Novalis als Frühromantiker: Klingsohrs Märchen im literarhistorischen Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
26 Seiten, Note: 1.0 (sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kunstmärchen von der Aufklärung bis zur Frühromantik

3. Klingsohrs Märchen als frühromantisches Kunstmärchen
3.1 Novalis' Märchenkonzeption im Kontext der Gattungsentwicklung
3.2 Klingsohrs Märchen im Kontext des „Heinrich von Ofterdingen”

4. Klingsohrs Märchen im Vergleich mit Goethes „Märchen”
4.1 Das Verhältnis von Wunderbarem und Alltäglichem
4.2 Die Rolle von Poesie und Gemeinschaft
4.3 Die Funktion des Wunderbaren
4.4 Die Rolle des Todes
4.5 Die Kleinfamilie als Gesellschaftsform

5. Klingsohrs Märchen im Vergleich mit Eichendorffs „Das Marmorbild”
5.1 Zur Bedeutung der Gattungsproblematik
5.2 Das Verhältnis von Wunderbarem und Alltäglichem
5.3 Die Rolle von Poesie und Religion
5.4 Das Ende der beiden Märchen

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aus literaturwissenschaftlicher Sicht stellt Novalis' Klingsohr–Märchen ohne Frage eine besondere Herausforderung dar. Denn man kann sich diesem Werk auf vielerlei Weise nähern, dabei verschiedene Interpretationstechniken anwenden und damit immer wieder neue Aspekte akzentuieren, ohne anschließend den Anspruch erheben zu dürfen, das Märchen in seiner ganzen Vielschichtigkeit behandelt zu haben. Dies gilt erst recht dann, wenn man sich auf begrenztem Raum mit ihm auseinandersetzt, wie dies in der vorliegenden Arbeit der Fall ist, so daß es sinnvoll ist, sich auf einige Aspekte zu beschränken.

Die für die folgende Untersuchung gewählte Perspektive auf Klingsohrs Märchen resultiert aus der Tatsache, daß diese Arbeit im Anschluß an ein Novalis–Seminar und eine Frühromantik–Vorlesung entstanden ist: Es soll versucht werden, erstens den frühroman-tischen Charakter von Klingsohrs Märchen erkennbar werden zu lassen, indem Vergleiche mit Aufklärung, Klassik und Spätromantik angestellt werden, und damit zweitens zugleich anzudeuten, worin das spezifisch Frühromantische an Novalis' Dichtung besteht.

Die Fragestellung ist ganz bewußt recht allgemein gehalten, da Klingsohrs Märchen gut geeignet scheint, grundsätzliche Beobachtungen zur frühromantischen Poetologie und zur Dichtungskonzeption Novalis' anzustellen. Dies ist zum einen deshalb der Fall, weil das Kunstmärchen im allgemeinen, wie gezeigt werden wird, für Novalis (und die Frühromantik überhaupt) von besonderer Bedeutung gewesen ist, und zum anderen deshalb, weil Novalis im Klingsohr–Märchen seine Anschauungen in besonders kunstvoller Weise realisiert hat.

Aus diesen einleitenden Bemerkungen ergibt sich der Aufbau der vorliegenden Arbeit.

Im zweiten Kapitel wird es zunächst darum gehen zu zeigen, wie sich das Kunstmärchen bis zur Frühromantik entwickelt hat. Dabei wird die Literatur der Aufklärung den Ansatzpunkt darstellen, da die Gattung „Kunstmärchen” in dieser Epoche erstmals in der deutsch-sprachigen Literatur aufgetreten ist (zunächst in Form von Übersetzungen aus der orientalischen und aus romanischen Literaturen, dann beispielsweise durch Wielands Märchensammlung „Dschinnistan”, vgl. Steffen 1967, 101 f.). Auf diese Weise wird der entscheidende Unterschied zwischen dem Märchen der Aufklärung und dem der Frühromantik skizziert werden, wobei zugleich am Rande das Verhältnis zwischen Romantik und Aufklärung thematisiert wird.

