Wenn es in der vorliegenden Arbeit um „Komplexität in der Syntax“ gehen soll, so muß zunächst einmal geklärt werden, wie der Begriff der „Komplexität“ verwendet werden soll. Denn unter einer „komplexen Syntax“ wird zumeist ein verschachtelter Satzbau verstanden, also ein aus mehreren, einander neben- oder untergeordneten Teilsätzen zusammengesetzter Satz. Dies hat zur Folge, daß Untersuchungen durchgeführt werden, die die Anzahl der Wörter innerhalb eines Satzes ermitteln sollen, um den Grad der „Komplexität“ eines Satzes – bzw. mehrerer Sätze eines ganzen Textes – zu ermitteln. Die folgende Untersuchung ist unter der Prämisse verfaßt worden, daß ein solches Begriffsverständnis problematisch, wenn nicht gar unangemessen ist. Denn es stellt sich die Frage, wie sinnvoll es eigentlich ist, von einem „komplexen Satz“ zu sprechen, wenn man sich damit nur auf die Form des betreffenden Satzes bezieht. Ergiebiger scheint der Begriff „Komplexität“ dann zu sein, wenn man sich mit einem Satz – oder allgemeiner: einer sprachlichen Äußerung – unter dem Aspekt auseinandersetzt, worin eigentlich die „Komplexität“ besteht und was aus dieser resultiert. So soll im folgenden unter einer komplexen sprachlichen Äußerung eine schwer verständliche Ausdrucksweise verstanden werden, die nicht nur von der Form, sondern auch vom Inhalt her Probleme bereitet.
Dieser Sichtweise liegt die Überzeugung zugrunde, daß Sprache der Kommunikation zu dienen hat. Es stellt sich dann die Frage, woran es liegt, daß die Kommunikation zuweilen mißlingt und sich das (gewünschte) Verständnis der sprachlichen Äußerung nicht einstellt. 1 Damit wiederum befindet man sich im Bereich der Sprachreflexion, in der es u.a. darum geht, daß „der Sprachgebrauch der Kommunikationsbeteiligten zur Diskussion gestellt werden muß“. 2 Letzteres soll anhand zweier Bespiele geschehen, um zu verdeutlichen, in welcher Hinsicht ein Satz „komplex“ (im Sinne von „schwer verständlich“) sein kann. Insofern wird unter der „Komplexität eines Satz“ verstanden, daß sein Verständnis Probleme bereitet. Zugleich wird aber hinsichtlich der Ursache für diese Probleme zwischen „formaler und inhaltlicher Komplexität“ unterschieden. „Formale Komplexität“ bedeutet dann, daß der grammatikalische Bau eines Satzes „komplex“ in dem Sinne ist, daß dieser – im Gegensatz zu einem „einfachen“ Satz – zusammengesetzt ist aus mehreren Teilsätzen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was bedeutet „Komplexität in der Syntax” ?
2.1 Zum Verhältnis von Syntax und Semantik
2.2 „Syntaktische” versus „semantische” Komplexität
2.3 Komplexität als Charakteristikum der „Moderne”
3. Ein Beispiel für formale Komplexität: Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“
3.1 Einordnung der Textstelle
3.2 Analyse der Syntax
3.3 Inhaltliche Deutung
4. Ein Beispiel für inhaltliche Komplexität: Artikel 51, Absatz 3 des Grundgesetzes
4.1 Struktur des Problems
4.2 Konsequenz der inhaltlichen Komplexität
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der Komplexität in der Syntax und hinterfragt die traditionelle Sichtweise, die Komplexität primär auf den formalen, verschachtelten Satzbau reduziert. Ziel ist es, den Begriff durch eine Unterscheidung in formale und inhaltliche Komplexität zu erweitern und anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie sprachliche Äußerungen trotz formaler Einfachheit inhaltlich komplex und somit schwer verständlich sein können.
- Unterscheidung zwischen formaler (syntaktischer) und inhaltlicher (semantischer) Komplexität.
- Analyse von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ als Beispiel für formale Komplexität.
- Untersuchung von Artikel 51, Absatz 3 des Grundgesetzes als Beispiel für inhaltliche Komplexität.
- Reflexion über die Entwicklung der deutschen Sprache seit 1800 hin zu einer komprimierteren Ausdrucksweise.
- Diskussion über das Scheitern von Kommunikation in der Moderne und die Grenzen der sprachlichen Darstellbarkeit.
