Mit der Venus frigida (1614, Abb.1) zeigt Peter Paul Rubens einen denkwürdigen Anblick der Schönheitsgöttin Venus. Ein seltener Anblick, der die Betrachter*innen erschaudern lässt und zu mannigfaltigen Spekulationen einlädt. Die Hausarbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, was Rubens bewegt haben mag, dieses Bild zu malen und ob es sich hierbei vielleicht um ein stoizistisches Andachtsbild handelt. Des weiteren soll der Frage nachgegangen werden, mit
welchen Mitteln Rubens seine visuellen Aussagen verdeutlicht.
Mit der Liebesgöttin assoziiert man im Allgemeinen andere Dinge, als eine verschüchterte und zusammengekrümmte nackte Frau, die nichts sagend ins Leere starrt. Normalerweise denkt man an die Liebe, an frohe warme Farben, an Lustspiele, Erotik, Partys und ausschweifende Feste, an Verführungskunst und Liebesspiele. Kunsthistorisch gesehen kommt man gedanklich nicht um die Geburt der Venus von Botticelli herum, aber auch Tizians Venus von Urbino oder die
Darstellungen von Lucas Cranach dem Älteren. Der Darstellungsreichtum könnte größer nicht sein und die Kreativität, von der die Künstler beflügelt werden, wenn sie sich mit der Venus auseinandersetzen nimmt auch über die vergehenden Jahrhunderte nicht ab.
Die Venus beschäftigt die Künstler bis in die heutige Zeit, denn auch zeitgenössische Künstler wie Jeff Koons (Abb. 2) beschäftigen sich noch mit diesem Bildthema. Die Historie und die vielfältigen Darstellungen zeigen, dass die Venus von je her und bis in die Gegenwart ein vielfältig interpretiertes Sujet ist, welches die Auseinandersetzung mit Vorangegangenem voraussetzt und fordert, um den Anforderungen gerecht zu werden.
Rubens steht den unterschiedlichen Darstellungskonzepten in keiner Weise nach. In seinem OEuvre, welches einen Bestand von ca. 1400 Bildern und Zeichnungen aufweist, lassen sich zahlreiche Venus Darstellungen erkennen. Er setzte sich nach seinem Italienaufenthalt von 1600-1608 intensiver mit der Antike und der Venus auseinander, sodass dabei verschiedene Ansätze und Herangehensweisen entstehen. Für diese Arbeit ist einleitend zu sagen, dass sie sich im Wesentlichen auf das zu analysierende Gemälde der frierenden Venus stützt.
Gliederung
1 Einleitung und Forschungsstand
2 Peter Paul Rubens, Venus frigida, 1614
2.1 Bildbeschreibung
2.1.1 Die Venus
2.1.2 Amor
2.1.3 Der Satyr
2.2 Bildkonzeption
2.2.1 Bildaufbau
2.2.2 Farbgestaltung
3 Tradition der Venus Darstellungen
3.1 Die Venus bei Rubens
3.2 Vergleichsbilder mit ähnlichem Inhalt
3.3 Vergleichsbilder mit Rückenansicht oder ähnlicher Thematik
4 Rubens und der (Neo-) Stoizismus
5 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Gemälde Venus frigida (1614) von Peter Paul Rubens unter der leitenden Fragestellung, ob es sich hierbei um ein stoizistisches Andachtsbild handelt und mit welchen bildnerischen Mitteln der Künstler seine Aussagen vermittelt. Dabei wird analysiert, wie Rubens durch eine untypische, kauernde Darstellung der Liebesgöttin vom klassischen Schönheitsideal abweicht und das Sujet als psychologisches Instrument nutzt.
- Analyse der Venus frigida im Kontext von Rubens' Affektmalerei.
- Untersuchung der künstlerischen Adaption antiker Motive und Vorbilder (Doidalses).
- Vergleichende Betrachtung mit anderen Frauenakten im Werk von Rubens.
- Erläuterung der Verbindung zwischen barocker Malerei und neo-stoizistischem Gedankengut.
