Trauer - Möglichkeiten des Umgangs und der Thematisierung mit Kindern im Religionsunterricht


Examensarbeit, 2007

83 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Kinder und Trauer
1.2 Trauer – was ist das?

2. Begegnung von Kindern mit dem Tod
2.1 Kinder fragen nach dem Tod
2.2 Phasen der Trauer
2.3 Kinder in ihrer Trauer begleiten – Pädagogische Hilfestellungen
2.4 Trauerrituale
2.4.1 Kirchliche Rituale
2.4.2 Rituale für den Schulalltag

3. Trauer im Christentum
3.1 Umgang mit Trauer in der Bibel entdecken
3.2 Interview mit Pfarrer L.

4. Trauerbewältigung im Religionsunterricht
4.1 Lernziele
4.2 Ideen für den Unterrichtsinhalt
4.2.1 Bilder
4.2.2 Märchen
4.2.3 Lyrik
4.2.4 Musik
4.3 Literarischer Umgang mit Trauer
4.3.1 Der kleine Prinz
4.3.2 Abschied von Rune
4.3.3 Hallo Mr. Gott, hier spricht Anna
4.3.4 Leb wohl, lieber Dachs
4.4 Lernstrasse „Ich denk an dich“
4.5 Lernstrasse „Vergissmeinnicht“

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

Stufen 1

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! (Hermann Hesse)

1. Einleitung

Wie kann man mit der Thematik Kinder und Trauer allgemein und in der Schule umgehen? Wie kann dieses Thema im Unterricht behandelt werden? Wie sollte sich eine Lehrperson verhalten, wenn das Thema zur Sprache kommt? Welche Möglichkeiten bietet der Unterricht mit seinen Inhalten, Konzepten und Methoden? Dies ist nur eine kleine Auswahl an Fragen, die ich im Rahmen dieser Arbeit „Trauer – Möglichkeiten des Umgangs und der Thematisierung mit Kindern im Religionsunterricht“ behandeln werde.

Abschied zu nehmen, von einem geliebten Menschen, das tut weh und dem Schmerz den Abschied nehmens kann man nicht entrinnen, er muss durchlebt werden.

Die Bedeutung dieses schwierigen, vor allem tabuisierten Themas liegt darin, dass der Umgang mit Trauer erlernt werden muss, da er einen großen Einschnitt für das „normale“ Leben bedeutet. Jeder wird irgendwann mal mit dem großen Gefühl der absoluten Traurigkeit konfrontiert und muss lernen, damit umzugehen.

Nur, wenn man sich als Lehrer mit der Thematik auseinandersetzt und eine Möglichkeit des Umgangs für sich gefunden hat, kann man auf die Kinder eingehen und sie begleiten.

Natürlich wird es keine endgültigen Antworten geben, sondern nur Möglichkeiten, Vorschläge und besonders unseren Glauben. Jedes Kind trauert anders und braucht dementsprechend individuelle Unterstützung.

Zu Beginn gehe ich auf das Thema Kinder und Trauer ein, anschließend, im zweiten Teil, auf Kinderfragen und Rituale. Rituale sind im Zusammenhang mit dem Tod sehr bedeutsam, da sie durch ihre Regelmäßigkeit gewisse Abläufe im Leben der Kinder bestimmen können und somit vereinfachen.

Im dritten Teil geht es um die Trauer im Christentum und der Bibel. Zusätzlich führte ich ein Interview mit einem Pfarrer, welches in Ausschnitten dargestellt wird.

Der didaktische Teil behandelt die Trauerbewältigung im Religionsunterricht. Lernziele, Unterrichtsinhalte und Methoden werden dargestellt. Außerdem beinhaltet dieser Teil der Arbeit zwei Lernstrassen namens: „Ich denk an dich“ und „Vergissmeinnicht“, welche für die 5. und 10. Religionsklasse einer Realschule geeignet sind.

Die pädagogische und didaktische Auseinandersetzung mit dem Thema „Trauer“ hielt ich besonders wichtig, deswegen macht diese auch einen großen Teil der Examensarbeit aus.

Die Lehrperson hat im Bereich Religion mit diesem Thema ein schwieriges Aufgabenfeld zu erfüllen, denn sie muss nicht nur Lehrer sein, sondern Pädagoge, Psychologe, Theologe und ein „Freund“.

1.1 Kinder und Trauer

Der Tod und die dazugehörige Trauer ist für viele Kinder ein Tabuthema der heutigen Gesellschaft geworden, obwohl sie diesem in vielfältiger Weise begegnen.2 Irgendwann wird ein geliebtes Tier oder ein bekannter Mensch aus dem näheren Umfeld sterben, aber auch die kleinen Anzeichen der Vergänglichkeit im Jahreskreislauf der Natur werden zu ersten, bedeutsamen Begegnungen mit der Wirklichkeit von Sterben und Tod. Als Christen sind wir zur realen Annahme des Todes im Sterben nicht nur im Blick auf das Ende unserer Lebensgeschichte herausgefordert. Zu unserem Leben gehören Tag für Tag Sterbeerfahrungen, die uns auf unterschiedliche Weise bewusst werden.

