Marcus Porcius Cato und sein Kampf gegen Caesar


Examensarbeit, 2008

76 Seiten, Note: 1,30


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Geschlecht der Porcier
2.1 Cato Censorius
2.2 Abstammung
2.3 Catos Frauen

3 Jugend und erste politische Schritte
3.1 Die Kindheit
3.2 Cato und die Stoa
3.3 Der Aufstieg
3.4 Der Prozess gegen Murena

4 Die Catilinarische Verschwörung
4.1 Vorgeschichte
4.2 Die juristische Frage
4.3 Das Duell Caesar - Cato
4.3.1 Caesar
4.3.2 Das Zwischenspiel
4.3.3 Cato
4.4 Die Entscheidung
4.5 Das Nachspiel

5 Der Kampf gegen den Praetor und Consul Caesar
5.1 Die Ereignisse vor dem Dioskuren-Tempel
5.2 Die Bildung des Triumvirats
5.3 Der Consul Caesar

6 Die Cypern-Mission

7 Die verbleibenden 50er Jahre
7.1 Kampf gegen Pompeius und Crassus
7.2 Catos Antrag zur Auslieferung Caesars
7.3 Catos Praetur
7.4 Erfolg für Pompeius und Rückschlag für Cato
7.5 Die Absage für Ciceros Geltungsbedürfnis
7.6 Die letzten Schritte zum Bürgerkrieg

8 Cato im Bürgerkrieg
8.1 Die Positionen
8.2 Bis Pharsalos
8.3 Der Krieg in Afrika
8.4 Bis Thapsus
8.5 Cato - Politiker und Krieger?

9 Tod in Utica

10 Cato immortalis (Nachruf und Verehrung)
10.1 Ciceros ‚Cato’
10.2 Caesars ‚Anticato’
10.3 Sonstiges

11 Schluss

12 Literaturverzeichnis

Zu hören glaub' ich schon die erhabenen

Feldherrn, von nicht unrühmlichem Staub’ entstellt,

Und rings der Erd' Umkreis gebändigt,

Außer dem trotzenden Geist des Cato.

Horaz, Oden II 1, 21-24

1 Einleitung

Die letzten Atemzüge der alten römischen Republik gehören zu den am besten dokumentierten Epochen der Antike. Meist richtet sich das Augenmerk des Historikers dabei jedoch auf den Konflikt zwischen Pompeius und Caesar, der nach Pharsalos zu einem einseitigen Triumphzug des Letztgenannten wurde und ihn über Thapsus und Munda an die Spitze Roms führte. Die dabei überwundenen Gegner fielen Caesars Soldaten oder seiner clementia zum Opfer. Genau dieses Schicksal wollte Marcus Porcius Cato der Jüngere, Großenkel des berühmten Censoriers, nicht erleiden. Während des afrikanischen Krieges setzte er seinem Leben in Utica ein Ende, nachdem die Niederlage von Metellus Scipio bekannt wurde und bevor ihn der anrückende Caesar begnadigen konnte. Catos Selbstmord resultierte aus seinem Tugendideal, das untrennbar mit den Werten der Republik verknüpft war. Deren Vernichtung durch Caesars Ambitionen wollte Cato nicht erleben und wurde damit zum Märtyrer der Republikaner und einer Symbolfigur für nachfolgende Generationen.

Catos Zeitgenosse Sallust beschrieb ihn als „Freund der Selbstbeherrschung, der Ehrbarkeit, besonders aber ernster Strenge. Nicht suchte er den Reichen im Reichtum, den Parteimann in Parteileidenschaft zu überbieten; nein, mit dem tatkräftigen Manne wetteiferte er in Tüchtigkeit, mit dem ehrenhaften in gutem Anstand, mit dem unbescholtenen in unsträflicher Lebensführung“[1]. Cato war das moralische Gewissen einer Zeit, die ihre strukturellen Probleme dem sittlichen Verfall zuschrieb und wehrte sich mit aller Macht gegen Neuerungen in der Gesellschaft und besonders der Politik. Genau in diesem Punkt mussten Cato als Traditionalist und Caesar der Revolutionär zwangsläufig kollidieren. Der „lange Zeigefinger Catos“[2] sollte nie öfter und vehementer auf jemanden gezeigt haben als auf Caesar.

Die vorliegende Arbeit soll chronologisch aufzeigen, wie sich das Verhältnis Catos zu Caesar entwickelt hat, welche Rolle beide in den letzten Jahren der Republik spielten und wie sich ihre Gegensätzlichkeit über diese Zeitspanne hinweg ausdrückte. Für die Betrachtung Catos liegt uns mit der Plutarchvita dabei zwar kein historisch exaktes, dafür aber ein durchgehen­des Zeugnis vor. Sowohl seine Abstammung als auch seine stoische Mentalität liefern wert­volle Hinweise darauf, wie unkonventionell sich Cato schon beim Eintritt in die Politik ver­hielt. Mit der Catilinarischen Verschwörung beginnt schließlich der offene Konflikt zwischen ihm und Caesar, dessen populare Ansichten mit der optimatischen Einstellung Catos unvereinbar waren. Dies zeigte sich auch weiterhin während Caesars Praetur und seinem Consulat, die Cato nicht an engagierter Opposition hindern konnten.

Es sind diese Jahre bis zur Statthalterschaft Caesars, die uns dazu dienen sollen, Catos politische Vorgehensweise und deren Motive zu betrachten. Die Gegensätzlichkeit der beiden Kontrahenten, die sich danach nie wieder sahen, findet im politischen Geplänkel Roms ihren deutlichsten Ausdruck. In den folgenden zehn Jahren der Abwesenheit Caesars von Rom schlug sich Cato zwar noch mit dessen Gefolgsmännern herum, konnte aber immer wieder Signale Richtung Gallien senden. Nach dem 10. Januar 49 standen sich beide in den verschiedenen Heerlagern schließlich offen als Feinde gegenüber und Cato starb nach knapp über drei Jahren Bürgerkrieg durch eigene Hand in Utica.

Was genau veranlasste ihn dazu und gab es keine weitere Alternative? Was waren die Gründe und die Folgen des Konfliktes beider Männer, wie äußerte sich dieser und was trennte die Welten, in denen sich Cato und Caesar bewegten? War Cato nur eine Randerscheinung in der Biographie Caesars, ein Gegner, über den man getrost hinwegsehen konnte? Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich am Verlauf des Lebens Catos und der früh einsetzenden Konfrontation mit Caesar. Deren Entwicklung soll bis hin zu den Ereignissen in Utica betrachtet werden, mit denen der Kampf Catos gegen seinen ärgsten Feind aber noch längst nicht beendet war.

2 Das Geschlecht der Porcier

2.1 Cato Censorius

Aulus Gellius hat in seinen ‚Attischen Nächten’ zwei Anekdoten zum Leben des älteren Cato wiedergegeben, die ebenso exemplarisch für dessen Urenkel gelten könnten. So habe Cato Censorius eine Rede „über die Verteilung der Beute unter die Soldaten“ verfasst, in der er sich bereichernde Befehlshaber eines Heeres auf dieselbe Stufe stellte wie den gemeinen Straßendieb (Gel. XI 18, 18). Es ist dies die erste von zwei grundlegenden Charaktereigenschaften, die den beiden berühmtesten Vertretern der gens porcia gemein sind: Die Abscheu gegenüber jedem, der Macht für persönliche Interessen missbraucht bzw. diese nicht dem Allgemeinwohl unterordnet.

Die andere Parallele im Denken der zwei Männer ist das Festhalten am Althergebrachten und den Sitten der Väter. Gellius bemerkt dazu, dass Cato einen scharfen Tadel über A. Albinus ausgesprochen habe, da sich dieser für etwaige Fehler in seinem griechisch verfassten Geschichtswerk zur römischen Geschichte entschuldigte. Solche Ausflüchte würden nur denen zustehen, die zu Fehlern gezwungen wurden oder diese unabsichtlich begingen (Gel. XI 8, 4). Schließlich hatte der ältere Cato selbst „wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, mit denen er als Verfasser des ersten in lateinischer Prosa geschriebenen Geschichtswerkes noch zu kämpfen hatte, nicht so ausführlich, sondern in erheblich knapperer Form und trockenerem Stil berichtet“[3].

