Die „Auditive Wahrnehmungserziehung“ verlangte eine strikte Loslösung von tradierten Werten in Inhalten und Methodik des Musikunterrichtes, um stattdessen alles auditiv Wahrnehmbare zum Unterrichtsgegenstand zu machen und in einem schülerzentrierten Unterricht Hörvermögen und Kritikfähigkeit zu fördern.
Sie wendete sich bewusst gegen die Methodik des Musikunterrichts musischer Prägung, der sich den irrationalen Wirkungen der Musik und einseitig ethischen Zielsetzungen verschrieben hatte. Die Autoren der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“ wollten diese „affirmative Erziehung zum Wertbewusstsein“ durch „freie Kommunikation“ ersetzen, da sie durch die hergebrachte Musikpädagogik das Fachliche aus dem Unterricht verdrängt sahen.
Inhaltsverzeichnis
Historische Entstehungsbedingungen der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“
Intentionen der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“
Die „Arbeitsgemeinschaft Curriculum Musik“ – Charakteristika des Arbeitsprozesses, das Autorenteam.
Konzeption und Entwicklungsstadien der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“
Die sechs Komplexe - Inhalte und Zielsetzungen
Erster Komplex: Schall
Zweiter Komplex: Musik und Sprache
Dritter Komplex: Hören und Verstehen
Vierter Komplex: Schalleigenschaften
Fünfter Komplex: Formverläufe
Sechster Komplex: Hörerfahrung und Gesamterfahrung
Die „Auditive Wahrnehmung“ in der Praxis - Vergleich mit einem kontrastierenden Unterrichtsmodell
Problematisierung der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das musikdidaktische Konzept der "Auditiven Wahrnehmungserziehung" des Curriculum-Projekts „Sequenzen“. Im Fokus steht die historische Genese, die theoretische Fundierung sowie die praktische Umsetzung des Konzepts, wobei insbesondere die Abkehr vom traditionellen, musisch geprägten Musikunterricht und die Hinwendung zu einem universellen, wissenschaftlich orientierten Verständnis von klanglichen Phänomenen untersucht wird.
- Historische Entstehungsbedingungen und Reformbestrebungen
- Struktur und Zielsetzungen der sechs definierten Komplexe
- Praxisvergleich mit dem Modell „Neue Musik handelnd erfahren“
- Kritische Auseinandersetzung und Problematisierung des Ansatzes
- Bedeutung kommunikativer und kognitiver Prozesse im Musikunterricht
Auszug aus dem Buch
Erster Komplex: Schall
Inhalt dieses Komplexes ist alles auditiv Wahrnehmbare, ausgehend von alltäglichen Hörerfahrungen. Die Bandbreite aller möglichen akustischen Eindrücke aus Natur, Technik, Musik etc. soll bewusst wahrgenommen werden. Die akustischen Phänomene werden nicht nur in Zusammenhang mit musikalischen Fragen untersucht. Ziel ist vor allem auch eine systematische Förderung von Entwicklung und Verfeinerung des Gehörssinns. Darüber hinaus wird die Frage der Wirkung von akustischen Umwelteinflüssen auf den Menschen untersucht. In der Behandlung dieses Komplexes ist, bedingt durch Faktoren wie die Einbeziehung der Neuen Musik und der sich ändernden Hörgewohnheiten, wiederholt die Frage nach der Definition von Musik zu klären.
Um den Inhalten dieses Komplexes gerecht werden zu können, suchte man nach neuen Terminologien zur Bezeichnung der akustischen Phänomene. So wurde beispielsweise der Begriff „Schall“ gewählt, in Abgrenzung zu “Ton“ (korrekte Bezeichnung eines reinen, obertonlosen Sinustons) und Klang (umgangssprachlich als Ton bezeichnet, etwa eine gestrichene Geigensaite, durch die spezifische Mischung der Obertöne handelt es sich aber bereits um einen Klang). Man legte großen Wert auf wissenschaftliche Korrektheit der Begrifflichkeiten und Definitionen. So wurde auch der Begriff „Akkord“ wegen seiner Herkunft aus der Funktionsharmonik und der daraus entstehenden Konnotationen (Dreiklang, Kadenz) durch den universelleren Begriff „Zusammenklang“ ersetzt. Desweiteren wurden, angeregt durch die Neue Musik, die Begriffe „Tongemisch“ (elektronische Musik, Teiltöne verhalten sich unharmonisch zu Grundton) und „Geräusch“ (Überlagerung von unharmonischen Teiltönen) eingeführt.
Zusammenfassung der Kapitel
Historische Entstehungsbedingungen der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“: Beschreibt die Entstehung des Konzepts als Reaktion auf die als rückwärtsgewandt empfundene Musikpädagogik der Nachkriegszeit.
