Horaz, Carmina, Frühlingsgedichte I, 4 und IV, 7


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Übersetzung der Oden I, 4 und IV, 7
- Ode I,
- Ode IV,7

III. Interpretation der Ode IV, 7
- Gliederung der Ode IV,7
- Interpretation
- Zusammenfassung

IV. Vergleich von I, 4 und IV, 7
- Gliederung der Ode I,4
- Gedichtvergleich
- Zusammenfassung

V. Schlusswort

I. Einleitung:

In der vorliegenden Arbeit sollen zunächst die beiden sich inhaltlich sehr nahe stehenden Frühlingsgedichte I, 4 und IV, 7 - „so nahe verwandt, wie kein anderes Paar horazischer Oden“[1] - übersetzt werden.

Anschließend folgt eine genauere Betrachtung und Interpretation der Ode IV, 7, von der Professor A.E. Housman in einer Vorlesung im Mai 1914 in Cambridge sagte: “That, I regard as the most beautiful poem in ancient literature“. So soll die Beschäftigung mit dieser „regina delle odi oraziane“[2], wie die Ode IV, 7 von A. La Penna gepriesen wird, den Schwerpunkt in dieser Arbeit bilden.

Abschließend soll noch ein Vergleich der beiden Frühlingsgedichte I, 4 und IV, 7 vorgenommen werden. Dies soll exemplarisch an einzelnen Textausschnitten geschehen. Besonders interessant hierbei wird die Beobachtung der Entwicklung horazischen Dichtens sein, da ja zwischen der Entstehung der früheren Ode I, 4, die auf das Jahr 23 v.Chr. datiert ist, und der späteren Ode IV, 7, im Jahre 13 v.Chr. entstanden, immerhin zehn Jahre liegen, und Horaz nur fünf Jahre nach Veröffentlichung des vierten Odenbuchs, zu dem ihn Augustus gedrängt hat, starb.

II. Übersetzung der Oden I, 4 und IV, 7:

- Ode I, 4

Der harte Winter geht bei dem willkommenen Wechsel[3] des Frühlings und des Westwinds dahin, und die Maschinen[4] ziehen die trockenen Schiffskiele ins Wasser[5],

und schon findet weder das Vieh an den Ställen noch[6] der Pflüger am Feuer Gefallen[7], und die Wiesen sind nicht länger[8] weiß von weißem Reif[9].

Schon führt die cythereische Venus die Tänze im Mondschein an,

und die reizenden[10] Grazien, die mit den Nymphen verbunden sind, schlagen abwechselnd[11] mit dem Fuß den Boden, während der feurige Vulcanus die wuchtigen Werkstätten der Cyclopen in Bewegung setzt.

Jetzt ist es Zeit[12], das glänzende Haupt entweder mit grüner Myrte oder mit Blumen[13], welche die gelockerte[14] Erde[15] trägt, zu umwinden;

Jetzt ist es auch Zeit[16], dem Faunus in schattigen Hainen zu opfern, sei es, dass er fordert[17], dass für ihn ein Lammweibchen geopfert wird[18], sei es, dass er lieber will[19], dass für ihn ein Bock geopfert wird[20].

Der bleiche Tod schlägt mit seinem[21] Fuß gleichermaßen[22] an die Hütten der Armen und an die Paläste der Könige. O glücklicher Sestius, die kurze[23] Lebenszeit verbietet uns, ferne[24] Hoffnung aufkommen zu lassen[25] ; Früh genug[26] werden dich die Nacht, die sagenhaften[27] Manen und das kärgliche Haus des Pluto[28] bedrängen;

Sobald du dorthin gegangen bist, wirst du weder das Präsidium beim Weingelage mit Würfeln erlangen, noch den zarten Lycidas bewundern, für den[29] jetzt die gesamte männliche Jugend glüht, und für den[30] sich bald die Jungfrauen in Liebe[31] erwärmen werden.

- Ode IV, 7

Der Schnee[32] ist verschwunden, schon kehrt den Feldern[33] das Gras[34] zurück und den Bäumen[35] die Blätter;

Die Erde vollzieht durch Änderung[36] einen Wechsel[37] und die abnehmenden Flüsse fließen[38] innerhalb[39] ihrer Ufer vorbei.

Die Grazie mit den Nymphen und den Zwillingsschwestern wagt es, nackt die Reigentänze anzuführen.

Das Jahr und die Stunde, die den belebenden[40] Tag hinwegrafft, mahnt, dass du Unsterbliches nicht erhoffst.

