Zum Problem der Anglizismen in der spanischen Pressesprache


Examensarbeit, 2008
88 Seiten, Note: 12,0 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Allgemeines
2. Abgrenzung des Themas

II. Hauptteil
1. Ziel der Arbeit
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Abriss Sprachgeschichte
2.2 Motive für Übernahme und Gebrauch von Anglizismen
2.3 Anglizismenforschung im Spanischen
2.4 Zum Begriff des Anglizismus
2.4.1 Definitionen
2.4.2 Klassifizierung von Anglizismen
2.5 Die Presse und die Libros de Estilo
3. Das Korpus
3.1 Begründung der Korpusauswahl
3.2 Vorbemerkungen zur Analyse/ Auszählung
4. Quantitative Analsye - Daten und Zahlen
4.1 Verwendungshäufigkeit der Anglizismen
4.1.1 Gesamtergebnis Verwendungsfrequenz
4.1.2 El País (EP)
4.1.3 El Mundo (EM)
4.1.4 Vergleich
4.1.5 Die häufigsten Anglizismen/ Types
4.2 Wortartenanalyse
4.2.1 El País (EP)
4.2.2 El Mundo (EM)
4.2.3 Vergleich
4.3 Siglen und Akronyme
4.3.1 El País (EP)
4.3.2 El Mundo (EM)
4.3.3 Vergleich
4.4 Klassifizierung der Anglizismen
4.4.1 Entlehnungskategorien in El País
4.4.2 Entlehnungskategorien in El Mundo
4.4.3 Vergleich
5. Qualitative Analyse - formale Charakteristika..36 5.1 Typographie
5.2 Orthographie
5.2.1 Adaption von Vokalen
5.2.2 Adaption von Konsonanten
5.2.3 Akzentuierung
5.3 Genuszuweisung
5.4 Pluralbildung bei substantivischen Anglizismen
5.5 Flexion von verbalen Anglizismen
6. Inhaltlicher und formaler Abgleich mit Stilbüchern und dem DRAE
6.1 Fallbeispiele
6.2 Gesamtergebnis des Abgleichs

III. Schluss
1. Zusammenfassung der Ergebnisse
2. Fazit/ Ausblick

IV. Literaturverzeichnis

V. Anhänge
1. Anglizismen A-Z El País
2. Anglizismen A-Z El Mundo
3. Anglizismen nach Sparten El País
4. Anglizismen nach Sparten El Mundo

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Verwendungsfrequenz in EP und EM Insgesamt

Tabelle 2 Verwendungsfrequenz der Anglizismen in El País

Tabelle 3 Verwendungsfrequenz der Anglizismen in El Mundo

Tabelle 4 Vergleich der häufigsten Types in EP und EM

Tabelle 5 Häufigkeit von Anglizismen nach Wortarten (EP)

Tabelle 6 Häufigkeit von Anglizismen nach Wortarten (EM)

Tabelle 7 Siglen und Akronyme in EP

Tabelle 8 Siglen und Akronyme in EM

Tabelle 9 Entlehnungskategorien in El País

Tabelle 10 Entlehnungskategorien in El Mundo

I. Einleitung

1. Allgemeines

Die spanische Sprache ist im Laufe ihrer Geschichte, wie jede andere im Grunde auch, durch den Kontakt mit Sprachen verschiedener Völker beeinflusst worden, unter anderem vom Englischen1. Der Einfluss des als Weltsprache geltenden Englisch ist ganz aktuell und seit dem 20. Jahrhundert vorherrschend. Gründe hierfür sind nicht nur die wachsende Anzahl an Sprechern, die Englisch als erste oder zweite Fremdsprache erlernen, sondern auch die immer stärkere Verbreitung des

American way of life, welcher in den letzten Dekaden, insbesondere seit dem Ende des 2. Weltkrieges, eine stetig wachsende Anhängerschaft in Europa findet. Wirtschaftliche, politische und soziale Umstände tragen zur Ausbreitung des Englischen bei und treiben diese Entwicklung kontinuierlich voran (auf die Motive wird in Teil 2.3 dieser Arbeit näher eingegangen).

