Die Grundlagen F.A. von Hayeks liberaler Markttheorie und seine spezifische Sozialstaatskritik

Illustriert an aktuellen Reformbeispielen


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundzüge Hayeks marktliberaler Theorie
2.1 Die erweiterte Ordnung
2.2 Die Regeln der „kleinen Horde“
2.3 Die Überlegenheit des freien Marktes

3. Der Wohlfahrtsstaat
3.1 Hayeks Sozialstaatskritik
3.2 Rentenversicherung
3.3 Krankenversicherung
3.4 Arbeitslosenversicherung
3.5 Progressive Besteuerung

4. Aktuelle Beispiele
4.1 Rentenversicherung - Reform 2000/2001 – „Riester-Rente“
4.2 Gesundheitssystem

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich August von Hayek gilt als einer der einflussreichsten liberalen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke hatten maßgeblichen Einfluss auf die Politik vieler Staaten und waren einer der bedeutendsten Quellen für Argumente gegen eine sozialistisch-geprägte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung jeglichen Ausmaßes. So beeinflussten Hayeks Ideen beispielsweise Ludwig Erhard, der auch Mitglied der von Hayek gegründeten Mont-Pèlerin- Society war, in seiner Konzeption der westdeutschen Nachkriegswirtschaftsordnung oder

verhinderten Mitte der 40er Jahre in Schweden den Umschwung hin zu einem planwirtschaftlichen Ordnungsmodell.1 Ferner ließen sich Margret Thatcher und Ronald Reagan bei ihren neo-liberal geprägten Reformen Mitte der 80er Jahre zu einem großen Teil von Hayek leiten.2

In dieser Hausarbeit sollen die Grundfundamente der liberalen Theorie Hayeks skizziert, sowie insbesondere seine spezifischen Ausführungen zum Sozialstaat, oder „Wohlfahrtsstaat“ wie es bei ihm heißt, dargelegt werden. Ferner wird versucht werden, einige Reformbemühungen der Renten- und Krankenversicherung in Deutschland anhand seiner Prinzipien zu bewerten.

2. Grundzüge Hayeks marktliberaler Theorie

2.1 Die erweiterte Ordnung

Die Konzepte von Hayeks basieren maßgeblich auf seiner Theorie der „erweiterten Ordnung“, was für ihn einfach eine andere Bezeichnung für die kapitalistisch-geprägte Ordnung ist, die heute einen großen Teil unseres Lebens bestimmt.

Das entscheidende Merkmal dieser, ist ihre spontane Entstehung. Sie wurde nicht bewusst entworfen sondern entstand durch nicht beabsichtigtes Übernehmen von über Generationen weitergegebenen „moralischen Handlungsweisen, von denen viele den Menschen eher missfallen, deren Bedeutung sie für gewöhnlich nicht verstehen können“ 3 und „ deren

Richtigkeit sie nicht beweisen können“ 4. Sie lässt sich also nicht zwingend rational erklären, da niemand diese komplett verstehen kann. Diese Handlungsweisen verbreiteten sich über die Gruppen (von Menschen), die sich von ihnen leiten ließen und dadurch den anderen Gruppen gegenüber einen Vorteil hatten, was ihnen zu mehr Macht, Mitgliedern, Wohlstand und schließlich zur Durchsetzung im Prozess der Evolution verhalf.5

Laut Hayek ist in dieser evolutionären Entwicklung auch der Vorteil der erweiterten Ordnung zu sehen. Sie hat sich im Laufe der Geschichte bewährt und im Wettbewerb der Ordnungen behauptet. Für ihn ist sie die beste Möglichkeit um die Fähigkeiten und Kräfte der Menschen zu bündeln und zu nutzen. Sie macht das verstreute Wissen (v.a. über Produktionsmittel) von einer unschätzbaren Anzahl von Menschen nutzbar. Da kein einzelner Verstand oder eine übergeordnete Instanz soviel Wissen anhäufen kann wie in dieser Ordnung akkumuliert ist, wäre es wohl auch kaum möglich, ja sogar gefährlich, diese durch eine geplante und entworfene Ordnung zu ersetzen.6