Die Kälte[41] wird mild durch die Zephyr-Winde, die Sommerhitze, die selbst[42] zugrunde gehen wird, zerdrückt den Frühling, sobald der Obst tragende Herbst seine Früchte ausgeschüttet hat;

und bald kehrt der träge Winter[43] wieder.

Die Monde ersetzen trotzdem schnell[44] die Verluste am Himmel:

Sobald wir aber[45] dorthin[46] hinabgestürzt sind,

wohin der pflichtbewusste Aeneas, wohin der reiche Tullus und Ancus hinuntergestürzt sind[47], sind wir nur[48] Staub und Schatten.

Wer weiß, ob die oberen Götter der heutigen Summe unserer Tage[49]

ein Morgen[50] hinzufügen?

Alles wird den gierigen Händen des Erben entgehen,

was du der lieben Seele gegeben hast[51].

Wenn du erst[52] einmal untergegangen bist und Minos über dich

seinen glänzenden Schiedsspruch[53] gefällt hat,

werden, Torquatus, nicht deine Herkunft, nicht dich deine Redegewandtheit, nicht dich dein Pflichtgefühl wiederherstellen[54].

Denn weder befreit Diana den keuschen Hippolytus

aus dem Dunkel der Unterwelt[55],

noch vermag Theseus seinem lieben Peirithoos

die Fesseln der Lethe zu zerreißen.

III. Interpretation der Ode IV, 7:

- Gliederung der Ode IV,7:

a) 1. Hälfte: V. 1-12:

- V. 1/2 Schilderung des Frühlings in der Natur
- V. 3 Wechsel der Jahreszeiten
- V. 3-6 Schilderung des Frühlings in der Mythologie
- V. 7-12 Wechsel der Jahreszeiten mit Ankündigung des Todes

b) 2. Hälfte: V. 13-28:

- V.13 Wiederauferstehen/Unsterblichkeit der Natur
- V.14-16 Vergänglichkeit des Menschen
- V. 17-20 „carpe diem“ !
- V. 21-24 Unerbärmlichkeit des Todes beim Menschen
- V. 25-28 Unerbärmlichkeit des Todes in der Mythologie

Die Teilung der Ode in zwei Teile habe ich deshalb vorgenommen, weil ich nach V. 12 einen Einschnitt sehe. Das tamen in V.13 unterstützt diese Ansicht. Vers 13 sticht heraus und könnte isoliert gesehen werden. Denn er ist entscheidend, um den starken Kontrast zu Vers 14 herzustellen – stilistisch hervorragend von Horaz mit einem asyndetischen Asyndeton ausgedrückt: nos ubi decidimus – und somit in die zweite Hälfte des Gedichts überzuleiten.

o Interpretation:

I.

Diffugere nives, redeunt iam gramina campis 01

arboribusque comae;

mutat terra vices et decrescentia ripas

flumina praetereunt.

Zwar beginnt die erste Strophe der Ode IV, 7 mit der Schilderung des Frühlingserwachens in der Natur in geradezu triumphalischer Art und Weise: „various patches of snow, last holdouts of winter, fleeing in different directions, like a routed enemy, at the onset of the spring sun, are now gone and, as if in triumph, grass is returning to the fields and foliage to the trees“[56]. Doch im Vordergrund steht schon hier der Hauptgedanke des Wandels: mutat terra vices (V. 3). Kenntlich gemacht wird dies vom Dichter, indem er als das beherrschende Sprachelement der ersten Strophe die Verben wählt, die Bewegung und Wechsel anzeigen. Schon der Tempuswechsel vom Perfekt zum Präsens zu Beginn des Gedichts lässt eine kräftige, durchgehende Bewegung fühlen[57]. Die fünf Verben der ersten Strophe diffugere, redeunt, mutat, decrescentia und praetereunt drücken allesamt Bewegung und Aktivität aus und stehen viermal an den betontesten Stellen der Strophe[58]. Somit bieten sich die flumina als Metapher für die erste Strophe an: Alles fließt, „alles wandelt sich“[59].

II.

Gratia cum Nymphis geminisque sororibus audet 05

ducere nuda choros.

immortalia ne speres, monet annus et almum

quae rapit hora diem.

[...]


[1] A. Kiessling /R. Heinze, Q. Horatius Flaccus. Oden und Epoden, Hildesheim &

Zürich (14.Aufl.) 1984, 424.

[2] A. La Penna, Q. Orazio Flacco. Le opere. Antologia, Firenze 1969, 462; derselbe, Orazio e la morale mondana europea, Firenze, 1969, 77.

[3] als Abl. temporis übersetzt oder als Abl. instrumenti aufzufassen.

[4] mit Kiessling/Heinze nicht als Rollen, sondern als Maschinen übersetzt.