Auf diese Weise haben sich nach und nach unzählige fremdsprachige Begriffe und Wendungen ins Spanische eingebürgert, was bereits für viele Linguisten von Forschungsinteresse war. Der Einfluss des Englischen ist heutzutage mehr denn je von Aktualität, was sich in kontroversen Diskussionen und Ansichten von Wissenschaftlern, der Sprachakademie und den Libros de Estilo der Presse widerspiegelt. Der Analyse von Gegenwartssprache stehen Sprachpurismus, Sprachkritik und Normierungsversuche gegenüber, welche den übermäßigen Gebrauch englischen Wortgutes verhindern und eindämmen sollen.

Dies wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet.

2. Abgrenzung des Themas

Für diese Arbeit wurde eine Datenerhebung zum Anglizismus in der spanischen Pressesprache durchgeführt. Das Korpus, das für diese Arbeit als Grundlage dient, stellt das Ergebnis dieser Datenerhebung dar.

Es wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit untersucht, in wiefern das Englische aktuell die spanische Sprache2 beeinflusst. Dies erfolgt in Hinsicht auf sowohl linguistische als auch inhaltliche Charakteristika des englischen Lehngutes, das in den analysierten Texten festgestellt werden konnte. Die Ergebnisse werden danach mit den Vorgaben der Real Academia Española (fortan: RAE), als externe Norm, und den Stilbüchern verschiedener Tageszeitungen, als jeweils interne Normen, verglichen, um eine aktuelle Situation der Anglizismen-Problematik im Spanischen zu zeichnen.

II. Hauptteil

1. Ziel der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, wie im vorherigen Kapitel schon erwähnt, den heutigen Einfluss des Englischen auf die spanische Sprache zu analysieren und die damit zusammenhängende Problematik aufzuzeigen. Als Quelle für die Untersuchung dienten geschriebene Texte aus dem Bereich Presse. Ausgewählt wurden hierfür die beiden größten und international bekanntesten spanischen Tageszeitungen El País (fortan: EP) und El Mundo (fortan: EM). Um den Gebrauch englischen Wortgutes im heutigen Spanisch für beide Zeitungen synchronisch untersuchen zu können, wurden aufeinanderfolgende Ausgaben des gleichen Zeitraumes von beiden Zeitungen ausgewählt.

Die Korpusanalyse erfolgt unter folgenden Gesichtspunkten: zum einen wird eine quantitative Analyse durchgeführt, um formale Charakteristika der Anglizismen wie Verwendungshäufigkeit, Klassifizierung nach Wortarten und Entlehnungskategorien näher zu beleuchten. Zum anderen wird exemplarisch eine qualitative Analyse des Korpus erfolgen, um den Grad der Integration der Anglizismen ins Spanische (Typographie, Orthographie, Morphologie) zu untersuchen. Schließlich wird anhand von Fallbeispielen ein formaler und inhaltlicher Abgleich mit den Stilbüchern von EP und EM und dem Diccionario de la Real Academia Española (fortan: DRAE) vorgenommen. Letzteres dient der Feststellung, wie weit deren Normierungsbestrebungen gehen und ob diese Bemühungen auch Früchte tragen.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Untersuchung anhand eines begrenzten Korpus stattfindet, aus dem keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten abgeleitet, sondern allenfalls

Tendenzen festgestellt werden können. Weiterhin erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf vollständige Erfassung sämtlicher erscheinender Entlehnungen in den untersuchten Tageszeitungen und ist daher unter Vorbehalt repräsentativ.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Abriss Sprachgeschichte