Die Origines Catos sind zusammen mit der Lehrschrift de Agricultura Teil einer ausgeprägten schriftstellerischen Tätigkeit des Censoriers, die er vor allem nach dem Rückzug aus der Politik betrieb. Diese hatte er allerdings schon in einer Art und Weise ausgeübt, die dem selbsternannten Vorbild eines jeden Römers nicht nur Respekt, sondern auch eine Unmenge von Prozessen einbrachte. Sein konservativer Lebens- und offensiver Redestil fand in Catos berühmter Forderung nach Zerstörung Karthagos seinen markantesten Ausdruck. Der auf jede seiner Senatsreden folgende Ausspruch verdeutlicht die Beharrlichkeit eines Mannes, dessen Prinzipientreue auch in einem 139 Jahre später geborenen Sprössling seiner Familie zu finden ist.

2.2 Abstammung

Es ist bezeichnend im Leben des Cato Uticensis, dass er bei aller Strenge gegenüber seinen Mitmenschen auch immer ein Auge zudrückte, wenn er mit den betreffenden Personen verwandt war. Denn in dieser Hinsicht war er nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern auch Vertreter eines angesehenen Patrizierhauses. Dieses nahm seinen Anfang bei Cato Censorius, der 195 das Consulat bekleidete. Aus seiner ersten Ehe mit Licinia ging M. Porcius Licianus hervor, dessen Söhne Nepos und Caius es nacheinander in den Jahren 118 und 114 zum Consulat brachten. Diese Linie erlöscht allerdings mit Censorius’ Urenkeln M. Porcius Cato, Praetor und Statthalter in Gallia Narbonensis, dessen genauere Lebensdaten unbekannt sind sowie G. Porcius Cato, Volkstribun des Jahres 56[4].

Der ältere Cato heiratete mit 80 Jahren als Greis jedoch ein zweites Mal. Diesmal die sehr junge Tochter seines Clienten Salonius[5]. Der von beiden abstammende M. Porcius Cato Salonianus starb während seiner Praetur, sein jüngerer Sohn wiederum während des Consulats 89[6]. Der ältere Sohn und Enkel des Censorius war der Vater des Uticensis. Er hatte Livia geheiratet, die Tochter von M. Livius Drusus, dem Consul des Jahres 112, die aus der Ehe mit Q. Servilius Caepio bereits einen gleichnamigen Sohn und die Tochter Servilia mitbrachte[7]. Zusammen mit diesen Stiefgeschwistern gehörte Cato also zu den angesehensten Vertretern der römischen Nobilität. Als solcher war er auch trotz seines stoischen Lebensstils sowohl persönlich als auch besonders in seiner Hilfsbereitschaft gegenüber Familienmitgliedern immer wieder zu erkennen.

2.3 Catos Frauen

Während Catos Halbbruder Caepio nur ein kurzes Leben beschieden war, hatten seine Schwester Porcia und seine Halbschwester Servilia zusammen mit seinen Nichten regen Anteil an den innenpolitischen Querelen. Die Frauen verbanden das porcische Geschlecht mit anderen einflussreichen Familien und erschufen bzw. zementierten damit politische Konstellationen, an die auch Cato sich hielt[8].

Servilia war zuerst mit M. Iunius Brutus verheiratet und ihr gleichnamiger Sohn ermordete später Caesar (mit dem sie schon früh ein Verhältnis verbunden hatte). Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie D. Iunius Silanus, den Cato deshalb nicht wegen ambitus bei der Consulatswahl vor Gericht zog und der dieses Amt im Jahr 62 bekleidete. Nach seinem Tod übernahm Cato die Vormundschaft für Servilias drei Töchter aus dieser Ehe. Um zwei von ihnen warb Pompeius Magnus bei seiner Rückkehr aus dem Osten für sich und seinen ältesten Sohn, doch Cato lehnte ab. Stattdessen wurde das Verlöbnis von Caesars Tochter Iulia mit Brutus getrennt, damit sie frei für Pompeius war. Servilia wird diese Entwicklung für ihren Sohn nicht begrüßt haben. Die Nichten heirateten später jedoch sehr anerkannte Persönlichkeiten: Lepidus (späterer Triumvirn), Isauricus (Consul von 48 und 41) und Longinus (Praetor von 44 und Caesar-Attentäter)[9]. Catos Schwester Porcia heiratete L. Domitius Ahenobarbus, der 54 Consul war, im Kampf gegen Caesar bei Pharsalos starb und Ahnherr Neros wurde[10].

Cato selbst wollte erst Lepida heiraten, deren Verlöbnis mit P. Scipio Nasica zuvor gelöst worden war. Als das Fest schon vorbereitet wurde, tauchte der vorherige Anwärter allerdings wieder auf und stahl Cato die Verlobte. Dieser Konkurrent wurde später vom pontifex maximus Metellus Pius adoptiert und hieß seitdem Metellus Scipio. Auch später sollte Cato noch öfter mit ihm aneinander geraten. Also heiratete er Atilia, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar. Von ihr trennte er sich jedoch, weil sie sich verschiedene „Ausschweifungen“ erlaubt hatte[11].

Danach nahm Cato Marcia zur Frau, die Tochter von Marcius Philippus, Consul im Jahre 56. Die Kinder aus dieser Ehe werden in späteren Quellen nicht mehr erwähnt, müssten also schon früh gestorben sein. Als sie jedoch noch klein waren, kam der berühmte Redner Hortensius zu Cato, weil er um die Hand von dessen erstgeborener Tochter Porcia anhalten wollte. Als Cato ihm dies verweigerte, einigten sich die beiden mit Zustimmung von Catos Schwiegervater zu einem Übertritt Marcias in das Haus Hortensius’, der zuvor seinen Sohn verstoßen hatte und einen Nachfolger brauchte. Nach seinem Tod zu Beginn des Bürgerkriegs nahm Cato die Witwe wieder in sein Haus auf, um ihrem „Leiden Einhalt zu gebieten“[12]. Darüber machte sich Caesar später (im ‚Anticato’) lustig: „Was braucht er denn, wenn er eine Frau nötig hatte, sie einem anderen abzutreten, oder wenn er keine nötig hatte, sie nachher wieder zu sich zu nehmen? […] Er lieh sie als eine junge Person weg, um sie als eine reiche Witwe wieder zu bekommen“[13]. Diese Episode aus Catos Leben ist für unser Empfinden in der Tat schwer nachvollziehbar, soll aber später mithilfe eines Blicks auf sein stoisches Gedankengut erläutert werden.

Catos Tochter, um die Hortensius zuerst angehalten hatte, war mit Caesars späterem Consulatspartner Bibulus verheiratet und hatte ihm zu diesem Zeitpunkt schon zwei Kinder geboren. Nach seinem Tod und dem ihres Vaters heiratete sie ihren Cousin Brutus. Als auch dieser im Kampf gegen Caesar gefallen war, schluckte sie glühende Kohlen, um ihr Leben zu beenden[14]. Zuvor war schon ihr Bruder Marcus in der Schlacht bei Philippi gefallen und das Geschlecht der Porcier ohne männlichen Nachfolger dem Untergang geweiht.

3 Jugend und erste politische Schritte

3.1 Die Kindheit

Cato wurde in der Mitte des Jahres 95 geboren. Zusammen mit seinem Stiefbruder Q. Servilius Caepio kam er nach dem Tod seiner Eltern in die Obhut von M. Livius Drusus, der allerdings schon im Jahr 91 starb. Diese und alle folgenden Ereignisse aus Catos Jugend kennen wir nur aus der Feder Plutarchs. Dieser griff bei seiner Biographie Catos, den er im Zuge seiner vitae parallelae dem Phokion gegenüberstellte, auf Thrasea Paetus zurück. Dessen Buch beruht auf der Vorlage des Munatius Rufus, eines engen Vertrauten Catos, der auch an verschiedenen Stellen der Catovita als dessen Begleiter auftaucht[15]. Dieser Rufus war aufgrund seiner Freundschaft mit Cato eine verlässliche Quelle nicht nur für dessen öffentliche Aktionen, sondern erwähnt auch hintergründige, private Momente im Leben Catos des Jüngeren.

Plutarch hat seinem Cato freilich auch den eigenen Stempel aufgedrückt. Er wird einiges ausgelassen, verändert oder hinzugefügt, den Stoff andererseits den Bedürfnissen der Parallelbiographien angepasst haben, die mit ihren moralisch-kosmopolitischen Intentionen sicherlich Spuren in der Catovita hinterließen. Allerdings musste sich Plutarch nicht sonderlich anstrengen, um sein Bild des jüngeren Cato in ein solches Format zu übertragen - Cato war für ihn die Moral und Tugend in Person.

