Zum Einsatz des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule


Examensarbeit, 2002
132 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0 Einleitung

1 Zum Begriff der Leistung
1.1 Schulleistung

2 Leistung in der Schule. Warum?
2.1 Anthropologische Gründe
2.2 Das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft
2.3 Der Bildungsauftrag der Schule

3 Einführung in die Thematik der schulischen Leistungsbewertung
3.1 Zum Begriff der Leistungsmessung
3.2 Zum Begriff der Leistungsbewertung
3.3 Zum Begriff der Zensur
3.4 Herkunft von Noten und Wortzeugnissen
3.5 Bezugsnormen der Leistungsmessung
3.5.1 Der intraindividuelle Maßstab
3.5.2 Die soziale Norm
3.5.3 Die kriteriumsorientierte Bezugsnorm
3.6 Die Gütekriterien der Leistungsbewertung
3.6.1 Objektivität
3.6.2 Reliabilität
3.6.3 Validität
3.7 Die Aufgaben der Leistungsfeststellung
3.7.1 Die pädagogische Entwicklungsfunktionen
3.7.2 Die gesellschaftliche Steuerungsfunktionen
3.8 Die Problematik des Leistungsprinzips in der Schule
3.8.1 Subjektive Störfaktoren der Leistungsbeurteilung durch Zensuren
3.8.2 Gesellschaftliches und unpädagogisches Leistungsverständnis

4 Der pädagogische Leistungsbegriff in der Grundschule
4.1 Andere Bewertungsformen
4.2 Betonung des individuellen Lernfortschritts
4.3 Vermeidung von Wettbewerbssituationen
4.4 Produkt- und Prozessbezogenheit der Leistung
4.5 Leistung als problemmotiviertes Lernen
4.6 Erfolgmotivierendes Lernen

5 Allgemeines über die Verbalbeurteilung
5.1 Die verschiedenen Zeugnisregelungen der Primarstufe in den Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland
5.2 Verbalbeurteilung an den Grundschulen in Bayern
5.3 Rechtsgrundlagen und amtliche Bestimmungen
5.4 Lernentwicklungsberichte statt Notenzeugnisse
5.4.1 Argumente, die für die Verbalbeurteilung sprechen
5.4.2 Argumente, die gegen die Verbalbeurteilung sprechen

6. Ziffernzeugnis oder Verbalbeurteilung im Mathematikunterricht der Grundschule?
6.1 Einführung in die Thematik der Leistungsbewertung im Mathematikunterricht der Grundschule
6.2 Der Mythos von der Objektivität der Noten
6.3 Heißt Verzicht auf Noten Verzicht auf Leistung?
6.4 Untersuchungen über die Art und Weise des Einsatzes des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule
6.4.1 Informative Aufgabenstellungen als Grundlage für Verbalbeurteilung
6.4.2 Von der Leistungswahrnehmung zur verbalen Darstellung
6.5 Mathematikleistungen verbal beurteilen ja, aber wie?

7 Praxisteil
7.1 Ergebnisse der Schülerbefragung der 3. Klasse
7.1.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.1.2 Auswertung der Schülerbefragung
7.2 Ergebnisse der Elternbefragung
7.2.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.2.2 Auswertung der Elternbefragung
7.3 Ergebnisse der Lehrerbefragung
7.3.1 Methodisches Vorgehen und statistische Daten
7.3.2 Auswertung der Lehrerbefragung

8 Schlussgedanke

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang

0 Einleitung

In der Grundschule stellt „Lernen und Leisten“ ein zentrales Thema dar. Dies interessiert, spätestens seitdem durch nationale und internationale Studien zur Leistungsfähigkeit des allgemeinen Schulwesens die angeblich geringe Leistungsfähigkeit unserer Schüler festgestellt wurde, sowohl die Öffentlichkeit als auch die Lehrerschaft.

Die Schule muss Leistungsschule sein, da die Leistung in unserem menschlichen Alltag allgegenwärtig ist. Genau deswegen muss geklärt werden, welche pädagogischen Mittel angestrebt werden müssen, um schulische Leistungen richtig zu fördern. Leistungsbeurteilung und -messung wird erst dann sinnvoll, wenn ihre pädagogische Bedeutung klar und eindeutig betont wird.

Dieser Aufgabe gerecht zu werden ist schwierig, denn die Leistungsbeurteilung der Schüler steht in einem Spannungsfeld zwischen der freien Entfaltung der Schülerpersönlichkeit einerseits und den Leistungsanforderungen der Gesellschaft andererseits. Deswegen ist sie, aber besonders die Zensurengebung, ein zentrales Thema der Schulpädagogik.

Nirgendwo anders gehen die Meinungen und Aussagen der Forschung, der Öffentlichkeit, der Eltern und Schüler so weit auseinander und nirgends ist die Kritik so heftig wie bei diesem Thema.

Wenn man die weitreichende Wirkung betrachtet, welche die schulische Leistungsbeurteilung für die Entwicklung und die Lebenschancen der einzelnen Schüler mit sich bringt, ist das auch nicht verwunderlich. Außerdem bietet nicht nur die Praxis der Leistungsbeurteilung Anlass zur Kritik, sondern auch deren Belastung mit objektiven Problemen.

Der pädagogische Begriff der Leistung muss folglich die Individualität aller Kinder berücksichtigen und den gesellschaftlichen Funktionen nicht die Überhand gewinnen lassen.

Vor allem das Fach Mathematik gilt heute neben dem Rechtschreiben als das Selektionsfach Nummer eins. Es besteht immer noch die fälschliche Meinung, dass sich die Lernerfolge objektiv beurteilen lassen, da es anscheinend nur richtige und falsche Antworten gibt.

Aber auch in Mathematik existiert meist mehr als nur der einzig korrekte Lösungsweg.

Die meisten Leistungsüberprüfungen konzentrieren sich auf den Wissens- oder Fertigkeitsbereich. So bedeutsam die Beherrschung von mathematischen Grundlagen auch ist, so wird ein Mathematikunterricht, welcher vor allem das automatische Abrufen von gespeicherten Wissenselementen und Handlungsweisen betont, der Prozesshaftigkeit des Faches bei weitem nicht gerecht.

Wenn also folglich in Mathematik der Lernprozess stärker in den Vordergrund gerückt werden soll, hat dies auch bedeutende Konsequenzen für die Leistungsmessung. Zu den Mathematikleistungen gehören nicht nur fachliche, sondern auch allgemeine Ziele, welche auch mit in die Bewertung eingehen sollten.

In meiner Arbeit will ich erst allgemein einen Überblick über das komplexe Problem der Leistung in der Schule bieten. Da Schule und Leistung untrennbar miteinander verbunden sind, ist es mein Ziel, die Leistungsanforderungen der Schule pädagogisch zu begründen und die Verbalbeurteilung, besonders für den Mathematikunterricht, als eine Alternative zu unserer, in den bayerischen Grundschulen ab der 2. Jahrgangsstufe üblichen Zensurengebung zu untersuchen.

Mein Praxisteil besteht aus einer empirischen Untersuchung, welche die Meinungen von Schülern, Eltern und Lehrern über Noten- und Verbalbeurteilung allgemein und speziell im Mathematikunterricht einholt.

1 Zum Begriff der Leistung

Unser heute gängiges Wort „Leistung“ oder „leisten“ stammt ursprünglich vom Wort „Leist“, welches „Form, Furche oder Fußspur“ bedeutete. Die Verbform „lastjan“ bedeutete demnach „der Fußspur nachfolgen“. Also beschrieb die Urform des Wortes nicht das Produkt oder den Erfolg, sondern das Vermögen der Spur zu folgen.[1]

Im Alt- und Mittelhochdeutschen näherte sich „leisten“ schon mehr der Bedeutung an, wie wir es heute kennen. Denn hier wird es im Zusammenhang mit „etwas befolgen“, „tun, was als Schuldigkeit vorgeschrieben ist“ gebraucht. Im Mittelhochdeutschen hat es die Bedeutung „eine Pflicht tun“, und „ein Versprechen erfüllen.“[2]

Die Betonung der Leistung als Prozess lässt sich auf das indogermanische „lis“ (gehen) zurückführen. Der Ursprung der statischen Betonung lässt sich vor allem in den romanischen Sprachen, z.B. im Wort „praestare“ (vorstehen) wiederfinden. Im Italienischen ist es auch heute noch als „prestazione“ (Leistung) wiederzufinden. Durch diese Gegenüberstellung wird deutlich, dass Leistung auf der einen Seite den Prozess und auf der anderen Seite das daraus folgende Ergebnis beschreibt. In unserer heutigen Zeit wird Leistung aber hauptsächlich als produktbezogen interpretiert, d.h. nicht die Anstrengung die man aufwendet, sondern der Erfolg der dabei herauskommt, wird als Leistung gewertet. Dies zeigt die Definition im „Großen Brockhaus“ von 1955, welche Leistung als „das Ergebnis einer Anstrengung“ beschreibt und somit das Ergebnis betont.

