Migranten in der Intensivstation oder was ist "Morbus Bosporus"


Diplomarbeit, 2008

55 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangssituation
1.1 Erste Patientensituation
1.2 Wie erlebe ich die Situation

2. Disposition
2.1 Motivation
2.2 Leitfragen
2.3 Zielsetzung
2.4 Eingrenzung

3. Erweiterung des Fachwissens
3.1 Migration
3.2 Der muslimische Patient
3.2.1 Gesundheit und Krankheit
3.2.2 Umgang mit dem Patient
3.2.3 Medizinische Aspekte und spezielle Fragen
3.2.4 Bedeutung von Blut
3.2.5 Ramadan – Fasten
3.2.6 Gebet
3.2.7 Ernährung
3.2.8 Tod und Bestattung
3.3 Medizinische Betreuung von Migranten
3.3.1 Importierte Krankheiten
3.3.2 Krankheiten durch die Migration
3.3.3 Verständigungs− und Verständnisprobleme
3.3.4 Strukturelle Aspekte der gesundheitlichen Versorgung muslimischer MigrantInnen
3.3.5 Migranten im Spital – „Ach, das ist ja wieder typisch“
3.4 Soziale Realitäten, Zugehörigkeiten und Identitäten
3.5 Grund und Menschenrechte im transkulturellen Kontext
3.5.1 Grundrechte und staatliche Pflichten
3.5.2 Recht auf angemessene Gesundheitsversorgung und Recht auf Hilfe in Notlagen
3.5.3 Die Sprachenfreiheit
3.6 Rassismus, Diskriminierung und Macht
3.6.1 Formen des Rassismus
3.6.2 Rassismus und Diskriminierung in Institutionen der Gesundheitsversorgung
3.6.3 „Gewalttätige Ausländer“
3.6.4 Rassismus und transkulturelle Inkompetenz
3.7 Transkulturelle Pflege
3.7.1 Transkulturelle Kompetenz
3.7.2 Madeleine Leininger
3.7.3 Das Sunrise−Modell
3.8 Professionelles Übersetzen
3.8.1 Kommunikation – Herausforderungen und Lösungen
3.8.2 Chancen der Zusammenarbeit mit ÜbersetzerInnen
3.8.3 Wer soll übersetzen?

4. Untersuchung/ Ausarbeitung der Analyseinstrumente
4.1 Material und Methode
4.1.1 Der erste Fragebogen: „Migranten in der Intensivstation“
4.1.2 Der zweite Fragebogen: „Als Migrant in einer Intensiv station“
4.2 Ergebnisse/ Auswertung der Fragebögen
4.2.1 Evaluation des Fragebogen „ Migranten in der Intensivstation“ und Auswertung der Kommentare
4.2.2 Evaluation des Fragebogen „ Als Migrant im Spital“ und Auswertung der Kommentare

5. Analysen anhand der Analyseinstrumente/ Fragebögen

6. Reflexion und Evaluation des ersten Fallbeispiels

7. Handlungsinstrument – Das Sunrise Modell

8. Schlusssituation
8.1 Zweite Patientensituation
8.2 Wie erlebe ich die zweite Situation?
8.3 Reflexion der zweiten Patientensituation anhand des Handlungsinstruments
8.4 Zwischenergebnis

9. Schlussfolgerung und Lernprozess bezogen auf die Fragestellungen

10. Aktionsplan

11. Reflexion meines Lernprozesses / Exploratives Lernen

12. Literaturliste

Nachtrag zu Punkt 10. Aktionsplan

1. Ausgangssituation

1.1 Erste Patientensituation

Den zweiten Teil meines Fremdpraktikums absolvierte ich im Ostschweizer Kinderspital auf der Intensivstation. Schon seit längerer Zeit war dort ein Neugeborenes Kind hospitalisiert, das aufgrund eines genetischen Defektes schwerste Fehlbildungen innerer Organe (Leber, Niere, Gehirn) hatte und laut Prognosen pflegeabhängig bleiben wird. Mehrere Male musste Z. reanimiert werden.

Medizinisch war das Kind austherapiert. Die Eltern, die beide aus der Türkei stammten und schon einige Zeit in der Schweiz lebten hatten extreme Mühe mit der Situation ein behindertes Kind mit schlechten Lebenserwartungen zu haben und wollten die Diagnose der Ärzte nicht glauben. Da es sich um einen genetischen Defekt handelte, stellten die Mediziner fest, dass der Gendefekt von der Seite der Mutter stammte. Es wurde eroiert, dass eine Akzeptanz seitens der Familie nur gegeben wäre, wenn das Kind zu Hause empfangen werden könnte. Und dass die Familie auf jeden Fall auch noch weitere Kinder wünsche.