Im dritten Kapitel wird es darum gehen, Klingsohrs Märchen in allgemeiner Form ein erstes Mal in den literarhistorischen Kontext zu stellen. Dazu wird in einem ersten Schritt Novalis' Märchenkonzeption in die Gattungsentwicklung des Kunstmärchens eingeordnet, bevor in einem zweiten Schritt der Tatsache Rechnung getragen wird, daß das Klingsohr–Märchen ein wichtiges Kapitel des Romans „Heinrich von Ofterdingen” bildet. Dabei wird auch dieser zweite Aspekt vor dem Hintergrund von Novalis' Poetologie betrachtet werden.

Die beiden folgenden Abschnitte bilden den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit.

Im vierten Kapitel wird dem Klingsohr–Märchen Goethes „Märchen” aus den „Unter-haltungen deutscher Ausgewanderten” vergleichend gegenübergestellt. Dabei soll deutlich werden, worin wichtige Parallelen und Unterschiede zwischen beiden Märchen bestehen, so daß der spezifisch frühromantische Charakter von Novalis' Werk diesmal in Bezug auf die Weimarer Klassik, in deren Kontext Goethes Märchen gehört, erkennbar wird.

Um einen Vergleich zwischen dem Klingsohr–Märchen und Joseph von Eichendorffs „Das Marmorbild” geht es im fünften Kapitel. Haben beide Märchen gemeinsam, daß sie zur Romantik gehören, so sollen in diesem Vergleich vor allem die Unterschiede betont werden, so daß zugleich die bestehenden Differenzen zwischen Früh- und Spätromantik akzentuiert werden.

Es soll deutlich werden, daß die jeweils auftretenden Unterschiede völlig verschiedener Art sind: Reagieren Novalis und Goethe auf die gleiche historische Situation völlig unter-schiedlich (das Klingsohr–Märchen hat Novalis im Jahre 1800 verfaßt, Goethes „Märchen” ist fünf Jahre älter), so resultieren die Differenzen zwischen Novalis und Eichendorff nicht zuletzt aus den historischen Veränderungen, die sich zwischen 1800 und 1817 (in diesem Jahr hat Eichendorff „Das Marmorbild” fertiggestellt) vollzogen haben.

Im sechsten Kapitel werden dann die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung zusammengefaßt, bevor im siebten Kapitel die verwendete Literatur aufgeführt wird.

2. Das Kunstmärchen von der Aufklärung bis zur Frühromantik

Um den spezifischen Charakter des frühromantischen Kunstmärchens zu skizzieren, ist es sinnvoll, kurz darauf einzugehen, wie sich das Kunstmärchen bis zur Frühromantik entwickelt hat. Auf diese Weise kann man erkennen, worin sich das Kunstmärchen der Frühromantik beispielsweise vom Kunstmärchen der Aufklärung unterscheidet.

In der Forschung wird hervorgehoben, daß es problematisch ist, die Gattung des Kunstmärchens zu definieren (vgl. z.B. Wührl 1984, 15; Merkel 1969, 162 f.). Doch das zentrale Element stellt – und darin ist man sich ganz offensichtlich einig – das Wunderbare dar.

So gliedert Paul–Wolfgang Wührl in seiner umfangreichen Untersuchung die behandelten Märchen nicht nach den jeweiligen Epochen, sondern er verwendet als wichtigstes Analysekriterium die jeweilige Funktion des Wunderbaren und teilt die Kunstmärchen in sechs Gruppen ein. Interessant ist dabei, daß die behandelten Märchen der Aufklärung eine eigene Gruppe bilden und unter der Überschrift „Das Wunderbare als Belustigung der Einbildungskraft” (Wührl 1984, 43) zusammengefaßt werden: In der Aufklärung kommt dem Wunderbaren demnach die Aufgabe zu, die Leserschaft zu belustigen. Es wird aber nicht wirklich ernst genommen als poetische Kategorie, sondern erfüllt innerhalb der traditionellen Auffassung, Kunst solle moralisch nutzen und erfreuen, lediglich die Aufgabe des „delectare”, nicht aber die des „prodesse” (vgl. dazu auch Steffen 1967, 102 und Vietor 1995, 10-23).

