Mittrauern - eine Form öffentlicher Trauer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

39 Seiten, Note: 6 von 6


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. GRUNDSÄTZLICHE ASPEKTE ZU TOD UND TRAUER
2.1. Individuelle Trauer
2.1.1. Trauerarbeit
2.1.2. Trauergemeinschaft
2.2. Kollektive Trauer

3. MITTRAUERN
3.1. Die Rolle der Medien
3.1.1. Infotainment
3.1.2. Emotionsgehalt von Nachrichten
3.1.3. Nähe und Distanz in den Medien
3.1.4. Medien verstärken Emotionen
3.2. Fallbeispiel
3.3. Weitere Erklärungen für das Mittrauern
3.3.1. Mittrauern um berühmte Verstorbene
3.3.2. Mittrauern um unbekannte Opfer
3.3.3. Stellvertretende Trauer

4. DISKUSSION

5. ABSTRACT

6. LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. EINLEITUNG

Als im August 2000 der Schweizer Kickboxer Andy Hug in Japan an akuter Leukämie starb, erfasste eine Welle der Bestürzung und der Trauer die Schweiz und ebbte erst nach der Abdankungsfeier eine Woche später wieder langsam ab. Die Zeitungen berichteten täglich über Andy Hugs Leben, sein Sterben und über die Frau und den kleinen Sohn, die er zurück liess; zwei Schweizer Fernsehstationen übertrugen die Trauerfeier im Zürcher Grossmünster live. So etwas hatte es in der Schweiz noch kaum je gegeben.

Drei Jahre zuvor, im August 1997, war Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen. Die Abdankungsfeierlichkeiten haben schätzungsweise 2,5 bis 3 Milliarden Fernsehzuschauer in 187 Ländern gesehen, zehntausende haben vor Dianas Wohnhaus in London Blumen niedergelegt und geweint. Das Ausmass an öffentlicher Trauer setzte neue Massstäbe.

Nach dem Attentat im Kantonsparlament von Zug, bei dem im September 2001 ein Amoktä- ter 14 Personen und sich selber erschoss, trug die Schweiz Trauer. Die Menschen standen vor den Kondolenzbüchern Schlange, vor dem Parlamentsgebäude lag wochenlang ein Blumen- und Kerzenmeer.

Die drei Beispiele haben etwas gemeinsam: Die Menschen, die in emotionaler Aufgewühltheit Blumen niederlegen und weinen, haben die Verstorbenen in aller Regel nicht persönlich gekannt. Und trotzdem haben sie das Bedürfnis, ihrer Bestürzung und Traurigkeit öffentlich Ausdruck zu geben. Sie gehören weder zu den Trauerfamilien noch zum Bekanntenkreis der toten Personen und sind daher nicht direkt vom Verlust eines oder mehrer Menschen betroffen. Diese Menschen werden im Rahmen dieser Studienarbeit „Mittrauernde“ genannt. Die Einführung dieses Begriffs ermöglicht eine Abgrenzung gegenüber denjenigen Trauernden, die persönlich vom Tod einer ihnen nahe stehenden Person betroffen sind (Kapitel 2.1.), sowie gegenüber jenen, die direkt, gemeinsam und damit kollektiv von Verlusten, Katastrophen oder Kriegen heimgesucht werden (Kapitel 2.2.).

Die Fragestellung, die dieser Studienarbeit zugrunde liegt, bezieht sich ausschliesslich auf die Mittrauernden:

Was bewegt Menschen dazu, öffentlich um Verstorbene zu trauern und zu weinen, die sie vor deren Tod nicht persönlich gekannt hatten?

Dabei wird von folgender Arbeitshypothese ausgegangen:

Je mehr die Menschen den eigenen Tod aus ihrem Leben ausblenden, desto mehr lassen sie sich vom Tod ihnen fremder Menschen in Bann ziehen.