Manchen Kindern mangelt es an der Erfahrung, dass das Leben kontrastreich, wandelbar und mehrdimensional ist.3 Es fehlt ihnen die Erkenntnis, dass nicht nur Gesundheit, Nehmen, Stärke, Jugend und Freude, sondern auch Krankheit, Geben, Schwäche, Alter und Trauer zum Leben gehören. Wachsen Kinder überbehütet auf, indem Ziele schnell zu erreichen sind, Hürden aus dem Weg geräumt und Wünsche sofort erfüllt werden, außerdem die Erfahrung, dass alles austauschbar und ersetzbar ist, so leben sie in einer Scheinwelt. Die Täuschung kann schnell zu einer Enttäuschung werden, da Kinder zwangsläufig andere Erfahrungen machen werden. Kinder sollten deswegen früher oder später erfahren, dass nichts von unbegrenzbarer Dauer ist. Bleibt ihnen diese Lebenserfahrung vorenthalten, ist ihnen der Weg zu einer lebensstarken, reifen, erwachsenen Persönlichkeit verbaut. Sie stehen nicht mit beiden Beinen im Leben, da sie sich nur auf der Sonnenseite des Lebens sicher und zu Hause fühlen.

Der Umgang mit Krankheit, Sterben, Tod hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Der Glaube in die neuesten, medizinischen Erkenntnisse und technologischen Errungenschaften lässt die Illusion und den Optimismus steigen, dass der Tod hinausgezögert werden kann. Kindern mangelt es an der Einsicht, dass auch Krankheiten zu einer gesunden Entwicklung gehören. Sie werden mit dem Lebensgefühl erwachsen, es gäbe gegen jede Krankheit hochwirksame Medikamente. Kranke Familienmitglieder erlebt ein Kind nur selten, da man sich für das Kranksein und das Gesundwerden nur wenig Zeit und Raum nimmt.

Nicht nur Krankheit, sondern auch unsere „Happy-Gesellschaft“ macht es Kindern nicht einfach. Positive Wertschätzungen werden tief im Unterbewusstsein verankert. Was in unserer Gesellschaft zählt, sind Erfolg, Konsum und Leistung, da diese im Gegensatz zur Rätselhaftigkeit des Todes, berechenbar und messbar sind. Angst, Leiden und Trauer werden ausgeblendet, um vor allem Dunkel dieser Welt verschont zu bleiben. Je mehr wir die Erfahrung des Todes von Kindern fern zu halten versuchen, umso schwieriger wird die reale Auseinandersetzung mit dem Tod.

Dadurch verbauen wir ihnen die Chance, persönliche Gefühle und Verhaltensweisen zu entwickeln, um in der Begegnung mit dem Tod handlungsfähig zu sein. Das Bedürfnis Kindern einen Schonraum zu gewähren, hat somit immer auch mit den persönlichen Schwachstellen zu tun. Auf Kinder projizierte Ängste dienen deshalb meist mehr dem Selbstschutz der Erwachsenen als der förderlichen Entwicklung der Kinder.

Doch es ist unmöglich, dass Eltern ihre Kinder von der Konfrontation mit dem Tod zurück halten. Kinder haben schon tausende Tode in Cartoons, Filmen, Büchern, Videospielen und im Fernsehen gesehen. Sie erfahren dadurch ein völlig verzerrtes und unrealistisches Bild, da sie in der Darstellung des Todes seine Endgültigkeit nicht begreifen und fassen können.

Wenn man Kinder in ihrer Trauer begleiten möchte, sollte man natürlich auch auf die Psychologie eingehen, dennoch wird uns diese nicht immer weiter helfen.4 Besonders zwei Grenzen werden in den psychologischen Hilfen immer wieder deutlich, zwei Grundfragen, die auf die Notwendigkeit religiöser Erziehung verweisen. Eine große Aufgabe besteht darin, die Sterblichkeit zu akzeptieren und sie gleichsam als Teil des Lebens anzunehmen. Aber wie kann ich etwas als Teil des Lebens annehmen, das diesem Leben ein Ende setzt? Es bleiben offene Fragen, über das Leben und die Psychologie hinaus, Fragen des Glaubens und die Frage nach Gott.