In Cat. Min. 2 schildert er den jungen Cato bereits mit denselben Wesensmerkmalen, die er dem erwachsenen zuschreibt. Dafür werden zwei Anekdoten aus Catos Kindheit herangezogen, in denen er einmal während des Bundesgenossenkrieges eisern schwieg und sich nicht für das Bürgerrecht der nach Rom Kommenden stark machen wollte, obwohl ihn einer von ihnen aus dem Fenster hielt. Ein anderes Mal (Cat. Min. 3) sagte er seinem Hofmeister, der ihn des Prestiges und der Sicherheit wegen öfter zu Sulla brachte, dass er nur ein Schwert benötige, um den Tyrannen zu töten und das Vaterland zu befreien.

Als junger Mann wurde er Mitglied der quindecimviri sacris faciundis, sah die Kulthandlung für Apollo aber zeitlebens nicht als Bestandteil des cursus honorum, sondern war tief in der religiösen Tradition verwurzelt. Cato wird in seinen jungen Männerjahren als sehr zurückhaltend beschrieben, nahm im Gegensatz zu Gleichaltrigen jedenfalls nicht so sehr am öffentlichen Leben teil. Erst als eine Säule in der von seinem Urgroßvater gestifteten Porcischen Basilika umgestellt werden sollte, weil sie den Volkstribunen im Weg stand, hielt er seine erste öffentliche Rede. Sie war „schlicht, kraftvoll und gedrängt“. Seine Stimme war dabei laut und dabei doch von „ausdauernder Kraft und Stärke“. Bereits jetzt erwähnt Plutarch, dass Cato oft einen ganz Tag hindurch geredet hätte, ohne zu ermüden[16]. Catos Qualitäten als Redner sollten sich noch oft genug unter Beweis stellen.

3.2 Cato und die Stoa

Im Leben Catos folgte die oben erwähnte Episode mit Lepida, deren ehemaliger Verlobter Scipio sie doch noch aufnahm. Bis zu seiner anschließenden Heirat mit Atilia soll Cato noch mit keiner Frau näheren Kontakt gepflegt haben[17]. Diese Vermeidung von sexuellen Eskapaden, die Cato auch nachkommend nicht vorgeworfen werden konnten, lassen sich mit der Jahre später folgenden Vergabe seiner zweiten Frau an Hortensius auf einen Nenner bringen. Cato war glühender Anhänger der Stoa, die nicht nur seinen Umgang mit Frauen, sondern auch allgemein sein ganzes Leben prägte[18]. Er vermischte ihre philosophisch strenge Sicht auf das eigene Schicksal mit der Hochhaltung tradierter römischer Tugenden. Die alten Werte der Väter wie Sittlichkeit, Aufopferung und Pflichtbewusstsein verband er mit dem ihm vom Schicksal dargebotenen Platz in der Gesellschaft. Zeit seines Lebens betrachtete er es als Pflicht, seine Stellung in der Republik auch zu deren Nutzen zu gestalten. Mit römischem Trotz hielt er gegen den Ehrgeiz Anderer an den eigenen Prinzipien fest und mit stoischer Gelassenheit nutzte er am Ende seines Lebens die Opferbereitschaft, um seinem Tugendideal ein selbstgebautes Denkmal zu setzen.

Nach Catos Tod konnte Cicero schließlich dem selbst auferlegten Credo folgen, das ihm vorschrieb, nur über bereits Verstorbene zu schreiben. Neben seiner Lobschrift ‚Cato’ wird dieser als Musterbeispiel eines Stoikers für ein Gespräch mit Cicero genutzt. Hier lässt man ihn sagen: „Nach Ansicht der meisten Stoiker darf man aber die Lust nicht zu den Hauptstücken der natürlichen Anlagen rechnen, […] weil sonst, wenn es den Anschein hätte, dass die natürliche Ordnung die Lust mit zu den Dingen gerechnet habe, die zuerst begehrt werden, viel Unsittliches daraus folgen würde“[19]. Damit wäre der Kreislauf hin zu Marcia wieder geschlossen, die Cato an den alten Hortensius vergab, damit sie diesem ein Kind gebären konnte. Als Stoiker musste er rational auf ihre Veranlagung schauen, mit der sie von der Natur als Frau ausgestattet worden war. Weil Marcia Cato Kinder geboren hatte, war ihre Pflicht erfüllt. Nun hätte es nur noch die Lust sein können, die sie an ihn band. Solch einem Vorwurf wollte sich Cato nicht stellen[20]. Er, der auch öffentlich nie ein Geheimnis aus seinen philosophischen Grundsätzen gemacht hatte, musste jetzt für diese eintreten. „So ward er Roms „ perfectissimus stoicus “ [Cicero], diese Lehre ihm Richtschnur des Lebens, unter deren Führung er aufrecht und unerschütterlich durch das politische, geistige und sittliche Chaos seines Zeitalters schritt“[21].

3.3 Der Aufstieg

Nach dem Spartakuskrieg wurde Cato zum Legionsobersten gewählt und erfüllte diesen Dienst in Makedonien. Doch anders als die Offiziere im Heer lobte er nicht nur den Ruhm der Soldaten, sondern achtete durch die ihnen „entgegengebrachte Liebe“ auch ihre Tugend[22]. Während dieser Tätigkeit nahm sich Cato zwei Monate Urlaub, um den Leiter der Bibliothek in Pergamon, Athenodoros Kordylion aus Tarsos zu überreden, mit ihm nach Rom zu kommen. Dass der berühmte Philosoph dort bis zu seinem Tod in Catos Haus wohnte, erfüllte diesen zeitlebens mit Stolz.

Für den Militärtribunen, der seine erwachsenen Bezugspersonen schon in jungen Jahren verloren hatte, war die Nachricht vom Tod seines Bruders umso tragischer. Beim von ihm finanzierten opulenten Begräbnis des Bruders in Ainos[23] zeigte Cato viel von seiner inneren Erschütterung. Plutarch erwähnt den später gegen Cato erhobenen Vorwurf, dieses Verhalten würde nicht zu einem Stoiker passen und erwidert, die Kritiker hätten nur nicht eingesehen, dass der gegen das Schlechte so unbeugsam Vorgehende im Inneren voll „Sanftmut“ war[24]. Nach seiner Dienstzeit durchreiste Cato Asien, um sich selbst ein Bild von der Lage der dortigen Provinzen zu machen[25]. Mit der Asche Caepios an Bord begab sich Cato schließlich wieder auf den Weg nach Rom.

Dort angekommen, leistete er auf dem Markt seinen Freunden juristischen Beistand und studierte die Verordnungen für die Quaestur. Erst als Cato diese verinnerlicht hatte, kandidierte er und wurde gewählt. Nun griff er hart gegen den Missstand ein, dass die Schreiber der Schatzkammer die Tatsache ausnutzten, nur junge Vorgesetzte zu erhalten und sich deshalb über jene hinwegsetzten. Einen der Schreiber entließ Cato sofort, einen anderen brachte er vor Gericht, wo dieser von Lutatius Catulus (damals Censor mit Crassus) verteidigt wurde. Da Catulus rechtlich jedoch nichts bewirken konnte, versuchte er es im Gespräch mit Cato, scheiterte hierbei jedoch kläglich. Der Schreiber wurde zwar freigesprochen, doch nie wieder von Cato eingesetzt oder bezahlt[26].

Cato gestaltete seine Quaestur[27] ohnehin provokativ. Er brachte Ordnung in die römischen Finanzen seines Zuständigkeitsbereiches, zahlte den Gläubigern ihre Schulden zurück und trieb ausstehende ein. Üblicherweise waren die Quaestoren „in der Finanzgebarung an die Weisungen des Senats bzw. der Beamten, denen sie zugeteilt waren, gebunden“[28], doch Cato zeigte viel Eigeninitiative. So sorgte er dafür, dass die Begünstigten von Sullas Proskriptionen diese Kopfgelder zurückerstatten mussten[29]. Für den Stoiker Cato konnte die erst in jüngster Vergangenheit ausgeübte tyrannis nicht ungestraft bleiben. Es verstieß grundlegend gegen Catos Prinzipien - wie er sein ganzes Leben hindurch unter Beweis stellte - wenn sich Einzelne auf Kosten des Allgemeinwohls bereicherten.

