Generation Golf


Diplomarbeit, 2008

63 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wichtige politische, kulturelle und soziologische Einschnitte in Deutschland von den 60-er zu 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts

3.1 Charakterisierung der Generation Golf aufgrund Generation Golf von Florian Illies
3.2 Generation Golf zwei – eine langweilige Fortsetzung oder eine ganz neue Perspektive?
3.3 Vergleich – Generation Golf von Florian Illies und Zonenkinder von Jana Hensel

4. Christian Krachts Faserland

5. Spielzone von Tanja Dückers

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Thema meiner Diplomarbeit habe ich Generation Golf gewählt. Dieses Thema gehört in dem tschechischen kulturellen Milieu zu wenig durchforschten Themen der deutschsprachigen Literatur. Der Grund dafür kann sein, dass es sich um die neueste deutsche Literatur handelt. Viele Vertreter dieser Generation wurden nie ins Tschechische übersetzt, ihre Bücher und sogar ihre Namen sind in der Tschechischen Republik wenig bekannt, obwohl gerade diese Schriftsteller, die zu der Generation Golf gehören, in Deutschland oft umfangreiche Literaturdebatten verursacht haben. Erst die Zeit zeigt, ob diese Autoren zum Kanon der deutschsprachigen Literatur gehören werden. Aber eine Sache ist schon jetzt sicher – man sollte nicht die gegenwärtige Literatur übergehen, denn das Schaffen der Schriftsteller der Generation Golf bildet den wichtigen Teil der gegenwärtigen Literatur. In manchen Fällen stellen diese Bücher keine höheren ästhetischen Ziele. Die Autoren möchten den breiten Kreis von Lesern ansprechen und ihnen etwas mitteilen, sie amüsieren, ihre Gefühle, Emotionen oder irgendwelche Reaktionen erwecken.

In meiner Arbeit möchte ich die kulturelle und politische Situation, in der die Mitglieder der Generation Golf, die um das Jahr 1968 Geborenen, herangewachsen sind, andeuten, den Begriff Generation Golf erklären, und sich mit den bedeutendsten Werken von den Angehörigen dieser Generation beschäftigen. Wenn man diese Literatur vor dem Hintergrund der Weltliteratur bewerten möchte, dann kann man diese Autoren und ihre Generation zu der sog. Popliteratur einordnen. Ich gehe aus dem Buch Generation Golf. Eine Inspektion. von Florian Illies aus und aufgrund seiner Präsentation dieser Generation möchte ich gemeinsame Merkmale in dem Schaffen dieser Autoren suchen und sie analysieren. Im Jahre 2003 hat Florian Illies die Fortsetzung Generation Golf zwei publiziert, die ich in meiner Diplomarbeit auch behandeln möchte. Meine Absicht ist, beide Bücher, die dieselbe Generation

beschreiben, zu vergleichen und auszuwerten, zu welchen Veränderungen – dem Autor zufolge - bei dieser Generation innerhalb von zwei Jahren gekommen ist.

Die Ursprünge der Popliteratur hängen mit Dadaismus und mit der US-amerikanischen Beat Generation zusammen. William S. Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg gelten als Pioniere dieser Richtung. Die ersten popliterarischen Texte in Deutschland sind erst in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgetaucht, als der amerikanische Literaturwissenschaftler und Kritiker Leslie Fiedler den Aufsatz Cross the Border – Close the Gap in der Zeitschrift Christ und Welt und im Magazin Playboy veröffentlicht hat. Er hat Auflockerung, Entspannung und Entlastung der Hochkultur mittels einer Literatur verlangt, die den Alltag einbezieht und thematisiert. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann hat am Ende der 70-er Jahre versucht, die amerikanischen Popliteraten in Deutschland vorzustellen.[1] Zur Zeit der Studentenbewegung hat die Popliteratur eine wichtige Rolle gespielt. Mit Hilfe der Popliteratur hat sich die junge Generation von der Elterngeneration abgegrenzt. In den 90-er Jahren hat die Popliteratur wieder große Beliebtheit erreicht. Im Zusammenhang mit der Popliteratur in den 90-er Jahren kann man schon von der Generation Golf sprechen.

Als Generation Golf bezeichnet man eine bestimmte Prägung der Popliteratur der 90-er, obwohl diese Bezeichnung nicht wissenschaftlich definiert und nicht allgemein akzeptiert ist. Aus meiner Sicht ist der Begriff Popliteratur schwer zu definieren und kann irreführend sein. Im Unterschied dazu empfinde ich die Bezeichnung Generation Golf mehr auf deutschsprachige Literatur orientiert und aus deutschen Verhältnissen ausgegangen. Ich möchte mich in meiner Arbeit für den allgemeinen Gebrauch des Terminus Generation Golf einsetzen und seine Begründung nachweisen.

