Christliche Wurzeln der modernen Armutspolitik

Essay zum Text von Sigrun Kahl „The Religious Roots of Modern Poverty Policy: Catholic, Lutheran, and Reformed Protestant Traditions Compared”


Essay, 2008

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Christliche Wurzeln der modernen Armutspolitik
1. Einleitung
2. Bedeutung der Reformation für die christlichen Glaubensrichtungen
3. Prinzipien und institutionelle Traditionen der christlichen Glaubensrichtungen
4. Zeitpunkt und Prinzipien der Sozialhilfe
5. Fazit

B Anhang

A Christliche Wurzeln der modernen Armutspolitik

1. Einleitung

Die deutsche Wohlfahrtsforscherin Sigrun Kahl vergleicht in ihrem Artikel „The Religious Roots of Modern Poverty Policy: Catholic, Lutheran, and Reformed Protestant Traditions Compared” die religiösen Wurzeln der modernen Armuts- beziehungsweise Sozialpolitik der OECD-Länder unter näherer Betrachtung der jeweils unterschiedlichen Traditionen der katholischen, lutherischen und reformierten Glaubensrichtung im Christentum. Ausgehend vom Bibel-Postulat der moralischen Verantwortung der Gesellschaft für die Armen wurde die moderne Sozialhilfe entwickelt. Unterschiedliche Ansätze, die auf die verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen zurückzuführen sind, helfen dabei, ländertypische Charakteristika nachzuzeichnen und zu verstehen.

Ein Hauptanliegen der Armutspolitik eines Wohlfahrtsstaates liegt in der Idee, dass kein Armer ohne Hilfe allein gelassen werden darf. Um ein Verständnis für die moderne Sozialpolitik zu gewinnen, muss man die jeweiligen Einführungszeiten, Umfänge, Arten und Kategorisierungen sowie unterschiedliche Ausprägungen des Subsidiaritätsprinzip, der Leistungsüberprüfungen und der Arbeitsanreiz-Systeme näher betrachten.

Kahl stellt dabei zuerst ihre dreigeteilte These vor: Armenfürsorge übt einen Einfluss auf den Wohlfahrtsstaat aus; Religion beeinflusst die Armenfürsorge; historische Unterschiede zwischen katholischen, lutherischen und calvinistischen Ansätzen charakterisieren das vielfältige Auftreten der Armenfürsorge. Die Autorin argumentiert also mit einer sogenannten Pfadabhängigkeit.

Dabei verweist sie auf eine bisher unzureichende historische Betrachtung, die zunehmendes staatliches Eingreifen in Form von Sozialhilfe als Reaktion auf soziale Risiken begreift und oftmals einen Bruch oder Einschnitt ausmacht, an dem Armengesetze durch moderne Sozialversicherungssysteme ersetzt werden. Diese Darstellung schenkt jedoch weder den Ursprüngen der Armengesetzgebung, noch den Faktoren für die gesamte historische Sozialhilfe-Entwicklung Beachtung. Religion wird nicht als entscheidender Faktor berücksichtigt, und falls doch, dann wird selten die Zeit vor 1850 betrachtet. Daran schließt Kahl ihre Hauptkritik an: Bisherige Studien über Sozialhilfe erforschen nicht die historischen und religiösen Wurzeln – ein Anliegen, dem die Autorin in ihrer Arbeit nachgeht. Sie untersucht hierbei auf Grundlage der katholischen, lutherischen und reformerischen Sozialdoktrinen: „[These] principles worked their way into societies‘ fundamental value sets, defining how the poor are perceived and to be treated.“ (S. 94). Diese Prinzipien steckten trotz interner Veränderungen fortwährend die Spielfelder für Sozialpolitik ab und blieben so auch in säkularisierten Gesellschaften richtungsweisend.

Strukturell erläutert die Autorin zuerst das mittelalterliche Verständnis von Arbeit, Armut und dem Einfluss der Reformation, um dann die Religion näher zu betrachten (Gegensatzpaare: Schicksal – Erlösung, Arbeit – Betteln, Staat – Kirche etc.). Am Ende ihres Artikels skizziert Kahl die Auswirkungen des religiösen Faktors auf heutige Wohlfahrtsstaaten.

2. Bedeutung der Reformation für die christlichen Glaubensrichtungen

Im Mittelalter bestand ein direkter Zusammenhang zwischen Arbeit und Armut. Unterschiedliche Wortherkunft/ -bedeutung in den Sprachen verdeutlichen die Interdependenz der beiden Begriffe. Armut wurde mit Kraftlosigkeit, Handarbeit und sozialen Problemen assoziiert, aber die Verehrung des Armen als Sinnbild des Leidens Jesus Christi glich dieses Leben aus. Es gab über die Kirche eine enge Vermittlung zwischen den reichen und armen Menschen, da erstere sich mit ihren Almosen an die Armen Gottes Gnade sichern und auf ein Leben nach dem Tod hoffen konnten. Dieses System geriet durch die Reformation und den Aufstieg des lutherischen Glaubens ins Wanken.

Sowohl die protestantischen als auch katholischen Länder waren von einer Rationalisierung, Bürokratisierung und Professionalisierung im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung betroffen, welche eine Reaktion auf die wachsende Armut, besonders in den Städten, erforderte. Die mit dem modernen Industriekapitalismus einhergehende Armenfürsorge und die Kreation der Arbeitsethik ist allerdings entgegen früheren Annahmen nicht dem Protestantismus sondern dem säkularen Humanismus zuzuschreiben.

