In der Grundschule stellt "Lernen und Leisten" ein zentrales Thema dar. Dies interessiert, spätestens seitdem durch nationale und internationale Studien zur Leistungsfähigkeit des allgemeinen Schulwesens die angeblich geringe Leistungsfähigkeit unserer Schüler festgestellt wurde, sowohl die Öffentlichkeit als auch die Lehrerschaft.
Die Schule muss Leistungsschule sein, da die Leistung in unserem menschlichen Alltag allgegenwärtig ist. Genau deswegen muss geklärt werden, welche pädagogischen Mittel angestrebt werden müssen, um schulische Leistungen richtig zu fördern. Leistungsbeurteilung und -messung wird erst dann sinnvoll, wenn ihre pädagogische Bedeutung klar und eindeutig betont wird.
Dieser Aufgabe gerecht zu werden ist schwierig, denn die Leistungsbeurteilung der Schüler steht in einem Spannungsfeld zwischen der freien Entfaltung der Schülerpersönlichkeit einerseits und den Leistungsanforderungen der Gesellschaft andererseits. Deswegen ist sie, aber besonders die Zensurengebung, ein zentrales Thema der Schulpädagogik.
Nirgendwo anders gehen die Meinungen und Aussagen der Forschung, der Öffentlichkeit, der Eltern und Schüler so weit auseinander und nirgends ist die Kritik so heftig wie bei diesem Thema.
Wenn man die weitreichende Wirkung betrachtet, welche die schulische Leistungsbeurteilung für die Entwicklung und die Lebenschancen der einzelnen Schüler mit sich bringt, ist das auch nicht verwunderlich. Außerdem bietet nicht nur die Praxis der Leistungsbeurteilung Anlass zur Kritik, sondern auch deren Belastung mit objektiven Problemen.
Der pädagogische Begriff der Leistung muss folglich die Individualität aller Kinder berücksichtigen und den gesellschaftlichen Funktionen nicht die Überhand gewinnen lassen.
Vor allem das Fach Mathematik gilt heute neben dem Rechtschreiben als das Selektionsfach Nummer eins. Es besteht immer noch die fälschliche Meinung, dass sich die Lernerfolge objektiv beurteilen lassen, da es anscheinend nur richtige und falsche Antworten gibt.
Aber auch in Mathematik existiert meist mehr als nur der einzig korrekte Lösungsweg.
Die meisten Leistungsüberprüfungen konzentrieren sich auf den Wissens- oder Fertigkeitsbereich. So bedeutsam die Beherrschung von mathematischen Grundlagen auch ist, so wird ein Mathematikunterricht, welcher vor allem das automatische Abrufen von gespeicherten Wissenselementen und Handlungsweisen betont, der Prozesshaftigkeit des Faches bei weitem nicht gerecht.
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Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Zum Begriff der Leistung