Die Popliteratur der 90-er Jahre ist nicht dieselbe Popliteratur, die es in den 60-er Jahren gab. Die jüngste deutsche Literaturgeneration hat Thomas Anz an den Webseiten www.literaturkritik.de folgendermaßen charakterisiert: „Nein, die jüngste Popliteratur ist nicht mehr wie jene, die Fiedler meinte, eine „Bedrohung für alle Hierarchien“ zwischen Hoch und Niedrig, Elite und Masse, Professionalität und Dilettantismus, sondern etabliert neue Hierarchien durch feine Unterscheidungen zwischen gutem und schlechtem Geschmack. Der Konsum dient ihr zur sozialen Differenzierung. Kracht, Stuckrad-Barre und Illies sind bekennende Snobisten. Nach der Lektüre von Krachts „Faserland“ habe man endlich sagen dürfen, so Illies, dass „die Entscheidung zwischen einer grünen und einer blauen Barbour-Jacke schwieriger als die zwischen CDU und SPD“ ist. Ein Schlüsselsatz in „Generation Golf“ lautet: „Der Kauf bestimmter Kleidungsstücke ist, wie früher die Lektüre eines bestimmten Schriftstellers, eine Form der Weltanschauung geworden.“ Die Mechanismen sozialer Distinktion sind geblieben, nur ihre Medien haben sich verändert. An die Stelle von literarischen Bildungserlebnissen setzen diese Autoren in ihren Geschichten der eigenen Entwicklung und Identitätsfindung prägende Konsumerlebnisse.“[2]

Auch aus diesem Grunde möchte ich begrifflich zwischen der Popliteratur der 60-er und 90-er Jahre unterscheiden. Den Grundsätzen der Popliteratur entsprechen in den 90-er Jahren gemäß ihrem Schaffen vor allem diese deutsch schreibenden Autoren: Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Tanja Dückers, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Joachim Bessing, Jess Jochimsen, Alexa Hennig von Lange. Auch Thomas Brussig benutzt popliterarische Methoden. Für die Analyse habe ich neben zwei Romanen von Florian Illies folgende Bücher gewählt: Faserland von Christian Kracht und Spielzone von Tanja Dückers.

Nach dem thematischen Kriterium wird manchmal die gegenwärtige deutsche Literatur geteilt[3] in die von den Vertretern der Generation Golf geschriebene Literatur, in die Ostalgie-Literatur, die sich auf die Atmosphäre der 70-er und 80-er Jahre in der DDR konzentriert, und die Literatur der sog. skeptischen Generation, die Bedeutungslosigkeit des Äußeren betont. In die Analyse habe ich daher absichtlich den ostalgischen Roman Zonenkinder von Jana Hensel eingegliedert, weil dieses Buch von Jana Hensel vor allem im Vergleich mit dem Buch Generation Golf von Illies einen passenden Anlass zu der Analyse gibt. Hensel könnte zur Generation Golf gehören (ihrem Geburtjahr zufolge) aber Charakter ihres Schaffens, die Bedingungen unter denen sie aufgewachsen ist, sind ganz unterschiedlich und deshalb möchte ich nicht Hensel zur Generation Golf ordnen. Ich möchte aber ihr Werk mit dem von den Vertretern der Generation Golf vergleichen.

Bei der Wahl der Werke zu der Analyse ließ ich mich durch die Aufzählung der Literaten der Generation Golf auf den Websites http://www.single-dasein.de/kohorten/golf.htm inspirieren (mit Ausnahme von Thomas Brussig, weil er seine Kindheit in Ost-Berlin verbracht hat). Diese Aufzählung der Literaten der Generation Golf ist völlig flexible und nimmt ständig neue Schriftsteller an. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ein allgemein gültiges und allgemein akzeptiertes Verzeichnis der Generations-Golf-Autoren nicht existiert, weil es sich um die neueste deutsche Literatur handelt.

