Lew Tolstois religiöse und kulturkritische Konzeptionen in "Der Tod des Iwan Iljitsch"

Die Lüge im Leben Iwan Iljitschs


Hausarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lew Tolstoi. Leben und Denken
2.2 Religiöse Konzeption und sozialethische Implikationen
2.3 Gesellschafts- und Kulturkritik
2.3.1 Tod

3. Der Tod des Iwan Iljitsch
3.1 Die gesellschaftliche Reaktionen auf den Tod Iwan Iljitschs
3.2 Das Leben Iwan Iljitschs
3.3 Das Sterben Iwan Iljitschs
3.4 Iwan Iljitsch im Lichte der Konzeptionen Tolstois
3.4.1 Zur gesellschafts- und kulturkritischen Konzeption
3.4.2 Zum Religionsverständnis

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lew Tolstoi1 gilt als einer der wichtigsten Autoren der russischen Literaturgeschichte. Seine Werke Krieg und Frieden und Anna Karenina gehören dem Kern der Weltliteratur an. Tolstoi war neben seiner Laufbahn als Schriftsteller ein einflussreicher Intellektueller seiner Zeit und beschäftigte sich mit grundlegenden Themen wie Religion, Kunst, Pädagogik, Politik, Moral, Gesellschaft oder dem Tod. Seine Gedanken und gewonnenen Einsichten verarbeitete er immer wieder in seinen Texten.

In der Novelle „ Der Tod des Iwan Iljitsch ” spielen neben Tolstois religiöser Lehre und gesellschaftskritischen Überlegungen vor allem seine Auseinandersetzung mit dem Tod eine große Rolle. Fuhrmann schreibt in einem Nachwort zur Reclam-Ausgabe der Erzählung:

„[D]urch das Werk des russischen Schriftstellers zieht sich das Thema des Todes, des Sterbens, die Frage nach der Bedeutung des Todes für das Leben wie ein roter Faden [...] bis zu der ausführlichsten und erschütterndsten Darstellung des Sterbens in der Novelle von 1886.“2

Die vorliegende Arbeit stellt sich zur Aufgabe, Tolstois Novelle „Der Tod des Iwan Iljitsch” auf die religiösen und damit verbundenen sozialethischen sowie kulturkritischen Konzeptionen des Autors zu untersuchen und mithilfe der Befunde eine Antwort auf die Frage zu finden, inwiefern sich Iwan Iljitschs Erkenntnis, er habe eine Lüge gelebt, im Angesicht seines bevorstehenden Todes erklären lässt und welchen Gegenentwurf die Erzählung für das richtige bzw. wahre Leben vorgibt. Dafür soll zunächst ein Überblick über Tolstois Leben und Denken dargestellt werden, der sich auf die eben genannten Konzeptionen beschränkt und diese möglichst auf die für die Analyse relevanten Punkte reduziert. In einem zweiten Schritt soll die Erzählung Tolstois gründlich analysiert werden. Die Analyse wird den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellen. Die Erkenntnisse der Analyse werden anschließend mithilfe der zuvor herauskristallisierten Konzeptionen interpretiert und diskutiert. Am Ende der Arbeit werden die Ergebnisse in einem Fazit resümiert.

2. Lew Tolstoi. Leben und Denken

Lew Nikolajewitsch Tolstoi wurde am 28. August 1828 in Russland geboren. Seine Familie war wohlhabend und hatte gute Verbindungen zum Zarenhof. Dementsprechend wuchs Tolstoi in sehr guten Verhältnissen auf.3 Wahrscheinlich begünstigte dieser Umstand, dass er bereits sehr früh anfing zu schreiben und zu veröffentlichen.