2.2 Die Regeln der „kleinen Horde“

Zusätzlich zur „erweiterten Ordnung“ ist unser Zusammenleben durch Instinkte und Regeln bestimmt, die aus der Zeit stammen, als die Menschen noch in kleinen, überschaubaren Gruppen zusammenlebten, in denen sich jeder kannte. Diese waren auf die Erreichung gemeinsamer Ziele und auf die Anpassung an die gleichsam erlebte Umwelt ausgerichtet und maßgeblich von Solidarität und Altruismus bestimmt. Einerseits wäre ohne diese Regeln und Instinkte ein Überleben damals schwer möglich gewesen, andererseits beschränkten sie die Vergrößerung eben jener Gruppen, da sie ab einer bestimmten Gruppengröße nicht mehr ausreichten und würden der Koordination der heutigen Menschheit in keinster Weise gerecht. Diese Regeln und Instinkte, die Hayek als „natürliche Moralvorstellungen“ bezeichnet, widersprechen teilweise den Moralvorstellungen der „erweiterten Ordnung“. Diese beruht auf den ersten Blick keineswegs auf Solidarität und Altruismus, sondern ist durch Institutionen wie Privateigentum und Vertrag bestimmt. Persönliche Gefühle finden in ihr keine Berücksichtigung. Sie besteht aus allgemeinen, unpersönlichen Regeln die individuelle Unterschiede vernachlässigt. Die Menschen müssen ihre Instinkte in einer erweiterten Ordnung also oftmals zu Gunsten des öffentlichen Nutzens unterdrücken, was nicht selten zu Widerstand führt. Der Einzelne mag in vielen Fällen nicht verstehen warum es sich lohnt, sich an bestimmte Regeln zu halten, da deren Nutzen oft mehr als unübersichtlich ist. Dennoch sind diese unpersönlichen Regeln der erweiterten Ordnung maßgeblich für das Funktionieren und den Fortschritt des menschlichen Zusammenlebens, letztendlich sogar überlebenswichtig.7 Hayek bringt dies in folgendem Zitat auf den Punkt: „Unsere Abneigung gegen diese Beschränkungen ist so stark, daß man kaum sagen kann, wir hätten sie gewählt; eher haben diese Beschränkungen uns gewählt: Sie ermöglichten unser Überleben.“ 8

2.3 Die Überlegenheit des freien Marktes

Hayeks Begründungen für die Favorisierung des Kapitalismus beruhen hauptsächlich auf der Abgrenzung zum Sozialismus. Daher bezieht er seine Argumente meist durch den Vergleich des Kapitalismus mit dem Sozialismus und schließt durch diese Analyse auf eine klare Überlegenheit des Kapitalismus. Diese Perspektive ist wichtig um seine Argumente besser nachvollziehen zu können.

Zunächst unterscheidet Hayek zwei Arten der Planung in einem gesellschaftlichen System. Zum einen gibt es die Möglichkeit nur die allgemeinen Regeln, innerhalb derer Akteure in einer Gesellschaft selbstständig Entscheidung treffen können, zu planen. Das Ergebnis bleibt hierbei offen und jeder ist selber für sich verantwortlich. Der Staat gibt nur die Bedingungen vor unter denen die Interaktionen innerhalb des Systems ablaufen. Dies entspricht prinzipiell dem marktwirtschaftlichen System wie wir es kennen. Die Planung steht hier nicht mit Freiheit in Widerspruch, da die Regeln die aufgestellt werden ja erst freies und eigenverantwortliches Handeln ermöglichen. Dies entspricht prinzipiell einer institutionalisierten Weiterentwicklung der „erweiterten Ordnung“.

Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit gesellschaftlich zu planen mit dem Ziel ein bestimmtes festgeschriebenes Ergebnis zu erreichen. Hierbei wird den Akteuren vorgeschrieben was sie zu tun haben und somit die Eigenverantwortung und die Freiheit eingeschränkt. Diese Variante würde einem planwirtschaftlichen System entsprechen.

Basierend auf dieser Definition der zwei Planungstypen, sieht Hayek die erste Variante aus der Wirtschaftsperspektive klar im Vorteil. Sein Hauptargument hierbei ist, dass mittels der ersten Variante viel mehr Wissen verarbeitet werden könne, als mit Hilfe der zweiten (Vgl. Punkt 2.1). Während bei der planwirtschaftlichen Variante, maximal das Wissen genutzt werden kann, das der planenden Behörde zur Verfügung steht, kann in einem freien Markt jeder Akteur sein persönliches Wissen einbringen. Die effektivere Wissensverarbeitung ist für Hayek das zentrale Argument für ein wettbewerbliches System schlechthin. Über die Marktpreise, die gleichzeitig als Informationssignal und Verhaltensanreiz fungieren, kann jeder auf dieses Wissen, zumindest was die Knappheit der Güter angeht, unmittelbar zugreifen. Das marktwirtschaftliche System kann somit viel schneller und flexibler auf Veränderungen jeglicher Art reagieren und ein Höchstmaß an Effizienz wahren. Darüber hinaus werden die Bedürfnisse der Gesellschaftsmitglieder durch wettbewerblich entstandene Preise besser abgebildet und somit befriedigt. Eine zentrale planende Institution wäre niemals so gut in der Lage auf diese zu reagieren.

Hayek ist sich jedoch bewusst, dass dieser Vorteil nicht allein Rechtfertigung für ein marktwirtschaftliches System sein kann, da die meisten Menschen eher bereit wären auf ein Stück Effizienz zu verzichten um dafür eine bessere Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen.

Um dieses Argument zu entkräften weist Hayek zusätzlich auf die utopisch hohen Konsensanforderungen in einer zentral geplanten Wirtschaft hin. Eine allgemeine Akzeptanz abstrakter, allgemeiner Regeln wie es sie in einem marktwirtschaftlichen System gibt, sei relativ leicht zu erreichen während ein allgemeiner Konsens über ökonomische Detailentscheidungen, wie beispielsweise was in welcher Menge produziert werden soll, nahezu unmöglich scheint. Solch spezifizierte Entscheidungen gehen weit über das hinaus was generell über einen allgemeinen Wertekonsens abgedeckt wird. Somit besteht für Hayek die Gefahr, dass die Vielfältigkeit der Meinungen und Wertvorstellungen, die sich in modernen Gesellschaften gebildet hat, sich durch solch dirigistische Planung, eher zurückentwickelt. Zentrale Planung würde, laut Hayek, somit langfristig zu einer politischen Diktatur führen, da eine Demokratie mit einer solch detaillierten Planung überfordert wäre. Demokratische Entscheidungen lassen dich nur über Dinge fällen, über die ein allgemeiner Konsens gefunden werden kann. Ist dies nicht der Fall, ist die Demokratie überfordert und zerstört sich selbst. Darüber hinaus sieht Hayek die Gefahr, dass falls kein Konsens besteht, versucht wird diesen herzustellen. Kritische Meinungen würden eher unterdrückt und die Pressefreiheit wäre gefährdet.

Ein weiterer Nachteil zentraler Planung ist die gefühlte Willkür die durch persönliche Schlechterstellung hervorgerufen würde. Die Regierung würde versuchen Nachteile zu vermeiden, die nur einzelne Gruppen betreffen, da sie sonst mit Protest zu rechnen hätte. Dies würde den gesellschaftlichen Fortschrittsprozess lähmen wenn nicht sogar stilllegen. In einem System das nur die Rahmenbedingungen vorgibt, aber dem Marktprozess an sich freie Hand lässt, gäbe es dieses Problem nicht. Jeder ist hier hauptsächlich für sein eigenes Schicksal verantwortlich und individuelle Schlechterstellung wird hier eher als unpersönliche Bestrafung empfunden, die sich somit leichter akzeptieren lässt.9