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, war das Spanische bis heute einem steten Einfluss durch andere Sprachen ausgesetzt. Im Mittelalter, bedingt durch die Präsenz der Westgoten auf der iberischen Halbinsel, bestand Kontakt mit germanischen Sprachen. Durch die anschließende Herrschaft der Musulmane wurde dieser durch das Arabische verdrängt. Während der Renaissance herrschten dann romanische Einflüsse, im Speziellen des Italienischen, vor, bis schließlich im 18. Jahrhundert das Französische eine Vormachtsstellung einnahm, welches als erste große moderne Sprache in Kultur und Sozialleben besondere Relevanz besaß. Nach Ende des 2. Weltkrieges befand sich das Französische letzten Endes jedoch zu Gunsten des nordamerikanischen Einflusses auf dem Rückzug, bedingt durch die zunehmende politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Hegemonie der USA. Seit dem verbreitet sich das Englische durch Radio, TV, Kino, Musik und Presse in Schrift und Bild ebenso wie durch internationale Beziehungen im Zuge der Globalisierung. Dies gilt insbesondere seit dem Tod Francos 1975, welcher für Spanien eine bedeutende politische Wende darstellte, die sich auch auf die Entwicklung der Sprache niedergeschlagen hat (Medina López, 1996: 11 f.; Schnoor, 2000:4).

2.2 Motive für Übernahme und Gebrauch von Anglizismen

Für den Gebrauch von englischsprachigem Wortgut existieren verschiedenste Gründe. Einige davon werden im Folgenden kurz erörtert. Dies sind zum einen linguistische Faktoren wie zB. die tatsächliche Notwendigkeit, einen Anglizismus ins Spanische zu übernehmen, um Innovationen, Entdeckungen und Dinge zu benennen, für die im Spanischen kein Lemma besteht und somit ein adäquates Äquivalent fehlt, was besonders in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Technik zum tragen kommt. Damit hängt ein weiteres Motiv zusammen, die sogenannte Sprachökonomie: der Anglizismus vermag unter Umständen präziser und prägnanter etwas auszudrücken, als wenn ein Sachverhalt oder ein Gegenstand im Spanischen paraphrasiert werden müsste (Aufwand/Effektivität). Beispiele hierfür sind zB. zapping oder jetlag. Die Entlehnung füllt also in beiden Fällen eine bestehende Lücke in der Nehmersprache Spanisch. Auch werden Anglizismen oft für Eufemismen und Tabus benutzt, wie dies zB. bei den Ausdrücken water, gay oder yonqui der Fall ist, für die es sehr wohl spanische Entsprechungen gibt (Rodríguez Segura: 1999, 15).

Zu diesen Gründen kommen extralinguistische Faktoren hinzu. Hierunter fällt die bereits erwähnte Hegemonialstellung der USA in politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht und der Sonderstatus der englischen Sprache als Weltsprache. Anglizismen, besonders Fachtermini aus der Wirtschaft beispielsweise, stellen somit eine Möglichkeit dar, international zu kommunizieren, da sie sich oftmals nicht nur im Spanischen, sondern in vielen anderen Sprachen eingebürgert haben. Dieser Sonderstatus als Weltsprache wirkt sich auch auf die Medienlandschaft aus, welche durch die Omnipräsenz von Anglizismen in Presse, Radio, TV und Kino ebenfalls die

Übernahme von Lehngut ins Spanische begünstigt (Marcos Pérez: 1971, 8; Rodríguez Segura: 1999, 15). Desweiteren ist der Gebrauch von Anglizismen unter Umständen als Ausdruck von Snobismus, von Prestige- und Status-Denken anzusehen. Mancher Sprecher möchte dadurch Bildung und Kultur demonstrieren, um sich von der Masse abzuheben. Außerdem drückt der Gebrauch von englischen Entlehnungen auch Jugendlichkeit und Modebewusstsein (´in´ sein) aus, da viele Anglizismen über TV, Mode, Musik, Technik und allem, was mit

´Lifestyle´ zu tun hat, in die Nehmersprache gelangen und so besonders von jungen Menschen absorbiert und verwendet werden (Riquelme: 1998, 29).