Ich habe versucht solche Autoren auszuwählen, die stark im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung mit der Generation Golf verbunden sind und von denen auch die tschechischen Leser hören konnten – obwohl ihre Bücher ausnahmsweise ins Tschechische übersetzt wurden - Illies, Dückers. Andererseits habe ich nach den Büchern solcher Autoren gegriffen, die auf dem tschechischen Buchmarkt nicht vorkommen, aber die von den deutschen Literaturkritikern als hoffnungsvolle Neulinge in der Welt der Literatur bezeichnet werden – Illies, Kracht. Im Allgemeinen habe ich solche Werke zu der Analyse ausgesucht, bei denen eine klare und eindeutige Verbindung mit Generation Golf sichtbar ist. Ich habe nur eine Ausnahme gemacht - ich habe in meine Magisterarbeit auch solchen Schriftsteller eingeordnet, den einige Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler nicht als einen typischen Vertreter der Generation Golf finden können, was sicher Tanja Dückers ist. Ich möchte jedoch meine Auswahl verteidigen und sorgfältig meine Entscheidung begründen. Ich bemühe mich zu beweisen, dass die von mir ausgewählten Autoren tatsächlich als die Vertreter der Generation Golf betrachtet werden können.

In meiner Bakkalaureusarbeit habe ich mich mit der Thematik der Ostalgie beschäftigt. Ich habe mich auf Thomas Brussig, Jana Hensel und Michael Tetzlaff konzentriert. Obwohl Nostalgie im richtigen Sinne des Wortes bei den Vertretern der Generation Golf nicht vorkommt, ist bei diesen Schriftstellern auch die Tendenz zur autobiographischen Verzeichnung der Kindheitserinnerungen (gewöhnlich in der Form von Gedichten oder tagebuchartigen Prosanotizen[4] ) charakteristisch. Deshalb möchte ich das Schaffen eines von Ostalgie-Autoren (Jana Hensel) mit dem Werk von Florian Illies vergleichen und gemeinsame und unterschiedliche Merkmale ihrer Bücher finden. Gleichzeitig möchte ich auch andere Themen und Motive im Schaffen von Schriftstellern der Generation Golf analysieren.

2. Wichtige politische, kulturelle und soziologische Einschnitte in Deutschland von den 60-er zu 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts

Nur wenige Jahre in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die nächsten Ereignisse und die nächste geschichtliche Entwicklung so stark und so tief beeinflusst als das Jahr 1968. Viele Historiker haben gesagt, dass Deutschland nach 1968 nicht mehr das gleiche Land wie vorher war.[5] Kalter Krieg, nukleare Bedrohung, „Wirtschaftswunder”, Vietnam oder Massenkonsum[6] sind in Zeitungen so oft erschienen wie die Begriffe Ökonomie, Gesundheitswesen oder Kultur. Das Jahr 1968 war auch Jahr von heftigen Studentenprotesten – Jugend wollte die Situation an den Universitäten, in Kultur und Politik nicht weiter akzeptieren und begann sich zu organisieren. Deutschland, Frankreich, Österreichund verschiedene andere Länder waren die Schauplätze von Studentenprotesten.

Berliner Mauer hat fast 7 Jahre lang gestanden, als das Jahr 1968 an die Tür geklopft hat. Es gab zwei deutsche Staaten - die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Die DDR hat sich in die Rolle des antifaschistischen Staates mit einer starken antifaschistischen Tradition stilisiert. Antifaschismus hat dann als Argument gegenüber der Bundesrepublik gedient. In der „alten“ Bundesrepublik ist die Frage des II. Weltkriegs und Deutschlands Verantwortung nicht ohne Aufmerksamkeit geblieben. Seit Ende der 60er Jahre hat man versucht, sich kritisch mit der NS-Zeit zu beschäftigen. Diese Etappe von Diskussionen und Debatten über die Schuld und die Verstöße der Deutschen wird als Vergangenheitsbewältigung bezeichnet.

Nach den langen Adenauer-Jahren (1949-1961) hat sich in der Bundesrepublik eine Koalition zwischen CDU und SPD unter Bundeskanzler Kiesinger herausgebildet. Der Sozialistische Deutsche Stundentenbund wollte diese Koalition nicht akzeptieren. Die Studenten haben soziale Veränderungen und eine Hochschulreform gefordert. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen wurden große Demonstrationen organisiert. Eine von diesen Demonstrationen hat sich gegen den Berlin-Besuch des persischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi gewendet. 2.6.1967 wurde bei dieser Demonstration der Student Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen.

