Das von Hoffmann erwähnte Wechselspiel zwischen Welt und Individuum möchte der Verfasser der vorliegenden Hausarbeit – beginnend bei Hegels System der Sittlichkeit (1802) – in den Blick nehmen. Ferner wird durch Hegels Dreiteilung von Familie, Gesellschaft und Staat in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821) der Kern des Hegelschen Sittlichkeitsbegriffs herausgearbeitet.
Zuletzt soll aufgezeigt werden, dass Hegels Verständnis der Sittlichkeit, wenngleich sich die Zeiten seitdem geändert haben, heute noch immer aktuell ist. In diesem Zusammenhang werden aktuelle Probleme benannt. Dies – und der 250. Geburtstag von Hegel – sind Grund genug, sich im Rahmen dieser Arbeit ausführlich Hegels Ausführungen zur Sittlichkeit zu widmen.
Mit Georg Wilhelm Friedrich Hegels Ausführungen zur Sittlichkeit knüpft erstmals wieder ein Philosoph thematisch an die Gedanken von Aristoteles an. Bezog sich Aristoteles in seiner Politik mit Blick auf den Staat noch vor allem auf das gute Leben an sich, so richtet Hegel seinen Blick verstärkt auf das Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft.
In der betreffenden Sekundärliteratur macht Ritter diese Verbindung zu Aristoteles deutlich: „An die Tradition der von Aristoteles herkommenden »Politik« knüpft Hegel in der Aufnahme des Standpunktes der Sittlichkeit an.“ Hegel bezieht sich entsprechend nicht nur auf die Thesen von Aristoteles, sondern nimmt auch eine Übertragung in seine Zeit vor.
Detailliert betrachtet Hegel sowohl die Rolle als auch die Entwicklung des Individuums innerhalb von Familie und Gesellschaft, welches seine Freiheit letztlich im Staat verwirklicht sieht. Im staatlichen Geschehen und in der Freiheit des staatlichen Geschehens im Rahmen des bürgerlichen Zusammenlebens erlangt der Bürger höchste Vollendung.
Hoffmann führt aus, worin letztlich der Schlüssel zu Hegels Verständnis der Sittlichkeit liege: Diese „besteht nicht etwa darin, daß ein an sich schon handlungsmächtiges Subjekt sich die äußere Natur und Welt vernunftförmig unterwirft, sondern in einem Wechselspiel von Welt und Individuum, dessen Ziel der Aufbau einer maximal beziehungshaften Einheit des Unterschiedenen oder das Leben der Freiheit ist.“ Hegel schenkt der Balance zwischen Freiheit und Verantwortung Bedeutung; es geht ihm um den Standpunkt des vernunftgeleiteten Individuums innerhalb dieses Gleichgewichts.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hegels System der Sittlichkeit (1802)
3. Hegels Begriff der Sittlichkeit in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821)
3.1 Familie
3.2 Bürgerliche Gesellschaft
3.3 Staat
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Hegels Begriff der Sittlichkeit, ausgehend von seinem frühen Werk "System der Sittlichkeit" (1802) bis hin zu seiner systematischen Entfaltung in den "Grundlinien der Philosophie des Rechts" (1821). Ziel ist es, die Entwicklung der Dreiteilung in Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat als Kernstück seines Freiheits- und Gesellschaftsverständnisses zu analysieren und deren Aktualität unter Berücksichtigung moderner Fragestellungen zu bewerten.
- Analyse des frühen Hegelschen Sittlichkeitsbegriffs im Vergleich zu Kant und Fichte.
- Untersuchung der Institution Familie als erste sittliche Wurzel des Staates.
- Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft als System der Bedürfnisse und der Rolle der Korporation.
- Diskussion der staatstheoretischen Fundierung konkreter Freiheit bei Hegel.
- Kritische Reflexion der Aktualität Hegelscher Konzepte im 21. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
3.2 Bürgerliche Gesellschaft
In der bürgerlichen Gesellschaft geht laut Hegel das Prinzip der Besonderheit in die Allgemeinheit über (§ 186). Er selbst beschreibt den Sachverhalt zu Beginn des zweiten Abschnitts folgendermaßen: „Die konkrete Person, welche sich als B e s o n d e r e Zweck ist, […] ist das e i n e P r i n z i p der bürgerlichen Gesellschaft, - aber die besondere Person als wesentlich in B e z i e h – u n g auf andere solche Besonderheit, so daß jede durch die andere und zugleich schlechthin nur als durch die Form der A l l g e m e i n h e i t , das a n d e r e P r i n z i p, vermittelt sich geltend macht und befriedigt.“21
Hegel äußert seine Vorstellung eines Beziehungsgeflechts – vielmehr einer Entwicklung dieses Beziehungsgeflechts – innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Persönliche Interessen treten vor der Bedeutung der allgemeinen Interessen in den Hintergrund.