Auszug aus dem Buch
2.1 Bildbeschreibung
Es handelt sich auf den ersten Blick um ein Querformat mit den Maßen 145,1 cm x 185,6 cm. Auf dem Gemälde ist eine Drei-Personen-Gruppe in einer Landschaft zu sehen. Es handelt um Venus, Amor und einen Satyr. Die Venus bildet den inhaltlichen und emotionalen Bildmittelpunkt. Sie kauert im Halbprofil in der rechten Hälfte des Bildes auf einem Stück roten Stoff und ist, bis auf ein dünnes, durchsichtiges Tuch, unbekleidet. Ihr Rücken ist dem Betrachter zugewandt, jedoch dreht sie ihren leicht Kopf nach links. Dies macht es möglich, ihr Gesicht zu sehen. Ihr Blick ist starr auf eine Stelle im Vordergrund außerhalb des Bildes gerichtet. Ihr Mund ist leicht geöffnet. Der linke Arm stützt sich auf das linke, angewinkelte Knie, während sie mit ihrer rechten Hand ihr Kinn zu berühren scheint. Ihre Haare hängen offen und ohne kunstvolle Frisur herab. Ein durchsichtiges Tuch verdeckt das Gesäß der Venus minimal und windet sich über ihren Rücken und unsichtbar für die Rezipient*innen hinter ihrem Rücken entlang zu Amor. Amor sitzt mit angewinkelten Beinchen ebenfalls in einer kauernden, unbequemen Position auf dem Köcher seiner Pfeile. Er schlingt beide Ärmchen um sich und zieht den Kopf eng an seine Brust, um sich gegen die Kälte zu schützen. Sein Gesichtsausdruck ist gequält und angespannt. Hinter den beiden kommt ein Sartyr hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Forschungsstand: Einführung in das Thema der Venus frigida und Aufarbeitung der relevanten kunsthistorischen Fachliteratur.
2 Peter Paul Rubens, Venus frigida, 1614: Detaillierte deskriptive Analyse des Gemäldes sowie Erläuterung des Bildaufbaus und der farblichen Gestaltung.
3 Tradition der Venus Darstellungen: Einordnung des Werks in die künstlerische Tradition durch Vergleiche mit anderen Venus-Darstellungen und Rückenakten von Rubens.
4 Rubens und der (Neo-) Stoizismus: Analyse der philosophischen Hintergründe und der Bedeutung der Stoa für das künstlerische Schaffen von Rubens.
5 Schlussbemerkungen: Fazit der Untersuchung, das Rubens' Gemälde als psychologisches Meisterwerk der Kommunikation bestätigt.
Schlüsselwörter
Peter Paul Rubens, Venus frigida, Stoizismus, Affektmalerei, Venus, Kauernde Aphrodite, Kunstgeschichte, Barock, Bildanalyse, Körperdarstellung, Ikonographie, Psychologie der Malerei, Doidalses, Neo-Stoizismus, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gemälde Venus frigida von Peter Paul Rubens und untersucht, wie der Künstler durch die Darstellung einer frierenden, einsamen Venus komplexe emotionale und philosophische Botschaften kommuniziert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Bildbeschreibung, die kunsthistorische Einordnung in die Tradition der Venus-Ikonographie sowie die philosophische Durchdringung durch den (Neo-)Stoizismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Hauptfrage ist, ob Rubens mit der Venus frigida ein stoizistisches Andachtsbild schuf und wie er das klassische Bild der Liebesgöttin bewusst subvertierte, um eine emotionale Reaktion zu evozieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die klassische kunsthistorische Bildanalyse, ergänzt durch einen motivgeschichtlichen Vergleich sowie eine Untersuchung des philosophischen Kontextes (Stoa).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine präzise Bildbeschreibung, eine Analyse der Komposition und Farbigkeit sowie vergleichende Studien zu weiteren Rubens-Werken und deren Bezug zu antiken Vorbildern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Rubens, Venus frigida, Affektmalerei, Stoizismus, Bildanalyse und Ikonographie beschreiben.
Inwiefern unterscheidet sich die Venus in diesem Gemälde von klassischen Darstellungen?
Im Gegensatz zur traditionellen, erotisierten oder idealisierten Venus, zeigt Rubens eine frierende, einsame und schutzlose Frau, die den Betrachter eher Mitleid statt Begehren empfinden lässt.
Welche Rolle spielen der Satyr und der Amor im Gemälde?
Der Satyr dient als Antagonist und Sinnbild für körperliche Lust, während Amor als leidendes Gegenstück zur Venus die Kälte und das Elend der Situation unterstreicht.
Wie lässt sich der Stoizismus auf dieses Gemälde anwenden?
Das Gemälde wird als visuelle Warnung vor der Abhängigkeit von äußeren Faktoren verstanden, wobei die Venus durch ihre Isolation eine Form der "doppelten Leidenslosigkeit" bzw. eine Herausforderung zur Selbstbeherrschung darstellt.
- Arbeit zitieren
- Katharina Heinrich (Autor:in), 2018, Malerei als Mittel zur Kommunikation? Über Vermittlungsstrategien am Beispiel der Venus frigida von Peter Paul Rubens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1185517