Eine wichtige Hilfe angesichts von Sterben und Tod kommt aus Ritualen. Woher aber kommen solche Rituale, wenn nicht aus der religiösen Erziehung? Gebete, Lieder, Kreuze und Grabsteine spenden Trost und es gibt kaum tragfähigere nicht-religiöse Rituale. In fast allen Religionen spielt auch die Frage nach einem Leben nach dem Tode eine wichtige Rolle, in Form der auch in der Bibel enthaltenen Vorstellung des Endgerichts oder der in östlichen Religionen zu findende Lehre von der Seelenwanderung. Über den Tod hinaus auf Gottes Treue und Zuwendung hoffen zu können, das ist das besondere Versprechen des christlichen Auferstehungsglaubens.

Das Geheimnis, das wir „Gott“ nennen, ist nicht manchmal lieb und manchmal Furcht erregend, sondern es ist ganz und gar Liebe – und deshalb zugleich erschütternd und faszinierend.5

Häufig sind wir, als Erwachsene, selbst hilflos und verunsichert, weil wir nicht gelernt haben über Sterben und Tod zu reden. Oft sind wir viel befangener und gehemmter als Kinder. Gerade für jüngere Kinder ist der Tod noch etwas viel Natürlicheres, weil sie die Endgültigkeit und Größe des Geschehens noch nicht erfassen können.6 Wenn Kinder einen endgültigen Verlust erleben und trauern, werden sie oft über Nacht erwachsen. Sie übernehmen häufig die Rolle des nicht mehr lebenden Partners, Geschwister oder Freundes und geraten dabei in Gefahr, ihre eigene Trauer, ihre Angst und ihren Schmerz zu verdrängen. Da Kinder häufig nicht in den Prozess des Abschieds mit eingebunden werden, versuchen sie, sich möglichst erwachsen zu verhalten, damit sie überhaupt wahrgenommen werden.

Die Überforderung durch den Sprung in die Erwachsenenwelt wird dann deutlich, wenn die Kinder wieder in ihr kindliches Denk- und Gefühlsschema zurückfallen. Ihre Trauer äußert sich willkürlich, sprunghaft, unlogisch und für Erwachsene zum Teil nicht nachvollziehbar und missverständlich. Folgende Verhaltensmuster können auftreten7:

- unkontrolliertes Weinen oder keine Tränen
- absolute Nähe oder Abwehr von Nähe
- Schuldgefühle
- Ängste vor dem Einschlafen
- unkontrollierte Albernheit, Blödeln, Lachen

Es ist nicht leicht über den Tod zu sprechen, oft versagt die Sprache des Alltags, wenn es darum geht, das Sterben von Tieren, Pflanzen und Menschen in Worte zu fassen.8 Da das Weltbild des Kindes durch den Tod einen Riss erhält, möchten die Eltern es wenigstens sprachlich schützen. Diese Vorsicht ist verständlich, aber wenn sie dazu führt, dass Kinder falsch informiert oder belogen werden, dann schadet sie ihnen mehr, als dass sie nützt.

Noch wichtiger als das, was Erwachsene den Kindern sagen, ist ihre eigene Hoffnung, die sie an die Kinder weitergeben und ihnen vorleben. Entscheidend ist, dass diese Hoffnung stärker ist als der Tod selbst, dass sie nicht mit dem Leben endet und dem Tod nicht das letzte Wort lässt. Diese Hoffnung hat auch eine gesellschaftliche Seite, da wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Sterbenden häufig alleine lässt, sie ausgrenzt und die den Tod nicht wahrhaben will. Der Tod und das dazugehörige Trauern sind zum Tabu geworden, aber er gehört zum Leben, er stellt das Leben in Frage und stellt uns vor Fragen über das Leben hinaus.

Doch es scheint, dass der Tod betroffen macht, Kommunikation unterbricht, Schweigen hervorruft und Sprachlosigkeit nach sich zieht. Er macht stumm, es wachsen Entfremdung, Isolation, Vereinsamung, Schmerz des Verlassenseins und nicht zuletzt die Lüge, mit der man sich selbst und den anderen um das Leben betrügt.9

Jedes Kind erlebt Vergänglichkeit, Abschied und Tod – aber jedes Kind erlebt es anders.10 Deswegen ist es wichtig, dass wir ihnen Orientierungshilfen geben, um ihre Lebenswelt realistisch zu erfahren, kritisch zu hinterfragen, diese verstehen und bewältigen können.

1.2 Trauer „definieren“

Trauer ist ein Gefühlsspektrum, eine einzigartige, weil individuell unterschiedliche, zugleich unglaublich vielseitige Empfindung. 11

Die Trauer ist die Emotion, durch die wir Abschied nehmen, Probleme der zerbrochenen Beziehung aufzuarbeiten.12