Von den Rückzahlungspflichtigen wurden dann auch etliche vor Gericht gestellt. Andeutungsweise könnte man Cato und Caesar in diesem ersten indirekten Aufeinandertreffen eine Zusammenarbeit unterstellen, zumindest verlief das Vorgehen beider gegen die Begünstigten Sullas kooperativ. Caesar war zu diesem Zeitpunkt (oder ein Jahr später, je nach dem Quaesturjahr Catos) Mitglied des Gerichtshofes für Gift- und Mordprozesse und verurteilte viele der von Cato bekannt gemachten Kopfgeldjäger. Dieses Unterfangen war von politischer Seite bisher nicht angepackt worden, mit Catos Eintritt in die Politik (und das auch noch ‚nur’ im Finanzsektor) änderte sich dies.

Aus eigener Tasche ließ sich Cato für 5 Talente eine Abschrift des Haushaltes von Sullas Regentschaft bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erstellen und sorgte auch später dafür, dass sie immer auf dem neuesten Stand gehalten wurde[30]. Sein Pflicht- und Arbeitseifer trieben ihn nicht nur als Quaestor an, sondern darüber hinaus auch im Senat, den er jetzt als ordentliches Mitglied ununterbrochen besuchte. Schließlich hatte er sich selbst vorgenommen, nie auch nur eine einzige Sitzung zu verpassen. Dieser Enthusiasmus zeugt von einem ganz ungewöhnlichen Politikverständnis. Cato hatte als echter römischer Aristokrat und als Nachkomme des Censorius’ die Quaestur nicht als Einstieg in die Ämterlaufbahn, sondern als eigenständige Größe angesehen. Es galt, diese mit Elan und Engagement auf die bestmögliche Weise zu bekleiden. Auch als einfaches Senatsmitglied sollte Cato beständig dieses Politikverständnis vertreten.

Im Senat kam er als erster und ging als letzter. Sein Arbeitseifer und die dazugehörende Lebensphilosophie wurden allgemein bekannt und sogar sprichwörtlich[31]. Aber er bewies nicht nur während der ordentlichen Beratungen solchen Tatendrang, denn auch schon „während der Senat sich in der Curie versammelte, las Cato griechische Schriften“[32]. Für Angelegenheiten, die die eigene Familie betrafen, fand Cato allerdings immer Zeit. So machte er sich erfolgreich für Lucullus stark, der mit seiner Halbschwester Servilia verheiratet war und Gefahr lief, wegen der Übernahme aller militärischen Befugnisse im Osten durch Pompeius sein Anrecht auf einen Triumph zu verlieren[33].

Mit der Quaestur betrat Cato aussichtsreich die politische Bühne. Anders als während seiner Praetur oder der Consulatsbewerbung beschritt er mit diesem Amt einen populären Weg, der ihm beim Volk viel Sympathie und im Senat Anerkennung und Respekt einbrachte. So rigoros er bei der Finanzverwaltung und im Umgang mit den Proskriptionsbegünstigten vorgegangen war, konnte man von ihm mehr erwarten als von den anderen Senatsmitgliedern seines Alters. Diese Hoffnungen besonders der Optimaten, für die Cato später eine erhebliche Verstärkung darstellen sollte, wurden im Bezug auf die Ernsthaftigkeit seiner Vorgehensweise nicht enttäuscht. Deren Effizienz jedoch soll in kommenden Kapiteln hinterfragt werden.

3.4 Der Prozess gegen Murena

Cato wollte anschließend entgegen dem Anraten seiner Freunde nicht als Volkstribun „ohne dringende Notwendigkeit“ kandidieren. Doch als er hörte, dass Q. Caecilius Metellus Nepos dieses Amt anstrebte, meldete er sich ebenfalls zur Wahl[34]. Schließlich kam Metellus in seiner Funktion als Legat des Pompeius nach Rom und es war eindeutig, dass er den Weg für eine ruhmvolle Rückkehr des Feldherrn bereiten sollte. Durch die Quaestur hatte Cato sich allerdings schon einen solchen Namen gemacht, dass er zusammen mit Metellus gewählt wurde. Vor dem Volk bekräftigte er dann mit einem Eid, jeden anklagen zu wollen, der gegen die ambitus -Gesetze verstoße[35]. Allerdings war dieser Schwur nicht so stark wie Catos Familienbande. Von den gewählten Consuln des nächsten Jahres klagte er zusammen mit dem in der comitia consularia geschlagenen Sulpicius Rufus nur Lucius Licinius Murena an, Catos Schwager Silanus wurde verschont.

Murena konnte zu seiner Verteidigung allerdings die ganze Rednerelite Roms aufbieten. Hortensius und Crassus übernahmen den juristischen Part und der amtierende Consul Cicero sprach die politischen Konsequenzen des Prozesses an. Zuvor hatte er bereits durch seine zwei Reden gegen Catilina geglänzt[36]. Dass sich die Anklage allerdings auf die unter seinem Consulat verabschiedete lex Tullia de ambitu berufen konnte, wird ihm während des Prozesses sicherlich vorgeworfen worden sein. Das ausführlich nur aus Ciceros Feder überlieferte Gerichtsverfahren gegen Murena ist aber noch wegen eines ganz anderen Aspektes wichtig: Ciceros Aufzeichnungen sind die ersten zeitgenössischen Angaben über Cato. Dessen Rede ist zwar nicht erhalten, aber viele seiner Aussagen sind durch Ciceros Erwähnung implizierbar.

So geht Cicero auf Cato gleich im dritten Abschnitt ein, wenn er sein Gegenüber als „überaus bedachtsamen und gänzlich unbestechlichen Mann“ beschreibt (III)[37]. Cato hat seinerseits mit Sicherheit den zeitgleich stattfindenden Prozess gegen Catilina erwähnt, indem er Ciceros rigoroses Vorgehen bei diesem Fall gelobt hatte, ihn nun aber wegen der Nachsicht gegenüber Murena attackierte (VI). Der so Beschuldigte führt hingegen die herausragende Stellung von Cato Censorius beim Afrika-Feldzug des Scipio an, dessen ‚hervorragende Tapferkeit’ Cicero nun auch bei dessen Urenkel sehen will (XXXII). Ferner bittet Cicero die Richter, sich nicht von dem Ansehen des Anklägers blenden zu lassen, dessen Person zwar Bewunderung, seine Anschuldigungen allerdings keine Beachtung verdienen (LVIII). Natürlich dient die Anerkennung Ciceros für seinen Gegner hauptsächlich rhetorischen Zwecken, doch völlig grundlos wird er seinen Gegner vor Gericht nicht gelobt haben. Seit Catos Eintritt in die Politik waren erst zwei Jahre vergangen, doch diese Zeitspanne hatte gereicht, sich auch den Respekt Ciceros zu sichern.

Dessen folgende Schilderungen sind weiterhin voll des Lobes, allerdings macht sich Cicero daneben über Catos philosophische Grundhaltung lustig. Auch er, Cicero, habe in seiner Jugend nach Alternativen gesucht, doch nachsichtiges römisches Wesen sei dem strengen Stoizismus überlegen. Genau diese ‚Milde’ fehle jedoch dem Ankläger (LXII). Auch Cato wird über die Tüchtigkeit seines erneut als Beispiel herangezogenen Urgroßvaters gesprochen haben, nach dessen Maximen er sich richten wolle. Das befürwortet Cicero, nur solle dies mit einer ‚milderen Würze’ vonstatten gehen (LXVI). Er sieht Catos Vorwurf gelassen, mit Hilfe von Zuwendungen an das römische Volk auf dessen Gunst zu spekulieren. Vielmehr liege das Vergnügen den Römern im Blut und habe sie trotzdem zu solcher Größe heranwachsen lassen (LXXIV).

Cicero spricht auf dem Höhepunkt seiner Rede gegen Cato zwei von dessen auffälligsten Merkmalen an: die Strenge und Entschlossenheit des Handelns und die stoischen Auffassungen dabei[38]. Die Tatsache, dass Ciceros Bemerkungen über den Stoizismus amüsant wirkten, lässt die Schlussfolgerung zu, dass Catos Rede diesbezüglich auffallend geprägt war. Stoiker legten schließlich mehr Wert auf Dialektik als auf Rhetorik und waren ohnehin den Spötteleien der ‚professionellen’ Redner ausgesetzt. In Ciceros Erwiderung wird aber deutlich, dass Cato sich auch persönlich gegen ihn richtete. Zu diesem Element der - natürlich auch von Cicero angewandten - Rhetorik kommt die von Plutarch oft angeführte Überzeugungskraft bzw. Beharrlichkeit bei Catos Dauerreden[39]. Cicero konnte zur Diffamierung seines Gegenübers also nicht die den Stoikern nachgesagte Schwäche bei der öffentlichen Rede benutzen, sondern verwendete Catos Philosophie im Allgemeinen als Instrument seiner Attacken[40].