„Unser moderner Leistungsbegriff ist also reduziert auf den Aspekt der Effektivität, der Messbarkeit, des Resultats.“[3]

Der Begriff der Leistung lässt sich in mehreren Bereichen wiederfinden.

- In der Ökonomie, wo Leistung sowohl das zu erreichende Produkt als auch den dafür verwendeten Aufwand bezeichnet.
- In der Rechtswissenschaft bezeichnet die Leistung einen Teil einer Verpflichtung, den man einhalten muss.
- In der Landwirtschaft gilt das von oder durch die Tiere Produzierte (z. B. Milch, Eier, Bier, Fleisch) als Leistung.

Doch in der Physik liegt die eindeutigste Definition vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Definition der physikalischen Leistung bestimmt die Leistung als „quantitativ bestimmbare Größe.“[4]

Der physikalische Leistungsbegriff kann jedoch nicht auf menschliche Leistungen angewendet werden. Denn diese ist viel zu komplex, als sie mit einer Formel durch bestimmte Größen zu berechnen. Vor allem in der Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaft wird die Bedeutung des Begriffs Leistung heftig diskutiert. Da wir den Begriff Leistung jedoch tagtäglich in unserem Sprachgebrauch verwenden, sollte dieser eindeutiger geklärt werden. Eine vereinfachte, die grundlegenden Merkmale betonende Definition lautet:

„Leistung ist der Vollzug oder das Ergebnis einer Arbeit in Relation zu einem Gütemaßstab.“[5]

Der Gütemaßstab ist keine festgelegte Größe, sondern verändert sich je nach System. Jedoch kann dadurch die menschliche Leistung in bestimmte Kriterien eingestuft werden.

„Versteht man Leistung als Ergebnis und Vollzug einer zielgerichteten Tätigkeit, die mit Anstrengung verbunden ist und für die Gütemaßstäbe anerkannt werden, die also beurteilt wird, so erfordern die genannten Zielsetzungen ein hohes Maß an Anstrengung und spezifischem Können.“[6]

1.1 Schulleistung

Der Begriff „Leistung“ ging erst relativ spät in die pädagogische Diskussion ein. Carl Furck war es, welcher sich erstmals mit der schulischen Bedeutung der Leistung beschäftigt hatte.

Vier Aspekte werden hier von FURCK genannt:

„1. Leistung als schulische Forderung an den Schüler,
2. Leistung als Tätigkeit des Schülers,
3. Leistung als Ergebnis der Tätigkeit des Einzelnen innerhalb der verschiedenen
Leistungsbereiche,
4. Leistung als besonderer Beitrag der Schule für Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und

Wissenschaft.“[7]

Die vier Komponenten, aus welchen sich die Leistung zusammensetzt, dürfen nicht als statisch, sondern müssen als dynamisch angesehen werden. Sie befinden sich in einem ständigen Prozess von Anforderungen, Aneignungen und Ergebnissen.

„Schulleistung meint das Ergebnis von Lernprozessen, die durch Unterrichtsmaßnahmen initiiert und/oder gesteuert wurden.“[8]

Aber nur ein Teil der ausgebildeten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse beim Schüler sind auf die Schule rückführbar, der andere Teil hängt von anderen außerschulischen Instanzen ab.

Die Leistung in der Schule setzt sich somit aus den schulischen Anforderungen, den außerschulischen Gegebenheiten und der Schülerpersönlichkeit zusammen und richtet sich auf alle zielgerichteten Tätigkeiten des Schülers (prozessorientiert) und die dadurch zustandegekommenen Ergebnisse (produktorientiert).

2 Leistung in der Schule. Warum?

2.1 Anthropologische Gründe

„Sich immer wieder aufs neue bewähren, etwas leisten zu wollen und leisten zu können ist eines der seelischen Grundbedürfnisse des Menschen, ist dem Menschsein immanent.“[9]

Es ist in der Natur des Menschen verankert, dass er nach Anerkennung durch seine Mitmenschen strebt. Deswegen will er mit seinem Handeln Maßstäben genügen, um in seiner Umgebung Wertschätzungen zu erhalten.

Schon beim Kind zeigt sich das Leistungsstreben, welches beim Erwachsenen bis zum Tode weiter anhält, falls dieses nicht durch Frustrationen eingedämmt wurde.

Weder die Entwicklung eines Menschen, noch die der Gesellschaft wäre ohne Leistungserbringung möglich. Bei den sogenannten Könnens-Erfahrungen handelt es sich um menschliche Grundbedürfnisse, das heißt, wer als Mensch somit grundsätzlich dazu bereit ist, zu leisten, um etwas zu erreichen, der macht dies allein von sich aus und braucht somit keine äußerlichen Anforderungsbedingungen.[10]

2.2 Das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft

Unsere Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland lässt sich als Leistungsgesellschaft bezeichnen.

Das Leistungsprinzip stellt in unserer heutigen Gesellschaft ein wichtiges Verteilungsprinzip sozialer Möglichkeiten in Form von Arbeitsplätzen dar. Dies bedeutet, dass den Menschen berufliche sowie gesellschaftliche Positionen im Bezug auf ihre erbrachten Leistungen zugeteilt werden.

Der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ beschrieb dies mit folgenden Worten:

„Eine leistungsfähige Wirtschaft ist eine entscheidende Vorraussetzung sowohl für die innere Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland als auch für ihre gegenwärtige und zukünftige politische Stellung in der Welt (...) Fortschritte in Produktivität und Leistung sind im technischen Zeitalter Voraussetzung für eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft.“[11]

Nach HARTFIEL hat das Leistungsprinzip folgende Aufgabe, nur solche Menschen mit einer Gegenleistung zu entlohnen, welche bestimmte Leistungsanforderungen erfüllen. Das Leistungsprinzip entstand ursprünglich zur Emanzipation des Bürgertums, um nicht mehr nach dem Vorrecht der Geburt, sondern nach den jeweilig erbrachten Leistungen zu selektieren.

Es gibt vier Grundsätze, auf denen das Leistungsprinzip basiert:

1. Das Leistungsprinzip hat die Aufgabe, gerechte Entlohnungen auf erbrachte Leistungen zu verteilen.
2. Es stehen nur bestimmte gesellschaftliche Positionen zur Verfügung. Im Wettkampf um diese wenigen guten Stellen wird sowohl die Produktivität als auch der Fortschritt der Gesellschaft gesichert.
3. Durch das Wirken des Leistungsprinzips erhält ein jeder Mensch die gesellschaftliche Stellung, die „er – nach Maßgabe des Prinzips der Äquivalenz von Leistungen und Gegenleistungen verdient.“[12]

Das Leistungsprinzip hat also das Geburtenrecht weitgehendst ersetzt.

Der Mensch unterliegt in unserer Gesellschaft einer Sozialbindung, was bedeutet, dass er zum einen die Pflicht hat, Leistungen zu erbringen, zum anderen kann er sich dadurch auf die Leistungen anderer verlassen, wenn er darauf angewiesen ist.

Die Lebenschancen eines jeden Schülers werden also in unserer heutigen Gesellschaft von den jeweiligen Leistungserbringungen abhängig gemacht. Trotz der Probleme, die das Leistungsprinzip in der Schule mit sich bringt, ist es immer noch das vorherrschende Verteilungsprinzip in unserem Staat.

Erstmalig bedeutet, historisch betrachtet, das persönliche Leistungsvermögen für jeden Bundesbürger das Sprungbrett für spätere berufliche und existenzielle Möglichkeiten.

Die individuelle Leistungserbringung spielt somit eine sehr große Rolle im Leben eines jeden Bürgers.