[5] ergänzt.

[6] als und aufgefasst und in Verbindung mit neque als weder...noch übersetzt.

[7] wörtl. ``freut sich über“.

[8] ergänzt.

[9] als Abl. instrumenti aufgefasst; im Sg. übersetzt.

[10] mit Nisbet/Hubbard als ``lovely“ übersetzt.

[11] als Adverb übersetzt.

[12] wörtl. `` es gehört sich/ziemt sich“.

[13] im Pl. übersetzt.

[14] wörtl. ``gelöste“.

[15] im Sg. übersetzt.

[16] wörtl. `` es gehört sich/ziemt sich“.

[17] Warum steht hier Konjunktiv? Potentialis der Gegenwart!.

[18] mit Kiessling/Heinze ``sibi immolari“ ergänzt.

[19] Warum steht hier Konjunktiv? Potentialis der Gegenwart!.

[20] mit Kiessling/Heinze ``sibi immolari“ ergänzt.

[21] ergänzt.

[22] als Adverb übersetzt.

[23] brevis mit Nisbet/Hubbard und Kiessling/Heinze nicht auf vita, sondern summa bezogen.

[24] mit Nisbet/Hubbard im Sinne von `` distant“ übersetzt; wörtl. `` lange“.

[25] wörtl. ``zu beginnen“.

[26] mit Nisbet/Hubbard als ``all too soon=früh genug“ übersetzt; wörtl. `` schon“.

[27] adjektivisch übersetzt; eigtl. nach Nisbet/Hubbard Genetiv Sg. oder Nominativ Pl. als Apposition zu

Manes, wobei ich mich eher für die Apposition entscheiden würde.

[28] als Genetiv Sg. übersetzt; eigtl. adjektivisch.

[29] als Abl. causae aufgefasst.

[30] als Abl. causae aufgefasst.

[31] ergänzt.

[32] als kollektiver Singular übersetzt.

[33] als Dativ aufgefasst; Wäre hier auch die Annahme eines Abl. loci möglich? ``campis“ JA, aber

``arboribus“ NEIN!.

[34] als kollektiver Singular übersetzt.

[35] als Dativ aufgefasst; Wäre hier auch die Annahme eines Abl. loci möglich? NEIN!.

[36] mit Kiessling/Heinze umformuliert zu ``terra mutando vices facit“.

[37] im Sg. übersetzt.

[38] ’’ praetereunt=praeterlabuntur“.

[39] ergänzt.

[40] nach Kiessling/Heinze ist ``almus dies“ nicht der `` Frühlingstag“, sondern der `` belebende“ Tag im

Gegensatz zur Nacht.

[41] im Sg. übersetzt.

[42] ergänzt.

[43] eigtl ``die Wintersonnenwende“; hier synekdochischer Gebrauch: ``Winter“.

[44] wörtl. ``die schnellen Monde (adjektivisch)“; hier als Adverb übersetzt.

[45] als adversatives Asyndeton aufgefasst.

[46] ergänzt.

[47] ``deciderunt“ ergänzt.

[48] ergänzt.

[49] nach Kiessling/Heinze ``dierum“ ergänzt.

[50] wörtl. ``morgige Zeiten“=ein Tag.

[51] Ist meine Annahme richtig, dass ``dederis“ hier Futur II und vorzeitig zu ``fugient“ ist? JA!.

[52] ergänzt.

[53] im Sg. übersetzt.

[54] eigtl. ``… wieder in den früheren Stand einsetzen“.

[55] eigtl. Adjektiv, hier als Gen. Sg. übersetzt.

[56] E.A. Fredricksmeyer, Horace, Odes IV 7:“The Most Beautiful Poem in Ancient Literature“?, in: Hypatia. Essays in Classics, Comparative Literature and Philosophy pres. to H.E. Barnes, Boulder/Colorado 1985, 16.

[57] Die Ausführungen beruhen auf H.P. Syndikus, Die Lyrik des Horaz, Eine Interpretation der Oden, Band II, Darmstadt (3. völlig neu bearbeitete Auflage) 2001, 339.

[58] vgl. C. Becker, Das Spätwerk des Horaz, Göttingen 1963, 148.

[59] vgl. ebd. Becker, 148.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Horaz, Carmina, Frühlingsgedichte I, 4 und IV, 7
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Horaz, Carmina
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V118440
ISBN (eBook)
9783640216857
ISBN (Buch)
9783640217144
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horaz, Carmina, Frühlingsgedichte
Arbeit zitieren
Andreas Keilbach (Autor), 2005, Horaz, Carmina, Frühlingsgedichte I, 4 und IV, 7, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118440

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