Strukturelle Gewalt

Diskussion eines Gewaltbegriffs


Seminararbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Galtungs Strukturelle Gewalt und Foucaults Begriff der Macht
2.1 Galtungs Strukturelle Gewalt im Wandel der Zeit
2.2 Foucaults Puzzle der Macht
2.3 Galtung und Foucault – eine Synthese

3.0 Strukturelle Gewalt – Kritik eines Begriffs

4.0 Fazit

5.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Der Begriff der Strukturellen Gewalt wurde maßgeblich durch den Friedensforscher Johan Galtung (* 1930) geprägt und im Zusammenhang mit der Imperialismus-Theorie gebraucht. Galtung erweitert damit den traditionellen Gewaltbegriff, der eine direkte Verbindung zwischen einem identifizierbaren Täter und seinem Opfer zieht, um eine Dimension, in der es keinen eindeutigen Täter und keine klare Verbindung zum Opfer in Form direkter Gewalt gibt. Der Begriff der Strukturellen Gewalt wurde in der Folge massiv kritisiert. Dem ungeachtet gab und gibt es auf der anderen Seite inflationäre Definitionen des Selben zur Legitimierung eigener (Gegen)gewalt. Diese Ambivalenz deutet auf ein Spannungsfeld hin, welches dem Begriff selbst innewohnt. Ziel dieser Arbeit ist es genau dieses Für und Wieder zu erarbeiten.

Beginnend wird der Begriff der Strukturellen Gewalt nach Johan Galtung erläutert. Da dieser seine Darstellung eng mit der Imperialismustheorie verknüpft, wird an dieser Stelle ebenfalls der Begriff der Macht Michel Foucaults (* 1926, † 1984) dargestellt, um die wesentlichen Elemente Struktureller Gewalt in einem mehr unabhängigen Kontext aufzuzeigen. Im Anschluss daran soll sich mit der Kritik, sowohl der positiven, als auch der negativen, auseinander gesetzt werden, um abschließend im Fazit Möglichkeiten eines sinnvollen Umgangs mit dem Begriff der Strukturellen Gewalt aufzuzeigen.

Zur Annäherung an den Begriff der Strukturellen Gewalt wird Galtungs Aufsatz ‚Eine strukturelle Theorie des Imperialismus’ und seine Definition des Begriffs aus dem ‚Lexikon der Internationalen Politik’ verwendet. Foucaults Begriff der Macht wird mit Hilfe des Buchs Carsten Kavens ‚Sozialer Wandel und Macht’ dargestellt. Die kritische Auseinandersetzung orientiert sich an Veröffentlichungen von Albert Fuchs und Wolf Dieter Narr. Während Furchs’ Aufsatz ‚Wider die Entwertung des Gewaltbegriffs’ Anfang der 90er Jahre entstand, ist Narrs Arbeit ‚Das nicht so neue Tandem: Gewalt und Globalisierung’ nach dem 11. September 2001 entstanden und beleuchtet dementsprechend den Begriff der Strukturellen Gewalt unter dem heute noch gültigen Gesichtspunkt des Internationalen Terrors. Somit hofft diese Arbeit einen auch diskursanalytischen aktuellen Bezug herzustellen, der eine geeignete Einhegung des Begriffs der Strukturellen Gewalt ermöglicht.

2.0 Galtungs Strukturelle Gewalt und Foucaults Begriff der Macht

2.1 Galtungs Strukturelle Gewalt im Wandel der Zeit

Galtung definierte 1971 in seinem Aufsatz ‚Gewalt, Frieden und Friedensforschung’ Strukturelle Gewalt als „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“ (Galtung, 1971: 55). Dieser erweiterte Gewaltbegriff beinhaltet demnach nicht nur direkte Gewalt, wie Körperverletzung oder Mord. Vielmehr werden darunter alle Missstände subsumiert, die den Menschen daran hindern seine vollen Möglichkeiten zu entfalten. Arbeitslosigkeit, Naturkatastrophen, Schutzzölle, Umweltverschmutzung, Behinderungen oder antiemanzipatorische Bedingungen etc. sind mit dieser Definition als Gewalt zu verstehen. Diese erste sehr weite Definition grenzte Galtung 1972 in seinem Aufsatz ‚Eine strukturelle Theorie des Imperialismus’ ein. Hier bezieht er den Begriff auf die Nord-Süd-Beziehungen bzw. das Nord-Süd-Gefälle und erklärt die Strukturelle Gewalt mittels des Zentrum-Peripherie-Models, welches an dieser Stelle zum besseren Verständnis in seinen Ansätzen dargestellt wird (vgl. Galtung, 1972: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus).