2.3 Der Bildungsauftrag der Schule

Der Begriff der Bildung wurde schon vielfach diskutiert, jedoch hat er heute trotz aller unterschiedlichen Auffassungen eine grundlegende Bedeutung. Unter Bildung versteht man den Prozess, in dem ein Mensch seine Entfaltung des Menschseins und zur Mündigkeit vollzieht. Bildung soll dem Menschen dabei helfen, seine Ich-Identität zu finden. Der Grund für die Zulässigkeit von Leistungsforderungen in der Schule, ist der Beitrag zur Förderung der kindlichen Persönlichkeit. Jeder Versuch, der die Kinder auf dem Weg ihrer Selbstbestimmung weiterbringt, ist gerechtfertigt. Schule soll nur soweit eine Leistungsschule sein, dass sie die Bewältigung der Aufgaben und Lernprozesse ermöglicht und fördert, die zur Mündigkeit, Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit führen können.[13]

Leistung in der Schule ist deswegen notwendig, da ein Mensch ohne diesen Antrieb seine Möglichkeiten nicht gänzlich ausschöpft. Nach KANT fällt es dem Menschen sehr schwer, sich aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Er muss sich anstrengen, seine Faulheit zu überwinden und sich den Problemen und Anforderungen stellen. Die Anstrengung ist also für KANT das Mittel, sich aus der Unmündigkeit zu befreien. Falls sich ein Mensch zu wenig anstrengt, um seine Möglichkeiten zu verwirklichen, ist er selbst für seine Unmündigkeit verantwortlich. Auf dem Weg zur Selbstverwirklichung muss der Mensch sich großen Anstrengungen unterziehen, um sich aus der Bequemlichkeit zu befreien. Anstrengungsorientierte Leistung ist für den Prozess der Bildung von großer Bedeutung, denn ohne Leistung ist Bildung nicht möglich. Leistung ist ein Mittel im Dienst der Bildung und erhält von ihr ihre Bedeutung.[14]

Schulisches Lernen ohne jegliche Anstrengung scheint also unmöglich zu sein.

Aus der Sicht eines demokratischen Leistungsverständnisses kann schulische Bildung nur als Erziehung zur Mündigkeit verstanden werden. Als übergreifendes Bildungsziel der Schule dient somit der Prozess des lebenslangen Lernens.

3 Einführung in die Thematik der schulischen Leistungsbewertung

3.1 Zum Begriff der Leistungsmessung

Am Anfang dieses Kapitels sollen zuerst die wichtigsten Begriffe geklärt werden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Leistungsmessung und Leistungsbeurteilung sehr oft synonym gebraucht. Jedoch steht die Leistungsmessung für die Ermittlung des Leistungsfortschrittes und der Erreichung vorgegebener Lernziele. INGENKAMP sieht in der Leistungsmessung eine Vorgehensweise, welche sich im Gegensatz zu Leistungsbeurteilung objektiver, valider und reliabler nennen darf.[15]

Eine genauere Erklärung dieser drei Gütekriterien wird im Kapitel 3.6 erfolgen.

Die Leistungsmessung in der Schule bezeichnet den Komplex der Reaktion von Schule und Lehrer auf mündliche und schriftliche Leistungen, sowie Verhaltensäußerungen der Schüler, welche meist in Form von Noten, seltener in Form von Leistungsbeurteilungen und auch manchmal in lernzielorientierten Bewertungen erfolgen.[16]

3.2 Zum Begriff der Leistungsbewertung

In der Praxis erfolgt so gut wie keine Trennung der Begriffe Leistungsmessung und -bewertung. Der Unterschied jedoch besteht darin, dass die Leistungsbewertung als ein sekundärer Vorgang gesehen werden muss, der erst nach der Informationserhebung erfolgen kann.

Mit anderen Worten: Um eine Leistung zu bewerten, muss sie zuerst einmal ermittelt werden. Für die Bewertung ist eine Norm wichtig, anhand dieser die Leistung verglichen werden kann. Diese Maßstäbe lassen sich in drei Kriterien einteilen:

Die individuelle, sachliche und soziale Norm. (Siehe Kapitel 3.5)

3.3 Zum Begriff der Zensur

Die Zensur oder Note ist eine Kurzform eines Lehrerurteils über eine Schülerleistung in Form von Ziffern.

„Durch das in Form einer Zensur abgegebene Urteil erfolgt eine rangmäßige Einstufung des beurteilten Verhaltens im Vergleich zu entsprechendem Verhalten anderer Lernender oder - seltener - im Vergleich zu in Kriterienkatalogen verdichteten Beschreibungen typischen Verhaltens.”[17]

1968 wurde von der Ständigen Konferenz der Kultusminister eine feste Notenskala von 1-6 festgelegt, um die Schülerleistungen so weit wie möglich zu vereinheitlichen.

In der Schulordnung für die Volksschulen in Bayern (VSO) vom 21.6.1983 sind folgende, in Bayern geltende Vorschriften niedergelegt:

VSO § 18

(1) Den Noten sind folgende Wortbedeutungen zugrunde zu legen:

1. sehr gut (1)

Die Note „sehr gut“ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen in besonderem Maße

entspricht.

2. gut (2)

Die Note „gut“ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen voll entspricht.

3. befriedigend (3)

Die Note „befriedigend“ soll erteilt werden, wenn die Leistung im allgemeinen den Anforderungen

entspricht.

4. ausreichend (4)

Die Note „ausreichend“ soll erteilt werden, wenn die Leistung zwar Mängel aufweist, aber im

ganzen den Anforderungen noch entspricht.

5. mangelhaft (5)

Die Note „mangelhaft“ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht,

jedoch erkennen lässt, dass die notwendigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in

absehbarer Zeit behoben werden können.

6. ungenügend (6)

Die Note „ungenügend“ soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht

und selbst die Grundkenntnisse so lückenhaft sind, dass die Mängel in absehbarer Zeit nicht

behoben werden können.

Der Begriff „Anforderungen“ bezieht sich auf den Umfang sowie auf die selbständige und richtige Anwendung der Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie auf die Art der Darstellung.

(2) Zwischennoten werden nicht erteilt. Erläuterungen und Schlussbemerkungen können angebracht werden.

(3) Auf eine Bewertung durch Noten kann aus pädagogischen Gründen in begründeten Einzelfällen zeitweilig verzichtet werden.[18]

„Die Notenstufen sind ... einheitlich in allen Ländern. Die Wortbedeutungen wurden durch Beschluss der

Kultusministerkonferenz vom 3. 10. 1968 festgelegt.“[19]

3.4 Herkunft von Noten und Wortzeugnissen

Leistungsbewertung spielt in unserer Gesellschaft von heute eine so zentrale Rolle, so dass man sich die Schule kaum noch ohne Leistungskontrolle vorstellen kann. Die Art und Weise wie sich die Leistungsbewertung in unserer Schule heutzutage in Form von Noten zeigt und warum dies so ist, will ich nun in diesem Kapitel näher erläutern.

Die Leistungsbewertung in der Schule, wie sie uns heute bekannt ist, gibt es noch nicht sehr lange. Obwohl sich schon bei den Ägyptern vorläufige Arten von Notenbewertungen vorfinden ließen, benötigte die Schule in ihrer Entwicklung jedoch noch keine uns ähnlichen Notensysteme.

Als bedeutendste Vorstufen des Zeugnisses sind die Benefizienzeugnisse zu nennen. Die Schüler wurden damals nach ihren Leistungen und Charakterzügen beurteilt und hatten somit die Möglichkeit ein Stipendium zu erhalten. Die Benefizienzeugnisse erlaubten also, unter den bedürftigen Schülern diese auszuwählen, die sich durch ihr Verhalten und ihre Leistungen als besonders förderungswürdig erwiesen.

Die Ursprünge des heutigen Prüfungs- und Bewertungssystems liegen in den Jesuitenschulen des 16. und 17. Jahrhunderts, in denen das System zu einer ersten Blüte gelangte. Im 18. und 19. Jahrhundert verbreitete es sich dann anfänglich erst auf die höheren Schulen, wo es als Berechtigungsnachweis für das Universitätsstudium diente.

