Setzt man sich mit Geschichtsdramen auseinander, so drängen sich häufig drei Fragen auf, die eng miteinander verknüpft sind, und die sich wie ein roter Faden auch durch die vorliegende Arbeit ziehen. Zu fragen ist nämlich erstens, auf welche Weise ein Dramatiker Geschichte darstellt - das heißt welche künstlerischen Mittel beispielsweise verwendet werden -, zweitens, warum er Geschichte auf diese Art darstellt - das heißt welche Intention er verfolgt -, und drittens, welche Rückschlüsse auf das Geschichtsbild des Autors die Antworten auf die beiden ersten Fragen zulassen.
Beschäftigt man sich mit Bertolt Brechts Drama "Mutter Courage und ihre Kinder", so scheinen diese drei Fragen besonders aufschlußreich für die Interpretation zu sein. Denn hinsichtlich der Art und Weise der Darstellung ist festzustellen, daß Brecht selbst die Konzeption des epischen Theaters kreiert hat, von der auch das vorliegende Drama geprägt ist. Was die Intention Brechts betrifft, so ist es unerläßlich, auf das Hegelsche bzw. Marxsche Denkmodell der Dialektik einzugehen, das Brecht von seinem Lehrer Karl Korsch vermittelt worden ist. Es wird nämlich zu zeigen sein, wie sehr Brechts Auffassung von Geschichte durch diese philosophischen Denkrichtungen beeinflußt wird, und wie sich dies in seiner Theaterkonzeption niederschlägt. Welches Geschichtsbild aus den Grundüberzeugungen Brechts hervorgeht, wird insbesondere dann deutlich und interessant, wenn ein Vergleich mit zwei Autoren angestellt wird, die einer ähnlichen, aber doch nicht der gleichen Geschichtsauffassung folgen.
Aus diesen einleitenden Bemerkungen geht fast folgerichtig der Aufbau der vorliegenden Arbeit hervor.
Im zweiten Kapitel geht es darum, den Zusammenhang zwischen Dialektik und epischem Theater darzustellen. Dabei wird in einem ersten Schritt der Versuch unternommen, die Bedeutung des Dialektik-Begriffs bei Brecht zu untersuchen, wobei es den Rahmen der Arbeit bei weitem gesprengt hätte, wenn versucht worden wäre, die idealistische Dialektik Hegels oder die materialistische Dialektik Marx′ näher vorzustellen. Es kann vielmehr nur darum gehen zu skizzieren, wie Brecht den Begriff "Dialektik" verwendet und welchen Grundüberzeugungen dieses Dialektik-Verständnis Ausdruck verleiht. In einem zweiten Schritt wird quasi als Überleitung der Bezug zwischen Dialektik-Begriff und Theaterkonzeption verdeutlicht, bevor in einem dritten Schritt die charakteristischen Merkmale des epischen Theaters beschrieben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dialektik und Brechts episches Theater
2.1 Zur Bedeutung der Dialektik bei Brecht
2.2 Dialektik und Brechts Konzeption des epischen Theaters
2.3 Elemente des epischen Theaters
3. Dialektik im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“
3.1 Zur Entstehungssituation des Dramas
3.2 „Mutter Courage und ihre Kinder“ als episches Theater
4. Dialektik am Beispiel der zweiten Szene
5. Zwischenfazit: Brechts Geschichtsbild
6. Brechts Geschichtsbild im literarhistorischen Kontext
6.1 Vergleich mit dem Geschichtsbild Georg Büchners
6.2 Vergleich mit dem Geschichtsbild Max Frischs
7. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Dialektik in Bertolt Brechts Theaterkonzeption und deren Anwendung im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“, um das daraus resultierende Geschichtsbild des Autors zu analysieren und mit anderen literarhistorischen Auffassungen in Beziehung zu setzen.
- Die philosophischen Grundlagen der Dialektik bei Bertolt Brecht
- Die theaterpraktische Umsetzung durch das epische Theater
- Die Analyse der Widersprüchlichkeit im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“
- Ein vergleichender Blick auf die Geschichtsbilder von Georg Büchner und Max Frisch
Auszug aus dem Buch
3.2 „Mutter Courage und ihre Kinder“ als episches Theater
Daß Brecht sich im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ auf den stattfindenden Zweiten Weltkrieg bezieht, ist eine Feststellung, die die Basis für eine angemessene Deutung des Stücks darstellt (vgl. z.B. Knopf 1980, 184 f.). Widmet man sich nun der Frage, auf welche Weise Brecht die bestehenden Mißverhältnisse deutlich machen will, so stößt man fast zwangsläufig auf die zentralen Punkte der Brechtschen Konzeption des epischen Theaters.