Das „Nicht-wahr-haben-wollen“ äusserte sich in Aggression und Forderungen gegenüber Pflegenden und ärztlichem Personal. Es kam immer wieder zu lautstarken Beschimpfungen und Vorwürfen, das Personal wolle nicht helfen und sie würden im Stich gelassen. Auch äusserten sie, dass es daran läge, dass sie Ausländer seien und als Muslime schlechter behandelt würden.

Letztendlich konnte ich beobachten wie vom Personal, Pflegende wie auch Mediziner immer mehr Unlust zu sehen war, das Kind und die Eltern weiter zu betreuen. Es wurden Äusserungen laut, dass das Kind in der Türkei schon tot wäre, dass sich gerade „Migranten“ so aufführen müssten, dass man sich so ein Verhalten in einem muslimischen Land als Christ nie erlauben dürfte,…

1.2 Wie erlebe ich die Situation

Da ich noch relativ neu auf der Station war, konnte ich die Situation während eines längeren Zeitraums von aussen, mit gewissem Abstand betrachten. Ich empfand die gesamte Situation als sehr gespannt, es fand nur noch wenig Kommunikation zwischen den Eltern und dem Personal statt, pflegerisch wie auch medizinisch. Vereinzelt kam es immer wieder zu lautstarken Konflikten und Gesprächen wenn es zu Krisen des Kindes kam (zeitweise musste Z. reanimiert werden, da sie immer wieder Apnoen hatte). Die Eltern machten einen verzweifelten, hilfesuchenden Eindruck auf mich.

Bei persönlichen Gesprächen zwischen Pflegenden, Ärzten und den Eltern kam heraus, dass die Eltern kein Vertrauen mehr zur Therapie, Spital hätten und sie sich eine Zweitmeinung eines anderen Spitals einholen wollten. Wenn auch dies negativ verliefe, wollten sie nach Deutschland gehen um Z. besser versorgt zu wissen. Immer wieder wurde thematisiert, dass sie zweitrangig behandelt würden, da sie Ausländer seien. Zudem wurde speziell im Gespräch mit der Mutter klar, dass sie sich schwere Vorwürfe macht, da sie die Trägerin des Gendefektes sei. Sie trage eine schwere Last auf sich, da von ihr erwartet werde, noch mehrere Kinder zu bekommen. In Gesprächen mit den Ärzten wurde ihr erklärt, dass es höchst unwahrscheinlich sei, dass sie „gesunde“ Kinder zur Welt bringen könne.

2. Disposition

2.1 Motivation

Während mehrerer Tage versorgte ich einen älteren Patienten, der ursprünglich aus der Türkei stammte. Zu Beginn des Dienstes hörte ich Sätze meiner Kollegen sagen wie: „Oh je…Morbus Bosporus“ oder „jetzt tanzt bald schon die ganze Sippe an, da musst du gleich fixe Regeln aufstellen und eine Kontaktperson benennen!“ „Die müssen immer ihr Leiden durch lautes jammern und schreien äussern!“ auch wurde thematisiert, dass der Patient nicht von Frauen betreut werden könnte, er hätte keinen Respekt vor ihnen.

Meine Freundin/Frau arbeitet in der Flüchtlingshilfe als Sozialarbeiterin, auch sie bestätigte mir Probleme mit Spitalpersonal wenn es um den Umgang mit Migranten gäbe.

Meine Motivation besteht darin, dass ich schon seit Jahren gerne reise und schon desöfteren in v.a. muslimischen Ländern unterwegs war. Stets war ich herzlich willkommen und fühlte mich wohl dort als Gast zu sein. Auf einer Motorradreise durch Pakistan/Iran infizierte ich mir mein Magen-Darm-System mit „schlechtem“ Wasser, in Esfahan/Iran entschloss ich mich in ein Krankenhaus zu gehen. Die Verständigung war sehr schwierig doch ich kam mir wirklich gut aufgehoben vor und mir wäre nie im Leben der Gedanken gekommen, dass die Iraner mich anders behandeln würden als ihresgleichen. Deswegen ärgere ich mich jedesmal wenn ich auf „Parolen“ dieser Art stosse.