Dies zeigt, daß die Literatur der Aufklärung vor einem Dilemma stand: Einerseits war sie geprägt von einem starken Rationalismus, andererseits war man aber angewiesen auf ein Lesepublikum, das gerade im Zeitalter der Verstandesherrschaft ein immer stärkeres Verlangen nach Gefühl und Phantasie verspürte – zum Leidwesen beispielsweise Christoph Martin Wielands (vgl. Steffen 1967, 101). Im Märchen der Aufklärung kommt dem Wunderbaren also die Aufgabe zu, durch die Einbildungskraft zu belustigen, doch inhaltlich wird diese Kategorie letztlich immer wieder ad absurdum geführt – beispielsweise indem die Erfindung des Wunderbaren als eine Erfindung dargestellt wird, oder indem das Wunderbare am Ende ironisch zurückgenommen wird zugunsten des „Wahrscheinlichen” (vgl. Steffen 1967, 102-104). Diese Rolle des Wunderbaren entspricht der Skepsis der Aufklärer gegenüber allem, was nicht durch die menschliche Vernunft erklärt werden kann.

Versucht man nun, das Neue am Kunstmärchen der Frühromantik zu skizzieren, so berührt man damit zugleich die allgemeine Frage, in welchem Verhältnis Aufklärung und Roman-tik zueinander stehen. Würde eine ausführliche Behandlung dieser komplexen Thematik auch zu weit führen, so ist ein Aspekt durchaus charakteristisch für die Art und Weise, wie Aufklärung und Romantik miteinander verknüpft sind. Man ist sich – zumindest in der neueren Forschung – darüber einig, daß Aufklärung und Romantik keinen reinen Kontrast bilden (vgl. Stockinger 1994), daß also beispielsweise die Romantik nicht einfach als Gegenaufklärung angesehen werden kann, und daß die Romantik die Aufklärung in mancherlei Hinsicht sogar fortsetzt (vgl. Pikulik 1992, 10). Dies gilt auch für das Verhältnis von Vernunft und Gefühl: Sowohl Aufklärer als auch Romantiker setzen Vernunft und Gefühl einander gegenüber. Doch während erstere Gefühl und Phantasie den Kategorien Verstand und Ratio unterordnen, treten in der Romantik beide Ebenen einander gleichwertig gegenüber, wobei der Gegensatz im Grunde genommen dadurch aufgelöst wird, daß Vernunft und Phantasie „sich vereinigen” (Pikulik 1992, 24).

Diese eher theoretischen Ausführungen finden ihren Niederschlag auch im Kunstmärchen der Frühromantik. Denn hier werden, wie noch zu zeigen sein wird, das Wunderbare (als Resultat der Phantasie des Dichters) und das Alltägliche, das sich mit der vordergründigen Lebenswirklichkeit des Rezipienten deckt, eng miteinander verwoben, und es wird das Wunderbare dem Alltäglichen nicht mehr untergeordnet, wie noch in der Aufklärung.

Durch die bisherigen Ausführungen sollte der wohl zentrale Unterschied zwischen dem Kunstmärchen der Aufklärung und dem der Frühromantik deutlich geworden sein.

Wenn aber das spezifisch Frühromantische am Märchen beispielsweise Novalis' hervorgehoben werden soll, so ist es unerläßlich, auch auf das Märchen der Klassik einzugehen, und hier insbesondere auf Goethes „Märchen” aus den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten”. Dieser Aspekt wird jedoch als zentraler Bestandteil der vorliegenden Arbeit in einem eigenen Kapitel behandelt werden, da Goethes „Märchen” die wichtigste Vorlage für Novalis' Klingsohr-Märchen darstellt (vgl. Uerlings 1991, 501) und die Gattung „Kunstmärchen” ansonsten in der Klassik kaum in Erscheinung tritt.