2.3 Anglizismenforschung im Spanischen

In diesem Abschnitt werden einige bedeutende Autoren und deren Werke auf diesem Forschungsgebiet genannt. Bereits 1950 wurde das erste umfassende Nachschlagewerk zum Anglizismus veröffentlicht, das Diccionario de anglicismos vom Ricardo J. Alfaro. Erst 1996 gelang es Emilio Lorenzo, ein Anglizismen-Wörterbuch zu schaffen, das eine vergleichbar umfassende Liste von Entlehnungen inklusive ausführlicher Analyse enthält. Ein Jahr später wurde das ebenso umfangreiche Nuevo diccionario de anglicismos von Felix Rodríguez Gonzalez veröffentlicht. 1971 erschien, ebenfalls von Lorenzo, das Werk El español de hoy, lengua en ebullición, in welchem auf die Problematik der Anglizismen in Spanien eingegangen wird. Die wohl umfangreichste Arbeit zum Phänomen der Entlehnungen aus dem Englischen, El anglicismo en el español peninsular contemporáneo, verfasst von Chris Pratt, erschien bereits 1980. Weitere anschauliche, recht junge Werke zur Problematik erschienen in den Neunzigern, u.a. El anglicismo en el español actual von Javier Medina López (1996), Los

anglicismos. Anglicismos y anglicismos: huéspedes de la lengua von Jesucristo Riquelme (1998) und Panorama del anglicismo en español. Presencia y uso en los medios von Delia Rodríguez Segura (1999). Hierzu kommen vielzählige andere Arbeiten und Aufsätze, in denen dieses Forschungsgebiet mit verschiedenen Schwerpunkten mehr oder weniger ausführlich behandelt wird; diese werden hier an dieser Stelle nicht gesondert aufgeführt, finden jedoch, insofern sie für die vorliegende Arbeit relevant waren, im weiteren Verlauf an gegebener Stelle Erwähnung.

2.4 Zum Begriff des Anglizismus

2.4.1 Definitionen

Der Terminus Anglizismus wird in der Regel als Oberbegriff für Veränderungen, die über das Englische in eine andere Sprache gelangen, verwendet. Der Begriff ist sehr weitreichend und untergliedert sich in verschiedene Arten von Anglizismen. Jedoch existiert nicht eine einzige, einheitliche Definition des Terminus, sondern es zeigen sich je nach Autor bzw. Nachschlagewerk unterschiedliche Konzepte. Im Diccionario de uso del español von María Moliner (1992, s.v. anglicismo) wird der Anglizismus als „palabra o expresión inglesa usada en otra lengua“ definiert, welches eine sehr einfache, unspezifische Abgrenzung darstellt.

Das DRAE (2001, s.v. anglicismo) bietet folgende Definition an:

„1. [un anglicismo es un] giro o modo de hablar propio de la lengua inglesa.// 2. Vocablo o giro de esta lengua empleado en otra.// 3. Empleo de vocablos o giros ingleses en distintos idiomas.”

Pratt (1986, 347) definiert den Anglizismus ähnlich:

„An Anglicism is a linguistic form used in a foreign language and which has an English linguistic form as its immediate and direct model“3.

Diese Definition wird von López Morales (1987, 303) noch etwas ausgeweitet:

„[los anglicismos son] no sólo palabras que proceden del inglés, independientemente de que sean ya generales en español y de que hayan sido aceptadas por la Academia, sino también aquellas que proceden de otras lenguas, pero que han entrado al español a través del inglés.“

Nach dieser Definition gelten also auch Begriffe, die über das Englische als Vermittlersprache in eine andere Sprache gelangen, als Anglizismen.

2.4.2 Klassifizierung von Anglizismen

Auch bei der Untergliederung des englischen Lehngutes in Kategorien haben Linguisten verschiedene Konzepte entwickelt, welche sich teilweise überschneiden. Es existiert, wie bei der Abgrenzung des Terminus Anglizismus, keine alleinige, einheitliche und allgemeingültige Klassifizierung. Im Folgenden werden die Ansätze von vier verschiedenen Wissenschaftlern dargestellt:

Eine Möglichkeit, das Lehngut zu unterteilen, besteht darin, die Häufigkeit der Verwendung von Lehngut zum Kriterium zu machen. Lope Blanch (1977,

273) zB. beschreibt bei der Klassifizierung eines Korpus aus dem Hochspanischen Mexikos4 fünf Typen von Anglizismen: der Iberischen Halbinsel.