1788 war die Abiturientenprüfung noch keine zwingende Vorraussetzung für das Studium an der Universität, auch das Examen war nicht unbedingt notwendig, um eine bestimmte berufliche Laufbahn einzuschlagen. Mit dem Erhalt eines Reifezeugnisses war die Zuteilung eines Stipendiums sicher, dadurch zeigte sich deutlich die Ähnlichkeit zum Benefizienzeugnis.

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dann zwar in den meisten deutschen Staaten das Reifezeugnis als Vorbedingung für den Universitätsbesuch eingeführt, doch dies hatte eindeutig politische Hintergründe. Die deutschen Fürstenhäuser wollten die gegnerischen Entwicklungen in den Universitäten unterbinden und die politische Weiterentwicklung der Studierenden kontrollieren.

Bei der Einführung der allgemeinen Schulpflicht Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden dann sogenannte Schulentlassungsscheine die Regel, also Abgangszeugnisse, die ordnungsgemäße Erfüllung der Schulpflicht bescheinigten. Auch bei diesen waren Wohlverhalten und die richtige Gesinnung wichtiger als schulisches Wissen. Ohne schulischen Entlassungsschein bestand weder die Möglichkeit eine gute Arbeitsstelle zu erwerben, noch sich in irgendeiner Art und Weise in der Gesellschaft zu behaupten.[20]

Prüfungen und Zeugnisse dienten also seit ihrer Einführung vor allem der sozialen Kontrolle, der Selektion und der systemkonformen Sozialisation. Und es ist nicht abwegig, die Einführung von Ziffernoten, wie sie auch heute noch bestehen, als Mittel anzusehen, welche die schulische Selektion vereinfachen und ihr einen Anschein von Objektivität und Gerechtigkeit geben sollten.

Das Schulzeugnis folgerte aus einem wertenden Schulverständnis, welches nicht die Individualität des Schülers in den Vordergrund rückte, sondern sich auf die gleichwertige Erfüllung des schulischen Lernangebots konzentrierte. Es sollte alle Schüler an die konkurrenzorientierte Gesellschaft frühzeitig gewöhnen. Die Individualität war eher sekundär, wichtig war das gleichschrittige Lernen der Schüler.

Die Schulnote entstand also aus der Überlegung, die Leistungen und das Schülerverhalten einschätzen zu können und wurde dadurch zum grundlegenden Teil des Schulzeugnisses. Sie übernimmt die Aufgabe, die Kinder für ihr zukünftiges Leben in Staat und Gesellschaft richtig einzugliedern.

3.5 Bezugsnormen der Leistungsmessung

Für ein kritisches Verständnis von Leistungen sind nicht nur die Leistungsinhalte von Bedeutung, sondern auch der Maßstab mit dem Leistung gemessen wird. Bevor ein Verhalten als Leistung angesehen werden kann, ist es wichtig, ein Kriterium dafür festzulegen. Meistens werden die gleichaltrigen Schüler an einer imaginären Durchschnittsnorm gemessen. Man kann die Messung der schulischen Leistung grundsätzlich in 3 Maßstäbe einteilen.

3.5.1 Der intraindividuelle Maßstab

Hier wird die erbrachte Leistung eines Schülers mit dessen früheren Leistungen verglichen. Diese Individualnorm bezieht sich auf den Lernfortschritt eines Schülers; der persönliche Lernprozess und nicht der Leistungsvergleich gleichaltriger Schüler steht in der Betrachtung des Lehrers.

Aus dieser Art der Leistungsbeurteilung kann der Lehrer feststellen, ob sich der Schüler in seiner individuellen Lernentwicklung verbessert, verschlechtert oder sich stabil gehalten hat. Der vom Kind erreichte Ist-Stand ist die Vorraussetzung für die darauffolgende Förderung. Jedoch ist der individuelle Maßstab in der Schule nicht immer durchzusetzen, da der Lehrer an die vom Lehrplan vorgegebenen Ziele gebunden ist und der Schüler eine bestimmte Bewertung für den Schulabschluss vorzuweisen hat.[21]

HERBART stellte trotzdem die Individualform als den richtigen Maßstab für die Leistungserziehung dar. Er formulierte seine Ansicht mit folgenden Worten:

„Der Erzieher vergleicht seinen Zögling nicht mit anderen, er vergleicht ihn mit sich selbst.“[22]

Die individuelle Leistungsbeurteilung spielt vor allem in der integrativen Didaktik eine große Rolle. Wenn körperlich behinderte Kinder an dem Leistungstand nichtbehinderter Kinder gemessen würden, hätten diese keine Möglichkeit sich zu behaupten. Schon kleine Leistungsfortschritte können für behinderte Kinder von großer Bedeutung sein. Diese können jedoch nur durch die Anwendung der Individualnorm vom Lehrer festgestellt werden.[23]

3.5.2 Die soziale Norm

Der bisher meist in Schulen und Gesellschaft verwendete Maßstab ist der interindividuelle Maßstab, auch interpersonal, sozialbezogen oder interindividuell genannt. Hier wird nicht der persönliche Lernfortschritt eines Schülers, sondern die Leistungen der Kinder untereinander betrachtet. Die Bewertung ergibt sich aus dem interindividuellen Vergleich eines Leistungsergebnisses mit der Leistungsverteilung innerhalb einer sozialen Gruppe, wie zum Beispiel der Klasse. Diese Form der Leistungsbeurteilung ist an einer sozialen Bezugsnorm orientiert. Somit wird hier eine Rangfolge erstellt, die zwar nichts über das inhaltliche Können des Schülers aussagt, jedoch über das Ausmaß des Könnens im Vergleich zu seinen Mitschülern.

Die Anwendung der Sozialnorm gewährleistet den Erhalt von prognostischen Aussagen. Dies führt jedoch zu Problemen, da als Bezugsgruppe meist der Leistungsdurchschnitt der jeweiligen Klasse gewählt wird. Die Leistungen eines Schülers sind somit entweder besser oder schlechter, je nachdem wie stark der Leistungsstand der Gruppe ist. Dieser Maßstab gilt nur gruppenintern, darüber hinaus zeigt er keine Wirkung.[24]

RHEINBERG fand 1980 in seiner Studie heraus, wie sich der individuelle und soziale Leistungsmaßstab auf das Verhalten von Schülern auswirkte. Die Sozialnorm löste bei den Kindern einen Kampf mit den Konkurrenten um die wenigen guten Noten aus. Sie mussten ihre Leistungen ständig unter Beweis stellen, um sich zu bewähren.

Unter diesem Konkurrenzdruck ist es den Schülern nicht möglich, soziales und kooperatives Verhalten zu erlernen. Die Aufgabe der Schule ist es, den Schüler zu einem rücksichtsvollen, toleranten und kameradschaftlichen Bürger zu erziehen, stattdessen wird er zur Ellenbogentaktik angeleitet.[25]

3.5.3 Die kriteriumsorientierte Bezugsnorm

In der sachlichen Norm wird vor allem der Erfolg pädagogischer Maßnahmen ermittelt. Der Schüler wird nicht mit der restlichen Klasse verglichen, sondern inwieweit er die vorgegebenen Lernziele erreicht hat. Bei der Anwendung dieses Maßstabes gibt es nur zwei darauffolgende Antworten: Lernziel erreicht oder Lernziel nicht erreicht. Die Grundlage dieser Leistungsbewertung ist die Betonung der Lernzielorientierung im Unterricht.[26]

Heutzutage sollte vor allem die „Lernzielnorm“ als auch die „Individualnorm“ als Maßstab für die Leistungsmessung in der Schule dienen. Denn in der Lernzielnorm wird besonders die Erreichung bestimmter vorgegebener Lernziele betrachtet und in der „Individualnorm“ stehen die persönlichen Fortschritte im Mittelpunkt.

3.6 Die Gütekriterien der Leistungsmessung

Die Leistungsbewertungen in der Schule müssen eine gewisse Qualität aufweisen, um sie überhaupt pädagogisch und gesellschaftlich verwerten zu können:

Nach HELLER gliedert sich die Leistungsmessung im Unterricht in zwei Schritte auf. Zuerst wird die erbrachte Leistung eines Schülers festgestellt und danach beurteilt. Erst die Beurteilung benötigt vergleichende Maßstäbe zu Feststellung.[27]

3.6.1 Die Objektivität

Es ist nur dann eine Objektivität gewährleistet, wenn eine vollständige Ausnahme von subjektiven Einflüssen besteht. Bestenfalls müssten mehrere Bewerter oder Messer ein und das selbe Lernergebnis gleich beurteilen.