Der begabteste Rhetoriker und Organisator der Studentenbewegung war Rudi Dutschke. Rudi Dutschke hat nicht nur eine Hochschulreform, sondern auch eine umfassende Änderung der Gesellschaft angestrebt. Rudi Dutschke hat seit 1967 die Parole „Marsch durch die Institutionen“ benutzt, die als das Schlagwort für die Absicht der 68-er Bewegung gedient hat – im System der BRD Karriere zu machen und das politisch-gesellschaftliche System zu verändern. Rudi Dutschke wurde Opfer eines Attentats und dabei lebensgefährlich verletzt. Der Staat hat auf diese Studentenproteste mit massiven polizeilichen Aktionen reagiert. Einige Schriftsteller – z.B. Heirich Böll – sind öffentlich aufgetreten und haben gegen die Beschränkung der menschlichen Freiheit protestiert. Nach Dutschkes Tod und nach der zunehmenden staatlichen Repression ist die bis darin organisierte Bewegung zerfallen. Die Bewegung wurde schwächer in der zweiten Hälfte von 1968, als nur viele kleine Gruppierungen geblieben sind. In den 70-er Jahren haben sich aus dem Herzen der Proteste extremlinke Gruppen und die ”Roten Armee Fraktion” (RAF) geformt. Auch neue soziale Bewegungen sind entstanden – Frauen-, Friedens- und Umweltbewegungen.

In den 50-er und vor allem in den 60-er Jahren ist der Prozess der Integration der Frauen in das Arbeitsleben verlaufen. An der Wende der 70-er und 80-er Jahre hat sich eine neue Frauenbewegung entwickelt. In 1977 ist neues Ehe- und Familienrecht in Kraft getreten. Verschiedene Organisationen haben Frauenquoten eingeführt.

In dem privaten Leben hat sich in den 60-er Jahren das Modell der so genannten Normalfamilie durchgesetzt. Eine typische Normalfamilie hat aus einem Man und einer Frau, ihren gemeinsamen Kindern bestanden. Der Mann hatte die Funktion des Ernährers und die Hauptaufgabe der Frauen war die Kinder zu erziehen und sich um den Haushalt zu kümmern.[7] In den 70-er Jahren ist es zum Wandel in den Familienstrukturen gekommen. Die Zahl der Geburten ist gesunken, die Zahl der Scheidungen ist gestiegen. Für die 80-er Jahre war es typisch, dass auch nichteheliche Lebensgemeinschaften aufgetaucht haben, Kinderlosigkeit hat zugenommen, genauso Alleinerziehende und Singles. Diese Tendenz zu der Individualisierung, Bildungsexpansion, Gleichberechtigung dauert bis heute.

Nach der Etappe des diktatorischen Aufbaus des Sozialismus (1949-1961) spricht man im Zusammenhang mit der DDR in den Jahren 1961-1981 über die Zeit der Konsolidierung und Anerkennung. In der DDR wurde die so genannte Politik der „friedlichen Koexistenz“ aufgenommen. „ Die DDR sah in einer Politik der friedlichen Koexistenz einen Spielraum, die internationale Isolierung aufzulockern und ihre zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa zu entwickeln.“[8] Am Anfang der 60-er Jahre hat die Bundesrepublik mit Willy Brandt an der Spitze neue Ostpolitik begonnen, die das Verhältnis der Bundesrepublik zu der DDR und anderen osteuropäischen Nachbarstaaten betroffen hat. Die Jahre 1969-1982 werden in der Bundesrepublik als sozialliberale Ära bezeichnet.

Zu den wichtigsten Ereignissen der 70-er Jahre gehört Biermanns Ausbürgerung durch die SED-Führung in 1976. Seit den 1960er Jahren hat Wolf Biermann mit seinen Liedern und Texten den Kreis der kritischen DDR-Intelligenz beeinflusst. In seinen Liedern hat er das politische System in der DDR kritisiert. Als Reaktion auf die Provokation der DDR-Oberen hat die SED den bekannten Liedermacher mit Berufs- und Auftrittsverbot belegt. Am 13. November 1976 hat er das Konzert in Köln veranstaltet. Drei Tage nach dem Konzert hat ihm die DDR die Staatsbürgerschaft anerkannt und hat ihm die Wiedereinreise verboten. Die ostdeutschen Künstler und die Intellektuellen haben danach eine Petition verfasst. Die Ausbürgerung hat auch in der Öffentlichkeit eine intensive Protestwelle erweckt, auf die der Staat mit immer umfassenderen Maßnahmen reagiert hat. Wachsende Unzufriedenheit der Bürger hat nur zunehmende Kontrolle des Staates hervorgerufen, was oft zu der Emigration oder zu der inneren Emigration vieler Bürger der DDR geführt hat.[9] Darüber hinaus musste sich die DDR neben vielen oppositionellen Gruppen und Ausreisewilligen mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung auch wegen der ständig schlechteren Lebensqualität auseinandersetzen. Die Massendemonstrationen, die Forderungen nach Reisefreiheit in der DDR, die Sehsucht nach Wiedervereinigung Deutschlands haben zu der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 beigetragen.