Im Hinblick auf die Definition der Trauer herrscht in der Literatur große Uneinigkeit, ob dieser Begriff auch auf jede Verlustreaktion angewandt werden kann oder ob von Trauer nur im Zusammenhang mit dem Tod gesprochen werden sollte. Freud bezeichnet die Trauer als einen psychischen Zustand, der nicht nur auf den Verlust durch den Tod, sondern auch auf den Verlust abstrakter Inhalte bezieht. Seiner Meinung nach ist Trauer die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktionen wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal, usw.13 Trauer ist auf die verschiedensten Erlebnisse übertragbar, allerdings unterscheiden sich die Art und Intensität der Trauerarbeit. So muss nach dem Tod eines geliebten Menschen sicherlich eine umfassendere und anders strukturierte Trauerarbeit geleistet werden, als beispielsweise ein Umzug aus gewohnter Umgebung.14 Natürlich gibt es auch andere Varianten von Verlusten, die betrauert werden müssen. Im Leben von Kindern kann auch die Trennung der Eltern ein großer Einschnitt in die „heile Welt“ sein. Trennung und Scheidung stellen schwer wiegende Krisen im Familienleben dar und können nicht nur Kinder aus der Bahn werfen. Scheidung bedeutet für ein Kind, nicht mehr beide Eltern gleichzeitig zu haben, es lebt in zwei Welten, ist entweder bei Mutter oder Vater und die Übergänge können entsprechend krisenanfällig sein.15 Das Kind wird plötzlich mit zwiespältigen Gefühlen von Angst, Misstrauen, Schuld, Verletzung, Eifersucht, Entwurzelung und der sehnsuchtsvollen Suche nach Geborgenheit konfrontiert. Weitere Trennungserfahrungen, wie der Wegzug eines Freundes, der Umzug an einen fremden Ort, ein Krankenhaus- oder Kuraufenthalt, können Kinder als tiefen, inneren Tod erleben. Diese Trennungen bedeuten eine Belastung für das kindliche Selbstverständnis von sich und der Welt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit erfolgt jedoch nur eine Auseinandersetzung mit jenen Trauerprozessen, die in Verbindung mit dem Tod stehen.

Abschiednehmen und Loslassen sind ganz eng miteinander verbunden, geradezu ein wesentlicher Bestandteil des Lebens selbst. Um mit den Verlusterfahrungen fertig zu werden und nicht an ihnen zu zerbrechen, haben wir eine Emotion mitbekommen, die uns hilft, Abschiede zu überwinden. Dieses Gefühl heißt Trauer. Hätten wir diese Trauer nicht, wären wir hoffnungslos den Verlust- und Sterbeerfahrungen unseres Lebens ausgeliefert.

Trauer ist ein starkes Gefühl, ein Gefühl, das vom ganzen Menschen Besitz ergreift.16

Eine Welt bricht zusammen, der Verlust wirft den Menschen in eine Krisensituation. Je näher man dieser Person stand, desto größer ist diese Krise.

Das Wort Trauer bedeutet nach alt- und mittelhochdeutschem Sprachgebrauch nichts anderes als Niederfallen, matt- und kraftlos werden, den Kopf sinken lassen und die Augen niederschlagen. Heiterkeit, Freude, Offenheit und eine aufrechte Körperhaltung scheinen aus dem Leben dieser Menschen verbannt. Trauer fühlt sich wie ein schwarzes, schweres Tuch an, welches über einem liegt und an Aktivitäten hindert. Wie gelähmt muss der Trauernde zuschauen, dass das Leben in all seiner Fülle an ihm vorbei zieht.

Während der eine in einen fast ohnmächtigen Schlaf verfällt, um so den Zustand des Nicht-Wahrhaben-Wollens zu verewigen, kämpft ein anderer mit Schlaflosigkeit.17 Der eine fühlt sich wie gelähmt, während ein anderer an Überaktivität den Tatsachen zu entkommen sucht. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Verlusterfahrungen. Die einen lassen sich ganz in ihre dunkle Gefühlswelt fallen, kapseln sich ab und zeigen keinerlei soziales Interesse. Andere versuchen in Gesprächen das Erlebte aufzuarbeiten, begeben sich auf die Suche nach dem Verlorenen, um mit diesem einen Dialog zu führen. Besonders das Weinen ist eine sehr sinnvolle Reaktion des Körpers, um uns vor den unmittelbaren Folgen eines als übermächtig erlebten Schmerzes zu schützen.18 Der Trauerprozess zeigt typische Merkmale und Verhaltensformen und doch wird seine Ausgestaltung von den individuellen Möglichkeiten des Trauernden bestimmt.

Der Verlust eines vertrauten Menschen bedeutet einen radikalen, schmerzhaften Einschnitt in unser Leben, die Zeit steht still und die Welt hört auf sich zu drehen.19 Der Tod wird als Schrecken und grausames Schicksal angesehen, der Abschied als Widerfahrnis, das erduldet und durchlitten werden muss. Doch eines ist ganz wichtig: Das „normale Leben“ geht weiter und will nach und nach zurückerobert und aktiv gestaltet werden. Dazu gehört, sich der Trauer zu stellen und sich mit dem Auf und Ab der Trauerzeit bewusst auseinander zu setzen. Die Zeit der Trauer bedeutet nicht nur Begrenzungen, Einschränkungen und Rückzug, sondern bringt auch Chancen, zu wachsen und zu reifen und das Leben zurückzugewinnen.