Die vorliegende Studienarbeit ist eine Literaturarbeit. Beim Mittrauern handelt es sich um ein relativ neues Phänomen. Nach dem Tod von Prinzessin Diana beschäftigten sich verschiedene Journalistinnen und Autoren in Zeitungsund Zeitschriftenartikeln mit dem wachsenden Mittrauer-Bedürfnis der Menschen. Etwas später suchten britische Psychologinnen und Psychologen nach Erklärungen und publizierten ihre Aufsatzserie in der englischen Fachzeitschrift „The Psychologist“. Umfassende quantitative und qualitative Erhebungen zum Mittrauern fehlen bisher. Als bedeutsam für die vorliegende Arbeit erwiesen sich die erwähnten britischen Aufsätze einerseits sowie das Buch „Trauer und Beziehung. Systemische und gesellschaftliche Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen“ von Hans Goldbrunner (1996) andererseits.

Das an die Einleitung anschliessende Kapitel gibt einen Überblick über grundsätzliche Aspekte zu Tod und Trauer. Zwei Formen von Trauer werden dort unterschieden: die individuelle und die kollektive. Diese beiden werden abgegrenzt gegen die Mittrauer, die sich bei Menschen zeigt, die von einem Todesfall zwar nicht direkt betroffenen sind, aber trotzdem in der Öffentlichkeit oder zu Hause weinen. Dem Mittrauern ist das Kapitel 3 gewidmet. Es wird die Rolle untersucht, die die Massenmedien beim Entstehen von Mittrauer spielen. Als Illustration dient ein Fallbeispiel: Der ehemalige Chefredaktor der Zeitung „Blick“ legt seine Überlegungen und Strategien zur Berichterstattung über den Tod des Kickboxers Andy Hug dar. In der Diskussion in Kapitel 4 geht es darum, die im Theorieteil gewonnenen Erkenntnisse kritisch zu prüfen und Widersprüchen nachzugehen, sowie die in der Einleitung formulierte Arbeitshypothese zu überprüfen und zu diskutieren.

2. GRUNDSÄTZLICHE ASPEKTE ZU TOD UND TRAUER

In früheren Jahrhunderten haben die Menschen den Tod als gottgegeben oder als Schicksal hingenommen. Die Verstorbenen wurden gewaschen und in Sonntagskleidern zu Hause aufgebahrt. Man stattete den Trauerfamilien Kondolenzbesuche ab und trug schwarz. Am Tag der Beerdigung ging die Trauergemeinde zum Friedhof, zur Abdankung und anschliessend zum Leichenmahl. Die Lebenden nahmen gemeinsam Abschied von den Toten.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich mit der Individualisierung der Gesellschaft auch die Einstellung zum Tod verändert. Heute sterben die meisten Menschen in Spitälern und Altersheimen. Bestattungsunternehmen kümmern sich professionell um die Toten. Der Tod ist aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Wer eine nahe stehende Person verliert, bleibt einige Tage der Arbeit fern und wird bald wieder funktionsfähig zurück erwartet. Das führt zu einer weit verbreiteten Angst vor dem eigenen Tod und vor dem Verlust einem nahe stehender Personen. Wittkowski (1990) versteht diese Angst als „antizipierende Auseinandersetzung mit der Bedrohung des Lebens ohne akute Gefährdung. Beispielsweise könnte der Tod eines Angehörigen das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit intensivieren und Angst vor dem eigenen Tod und/oder dem eigenen Sterben auslösen“ (S. 76).

Mehrere Autorinnen und Autoren kommen zum Schluss, dass viele Menschen Angst vor dem Tod haben und deshalb die Gedanken daran verdrängen. Dazu Bellebaum (1992):