In diese an Ereignisse reiche Zeit der 60-er und 70-er Jahre wurde eine Generation geboren, die später als Generation Golf bezeichnet wurde. Wie diese Generation von ihrem Angehörigen Florian Illies beschrieben wurde und wie die anderen Vertreter der Generation Golf die neueste deutsche Literatur beeinflusst haben, sollte diese Arbeit nahebringen.

3.1 Charakterisierung der Generation Golf aufgrund Generation Golf von Florian Illies

In den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts ist eine unübersehbare Tendenz aufgetaucht – das Streben nach der offiziellen und allgemeingültigen Benennung verschiedener Literaturgruppierung und Schriftstellerkreise. Kollektivereignisse stellen nicht mehr das wichtigste Kriterium für Bestimmung der Generationen dar, sondern individuelle Bedürfnisse und Ansichten stehen jetzt im Vordergrund. So wurden die “89-er Generation“, “Generation X“, “Generation Berlin“, “Generation Käfer“ oder z.B. “Generation @“ bestimmt. Unter den frisch benannten literarischen und soziologischen Gruppen ist auch solche Generation erschienen, die die Bezeichnung eines der beliebtesten Autos der Autofabrik Volkswagen im Namen trägt – Generation Golf. Der Nenner fast aller Gruppierungen, die sich in den späteren 80-er und 90-er Jahren herausgebildet haben, ist die gemeinsame Bemühung sich von der Nachkriegsgeneration und von der 68-er Generation zu unterscheiden und auszugrenzen. Was die Literatur angeht, unterscheiden sich wesentlich die Generation Golf oder allgemein die unpolitische und oberflächliche Popliteratur z.B. von der Gruppe 47, die sich auf die Aufarbeitung der Vergangenheit Deutschlands konzentriert hat.

Offiziell und deutschlandweit hat man von der Generation Golf erst nach der Veröffentlichung des Buchs Generation Golf. Eine Inspektion in 2000 gesprochen. Allmählich wird der Begriff Generation Golf durch ständig wachsenden Kreis der Literaten und Soziologien akzeptiert. „Die Generation Golf ist eine soziologische und kulturelle Tatsache.[10] - so hat sich der deutsche Literaturkritiker Gustav Seibt in der Zeitschrift Zeit ausgedrückt.

In diesem Buch, das umfangreiche soziologische und literarische Debatten entfesselt hat, hat der damals 29-jährige Journalist Florian Illies seine Generation witzig, ironisch und prägnant geschildert. Zu der von Florien Illies benannten Generation Golf gehören die zwischen 1965 und 1975 Geborenen.[11] Die Websites der deutschen Wikipedia über die Generation Golf führen ein, dass es sich um die in der Bundesrepublik Deutschland Geborenen handelt. Zu dieser Generation gehört auch Christian Kracht, der in Saanen in der Schweiz geboren wurde, oder Kathrin Röggla, die aus Salzburg stammt. Meiner Meinung nach ist nicht in diesem Falle bei der Bestimmung der Zugehörigkeit zu der Generation Golf der Geburtsort entscheidend. Lebenseinstellung, Weltanschauung, Lebensphilosophie und Charakter des Schaffens sind die wichtigeren Faktoren bei der Bestimmung der Zugehörigkeit zu der Generation Golf. Die Generation Golf kann man dann als eine internationale Generation verstehen. In Ausnahmenfällen darf man nicht sogar die obere Altersgrenze eindeutig begrenzen. Florian Illies selbst nennt die Ehrenmitglieder der Generation Golf –Max Goldt (Jahrgang 1958) oder Prinz William (1982 geboren), da der britische Thronfolger einer der ersten war, der den neuen Golf gefahren hat.

In meiner Auswahl der Vertreter der Generation Golf habe ich jedoch die Autoren, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, ausgelassen. Aus meiner Sicht ist der Charakter ihres Schaffens völlig unterschiedlich und auch die Bedingungen, unter denen sie herangewachsen sind, sind diametral verschieden von denen in der Bundesrepublik. Die Vorliebe für den Markenartikel, für die Mode und gesunden Lebensstil, was für die Vertreter der Generation so charakteristisch ist, hat sich bei ihnen nicht so massenhaft entfaltet.

