Welche Charakteristik lässt sich in Reinmars Frauenliedern erkennen? Die Relevanz der Fragestellung zeigt sich einerseits darin, dass Frauenlieder, also Gedichte, in denen eine Frau spricht, in Reinmars Werk zahlreicher auftauchen als bei allen anderen deutschen Dichtern des Mittelalters. Andererseits wird die Bedeutung der Arbeit durch einen Blick in die Forschungsliteratur deutlich. Da die Frauenlieder des Mittelalters nur einen kleinen Teil der mittelalterlichen Lyrik ausmachen, spielen sie keine große Rolle in der Literaturwissenschaft. Auch William E. Jackson bemerkt dazu: „There has never been a satisfactory scholary treatment of these poems.“ Später ergänzt er: „The poor scholarly treatment, or frequently the non-treatment, of the Woman's Song of Reinmar has a history equally as long. It has continued to be passed over in silence by many, and has been investigated suitably by none.“
Die Hausarbeit soll daher dazu beitragen, diesem Umstand entgegenzuwirken. Dazu sollen zunächst im zweiten Kapitel der Arbeit die Hintergründe des Dichters Reinmar geklärt werden. Außerdem soll kurz die Hohe Minne vorgestellt werden, da Reinmars Wirken dieser Zeit zugeordnet wird. Dies dient der Herausarbeitung erster Erkenntnisse über charakteristisch verwendete Themen und Schreibweisen, auf die der Hauptteil der Hausarbeit anschließend aufbauen kann. Im dritten Kapitel der Arbeit wird dann zuerst das Frauenlied „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“genau analysiert und anhand der Fragestellung untersucht werden. Anschließend wird das zweite Lied „Dêst ein nôt, daz mich ein man“ näher betrachtet. Beide Frauenlieder sind der Textausgabe „Frauenlieder des Mittelalters“ von Ingrid Kasten entnommen. Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht gleichzeitig auch der Textvergleich beider Lieder, damit im Fazit die Fragestellung beantwortet werden kann. Des Weiteren hat sich während des Bearbeitungsprozesses die These „Innere Zerrissenheit und Ehrvorstellung sind in Reinmars Frauenliedern eng miteinander verknüpft“ herausgebildet, die im Verlauf der Arbeit be- oder widerlegt werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Dichter Reinmar und der Hohe Minnesang
3. Reinmars Frauenlied - Zerrissenheit, Verzweilfung und Klage
3.1 „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“
3.2 „Dêst ein nôt, daz mich ein man“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Charakteristik der Frauenlieder Reinmars von Hagenau mit dem Fokus auf das Spannungsfeld zwischen innerer Zerrissenheit und den gesellschaftlichen Ehrvorstellungen der weiblichen Sprecherfiguren.
- Analyse des Hohen Minnesangs als literarischer Kontext
- Untersuchung des Motivs der Revocatio in Reinmars Lyrik
- Vergleichende Interpretation der Frauenlieder „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“ und „Dêst ein nôt, daz mich ein man“
- Psychologische Einordnung des Rollenverständnisses der Frau im Mittelalter
- Reflektion der Rolle von Minne, Ehre und Werbung
Auszug aus dem Buch
3.1 „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“
Im ersten Unterkapitel wird nun das Frauenlied „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“ genau analysiert. Formal erfüllt das Lied die typischen Merkmale des Hohen Minnesangs. Es besteht aus fünf Strophen mit jeweils zehn Versen, ist also mehrstrophig und der Aufbau entspricht der Kanzonenstrophe. Erkennbar ist dies am Reimschema abc abc defe, wobei die reinen Reime abc abc den Aufgesang und defe den Abgesang bilden. Auch inhaltlich ist das Frauenlied typisch für die Hohe Minne.