Wie auch immer der persönliche Weg durch das Land der Trauer aussehen mag, es lohnt sich, jeden Schritt, so zögerlich, schmerzhaft und unsicher er sein mag, bewusst zu gehen und mit vielen Menschen, die Trauer durchlebt haben, die Erfahrung zu teilen. Nur, wer das Land der Trauer durchwandert hat, findet wirklich in das Land des Lebens zurück, man muss diesen Weg nur entdecken wollen und mutig nach Vorne blicken.

Die Trauer begleitet ein Leben lang, sie verändert nur ihre Intensität und wird irgendwann erträglich.

2. Begegnung von Kindern mit dem Tod

Kinder begegnen dem Tod meist schon früh, wenn der Hamster plötzlich stirbt, die Großeltern nicht mehr da sind oder auch durch Medien. 20

Ein fremdes Tier, das tot auf der Straße liegt, ein überfahrener Igel oder ein Fisch, der mit aufgeblähtem Bauch auf dem Wasser herumtreibt, wird in einem Kind mitleidiges Interesse oder biologische Neugier erwecken. Weniger aber Schmerz und Trauer. Auch die Eltern können dem toten Tier nicht helfen und das Kind muss erkennen, dass auch die Macht der Eltern vor dem Tod ihre Grenzen hat. Zunächst mag dies bedrückend wirken, aber es wird ohne tiefe Trauer akzeptiert.

Schwieriger wird es bei der Verarbeitung, wenn ein Tier, mit dem es täglichen Umgang hatte stirbt. Es verliert ein Teil aus seinem unmittelbaren Lebensbereich, wie zum Beispiel den Hamster oder den Wellensittich. Das Kind muss realisieren, das Tod nicht nur mit Leblosigkeit und Kälte zu tun hat, sondern auch mit Verlust, Trennung und Abschied für immer. Es reagiert mit Entsetzen und Schmerz, denn es hat einen Gefährten verloren, der viele Stunden mit ihm geteilt hat. Es ist wichtig, dass das Kind seiner Trauer Ausdruck verleihen kann. Die Erinnerung an ein gestorbenes Tier darf man dem Kind nicht wegnehmen oder zu früh durch ein neues Tier überdecken, weil es sonst die Trauer über den Verlust nicht verarbeiten kann.

Bei kleineren Kindern bedeutet schon der Verlust eines vertrauten Spielzeugs, wie zum Beispiel eine Kinderdecke zum Kuscheln, ein Teddybär oder einfach nur ein Stofffetzen, ein schwerwiegender Eingriff in die „heile“ Welt. Sie empfinden dies auch als „kleinen“ Tod und müssen mit diesem Verlust auch umgehen können.

Da Kleinkinder noch nicht zwischen Tod und zeitweiliger Trennung unterscheiden können, ist es für sie schon eine bedrohliche Situation, wenn die Eltern für einen Abend einen Babysitter einstellen und sich von ihrem Kind für diesen einen Abend verabschieden. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit entfällt und das Kind ist unsicher. Dieser Schmerz ist für das Kind eine Vorahnung des Todes, da die Eltern weg sind und nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei diesen zeitweiligen Trennungen treten dieselben Ängste und Gefühle auf, wie beim Tod einer Bezugsperson und die wichtigste Empfindungsangst dabei ist die Trennungsangst.

Die Todeserfahrung bei einem entfernten Bekannten oder Verwandten gibt einem Kind die Möglichkeit, einige Geheimnisse des fremden, unvorstellbaren Phänomens Tod zu „erforschen“.21 Dieses erworbene Wissen kann ein Kind beruhigen, vor allem, wenn es in der Phantasie schon schreckliche Bilder vom Tod hatte. Bei einer ferner stehenden Person, zu der das Kind keine tiefe emotionale Bindung empfindet, wird auch das Gefühl der Trauer und des Verlustes nicht im Vordergrund stehen. Bei einer Beerdigung eines Menschen, der nicht zu seinem unmittelbaren Lebensbereich gehörte, erfährt das Kind schnell, dass das Leben weitergeht und weiter lebenswert bleibt. Außerdem wird es erkennen, dass die Erinnerung tröstlich und fröhlich sein kann.

Die bisher geschilderten Ereignisse können als Vorbereitung und Hilfestellung zum tragischen Ernstfall betrachtet werden, wenn das Kind jemand aus seinem engen Familien- oder Freundeskreis verliert. Somit geschieht ein schmerzvoller Eingriff, für das Kind bricht eine Welt zusammen, in der es sich bisher Zuhause fühlte. Die Sicherheit, die bis dahin selbstverständlich war, gerät ins Wanken. Bei solchen Todeserfahrungen steigt in dem Kind eine Flut von Gefühlen hoch, die es ohne liebevolle Begleitung von anderen Bezugspersonen kaum zu verarbeiten lernt.