Mir ist bewusst, dass Menschen mit anderem Migrationshintergrund möglicherweise ein anderes Verständnis von Krankheit, Kommunikation, Leiden und Intimität haben. Auch ist deren Leben, wie auch unseres, geprägt von eigenen Gebräuchen und Sitten. Es wird immer häufiger vorkommen, dass Menschen mit anderen ethnischen Herkünften als Patienten auf der Intensivstation betreut werden und deswegen ist es mir ein Anliegen mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

2.2 Leitfragen

Täglich haben wir PatientInnen aus anderen Ländern in unseren Intensivstationen. Oben beschriebene Situation war kein Einzelfall. Während meiner Zeit auf Intensivstationen kam es immer wieder zu negativen Äusserungen gegenüber Patienten mit Migrationshintergrund. Da ich selber auch als Ausländer in der Schweiz tätig bin und als Ausländer in Österreich lebe fühle ich mich in entfernterem Sinne auch betroffen, woraus der Wunsch wuchs sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen Ich möchte das Thema mit ein paar Fragen angehen und erörtern:

- Was sind die Unterschiede zu unserer christlichen, westlichen Auffassung von Krankheit, Leiden, Sterben, Intimität im Gegensatz zur v.a. muslimischen Kultur, da es vor allem mit diesem Kulturkreis immer wieder zu Konflikten im Spitalalltag kommt.
- Gibt es Vorurteile gegen Migranten v.a. muslimischen Glaubens
- Wie gehen wir mit Vorurteilen um und ist es möglich diese Menschen (mit ihrer Auffassung) gleich zu behandeln?

2.3 Zielsetzung

Wie aus der Fragestellung herauszulesen ist, gehe ich davon aus, dass es eine negative Grundstimmung gegenüber Patienten mit Migrationshintergrund gibt.

Ich möchte herausfinden ob es tatsächlich Vorurteile gegen diese Patientengruppe gibt. Wenn diese Behauptung stimmt, so möchte ich herausfiltern worin die Unterschiede zwischen unserer christlich geprägten, westlichen Kultur und vor allem der muslimischen Kultur, da es vor allem mit diesem Kulturkreis immer wieder zu Konflikten im Spitalalltag bzgl. Krankheit, Leiden, Sterben, Intimität kommt und letztendlich möchte ich mit dieser schriftlichen Arbeit Verständnis für Menschen aus anderen Kulturen und Ländern wecken. Woraus sich die Frage stellt: Mit welchen Mitteln können Migranten verständnisvoller, vorurteilsfreier auf der IPS behandelt werden.

„Bei der Gesundheit hätten in der Schweiz Eingewanderte nicht die gleichen Chancen wie Einheimische, sagte Thomas Spang, Leiter der Sektion Chancengleichheit und Gesundheit im Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern. In niederen Schichten und schlechter gestellten Berufsgruppen seien sie überproportional vertreten“ „Oft lebten Menschen aus anderen Kulturen mit höherem Gesundheitsrisiko. Und es falle ihnen nicht leicht, sich für ihre Interessen einzusetzen.“

„Nicht nur sprachliche, sondern auch soziokulturelle Barrieren versperrten ihnen den Weg zum Gesundheitssystem, Präventionskampagnen und Gesundheitsinformationen erfassten Migrantinnen und Migranten nur ungenügend.“

„In der Berner „Insel“ war 2005 rund jeder fünfte von über 27`036 Patienten ein Migrant oder eine Migrantin, wie die Spitalleitung angab.“

2.4 Eingrenzung

In meiner Arbeit befasse ich mich überwiegend mit der Situation von Intensivpatienten, die aus muslimisch geprägten Ländern immigriert sind, da es vor allem mit ihnen scheinbar zu den grössten Problemen und Missverständnissen kommt. Mir ist bewusst, dass es auch innerhalb des Islams unterschiedliche Auffassungen und Richtungen gibt und es genau so wie in unseren Breitengraden streng gläubige und weniger gläubige Menschen gibt. Der Einbezug weiterer Kulturen würde den Rahmen der Facharbeit sprengen.

3. Erweiterung des Fachwissens

Einleitend zu meiner theoretischen Vertiefung in das Thema „MigrantInnen in der Intensivstation“ möchte ich verschiedene Begriffe klären, bzw. Definitionen näher betrachten. Es scheint mir wichtig, zu klären was Migration ist, welche Hintergründe es für eine Migration geben könnte und welche Probleme sowohl für die Migrant- Innen selber als auch für das Personal im Gesundheitswesen daraus resultieren können. Um herauszufinden, ob es Vorurteile gegen Migranten (v.a. Muslime) gibt, ist es für mich auch wichtig, mich mit den Unterschieden zu unserer westlichen Auffassung von Gesundheit, Krankheit, Spital erleben, Tod,… auseinanderzusetzen.