Als der Feuilletonredakteur der Frankfurt Allgemeine Zeitung Florian Illies im Jahre 2000 das Buch Generation Golf veröffentlicht hat, wurde von ihm in allen deutschen Medien viel gesprochen. Einige haben sich mit seinem Bild von der Generation, die in den 80-er Jahren Kindheit und Pubertät erlebt hat, identifiziert, die anderen haben sich von seinem Erzählen distanziert, sein Buch kritisiert und seinen Anspruch auf die Benennung der ganzen Generation geleugnet. In jedem Fall ist Florian Illies und seine Generation Golf in das öffentliche Bewusstsein gekommen und sein Buch wurde augenblicklich zum Bestseller. Ein Jahr später erschien sein zweites Buch – Anleitung zum Unschuldigsein, mit dem Untertitel Das Übungsbuch für ein schlechtes Gewissen, in dem er zwar die Thematik der Generation Golf nicht verlässt aber sich auf die Darstellung der Gewissenbisse, der kleinen Schuldgefühle konzentriert. Die Generation Golf bleibt im Mittelpunkt seines Erzählens auch im Roman Generation Golf zwei, der im Jahre 2003 publiziert wurde. Sein bisherig letztes Buch ist Ortsgespräch aus dem Jahre 2006, in dem er sich wieder in seiner Kindheit inspiriert aber diesmal Heimat, Nachhausekommen thematisiert.

Die Charakteristik der Generation Golf hat Florian Illies wissenschaftlich nicht gestützt. Seine Darstellung der Generation ist subjektiv. Illies bietet in seinem Buch Generation Golf das Bild seiner Generation in Form von seinen Erinnerungen an, die er an alle seine Zeitgenossen pauschalisiert. Beim seinem Erzählen konzentriert er sich auf die alltäglichen, kollektiven Erlebnisse, die für seine Kindheit und Jugend typisch sind. Alles wird aus der Sicht des Erzählers dargestellt, der sich in die Rolle des Fürsprechers für die ganze Generation stilisiert. Als der Erzähler das, was ganze Generation seiner Meinung nach charakterisiert, beschreibt, benutz er die Form der 1. Person Plural. Es wird auch Ich-Form benutzt.

Das Buch Generation Golf besteht aus acht Kapiteln, wobei sich jedes Kapitel mit einem bestimmten Lebensabschnitt oder mit einem Bereich aus dem Leben der Generation Golf beschäftigt. Ein Motto aus der Werbekampagne für Volkswagen Golf leitet jedes Kapitel ein. Das Buch wird mit einem Register abgeschlossen, wo die wichtigen Schlagwörter aufgelistet sind.

Dem Volkswagen Golf wird im Buch besondere Wichtigkeit für das Heranreifen einer deutschen Generation zugeschrieben. Der Volkswagen Golf hat die zwischen 1965 und 1975 Geborenen auf ihre Reise durch Kindheit und Jugend begleitet. Zuerst haben sie diesen Wagen von weiten beobachtet und bewundert, dann haben sie den Golf ihrer Mütter gefahren und schließlich sind sie in ihrem eigenem Golf stolz gefahren und haben sich auf den VW Golf neuer Reihe gefreut. „Der dunkelblaue Golf als Cabrio ist das Gründungsautomobil der Generation Golf. Mit dem Golf der zweiten Generation, der ab 1983 hergestellt wurde, fraß sich die Marke dann immer stärker in unser Bewusstsein ein.“[12] VW Golf funktioniert in diesem Buch als eine Metapher für einen Leiter, der den jungen deutschen Leuten immer den richtigen Weg zeigt. Der Erzähler ist er sich der Tatsache bewusst, dass der Führerschein und damit die Volljährigkeit das Ende ihrer Kindheit und ihrer Sorglosigkeit symbolisiert hat. „Aber das war ja auch schon die Zeit, als wir Auto fahren, da wurde ohnehin alles komplizierter. Vorher waren auch die Diskussionen und das Laben etwas übersichtlicher.“[13] VW Golf hat die Vertreter dieser Generation durch ihr ganzes Leben begleitet und war mit ihnen in den bedeutendsten Momenten. Ein gutes Auto zu haben, symbolisiert für die Vertreter der Generation Golf die persönliche Qualität: „…und wir so lernten, dass nette Menschen nicht nur Kümmerling trinken, sondern auch nette Autos fahren.“[14]