Der Tod von Großeltern ist in der Schule sicherlich die am häufigsten vorkommende Begegnung mit dem Tod. Wenn ein Kind diese Erfahrung vorbereitet und in Ruhe machen konnte, der Tod nicht völlig überraschend kam, sondern die natürliche Konsequenz eines langen Lebens war, hatte es etwas Zeit, sich mit dem Abschiednehmen vertraut zu machen. Zudem kann ein Kind den Tod eines alten Menschen meist besser akzeptieren als beispielsweise den eines gleichaltrigen Kindes.

Die Nachricht eines aus der Klasse verstorbenen Kindes spricht sich schnell herum. Der Tod, der möglicherweise bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Thema war, bestimmt nun nachhaltig die Atmosphäre in der Klasse. In solchen Situationen machen Lehrerinnen und Lehrer die Erfahrung, dass sie sich dem Tabuthema Tod nicht entziehen können. Oftmals fehlt es an einer angemessenen Sprache, um dem Ende des Lebens, dem Sterben, ähnlich wie bei dem Anfang des Lebens, der Sexualität, zu begegnen.22

Bei dem Tod eines Geschwisterkindes fühlen sich die noch lebenden Kinder häufig allein gelassen.23 Die Eltern sind mit ihrem Schmerz und der Trauer um das gestorbene Kind beschäftigt und können sich den anderen Kindern nicht mehr richtig zuwenden. Für Eltern ist dies der schwerwiegendste, radikalste und brutalste Verlust überhaupt. Es lässt die Welt einstürzen, die nie mehr so sein wird, wie sie mal war.

Es stirbt das „eigene Fleisch und Blut“ und somit ein Teil der Eltern selbst mit allen Hoffnungen, Wünschen, Zukunftsplänen und Perspektiven. Die Trauer um ein verstorbenes Kind ist keine vorübergehende Trauer, sonder ein fortwährender Prozess, der sich in ständiger Wandlung befindet. Die Eltern lernen den Tod zu überleben und mit ihrer Trauer zu leben, indem ihr totes Kind einen neuen, anderen, besonderen Platz in der Familie bekommt. Die überlebenden Geschwister sind im Allgemeinen zunächst kein wirklicher Trost für verwaiste Eltern. Dabei bräuchte das lebende Kind besonders viel Zuwendung, weil es geteilte Gefühle hat. Zum einen vermisst es den Bruder oder die Schwester, zum anderen ist es vielleicht erleichtert, dass er oder sie gestorben ist. Das kann dann der Fall sein, wenn der Bruder oder die Schwester über einen langen Zeitraum durch eine Krankheit im Mittelpunkt stand oder wenn eine starke Rivalität zwischen beiden herrschte. So können auch Schuldgefühle entstehen, mit denen das Kind dann alleine ist. Durch den Tod verliert das Geschwisterkind einen einzigartigen Menschen und Verbündeten, der in seinem Leben große Bedeutung hatte. Vieles haben sie miteinander geteilt, wie zum Beispiel die Eltern, Spielsachen, Zimmer, Wünsche, Freuden, Ängste und Sorgen.24

Ein Kind, dessen Mutter oder Vater stirbt, verliert mit diesem Tod eine der bis dahin wichtigsten emotionalen Stützen und wird zutiefst verunsichert.25 Denn durch den Tod eines Elternteils büßt das Kind eine Instanz ein, die ihm das Gefühl des Angenommenseins vermittelte und es ihm immer wieder neu bestätigte. Der Elternverlust kann nicht so ohne weiteres aufgefangen werden. Keinem anderen Menschen wird es möglich sein, das Kind auf diese einzigartige, elterliche Weise zu lieben, wie es von Vater und Mutter geliebt wurde.

Manchmal versuchen die Kinder auch den Elternteil zu ersetzen, besonders der Sohn beim Tod des Vaters und die Tochter beim Tod der Mutter. Damit bleibt ihnen aber nicht genug Raum für ihre Trauer, sie verlieren das Kindsein und werden früher erwachsen. Oft bindet der dann allein erziehende Elternteil die Kinder zu sehr an sich. Das Kind wird dadurch zum Ersatzpartner und ist überfordert.26

Hier ist es wichtig, dass der äußere Rahmen, die Lebensumstände erhalten bleiben. Für den verbleibenden Elternteil ist es sicher schmerzlich, in den Räumen weiterzuleben, in denen so viele Erinnerungen wach bleiben, doch für die Kinder würde ein schneller Umzug einen weiteren Verlust von „Heimat und Geborgenheit“ bedeuten.