Innerhalb des Zentrum-Peripherie-Models wird unterschieden zwischen Nationen im Zentrum und Nationen in der Peripherie. Jede Nation hat wiederum ein eigenes Zentrum und eine eigene Peripherie. Der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie findet sich in verschiedenen Ebenen wieder, wie z.B. Politik, Militär, Kultur, Technologie, Wissenschaft usw. Es besteht eine Dysbalance sowohl zwischen den Nationen als auch innerhalb derselben, die sich in unterschiedlicher Macht, Dominanz und Teilhabe ausdrückt (vgl. Galtung, 1972: 44). Eine Zentrums-Nation läge beispielsweise in Europa, während sich eine Peripher-Nation unter den Entwicklungsländer finden würde. Das nationen-interne Zentrum ist in den politischen, militärischen, kulturellen etc. Eliten angesiedelt, während die nationen-interne Peripherie die nicht oder weniger elitär Beteiligten repräsentiert. Die Beziehungen innerhalb dieses Systems sind vertikal (hierarchisch) und Galtung leitet daraus verschiedene Quellen der Strukturellen Gewalt ab (vgl. Galtung, 1972: Zur Definition von ‚Imperialismus’). Es kommt (1.) zur Machtausübung oder Dominanz der Zentrums-Nation über die Peripher-Nation. Zwar werden die Möglichkeiten zum Wachstum in der Peripherie der Peripher-Nation hergestellt oder ausgebeutet (z.B. Kaffee, Tropenhölzer, Erdöl), der Hauptgewinn verbleibt jedoch in der Zentrums-Nation. Durch Redistribution und Umverteilung werden sowohl die Peripherie der Zentrums-Nation als auch das Zentrum der Peripher-Nation am erwirtschafteten Gewinn beteiligt. Es besteht demnach eine Interessensharmonie zwischen den beiden Zentren der jeweiligen Nationen, da trotz ungleicher Verteilung eine Art Win-Win-Situation vorliegt, die sich hauptsächlich in der Machtkonsolidierung begründet (vgl. Galtung, 1972: 35ff). Im Weiteren erkennt Galtung (2.) einen Interessenskonflikt zwischen Zentrum und Peripherie in den jeweiligen Nationen. Durch Umverteilungseffekte und Gewinnbeteiligung ist dieser in der Zentrums-Nation kleiner, als in der Peripher-Nation. In der Zentrums-Nation sind beispielsweise steigender Lebensstandart, besser schulische Bildung und Gesundheitsversorgung das Resultat imperialistisch geprägter Beziehungen, während in der Peripher-Nation Stagnation und Ausbeutung vorherrschen (vgl. Galtung, 1972: 35ff). Zwischen den beiden Peripherien besteht (3.) ein zusätzlicher Konflikt, der sich in unterschiedlichen Interessen bezüglich des inter-nationalen Austauschs widerspiegelt. Während diese in der Peripherie der Zentrums-Nation in der Erhöhung des Lebensstandards, in sicheren Arbeitsplätzen und sozialer Sicherheit angesiedelt sind, drehen sie sich in der Peripher-Nation um Machtbeteiligung und oftmals auch um eine schlichte Überlebensgarantie (vgl. Galtung, 1972: 36ff).