Falls es Vorurteile geben solle, möchte ich diese aufzeigen und erörtern woran dies liegen könnte. Ich möchte Theorien und Hilfsmittel auf-zeigen, die das Spannungsfeld „MigrantInnen und Gesundheitspersonal“ entlasten könnten.

3.1. Migration

Bezeichnet die Bewegung einer Person oder einer Gruppe von Menschen über administrative oder politische Grenzen hinweg. Von einer geographischen Einheit in eine andere. Sich definitiv oder temporär an einem anderen Ort niederzulassen. (International Organisation for Migration IOM (2003)) Und was bedeutet dann Migrantin oder Migrant zu sein?

Eine Begriffserklärung: Vom lateinischen „migrare“ abgeleitet, was „wandern an einen anderen Ort ziehen“ bedeutet. Eine Migrantin ist also eine Frau, die an einem anderen Ort als ihrer Heimat lebt.

Migration=Wanderung hat die bisher üblichen Beziehungen Emigration (Auswanderung) und Immigration (Einwanderung) weitgehend ersetzt, da die Unterscheidung in einbzw. auswandern häufig keine zutreffende Beschreibung mehr liefert. So sind Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, die vorübergehend Aufnahme suchen, keine Einwanderer mehr.

3.2 Der muslimische Patient

Aussagen von Pflegenden auf der IPS:

- „Also, bei Patienten mit islamischen Glauben, also Muslime, müssen wir schon sehr darauf achten, dass ein Mann von einem Mann und eine Frau von einer Frau betreut wird…“
- „Dass andere Religionen auch andere Sitten haben, das sehr viele Besucher gerade für muslimische Patienten kommen, kann ich nicht nachvollziehen, manchmal nervt das schon ziemlich…“
- „...müssen wir jetzt etwas wieder etwas besonderes zum Essen bestellen, dass die sich aber auch nicht anpassen können!“

Ich könnte noch mehrere solcher Aussagen in diesem Zusammenhang aufführen, solche Bemerkungen und Fragen geben Anlass dazu einige Aspekte genauer unter die Lupe zu nehmen um das Verhalten muslimisch Gläubiger besser zu verstehen und Einfluss auf die Behandlung und Pflege zu nehmen.

3.2.1 Gesundheit und Krankheit

Krankheit ist wie alles andere auch von Gott geschaffen und wird als Prüfung, nicht als Strafe gewertet. Für jede Krankheit, ist ein Heilmittel geschaffen worden. Das Suchen nach diesen Heilmitteln wird mit der Verpflichtung für jeden Muslim sich Wissen anzueignen, sowie Befürwortung der Wissenschaft, gefördert. Wie in jeder Prüfung ist der Muslim verpflichtet sich zu seinem besten Wissen, Kraft und Geduld einzusetzen um eine Heilung zu ermöglichen; jedoch auch mit dem Bewusstsein und Vertrauen, dass Gott allein die Heilende Kraft ist.

Der Krankenbesuch ist eine obligatorische Pflicht. Der Krankenbesuch sollte jedoch mit Rücksicht an den Kranken und seiner Umstände praktiziert werden.

3.2.2 Umgang mit dem Patienten

Umgang mit Fremden des anderen Geschlechtes: Der Islam versucht durch Regeln den Muslimen einen moralischen Schutz zu gewähren. Im Rahmen dieser Massnahmen beschränkt sich der Umgang der Muslime mit fremden Personen des anderen Geschlechts auf das Nötigste. Dabei werden die Muslime, Männer sowie Frauen, aufgefordert, gewisse innere sowie äusserliche Prinzipien einzuhalten. Es wird deshalb auch verständlich, warum die Muslime sich bemühen, nach Möglichkeit einen gleichgeschlechtlichen Arzt zu konsultieren oder im Krankenbett den Wunsch äussern nur von einer entsprechenden Person gepflegt zu werden. Wenn trotz aller Bemühungen eine entsprechend ausgebildete Fachperson nicht zu finden ist, kann ein Arzt oder Pflegeperson des anderen Geschlechts die Pflichten übernehmen. Der Islam hat flexible Massnahmen, die in einer Notsituation im entsprechenden Rahmen angepasst werden können: Man begeht damit keine Sünde. Muss zum Beispiel eine Untersuchung unternommen werden, so wäre es gut wenn wenigstens eine gleichgeschlechtliche Vertrauensperson die Patientin begleitet, resp. im gleichen Raum anwesend ist.