Die Werbungen haben zur Ausgestaltung der Generation Golf beigetragen. Diese Werbungen, in denen ein gut aussehender 30-jähriger am Steuer sitzt, haben das Verhalten, die Werte, die Wünsche, den Stil der um das Jahr 1968 Geborenen beeinflusst. Als die Angehörigen der Generation Golf herangewachsen sind, hat sich auch der VW Golf geändert. So hat Volkswagen den Golf Variant produziert, in dem es ausreichend Platz für Familie und Hund gab. Die Form, die Größe, die Ausrüstung des Wagens haben sich den aktuellen Lebensabschnitten seiner Fahrer angepasst. Neben dem Golf hat auch Ikea, Playmobil oder Barbourjacke das Erwachsenwerden der Vertreter der Generation Golf geprägt.

Der Autor definiert die Generation Golf als Generation ohne Generationenkonflikte. Sie haben ihren Eltern nicht widerstanden, die Streitigkeiten mit Eltern haben sie für die beidseitigen Energieverluste gehalten. Sie haben nicht rebelliert. An einigen Stellen im Buch kann man aber trotzdem die Distanzierung des Erzählers gegen die 68-er Generation herausfühlen. „ „Wir sind nicht so blöd wie die Generation vor uns…“[15]

Im Mittelpunkt aller Tätigkeiten, aller Bestrebung der Generation Golf ist die Frage: „Was bringt mir das?“ Ihr Leben dreht sich ausschließlich um das eigene Ego, sie können sich nur auf eigene Person konzentrieren. Die ganze Generation Golf scheint oberflächlich zu sein. Florian Illies zählt z.B. zu den größten Verdiensten der Generation Golf die Verwandlung der Kleinmädchensportart Rollschuhfahren zum modischen Inline-Skating. Florian Illies selbst definiert die Liebe zum Oberflächlichen und zum Markenfetischismus als Hauptmerkmale seiner Generation. Seine Zeitgenossen waren immer mit der Wahl der richtigen Jeans mehr beschäftigt als mit dem nationalen oder internationalen politischen Geschehen. „Nicht nur ich, so durfte man endlich sagen, finde die Entscheidung zwischen eine grünen und einer blauen Barbour-Jacke schwieriger als die zwischen CDU und SPD.“[16] Florian Illies spricht im Zusammenhang mit der Generation Golf vom Ende der Bescheidenheit – Karriere, eigenes Wohlergehen, gutes Aussehen stehen im Vordergrund aller Interessen der Generation Golf. Ein gepflegtes Äußeres ist für die Generation Golf Vorraussetzung dafür, um erstgenommen zu werden. „Konkurrenz ist ihnen wichtiger, Solidarität nahezu ein Fremdwort geworden.“[17]

Diese Generation ist durch Interesselosigkeit für Politik und für Ökologie gekennzeichnet. Entideologisierung und Entpolitisierung wurden zu Grundwerten dieser Generation. Sie engagieren sich erst, wenn sie selbst betroffen sind. Die Vertreter der Generation Golf zeigen Gleichgültigkeit gegenüber den historischen Einschnitten dieser Zeit. Sie brauchen nicht sich zur Historie auszudrücken. Das politische Bewusstsein hat sich nicht bei ihnen entwickelt. Demokratie und Wahlfreiheit halten sie für einen selbstverständlichen Teil ihres Lebens. Sie mussten nicht dafür kämpfen. Sie haben die Dinge, als sie waren, akzeptiert. Sie waren überzeugt, dass sich alles am Ende abspielt, wie es abspielen soll. Das politische Desinteresse führte zur Bezeichnung dieser Generation als Spaßgesellschaft. Erst „der 11.September hat den Leuten gezeigt, dass es naiv ist zu glauben, sich nicht mit Politik beschäftigen zu müssen.“[18]

Florian Illies wollte sicher seinen Lesern nicht nur das Lebensgefühl einer Generation, die er subjektiv als Generation Golf bezeichnet, veranschaulichen. Seine Absicht war unter anderem die Leser zu amüsieren. Mit einem Abstand von fast 20 Jahren beschreibt er unter Anwendung des Humors und der Ironie die Zeit, in der er und seine Zeitgenossen herangewachsen sind. „Denn die achtziger Jahre waren mit Sicherheit das langweiligste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Kein Wunder, dass das Spielen mit dem Jo-Jo in den Pausen so beliebt war.“[19] Typisches Mittel ist die Parodie auf bekannte Werbungen - diese Werbeslogans erscheinen im Buch modifiziert und umgestaltet: „Wir bleiben deshalb wie der rotbackige, unglaublich saubere Junge mit braunem Siebziger-Jahr-Haarschopf, orange-weiß gestreiftem Hemd und strahlend weißen Zähnen auf der Packung: ewig jung, dank der Extra-Portion Milch.“[20] Satire, Ironie sind fast in jedem Satz des Buchs fühlbar. „Als wir dann von der bretterharten Sitzgarnitur des Panda in die butterweiche Polsterung des Uno überwechselten, sprachen wir mit Hakle-Feucht-Toilettenpapier: Das Leben ist wieder ein kleines Stückchen weniger hart geworden.“[21]