So macht sich Cicero über die stoischen Lehrsätze lustig, zieht somit also auch das vorangegangene Lob für Cato herunter. In Mur. LXIII verweist der Consul auf seine eigene Vergangenheit, in der er sich auch philosophisch betätigt hätte, dies aber im Alter sein lasse. Neben dieser Botschaft, die auf Catos erst kürzlich begonnene Karriere und die Stoa als Ganzes abzielte, wundert sich Cicero in Mur. LXVII, warum Cato Murena überhaupt angreife, denn moralische Gründe für eine Klage waren im Prozessalltag nicht häufig zu sehen.

Durch all diese Anspielungen Ciceros lässt sich ein recht genaues Bild seines Kontrahenten zeichnen, der durchgehend angesprochen wird. Als Ankläger und Redner war Cato also durchaus ernst zu nehmen, wie auch er selbst alles Angepackte mit Nachdruck und seinen Vorstellungen treu bleibend bearbeitete. Seine stoische Lebensauffassung war kein Geheimnis, gab anscheinend des Öfteren Anlass für Sticheleien und beeinflusste sein Handeln. Letztendlich ist Cato hier schon in einer Rolle zu sehen, die charakteristisch für seinen weiteren Lebenslauf ist und kurze Zeit darauf - während der Catilinarischen Verschwörung - für alle erkennbar wurde.

4 Die Catilinarische Verschwörung

4.1 Vorgeschichte

Cato bewarb sich also für das Volkstribunat 62, während Caesar für dieses Jahr die Praetur anstrebte. Zuvor hatte er bereits unter Aufbietung aller möglichen finanziellen Kräfte und der drastischen Erhöhung seiner bereits bestehenden Schulden die Wahlen zum pontifex maximus gewonnen, obwohl diese Ehre meist immer nur Consularen gewährt wurde. Zu dieser höchsten und prestigeträchtigsten Schicht Roms wollte auch L. Sergius Catilina nach Ablauf seines Consulats zählen, für das er sich zum wiederholten Male ebenfalls im Wahljahr 63 bewarb. Bereits 66 und 65 war er nicht zur Abstimmung zugelassen worden und im Vorjahr gegen den eigentlich verbündeten C. Antonius gescheitert, der jetzt Ciceros Amtskollege war.

Gründe dafür waren gegen ihn laufende Strafprozesse, die Tatsache, dass er von den sullanischen Proskriptionen profitiert hatte, gegen deren Nutznießer Cato in seiner Quaestur vorgegangen war und der entschiedene Widerstand der optimatischen Partei. Gegen deren zerrüttete und schwächelnde Aristokratie war er mit populistischen Mitteln vorgegangen. Seine Anhänger lockte er einerseits mit der Aussicht auf allgemeine Schuldentilgung, was der städtischen plebs und verschuldeten Adligen in ihrer momentanen Situation sehr gelegen kam, andererseits gewann er mit den Ankündigungen zur Neuverteilung des Siedlungsgebietes die Stimmen inzwischen besitzloser Veteranen[41].

Genau dieses Potential war Cicero bewusst, der am Wahltag demonstrativ seinen Panzer anlegte, um vor Catilina zu warnen. Dieser unterlag dann schließlich auch den Mitbewerbern Decimus Silanus und Lucius Murena, während Cato zum Volkstribunen und Caesar zum Praetor gewählt wurden. Spätestens jetzt müsste Caesar zusammen mit Crassus Abstand von Catilina genommen haben, für den sie eher im Verborgenen Sympathien hegten. Allerdings war Caesar nun oberster Priester, mit der Praetur auf dem cursus honorum schon weit fortgeschritten und auch Crassus sah in dem nun erneut gescheiterten Catilina wohl keine wirkliche Verstärkung der eigenen Ambitionen mehr.

Bereits am 21. Tag des Wahlmonats Juli führte Cicero einige anonyme Briefe im Senat vor, die von Truppenaushebungen im nördlich gelegenen Etrurien berichteten. Drei Monate später, in der Nacht zum 21. Oktober, unterrichtete Crassus den Consul Cicero, wohl auch in der Absicht, sich von Catilina zu distanzieren, dass sich außerhalb Roms bereits starke Truppenverbände zusammenziehen würden und innerhalb der Stadtgrenze Brandanschläge geplant seien. Am folgenden Tag erteilte der Senat das senatus consultum ultimum und übertrug den beiden Consuln damit diktatorische Vollmachten und das Recht zur Truppenaushebung.

Am Morgen des 7. Novembers schlug ein Attentat auf Cicero fehl, der daraufhin seine 1. Catilinarische Rede im Senat hielt und den Angesprochenen damit zum Verlassen Roms zwang. Als Meldungen über dessen Zusammenkunft mit dem Kommandanten Manlius in Etrurien und das Tragen der Insignien magistratischer Gewalt durch Catilina bekannt wurden, erklärte ihn der Senat zum hostis rei publicae[42]. Catilinas Handlanger in Rom, der Praetor P. Cornelius Lentulus Sura, wollte sich der wegen eines Bittgesuches in Rom anwesenden allobrogischen Gesandten bedienen, um Briefe an den Revolutionär zu übermitteln. Diese wurden jedoch in der Nacht zum 3. Dezember abgefangen und die darin erwähnten Verschwörer Lentulus, Cethegus, Statilius, Gabinius und Caeparius festgenommen. Sie waren bezüglich der in den Briefen offenbarten Pläne zur Mobilisierung von Sklaven[43] geständig.

Spätestens nach Veröffentlichung dieser Tatsachen verlor Catilina einen großen Teil seiner städtischen Anhängerschaft. Diese strebte zwar eine Verbesserung der eigenen Situation an, aber nicht als Gegenleistung für Krieg und möglicherweise Anarchie. Zudem konnte Cicero später erfolgreich Angst vor einer möglichen Beteiligung der Sklaven auf catilinarischer Seite machen[44], die wegen der noch wachen Erinnerung an Spartakus auf fruchtbaren Boden stieß. Als nächste Angelegenheit wurde jedoch sofort am folgenden Tag der Senat einberufen und die fünf Gefangenen an fünf Senatsmitglieder zur Bewachung verteilt. Als Pläne für die Befreiung der Inhaftierten bekannt wurden, traf sich der Senat am 5. Dezember 63 im Tempel der Concordia. Wegen seiner früheren Verbindungen zu Catilina blieb Crassus der Sitzung fern, Caesar allerdings erschien.

4.2 Die juristische Frage

Das Provokationsgesetz aus dem Jahr 300 war ein Resultat der Ständekämpfe und das juristisch fundierte Schutzinstrument vor Willkürherrschaft. Es schrieb vor, dass kein römischer Bürger innerhalb des pomeriums von Magistraten ohne Zustimmung des Volkes zum Tode verurteilt werden konnte. Auch die knapp hundert Jahre später, zwischen 199 und 195 v. Chr. verabschiedeten leges Porciae erweiterten das Provokationsgesetz auf das Reichsgebiet, verboten das öffentliche Auspeitschen römischer Bürger und gestanden diesen noch weitere juristische Privilegien zu. Die Frage nach dem Ratifizierungstermin und den Verfassern dieser Maßnahmen ist noch nicht hinreichend geklärt, allgemein verbreitet ist die Annahme der Urheberschaft von Catos Urgroßvater und dem Volkstribunen P. Porcius Laeca[45].

Als sich dann Tiberius Gracchus 133 anschickte, ein zweites Mal für das Volkstribunat zu kandidieren, wurde er vom den Senat aufhetzenden Scipio Nasica zur Strecke gebracht. Dieser meinte gegenüber dem Consul, der sich gegen diesen Schritt ausgesprochen hatte, dass „die Rechtsordnung als Ganzes wegen eines Einzelfalles“[46] nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Um ein solch aggressives Vorgehen für die Zukunft zu legitimieren, wurde das senatus consultum ultimum ins Leben gerufen. Die Consuln erhielten in diesem Fall diktatorische Vollmachten einschließlich kapitaler Koerzition (also ohne Gerichtsverhandlung), wenn ein militärischer und / oder politischer Gegner die staatliche Ordnung gefährdete[47]. Allerdings musste auch hier ein bestimmter Grad der Angemessenheit gewahrt bleiben: Die bloße Vorbereitung eines Umsturzes oder Gerüchte über einen solchen durften auch nur vorbereitende Maßnahmen des Senates nach sich ziehen. Erst bei der Feststellung eines ausgebrochenen Konfliktes war dem Consul freie Hand gegeben.