Der Tod ist sicherlich ein Problem für viele Lebende. Er wird zwar von manchen Menschen sehnlichst erwartet und die Lebensgestaltung auf ihn als den Übergang ins Paradies ausgerichtet. Diese Gesinnung schliesst aber Angst vor dem Sterben und Furcht vor dem Tod keineswegs aus. Es gibt eine Verdrängung des Todes auf der ‚individuellen Ebene’ infolge psychischer Abwehrmechanismen. Diese machen sich gegebenenfalls umso stärker bemerkbar, je geringer die sozialen Absicherungen sind. Fasst man die Verdrängungen auf der ‚sozialen Ebene’ ins Auge, dann ergibt ein - übrigens sehr umstrittener - Gesellschaftsvergleich unter anderem: früher eher öffentliches, heute eher privat-vereinsamtes Sterben. (S. 142) „Verdrängung“ ist ein psychoanalytischer Begriff und bezeichnet einen Abwehrmechanismus. Abwehrstrategien sind unbewusste psychodynamische Prozesse. Ihre Aufgabe besteht darin, die Funktionsfähigkeit des Individuums bei der Bewältigung der verschiedensten alltäglichen Anforderungen (z.B. im Beruf und in der Familie) zu sichern. Generell wird die Funktionsfä- higkeit einer Person in erster Linie durch überstarke Angst beeinträchtigt. Aufgabe und Ziel von Abwehrstrategien ist die Reduktion der Angst (Wittkowski, 1990).

Die Begleitumstände von Tod und Sterben sind für viele Menschen bedrohlich. Deshalb ist es auf den ersten Blick nachvollziehbar, wenn von einer „Verdrängung des Todes“ gesprochen wird. Doch hält dies auch einer genaueren Betrachtung stand? In der Psychoanalyse steht „Verdrängung“ für einen unbewussten psychodynamischen Vorgang, der bewirkt, dass für eine Person ein bestimmtes Ereignis gar nicht bewusstseinsfähig ist oder werden kann. Es ist daher nicht auszuschliessen, dass einzelne Menschen den Tod verdrängen; weiter verbreitet scheint es allerdings zu sein, dass Menschen alle Gedanken an das für sie bedrohliche Thema Tod beiseite schieben und bewusst nicht daran denken. Wittkowski (1990) schlägt vor, für diesen Prozess den Begriff „Unterdrückung“ zu verwenden. Denn im Gegensatz zur Verdrängung ist die Unterdrückung bewusstseinsfähig, d.h. Personen können das Unterdrücken bewusst aufheben oder sie können retrospektiv darüber berichten. Andere Kritikerinnen und Kritiker schlagen vor, anstatt von Verdrängung von der „Unsicherheit im Umgang mit dem Tod“ zu sprechen (Schäfer, 2003) oder von einem „Tabu“, weil dieser Begriff eine weniger starke Konnotation habe als „Verdrängung“ (Nölle, 1997).

Bacqué ( 1994, S. 44) geht noch einen Schritt weiter, wenn sie festhält: „Eigentlich glaubt niemand an den eigenen Tod; im Unbewussten ist jeder von uns von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt.“ Sie meint, dass die Vorstellung vom eigenen Tod, dazu führe, den Tod als gesellschaftliche Grenze abzulehnen. Das mag auch eine Erklärung dafür sein, dass die Forschung auf Hochtouren nach lebensverlängernden Medikamenten und Methoden sucht. In den USA liessen sich bereits einige Dutzend Menschen in flüssigem Stickstoff tiefkühlen - in der Hoffnung, dass man sie in ferner Zukunft, wenn die entsprechenden Medikamente gefunden sein sollten, wieder auftaue, sie auferstehen und weiter leben könnten (Hossli, 2003).

Andererseits ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Menschen wieder vermehrt bereit sind, das Sterben anderer zu begleiten und damit auch die Trauer von Angehörigen auszuhalten. In vielen Ländern sind Initiativen entstanden, die Sterben, Tod und Trauer als Bestandteil des Lebens begreifen. Dazu gehören Hospizgruppen, Kurse zur Begleitung in Leid und Trauer oder Fachgruppen für palliative Betreuung (Mettner, 2000).

Tod und Trauer sind oft behandelte und erforschte Themen in der psychologischen Fachliteratur. Die meisten Publikationen verwenden den Begriff „Trauer“ für die Individualtrauer, die nach dem Tod einer nahe stehenden Person entsteht. Es handelt sich dabei also um Trauer aus der Perspektive des Individuums, um Trauer aus direkter persönlicher Betroffenheit.