Das Buch Generation Golf ist schwer einzuordnen. Dieses Werk ist durch die Absenz der chronologischen Handlungslinie und Hauptfiguren charakterisiert. In dem ersten Kapitel wird zwar die Kindheit und in der zweiten Kapitel die Pubertät behandelt, aber der Erzähler kehrte sich wiederholt während seines Erzählens zu den Kindheitserlebnissen zurück. Das Buch trägt einige Merkmale eines Sachbuchs. Im Buch gibt es viele Hinweise auf bekannte Persönlichkeiten, die in den 80-er und 90-er Jahren berühmt waren. Das Buch ist mit der Realität zusammengeflochten durch zahlreiche Hinweise auf Gegenstände, Spielzeuge, Kleiderstücke, Fernsehprogramme, die in der Zeit der Kindheit und der Jugend der Generation Golf in Mode waren. „Außerdem gab es ein paar lässige Jungs und noch lässigere Mädchen, die braune, leicht abgenutzte Taschen hatten. Das waren meist die, die BMX-Räder fuhren. Sie führten dann später auch die Barbour-Jacken auf den Schulhöfen ein.“[22] An mehreren Stellen gibt es Aufsätze und Aussagen verschiedener Soziologen und Redakteuren, die über die gegebene Generation etwas gesagt oder geschrieben haben. Der Erzähler verwahrt sich gegen einige Aussagen, er nimmt oft kritische Einstellung oder auf andere Weise reagiert auf die gegenwärtige Situation.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Popliteratur [zitiert 31.1.2008]

[2] http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4418&ausgabe=200112 [zitiert 31.1.2008]

[3] http://www.iliteratura.cz/clanek.asp?polozkaID=15867 [zitiert 12.4.2008]

[4] http://www.litrix.de/magazin/panorama/ueberblick/de12072.htm [zitiert 31.12008]

[5] http://www.mahnert-online.de/1968.html [zitiert 31.1.2008]

[6] http://www.sjnoe.at/content/content.php?ID=512 [zitiert 31.1.2008]

[7] http://www.soziologie.phil.uni-erlangen.de/files/lehre/Geschichte2ab%2050erFolie.doc [zitiert 3.1.2008]

[8] Bock Sigfried, Muth Ingrid, Schwiesau Hermann: DDR-Außenpolitik im Rückspiegel, Politikwissenschaft, Band 106. LIT-Verlag, Berlin 2004, S. 71

[9] http://www.wdr.de/online/kultur/biermann/index.phtml [zitiert 3.1.2008]

[10] Seibt, Gustav: Aussortieren, was falsch ist. Zeit. 4.3.2000

[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Golf [zitiert 14.1.008]

[12] Illies, Florian: Generation Golf. Eine Inspektion. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main. 2001. S.55.

[13] Ebenda. S.23.

[14] Ebenda.S.47.

[15] Illies, Florian: Generation Golf. Eine Inspektion. Fischer Taschenbuch Verlag.Frankfurt am Main. 2001.S.181.

[16] Ebenda.S.155.

[17] Ebenda.S.146.

[18] Illies Florian: „Ich wollte immer schon Cord!“ Interview mit Florian Illies. In: Audimax 07/08-02. S.18.

[19] Illies, Florian: Generation Golf. Eine Inspektion. Fischer Taschenbuch Verlag.Frankfurt am Main S.15.

[20] Ebenda. S.45.

[21] Illies, Florian: Generation Golf. Eine Inspektion. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main. 2001. S.49.

[22] Ebenda. S.14.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Generation Golf
Hochschule
Masaryk Universität
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
63
Katalognummer
V118337
ISBN (eBook)
9783640218080
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
64 Seiten bei doppeltem Zeilenabstand, 28 Literaturangaben, davon 18 Online-Quellen
Schlagworte
Generation, Golf
Arbeit zitieren
Katerina Fisova (Autor), 2008, Generation Golf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118337

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