Berührung: Eine der oben erwähnten äusserlichen Prinzipien ist, dass Muslime mit fremden Menschen des anderen Geschlechtes keinen Körperkontakt haben sollten. Dies fällt ihnen vielleicht schon bei der Begrüssung auf (z.B. das Händereichen). In einer Notsituation wird diese Vorschrift jedoch entsprechend angepasst, auch bei der Untersuchung.

Aufenthalt in einem Raum: Die Muslime halten sich nicht allein mit einer fremden Person des anderen Geschlechts in einem Raum auf. Üblicherweise begleitet jemand die Patientin auch ins Arztzimmer. Wenn dies nicht der Fall ist, kann man eine Frau/Mann als Drittperson hinzuziehen. Die Ideologie: Vermeidung einer Situation die dem Ruf der Beteiligten schaden könnte sowie die Möglichkeit eines Fehlverhaltens des Behandelnden oder Patient vorzubeugen.

3.2.3 Medizinische Aspekte und spezielle Fragen

Die Organentnahme wird in der islamischen Lehre befürwortet und als Wohltat auch unterstützt. Organempfänger kann jeder sein – es wird kein Unterschied zwischen Muslim oder Nicht-Muslim gemacht. Der Islam vertritt eine eindeutige Meinung: bei Unmündigen und nicht zurechnungsfähigen Personen ist eine Organentnahme nicht erlaubt, auch nicht mit der Einwilligung des Vormundes. Das würde einer fremden Person das Recht geben über den Körper des anderen zu entscheiden, dies widerspräche der menschlichen Würde. Eine Autopsie ist bei bestehender medizinischen, sowie forensischen Indikationen erlaubt. Sterbehilfe ist nicht erlaubt. Ein Muslim – als Arzt oder Patient – und die ganze Gesellschaft ist verpflichtet das Leben zu erhalten und zu schützen.

Beschneidung des Knaben: Die Vorteile der Beschneidung hygienischer und sexueller Natur werden vom Islam unterstützt; sie greifen jedoch zu kurz, wenn man versucht die Beschneidung nur damit zu begründen. Damit folgt man auch der Praxis der grossen Propheten von Abraham bis Muhammad. Die Circumzision sollte so schnell wie möglich vollzogen werden, nach gewissen Schulen der Rechtslehre innerhalb des ersten Lebensjahres, andere warten bis zum 4. Bis zum 7. Lebensjahr. Anmerkung: Die Beschneidung der Frau wird aus kulturellen und traditionellen Anliegen durchgeführt, findet jedoch im Islam keine Begründung. Es gibt lediglich den Hinweis, dass Frauen, die einem afrikanischen Stamm angehörten, Muhammad um Erlaubnis baten, ihre Schamlippen aus hygienischen Gründen zu verkleinern. Er erlaubte es ihnen aber hielt sie dazu an, nur so viel Gewebe zu entfernen, wie es aus hygienischen Gründen erforderlich sei. Betreffend einer Resektion der Klitoris und andere Praktiken gibt es keine Hinweise und Überlieferungen auf welche Bezug genommen werden könnte um diese Praxis als islamisch zu erklären. Diese Operation wird heute in der der Schweiz durch plastische Chirurgen durchgeführt.

Empfängnisverhütung: Grundsätzlich mit gegenseitigem Einverständnis der Eheleute erlaubt. Die Mittel dürfen jedoch nur vorübergehend wirken. Sterilisation und Vasektomie dürfen nur als Ausnahme angewandt werden, wie z.B. Gesundheitsgefährdung durch Schwangerschaft. Künstliche Befruchtung: ist im Islam erlaubt, sofern die Befruchtung mit dem Samen des eigenen Ehemannes durchgeführt wird. Schwangerschaftsabbruch: Der Islam betrachtet das Leben als unantastbar, deshalb wird die Abtreibung im Islam grundsätzlich abgelehnt, es sei denn es liegt eine medizinische Indikation vor: bei Mutter oder dem Kind.

Wenn Heilung oder Linderung einem nicht zurechnungsfähigen Patienten zugute kommt, bestehe gemäss einigen Gelehrten kein Einwand.

3.2.4 Bedeutung von Blut

Fließendes Blut, auch jenes welches aus einer Wunde austritt, wird im Islam als unrein betrachtet; der Mensch ist jedoch nicht unrein, z.B. ist eine Frau während ihrer Menstruation und dem Wochenfluss nicht unrein und darf sich am normalen Tagesablauf beteiligen, auch im ehelichen Leben – der Geschlechtsverkehr ist jedoch zu vermeiden.