1. Anglicismos de uso general (Bsp. beisbol, box(eo), elevador, penalty, …)
2. Anglicismos muy usuales (Bsp. bar, chequera, jockey,show, …)
3. Anglicismos de uso medio (Bsp. barman, grill, manager, …)
4. Anglicismos poco usados ( Bsp. blazer, spray, stewardess, team, …)
5. Anglicismos esporádicos (Bsp. comics, interview, pony, rosbif, …)

Ähnliche Klassifizierungen in Bezug auf die Verwendungsfrequenz von Anglizismen wurden auch von anderen Wissenschaftlern vorgenommen.

Für Alonso-Cortés (1998, 394) gibt es dagegen nur zwei Arten von fremdsprachigem Lehngut: zum einen die tagtäglich von der Hand in den Mund eingeführten Anglizismen, besonders aus den Bereichen Wirtschaft und Technik: diese behalten ihren Status als englische Wörter und werden weder in Graphie noch in Aussprache ans Spanische angepasst (Bsp. top model, outsourcing,

…). Die zweite Kategorie bilden die vollkommen ans Spanische angepassten Anglizismen, die von der Akademie in das DRAE aufgenommen worden sind und somit offiziell zum allgemeinen spanischen Wortgut gehören. Diese fallen aufgrund ihrer adaptierten Idiomatik nicht als Entlehnungen ins Auge (Bsp. fútbol, líder, túnel, …).

María Vaquero (1990, 278) wiederrum zergliedert fremdsprachige Entlehnungen in drei Klassen, welche so ähnlich oder in abgewandelter Form auch bei anderen Autoren vorgefunden werden können:

1. Préstamos léxicos: fremdsprachige Wörter mit veränderter Aussprache durch Anpassung an Laute der Nehmersprache € „extranjerismos incorporados“
2. Calcos: jedes einzelne Morphem wird kopiert, die fremde Sprache ist Modell für die Nehmersprache →€ wortwörtliche Übersetzung
3. Extranjerismos semánticos/ sintácticos/ fonológicos: bezieht sich auf die inhaltliche Substanz, die grammatische Struktur → Interferenzen; subtile Veränderungen

Rodríguez Segura (1999, 25-92) schließlich unterscheidet in ihrer recht ausführlichen Klassifizierung Anglizismen in die drei Kategorien préstamos, extranjerismos und calcos. Der extranjerismo ist ein Fremdwort, das völlig unangepasst in seiner ursprünglichen Form aus dem Englischen ins Spanische gelangt ist (Bsp.: holding, boom, …). Mit préstamos sind Lehnwörter gemeint, die zwar irgendwann einmal als Fremdwort über das Englische in das Spanische gekommen sind, sich aber schriftlich und lautlich an das Sprachsystem angepasst haben und somit, zumindest formal, nicht mehr unmittelbar als Anglizismen erkennbar sind (Bsp.: fútbol, choque, …). Bei sowohl Fremdwort als auch Lehnwort handelt es sich um lexikalische Anglizismen, die sich durch ihren Anpassungsgrad unterscheiden. Diese lexikalischen Anglizismen werden von Rodríguez Segura weiter untergliedert in augenfällige Anglizismen (anglicismos patentes), solche mit griechisch-lateinischen Wurzeln und Siglen/Akronyme.

Der bereits von Vaquero als ausschließlich wortwörtliche Übersetzung definierte calco ist im Gegensatz zu Fremd- und Lehnwort kein lexikalischer Anglizismus. Calco bezeichnet hier generell die Neubildung bzw. Kopie von Wörtern und Syntagmen eines aus dem Englischen übernommenen Ausdrucks/Wendung mit Morphemen der spanischen Sprache. Dies wird bei