Väter verkörpern neben der Rolle des Familienoberhauptes meist auch die des Hauptversorgers und haben dadurch gewisse Macht- und Autoritätsstellung innerhalb der Familie.27 Die Kinder wachsen vorerst ohne männliches Vorbild, sowie ohne Auseinandersetzung mit einem Mann auf. Diese Situation verstärkt sich im außerhäuslichen Bereich. Mit dem Tod des Vaters verliert das Mädchen das gegengeschlechtliche, bewundernswerte Liebesobjekt. Es fühlt sich verunsichert, weil ihm Bestätigung und Zuneigung des Vaters fehlen. Der Junge verliert das männliche Identifikationsbild. Er hat es oftmals schwer, in seine Rolle als Mann, meist allein unter Frauen, hineinzuwachsen.

Die Mutter ist erfahrungsgemäß der gefühlsmäßige wie auch lebenspraktische Mittelpunkt, der die Familie zusammen hält. Ihr Tod bedeutet einen tiefen Einschnitt in das Leben des Kindes und erschüttert sein Vertrauen in die Welt. Durch den Tod der Mutter verliert das Mädchen das gleichgeschlechtliche Identifikationsobjekt, der Sohn das „ödipale Liebesobjekt“. Die Mutter wird für das Kind zum unsterblichen, allgegenwärtigen Begleiter und Maßstab allen Lebens, sie ist außer Konkurrenz. Die mögliche neue Partnerin des Vaters wird im Erleben des Kindes oft zur bösen Stiefmutter und es ist für beide gleichermaßen schwierig, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Die Einmaligkeit der Mutter-Kind-Beziehung und ihre Bedeutung erfasste die vier Jahre alte Wendy folgendermaßen:

„Niemand liebt mich.“ Ihr Vater reagiert mit einer langen Aufzählung der Leute, die sie liebten, aber Wendy erwidert: „Als meine Mama noch nicht gestorben war, hatte ich nicht so viele Leute nötig. Ich brauchte gerade einen… .“28

Der Tod eines Familienmitgliedes ist eine Extremerfahrung für das Kind. Es entstehen Phasen mit unterschiedlichen Gefühlen, Wut, Schuldzuweisungen, Traurigkeit, Resignation, Lebensunlust und dem Nicht-Wahrhaben-Wollen. All diese Situationen sind verständlich und für die Verarbeitung notwendig.

Doch am Ende dieser ganzen Prozesse wird die Erkenntnis stehen, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, dass er unweigerlich dazu gehört und akzeptiert werden muss.

Solche Emotionsbewegungen werden dem Kind nur ermöglicht, wenn es sich im Bereich der Trauergemeinschaft bewegt.29 Das heißt, dass es dem Kind gestattet wird, mit den Erwachsenen den Schmerz zu teilen und dass es von Anfang an miteinbezogen wird. Das Kind ist ein Mitglied der Trauergemeinschaft und darf nicht aus dem gemeinsamen Schmerz ausgeschlossen werden. Durch ein Vorspielen falscher Tatsachen entsteht ein nicht wieder gut zu machenden Schaden.

2.1 Kinder fragen nach dem Tod

Die Frage nach der Identität beschäftigt Kinder der Vorpubertät bis weit in die Zeit des jungen Erwachsenenalters: „Wie war ich? Wer bin ich? Wer werde ich sein?“ Diese Auseinandersetzung geht auch an der Frage nach dem Tod nicht vorbei.30

„Wie ist es denn, wenn man tot ist?“ „Wieso stirbt man eigentlich?“

Kinder haben viele verschiedene Fragen über Sterben, Tod und Trauer. Es sind ebenso viele Fragen, wie es unterschiedliche Kinder und Situationen gibt. Die Fragen sind häufig sehr konkret, direkt und für uns auch manchmal bedrohlich, weil sie uns mit unseren eigenen Ängsten konfrontieren.

Kinder verstummen nicht, wenn sie dem Tod begegnen, sie stellen Fragen, weil sie wissen wollen, was Sterben und Tod bedeutet. Viele Eltern fühlen sich hilflos und würden lieber schweigen. Manchmal fragen Kinder nur aus Neugier, aber in vielen Fällen handelt es sich um Verlustängste.31

Kinderfragen sind oft direkt und stellen an den Erwachsenen eine hohe Herausforderung. Einem religiös eingestellten Menschen stellt sich die Aufgabe, seinen Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod als Hoffnung überzeugend vorzuleben und sich dieser Haltung auch mit Worten anzunähern, dass sie dem Kind verständlich und einleuchtend erscheint. Die Weitergabe dieser Glaubenseinstellung als Hoffnungsstiftende Perspektive geschieht primär im gelebten Zeugnis der Überzeugung, aber auch in verständnisvollen Gesprächen mit dem Kind, in denen sich die jeweilige Bezugsperson bemühen muss, auf die Fragen des Kindes mit ehrlichen, kindgerechten und klaren Aussagen zu antworten.32