Tolstois gesamtes schriftstellerisches Werk ist von einem moralischen Impetus durchdrungen. Er verfolgte den aufklärerischen Anspruch, mit seinen Texten nicht nur zu unterhalten, sondern ebenso zu lehren, zu erklären und zu erziehen.4 Schmidt schreibt:

„Tolstoi koppelt die Kunst vom Begriff des ‚Schönen’ ab und verpflichtet sie auf das ‚Gute’. Nur wenn ein Künstler ein religiös wertvolles Gefühl empfinde, das die Menschen untereinander und mit Gott verbinde, dürfe er überhaupt ein Kunstwerk schaffen.“5

Mit diesem Zitat lässt sich nach Schmidt Tolstois künstlerisches Anliegen zusammenfassen.6

2.2 Religiöse Konzeption und sozialethische Implikationen

Doch wie genau ist dieser moralische Impetus in Tolstois Werken konzipiert? Tolstoi strebte nach einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die auf dem Fundament der Liebe, der Rücksicht, der Selbstlosigkeit und der Gemeinschaft baut.7 Kunst müsse der allgemeinen Verbrüderung der Menschheit dienen.8 Der Wunsch nach einer allgemeinen Verbrüderung der Menschheit über alle sozialen Klassen hinweg kann nach Schmidt als zentrale Überzeugung Tolstois betrachtet werden.9

Viele seiner Biographen und auch Tolstoi selbst heben eine Wende in Tolstois Leben hervor, die entscheidend für seine sozialethische Konzeption ist. Diese Wende markiert den Beginn einer religiösen Lebenskrise, die 1878 nach der Beendigung des Romans Anna Karenina Tolstois Leben geprägt hat und den weiteren Verlauf entscheidend mitbestimmt hat. Schmidt betont jedoch, dass diese Wende nicht als radikal neues Denken Tolstois bestimmt werden darf. Vielmehr habe Tolstoi Ansichten und Gedanken, die er bereits viele Jahre zuvor niedergeschrieben hatte, radikalisiert. Tolstoi lehnte alle leeren Riten, Dogmen - auch den Glauben daran, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei - sowie biblischen Wundertaten ab und kämpfte damit öffentlich gegen die russisch orthodoxe Kirche, die ihn einige Jahre später exkommunizierte. Sein Ziel war die Umwandlung der Religion in eine Vernunftsreligion, welche die rationalen Elemente aller Religionen und der Philosophie miteinander verbindet und in Einklang bringt. Gott sei kein Weltenlenker, vielmehr trage jeder Mensch Gott in sich und müsse diesen erst finden. Gott selbst sei das Verstehen und demnach ein abstraktes Prinzip, deshalb könne der Mensch im moralischen Verhalten das Göttliche in sich verwirklichen. Das vom Gesetz der Vernunft geforderte moralische Verhalten sei ein Mittelweg zwischen den radikalen Polen des Egoismus und des Altruismus. Der Mensch dürfe demnach nicht nur an sich selbst denken, aber sich gleichzeitig auch nicht selbst vergessen. Diese Überlegungen finden sich nach Schmidt vor allem in der autobiographischen Erzählung „Beichte“ (1882) oder im Traktat „Was ist Religion, und worin besteht ihr Wesen“ (1902).10

Tolstoi versuchte ein Leben zu führen, dass eine Vorbildfunktion erfüllt, ein Leben, dem es nachzueifern gilt.11 Er verstand seine eigene Biographie als „ [...] exemplarischer Weg aus der zivilisatorischen Vereinzelung hin zur allgemeinen Verbrüderung.12 Damit verband sich der Versuch, allen Einflüssen sozialer Konventionen zu widerstehen. Konventionen waren für ihn mit Unterdrückung der sozial unteren Klassen verbunden.13 Tolstoi ersetzte die Religion nach Schmidt durch ein striktes Moralsystem und versuchte selbst besonders streng nach diesen Verhaltensregeln zu leben. Das führte unter anderem dazu, dass Tolstoi Vegetarier wurde und auf Privateigentum verzichtete. Schmidt schreibt: „ Nach seiner Lebenskrise wollte Tolstoi auch seine Einkünfte nicht mehr verwalten. Seine Frau gab ihm jeweils einen Silberrubel Taschengeld pro Tag.”14