Rodríguez Segura aufgespalten in verschiedene Arten der Lehnbildung. Unter diesen Oberbegriff fallen verschiedene Prozesse von Lehnbildung wie zB. Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnbedeutung und Lehnschöpfung. Bei der Lehnübersetzung handelt es sich, wie von Vaquero bereits festgelegt, um eine Kopie des englischen Modelles durch die Übersetzung der einzelnen Morpheme (beispielsweise engl. airline – span. aerolínea; engl. skyscraper – span. rascacielos). Verwandt mit der Lehnübersetzung ist die Lehnübertragung, bei welcher es sich um eine Teilübersetzung handelt. Ein Teil des fremdsprachigen Begriffes wird übersetzt, der andere wird frei übertragen analog zum Modell (Bsp.: span. cuenta atrás statt cuenta abajo für engl. count down). Die Lehnbedeutung hingegen schafft keine Neologismen im Spanischen, sondern schreibt bereits existierenen spanischen Lemmata, welche den englischen Vorbildern formal oftmals ähneln, neue bzw. zusätzliche Bedeutungen zu (zB. eventualmente von engl. eventually für span. incierto/ casualmente). Solche Lehnbedeutungen sind auch als falsche Freunde bekannt. Die Lehnschöpfung schließlich bildet formal spanische Strukturen bei Inhaltsübernahme des englischen Modelles (Bsp.: span. tener en mente für engl. to have in mind). Alle diese Lehnbildungen vollziehen sich, laut Rodríguez Segura, auf lexikalischer, morpho- semantischer, syntaktischer und phraseologischer Ebene.

Die vorgestellten Ansätze zur Klassifizierung von Lehngut zeigen also unterschiedliche Herangehensweisen auf. Die Kategorisierungen von Vaquero und Rodríguez Segura, welche sich teils überschneiden, finden sich, wenngleich unter Umständen modifiziert, bei der Mehrzahl der Autoren, die für diese Arbeit konsultiert wurden, wieder.

Problematisch bei diesen Begrifflichkeiten ist, dass eine Abgrenzung, wie zB. zwischen Fremdwort und Lehnwort, nicht immer eindeutig ist. Trotz orthographischer und/oder morphologischer Angleichungsprozesse, welche ein wichtiges Differenzierungskriterium darstellen, ist diese Unterscheidung vom Sprachgefühl und somit auch von Bildungsstand, Fremdsprachenkenntnissen, Alter, Beruf und persönlichen Interessen des jeweiligen Beurteilers abhängig (Zindler: 1959, 10). So werden diese beiden Termini in manchen Konzepten auch unter dem Begriff direkte Entlehnung zusammengefasst. Nach Pfitzner (1978: 1f.) kann bei Betrachtung von Gegenwartssprache sowieso auf eine Unterscheidung zwischen Fremdwort und Lehnwort verzichtet werden. Die Problematik im Bereich der Lehnbildungen besteht hauptsächlich darin, dass sie im Gegensatz zu den direkten Entlehnungen, welche meist eindeutiger auszumachen sind, zum Teil schwieriger zu erfassen sind.

2.5 Die Presse und die Libros de Estilo

Presse, Radio, Fernsehen und Kino sind nicht nur Zeugen des Gebrauchs von Sprache, sondern haben viel mit ihrer Entwicklung zu tun, wie bereits anfangs erwähnt wurde. Dies artikuliert auch Abad Nebot (1992, 253) in seinem Aufsatz zum Thema „Sprache und Massenmedien“:

„Hoy la prensa, la radio y la televisión ejercen una influencia idiomática superior a la des sistema docente. Sin exageración puede afirmarse que el destino que aguarda al español – o cualquier otro idioma – está en sus manos.”

Der Mensch orientiert sich, bedingt durch die Omnipräsenz der Massenmedien, an deren Sprache. Besonders die Presse, deren Sprache als klar, sachlich und korrekt angesehen wird, hat einen großen Einfluss auf das Sprach-Bewusstsein der Spanisch-Sprechenden.