Der Grundkonflikt basiert auf der abweisenden Haltung der Frau gegenüber dem werbenden Mann, welche jedoch „nicht darauf beruht, daß sie ihn ablehnt, sondern daß sie aus dem Bestreben der Frau resultiert, ihre êre zu bewahren“. Das Frauenlied ist als Monolog verfasst und kann als eine Klage verstanden werden. Die Sprecherin reflektiert darin ihre Situation und ihre eigenen Gefühle. Erkenntlich wird dies bereits in der ersten Strophe. Dort spricht sie von ihrer „[u]ngenâde“ und „sorge“ (S.1,V.1), ihrem „senender“ (S.1,V.4) sowie ihrem „leit“ (S.1,V.5), weil sie den Mann, der ihr „von herzen holt“ (S.1,V.7) ist, aus Rücksicht auf ihre „êre“ (S.1, V.10), „niht durch ungevüegen haz“ (S.1,V.9), abweisen muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, warum Reinmars Frauenlieder eine besondere Stellung in der mittelhochdeutschen Literatur einnehmen und welche Relevanz die Untersuchung des Konflikts zwischen Ehre und Liebe hat.
2. Der Dichter Reinmar und der Hohe Minnesang: Dieses Kapitel behandelt die historischen Hintergründe zu Reinmar von Hagenau und definiert die formalen sowie inhaltlichen Merkmale des Hohen Minnesangs.
3. Reinmars Frauenlied - Zerrissenheit, Verzweiflung und Klage: Das Hauptkapitel widmet sich der detaillierten Analyse und dem Textvergleich zweier ausgewählter Frauenlieder, wobei Motive wie das Redeverbot und die Revocatio untersucht werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bestätigt die These, dass Zerrissenheit und Ehrvorstellungen in Reinmars Werk eng miteinander verknüpft sind.
Schlüsselwörter
Reinmar von Hagenau, Hoher Minnesang, Frauenlied, Minne, Ehre, Revocatio, Zerrissenheit, Kanzonenstrophe, Mittelalterliche Lyrik, Rollenverständnis, Klage, Literaturwissenschaft, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Charakteristik von Frauenliedern des Minnesängers Reinmar von Hagenau und deren psychologische sowie gesellschaftliche Hintergründe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das Spannungsfeld zwischen weiblicher Ehre und sexueller Hingabe, der gesellschaftliche Druck auf Frauen im Mittelalter sowie die formale Gestaltung des Hohen Minnesangs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Charakteristik von Reinmars Frauenliedern zu bestimmen und die These zu belegen, dass innere Zerrissenheit und Ehrvorstellungen in seinen Texten eng miteinander korrelieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine detaillierte textimmanente Analyse und einen vergleichenden Literaturvergleich basierend auf etablierter Forschungsliteratur.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine tiefgehende Analyse der Lieder „Ungenâde und swaz ie danne sorge was“ und „Dêst ein nôt, daz mich ein man“ unter besonderer Berücksichtigung lyrischer Motive wie der Revocatio.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Neben dem Minnesang selbst sind Begriffe wie die Revocatio (Widerruf), die Kanzonenstrophe und die soziale Rolle der Frau im feudalen System entscheidend.
Welche Rolle spielt die „Revocatio“ in den analysierten Liedern?
Die Revocatio fungiert als wichtiges Motiv, durch das Reinmar die psychologische Entwicklung der Sprecherin verdeutlicht, wenn sie ihre früheren Abweisungen gegenüber dem Mann widerruft oder hinterfragt.
Warum wird Reinmar von Hagenau als Ausnahmeerscheinung im Minnesang bezeichnet?
Reinmar wird als Ausnahme betrachtet, da er im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen eine signifikant höhere Anzahl an Frauenliedern verfasste und sich intensiv mit der weiblichen Psychologie auseinandersetzte.
- Arbeit zitieren
- Felix Hutschenreuter (Autor:in), 2018, Ein Textvergleich über die Charakteristik von Reinmars Frauenliedern. Innerliche Verzweiflung durch Werbung, Minne und Ehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1184296