Gaius Gracchus, Bruder des zehn Jahre zuvor ermordeten Volkstribuns, schränkte diese Beschlüsse allerdings mit der lex Sempronia ein, die nochmals konkretisierte, dass nur von einem durch das Volk eingesetzten Gerichtshof die Todesstrafe verhängt werden durfte. Auf dieses Gesetz bezieht sich laut Gelzer auch Caesar bei seiner Rede am 5. Dezember. Allerdings konnte der Consul Cicero in seiner 4. Cat. Rede auf das aus seiner Sicht verwirkte Bürgerrecht der Verbrecher hinweisen. Zudem war schon unter Sulla festgelegt worden, dass eine zum hostis erklärte Person damit auch als vogelfrei betrachtet werde. Gelzer führt noch den Punkt an, dass die lex Sempronia ohnehin durch das SCU außer Kraft gesetzt gewesen sei[48]. Dieser Zwiespalt veranschaulicht die gesetzliche Lücke, in der sich der Senat bei seiner kommenden Sitzung bewegen musste. Sowohl die Aristokraten als auch das Volk hätten bei der nachträglichen Betrachtung des gefällten Beschlusses ihr jeweiliges Rechtsverständnis geltend machen bzw. den getroffenen Senatsbeschluss anfechten können.

Als die Senatoren am 5. Dezember zusammenkamen, war ihnen der Ernst der Lage durchaus bewusst. Durch Ciceros Enthüllungen und die Geständigkeit der gefassten Verschwörer ging es nicht mehr um die Klärung der Schuldfrage, sondern um das weitere Vorgehen mit den Inhaftierten. Entscheidender Punkt ist hierbei jedoch, dass ein im Senat gefasster Beschluss keinerlei strafrechtliche Wirksamkeit hatte. Die Senatoren besaßen für diesen Fall also keineswegs gerichtliche Vollmachten, sondern konnten lediglich Empfehlungen aussprechen. Eine solche formulierte der designierte Consul Silanus, der nach alter Sitte als Erster nach seiner Meinung gefragt wurde. Er forderte für die Verbrecher die ‚äußerste Strafe’ (wohl ultima poena), die auch bei den folgenden Consuln und Consularen Zustimmung fand. Als nächster in der Rangfolge sprach der designierte Praetor Caesar.

4.3 Das Duell Caesar - Cato

4.3.1 Caesar

Kaum ein Ereignis der späten Republik ist so ausführlich und vielseitig dokumentiert worden wie die Catilinarische Verschwörung. Doch bei der Rekonstruktion des entscheidenden Rededuells in der Senatssitzung vom 5. Dezember ist man einzig auf das Zeugnis indirekter Wiedergaben vor allem Ciceros und das 51. und 52. Kapitel von Sallusts De Catilinae Coniuratione angewiesen. Letzterer selbst hatte oft darauf hingewiesen, dass es ihm mehr um ethische Prinzipien als um historische Korrektheit ginge. Ohnehin ist Sallusts Werk aufgrund des ästhetischen Anspruches, den er damit erheben wollte, voll mit chronologischen Fehlern und literarischer Überhöhung. Auch in Sallusts anschließender Synkrisis der beiden Kontrahenten Caesar und Cato stehen sich nicht der designierte Praetor oder Volkstribun gegenüber, sondern die Personen des Bürgerkrieges.

Aber auch wenn der aus zeitlicher Distanz und mit dem Wissen der folgenden Ereignisse schreibende Sallust eher dichterisch als historisch vorging, lassen sich wesentliche Elemente seiner Schrift in den Kontext einordnen. Bei Ciceros Catilinarischer Rede IV und Sallust sind die Aussagen Caesars gleich. Da Sallust und seinen Freunden wohl auch die Rede Catos vorlag (sie war als einzige von ihm verfasste schriftlich festgehalten - Plut. Cat. Min. 23), wird er diese auch nicht zu sehr verändert haben[49]. Zumindest als Quelle für die Forderungen und letztendlichen Motive beider Kontrahenten ist Sallusts Werk gut geeignet.

In Caesars bei Sallust 51 wiedergegebener Rede mahnt er zur Besonnenheit bei der anstehenden Entscheidung des Senats. Er verweist auf die Gelassenheit der Vorfahren bezüglich der zahlreichen Verstöße der Karthager gegen die römischen Auflagen in Friedenszeiten (einzig dem Cato Censorius mit seiner berühmt gewordenen, ständig wiederholten Forderung kann eine solche Haltung nicht nachgesagt werden, was seinem anwesenden Urenkel wohl durch den Kopf gegangen sein mag - falls dieser Part nicht dem Dichter Sallust entspringt). Die Senatoren sollten auch jetzt maßvoll entscheiden, zumal dieses Verbrechen alle Begriffe übersteige und man sich somit an die Gesetze halten solle. Caesar appelliert an die große Machtstellung des Senats, die klug eingesetzt werden müsse, da sich das Volk letztendlich nur der Strafe entsinnen werde. Mit eben diesem Argument und vor dem Hintergrund der Rechtssituation schürte der ehemalige Volkstribun die Angst vieler Senatoren vor möglichen Vergeltungsaktionen des Volkes.

Er erwähnt weiter, dass der Tod an sich keine Bestrafung darstelle. Außerdem wirft er Silanus vor, dann auch nicht konsequent genug zu sein, wenn er die dazugehörigen Peitschenhiebe für die Verurteilten wegließe und fragt ihn indirekt, ob er sich denn wenigstens in diesem Punkt den Gesetzen unterordnet (nämlich den leges porciae [s. o.] - auch dadurch wird sich Cato angesprochen gefühlt haben). In diesem Fall könne er, Caesar, noch das Recht der römischen Bürger auf freiwillige Verbannung heranziehen. Wenn nun die Todesstrafe verhängt werde, könnte das ein Beispiel für zukünftige, nicht so ehrbare Generationen sein, den Senat als Willkürinstrument zu benutzen. Caesars Rede mündet schließlich in dem Antrag, dass die Verbrecher den fünf stärksten Landstädten zur Inhaftierung übergeben und ihr Vermögen konfisziert werden solle. Wer sich künftig für die Verbrecher einsetze, müsse zum Staatsfeind erklärt werden.

4.3.2 Das Zwischenspiel

Nach Caesars Rede griff Cicero mit der 4. Catilinarischen ein, die uns leider nur in der retuschierten Fassung aus dem Jahr 60 vorliegt, in der er bereits unter popularem Druck stand. Ihm war aber wohl schon während der Sitzung klar gewesen, dass Caesars Vorschlag sich rein juristisch gesehen nicht von der durch Silanus geforderten Todesstrafe unterschieden hätte, denn weder das Verhängen einer Todes- noch einer Gefängnisstrafe stand dem Senat zu. Während er dies in Cat. IV 7 eingesteht, sagt er drei Kapitel später jedoch wieder, dass die Inhaftierten keine römischen Bürger mehr seien, womit sie ihre diesbezüglichen Privilegien also verloren hätten. Doch die Verschwörer waren bereits inhaftiert und im Gegensatz zu Manlius und Catilina nicht zu Staatsfeinden erklärt worden, hatten zudem bei ihrer Verhaftung keine Gegenwehr geleistet. Das Argument der dringenden Staatsnotwehr war also nicht mehr gegeben. Nach Ciceros Rede erklärte Silanus unter dem Eindruck von Caesars Vorschlag, dass er mit äußerster Strafe ebenfalls das Gefängnis gemeint hatte. Die folgenden Consulare mit Ausnahme des Catulus entschieden sich nun ebenfalls dafür, bis der designierte Volkstribun Cato an die Reihe kam.

4.3.3 Cato

Plutarch schildert Catos Antrag in Cat. Min. 23 als in „leidenschaftlichem Zorn“ vorgetragenen Angriff auf Caesar. „Unter demokratischer Maske, mit menschenfreundlichen Phrasen bereite er den Umsturz vor.“ Caesar zeige kein Erbarmen für das Vaterland, aber für Männer, deren Tod die Stadt von Mord und Verderben befreie. Vielmehr solle er darüber froh sein, nicht selbst angeklagt zu werden. Ein solch aggressiver Cato wird bei Sallust nicht beschrieben. Vielmehr lässt er Catos Anschuldigungen gegenüber Caesars angenommener Mitwisserschaft fallen. Beide Kontrahenten werden mit fast stoischer Rationalität ausgestattet, womit ihr Wortgefecht auf eine neutralere Ebene gehoben wird und damit frei von etwaigen persönlichen Intentionen erscheint.

