Der vierfach männliche Blick auf die Frauen im Theater im nationalistischen Deutschland

Ein Vergleich mit Bertold Brechts weiblichen Charakteren in "Mutter Courage"


Seminararbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung
2.1 Der »vierfach männliche Blick«
2.2 Frauen auf der Bühne
2.2.1 Lachen über Frauen
2.2.2 Die verlorenen Heldinnen
2.2.3 Die NS-Heldin
2.2.4 Die Anti-Heldin

3. Resume

4. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„ l/Vos ist der Sinn eines Kunstwerkes? Herz und Hirn zu entnebeln.

Die Kunst ist ein Weg der Erkenntnis: des Suchens wie der Mitteilung.“1 2 3 4

So Günther Haenel, der 1945 die Direktion des Volkstheaters in Wien übernahm und mit einer Gruppe Schauspielern gegen die durch die NS-Politik kontrollierten, streng einzuhaltenden Regeln auf den deutschsprachigen Bühnen, ankämpfte. Das Theater im Zweiten Weltkrieg war genau dies nicht, “entnebelnt”. Die Kunst des Schauspiels war keine freie, die der Direktion keine einfache. Denn der Kunst und somit auch dem Theater wurde eine politische Haltung abverlangt und vorgegeben. Die Schauspieler durften sich nureiner bestimmten Form nach in der Kunst ausdrücken? Denn “das »Dritte Reich« verbot eine psychologische und realistische, die Widersprüche des Lebens und der Gesellschaft aufdeckende Darstellung, verlangte stattdessen “totale Illusion”? Die Nationalsozialisten forderten somit eine Vernebelung der Realität. Die eigentlichen Machtverhältnisse durften nicht zur Schau gestellt werden. Stattdessen sollte das Volk durch das Theater politisch geleitet werden? Dies brachte die Regisseure und Schauspieler in eine missliche Lage, denn keiner wusste mehr, was nun noch erlaubt sei oder vielleicht doch schon zu kritisch der Politik gegenüber war. Somit befanden sich Künstler auf einem schmalen Grad zwischen kontrollierter politischer und somit erlaubter Unterhaltung und der Gefahr, dadurch gefühllos oder sogar belanglos zu werden.5

Denn bei ganz eindeutiger NS-Kost ging keiner gerne ins Theater? Um den kulturpolitischen Regeln gerecht zu werden, war also die Aufgabe, systemkonforme Stücke zu finden oder diese umzuschreiben und Stellen zu streichen. Das Führen der Regie und die Schauspielerei war zu dieser Zeit demnach kein einfacher Beruf. Vor Allem aber standen weibliche Darstellerinnen vor großen Hindernissen, ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Dennoch war der Beruf der Schauspielerin einer der wenigen zur NS-Zeit, in dem Frauen dem traditionellen Bild der Frau entfliehen konnten. Sie verfügten über einen selbst gewählten Beruf, der von der Gesellschaft und dem Regime anerkannt war? Berufstätigkeit passte nicht zum idealistischen Frauenbild im dritten Reich. Jedoch hatten sie auch auf der Bühne einen sehr schmalen “G estaltungsradius”8 und waren den männlichen Künstlern meist nicht gleichberechtigt. Sie beschränkten sich somit oft auf kleinere Rollen, waren Musikerinnen oder Bühnen- und Maskenbildnerinnen, nur selten waren sie Regisseurinnen. Damit bestand nur eine minimale Möglichkeit, das Theater in der NS-Zeit zu prägen?