1.1 Schulleistung
2 Leistung in der Schule. Warum?
2.1 Anthropologische Gründe
2.2 Das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft
2.3 Der Bildungsauftrag der Schule
3 Einführung in die Thematik der schulischen Leistungsbewertung
3.1 Zum Begriff der Leistungsmessung
3.2 Zum Begriff der Leistungsbewertung
3.3 Zum Begriff der Zensur
3.4 Herkunft von Noten und Wortzeugnissen
3.5 Bezugsnormen der Leistungsmessung
3.5.1 Der intraindividuelle Maßstab
3.5.2 Die soziale Norm
3.5.3 Die kriteriumsorientierte Bezugsnorm
3.6 Die Gütekriterien der Leistungsbewertung
3.6.1 Objektivität
3.6.2 Reliabilität
3.6.3 Validität
3.7 Die Aufgaben der Leistungsfeststellung
3.7.1 Die pädagogische Entwicklungsfunktionen
3.7.2 Die gesellschaftliche Steuerungsfunktionen
3.8 Die Problematik des Leistungsprinzips in der Schule
3.8.1 Subjektive Störfaktoren der Leistungsbeurteilung durch Zensuren
3.8.2 Gesellschaftliches und unpädagogisches Leistungsverständnis
4 Der pädagogische Leistungsbegriff in der Grundschule
4.1 Andere Bewertungsformen
4.2 Betonung des individuellen Lernfortschritts
4.3 Vermeidung von Wettbewerbssituationen
4.4 Produkt- und Prozessbezogenheit der Leistung
4.5 Leistung als problemmotiviertes Lernen
4.6 Erfolgmotivierendes Lernen
5 Allgemeines über die Verbalbeurteilung
5.1 Die verschiedenen Zeugnisregelungen der Primarstufe in den Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland
5.2 Verbalbeurteilung an den Grundschulen in Bayern
5.3 Rechtsgrundlagen und amtliche Bestimmungen
5.4 Lernentwicklungsberichte statt Notenzeugnisse
5.4.1 Argumente, die für die Verbalbeurteilung sprechen
5.4.2 Argumente, die gegen die Verbalbeurteilung sprechen
6 Ziffernzeugnis oder Verbalbeurteilung im Mathematikunterricht der Grundschule?
6.1 Einführung in die Thematik der Leistungsbewertung im Mathematikunterricht der Grundschule
6.2 Der Mythos von der Objektivität der Noten
6.3 Heißt Verzicht auf Noten Verzicht auf Leistung?
6.4 Untersuchungen über die Art und Weise des Einsatzes des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule
6.4.1 Informative Aufgabenstellungen als Grundlage für Verbalbeurteilung
6.4.2 Von der Leistungswahrnehmung zur verbalen Darstellung
6.5 Mathematikleistungen verbal beurteilen ja, aber wie?
7 Praxisteil
7.1 Ergebnisse der Schülerbefragung der 3. Klasse
7.1.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.1.2 Auswertung der Schülerbefragung
7.2 Ergebnisse der Elternbefragung
7.2.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.2.2 Auswertung der Elternbefragung
7.3 Ergebnisse der Lehrerbefragung
7.3.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.3.2 Auswertung der Lehrerbefragung
8 Schlussgedanke
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Zulassungsarbeit setzt sich kritisch mit der Leistungsbeurteilung in der bayerischen Grundschule auseinander, mit einem speziellen Fokus auf den Mathematikunterricht. Das Hauptziel der Arbeit ist es, die pädagogische Begründbarkeit von Leistungsanforderungen zu untersuchen und die Verbalbeurteilung als eine alternative Form zur in Bayern üblichen Zensurengebung zu analysieren, wobei empirische Daten aus Befragungen von Schülern, Eltern und Lehrern einbezogen werden.
- Theoretische Fundierung des Leistungsbegriffs und der Leistungsbewertung in der Schule
- Analyse der Funktionen von Leistungsbeurteilung sowie deren Problematik
- Untersuchung der Verbalbeurteilung als pädagogische Alternative
- Empirische Erhebung und Auswertung von Meinungen zu Noten- vs. Verbalbeurteilung
Auszug aus dem Buch
Die Kontrollfunktion
Die Kontrolle durch die Leistungsbewertung besteht darin, dem Schüler wie auch dem Lehrer eine Rückmeldung zu liefern, in wieweit der Schüler das vorgegebene Lernziel erreicht hat. Dies soll dem Schüler helfen, sein Leistungsvermögen einzuschätzen und somit seine eigenen Schwächen vermindern und Stärken fördern zu können. Dies wird dem Schüler jedoch nur dann möglich sein, wenn er die Notenbewertung durch den Lehrer auch gerecht empfindet. Falls nicht, nutzt er die Bewertung nicht als Anreiz, sein Leistungsvermögen zu verbessern, sondern schiebt sein Versagen auf die, nach seinem Empfinden, falsche und ungerechte Bewertung seitens des Lehrers.
Für den Lehrer dient die Kontrolle als Rückmeldung über seinen eigenen Lehrerfolg. Wichtig ist hierbei, dass der Lehrer eine schlechte Note nicht mit dem Unvermögen des Schülers abtut, sondern diese als Anreiz für eventuell neue Arbeits- und Differenzierungsmethoden aufnimmt. 35
„In der Schule sollte Leistung in erster Linie gemessen werden, um die Institution, den Unterricht und den Lehrer zu kontrollieren. Mit jeder Klassenarbeit prüft der Lehrer sich selbst.“ 36
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung von Lernen und Leisten in der Grundschule und führt in die Problematik des Spannungsfeldes zwischen individueller Entfaltung und gesellschaftlichen Leistungsanforderungen ein.
1 Zum Begriff der Leistung: Dieses Kapitel erläutert die etymologische Herkunft des Leistungsbegriffs und dessen Wandel von einer prozessorientierten hin zu einer primär produktbezogenen Auslegung.
