aufwendige Unternehmen ist deshalb auf bestimmte meteorologische Bedingungen angewiesen, was deren militärische Verwendung einschränkt.20 Eine weitere positive Eigenschaft des Chlors war dessen Unbeständigkeit oder dessen schnelle Flüchtigkeit. Somit blieb die beschossene Zone nur über einen kurzen Zeitraum toxisch und konnte bald darauf problemlos betreten werden, was für ein Nachstossen der eigenen Infanterie natürlich essentiell war.21 Mit der Anwendung des Chlors wandelte sich der Gaskrieg zu einer tödlichen

Angelegenheit. Dieses Gas und seine toxische Wirkung stiessen bei einigen deutschen Militärs auf Ablehnung, da dessen Gebrauch mit der Haager Landkriegsordnung nicht kompatibel war und unethische Züge zeigte. Daher deklarierten Haber und sein Team das lungenschädigende Giftgas kurzerhand als Reizgas und zerschlugen damit jeglichen Zweifel.22

Nach einigen Labortest und Feldversuchen schien das deutsche Militär im Januar 1915 bereit zu sein, das Chlorgas an der Front einzusetzen. Die Premiere des Chloreinsatzes sollte an der Westfront vonstattengehen. Zu Beginn musste auf Grund meteorologischer Erhebungen der geeignetste Ort für den Blasangriff in Westeuropa bestimmt werden. Man entschied sich für einen nördlichen Frontabschnitt bei der Stadt Ypern in Belgien.23 Für die Durchführung dieser militärischen Operation wurde ein neues Regiment unter der Leitung von Kommandeur Peterson geschaffen, das sich fortan „Gasregiment Peterson“ nannte. Es bestand aus zwei Bataillonen mit je drei Kompanien, einer Parkkompanie, einer Feldwetterstation und einer Fernsprechabteilung. Die höheren Posten wurden grösstenteils an Chemiker und Chemiestudenten vergeben.24 Dieser Truppenverband führte die Vorarbeit zum Gasangriff durch. Dabei mussten einige tausend, mit Chlor gefüllte Stahlflaschen eingegraben und für das Abblasen präpariert werden. Dem Regiment gab man Atemschützer, welche als Vorgänger der Gasmasken bezeichnet werden können, um sich vor Vergiftungen zu schützen. Im Februar besuchte Professor Fritz Haber den Frontabschnitt bei Ypern, um die Aktivitäten zu überwachen und die Truppen zu beraten.25 Einen Monat später war der Einbau der Gasflaschen abgeschlossen. Doch feindlicher Beschuss und das damit verbundene Zerplatzen einiger Flaschen und Vergiften der deutschen Truppen sowie ungünstige Winde führten dazu, dass man den Gasangriff an den Ostabschnitt des Ypernbogens, zwischen Bixschoote und Langemarck, verlegen musste.26 Nach dem erneuten Einbauen der Flaschen gab das Oberkommando am 14. April 1915 erstmals den Befehl zum Öffnen der Ventile und Freilassen der Gase. Dieser wurde jedoch kurz darauf, aufgrund von Windstille widerrufen.27

Nach weiteren zurückgezogenen Einsatzbefehlen wehte am 22. April 1915 endlich ein idealer Wind, welcher das Gas zu den Truppen der Entente tragen konnte. Um sechs Uhr abends, bei einem Nord-Nordost-Wind, öffnete das „Gasregiment Peterson“ die Ventile der Gasflaschen und entliess eine breite, weissgelbe Gaswolke, welche vom Wind getragen auf die französischen Stellungen zutrieb.28 Das Gas löste in den Reihen der alliierten Truppen zum einen grosse Verwirrung und Angst aus. Zum anderen führte es zu Toten und Verletzten. Viele flohen vor der Wolke und der Erstickungsgefahr und verliessen ihre Stellungen. Daraufhin folgte der Angriff durch die deutschen Bodentruppen.29 Diese versuchten die Wirkung des Chlors auszunützen und die Front nach Westen auszudehnen. Doch aufgrund nicht genügend Reservetruppen, welche nachstossen sollten, blieb ein Vollerfolg der Deutschen aus.30 Die Auswirkungen dieses Angriffs, der als Beginn des Gaskrieges bekannt werden sollte, sind schwer einzuschätzen. Die Deutschen haben dem Gas auf jeden Fall Gebietsgewinne und eine neue Bewegung an der Front zu verdanken. Die Zahlen der Gastoten auf alliierter Seite sind unmöglich zu beurteilen. Die Deutschen sprechen von wenigen gefundenen Leichen, die Entente von Zahlen, die in die Tausende gehen. Die Realität dürfte ungefähr in der Mitte liegen, wenn man die Propaganda beider Kriegsparteien aufbricht.31