Bartolf betont, dass Tolstois Lehre im Verstehen bzw. höheren Erkennen die wahre Bedeutung des Lebens suche. In dieser Suche solle dem Menschen sein wahres Wesen offenbart werden. Tolstoi habe die unkirchliche Lehre Christi auf ihren sozialethischen Ursprung zurückgeführt und ihres metaphysischen Gewandes entkleidet. Bartolf erklärt des Weiteren, dass Tolstois unbekanntes Verdienst die Wiederentdeckung der Lehre Christi als Lebensphilosophie und Quelle einer unmetaphysischen Sittlichkeit sei.15 Ein zentrales Element seines religiösen Programms war deshalb für Tolstoi die Bergpredigt. Sansom schreibt: „ [...] [H]e felt the only hope for a spiritual Kingdom on earth was in living out fully and literally Jesus’ ,Sermon on the Mount‘.” 16

2.3 Gesellschafts- und Kulturkritik

Grundlegend für Tolstois Gesellschafts- und Kulturauffassung war seine Neigung zum Denken Rousseaus. „ Tolstois Rousseau geschuldete Grundannahme bestand darin, dass dasallgemeine ewige Gesetz in der Seele jedes Menschen’ eingeschrieben war.” 17

Auch Gerigk betont die Nähe Tolstois zum Denken Rousseaus. Gerigk schreibt: „Der Kulturkritiker Tolstoj liefert eine kritische Einschätzung der geistigen Situation seiner Umwelt im Lichte der Kulturtheorie Rousseaus.18 Er sieht im Gesamtwerk Tolstois das Motto, vor der Selbstentfremdung des geistigen Menschen zu warnen. Die Gesellschaft bzw. die Kultur würde dem Menschen von seinem wahren Wesen entfremden. Der Mensch müsse sich deshalb vor jenen schlechten Einflüssen der Gesellschaft schützen.19

Nach Tolstoi laufe der Mensch Gefahr, durch Einflüsse der Gesellschaft seine Individualität zu verlieren und zum Teil der Masse assimiliert zu werden. In diesem Kontext wird in der Forschung immer wieder auf Heidegger verwiesen, der in seinem Werk „Sein und Zeit” die Erzählung „der Tod des Iwan Iljitsch” als Paradigma seiner Philosophie herangezogen hat. Hoffmann betont: „Martin Heidegger ist sicher der bedeutenste [sic!] Rezipient von Tolstois Erzählung.“20 Heidegger warnt davor, dass das „Selbst” durch die gesellschaftliche Vereinnahmung des Einzelnen, zum „Man-selbst” werde.21 Das „Man“ ist das zentrale Element Heideggers Philosophie des Todes.22 Gerigk hebt folgende Passagen Heideggers hervor, um dies zu exemplifizieren:

„Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; (...) wir finden empörend, was man empörend findet.’ [...] [D]as ‚Man’ [...] schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.’ ‚Das Man entlastet das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit.’ ‚Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.’”23

In einer Formel zusammengefasst heißt das: Ich denke und handle, wie man denkt und handelt. Das Ich vergisst also im Handeln und Denken das „Selbst“ und unterwirft sich den Konventionen des „Man“. Wie bereits angemerkt wurde, ist das Widerstehen des Ichs vor solchen Konventionen Bestandteil Tolstois Sozialethik.

2.3.1 Tod

Eng mit der Kritik am gesellschaftlichen „Man” ist die Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod verbunden, da der Mensch im Modus „Man” keine ernsten Gedanken über den Tod verliere. Das „Man” entlaste vor dieser Auseinandersetzung.24 Erst wenn der einzelne Mensch selbst im Sterben liegt, werde er zwangsläufig damit konfrontiert. Gerigk erläutert: „ Unter der Diktatur der Öffentlichkeit wird der Mensch in die Selbstentfremdung getrieben und vergisst sein eigentliches Selbst. Erst die gelebte Grenzsituation des Todes lässt ihn erwachen.”25 In der Gesellschaft bzw. Öffentlichkeit sei der Tod als innerweltliches Faktum zwar bekannt, aber das „Man“ lege diesen Umstand so aus, dass der Tod die eigene Existenz zunächst nicht betrifft – nach dem Motto: Andere sterben, aber ich selbst bin davon nicht betroffen.26 Sowohl Heidegger als auch Tolstoi prangern die Ignoranz in der Gesellschaft an, in der das Sterben anderer lediglich als unschicklich und abstoßend betrachtet wird.27

