Wiedervereinigung und 2+4-Außenministertreffen. Die unterschiedlichen Perspektiven von Margaret Thatcher und dem Foreign Office/Douglas Hurd


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die differenten Standpunkte zur deutschen Einheit von Margaret Thatcher und dem FCO und Douglas Hurd
1.1. Die Perspektive von Margaret Thatcher
1.2. Die Perspektive des Foreign Office und Douglas Hurd

2. Die unterschiedlichen Perspektiven des Foreign Office/Douglas Hurd und Margaret Thatcher in den Wochen vor den 2+4-Außenministertreffen.
2.1. Die Anfangszeit der 2+4-Verhandlungen
2.2. Die Trennung des Foreign Office/Douglas Hurd von der Meinung Margaret Thatchers
2.3. Die langwierige Meinungsveränderung von Margaret Thatcher

3. Die differenten Meinungen Thatchers und des Foreign Office/Hurds während den 2+4-Außenministertreffen
3.1. Das erste 2+4-Außenministertreffen in Bonn
3.2. Das zweite 2+4-Außenministergespräch in Berlin
3.3. Das dritte 2+4-Außenministergespräch in Paris

4. Der Wendepunkt Margaret Thatchers im Wiedervereinigungsprozess

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Als eins der bedeutendsten Ereignisse der letzten Jahrzehnte für die nationale sowie internationale Geschichte, gilt die deutsche Einheit zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik.1 Die deutsche Frage über die Einheit des Landes war nach dem zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 in den Köpfen der Deutschen aber auch in denen der Siegermächte nicht vorhanden. Bereits Ende 1980 zeichnete sich ab, dass eine deutsche Wiedervereinigung2 in Zukunft geschehen würde. Als die Mauer am 9. November 1989 schließlich fiel, war gleichwohl jede Siegermacht überrascht.3 Schnell entwickelten sich innerhalb der Siegermächte Meinungen bezüglich der deutschen Einheit. Insbesondere interessant für die Geschichte des Einheitsprozesses ist es hierbei die unterschiedlichen Tendenzen innerhalb Großbritanniens zu betrachten.

In Großbritannien gab es im Laufe des Wiedervereinigungsprozesses keinen Konsens zwischen der Premierministerin Margaret Thatcher und dem Foreign and Commonwealth Office.4 Auch Thatchers Außenminister - Douglas Hurd - stellte sich auf die Seite des FCO im Wiedervereinigungsprozess.5 Angesichts dieser Tatsachen stellt sich somit die Frage, weshalb es zu den unterschiedlichen Meinungen bezüglich der Wiedervereinigung auf den beiden Seiten kam und ob es in den 2+4-Verhandlungen schließlich doch zu einer Art Konsens kommen konnte und wie dieser aussah. Entgegen der eigenen eher defensiven Meinung des FCO, wurde versucht bewusst, auf eine konsequent defensive Politik zu verzichten, um im Einheitsprozess eine aktive Rolle einzunehmen.6 Gerade deswegen ist es interessant genauer zu untersuchen, wie und warum das FCO sich für die deutsche Wiedervereinigung einsetzte, während dessen Premierministerin dieser mit großer Skepsis gegenübertrat. Aus diesem Grund ist es bedeutsam zu beleuchten, inwiefern sich die Perspektiven Margaret Thatchers und des FCOs bezüglich der Wiedervereinigung unterscheiden und inwiefern ein Konsens in den 2+4-Verhandlungen gefunden werden konnte.

Aufbauend darauf, wird die erste Herangehensweise dieser Hausarbeit sein, zuerst die Perspektive Margaret Thatchers und dann die des FCOs bezüglich der Wiedervereinigung zu betrachten. Es wird hierbei auf persönliche und politische Interessen geschaut, welche die Meinung zur Einheit beeinflussten. Im Folgenden wird auf Ereignisse im Einheitsprozess, jedoch vor den 2+4-Außenministergesprächen eingegangen, welche allerdings auf die Ministergespräche Auswirkungen hatten. Im weiteren Verlauf wird genauer auf die Differenzen der beiden Seiten in den drei 2+4-Außenministertreffen eingegangen. Besonders betrachtet wird der Juli 1990, welcher oft als Wendepunkt in Margaret Thatchers Haltung zur deutschen Wiedervereinigung bezeichnet wird. Hier wird spezifisch untersucht, ob es sich wirklich um einen Wendepunkt handelte und wie dieser aussah. Insgesamt begrenzt sich diese Arbeit auf den Zeitraum von März bis Juli 1990. Bezüglich des Quellenkorpus werden besonders die Protokolle aus den Akten des Auswärtigen Amts aber auch Quellensammlungen, wie die von Patrick Salmon verwendet. Salmon ist hierbei besonders geeignet, da er beim FCO als einer der ältesten und wichtigsten Historiker angestellt ist7 und somit zusätzliche Möglichkeiten für eine ausführliche Quellensammlung besitzt. Darüber hinaus werden in der Hausarbeit auch Interviews und Reden von Thatcher benutzt, welche persönliche Meinungen stark hervorheben.