Die Durchführungsobjektivität ist dann größtenteils garantiert, wenn alle Personen bestimmte Aufgaben mit demselben Schwierigkeitsgrad und in denselben Bedingungen zu bewältigen haben.

Eine hohe Auswertungsobjektivität zeigt sich in der Möglichkeit, Testergebnisse eindeutig auswerten zu können.

Die Interpretationsobjektivität ist nur dann gewährleistet, wenn eine Prüfung zeigt, wie dessen Ergebnis auszulegen ist.

Die Objektivität steigt um so mehr, je mehr unterschiedliche Lehrer sich in ihren Bewertungen ähneln.[28]

3.6.2 Reliabilität

Die Reliabilität steht für die Zuverlässigkeit einer Leistungsbeurteilung. Zuverlässigkeit wird als ein Maßstab der Genauigkeit definiert, mit welcher die Beurteilung die Leistung erfasst. Eine Bewertung lässt sich dann als zuverlässig behaupten, wenn diese auch unter gleichen Umständen an anderen Zeitpunkten die selben Ergebnisse liefert.

Somit soll die Reliabilität versichern, dass auch in einem Wiederholungsfall die Leistungen wieder mit dem selben Ergebnis beurteilt werden würden.

Ob Leistungsbewertungen reliabel sind, kann meist nur sehr schlecht nachgeprüft werden. Es gibt drei verschiedene Arten, dies zu versuchen.

Bei der Wiederholungsmethode soll der gleiche Test nach einiger Zeit noch einmal geprüft werden.

Bei der sogenannten Halbierungsmethode wird der Test in zwei gleich strukturelle Teile halbiert und getrennt voneinander bewertet.

In der Paralleltestmethode werden zwei gleiche Varianten des Testes zeitlich getrennt durchgeführt.

Diese drei Testmethoden sind jedoch in der Schule so gut wie kaum durchzuführen.[29]

3.6.3 Validität

Die Validität beschreibt die Gültigkeit einer Messung.

Eine Messung ist nur dann wirklich gültig, wenn die Bewertung auch wirklich das bewertet, was es zu bewerten vorgibt.

Die Validität bezeichnet das

„Ausmaß, mit dem ein Messinstrument tatsächlich das misst, was es messen soll. Messwerte sind also dann valide (gültig), wenn sie das zu messende Merkmal repräsentieren.“[30]

Wenn z. B. im Unterricht eine Prüfung zwecks Kontrolle des erreichten Lernerfolgs geschrieben wird, sollten nicht die intellektuellen Fähigkeiten abverlangt werden. Natürlich ist es nicht möglich die Fachkompetenzen völlig voneinander zu trennen.

Es können hier vier verschiedene Validitätskonzepte genannt werden:

Die Inhaltsvalidität

liegt dann vor, wenn das Messverfahren und die gemessene Eigenschaft mit einer vorher gemachten Beschreibung der zu messenden Eigenschaft inhaltlich übereinstimmt.

Die Prognosevalidität

ist dann gegeben, wenn aus den Messungen sichere vorausschauende Ergebnisse für die nächsten Messungen gezogen werden können.

Die Übereinstimmungsvalidität

liegt dann vor, wenn die gewonnenen Ergebnisse trotz unterschiedlicher Untersuchungsinstrumente übereinstimmen.

Die Konstruktvalidität

liegt dann vor, wenn diese Eigenschaft, welche gemessen wurde mit einem theoretischen Modell übereinstimmt. Als Beispiel wäre hier ein Intelligenztest zu nennen. Die Konstruktvalidität ist bei einem Intelligenztest dann gegeben, wenn die getesteten Kompetenzen alle Dimensionen der Intelligenz nach einer speziellen Intelligenztheorie abdecken.[31]

3.7 Die Aufgaben der Leistungsfeststellung

Da Leistung eine Grundgegebenheit unseres menschlichen Zusammenlebens ist, stellt sich eigentlich erst gar nicht die Frage, ob Leistungen in der Schule überhaupt zu erbringen sind. Schule und Leistung sind nicht auseinander zu dividieren. Schulen haben die Aufgabe, die Kinder zu ihren bestmöglichsten Leistungen zu befähigen. Es gibt keinen höheren Leistungsanspruch, als dass jeder Mensch sein bestes tut.

Die Schule ist eine gesellschaftliche Institution und trägt somit auch deren Eigenschaften in sich. Sie übernimmt die gesellschaftliche Aufgabe, bei den Heranwachsenden wichtige Grundlagen für das Leben in Staat und Gesellschaft heraus zu bilden und sie anhand von Beurteilungen dieses Erlernten, wieder für bestimmte spätere Positionen zu selektieren. Da das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft vorherrschend ist, kann in der Schule nicht auf Leistungsanforderung verzichtet werden. Die Schule soll demnach Werte und Normen weitergeben, welche sich als unbedingt notwendig für den Weiterbestand und somit zur Reproduktion unserer Gesellschaft herausgestellt haben.

„Das Leistungsprinzip ist in der Gesellschaft wie in der Erziehung und damit auch in der Schule ganz unentbehrlich. Ohne Leistung kann weder soziales noch individuelles Leben bestehen.“[32]

Die Leistungsbeurteilung steht im Dienst der Bildung und hat diesbezüglich eine Hilfsfunktion.

Es werden hier zwei Arten von Funktionen unterschieden:

Die pädagogische Entwicklungsfunktion und die gesellschaftliche Steuerungsfunktion.

Aufgabe der Entwicklungsfunktion ist die Unterstützung beim Lernprozess, sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben, eigene Fähigkeiten und Veranlagungen weiter zu entwickeln und seinen eigenen Leistungsstand einschätzen zu können.

Die gesellschaftliche Funktion soll die Schüler nach ihrer jeweiligen Leistungserbringung aufsplitten, um sie später auf geeignete gesellschaftliche Positionen aufteilen zu können.

3.7.1 Die pädagogische Entwicklungsfunktion

Zu den Aufgaben eines Lehrers unseres Schulsystems gehört es, die Leistungen der Schüler mit Hilfe von Zensuren zu bewerten. An den Bezugsnormen der Leistungen erkennt man, dass eine Leistung nur dann festzustellen ist, wenn man sie, egal auf welche Art und Weise, bewertet. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen Leistungserziehung und Leistungsbeurteilung, der so gut wie nicht zu trennen ist. Die Leistungsmessung ist ein notwendiger Teil der Leistungserziehung, welcher auch eine wichtige pädagogische Funktion vertritt.

Die Entwicklungsfunktion hat die Aufgabe, den Schüler bei seinem Leistungsstreben zu unterstützen und voranzutreiben. Die Schüler sollen dadurch lernen, ihre eigenen Grenzen und Fähigkeiten einschätzen zu können. Deswegen ist es wichtig, dass sie von außerhalb Bewertungen ihrer Leistungen erfahren, damit sie wissen, wo sie stehen und wie sie sich einschätzen können. Die Entwicklungsfunktion der Leistungsbeurteilung unterstützt somit den Schüler, seine eigenen Fähigkeiten zu erkennen, bietet einen Beitrag zur Selbsterkenntnis und zeigt das realistische Selbstkonzept auf.[33]

Nachfolgend will ich die 4 pädagogischen Aspekte aufzeigen, in welche sich die Entwicklungsfunktion aufspaltet:

Die Rückmelde- und Berichtsfunktion über die Lernentwicklung

Zensuren und Zeugnisse haben die Aufgabe, den Schülern und Lehrern einen Bericht über den jeweiligen Leistungsstand zu liefern. Die Rückmeldefunktion soll den Schüler informieren, inwieweit er das angestrebte Ziel erreicht hat und ob seine Anstrengungen ausreichen oder ob er mehr Einsatz zeigen muss. Sowohl die Leistungen als auch das soziale Verhalten kann somit festgehalten werden. Dadurch soll dem Schüler sein persönlicher Entwicklungsstand aufgezeigt werden. Besonders wichtig dabei ist es, dass sich der Bericht nicht nur auf vergangene Leistungen bezieht, sondern auch Hilfen und Vorschläge für den weiteren Bildungsweg aufführt. Dies trifft vor allem bei Rückmeldungen über schlechte Leistungen zu, da es sonst zu extrem negativen Auswirkungen des Lernverhaltens kommen kann.[34]

Durch die Beurteilung des Lehrers erhält der Schüler eine Kontrolle darüber, wie er mit seinen Leistungen steht und soll dadurch selbst erlernen, Wege zu finden, um seine Ziele zu erreichen.