Die Sprache der Presse wird als eine Art Modell von Idealsprache verstanden (Schmitt: 2005, 85). Somit dient sie als richtungsweisendes Vorbild und wirkt nivellierend auf dem linguistischen Feld (Abad Nebot: 1992, 253f.). Durch den starken Einfall von Anglizismen in die spanische Sprache über die Massenmedien hat sich aber eine gewisse defensa -Mentalität entwickelt (Schmitt: 2005, 83). Diese Abwehrhaltung wurde von der Presse in den Neunzigern aufgegriffen und führte so laut Schmitt im Schulterschluss mit der RAE zum Zwecke der Sprachpflege zu einer relativ neuen Entwicklung, den Libros de Estilo5 (dt.: Stilbücher; abgekürzt: SB), welche ursprünglich aus den Vereinigten Staaten stammten. In diesen Stilbüchern drücken die Herausgeber ihre Einstellung zu korrekter Sprachverwendung und die Gedanken zur weiteren Entwicklung der Nationalsprache aus. Die großen spanischen Tageszeitungen wie El País, El Mundo und ABC haben jeweils ein eigenes Stilbuch entwickelt6, welches als eine Art interne Norm für

Journalisten verbindlich sein soll.

El País (2001: Einband, Rückseite) definiert Libro de Estilo folgendermaßen:

„Un libro de estilo no es una gramática ni un diccionario al uso. Es simplemente un ´código interno´ de la Redacción de cualquier medio informativo que trata de unificar sistemas expresivos, con el fin de dar personalidad al propio medio y facilitar la tarea del lector."

Ein Stilbuch enthält grammatische und orthographische Grundregeln und einen Wortschatz. Es werden typische Besonderheiten der Pressesprache wie die Transkription fremdsprachlicher Namen, Siglen, der Gebrauch von Neologismen, Fachausdrücken und Internationalismen im Hinblick auf ihre Korrektheit bzw. Verwendbarkeit diskutiert und sowohl formal als auch semantisch normiert (Schmitt: 2005, 83). Das Material ist mit metasprachlichen Kommentaren der jeweiligen Zeitungsdirektion versehen (Schmitt: 2005, 84). Für den journalistischen Benutzer sind diese normativ. Jedoch behalten die Autoren der Stilbücher sich Unvollständigkeit vor und betonen den provisorischen Charakter von Entscheidungen und Normen, welche rasch getroffen werden müssten, weil man nicht immer die Entscheidung über Aufnahme oder Nichtaufnahme durch die RAE warten könne (Schmitt: 2005, 97).

Alle Stilbücher legen laut Schmitt einerseits Wert auf eine offene und flexible Haltung gegenüber fremdsprachigen Entlehnungen, andererseits bevorzugt das Stilbuch von EP beispielsweise ganz klar hispanische Lösungen, insofern diese möglich sind. Aber auch EM warnt vor dem Gebrauch von „expresiones extranjeras que el lector no tiene por qué conocer“ (SB EM: 1996, 56). Allerdings besteht unter den Stilbüchern keine einheitliche Codierung. Die Normen sind heterogen, da die Herausgeber über die Akzeptanz von Entlehnungen unterschiedlicher Meinung sind und auch in vielen Fällen nicht mit der Haltung der RAE konform gehen (Schmitt: 2001, 292). So akzeptieren beispielsweise die Stilbücher von EP und ABC das Lehnwort tiqué (engl. ticket), während im Stilbuch von EM für diesen Begriff entrada, boleto, billete oder eine andere spanische Übersetzung gefordert wird (ins DRAE wurde der Anglizismus als tique aufgenommen, womit also bereits drei verschiedene Varianten existieren). Dafür akzeptiert EM zum Beispiel das vom französischen comfort abgeleitetete und über das Englische eingeflossene confort aufgrund seiner großen Verbreitung, während EP in diesem Falle puristischer vorgeht und comodidad vorzieht (Schmitt: 2001, 292). Auch existieren für die Lemmata, die unterschieden werden, teilweise vielzählige Schreibweisen, die laut Schmitt wohl auf divergente mündliche Formen zurückzuführen sind: für das englische nylon zB. schlagen EP und EM nailon vor, während von ABC die Version nilón bevorzugt wird. Ins DRAE wurde der Begriff als nailon aufgenommen, also konform mit EP und EM in diesem Fall.

Lázaro Carreter (1997, 87) jedenfalls hat Zweifel an dieser teils institutionalisierten linguistischen Handhabung durch RAE und die Stilbücher. Er glaubt, dass sich in solchen Fällen der Gebrauch durch die Gesellschaft durchsetzen wird. Er bestätigt nichtsdestotrotz, dass die Presse zu einem wichtigen Einflussfaktor auf die sprachliche Entwicklung geworden ist, wenngleich sie offensichtlich keine linguistische Homogenität ermöglicht.