Sallust 52 gibt Catos Rede wieder: Man habe es hier mit Verbrechern zu tun, die gegen das Vaterland aufbegehrten. Andere Verbrechen könne man bestrafen, wenn sie geschehen seien, aber hier ginge es nicht um Bestrafung, sondern um Vorbeugung (die juristische Ebene weicht also bereits hier der politischen). Mit einem Appell wendet Cato sich an die Senatoren, denen ihre Besitztümer und ihr Lebensstil wichtiger seien als der Staat. Ihre libertas et anima stünden auf dem Spiel, auch das Eigentum könne in die Hand der Feinde fallen. Falls diese Formulierung wirklich in der hier wiedergegebenen Reihenfolge ausgesprochen wurde, enthält sie einen hervorragenden Hinweis auf Catos taktisches Kalkül. Nicht in der Bedrohung der Freiheit und des Lebens gipfeln seine Befürchtungen, sondern in der Gefahr für das den Senatoren so teure Vermögen.

Auf Caesar gerichtet klagt er dessen leichtfertigen Ton mit dem Thema Tod an und fragt, ob er es für ein Märchen halte, dass in der Unterwelt die bösen Menschen in entsetzlichen Stätten hausen müssten. Auch mit diesem Vorgehen greift der Apollo-Priester (die zumindest seit dem 1. Jhdt. v. Chr. aus den Quindecimviri gebildet wurden) den obersten Priester Roms an und hält ihm indirekt die Scheinheiligkeit seines Amtsantrittes vor. Schließlich war, wie sich gleich noch zeigen wird, Cato überzeugter Vertreter der alten Kulte und Sitten, ging ihnen jedenfalls nicht aus populistischen Motiven nach.

Caesars Antrag nach Aufteilung der Verbrecher und ihres Vermögens biete zudem keinen Schutz, weil auch außerhalb Roms Befreiungsversuche möglich seien. Jetzt sei der Zeitpunkt, Catilinas Heer gegenüber Stärke und Durchsetzungskraft zu beweisen. Gerade die Schwäche des Staates und die Ruhmsucht des Einzelnen hätten die Allgemeinheit angreifbar gemacht. Die Gefahr durch die Gallier und die Bürger des hohen Adels stehe einem wankelmütigen und trägen Senat gegenüber. Genau mit dieser Trägheit spricht Cato den Vorschlag Caesars an, der kein eindeutiges Zeichen gesetzt hätte. Der Senat müsse aber hingegen mit Taten sprechen und nicht auf die Zeit oder die Götter vertrauen. Der Feind stünde außerhalb, aber auch innerhalb der Mauern, Entscheidungen könnten nicht mehr vertraulich getroffen werden und umso mehr sei Eile geboten.

Catos Antrag lautete also folgendermaßen: Die Verbrecher, die den Staat bedrohten, seien gefasst und geständig. Wegen des letztgenannten Punktes solle man sie nach alter Sitte und dem Brauch der Väter hinrichten. Gerade auch dieser Rückbezug auf den althergebrachten Brauch, der es erlaubte, sie wie auf frischer Tat ertappte Verbrecher ohne Verfahren zu verurteilen[50], hatte eine nicht von der Hand zu weisende, tradierte Zugkraft. Kapitalverbrechen konnten schließlich bei sofort aufgegriffenen oder geständigen Verbrechern augenblicklich mit der Hinrichtung geahndet werden. Allerdings waren Lentulus und seine teilgeständigen Mitverschworenen schon in sicherem Gewahrsam und dieses Argument war mehr als wackelig.

Sallust verfasste im Anschluss an die Reden Caesars und Catos einen Vergleich der beiden Charaktere. In dieser Synkrisis (Sal. 54) heißt es: Caesar war beim Volk durch seine Freigebigkeit und seinen Großmut, Cato durch Integrität und die Tatsache, dass er nichts verschenkte, berühmt. Caesar profitierte von seiner Milde (misericordia, Cat. 54, 2 - später im Bürgerkrieg bekanntermaßen als clementia berühmt geworden), Cato von seiner Strenge. Caesar lebte für die Interessen anderer, denen er half, wartete aber auch auf die Gelegenheit, die eigenen Fähigkeiten voll einsetzen zu können. Cato hingegen nahm sich nicht an seinen reichen Kollegen ein Beispiel, sondern am Tapferen und Tüchtigen. „Lieber wollte er gut sein, als gut scheinen“ (54, 6) und wurde durch diese Zurückhaltung nur noch populärer. Die Cambridge Ancient History bringt es auf den Punkt: „By a curious inversion of their usual attitudes Caesar now stood for constitutional propriety, Cato for rough common sense. But this incident may serve as a reminder that it is an exaggeration to dub Cato a doctrinaire legalist and Caesar a revolutionist on principle“[51].

4.4 Die Entscheidung

Über die Gewichtung der beiden Reden und die anschließende Synkrisis bei Sallust ist hinreichend geurteilt worden. Meist herrscht dabei eine Cato den Sieg zusprechende Tonlage[52]. Fehrle führt zudem noch einen gewichtigen Nachweis dafür an, dass Sallust Cato die bessere Rede in den Mund legt. Was Cato in Sal. 52, 19 bis 23 sagt, entspricht den Wertvorstellungen in Sal. 2, 3 - 2, 6 und 6, 1 - 13, 5[53]. Allerdings lassen sich auch die Cato angehängten Attribute in der Synkrisis auf Sallusts Idealvorstellungen des Staates übertragen. Caesars Nachsicht mit den Verschwörern passt hingegen nicht zu der Situation am 5. Dezember.

Der Senat folgte ebenfalls dem Urteil Catos. Zwar hatten sich seine Vorredner der Argumentation Caesars angeschlossen, aber die nach ihm Befragten stimmten mit großer Mehrheit für die Hinrichtung. In der wankelmütigen Curie war Cato schließlich nicht der erste, der die Todesstrafe gefordert hatte, sondern Caesar war der erste, der sie nicht forderte[54]. Zwar gab Cicero vor, sich dem Urteil des Senats vollkommen unterzuordnen, doch hatte er die Auseinandersetzung mit Worten und Taten der vergangenen Tage in eine aggressive Richtung gelenkt und nach Caesars beschwichtigender Ansprache mit seiner 4. Catilinarischen Rede interveniert.

Als sich der Senat Catos Forderung angeschlossen hatte, die Gefangenen hinzurichten, erhob Caesar Einspruch gegen eine zusätzliche Einziehung ihrer Vermögen. Er wollte nicht, dass nur der humane Teil der geforderten Inhaftierung verworfen und der härtere Teil seiner Forderung nach Einbeziehung des Vermögens aufrechterhalten blieb[55]. Cicero folgte dann auch diesem Vorschlag. Caesar beharrte allerdings auf seinem Standpunkt, wurde von umstehenden Rittern aber mit dem blanken Schwert bedroht und konnte nur mit Mühe von Freunden und dem Consul Cicero beschützt werden[56]. Er blieb den Rest des Jahres der Curie fern. Zum ersten und einzigen Mal wich Caesar bei einer Konfrontation mit Cato der Waffengewalt, während dieser unbeabsichtigt und indirekt davon profitierte.

Entscheidend waren jedoch Catos verbale Attacken auf den Praetor. Seine Rede etablierte ihn als den Führer der Optimaten im Senat[57] und Velleius Paterculus lobt die später vielbeschworene virtus des designierten Volkstribuns, der vor dem geplanten Brand und dem politischen Umsturz warnte[58]. Auch Sallust beschreibt in Kapitel 53 Cato als „den gefeierten Held des Tages“, dessen Vorschlag nun offizieller Senatsbeschluss geworden sei. Genau das war aber die noch weite Kreise ziehende Problematik des 5. Dezembers. Denn der Senat gab dem Consul mit seinem Beschluss nur eine rechtliche Grundlage und Empfehlung, sprach selbst jedoch kein Recht. Cicero hatte bereits im Vorfeld mit der Einbeziehung des Senats in die Urteilsfindung die auf ihm lastende Verantwortung zu teilen versucht. Er stellte sich demonstrativ hinter die Entscheidung des Senats, obwohl daraus „möglicherweise größere Schwierigkeiten“ für ihn entstehen könnten[59]. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rede trennten ihn dann auch nur noch zwei Jahre von seiner Verbannung 58/57. Die Senatoren waren schließlich noch weniger zum Verurteilen befugt gewesen als er, dem das SCU diktatorische Vollmachten verlieh.