2.1. Individuelle Trauer

Etymologisch weist „Trauer“ auf altund mittelhochdeutsche sowie gotische und altenglische Begriffe zurück, die sich mit „niederfallen, matt und kraftlos werden“ übersetzen lassen. Im Sinne von „den Kopf sinken lassen“ und „die Augen niederschlagen“ bezeichnete es eine typische Trauergebärde und galt als Ausdruck seelischen Schmerzes über einen Verlust oder ein Unglück (Bacqué, 1994).

In der Fachliteratur begegnet man sowohl einem engeren als auch einem weiteren Verständnis von Trauer. Bowlby (1991) verwendet den Ausdruck „Trauer“ im engeren Sinn, um bewusste und unbewusste psychologische Prozesse zu bezeichnen, die durch den Verlust einer geliebten Person ausgelöst werden. Daneben verwendet er den Begriff „Kummer“ (engl. grieving), womit er den Zustand einer Person bezeichnet, die Schmerz über einen Verlust empfindet und dies auf eine mehr oder weniger offene Weise erlebt.

Verschiedene Autorinnen und Autoren ziehen jedoch eine erweiterte Definition von Trauer vor. Dass von Trauer nicht nur beim Verlust eines geliebten Menschen gesprochen werden kann, hatte schon Freud (1917/1946) festgestellt: „Trauer ist regelmässig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“ (S. 429). Diese Sichtweise wird in vielen Fachbüchern geteilt. Für Goldbrunner (1996) ist Trauer überall dort anzutreffen, wo grundlegende Bedürfnisse nicht befriedigt werden und Enttäuschungen verarbeitet werden müssen. Als Beispiele nennt er die Verarbeitung von Trennungen nach einer Scheidung oder die Ablösung der erwachsenen Kinder von ihren Eltern, den Verlust der Jugendlichkeit und körperlichen Unversehrtheit im fortgeschrittenen Alter, die Enttäuschung in partnerschaftlichen Beziehungen nach anfänglicher Verliebtheit, die Bewältigung von chronischer Krankheit und Behinderung oder die Langzeitarbeitslosigkeit. So betrachtet wird Trauer zur lebenslangen Aufgabe der inneren Loslösung von Liebgewordenem, das in der äusseren Realität nicht mehr existiert - Trauer als permanenter Prozess der Anpassung an die Verluste des Lebens.

Schmitt und Mees (2000) unterscheiden zudem zwischen Trauer und Traurigkeit. Unter „Trauer“ verstehen sie die leidvolle Reaktion einer Person auf einen schwerwiegenden und unwiderruflichen Verlust - sei es der Verlust eines nahe stehenden Menschen, der Verlust wichtiger Lebensziele, die aufgegeben werden müssen, der Verlust sozialer Rollen und Wertevorstellungen oder der Verlust von Besitz. Unter „Traurigkeit“ verstehen sie hingegen die niedergeschlagene, getrübte Stimmung einer trauernden Person, aber auch die Reaktion auf unerwünschte Ereignisse, die nicht unbedingt einen Verlust darstellen müssen. Beispiele dafür sind etwa soziale Ablehnung oder Missbilligung, das Verfehlen eines persönlichen Ziels oder nicht erfüllte Erwartungen.

2.1.1. Trauerarbeit

Es gibt viele verschiedene Arten zu trauern. Was für den einen gut und hilfreich ist, muss für die andere noch lang nicht richtig sein. Wer einen Verlust erfährt, muss seinen eigenen Weg finden, um mit der Trauer und anderen aufkommenden Gefühlen zurecht zu kommen. Freud (1917/1946) hatte für diesen Prozess den Begriff „Trauerarbeit“ eingeführt. Er verweist auf intra-psychische Aktivität, die notwendig ist, damit Hinterbliebene den Verlust akzeptieren und sich wieder dem Leben zuwenden können. Es muss ein Rückzug der emotionalen Zuwendung an die verstorbene Person erfolgen. Nur so können später wieder neue Beziehungen geknüpft werden (Schmitt & Mees, 2000).