Evelyn Deutsch-Schreiner greift in ihrem Text: “Der »vierfach männlichen Blick« auf die Frau. Das Frauenbild auf der Bühne im nationalsozialistischen Deutschland” dieses Thema auf und erläutert anhand von aufgeführten Werken des »Deutschen Volkstheaters« zwischen 1938 und 1944, wie die Frau auf der Bühne zu sehen war.w In dieser Arbeit möchte ich genauer auf den »vierfach männlichen Blick« eingehen und sie mit den weiblichen Figuren in Bertolt Brechts Mutter Courage (geschrieben 1938/39) in Verbindung bringen. Brecht galt als einer der Regisseure, der sich mit dem Schauspielstil der Nationalsozialisten auseinandersetze, und somit eine interessante Grundlage für einen Vergleich bringt. Ich möchte herausfinden, 6 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 94 7 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 93 8 Ebenda. 9 Vgl. Ebenda. i° Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 91 ob der »vierfach männlichen Blick« in Brechts Mutter Courage anklang gefunden hat und feststellen, ob Brechts Theater NS tauglich gewesen ist.

2,1 Der »vierfach mönnlicheBlick«

Deutsch-Schreiner stützt sich zu ihrer methodischen Analyse auf die von der feministischen Filmtheorie festgestellten und von Hilde Haider-Pregler anschließend auf das Theater übertragenen These des »dreifachen männlichen Blickes«.6 7 8 9 Durch “die nazistische Ideologisierung des Theaters und [...] durch die theoretische Verab­solutierung sowie praktische Einzementierung der bestehenden patriarchalen Gesellschaftsordnung” wurde der »dreifach männliche Blick« im Zweiten Welt­krieg dann zum »vierfach männlichen Blick« erweitert/2 Dieser erschließt sich aus den folgenden Punkten. Erstens wurden die Frauenfiguren aus männlicher Sicht geschaffen. Die Rolle wurde somit so geschrieben wie die Frau in der Sicht des Mannes ist oder wie sie zu sein hat. Zweitens wurden diese dann anschließend von den Nationalsozialisten zu ihrem eigenen Vorteil, für politische Zwecke genutzt. Folglich wandelten die meist männlichen Regisseure drittens die vorgegebenen Texte den politischen Richtlinien nach entsprechend um. Damit dann schließlich viertens bei der Aufführung die männlichen und weiblichen Zuschauer das “aus politisch-männlicher Sichtweise entstandene Produkt als gültige Sichtweise und als »wahre« Kunst”i3 aufnahmen.

2,2 Frauen auf der Bühne

Deutsch-Schreiner erläutert anhand von vier Kategorie, wie die Frau auf der Bühne der Nationalsozialisten gesehen wurde. Mittels dieser Aufzählung möchte ich Vergleiche zu den Frauenfiguren in Bertolt Brechts Mutter Courage ziehen und feststellen, ob und wie viele Übereinstimmungen es gibt und herausfinden wie ähnlich sein Blick auf die Frau auf der Bühne war.

2,2,1 Lachen über Frauen

Durch die Abschaffung aller nicht-regelkonformen Autoren war das Angebot an NS- tauglichen Komödien gering. Eine Reihe neuer Autoren, die nun zum Zug kamen, versuchten sich an neuen Werken. Neben Talentmangel waren aber auch die Kontrollen durch das Regime hinderlich.10 11 12 Lieblingsobjekt des neuen Spots war die berufstätige Frau. Meist wurde sie als alleinstehende, ältere “Zukurzgekommene”i® Person dargestellt, oder als eine junge Angestellte die “es mit der Moral nicht so genau nahm”i?. Der Schritt von der Bürokraft zur Prostituierten war nunmehr ein kleiner. Auch als durch den Krieg die Frauen berufstätig wurden, wurde im Theater weiterhin über die arbeitende Frau gelacht/13 14 Selbstständigkeit und eine berufliche Verantwortung waren nicht gerne gesehen. Zwar wird Mutter Courage als allein stehend beschrieben^ jedoch keinesfalls als eine “Zukurzgekommene”. Mutter Courage ist stolz darauf, Geschäftsfrau zu sein15 und erzieht ihre Kinder alleine.