Die Zwickmühle, in die eine vielfach interpretierbare Gesetzeslage geführt hatte, mündete letztendlich im staatlich verordneten Mord. Ob der ausgerufene Staatsnotstand sich nun über das Provokationsgesetz hinwegsetzen konnte oder nicht - es handelte sich um keinen bereits vollzogenen Aufruhr und die geständigen Verbrecher waren unschädlich in (halbwegs) sicherem Gewahrsam. Es ging bei der schließlich erlassenen Verfügung jedoch nicht um die juristische Sachlage, der auch Caesar nur teilweise entgegen gekommen wäre. Die Hinrichtung der fünf Catilinarier war eine rein politische Entscheidung und nur darauf war Catos Argumentationsgang ausgelegt. Der Senatsbeschluss sollte primär allen Anhängern Catilinas verdeutlichen, dass der Staat sie nicht schonen würde, zum Äußersten bereit und generell überhaupt auch noch handlungsfähig war.

[...]


[1] Sall. Cat. 54

[2] Dahlheim 1987, S. 71

[3] Schröder, S. 147

[4] Vgl. Stammbäume in RE 43, S. 103 / 104; Münzer, S. 282 / 333; Gerlach, S. 34

[5] Gel. XIII 20, 7

[6] Den Porciern war ohnehin kein langes Leben beschieden, vgl. Münzer, S. 329: „Von den zwei Söhnen, vier Enkeln und zwei Urenkeln [des älteren Cato] haben sechs noch nicht das fünfzigste Lebensjahr erreicht.“

[7] Fehrle, S. 53

[8] Münzer, S. 426: „Die Frauen, die Mütter, Schwestern und Töchter haben sogar in das Leben der männlichsten Männer oftmals entscheidend eingegriffen, wie aus dem Beispiel des Märtyrers der republikanischen Freiheit, des jüngeren Cato, zu ersehen ist.“

[9] Fehrle, S. 54

[10] Gelzer 1934, S. 63

[11] Plut. Cat. Min. 24 (künftig nur noch ‘Cat. Min.’ abgekürzt)

[12] Lucan II 331 / Cat. Min. 52

[13] Cat. Min. 52

[14] Plut. Brut. 53 / Cat. Min. 73

[15] In Cat. Min. 25 bezieht sich Plutarch eindeutig auf Thrasea, der seine Kenntnisse von Rufus habe; vgl. auch Fehrle, S. 8 ff.: Valerius Maximus war bei seinen Schriften bzgl. Cato wohl nicht auf die Zwischenquelle Thrasea angewiesen, sondern ihm lag Rufus im Original vor.

[16] Cat. Min. 5

[17] Cat. Min. 7

[18] McDermott, S. 68: „The stoic belief in the orator’s mission to instruct his audience rather than to move or to delight is demonstrated by Cato’s warnings against innovation.“

[19] Cic. De fin. III 16

[20] Dazu Erskine, S. 114/115: „For in stoic thought a man was just because he was obedient to the law which existed by nature, right reason, which dictated what one should and what one should not do.”

[21] Gelzer 1934, S. 66

[22] Cat. Min. 9; In diesem Kapitel wird noch erwähnt, dass Cato 15 Sklaven, 2 Freigelassene und vier Freunde (darunter wohl Munatius Rufus) bei sich hatte. Auf seiner späteren Asienreise habe er seinen Koch und den Bäcker jeweils voraus in die nächste Stadt geschickt, um alles vorzubereiten (Cat. Min. 12) und kurz vor Antritt seines Volkstribunats begab er sich für kurze Zeit mit Büchern und Philosophen „nach Lukanien, wo er Landgüter besaß, die einen angemessenen Aufenthalt gewährten“ (Cat. Min. 20). All dies ist im Vergleich zu den Reisegewohnheiten anderer Aristokraten natürlich spärlich, zeugt aber auch nicht von spartanischer Lebensweise des später so oft den Sittenverfall und eine Abkehr von den Bräuchen der Väter proklamierenden Cato.

[23] Laut Münzer, S. 333 lassen die Ehren beim Tod Caepios (etwa Anfang des Jahres 67) auf eine amtliche Eigenschaft in Thrakien, vermutlich die Quaestur, schließen.

[24] Cat. Min. 11

[25] Dort soll er laut Cat. Min. 14 das erste Mal Pompeius getroffen haben. Rein menschlich hätten sich die beiden nicht sonderlich gut verstanden, aber Cato war einer der wenigen Gäste Pompeius’, dem auch dessen Frau und Kinder vorgestellt wurden. Miltner, S. 173 entgegnet allerdings, dass Pompeius erst 62 in das von Plutarch angegebene Ephesos gelangt sei, Cato ihn wohl also nach der Quaestur getroffen habe.

[26] Cat. Min. 16

[27] Über das Jahr der Quaestur ist sich die Forschung nicht sicher. Während das Jahr 65 denkbar ist, weil Cato hier das 30. Lebensjahr erreicht hatte, geht z. B. Fehrle von einer Quaestur Catos im Jahr 64 aus. Dieses Jahr wäre chronologisch sinnvoller (S. 78). In diesem Fall lägen Catos Quaestur und Caesars Vorsitz im Gerichtshof für Gift- und Raubmorde im gleichen Jahr.

[28] Bleicken, S. 108

[29] Cat. Min. 17; Obwohl Sulla „noch vom Vater her ein Freund des Hauses Cato“ war, scherte sich Cato wenig um die einstmals enge Bindung seines Vaters an Sulla, wie die Anekdote in Cat. Min. 3 (s. o.) zeigt.

[30] Cat. Min. 18

[31] Cat. Min. 19

[32] Val. Max. VIII 1, 2

[33] Cat. Min. 29 ist ein Anachronismus. Lucullus’ Triumph wurde zudem nicht nach seiner Rückkehr im Jahr 66 gefeiert, sondern erst 63 (McDermott, S. 67)

[34] Cat. Min. 20

[35] Cat. Min. 21

[36] Der Murenaprozess fand in der zweiten Novemberhälfte, also noch vor dem 5. Dezember statt.

[37] Pro Mur. 1970, S. 298 / bei Pro Mur. 1989, S. 44 „ gravissimo atque integerrimo viro

[38] Kumaniecki, S. 179: „Außerdem ist nicht zu vergessen, dass auch Catos Rede eher allgemeinen Betrachtungen gewidmet war. So musste Ciceros Replik auch allgemeine Betrachtungen moralischer und politischer Art enthalten. In diesem Sinne ist wohl auch die Verteidigungstaktik vom Verteidigerkollegium festgesetzt worden, das die Rolle, sich mit Catos Autorität auseinanderzusetzen, also die wichtigste Rolle, Cicero zugeteilt hat.“

[39] Beispielsweise bei Cat. Min. 5, 31, 43, 51, 54 / Caes. Bel. civ. I 32

[40] Dagegen McDermott, S. 72: Cato sei „not an orator, merely an indefatigable speaker“

[41] Cass. Dio 37, 30 / Cic. Cat. 2, 8 / Dazu auch Yavetz, S. 488-489: „In addition to the urban and rural plebs, Catiline’s following includet Sullan colonists, who had become impoverished in the course of years, indebted aristocrats and the jeunesse dorée of Rome.”

[42] Plut. Cic. 16

[43] Plut. Cic. 18

[44] Cic. Cat. IV 4 / Cass. Dio 37, 33

[45] Härtel / Gottfried , S. 204

[46] Dahlheim 1991, S. 31

[47] Waldstein, S. 100

[48] Vgl. Gelzer 1960, S. 46

[49] Vgl. Nelson, S. 66

[50] App. Bel. civ. 2, 6

[51] The Cambridge Ancient History IX, S. 504

[52] Vgl. Drexler (Hrsg.), S. 183-192

[53] Fehrle, S. 310 ff.

[54] Cic. Att. 12, 21, 1

[55] Plut. Cic. 21

[56] Suet. Caes. 14

[57] Dazu Mommsen (Bd. 4, S. 163) äußerst kritisch: „… obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu berechtigten.“

[58] Vell. II, 35, 1-5

[59] Cic. Cat. IV 9

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Marcus Porcius Cato und sein Kampf gegen Caesar
Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,30
Autor
Jahr
2008
Seiten
76
Katalognummer
V118254
ISBN (eBook)
9783640217878
ISBN (Buch)
9783640218011
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcus, Porcius, Cato, Kampf, Caesar
Arbeit zitieren
Dr. G. (Autor), 2008, Marcus Porcius Cato und sein Kampf gegen Caesar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118254

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