Für den Lehrer ist die Rückmeldung ebenfalls von großer Bedeutung, da er dadurch erfährt, welche Lernziele von den Schülern schon erreicht wurden und welche noch einmal wiederholt werden müssen. Außerdem ist ein schlechtes Leistungsergebnis nicht unbedingt Schuld des Kindes, sondern auch oft Schuld des Lehrers, dies folgt aus der schlechten Vermittlung des Lernstoffs.

Das methodische Vorgehen kann durch die Leistungsbewertung vom Lehrer verbessert und Differenzierungsarbeiten können optimal eingesetzt werden. Unter diesem Punkt stellt die Leistungsbeurteilung einen sehr guten Aspekt des Unterrichts dar.

Die Kontrollfunktion

Die Kontrolle durch die Leistungsbewertung besteht darin, dem Schüler wie auch dem Lehrer eine Rückmeldung zu liefern, in wieweit der Schüler das vorgegebene Lernziel erreicht hat. Dies soll dem Schüler helfen, sein Leistungsvermögen einzuschätzen und somit seine eigenen Schwächen vermindern und Stärken fördern zu können. Dies wird dem Schüler jedoch nur dann möglich sein, wenn er die Notenbewertung durch den Lehrer auch gerecht empfindet. Falls nicht, nutzt er die Bewertung nicht als Anreiz, sein Leistungsvermögen zu verbessern, sondern schiebt sein Versagen auf die, nach seinem Empfinden, falsche und ungerechte Bewertung seitens des Lehrers.

Für den Lehrer dient die Kontrolle als Rückmeldung über seinen eigenen Lehrerfolg. Wichtig ist hierbei, dass der Lehrer eine schlechte Note nicht mit dem Unvermögen des Schülers abtut, sondern diese als Anreiz für eventuell neue Arbeits- und Differenzierungsmethoden aufnimmt.[35]

„In der Schule sollte Leistung in erster Linie gemessen werden, um die Institution, den Unterricht und den Lehrer zu kontrollieren. Mit jeder Klassenarbeit prüft der Lehrer sich selbst.“[36]

Die Informationsfunktion

Die Information ist eine der wichtigsten Funktionen der Leistungsbewertung. Sie ist stark mit der Rückmeldefunktion zu vergleichen, jedoch ist ihre Aufgabe, nicht nur dem Schüler und dem Lehrer eine Rückmeldung über den jeweiligen Leistungsstand zu liefern, sondern auch außenstehenden Personen, wobei hier besonders die Eltern gemeint sind. Durch die Leistungsbewertung können die Eltern den Leistungsstand ihrer Kinder einschätzen und somit die weitere schulische Laufbahn planen. Bei bestehenden Schwierigkeiten ist es den Eltern möglich, Kontakt mit der Schule aufzunehmen und somit eventuell zum Verbessern des Leistungstandes des Schülers beizutragen. Des weiteren dient die Leistungsbeurteilung auch als Information für folgende Lehrer, welche sich dadurch schon auf den einzelnen Leistungsstand der Kinder vorbereiten und einstellen können.

Leider verwirklicht die Informierung in Form von Noten ihre Funktion meist nicht in ihrem eigentlichen Sinn. Denn besonders bei schlechten Zensuren, werden die Noten seitens der Eltern falsch ausgelegt. Man muss hierbei beachten, dass die Note, eine vom Schüler erbrachte und vom Lehrer bewertete Leistung beschreibt und somit nicht gleich das Kind zum schlechten Schüler degradiert.[37]

Die Motivationsfunktion

Die Leistungsbewertung soll die Schüler dazu anregen, sich mit einer bestimmten Thematik auseinander zu setzen, auch wenn sie sich zwecks mangelndem Interesse sonst nicht damit beschäftigen würden.[38]

Die Leistungsmessung spornt den Schüler dazu an, all seine Kräfte zusammen zu nehmen, um sich selbst zu übertreffen. Wenn dem Schüler bewusst ist, dass seine Arbeit vom Lehrer bewertet wird, wird er sich mehr anstrengen als mit dem Wissen, es sei nur eine Übung, welche nicht in das Zeugnis miteinfließt. Somit trägt die Leistungsbewertung in diesem Punkt zur Leistungssteigerung bei.

Besonders gute Noten motivieren den Schüler, im Gegensatz zu schlechten Noten, welche in einigen Fällen zwar ebenfalls die Motivation steigern können, jedoch meist eher das Gegenteil bewirken. Es ließ sich auch in empirischen Untersuchungen nachweisen, dass schlechte Noten eher negativ auf die Motivation einwirken und sich die Motivation um so mehr verringerte, je öfter ein Misserfolg eintrat.

Anstatt Interesse zu vielseitigem Lernen aufzubauen, kann leistungsorientierte Bildung jedoch auch zum Gegenteil ausarten.

Ein Kind, das von Natur aus gerne lernt, wird durch den Leistungsdruck angetrieben und lernt somit nicht mehr wegen der Sache selbst, sondern nur noch um ein möglichst gutes Ergebnis auf seine Leistungen zu erhalten.

So werden viele Sachverhalte nicht mehr zwecks ihren Inhalten erlernt, sondern nur aus der Motivation heraus, ein bestmöglichstes Leistungsergebnis zu erhalten.[39]

„Je schärfer der Wettbewerb im Bildungssystem (...) ist, desto weniger können Schüler sich den Luxus leisten, vor allem an den Inhalten des Lernens interessiert zu sein; sie müssen sich darauf konzentrieren, gute Noten zu erzielen – nahezu gleichgültig zu welchem Preis.“[40]

Es muss hier aber auch festgehalten werden, dass das Interesse an der Sache nicht schon von vornherein, sondern erst mit deren Beschäftigung vorrausgesetzt werden darf. Leistungserziehung kann dahingehend den Weg bahnen, sollte jedoch diesbezüglich so bald wie möglich an Bedeutung verlieren.

Die Diagnose- und Prognosefunktion

Es ist wichtig für den Lehrer, einen Bericht über den Leistungsstand der Schüler zu erhalten, um die Weiterführung des Unterrichts daran anzupassen. Nur dadurch kann der Lehrer weitere sinnvolle Unterrichtsmethoden planen. Besonders wichtig ist es, den Leistungsstand der Kinder vor und nach bestimmten Unterrichtseinheiten zu kontrollieren, damit der Lehrer weiß, auf welchen Vorerfahrungen er aufbauen kann und ob die Lernziele, welche meistens die Basis für weiterführenden Unterricht darstellen, auch erreicht wurden. Diagnose und Prognose können dabei nicht getrennt werden. Bei der Prognose wird versucht, die zukünftige Leistungserbringung vorherzusagen, als Grundlage dient hierfür die Diagnose. Aufgrund der Diagnose werden vom Lehrer prognostische Maßnahmen zur Weiterführung des Unterrichts eingeleitet. Zusätzlich zu der Schülerbeurteilung wird bei jeder Leistungsmessung auch der Lehrerfolg beurteilt. Dies wird jedoch meist übersehen und der Misserfolg oft allein den Schülern zugeschrieben.[41]

3.7.2 Die gesellschaftlichen Steuerungsfunktionen

Seitdem die Schule zu einem gesellschaftlichen Selektionsapparat wurde, ist es notwendig, den Schüler mit Hilfe der Leistungsbeurteilung nach seinen jeweiligen schulischen Leistungen in das System einzugliedern. Die Schulen sind von der Gesellschaft für teueres Geld eingerichtete Institutionen, welche die Schüler als Gegenleistung für den Staat ausbilden sollen. Deswegen liegt die Hauptfunktion der Schulen im gesellschaftlichen Auftrag, die Gesellschaft über mehrere Generationen zu reproduzieren. In den traditionellen Gesellschaften benötigte die Reproduktion noch kein Schulsystem. In der modernen Gesellschaft übernimmt die Schule die Sozialisationsfunktion. Sie hat die Aufgabe, den Schüler jene Fähigkeiten zu erlernen, welche für den Fortbestand von Staat und Gesellschaft von großer Bedeutung sind. Außerdem soll sie die Kinder dazu befähigen, sich in der Gesellschaft zu beweisen und sich in Arbeit und Leben zu sozialisieren.