Aus diesem Grunde soll als nächster Schritt gezeigt werden, welche Bedeutung Novalis' Märchenkonzeption im Kontext der frühromantischen Poetik zukommt, bevor der konkrete Vergleich des Klingsohr–Märchens mit Goethes „Märchen” unternommen wird.

3. Klingsohrs Märchen als frühromantisches Kunstmärchen

3.1 Novalis' Märchenkonzeption im Kontext der Gattungsentwicklung

Wenn Novalis im allgemeinen als der wichtigste Frühromantiker angesehen wird, so besteht ein Grund dafür sicherlich darin, daß Novalis sowohl als Dichter als auch als Theoretiker bahnbrechende Werke gelungen sind. Diese Vielseitigkeit auf einem so hohen Niveau kann man Friedrich Schlegel (trotz des Romans „Lucinde”), Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder kaum attestieren.

Es scheint etwas überzogen, Novalis als den „Gesetzgeber des Märchens” überhaupt zu bezeichnen (Thalmann 1961, 17) – schließlich hat es auch vor der Frühromantik bereits Märchen gegeben –, doch die weit verbreitete Auffassung, Klingsohrs Märchen sei der Prototyp des romantischen Kunstmärchens, ist durchaus nachvollziehbar.

Zugleich hat sich Novalis im Rahmen seiner poetologischen Reflexionen mehrfach zur Gattung des Märchens geäußert, und die Ergebnisse seiner Überlegungen sind sicherlich ebenso wichtig für das Kunstmärchen der Romantik wie Klingsohrs Märchen, in dem er seine Poetologie in besonders eindrucksvoller Weise in die Praxis umgesetzt hat.

Aus diesem Grunde ist es sinnvoll, kurz Novalis' Märchenkonzeption zu umreißen, um zu zeigen, wie Klingsohrs Märchen in den Kontext der Gattungsentwicklung, aber auch in die Poetologie der Frühromantik überhaupt, die ja auch von August Wilhelm und Friedrich Schlegel in entscheidendem Maße geprägt worden ist, eingebunden ist.

Novalis nennt selbst die Werke, durch die er erstmals mit dem Kunstmärchen konfrontiert worden ist, im „Allgemeinen Brouillon” („Märchen. Nessir und Zulima. Romantisierung der Aline. Novellen. Tausend und Eine Nacht. Dschinnistan. La Belle et la Bète. Musaeus Volksmärchen. Indische Märchen”, Novalis 1999, II 514). Doch es ist bezeichnend für sein dichterisches Schaffen, daß er nicht bei der bloßen Rezeption bleibt, sondern daß er eigene Ansichten über das Märchen entwickelt. Dabei findet sich der wohl zentrale Satz ebenfalls im „Allgemeinen Brouillon”: „Das Mährchen ist gleichsam der Canon der Poësie – alles poëtische muß mährchenhaft seyn” (Novalis 1999, II 691). Deutlicher könnte Novalis' Wertschätzung des Märchens kaum ausfallen. Dabei kann man diesen Satz in zweierlei Weise verstehen. Zum einen wird gesagt, daß jedes poetische Werk märchenhafte Züge tragen müsse, zum anderen steckt aber auch die Überzeugung dahinter, daß das Märchen-hafte die Ausformung des Poetischen schlechthin darstelle.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Novalis als Frühromantiker: Klingsohrs Märchen im literarhistorischen Kontext
Hochschule
Universität Trier  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Novalis
Note
1.0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V11842
ISBN (eBook)
9783638178914
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der betreuende Professor ist Präsident der Internationalen Novalis-Gesellschaft. 234 KB
Schlagworte
Novalis, Frühromantiker, Klingsohrs, Märchen, Kontext, Hauptseminar
Arbeit zitieren
M.A. Mario Paulus (Autor), 2001, Novalis als Frühromantiker: Klingsohrs Märchen im literarhistorischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11842

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