Von elementarer Bedeutung ist zunächst einmal, daß Brecht den Rezipienten eine kritische Haltung gegenüber den Geschehnissen auf der Bühne abverlangt. Dies versucht er beispielsweise dadurch zu erreichen, daß er der Hauptfigur des Stücks, der Marketenderin Anna Fierling, die als „Mutter Courage“ durch die Lande zieht, keinen einheitlichen, sondern einen gespaltenen Charakter zuweist, was sich bereits in ihrem Namen widerspiegelt: Einerseits versucht sie als Mutter, ihre drei Kinder heil durch die Gefahren des Krieges zu führen, andererseits bedient sie sich als couragierte Händlerin eben dieses Krieges, so daß sie dem Krieg gegenüber eine ambivalente Stellung einnimmt: Sie versucht, aus den kriegerischen Umständen Kapital zu schlagen, da sie für sich und ihre Kinder keine andere Möglichkeit sieht, unter den gegebenen Umständen zu überleben. So ist der Charakter der Anna Fierling durch den Gegensatz geprägt, daß sie sowohl Mutter als auch Händlerin ist – einen Spagat, den sie nicht bewältigen kann, wie die Tatsache zeigt, daß sie ein Kind nach dem anderen verliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der zentralen Fragestellung bezüglich Brechts Geschichtsdarstellung und der strukturelle Aufbau der Untersuchung.
2. Dialektik und Brechts episches Theater: Erläuterung des dialektischen Denkmodells und dessen notwendiger Konsequenz für die Konzeption des epischen Theaters.
3. Dialektik im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf den Entstehungskontext und die inhaltliche Struktur des Dramas.
4. Dialektik am Beispiel der zweiten Szene: Detaillierte Untersuchung dialektischer Elemente wie der Verknüpfung von privatem Gewinnstreben und kriegerischer Realität.
5. Zwischenfazit: Brechts Geschichtsbild: Reflexion über die optimistische Grundhaltung Brechts angesichts der Unfähigkeit seiner Figuren, aus der Geschichte zu lernen.
6. Brechts Geschichtsbild im literarhistorischen Kontext: Vergleichende Analyse mit Georg Büchner und Max Frisch zur Einordnung von Brechts historischer Perspektive.
7. Zusammenfassung: Abschluss der Arbeit mit der Quintessenz über die Veränderbarkeit der Wirklichkeit durch menschliches Handeln.
Schlüsselwörter
Dialektik, Brecht, episches Theater, Mutter Courage, Geschichtsbild, Verfremdungseffekt, Krieg, Literaturtheorie, Materialismus, Gesellschaftskritik, Dramenanalyse, Georg Büchner, Max Frisch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie Bertolt Brecht mittels dialektischer Prinzipien und der Form des epischen Theaters Geschichte darstellt und welches Geschichtsbild er damit vermittelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der philosophischen Fundierung durch das Dialektik-Verständnis, den künstlerischen Mitteln des epischen Theaters und dem spezifischen Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brecht seine Überzeugung von der Veränderbarkeit der Welt durch die theatrale Konzeption des epischen Theaters in die Praxis umsetzt und wo hierbei Grenzen liegen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Grundlagen des epischen Theaters mit einer konkreten Textinterpretation des Dramas und einem literarhistorischen Vergleich verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Dialektik bei Brecht, die Anwendung dieser auf das konkrete Beispiel „Mutter Courage und ihre Kinder“ sowie einen vergleichenden Ausblick auf Georg Büchner und Max Frisch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind Dialektik, episches Theater, Verfremdungseffekt, Geschichtsbild sowie die Einordnung Brechts in den Kontext des politischen Engagements und der Exilliteratur.
Wie wird das Spannungsverhältnis von Mutter Courage charakterisiert?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Mutter Courage als „gespaltene Figur“ fungiert, die einerseits ihre Kinder retten will, andererseits jedoch als Händlerin vom Krieg profitiert, was ihre Unfähigkeit zum Lernen symbolisiert.
Warum ist der Vergleich mit Büchner und Frisch für die Arbeit relevant?
Der Vergleich dient dazu, das Besondere an Brechts marxistisch geprägter, optimistischer Geschichtsauffassung gegenüber anderen Autoren hervorzuheben, die eine eher skeptische oder resignative Perspektive einnehmen.
- Quote paper
- M.A. Mario Paulus (Author), 2000, Dialektik als Grundlage der Geschichtsdarstellung und des Geschichtsbildes Bertolt Brechts am Beispiel des Dramas Mutter Courage und ihre Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11843