Aber nicht nur die Selektion und Sozialisation stellen die gesellschaftlichen Funktionen der Schule dar. Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Funktionen hinzu, welche ich nachfolgend aufführen werde:

Die Qualifikationsfunktion

Schon seit den 60er Jahren versuchte man die Beziehung zwischen Schule und Gesellschaft genau festzustellen. FEND sieht in der Qualifikationsfunktion das Erlernen von Fertigkeiten, die dem Schüler bei der Teilnahme an dem gesellschaftlichen Leben helfen und unterstützen sollen. Die Schule soll die Kinder dazu befähigen, sich im späteren Arbeitsprozess und gesellschaftlichen Leben eingliedern zu können. Zusätzlich hat die Schule, als gesellschaftliche Einrichtung, die Aufgabe, bei den Kindern Leistungsvermögen zu entwickeln, um die Reproduktion der Gesellschaft zu sichern. Auch Eigenschaften, welche sich an dem späteren Berufsleben orientieren, wie Fleiß und Leistungsstreben, fasst FEND in diesem Begriff zusammen. Die Kultur einer Gesellschaft, welche sich in Fertigkeiten, wie Schreiben, Lesen, Rechnen zeigt, soll durch diese Funktion reproduziert werden. Die Gesellschaft nimmt an, dass ein in diesen Fertigkeiten sehr gut ausgebildeter Bürger, später das System in einer besseren Art und Weise reproduzieren wird. Das Niveau der gesellschaftlichen Entwicklung ist unmittelbar abhängig vom verfügbaren Potential an Qualifikationen. Dafür ist es aber wichtig herauszufinden, welche Kompetenzen später am Markt benötigt werden, um die richtigen Fertigkeiten zu vermitteln. Hier besteht das Problem der Schule. Die Wirtschaft erwartet von den Heranwachsenden mehr Qualifikationen, welche über den fachlichen Bereich hinausgehen, wie Pünktlichkeit, Freundlichkeit, selbstbewusstes Auftreten usw.

Die Schule kann sich der Qualifikationsaufgabe nicht entziehen, denn eine Schule, die auf Leistungsvermittlung verzichtet, ist für den Staat unbrauchbar und macht sich dadurch überflüssig.

Für Staat und Schule ist also Leistungserziehung unverzichtbar; sie findet ihre Berechtigung im Beitrag zur gesellschaftlichen Reproduktion.[42]

Die Selektionsfunktion

SCHELSKY sieht unsere heutige Gesellschaft als ein von sozialen Schichten weitgehendst unabhängiges System. Die soziale Zugehörigkeit hat wenn, dann nur noch einkommensbeeinflussende Faktoren. Dies trifft vor allem auch auf das Schulsystem zu. Im Gegensatz zu früher, wo die Schule die Klassengesellschaft wiederspiegelte und mitbestimmte wird sie heute

„zur ersten und damit entscheidenden zentralen, sozialen Dirigierungsstelle für die künftige soziale Sicherheit, für den künftig sozialen Rang und für das Ausmaß künftiger Konsummöglichkeiten. Das Schulsystem wird somit zur zentralen, bürokratischen Zuteilungsapparatur von Lebenschancen.“[43]

Nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klassenschicht, sondern die nachweisbare Leistung tritt heute in den Vordergrund. Die Schule hat die Aufgabe, die Sozialstruktur der Gesellschaft zu reproduzieren, was sie in Form von Zuweisung der Schüler nach ihren jeweiligen Leistungserbringungen auf bestimmte Positionen vollzieht.

Die Schule legt somit unabhängig vom Vorrecht der Geburt die zukünftige soziale Stellung fest. Die Selektion erfolgt durch Bewertung der verschiedenen Schülerleistungen.

Somit ist die Selektionsfunktion zum einen gesellschaftlich, als eine der wichtigsten zum anderen pädagogisch, als eine der fragwürdigsten Funktion der Leistungsbewertung durch Noten zu sehen.

Die Noten sind zu einem Handwerk der gesellschaftlichen Selektion geworden. Da es im Staat unterschiedlich entlohnte Arbeitsplätze gibt, ist es die Aufgabe der Schule, die Schüler auf diese gerecht aufzuteilen.

Die Legitimationsfunktion

FEND beruft sich bei dieser Thematik auf DURKHEIM, welcher das Schulsystem als bedeutende Einrichtung für die Reproduktion normativer Grundlagen der Herrschaftsverhältnisse sieht. Das Erziehungssystem übernimmt die Funktion der gesellschaftlichen Stabilisierung. Bei den Heranwachsenden soll Loyalität für das bestehende politische System entwickelt werden. Besonders durch das Akzeptieren der Berechtigung sozialer Ungleichheit soll dies verwirklicht werden. Gerechtfertigt wird die ungleiche Aufteilung durch die unterschiedliche Leistungserbringung der Menschen. Wer nun große Leistungen vollbringt, bekommt auch die Berechtigung für die knappen Güter.[44]

3.8 Die Problematik des Leistungsprinzips in der Schule

Die Ambivalenz des schulischen Leistungsprinzips besteht darin, dass es die Kinder, falsch eingesetzt, in ihrer Bildung nicht nur fördern, sondern auch sehr stark behindern kann.

Wie schon öfters erwähnt, ist die Leistungserziehung im Unterricht unumgänglich, dies soll jedoch nicht heißen, dass diese keine negativen Folgen mit sich bringt. So sind sich viele Autoren einig, dass Bildung, welche sich hauptsächlich auf den Leistungsgedanken bezieht, eher behindert als fördert und deswegen, sobald wie möglich in der Schule eingeschränkt werden soll.

Es wird hier nicht das Bemühen der Kinder berücksichtigt, sondern nur das erlangte Ergebnis, was schnell zur Entmutigung führen kann. Die Starken werden gestärkt, die Schwächeren geschwächt, dies kann bis zur völligen Resignation führen.

Ist ein solches Ausleseprinzip überhaupt erstrebenswert? Kinder, die ständig unter Leistungsdruck stehen, können nicht das leisten, was eigentlich in ihrem Vermögen liegen würde.

Der Kampf um wenig gute Noten wird als Leistungssteigerung eingesetzt. Die Schüler müssen sich gegeneinander durchsetzen, um einige der wenig guten Noten zu erreichen. Dieses Leistungsdenken ist am Erfolg orientiert; der Erfolg des einen beruht demnach auf dem Misserfolg des anderen.

Soziales Lernen und gegenseitiges Helfen wird somit vernachlässigt und durch egoistisches Erfolgsdenken ersetzt.

Nach FISCHER sinke,

„der andere stets zum Konkurrenten oder doch wenigstens zum Vergleichsposten ab. Das Band zu ihm ist nicht das der Solidarität, des Helfenwollens, der uneigennützigen Liebe, sondern das des Neides, der mitleidigen Erhabenheit, der Gleichgültigkeit oder, wenn es hoch kommt, der Unterstützung auf Gegenseitigkeit.“[45]

Diese Art der Bildung kann sich nicht die Eigenschaft „bildend“ zu sein zusprechen, da die Bildung zur Mündigkeit auch auf, wenn nicht sogar hauptsächlich auf der Mitmenschlichkeit anderen gegenüber, beruht.[46]

Ein Kind das von Natur aus gerne lernt, wird durch den Leistungsdruck angetrieben und lernt somit nicht mehr wegen der Sache selbst Willen, sondern nur noch, um dem Notendruck zu bestehen und ein möglichst gutes Ergebnis auf seine Leistungen zu erhalten.

So werden viele Sachverhalte nicht mehr zwecks ihren Inhalten erlernt, sondern nur aus der extrinsischen Motivation heraus, eine bestmöglichste Bewertung zu erhalten.

Was die Leistungserziehung für die Erfolgreichen an Anreizfunktion besitzt, das kann für die Erfolglosen die Gefahr der Entmutigung bedeuten. Als Folgen daraus sind Leistungsangst und weiterer Leistungsabfall zu nennen. Leistungsschwache Kinder werden dadurch nicht unterstützt, sondern nur noch weiter benachteiligt, indem ihr Lerneifer völlig zerstört werden kann.