3. Prinzipien und institutionelle Traditionen der christlichen Glaubensrichtungen

Erster Ansatzpunkt für Reformen waren die bestehende Armenhilfe und im Besonderen das Bettlertum: Im Katholizismus wurde Armut als Teil der Öffentlichkeit gesehen und Betteln akzeptiert. In der Gegen-Reformation galt die Freiwilligkeit des Gebens, wobei das traditionelle Prinzip der Caritas einer Repression des Bettelns als Lösungsmöglichkeit vorgezogen wurde. Kirchliche Autoritäten und die Bevölkerung wehrten sich gegen eine säkularisierte Armenfürsorge. Mit dem der katholischen Kirche unterstehenden Hospital-System wurde die Caritas institutionalisiert. Die Armen sollten beobachtet, kontrolliert und erzogen werden. Penibel wurde dabei auf Geschlechtertrennung, religiöse Lehre und das Angebot von Bildungsmaßnahmen geachtet. Selbst im säkularisierten Frankreich der Revolutionszeit wurde staatlicher Einfluss im Sozialsektor zurückgedrängt und in den katholischen Ländern blieb die Caritas beziehungsweise Armenhilfe Aufgabe der lokalen Christengemeinde, bei der die Menschen sich aus einem individuellen Verantwortungsgefühl heraus um ihre Armen kümmerten.

In lutherischen Regionen wurden diese Ansichten größtenteils reformiert. Arbeit war die positive Tat vor Gott und ein Ausweg aus der Armut. Letztere wurde zunehmend mit Arbeitslosigkeit und Faulheit assoziiert. Die Erlösung des Christen war unabhängig von der Art seiner Arbeit – entscheidend war, dass er nach seinem Glauben gerichtet werden würde (sola fide). Gegen den Ablasshandel argumentierten die Lutheraner, dass die christliche Wahrheit nur in der Bibel zu finden sei (sola scriptura). Das katholische Almosensystem sei nicht zur Lösung der Armutsproblematik gedacht, sondern nur zum Erlangen von Gottes Gnade.

Aus dieser Zeit entspringt auch die Kategorisierung von Armen in Bedürftige (deserving poor) und Unwürdige (undeserving poor). In Reaktion auf die steigende Anzahl von Armen (Bettlerplage) galt es für den Staat, die Gemeinschaft zu schützen und gleichzeitig die Bedürftigen nicht fallen zu lassen. Darum etablierten säkulare und kirchliche Autoritäten ein System der Armenfürsorge, welches auf ortsansässige, moralisch vorbildliche Arme beschränkt wurde. Gesunde Bedürftige mussten als Gegenleistung für Hilfe arbeiten. Der Antrag auf Hilfe wurde bürokratisiert. Hier liegen die Ursprünge von Kriterien wie Bedürftigkeit, Kinderanzahl, Haushaltsmanagement etc., die auch das heutige Bewilligungssystem, z.B. in Deutschland, prägen. Von den calvinistischen Städten übernahm man das System der Arbeitshäuser.

Kahl betont in ihrem Artikel, dass die Säkularisierung und Zentralisierung in lutherischen Regionen nicht gegen den Willen der Kirche durchgeführt wurden. Man baute auf bestehende religiöse Institutionen und nutzte die Kooperation mit Kirchenvertretern. In einer schrittweisen Veränderung übernahm der Staat die Verantwortung für die Sozialhilfe und führte eine Armensteuer zur Refinanzierung des Systems ein. Die lutherischen Städte begründeten quasi die Wohlfahrtsgesetzgebung am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Einführung der Sozialversicherung (→ Bismarck).

Im Calvinismus beziehungsweise reformierten Protestantismus wurde ebenfalls die Arbeit als Mittel zur Erlösung in den Vordergrund gerückt. Calvin entwickelte Luthers Ansichten weiter, sodass Arbeiten eine absolute Pflicht oder Verpflichtung darstellte, welche die beste Möglichkeit war, um gottgefällig zu leben: „In the things of this life, the labourer is most like to God.“ (S. 106). Sünden waren unwiderruflich und nur eine systematische und konstante Selbstkontrolle schützte vor ihnen. Es herrschten zwei Ansichten von Armut vor: Aufgrund der Prädestinationslehre (göttliche Vorbestimmtheit des Schicksals) war der Gläubige auf der ständigen Suche nach Zeichen für seine Erlösung oder Verdammnis. Nur in seiner rastlosen Arbeit konnte er auf ein gutes Schicksal hoffen (labore est orare), wobei eine große individuelle Verantwortung die Arbeitsethik prägte. Die Gemeinschaft war nicht mehr für ihre Armen verantwortlich, da Armut mit Faulheit und sündhaftem Benehmen gleichgesetzt wurde. Es begann eine Stigmatisierung der Armen, die heute eine besondere Problematik in Ländern wie den Vereinigten Staaten darstellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Christliche Wurzeln der modernen Armutspolitik
Untertitel
Essay zum Text von Sigrun Kahl „The Religious Roots of Modern Poverty Policy: Catholic, Lutheran, and Reformed Protestant Traditions Compared”
Hochschule
Freie Universität Berlin  (John-F.-Kennedy-Institut)
Veranstaltung
Seminar „Amerikanische Sozialpolitik“
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V118522
ISBN (eBook)
9783640220496
ISBN (Buch)
9783640222827
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christliche, Wurzeln, Armutspolitik, Sozialtheorie, USA, Sozialpolitik, amerika
Arbeit zitieren
Renard Teipelke (Autor), 2008, Christliche Wurzeln der modernen Armutspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118522

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