Auszug aus dem Buch
3.2 Analyse der Syntax
Er erinnerte sie zuletzt, daß die Morgensterne funkelten, und daß, wenn sie länger im Bette verweilte, die Mutter kommen und sie darin überraschen würde; er forderte sie, ihrer Gesundheit wegen, auf, sich zu erheben und noch einige Stunden auf ihrem eignen Lager auszuruhen; er fragte sie, durch ihren Zustand in die entsetzlichsten Besorgnisse gestürzt, ob er sie vielleicht in seinen Armen aufheben und in ihre Kammer tragen solle; doch da sie auf alles, was er vorbrachte, nicht antwortete, und, ihr Haupt stilljammernd, ohne sich zu rühren, in ihre Arme gedrückt, auf den verwirrten Kissen des Bettes dalag: so blieb ihm zuletzt, hell wie der Tag schon durch beide Fenster schimmerte, nichts übrig, als sie, ohne weitere Rücksprache, aufzuheben; er trug sie, die wie eine Leblose von seiner Schulter niederhing, die Treppe hinauf in ihre Kammer, und nachdem er sie auf ihr Bett niedergelegt, und ihr unter tausend Liebkosungen noch einmal alles, was er ihr schon gesagt, wiederholt hatte, nannte er sie nochmal seine liebe Braut, drückte einen Kuß auf ihre Wangen, und eilte in sein Zimmer zurück. (201 f.)
Was zunächst jedem Leser sofort ins Auge springen dürfte, ist die extreme Länge dieses Satzes. Zwar ist die Satzlänge längst nicht das einzige – und wohl auch nicht das wichtigste – Kriterium für die Entscheidung darüber, ob ein Satz schwer verständlich ist oder nicht. So wäre es auch wenig sinnvoll, etwa die Anzahl der Wörter dieses Satzes zu ermitteln und aus dieser Zahl auf die Komplexität zu schließen. Als komplex muß der Satz aus anderen Gründen bezeichnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der Begriff der „Komplexität“ im Kontext sprachlicher Äußerungen problematisiert und die Notwendigkeit begründet, zwischen formaler und inhaltlicher Komplexität zu unterscheiden.
2. Was bedeutet „Komplexität in der Syntax” ?: Dieses Kapitel reflektiert das Verhältnis von Syntax und Semantik, stellt den Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft dar und führt die Differenzierung zwischen syntaktischer und semantischer Komplexität ein.
3. Ein Beispiel für formale Komplexität: Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“: Anhand einer Passage aus Kleists Erzählung wird untersucht, wie eine bewusste formale Verschachtelung eingesetzt wird, um die inhaltliche Komplexität der Situation und das Scheitern der Kommunikation darzustellen.
4. Ein Beispiel für inhaltliche Komplexität: Artikel 51, Absatz 3 des Grundgesetzes: Dieses Kapitel zeigt an einem Beispiel aus der juristischen Praxis, wie eine formal einfache, aber inhaltlich knappe und implikative Formulierung zu Deutungsproblemen führen kann.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Komplexität nicht allein durch die Anzahl der Wörter oder Satzverschachtelungen bestimmt wird, sondern eng mit der inhaltlichen Verständlichkeit und modernen sprachskeptischen Tendenzen verknüpft ist.
Schlüsselwörter
Komplexität, Syntax, Semantik, Satzbau, Sprachwissenschaft, Kommunikation, Kleist, Grundgesetz, Sprachreflexion, Sprachkrise, formale Komplexität, inhaltliche Komplexität, Sprachverwendung, Sprachskepsis, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Definition und Untersuchung von Komplexität innerhalb der Syntax, wobei sie die Grenzen einer rein formalen Betrachtung von Satzstrukturen aufzeigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Syntax und Semantik, der Wandel von expliziter zu impliziter Sprache sowie die Darstellung von kommunikativem Scheitern in Literatur und Recht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Komplexitätsbegriff zu erweitern und nachzuweisen, dass ein Satz nicht nur durch seinen grammatikalischen Bau, sondern maßgeblich durch seine inhaltliche Verständlichkeit als „komplex“ einzustufen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen diskursiven, analytischen Ansatz, der linguistische Theorien (z.B. von Peter von Polenz) mit konkreten Text- und Sachtextanalysen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zwei Fallbeispiele detailliert untersucht: Ein literarischer Ausschnitt aus Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ für formale Komplexität und ein juristischer Text aus dem Grundgesetz für inhaltliche Komplexität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Komplexität, Syntax, Semantik, Kommunikation, Sprachskepsis und formale versus inhaltliche Komplexität.
Warum analysiert der Autor ausgerechnet einen Satz aus Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“?
Der Autor wählt diese Passage, weil Kleists extrem verschachtelter Stil exemplarisch die Verbindung zwischen formaler Komplexität und der inhaltlichen Dramatik einer scheiternden Kommunikation zwischen den Figuren verdeutlicht.
Wie erklärt die Arbeit die inhaltliche Komplexität beim Artikel 51 des Grundgesetzes?
Die Arbeit zeigt auf, dass hier eine formale Einfachheit vorliegt, die jedoch durch eine implikative Ausdrucksweise und knappe Formulierung einen Deutungsspielraum lässt, der politische Konflikte und juristische Debatten hervorrufen kann.
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- M.A. Mario Paulus (Autor), 2002, Komplexität in der Syntax, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11846