Die Vorbereitung und Durchführung dieses Gaseinsatzes unterlag der höchsten Geheimhaltung. Der Grund dafür war, dass man in dieser neuen Waffe ein grosses Potential sah und befürchtete, dass die Alliierten der Deutschen Ideen übernehmen und selbst Chlorgasangriffe durchführen könnten. Bei einem Wind, der an der Westfront hauptsächlich von Osten her wehte, hätte dies immense Probleme und schwere Niederlagen für das deutsche Heer bedeuten können. Der Offizier Rupprecht von Bayern beschreibt diese Situation in seinem Tagebuch:“ es sei sicher anzunehmen, dass, wenn es sich als wirksam erwiese, der Feind zum gleichen Mittel greifen würde und bei der vorherrschenden westöstlichen Windrichtung zehnmal öfter gegen uns Gas abblasen könne, als wir gegen ihn.“32 Zudem befürchtete man, dass die Alliierten bei der Erkennung des Gases ihren Gasschutz darauf einstellen würden, wodurch die Effektivität enorm geschmälert worden wäre.

[...]


1 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 1ff.

2 http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D48585.php

3 http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D30547.php

4 http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D30182.php

5 Zorn, Philipp: Die beiden Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907. Stuttgart, 1915. S. 5ff.

6 Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina: Enzyklopädie. Erster Weltkrieg. Paderborn, 2009. S. 539.

7 Laun, Rudolf: Die Haager Landkriegsordnung. Hannover, 1947. S. 7ff.

8 Kunz, Josef L.: Gaskrieg und Völkerrecht. Wien, 1927. S. 14.

9 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 8f.

10 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 9.

11 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 9f.

12 Volkart, Walter: Die Gasschlacht in Flandern im Herbst 1917. Berlin, 1957. S. 11.

13 Hanslian, Rudolf: Vom Gaskampf zum Atomkrieg. Berlin, 1951. S. 12.

14 Volkart, Walter: Die Gasschlacht in Flandern im Herbst 1917. Berlin, 1957. S. 11.

15 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 14.

16 Siehe Anhang zu einigen chemischen Kampfstoffe

17 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 13ff.

18 Volkart, Walter: Die Gasschlacht in Flandern im Herbst 1917. Berlin, 1957. S. 12.

19 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 16.

20 Kunz, Josef L.: Gaskrieg und Völkerrecht. Wien, 1927. S. 4f.

21 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriffbei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 7.

22 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 20.

23 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 11ff.

24 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 16.

25 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 12f.

26 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 23.

27 Hanslian, Rudolf: Vom Gaskampf zum Atomkrieg. Berlin, 1951. S. 23.

28 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 33.

29 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 42.

30 Hanslian, Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin, 1937. S. 17.

31 Hanslian, Rudolf: Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Berlin, 1934. S. 63f.

32 Martinetz, Dieter: Der Gaskrieg 1914-1918. Bonn, 1996. S. 21.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Gaskrieg im Ersten Weltkrieg. Die Darstellung in Schweizer Tageszeitungen
Hochschule
Universität Basel
Note
5
Autor
Jahr
2012
Seiten
34
Katalognummer
V1182252
ISBN (Buch)
9783346614025
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gaskrieg, ersten, weltkrieg, darstellung, schweizer, tageszeitungen
Arbeit zitieren
Jonas Maienfisch (Autor:in), 2012, Der Gaskrieg im Ersten Weltkrieg. Die Darstellung in Schweizer Tageszeitungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1182252

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