3. Das Korpus

3.1 Begründung der Korpusauswahl

Wie bereits erwähnt, wird die Sprache der Presse als Idealsprache gesehen. Aus diesem Grund wurden für die Datenerhebung im Rahmen dieser Arbeit Pressetexte untersucht. Durch ihren Modellcharakter bieten sich Zeitungen eher an als gesprochene oder literarische Sprache, welche beide stark vom jeweiligen Sprecher bzw. Autor abhängig sein können. Desweiteren ist, trotz der wachsenden Bedeutung audiovisueller Massenmedien, die Presse durch die internationale Zusammenarbeit von Agenturen immer noch eine Hauptquelle für viel englisches Lehngut im Spanischen.

Für die Datenerhebung im Rahmen dieser Arbeit wurden die spanischen Tageszeitungen El País und El Mundo ausgewählt, was sich aufgrund des ähnlichen

Themenprofils anbietet. Aus beiden wurden jeweils die drei Sparten Wirtschaft, Wissenschaft und Sport, allesamt Themenbereiche, welche aufgrund ihres internationalen Charakters als ergiebige Quelle dienen können, ausgesucht. Es wurden zwei verschiedene Tageszeitungen analysiert, um nicht nur eine einzige intern mit den Vorgaben des eigenen Stilbuchs abzugleichen, sondern auch, um die beiden Zeitungen gegenüberstellen zu können, dadurch Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei der Übernahme englischen Lehnguts festzustellen und diese mit der Haltung der RAE gegenüber einzelner Entlehnungen in Relation zu setzen. Damit vergleichbare Aussagen getroffen werden konnten, wurden von EP und EM jeweils alle drei Sparten über einen Zeitraum von einer Woche, von Montag, den 25. Februar 2008 bis Samstag, den 01. März 2008, auf Anglizismen hin exzerpiert.

Das vollständige Korpus ist in tabellarischer Form sowohl gesamtalphabetisch für EP und EM als auch nach Sparten getrennt alphabetisch im Anhang zu finden.

3.2 Vorbemerkungen zur Analyse/ Auszählung

Berücksichtigt wurden in den drei Sparten alle Artikel inklusive Überschriften. Unberücksichtigt im Rahmen der Erhebung blieb Wortgut aus Werbeanzeigen und fachspezifischen Tabellen (zB. Ranglisten oder Börsenkurse in den Sparten Sport oder Wirtschaft), außerdem Firmen-, Länder-, Städte-, Marken- und Personennamen. Englischsprachige Zitate wurden als eine Einheit gezählt.

[...]


1 ´Englisch´ dient im Kontext dieser Arbeit als Oberbegriff für alle englischsprachigen Einflüsse und gilt somit auch für angloamerikanische/kanadische/australische etc. Einflüsse.

2 Die Untersuchung bezieht ich auf das Spanische der Iberischen Halbinsel; der Begriff ´spanisch´ betrifft hier grundsätzlich das Kastilische und nicht das lateinamerikanische Spanisch.

3 „Ein Anglizismus ist eine in einer Fremdsprache verwendete linguistische Form, die eine englische linguistische Form als unmittelbares und direktes Modell hat.“

4 Eine solche Unterteilung funktioniert analog für das Spanische

5 Ausnahme in Spanien bildet El País, deren Stilbuch erstmalig 1977 erschien.

6 Auch für das lateinamerikanische Spanisch existieren Stilbücher.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Zum Problem der Anglizismen in der spanischen Pressesprache
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
12,0 Punkte
Autor
Jahr
2008
Seiten
88
Katalognummer
V118475
ISBN (eBook)
9783640212538
ISBN (Buch)
9783640212644
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Anglizismen, Pressesprache, Spanien, spanisch, Libros de Estilo
Arbeit zitieren
Verena Junker (Autor), 2008, Zum Problem der Anglizismen in der spanischen Pressesprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118475

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