2 Leistung in der Schule. Warum?: Hier werden anthropologische Grundlagen, das Leistungsprinzip in der Gesellschaft sowie der Bildungsauftrag der Schule als Begründung für schulische Leistungen diskutiert.
3 Einführung in die Thematik der schulischen Leistungsbewertung: Das Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Leistungsmessung, Leistungsbewertung und Zensur und setzt sich mit Bezugsnormen, Gütekriterien sowie den pädagogischen und gesellschaftlichen Funktionen der Leistungsfeststellung auseinander.
4 Der pädagogische Leistungsbegriff in der Grundschule: Es wird ein kindzentrierter Leistungsbegriff entworfen, der den individuellen Lernfortschritt betont, Wettbewerbssituationen vermeiden soll und Leistung als prozesshaften Lernvorgang versteht.
5 Allgemeines über die Verbalbeurteilung: Das Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene Zeugnisregelungen in Deutschland, die Rechtsgrundlagen in Bayern und diskutiert Argumente für und gegen die Verbalbeurteilung.
6 Ziffernzeugnis oder Verbalbeurteilung im Mathematikunterricht der Grundschule?: Hier wird die Thematik spezifisch auf das Fach Mathematik übertragen, die vermeintliche Objektivität von Noten kritisch hinterfragt und Möglichkeiten für eine informative, prozessorientierte Leistungsrückmeldung diskutiert.
7 Praxisteil: Der Praxisteil präsentiert die empirischen Ergebnisse der durchgeführten Befragungen von Schülern der 3. Klasse, Eltern sowie Lehrkräften bezüglich ihrer Einstellungen zu Noten und Verbalbeurteilung.
8 Schlussgedanke: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, konstatiert die noch geringe Akzeptanz der Verbalbeurteilung und fordert eine verbesserte Lehrerausbildung sowie verstärkte Elternarbeit zur Etablierung pädagogischer Bewertungsformen.
Schlüsselwörter
Leistungsbeurteilung, Grundschule, Verbalbeurteilung, Notengebung, Ziffernzeugnis, Leistungsbegriff, Mathematikunterricht, pädagogische Diagnostik, Leistungsdruck, Schulleistung, Lernentwicklung, Bildungsauftrag, Bezugsnorm, Selektion, Motivationsfunktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch den Einsatz von Ziffernnoten in der Grundschule und analysiert das Potenzial der Verbalbeurteilung als alternative, pädagogisch sinnvollere Form der Leistungsrückmeldung, insbesondere im Mathematikunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind der Begriff der schulischen Leistung, die Funktionen und Probleme der Leistungsbewertung (insbesondere der Notengebung), sowie die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit der Verbalbeurteilung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Leistungsanforderungen der Schule pädagogisch zu legitimieren und die Verbalbeurteilung als Alternative zur üblichen Zensurengebung wissenschaftlich zu untersuchen und durch empirische Befragungen in der Praxis zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit kombiniert eine theoretische Literaturanalyse zu den Themen Leistungsbegriff und Leistungsbewertung mit einem empirischen Praxisteil, der Befragungen von Schülern, Eltern und Lehrern umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit Leistungsbewertung und Schulpädagogik sowie eine spezifische Betrachtung des Mathematikunterrichts. Zudem wird die Praxis der Verbalbeurteilung in verschiedenen Bundesländern und im Detail in Bayern analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Leistungsbeurteilung, Verbalbeurteilung, Notengebung, Ziffernzeugnis, Leistungsbegriff, Mathematikunterricht, Lernentwicklung, Bezugsnorm und Selektion.
Welche spezifischen Ergebnisse lieferte die Schülerbefragung im Praxisteil?
Die Schülerbefragung ergab eine ambivalente Haltung: Einerseits werden Noten als Leistungsnachweis geschätzt, solange sie im guten Bereich liegen; andererseits belastet der Notendruck stark. Die Akzeptanz für die bestehende Verbalbeurteilung am Zeugnisanfang war teils gering.
Was lässt sich aus der Lehrerbefragung zur Verbalbeurteilung schlussfolgern?
Die befragten Lehrkräfte erkennen zwar teilweise die Vorteile einer Verbalbeurteilung, sehen sich jedoch durch den hohen Zeitaufwand und die systembedingten Vorgaben zur Zensurengebung gezwungen, primär Noten zu verwenden, was oft zu einer Vernachlässigung differenzierter Rückmeldungen führt.
- Quote paper
- Kathrin Roth (Author), 2002, Zum Einsatz des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11847