Die Nationalsozialisten wollten keine Darstellung von Erotik, Sexualität oder Liebe auf der Bühne. Die “Asphaltdramatik”16 der zwanziger Jahre sollte dem “guten Geschmack”17 weichen. “Bravheit und Biederheit statt Sinnlichkeit und Eroktik’^3 lautete die Devise. Brecht legt aberYvettes Beruf als Prostituierte ganz offen dar, ohne ihre Arbeit ins Lächerliche zu ziehen?4 Mutter Courages Tochter Kattrin wird durch ihre Mutter zu Bravheit und Biederkeit erzogen 2 5 bricht dort aber immer wieder aus und zeigt Interesse an dem männlichen Geschlecht und dem Reiz der Sexualität?618 19 20 21 22 23 24

Auf der Bühne werden ganz eindeutig die Anliegen des Regimes thematisiert:

Das »Dritte Reich« ist an gescheiterten Ehen nicht interessiert. Frauen sollen sich mit ihrem Mann abfinden, denn dieser bietet ein Heim und Ordnung. Erst wenn gesunde Kinder da sind, ist das Glück perfekt. Die Frau soll sich um den Haushalt kümmern und dem Mann nicht widersprechen?7 Die Thematik des Ehebruchs wird nicht angetastet?8 Mutter Courage jedoch findet sich nicht mit ihren Männern ab. Sie führt mehrere Beziehungen, die alle scheitern’9 und aus denen drei Kinder, davon eine stumme Tochter, herausgehen. Sie kehrt zu keiner der Beziehungen zurück und kümmert sich alleine um die Erziehung der Kinder. Auch ein Heim besitzt sie nicht. Mit ihrem Planwagen zieht sie dem Krieg hinterher0 und kommt ohne einen Mann gut zurecht. Bei einem Gespräch mit ihrem späteren Partner, dem Koch, widerspricht sie ihm und bleibt eine knallharte Geschäftsfrau.25 26 27 27

[...]


1 Haenel, Günther: Dialekt des Theaters, in Plan. Literatur, Kunst, Kultur, Wien,1. Jg.1 1946, S. 56

2 Vgl. Deutsch-Schreiner, Evelyn: Der „vierfach männliche Blick“ auf die Frau. Das Frauenbild auf der Bühne im nationalsozialistischen Deutschland, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik; Göttingen, 1994, Band 24 Ausgabe 95, S. 92

3 Ebenda.

4 Vgl. Ebenda.

5 Vgl. Ebenda.

6 Haider-Pregler, Hilde: Das Verschwinden der Langeweile aus der Theaterwissenschaft: Erweiterung des Fachhorizonts aus feministischer Perspektive, in: Möhrmann, Renate: Theaterwissenschaft heute: Eine Einführung. Berlin 1990, S. 322

7 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 91

8 Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 92

9 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 91f

10 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 94

11 Ebenda.

12 Ebenda.

13 Vgl. Ebenda.

14 Vgl. Brecht, Bertold: Mutter Courage und ihre Kinder, Frankfurt am Main, 1936, edition suhrkamp, 27. Auflage, 1949. S. 10

15 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 8

16 Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 94

17 Ebenda.

18 Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau,S. 95

19 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 29

20 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 31

21 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 36

22 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 95f

24 Vgl. Deutsch-Schreiner: Der “vierfach männliche Blick” auf die Frau, S. 96

25 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 10f

26 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 8

27 Vgl. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, S. 20f

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der vierfach männliche Blick auf die Frauen im Theater im nationalistischen Deutschland
Untertitel
Ein Vergleich mit Bertold Brechts weiblichen Charakteren in "Mutter Courage"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1185132
ISBN (Buch)
9783346610959
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brecht, nationalistisches Theater, Mutter Courage, Vierfach männliche Blick, Frauen im Theater, Frauen auf der Bühne
Arbeit zitieren
Helen Hornig (Autor:in), 2021, Der vierfach männliche Blick auf die Frauen im Theater im nationalistischen Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1185132

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