3. Der Wohlfahrtsstaat

3.1 Hayeks Sozialstaatskritik

Für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung nach der Vorstellung Hayeks, spielen auch vorsorgende Sozialstaatsmerkmale als Ergänzung zu einem einfachen Rechtsschutzstaat eine wichtige Rolle. Dabei ist für ihn auch ein gewisses Maß an Zwang angemessen um zu verhindern, dass Bedürftige „ durch Verabsäumung der Vorsorge der Allgemeinheit zur Last fallen würden.“ 10 Für Hayek ist eine, vom Staat bereitgestellte, soziale Grundsicherung der Bürger für Notsituationen also durchaus legitim, es sind dabei jedoch die grundlegenden Prinzipien einer wettbewerblichen Ordnung zu beachten. Ein Anspruch auf potenzielle Leistungen aus dieser Armutsabsicherung darf nur entstehen wenn vorher die Bedürftigkeit nachgewiesen wurde – ein automatischer Anspruch aller sollte möglichst vermieden werden.

Der Wohlfahrtsstaat soll die freiheitliche Ordnung und die in ihr ablaufenden Prozesse unterstützen und möglichst nicht gefährden. Weiterhin ist der Grundsatz der Gleichbehandlung aller unbedingt zu beachten.11

Für Hayek ist es hierbei besonders wichtig auf die Gefahr aufmerksam zu machen, dass durch planwirtschaftliche Elemente in einem Wohlfahrtsstaat mit der Zeit ungewollt und trotz guter Absichten der Weg zu Strukturen geebnet werden kann, die deren im Sozialismus gleichkommen.12

[...]


1 Vgl. http://www.radnitzky.de/pub/1993c-t.pdf.

2 Vgl. Searle, John R., 2000: Friedrich A. von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft. In: Radisch, Iris (Hg.), 2000: Mein Jahrhundertbuch. Weimar, S. 99-102.

3 von Hayek, Friedrich A., 1996: Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus. Tübingen, S. 2.

4 Ebd. S. 2.

5 Vgl. Ebd. S. 2f.

6 Vgl. Ebd. S. 3ff.

7 Vgl. Ebd. S. 7-10.

8 Ebd. S. 10.

9 Vgl. Pies, Ingo, 2003: Theoretische Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik – Der Beitrag F.A. von Hayeks. In: Pies, Ingo/ Leschke, Martin (Hg.), 2003: F.A. von Hayeks konstitutioneller Liberalismus. Tübingen, S. 3-8.

10 von Hayek, Friedrich A., 2005: Die Verfassung der Freiheit. Tübingen, S. 387.

11 Vgl. Ebd. S. 396f.

12 Vgl. Sauerland, Dirk, 2003: Die Rolle des Leistungsstaates bei F.A. von Hayek. In: Pies, Ingo/ Leschke, Martin (Hg.), 2003:F.A. von Hayeks konstitutioneller Liberalismus. Tübingen, S. 126.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Grundlagen F.A. von Hayeks liberaler Markttheorie und seine spezifische Sozialstaatskritik
Untertitel
Illustriert an aktuellen Reformbeispielen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V118526
ISBN (eBook)
9783640219681
ISBN (Buch)
9783640219902
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundlagen, Hayeks, Markttheorie, Sozialstaatskritik, Politische, Theorie, Friedrich, Hayek, Wohlfahrtsstaat, Knechtschaft, Sozialversicherung, Liberal, Sozialismus, Kapitalismus, Deutschland, soziale, Sicherung, Rente, Krankenversicherung, ordoliberal, Kritik
Arbeit zitieren
Philipp Alvares de Souza Soares (Autor), 2007, Die Grundlagen F.A. von Hayeks liberaler Markttheorie und seine spezifische Sozialstaatskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118526

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