Die Ambivalenz des schulischen Leistungsprinzips bedeutet also, dass die Erziehung zur Leistung zwei gegenteilige Seiten in sich trägt. Zum einen erzielt sie durch sachgerechte und richtige Einsetzung die Verwirklichung ihrer pädagogischen Aufgaben, d. h. sie motiviert den Schüler, bessere Leistungen anzustreben, zeigt dem Schüler Fehler auf, um sie verbessern zu können und gibt ihm Orientierung über seinen jeweiligen Leistungsstand. Falsch eingesetzt, gewinnen die gesellschaftlichen Aufgaben an Vorrang und wecken beim Schüler Konkurrenzverhalten, Entfremdung von Lehrinhalten und die Gefahr der Entmutigung.[47]

3.8.1 Subjektive Störfaktoren der Leistungsbeurteilung durch Zensuren

In der Literatur wird sehr häufig erwähnt, dass die Notengebung sehr stark von individuellen Einflüssen, wie zum Beispiel subjektiven Komponenten und Täuschungseffekten geprägt wird und damit die persönliche Stellungsnahme des Lehrers eine große Rolle spielt.

Die Lehrer tragen bei der Notengebung eine sehr große Verantwortung, denn schlechte Zensuren können das Selbstbild des Schülers sehr stark beeinflussen. Zudem kommen noch die beruflichen Chancen der Zukunft dazu, welche sehr stark von den jeweiligen Noten abhängen.

Jedoch kommt es sehr häufig vor, dass Lehrer Noten als Disziplinierungs- oder auch Strafmittel missbrauchen. Vorraussetzung für Noten, welche wirklich die tatsächlichen Leistungen der Schüler beurteilen, wäre, dass auch verschiedene Lehrer die Schülerleistungen einigermaßen gleich beurteilen würden. Die Notengebung hängt jedoch meist mit der subjektiven Auffassung des Lehrers über das jeweilige Leistungsvermögen des Schülers zusammen. Auch die Persönlichkeitsmerkmale des Lehrers selbst, sind hier nicht zu verachten.

Zudem kann es vorkommen, dass ein Lehrer die Leistungen seines Schülers zu verschiedenen Zeitpunkten ganz unterschiedlich beurteilt.

Auch die Beliebtheit eines Schülers kann die Note positiv oder negativ beeinflussen. Außerdem zeigten die Untersuchungen von INGENKAMP, dass Mädchen oft deutlich bessere Notenergebnisse erhalten als Jungen, obwohl diese in vorherigen Untersuchungen keine bessere Beherrschung des Lernstoffes aufwiesen. Nicht nur das Geschlecht der Schüler, sondern auch das der Lehrpersonen beeinflusst die Notengebung. So zeigten Lehrerinnen eine deutlich positivere Notenbewertung als ihre männlichen Mitkollegen.[48]

Die am häufigsten auftretenden Fehlerquellen möchte ich folgend kurz erläutern:

Der Halo- oder Hof-Effekt

Dieser Effekt tritt dann auf, wenn ein Lehrer bestimmte positive oder negative Eigenschaften eines Schülers auf einen anderen Leistungsbereich überträgt. Wenn ein Schüler z.B. eine sehr leserliche Handschrift hat und immer sehr ordentlich gekleidet ist, dann kann sich das auch positiv auf andere Fächer auswirken. Auch der schlechte oder gute Ruf der Familie eines Kindes kann das Auftreten des Halo-Effekts beeinflussen.[49]

Der Milde-Effekt

Hierunter wird ein generell sehr mildes oder sehr strenges Benoten (Strenge-Effekt) verstanden. Symphatie und Antipathie beeinflussen hier das Handeln sehr stark.

Fehler der zentralen Tendenz

Hier vermeidet es der Lehrer, sehr gute und sehr schlechte Noten zu vergeben. Dadurch entsteht eine sehr wenig differenzierte Notengebung. Der Grund könnte in der Angst vor Konflikten mit den Eltern bestehen.

[...]


[1] Vgl. GRIMM, 1885 in: ZIEGENSPECK, 1999, S. 30

[2] LEXER, 1964, S. 124

[3] MATTL, 1978, S. 17

[4] SCHRÖDER, 1990, S. 11

[5] SCHRÖDER, 1990, S. 13

[6] KLAFKI, 1975, S. 527

[7] FURCK, 1971, S. 118

[8] KRAPP in: LUKESCH, 1995, S. 33

[9] JÜRGENS in: Grundschule, Heft 2/1996, S. 8

[10] Vgl. SACHER, 2001, S. 1

[11] Bundesverband der deutschen Industrie, Zur Lage von Forschung, Lehre und Studium an den Hochschulen der Bundesrepublik, 1971 In: Frankfurter Rundschau, 27.10.1971, S. 12 in: ZIEGENSPECK, 1999, S. 45

[12] HARTFIEL, 1977, S. 18

[13] Vgl. KLAFKI, 1974, S. 90

[14] Vgl. SCHILMÖLLER, Forum E, 10/90, S. 11

[15] Vgl. INGENKAMP, 1983, S. 333 in: JÜRGENS, 1998, S. 41

[16] Vgl. JÜRGENS, 1998, S. 41

[17] INGENKAMP, 1985 in: JÜRGENS, 1998, S. 44

[18] Schulordnung für die Volksschulen in Bayern, Nr. 15/1983

[19] MAIER/SELZLE, 1985, S. 55

[20] Vgl. SACHER, 2001, S. 7-8

[21] Vgl. JÜRGENS, 1998, S. 42f

[22] HERBART, 1831, S. 20

[23] Vgl. JÜRGENS, 1992, S. 39f; ARNOLD/JÜRGENS, 2001, S. 64

[24] Vgl. JÜRGENS, 1992, S. 40; RHEINBERG, 1980, S. 57

[25] Vgl. RHEINBERG, 1980, S. 57

[26] Vgl. JÜRGENS, 1992, S. 41

[27] Vgl. HELLER, 1984 in: ZIEGENSPECK, 1999, S. 129

[28] Vgl. SACHER, 2001, S. 29f; ZIEGENSPECK, 1999, S. 134

[29] Vgl. SACHER, 2001, S. 30; ZIEGENSPECK, 1999, S. 134

[30] LANGEFELDT, S. 68 in: ZIEGENSPECK, 1999, S. 135

[31] Vgl. SACHER, 2001, S. 24-28

[32] TRÖGER, 1981, S. 733 in: SCHRÖDER, 1990, S. 30

[33] Vgl. SCHILMÖLLER in: REKUS, 1998, S. 83-92

[34] Vgl. ZIEGENSPECK, 1999, S. 100; SACHER, 2001, S. 14; SCHIMÖLLER, FORUM E, S. 13

[35] Vgl. SCHRÖDER, 1990, S. 47

[36] HENTIG, 1971, S. 40

[37] Vgl. SACHER, 2001, S. 14

[38] Vgl. KLEBER, 1979, S. 20

[39] Vgl. SCHRÖDER, 1990, S. 45

[40] HEID in: REINERT/DIETERICH, 1987, S. 73

[41] Vgl. SACHER, 2001, S. 15

[42] Vgl. FEND, 1980, S. 19-29

[43] SCHELSKY, 1957 in: FEND, 1980, S. 31

[44] Vgl. FEND, 1980, S. 39-50

[45] FISCHER, 1972, S. 30

[46] Vgl. SCHILMÖLLER, Forum E, S. 14

[47] Vgl. SCHILMÖLLER, Forum E, S. 14

[48] Vgl. CARTER in: INGENKAMP, 1989, S. 157

[49] Vgl. BARTNITZKY, 1994, S. 79

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Zum Einsatz des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule
Hochschule
Universität Regensburg  (Naturwissenschaftliche Fakultät - Mathematik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
132
Katalognummer
V11847
ISBN (eBook)
9783638178969
Dateigröße
1657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einsatz, Verbalzeugnisses, Mathematikunterricht, Grundschule
Arbeit zitieren
Kathrin Roth (Autor), 2002, Zum Einsatz des Verbalzeugnisses im Mathematikunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11847

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