Galtung erklärte die Strukturelle Gewalt im Kontext zum Imperialismus, der bei ihm in fünf Typen – ökonomischer, politischer, militärischer, Kommunikations- und kultureller Imperialismus – unterteilt ist (vgl. Galtung, 1972: Fünf Typen von Imperialismus). Bei voller Ausprägung und Abstimmung der unterschiedlichen Typen handelt es sich um allgemeinen Imperialismus. Dieser ist Bedingung und gleichzeitig Instrument der Strukturellen Gewalt. In diesem Zusammenspiel kommt es zur kulturellen Assimilation der Peripher-Nation an die Zentrums-Nation (vgl. Galtung, 1972: 60). Diese Anpassung dient der Festigung der eigenen Machtstellung – peripher innerhalb der Nation, und in der Zentrumsnation vorwiegend im internationalen Zusammenhang durch die Schaffung neuer Bündnispartner. Es wird deutlich, dass der Begriff der Strukturellen Gewalt mit zunehmender Dekolonisation, spätestens aber mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Ende des Kalten Krieges und der Ausbildung einer multiplen Weltgesellschaft in Frage zu stellen ist. Folglich präsentierte Galtung, 1997, im ‚Lexikon der Internationalen Politik’ von Ulrich und Volger eine Definition, die sich weniger an imperialistischen Strukturen orientiert. Demnach agieren Menschen mit- und beziehen sich aufeinander. Dies gilt auch für Geschlechter, Rassen, Klassen Nationen, Völker und mentale Prägungen unterschiedlicher Bewusstseinsgrade. „Wenn solche Austauschvorgänge immer in gleicher Weise vorrangig gegenüber den anderen erfolgen, […] dann können wir von einem Interaktionsmuster oder einer Struktur sprechen“ (Galtung, 1997: 475). Diese strukturellen Interaktionsmuster erkennt Galtung auf der Intra-Personen-, Inter-Personen-, Inter-Gruppen- und Über-Gruppen-Ebene. Diese Ebenen werden nicht näher erläutert bzw. lässt sich kein weiterführender Verweis finden. Es scheint jedoch nahe zu liegen, dass Galtungs Über-Gruppen-Ebene auch imperialistische oder internationale Staatenbeziehungen beinhaltet. Jedoch führt er diese Über-Gruppen-Ebene in Klammern an, was eine veränderte Nuancierung des Kontextes, in dem die Strukturelle Gewalt steht, impliziert. Im Folgenden, grenzt Galtung den Begriff weiter ein und distanziert ihn von einem imperialistischen Kontext, so „handelt es sich nicht um eine Gleichsetzung mit ‚sozialer Ungerechtigkeit’ oder ‚Ungleichheit’. Die Annahme ist nicht, dass strukturelle Gewalt vertikal wirkt und etwa einige (viel) mehr als andere trifft. Die Konzepte ‚Repression’ (eher politisch) und ‚Ausbeutung’ (eher ökonomisch) verweisen in diese Richtung, aber sie sind kein Surrogat für das Konzept ‚strukturelle Gewalt’“ (Galtung, 1997: 476f).

Auch wenn Galtung mit dieser eingegrenzten Definition der Strukturellen Gewalt sich von einem imperialistischen Kontext löst, hält er doch an verschiedenen Merkmalen fest. Im Speziellen ist dies (1.) die Annahme, dass soziale Strukturen menschliche Konstrukte sind und als solche können sie zerstört oder rekonstruiert werden (vgl. Galtung, 1997: 476). Sie sind (2.) keine Determinanten des individuellen menschlichen Daseins und können überwunden werden. Dies läst sich beispielsweise durch die Horizontalisierung von vertikalen Interaktionsmustern verdeutlichen (vgl. Galtung, 1997: 476). Es gibt aber (3.) strukturelle Realitäten die unbewusst sind, und welche den Einen zum Nachteil dienen während Andere davon profitieren. Dieses Unbewusste ergründet sich in der unreflektierten Verinnerlichung von Normen (vgl. Galtung, 1997: 476f).

2.2 Foucaults Puzzle der Macht

Die Texte von Michel Foucault sind im Gegensatz von Galtung weniger kohärent aufgebaut und nicht nur deswegen schwerer verständlich. Um sich seiner Sichtweise der Macht anzunähern bedarf es der Lektüre verschiedener seiner Schriften, um ein schlüssiges Puzzlebild zu erhalten. Eine entsprechend ordnende Bearbeitung findet sich im Buch ‚Sozialer Wandel und Macht’ von Carsten Kaven, dessen sich hier bedient wird.