3.2.5 Ramadan - Fasten

Das Essen und Trinken, einschliesslich Rauchen ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht gestattet. Perorale Medikamente sowie rektal eingeführte Medikamente zählen auch dazu. Injektionen jeder Art, einschliesslich Blutentmahmen sind erlaubt. Es ist jedoch auch zu erwähnen, dass kranke und schwache Menschen, menstruierende Frauen, Frauen im Wochenbett und stillende Mütter von der Fastenpflicht entbunden sind, sie können das Fasten, falls ihre körperliche Kraft es zulässt zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Für Kinder wird das Fasten erst nach Beendigung der Pubertät zur Pflicht.

3.2.6 Gebet

Für Muslime ist es Pflicht, fünf Gebete an bestimmten Tageszeiten zu verrichten, auch im Falle einer Krankheit. Eine Bedingung für das Gebet ist die Waschung, die wenn möglich unter fließendem Wasser vollzogen werden muss. Ist der Mensch körperlich behindert oder besteht eine Wunde welche nicht mit Wasser in Berührung kommen sollte kann er die Waschung durch die sogenannte Ersatzreinigung, d.h. überstreichen der Gliedmassen mit der bloßen Hand ohne Wasser vornehmen. Für das Gebet benötigt der Muslim einen reinen Ort, sei es eine stille Ecke im Zimmer evtl. mittels einer beweglichen Trennwand oder wenn möglich ein separater Raum. Der Muslim muss im Gebet genau nach Mekka gerichtet sein, welches südöstlich liegt. Im Durchschnitt dauert das Gebet etwa 10-15 Minuten. Während der Menstruation, Wochenbett ist die Frau vom Gebet dispensiert.

3.2.7 Ernährung

Ein weiteres Thema ist die Regelung der Ernährung der Muslime. Den Muslimen ist es untersagt Speisen zu sich zu nehmen, die nach islamischer Auffassung als unrein gelten, darunter zählen Schweinefleisch, Alkohol und Fleisch, welches nicht nach islamischen Vorschriften geschlachtet worden ist. Eine Möglichkeit wäre das nach jüdischen Vorschriften geschlachtete Fleisch. Milchprodukte, Eier, Fisch, Gemüse und Obst kann ein Muslim unbedenklich essen. Eine vegetarische Kost wäre eine gute Zwischenlösung für Muslime. Wenn es nicht gegen eine verordnete Diät verstösst, wäre eine Versorgung durch Angehörige eine praktische Lösung.

3.2.8 Tod und Bestattung

Wenn ein Muslim im Sterben liegt, sollte man die Angehörigen kommen lassen, damit sie mit ihm Bittgebete sprechen können und ihn das Glaubensbekenntnis sagen lassen. Ist er/sie bewusstlos, kann der Glaubensbruder oder –schwester das Glaubensbekenntnis auch ins Ohr flüstern. Dies ist von grösster Wichtigkeit, da dieses Bekenntnis nach islamischem Glauben sein/ihr weiteres Schicksal im Jenseits entscheidet. Der Tod beinhaltet nicht das absolute Ende, es ist ein Transit vom diesseitigen Leben in das Jenseits. Nach Eintreten des Todes muss der Leichnam nach islamischen Vorschriften für das Begräbnis vorbereitet werden. Zur Vorschrift und Ethik gehört es, dass der Leichnam schnellst möglich begraben wird und damit die Würde des Verstorbenen berücksichtigt wird.

Allfällige Untersuchungen oder Vorbereitungen bzgl. medizinischer oder forensischer Anliegen , sowie Vorbereitung für einen Transport müssen nach Möglichkeit vor der Waschung des Leichnams erfolgen. Danach wird der Körper als gereinigt betrachtet und jede Manipulation bedeutet eine Unreinheit, der Leichnam würde dann in einem unreinen Zustand begraben.