1. Die differenten Standpunkte zur deutschen Einheit von Margaret Thatcher und dem FCO und Douglas Hurd

In den folgenden zwei Unterkapiteln, wird zuerst der Standpunkt Thatchers und im Folgenden vom FCO betrachtet. Bei Thatcher werden politische, sowie persönliche Beweggründe beleuchtet, während die Meinung des FCOs ausschließlich aus politischen Hintergründen begutachtet wird.

1.1. Die Perspektive von Margaret Thatcher

Der überraschende Mauerfall am 9. November 1989 sorgte bei den Siegermächten für große Verwunderung. Niemand hatte eine plötzliche Mauerfall erwartet und schnell sah Großbritannien drei zentralen Problemen entgegen, welche das momentane Verhältnis Großbritanniens zu der Bundesrepublik und die Rolle Großbritanniens hätte verändern können. Das erste Problem war, dass Großbritannien

„als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges […] besondere Rechte und Verpflichtungen gegenüber Deutschland als Ganzem [zustanden]; im Rahmen der militärischen NATO-Partnerschaft war Großbritannien Schutzmacht der Bundesrepublik und West-Berlins, schließlich bestanden intensive wirtschaftliche und politische Verflechtungen mit Westdeutschland als Partner innerhalb der Europäischen Gemeinschaft.“8

Das FCO und Margaret Thatcher waren sich diesen neu aufkommenden Problemen bewusst, doch im Gegensatz zum FCO, wollte Margaret Thatcher diese Probleme anderweitig angehen und lösen. Margaret Thatcher wandte sich bereits im November und Dezember 1989 bei den NATO-Treffen in Brüssel von der Seite der anderen drei Siegermächte ab und sah eine deutsche Einheit in naher Zukunft nicht kommen.9

Diese Abwendung bei Thatcher kann man durch ihre persönlichen Erfahrungen und ihrer politischen Karriere erklären. In ihrer politischen Laufbahn hatte Thatcher es geschafft Großbritannien wieder zu einer wichtigen Nation in Europa zu etablieren.10 Die deutsche Einheit hätte eine Umstrukturierung Europas bedeutet, welche somit auch die Rolle Großbritanniens verändert hätte.11 Diese Umstrukturierung hätte in einem Machtverlust der gesamten Nation geendet, welche Thatcher in ihrer politischen Laufbahn aufgebaut hatte und als ihr Lebenswerk ansah.12 Thatcher wollte somit unbedingt die Rolle der Briten bewahren, welche die deutsche Einheit gefährdete. Deutschland war somit eine Gefahr für diese Rolle und für Thatcher dementsprechend nicht geeignet zur Unterstützung im Prozess.

Neben Thatchers politischem Lebenswerk ist zu beachten, dass Großbritannien eine Nuklearmacht ist und in der NATO eine einflussreiche Rolle einnahm. Die gute Beziehung zu Amerika unter Ronald Reagans Regierung, war durch den Regierungswechsel George H. W. Bush zu Schaden gekommen und Thatcher wusste, dass Großbritannien sich dadurch nicht auf amerikanische Unterstützung im Wiedervereinigungsprozess verlassen konnte.13 Thatcher glaubte fest an eine Englisch-Amerikanische „special relationship“14, doch seit Bushs Regierungsantritt litt diese Beziehung, was für Thatcher unter anderem den Zusammenhalt der europäischen Union gefährdete.15 Vielmehr fürchtete Margaret Thatcher darüber hinaus, dass Amerika sich durch Bushs gute Beziehung zu Helmut Kohl auf die deutsche Seite und stellen würde16 und somit für die Wiedervereinigung stimmen würde. Weiterhin war Thatchers Befürchtung, dass es zwischen Amerika und Russland zu einem Vertrag bezüglich der Bannung nuklearer Waffen kommen könnte.17 Durch ihre schlechten Beziehungen zu zwei politischen Führern, war Großbritannien für Amerika und die Bundesrepublik kein bedeutsamer Verhandlungspartner während des Wiedervereinigungsprozesses, was daran zu erkennen ist, dass Thatcher und Kohl auch erst Ende März in London ein persönliches Gespräch bezüglich des Prozesses hatten.18 Dies ist für internationale Verhandlungen selbstverständlich keine gute Position, in welcher sich Thatcher und somit auch ihr Land während des Wiedervereinigungsprozesses befanden.