Diesen Prozess teilen verschiedene Autorinnen und Autoren in sogenannte Trauerphasen ein. Viel zitiert und verwendet sind die vier Phasen nach Kast (1991):

- Phase des Nicht-Wahrhabens-Wollens: Charakteristisch für diese Phase sind Empfindungslosigkeit, Starre, physischer Schockzustand.
- Phase der aufbrechenden Emotionen: Zorn, Angst, Niedergeschlagenheit und die Suche nach den Schuldigen herrschen vor.
- Phase des Suchens und Sich-Trennens: Heftiges Suchen nach dem oder der Toten setzt ein, innere Zwiegespräche mit ihm oder ihr.
- Phase des neuen Selbstund Weltbezugs: Der oder die Verstorbene wird zu einer „inneren Figur“, die trauernde Person nimmt ihre neue Situation an.

Eine systemische Betrachtungsweise bringt Goldbrunner (1996) ein: Die verstorbene Person und die Trauernden sind Teile umfassender sozialer Systeme, die durch den Todesfall nachhaltig erschüttert werden. Das Verhältnis zwischen Trauer und sozialem System wird als wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz) verstanden: Zunächst bestimmen die Beziehungssysteme, ob überhaupt, wie lange, wer und in welcher Form getrauert werden darf. Sodann stellt die Trauer aber auch eine Herausforderung an das soziale System dar; es kann zu krisenhaften Schwierigkeiten zwischen den betroffenen trauernden Personen kommen. Und schliesslich kann die Trauer auch einen Impuls zur Weiterentwicklung der Beziehungssysteme geben.

2.1.2. Trauergemeinschaft

Der Ausdruck von Trauer ist oft eindeutig: Tränen, Weinen, Klagen. Trauer und insbesondere Weinen wirken ansteckend auf andere Menschen. Weinen fördert einerseits die Empathie für die Trauernden, andererseits festigt es die Bindung unter den Trauernden (Goldbrunner, 1996). Und auch wer trauernde Menschen tröstet, leistet einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt. Gemeinsames Trauern hat somit eine Gruppen bildende Wirkung und es erzeugt Solidarität in der Verbindung der Trauernden (Schwender, 2001).

Gemeinsame Trauerrituale und Gedenkfeiern helfen die Identität einer Gruppe zu festigen. Rituale geben der Trauergemeinschaft die Möglichkeit, ihre Gefühle den Verstorbenen gegen- über in der Öffentlichkeit auszudrücken und dadurch zu lindern. Sie liefern eine Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Und sie sollen die Trauernden in der Gemeinschaft integrieren: „Das Ritual erzeugt Gefühle bzw. verstärkt diese selbst bei jenen, die sie von sich aus vielleicht gar nicht verspürten“ (Durkheim, 1912/1981; zit. nach Schmitt & Mees, 2000, S. 217).

Soweit einige grundsätzliche Aspekte zu Tod und Trauer. In den vorangehenden Kapiteln ging es um Trauer aus der Perspektive des Individuums. Sobald mehrere Personen gemeinsam trauern, bilden sie eine Trauergemeinschaft. In der Fachliteratur findet sich dafür auch der Begriff „kollektive Trauer“. Dieser ist das folgende Kapitel gewidmet.

2.2. Kollektive Trauer

„Kollektive Trauer“ wird in der Literatur unterschiedlich verstanden: Für die einen Autoren hat die kollektive Trauer Aspekte der Individualtrauer, für die anderen eher Aspekte des Mittrauerns, wie später in dieser Arbeit ausgeführt wird. Dieses Kapitel soll einen Überblick geben über die verschiedene Verständnisse von kollektiver Trauer; es wird allerdings kaum zur definitiven Klärung beitragen können.