3.3 Medizinische Betreuung von Migranten

„ ca. 22% der Bevölkerung in der Schweiz stammen aus dem Ausland. Davon sind ca. die Hälfte mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern wie Türkei, Teile von Afrika,…“ (Zeitschrift 1)

„…eines ist klar: Migranten sind in unserem Gesundheitssystem benachteiligt. Dieses hat zwei Gründe: die Migranten kommen evtl. mit Krankheiten, auf die man hier nicht eingestellt ist. Migration und Herkunft aus einer anderen Kultur sind bei uns möglicherweise krankmachende Faktoren. (Zeitschrift 2)

3.3.1 Importierte Krankheiten:

Die Gesundheitsprobleme von Migranten bei uns sind folgende:

- Infektionskrankheiten mit Folgekrankheiten (z.B. chronische Hepatitis, Tuberkulose) durch höhere Prävalenzen in den Herkunftsländern)
- Chronische Krankheiten durch unzureichende medizinische Versorgung in den Herkunftsländern
- Genetisch vererbbare Krankheiten mit höherer Prävalenz in den Herkunftsländern (z.B. Hämoglobinopathien)

Krankheit ist jedoch nicht nur durch die Herkunft aus armen Ländern bedingt, es kann genau so eine Funktion des momentanen Aufenthaltsortes sein: Immigranten müssen oft auch im Aufnahmeland unter schlechten Bedingungen leben.

(Zeitschrift 2)

3.3.2 Krankheiten durch die Migration

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit, sondern als „…ein positives Konzept, das die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit ebenso betont wie die körperlichen Fähigkeiten“. Damit verbunden werden folgende Bereiche als wesentliche Voraussetzungen für Gesundheit erachtet: „Grundlegende Bedingungen und konstitutionelle Momente von Gesundheit sind Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, ein stabiles Ökosystem, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Jede Verbesserung des Gesundheitszustandes ist zwangsläufig fest an diese Grundvoraussetzungen gebunden.“

Betrachtet man die Lebensbedingungen undwelten von MigrantInnen, so wird klar, dass diese Menschen unter einem chronischen Mangel wesentlicher Determinanten eines gesunden Lebens leiden. Ihre Lebensumstände vor, während und nach der Migration erweisen sich in vielen Fällen als krank „machend“.

Wie eine Studie für die Schweiz aufzeigt, sind Unterschiede betreffend den Gesundheitszustand zwischen MigrantInnen und der Schweizer Bevölkerung in den folgenden Bereichen deutlich:

- Allgemeines Wohlbefinden: MigrantInnen klagen häufiger als SchweizerInnen über Schlaflosigkeit, Kopfweh, Müdigkeit sowie Rückenschmerzen.
- Frauen: Migrantinnen fühlen sich subjektiv deutlich kränker als Schweizer Frauen und ihre eingewanderten männlichen Landsleute.
- Psychosoziales Befinden: Flüchtlinge und Asylsuchende leiden insgesamt weniger unter vermehrten körperlichen Erkrankungen als unter den Folgen von Traumatisierungen.
- Tuberkulose: Tuberkuloseerkrankungen sind bei MigrantInnen häufiger, besonders bei Asylsuchenden
- Unfälle: MigrantInnen haben ein berufsbedingt stark erhöhtes Unfallrisiko und eine dementsprechend erhöhte Invaliditätsrate.

(Domenig/Loncarevic;2007;154)

Natürlich beinhaltet die ärztliche Versorgung von Migranten noch anderes. Mehr als andere Bevölkerungsgruppen sind Migranten Belastungen ausgesetzt, die zu Krankheiten führen können:

- Flucht vor Hunger, Folter und Krieg ist eine elementare Maßnahme des Lebensund Gesundheitsschutzes – überspitzt ausgedrückt: Flucht ist Prävention. Seelische und körperliche Traumatisierungen, Heimatverlust und Verlust von Angehörigen sind evtl. zu bedenken.
- Einwanderer stellten für die einheimische Bevölkerung immer eine potentielle Bedrohung ihrer Arbeitsstellen und ihres Reichtums dar. Die Folge ist eine Marginalisierung – die Verbannung in Berufe und Lebensbedingungen, die die Einwanderer einem höheren Risiko für gesundheitliche Probleme aussetzen als die einheimische Bevölkerung. So findet man z.B. eine erhöhte Totgeburtlichkeit, Frühsterblichkeit und Säuglingssterblichkeit von Kindern mit Eltern ausländischer Staatsangehörigkeit; höhere Sterberaten ausländischer Kleinkinder – höhere Müttersterblichkeit bei Ausländerinnen im Vergleich zu einheimischen Frauen. (Zeitschrift 2)

MigrantIn zu sein bedeutet, einen Prozess der Entwurzelung aus einer vertrauten Umgebung durchgemacht zu haben und dann den Prozess des Reisens, Unterwegsseins, welcher Jahre des Aufenthalts in Flüchtlingslagern, Monate in illegaler Durchreise mit sich bringen kann. Der Prozess der Migration ist selten einfach.