Als Tolstois wohl größte Antriebskraft auf seiner „literarischen Sinnsuche” war nach Schmidt Tolstois Angst vor dem Tod. Besonders der Tod seiner drei Brüder sollen ihn überfordert und stark verstört haben.28 In der Auseinandersetzung mit dem Tod entwickelte Tolstoi die Grundfragen: „ Wie geht das menschliche Bewusstsein mit dem Tod um? Wie kann es dieser letzten Herausforderung begegnen, ohne darin unterzugehen?29 In seinen Werken zeigt sich immer wieder der Versuch, den Tod mithilfe der menschlichen Vernunft zu besiegen. Zunächst scheiterte er – beispielsweise im Text „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen” – an der Herausforderung, die Auseinandersetzung des menschlichen Bewusstseins mit dem Tod literarisch authentisch darzustellen.

...


1 Es gibt unterschiedliche Schreibweisen des Namens. Für diese Arbeit wird sich an der Schreibweise nach Ulrich Schmidt orientiert (Lew Tolstoi). In den Quellenangaben und den Zitaten kann es jedoch Abweichungen geben.

2 Nachwort von Konrad Fuhrmann, in: Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch. Stuttgart: 1992, S. 93f.

3 Vgl. Ulrich Schmidt: Lew Tolstoi. München: 2010, S. 15.

4 Vgl. Schmidt 2010, S. 9.

5 Ebd. S. 85.

6 Vgl. ebd. S. 85.

7 Vgl. ebd. S. 9.

8 Vgl. ebd. S. 85.

9 Vgl. ebd. S. 58.

10 Vgl. Schmidt 2010, S. 70-79.

11 Vgl. ebd. S. 79.

12 Ebd.

13 Vgl. Dennis Sansom: Tolstoy and the moral instructions of death. In: Philosophy and Literature, 28 (2); Johns Hopkins University Press: 2004, S. 418.

14 Schmidt 2010, S. 78.

15 Bartolf, Christian: Ursprung der Lehre vom Nicht-Widerstehen: über Sozialethik und Vergeltungskritik bei Leo Tolstoi. Ein Beitrag zur Bildungsphilosophie der Neuzeit, Berlin: Gandhi-Informationszentrum 2006, S. 14f.

16 Sansom 2004, S. 418.

17 Schmidt 2010, S. 26.

18 Gerigk, Horst-Jürgen: Dichterprofile. Tolstoj, Gottfried Benn, Nabokov, Heidelberg: 2012, S. 21.

19 Vgl. Gerigk 2012, S. 15.

20 Matthias Hoffmann: Sterben? Am liebsten plötzlich und unerwartet: Die Angst vor dem sozialen Sterben. Wiesbaden: 2011 , S. 117.

21 Vgl. Gerigk 2012, S. 25.

22 Vgl. Hoffmann 2011, S. 118.

23 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 1977, S. 169f. Zitiert nach Gerigk 2012, S. 25.

24 Vgl. Gerigk 2012, S. 25.

25 Vgl. ebd. S. 26.

26 Vgl. Hoffmann 2011, S. 118.

27 Vgl. Schmidt 2010, S. 48f.

28 Vgl. ebd. S. 46.

29 Ebd. S. 47.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Lew Tolstois religiöse und kulturkritische Konzeptionen in "Der Tod des Iwan Iljitsch"
Untertitel
Die Lüge im Leben Iwan Iljitschs
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Literatur und Ethik: Historische und theoretische Perspektiven
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V1183367
ISBN (Buch)
9783346606839
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tolstois, konzeptionen, iwan, iljitsch, lüge, leben, iljitschs
Arbeit zitieren
M.Ed. Micha Pante (Autor:in), 2020, Lew Tolstois religiöse und kulturkritische Konzeptionen in "Der Tod des Iwan Iljitsch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1183367

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