Am 13. Oktober 192519 wurde Thatcher geboren und erlebte somit den zweiten Weltkrieg als junges Mädchen mit. Thatchers Bild von Deutschland war von dem Moment an geprägt und änderte sich auch im Laufe ihres Lebens nicht mehr, welches sich besonders am Meeting in Chequers vom 24. März 1990 zeigen lässt. Während dieses Treffens, ließ Thatcher mit eingeladenen Historikern eine alphabetische Liste von Charaktereigenschaften der Deutschen erstellen, welche die Eigenschaften „angst, aggressiveness, assertiveness, bullying, egotism, inferiority complex, sentimentality“ haben sollen.20 Es ist zu erkennen, dass Thatcher im Wiedervereinigungsprozess voreingenommen war und ihre persönlichen Gefühle in ihre politische Arbeit mit einfließen ließ. Dies zeigt sich unter anderen auch daran, dass in Thatchers Memoiren ein ganzes Kapitel den Deutschen gewidmet war, welches „The German Problem and The Balance of Power“ heißt, in welchem Thatcher noch 1993 von einem „national character“ der Deutschen spricht.21

Margaret Thatcher war nicht gegen die deutsche Einheit, sondern sah in einer unüberlegten und schnellen Wiedervereinigung die Gefahr eines instabilen Europas. Thatchers Perspektive zur Wiedervereinigung ist gut in einem aus ihren Memoiren stammenden Abschnitt zusammenzufassen:

“For a united German is simply too big and powerful to be just another player within Europe. Moreover, Germany has always looked east and west as well, though it is economic expansion rather than territorial aggression which is the modern manifestation of this tendency. Germany is thus by its nature a destabilizing rather than a stabilizing force in Europe. Only the military and political engagement of the United States in Europe and close relations between the other two strongest sovereign states in Europe – Britain and France – are sufficient to balance German power:”22

[...]


1 Im Folgendem als DDR abgekürzt.

2 Es ist bewusst, dass der Begriff „Wiedervereinigung“ juristisch gesehen nicht richtig ist, da durch die deutsche Einheit Deutschland neuformiert wurde. Wiedervereinigung würde implizieren, dass ein bereits vorherig bestandenes Land, wieder vereint werden würde, was nicht richtig ist. Trotzdem wird der Begriff in der Hausarbeit benutzt.

3 Klein, Yvonne, Obstructive or promoting? British views on German unification 1989/90, in German politics 5 (1996), S. 405.

4 Im Folgendem mit FCO abgekürzt.

5 Larres, Klaus, Margaret Thatcher and German Unification Revisited, in: Mueller, Wolfgang/Gehler, Michael/Suppan, Arnold (Hrsg.), The Revolutions of 1989: A Handbook , 2015, S. 380.

6 Bohne Julian, UK documents shed new light in reluctance over German reunification, in: Deutsche Welle (11.09.2009), URL: https://www.dw.com/en/uk-documents-shed-new-light-on-reluctance-over-german-reunification/a-4676711. Letzter Zugriff: 04.08.2021.

7 Larres, Margaret Thatcher and German Unification Revisited, S. 358.

8 Kruse, Nikolaus, Die Britische Presseberichterstattung zur Deutschen Wiedervereinigung in der „Times“ und im „Guardian“, 1997, S. 1-2.

9 Klein: Obstructive or promoting, S. 406.

10 Ebd., S. 407.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Thatcher, Margaret, The Downing Street Years, London 1993, S. 768.

14 Edmonds, Martin, British Foreign Policy, in: Current History, 83/492 (1984), S. 158.

15 Larres, Margaret Thatcher and German Unification Revisited, S. 359, 362, 364. ; Ratti, Luca, A Not-So-Special Relationship: The US, The UK and the German Unification, 1945-1990, Edinburgh 2017, S. 4,6, 11.

16 Klein, Obstructive or promoting, S. 408.

17 Beckett, Clare, Thatcher, London 2006, S. 86-109.; Thatcher, The Downing Street Years, S. 772.; Bozo, Frédéric, Mitterand, the End of the Cold War, and German Unification, 2009, S. 170.

18 Hielscher, Hans, Kilz, Hans Wernern, Wild, Dieter, Margaret Thatcher Interview for Der Spiegel (23.03.1990) No. 10 Downing Street London. URL: https://www.margaretthatcher.org/document/107900. Letzter Zugriff: 05.08.2021.

19 Beckett, Clare, Thatcher, London 2006, S. 1.

20 Klein, Obstrucitve or promoting, S. 414.; Craig, Gordon A., Die Chequers Affääre von 1990. Beobachtungen zum Thema Presse und internationale Beziehungen, in: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, 39 (1991), S. 619-620.

21 Thatcher, The Downing Street Years, S.791.

22 Ebd., S.791.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wiedervereinigung und 2+4-Außenministertreffen. Die unterschiedlichen Perspektiven von Margaret Thatcher und dem Foreign Office/Douglas Hurd
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1184329
ISBN (Buch)
9783346613219
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche Wiedervereinigung, 2+4-Verhandlungen, Thatcher, 1990
Arbeit zitieren
Tabea Wiegand (Autor:in), 2021, Wiedervereinigung und 2+4-Außenministertreffen. Die unterschiedlichen Perspektiven von Margaret Thatcher und dem Foreign Office/Douglas Hurd, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1184329

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