Intentionen der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“: Erläutert den Wunsch der Autoren nach einer radikalen Neuentwicklung des Musikunterrichts als Teil der allgemeinen Schulbildung.
Die „Arbeitsgemeinschaft Curriculum Musik“ – Charakteristika des Arbeitsprozesses, das Autorenteam.: Beleuchtet die prozesshafte Arbeitsweise des Teams um Ulrich Günther und die Einbindung der Praxis in die Curriculum-Entwicklung.
Konzeption und Entwicklungsstadien der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“: Skizziert die Entwicklung des Konzepts von einer dreiteiligen Gliederung hin zu einem variablen, multimedialen Unterrichtswerk.
Die sechs Komplexe - Inhalte und Zielsetzungen: Führt die finale Einteilung in sechs Teilbereiche ein, die einen universellen Zugang zur Musik ermöglichen sollen.
Erster Komplex: Schall: Fokus auf das gesamte auditiv Wahrnehmbare und die systematische Förderung des Gehörssinns.
Zweiter Komplex: Musik und Sprache: Untersucht die Verbindung und Unterschiede zwischen den Kommunikationssystemen Musik und Sprache.
Dritter Komplex: Hören und Verstehen: Analysiert Wirkungsweisen, Werthaltungen und die affektive Komponente des Musikhörens.
Vierter Komplex: Schalleigenschaften: Thematisiert die Parameter Tonhöhe, Tondauer, Tonort, Klangfarbe und Lautstärke jenseits traditioneller Notenschrift.
Fünfter Komplex: Formverläufe: Ersetzt starre Formschemata durch Formprinzipien zur Beschreibung von zeitlichen Schallereignissen.
Sechster Komplex: Hörerfahrung und Gesamterfahrung: Setzt musikalische Wahrnehmungen in Bezug zu außermusikalischen Sinneserfahrungen.
Die „Auditive Wahrnehmung“ in der Praxis - Vergleich mit einem kontrastierenden Unterrichtsmodell: Vergleicht das Konzept mit dem handlungsorientierten Modell „Neue Musik handelnd erfahren“.
Problematisierung der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“: Diskutiert die heftige Kritik am Konzept, insbesondere bezüglich der Vernachlässigung des Ästhetischen und der Überforderung in der Praxis.
Schlüsselwörter
Auditive Wahrnehmungserziehung, Curriculum Musik, Sequenzen, Musikdidaktik, Musikunterricht, Reformpädagogik, Neue Musik, Schalleigenschaften, Kommunikationstheorie, Klangphänomene, Ulrich Günther, Musikrezeption, Schulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die Entwicklung und das Konzept der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“, ein musikdidaktisches Reformmodell der späten 1960er und 1970er Jahre, welches den Musikunterricht grundlegend erneuern wollte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die historische Entstehung, die theoretische Systematisierung in sechs Komplexen, die Abgrenzung zum traditionellen Musikunterricht sowie die kritische Reflexion des Modells.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, zu verdeutlichen, wie die Autoren des Projekts „Sequenzen“ versuchten, Musik als integralen Bestandteil einer wissenschaftlich orientierten, schülerzentrierten Allgemeinbildung zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse fachdidaktischer Literatur und Quellen des „Sequenzen“-Arbeitsbuchs, ergänzt durch einen Vergleich mit anderen Unterrichtsmodellen der Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der sechs inhaltlichen Komplexe, eine Gegenüberstellung mit einem handlungsorientierten Unterrichtsmodell und eine detaillierte Diskussion der geäußerten Kritik am Ansatz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Auditive Wahrnehmungserziehung, Curriculum Musik, Musikdidaktik, Reformpädagogik, Neue Musik und Kommunikationstheorie.
Warum wurde der Begriff „Akkord“ ersetzt?
Er wurde durch „Zusammenklang“ ersetzt, um die enge Bindung an die traditionelle Funktionsharmonik und deren spezifische Konnotationen zu vermeiden und einen universelleren, wissenschaftlicheren Begriff zu wählen.
Welche Rolle spielt die „Neue Musik“ im Konzept?
Die Neue Musik lieferte wichtige Anregungen für die neue Terminologie (z.B. Geräusch, Tongemisch) und diente als Impuls, sich von traditionellen Vorstellungen von „Kunstmusik“ zu lösen.
Was wird am Konzept der „Auditiven Wahrnehmungserziehung“ kritisiert?
Kritiker bemängelten die Verdrängung des Ästhetischen, die Überbetonung kognitiver Prozesse sowie die praktische Schwierigkeit der Umsetzung für Lehrkräfte.
- Arbeit zitieren
- Kerstin Sieben-Kaiser (Autor:in), 2005, Auditive Wahrnehmungserziehung. Konzeption und Entwicklungsstadien sowie Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1184891