Foucault nähert sich dem Begriff der Macht an, indem er drei Fragen stellt die sich darum drehen was Macht ist, wie Macht ausgeübt wird und wie sie zu erklären ist. Antworten auf diese Fragen findet Kaven in Foucaults Text ‚Wie wird Macht ausgeübt?’. Demnach müssen, um überhaupt den Begriff Macht aufkommen zu lassen, Subjekte mit Interessen und Zielen in Beziehung treten. Diese Subjekte wirken mit Hilfe von Instrumenten und Mitteln auf den jeweils Anderen und somit auch auf dessen Handlung ein. Letztendlich führt diese Beeinflussung der Handlungen des Anderen zu einem System der Differenzierung. Diese sich so darstellenden Machtverhältnisse unterliegen verschiedenen Graden der Institutionalisierung und Konsolidierung (vgl. Kaven, 2006: 142f). Macht bezeichnet also Verhältnisse zwischen Partnern deren „Handlungen […] sich gegenseitig hervorrufen und beantworten“ (Foucault, zitiert nach Kaven, 2006: 144). Unter dieser Annahme lassen sich bestimmte Handlungs-Wahrscheinlichkeiten herausarbeiten, die aus vorausgehenden Handlungen resultieren. Diese vorherbestimmten Wahrscheinlichkeiten können auch als eine Struktur verstanden werden, an denen sich Intentionen und Handlungen orientieren. Foucault weitet das Konzept der Produktion von Wahrscheinlichkeiten und ihrer Analysier- und Beschreibbarkeit auf alle möglichen Lebensbereiche der Gesellschaft aus, und umschreibt dies mit dem Begriff des Gouvernement (vgl. Kaven, 2006: 146f).

Im Kontext der Macht steht der Begriff der Strategie, die der Interessenvertretung und Zielerreichung dienlich ist. Dies soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Stattdessen wird lediglich auf die Strategieform ‚der Ausrichtung des eigenen Handelns’ näher eingegangen. Foucault meint damit die Orientierung der eigenen Handlung an oben dargestellter Struktur, mit dem Ziel dadurch die Handlung des Anderen zu antizipieren (vgl. Kavens, 2006: 148). Oder, um es klarer mit den Worten der Romanfigur Dr. Leonard A. Malik, der psychisch Kranke mit revolutionären Therapien behandelte, auszudrücken: „Wenn wir es aber schaffen, uns nicht mehr wie Ärzte zu benehmen, dann benehmen sie [die Patienen, Anm. d. Verf.] sich auch nicht mehr wie Patienten“ (Shem, 2000: 105). Auch wenn Foucault den Begriff der Macht gegenüber dem der Gewalt abgrenzt, so stützt er doch mit dieser Form der Strategie Galtungs Annahme der fehlenden Handlungsperspektiven. Diese wohnen der Struktur, an der sich die Handlungen manipulativ orientieren, selbst inne. Folglich besitzt dieses System ein zwanghaftes Element, welches Galtung wohl mit Struktureller Gewalt beschreiben würde. Foucault greift stattdessen auf verschiedene Machttypen zurück, die jeweils passende Subjekte produzieren (vgl. Kavens, 2006: 156f). Gegen diese Subjektivierung stellt Foucault den Kampf, der sich gegen die Subjektmachung wehrt (Kavens, 2006: 138).

[...]

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Details

Titel
Strukturelle Gewalt
Untertitel
Diskussion eines Gewaltbegriffs
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Kriegsverhinderung, Konflikttransformation und Friedenskonsolidierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V118339
ISBN (eBook)
9783640214846
ISBN (Buch)
9783640214938
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine insgesamt anregende Arbeit, die zeigt, dass sich der Verfasser intensiv mit der Thematik befasst hat.
Schlagworte
Strukturelle, Gewalt, Galtung, Foucault, Diskurs
Arbeit zitieren
Jens Engel (Autor), 2008, Strukturelle Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118339

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