Tidre macht deutlich, dass das Werden zu einem Teil der bürgerlichen Gesellschaft jedoch nicht die völlige Auflösung der Person bedeutet: „Mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft wird das Individuum zwar von den Banden der Familie abgerissen, jedoch hört er damit nicht auf, Teil eines Ganzen zu sein.“22 Das Individuum geht zwar in die Gesellschaft über, bleibt aber seinem personalen Kern, seiner individuellen Ausprägung und seinen individuellen Vorstellungen treu, sofern sie sich mit den Regeln der bürgerlichen Gesellschaft vereinbaren lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, indem sie Hegels Bezugnahme auf Aristoteles darlegt und das Ziel formuliert, Hegels Sittlichkeitsbegriff durch die Analyse seiner Hauptwerke zu ergründen.
2. Hegels System der Sittlichkeit (1802): Dieses Kapitel analysiert Hegels frühe Auseinandersetzung mit Kant und Fichte und zeigt auf, wie er die Subjektwerdung des Individuums theoretisch beobachtet.
3. Hegels Begriff der Sittlichkeit in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821): Hier wird die ausgereifte Sittenlehre Hegels untersucht, die Recht und Moralität in der Sittlichkeit vereint.
3.1 Familie: Dieser Abschnitt behandelt die Familie als erste sittliche Wurzel des Staates, fokussiert auf Ehe und Kindererziehung als Prozess der Subjektwerdung.
3.2 Bürgerliche Gesellschaft: Dieses Kapitel beschreibt die bürgerliche Gesellschaft als System der Bedürfnisse und thematisiert das Spannungsfeld zwischen individueller Besonderheit und staatlicher Allgemeinheit.
3.3 Staat: Dieser Teil widmet sich der Staatstheorie, in der der Staat als Verwirklichung der konkreten Freiheit verstanden wird.
4. Fazit und Ausblick: Das Fazit stellt die bleibende Relevanz von Hegels Gedanken zur Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Ordnungsprinzips für das 21. Jahrhundert fest.
Schlüsselwörter
Hegel, Sittlichkeit, Philosophie des Rechts, System der Sittlichkeit, Familie, Bürgerliche Gesellschaft, Staat, Freiheit, Individuum, Allgemeinheit, Subjektwerdung, Moralität, Ethik, Gesellschaftsvertrag, Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung von Georg Wilhelm Friedrich Hegels Begriff der Sittlichkeit anhand seiner Schriften von 1802 bis 1821.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Struktur der Familie, die Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft sowie die Bedeutung des Staates für die Freiheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Hegels "Sittlichkeit" als theoretisches Konzept zu durchdringen, das die Transformation vom Individuum zum freien Bürger innerhalb institutioneller Rahmenbedingungen beschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine systematische Textanalyse und vergleichende Literaturstudie der Hegelschen Hauptwerke sowie zeitgenössischer und moderner Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das "System der Sittlichkeit" und die "Grundlinien der Philosophie des Rechts" detailliert in Bezug auf Familie, Gesellschaft und Staat analysiert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Begriffe Sittlichkeit, Subjektwerdung, Freiheit, Vernünftigkeit, Familie, Staat und bürgerliche Gesellschaft stehen im Zentrum der Arbeit.
Wie unterscheidet sich Hegels Verständnis von dem Kants oder Fichtes?
Während Kant und Fichte stark auf ein moralisches "Sollen" und individuelle Maximen fokussieren, betrachtet Hegel die Sittlichkeit als ein real existierendes "Sein" und Wechselspiel in gesellschaftlichen Institutionen.
Warum ist Hegels Staatsverständnis aus heutiger Perspektive kritisch zu betrachten?
Kritikpunkte sind vor allem das konservative Rollenbild von Mann und Frau sowie die Orientierung an einer konstitutionellen Monarchie, die demokratischen Standards des 21. Jahrhunderts widerspricht.
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- Mike Schuster (Author), 2020, Hegels Begriff der Sittlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1184483