Unter kollektiver Trauer kann jede Form von Trauerritualen für einen verstorbenen Menschen verstanden werden, an dem mehr als eine Person beteiligt ist - zum Beispiel die Familie, der Freundeskreis oder das berufliche Umfeld der Verstorbenen (Schmitt & Mees, 2000, vgl. Kapitel 2.1.2.). „Kollektiv“ bezieht sich also auf eine Vielzahl von Menschen. Die Trauernden haben die Verstorbenen vor deren Tod persönlich gekannt. In diesem Verständnis ist die kollektive Trauer eine Form der Individualtrauer, wie sie in Kapitel 2.1. ausgeführt wurde.

Ganz anders bei Goldbrunner (1996). Er spricht nur dann von „kollektiver Trauer“, wenn eine Gesellschaft oder gesellschaftliche Gruppen gemeinsame Verlusterfahrungen machen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Verluste von Menschen durch Tod oder Trennung, sondern um gemeinsame Verluste und Einschränkungen, die sich zum Beispiel aus Kriegen, Epidemien, Katastrophen, Veränderungen der gesellschaftlichen Lebensbedingungen oder Wertesystemen ergeben können. In all diesen Fällen treffen die Verlusterfahrungen mehr oder weniger grosse Bevölkerungsgruppen gemeinsam und unmittelbar.

Sie [die Verlusterfahrungen] müssen jedoch zunächst von den unmittelbar Betroffenen auf der individuellen und familiären Ebene als den gesellschaftlichen ‚Chief Mourners’ betrauert werden. Darüber hinaus erregen sie auch öffentliches Interesse innerhalb eines Landes oder über die Landesgrenze hinaus und fordern die Gesellschaft zu gezielten Reaktionen heraus, die das bisherige Miteinander gesellschaftlicher Gruppen beeinflussen. Die Trauer verändert somit die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft, indem die Verarbeitung der schmerzhaften Verlusterfahrung zu neuartigen Formen der Interaktion anregt. Die Gesellschaft kann beispielsweise aufgeschlossen oder gleichgültig auf die Trauer von Subgruppen reagieren, kann Trauer unterstützen, den Trauernden Erleichterung verschaffen oder skeptisch und kontrollierend wirken. (S. 118)

Goldbrunner (1996) führt verschiedene Möglichkeiten an, wie solche kollektiven Verluste gesellschaftlich bewältigt werden können. Dabei spielen ritualisierte Trauerformen eine wichtige Rolle: offizielle Trauertage mit Gedenkfeiern, Denkmäler zum Gedächtnis an Katastrophen und Niederlagen im Krieg oder auch Kranzniederlegungen von Politikerinnen und Politikern. Dies alles ist als Zeichen gesellschaftlich akzeptierter, kollektiver Trauer zu verstehen.

Und schliesslich sei noch auf einen weiteren Gebrauch des Begriffs „kollektive Trauer“ hingewiesen. Schwender (2001) konstatiert ein kollektives Verlustgefühl auch dann, wenn zum Beispiel die Fussball-Nationalmannschaft verliert oder ein Staatsmann oder ein Prominenter stirbt. Damit weitet er die Definition deutlich aus und führt sie weg von der Ebene der unmittelbaren kollektiven Verlusterfahrung. Neu an dieser Sichtweise ist der Aspekt, dass es sich um Verlusterfahrungen handelt, die keine unmittelbare persönliche Betroffenheit der trauernden Personen bedingen. Aus Gründen der Abgrenzung und der Klarheit wird dafür im Rahmen dieser Arbeit ein neuer Begriff eingeführt, derjenige des Mittrauerns (vgl. Kapitel 1. und 3.).

Die von Schwender (2001) zitierten Beispiele sollten deshalb zum Mittrauern und nicht zur kollektiven Trauer gezählt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Mittrauern - eine Form öffentlicher Trauer
Note
6 von 6
Autor
Jahr
2004
Seiten
39
Katalognummer
V118550
ISBN (eBook)
9783640213306
ISBN (Buch)
9783640213320
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittrauern, Form, Trauer
Arbeit zitieren
dipl. Psych. FH Trix Angst (Autor:in), 2004, Mittrauern - eine Form öffentlicher Trauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118550

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