Migration bringt oftmals soziale Probleme, Bedrohungen für die psychische und physische Gesundheit mit sich. Migration ist ein prägendes Lebenserreignis, ist immer mit Stress, Unsicherheit und verunsichernden Faktoren verbunden. Man muss bedenken, dass rund 75% aller Flüchtlinge mehr als fünf Jahre unterwegs sind, bis sie wieder ein bleibendes Zuhause finden. Das bedeutet oftmals die Erfahrung von totaler Desinformation, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit.

Fragen nach den auslösenden Momenten für die Migration, dem Prozess der Migrationsvorbereitung und dem Migrationsverlauf selbst sowie nach den daran be teiligten Personen können deshalb für die Arbeit mit MigrantInnen im Kontext von Gesundheit und Krankheit von zentraler Bedeutung sein.

(Domenig/Loncarevic;2007,145)

3.3.3 Verständigungsund Verständnisprobleme

Für MigrantInnen ist die körperliche Ausdrucksform des Leidens häufig die einzige mögliche Kommunikationsform und das Gesundheitssystem der einzige legitime Ansprechpartner. Die daraus resultierende beidseitige „Sprachlosigkeit“ wird dann meist vor allem auf sprachliche und kulturelle Verständigungsprobleme reduziert. Die strukturellen, sozial-und gesellschaftspolitischen Bedingungen, welche die Begegnungen von Behandelnden und MigrantInnen massgeblich mitbestimmen, bleiben im Hintergrund.

Man muss allgemein feststellen, dass sprachliche und interkulturelle Missverständnisse im Arzt-Patienten-Verhältnisse an der Tagesordnung sind. Die Begegnung mit fremden Wertorientierungen, Rollenausprägungen und Verhaltensformen erzeugen zuweilen auch Hilflosigkeit oder Widerstand und Ablehnung auf der Seite der Gesundheitsanbieter. Krankheit ist auch ein, ein kulturelles Konstrukt, das im Bedeutungssystem einer Kultur kodiert wird. Menschen aus anderen Kulturen können eine andere Krankheitsaxonomie oder Nosologie haben.

Wie ein Kranker sich im Zustand seines Krankseins verhält, kann dementsprechend von Gesellschaft zu Gesellschaft äußerst verschieden sein. Die Probleme der sprachlichen Kommunikation liegen auf der Hand.

Stichwort Compliance:„Wie kann jemand kooperieren, der wenig versteht?“

(Zeitschrift 2)

Türkische Migranten: Kulturelle Missverständnisse

„Die Beziehung zwischen Spitalpersonal und ihren türkischen Patienten gestaltet sich oft schwierig“

Für die Heilung oder Linderung eines Leidens spielt das Krankheitsverständnis eine wesentliche Rolle.

„Im türkischen Kulturkreis ist die Frage nach der Krankheitsursache von grösserer Bedeutung als deren diagnostische Einordnung in ein nosologisches System. Krankheit stellt ein bedrohliches Ereignis dar und gilt als exogen verursacht. Krankheiten werden als definierte, im Umfeld des Menschen existierende Seinsformen verstanden, die von aussen her in den Körper eindringen. Für türkische Patienten sind mithin nicht die objektiven Kriterien der westlichen Schulmedizin über Art, Umfang und Schweregrad der Krankheit entscheidend. Wichtiger ist für sie, wie und warum sie von der Krankheit betroffen sind, denn nur die Kenntnis der Krankheitskausalität lässt nach ihrem laienmedizinischen Verständnis einen Rückschluss auf die Art der Erkrankung und somit auf Therapie und Prognose zu.“

„Magisch-religiöse Kausalitätstheorien“

„Für gläubige Muslime sind Alltag und Religion unauflöslich miteinander verbunden.

„Die Welt steht mit Säulen des Koran“ heisst es bei ihnen. Für alle Lebenslagen hält der Koran eine Sure bereit:

[...]

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Details

Titel
Migranten in der Intensivstation oder was ist "Morbus Bosporus"
Veranstaltung
Facharbeit, ''Kurs 71, Weiterbildung Intensivpflege"
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
55
Katalognummer
V118379
ISBN (eBook)
9783640217632
ISBN (Buch)
9783640217779
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zusätzlich wurde ein Nachtrag dazugefügt. die Arbeit wurde als "sehr gut" und überdurchschnittlich lange für eine Facharbeit in der CH, bewertet.
Schlagworte
Migranten, Intensivstation, Morbus, Bosporus, Facharbeit, Kurs, Weiterbildung, Intensivpflege
Arbeit zitieren
Andreas Wimmer (Autor), 2008, Migranten in der Intensivstation oder was ist "Morbus Bosporus" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118379

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