Bei dem beantworten der Fragen sollte man auf die persönliche Einstellung zum Kind achten und zu seiner Situation. Folgende Verhaltensweisen sind angemessen:33

- Sich auf das Kind einstimmen: Zeit haben, Zeit nehmen, Zeit geben
- Was will das Kind wissen? Zuhören und Heraushören
- Auf die Vorstellung des Kindes eingehen: Anpassen
- Einfache und klare Antworten geben
- Nicht ausweichen, da sein und auch bleiben
- Eigene Unsicherheiten zugeben
- Aufmerksamer Gesprächspartner sein
- Nichts verschweigen und nicht lügen
- Aushalten immer wiederkehrender Fragen: Geduld

In Gesprächen mit Kindern über den Tod ist es besonders wichtig, Worte zu finden, die einfach und klar sind, welche sich der Denk- und Sprechweise der Kinder angleichen. Eine „Verniedlichung“ ist ebenso unangebracht wie das Verwenden von Bildern aus dem Alltagsleben. Gespräche über den Tod verlangen Klarheit.34

Oft sind die Worte, die Erwachsene bei ihren Antworten wählen, der Anlass für viele innere Fragezeichen beim Kind. Statt durch die Antworten Sicherheit und Klarheit zu erhalten, tauchen oft viele neue Fragen auf. Manchmal können bestimmte Äußerungen auch Ängste auslösen, an die das Kind bislang noch gar nicht gedacht hatte. Ein Beispiel dafür wäre der Satz: „Oma ist eingeschlafen.“ Kinder wissen, dass Einschlafen zum Leben gehört. Sie schlafen jeden Tag ein und wachen wieder auf.

Wird das Einschlafen nun mit dem Tod in Zusammenhang gebracht, können

Einschlafängste ausgelöst werden oder die Erwartung, dass Oma wieder aufwacht. Das Begreifen der ohnehin schon schwer zu begreifenden Endgültigkeit wird deutlich erschwert.

Fragen Kinder gezielter und konkreter nach, zum Beispiel „Und wie genau macht es Gott, dass der Opa wieder lebendig wird?“, sollten wir uns nicht etwas Kluges ausdenken, sondern ehrlich antworten: „Das weiß niemand, auch ich kann dir diese Frage leider auch nicht beantworten.“35

Aber vielleicht liegt es auch an einem guten Religionsunterricht, dass man Kindern Räume und Zeit eröffnen sollte, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Sie sollen die Welt auch in Grenzen wahrnehmen, nach diesen Grenzen fragen und anfragen, ob der Mensch mit ihnen aufhört, oder anders gesagt, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem, was Leben ausmacht, als Frage kennen zu lernen, die Gott buchstabiert.36

Eine ganz normale Kinderfrage kann wie folgt klingen: „Warum müssen Menschen überhaupt sterben?“ Darauf kann man verschiedene Antworten finden, eine Antwort könnte so aussehen:

„Alles, was lebendig ist, stirbt eines Tages und jeden Tag wird etwas Neues lebendig. Das ist der Kreislauf des Lebens. Die Pflanzen verwelken, die Tiere und auch die Menschen sterben. Wir leben auf der Erde, wo alles einen Anfang und ein Ende hat, deshalb sterben wir auch. Nur Gott hat keinen Anfang und kein Ende, deshalb stirbt er auch nicht. Aber wir sind nicht wie Gott.“37

„Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit; und alle Welt vergeht mit ihrer Herrlichkeit.

Es ist nur einer ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen.“ (Matthias Claudius) 38

2.2 Phasen der Trauer

Es gibt verschiedene Phasen, die ein Kind nach dem Tod eines geliebten Menschen durchleben muss. Diese Phasen sind wichtig und müssen durchlebt werden, damit das Kind trauern kann. Damit ist nicht gesagt, dass diese Phasen chronologisch in einem bestimmten zeitlichen Rahmen verlaufen. Es kann Rückfälle in bereits durchlebte Phasen geben und Anteile späterer Phasen können in früheren Phasen aufleben.39

Das erste Gefühl ist geprägt von der „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ Phase. Das Kind leugnet den Tod und fragt immer wieder nach dieser Person. Es ist erschüttert und kann nicht verstehen, dass jetzt alles zu Ende ist. Es ist wie ein Schock, das Kind fühlt sich allein und verlassen, läuft unter Umständen weg und weist jede Hilfe von außen ab. Auch gut gemeinte Trostgedanken helfen nicht den Schock des Todeserlebnisses zu überwinden.

Sie sind durch den Schock so gelähmt, dass sie in eine Erstarrung fallen. Die Kinder können es nicht glauben und zugleich auch nicht verarbeiten. Das Leugnen hilft, unbewusst mit ihren Gefühlen fertig zu werden. Diese Schockreaktion darf in keinem Fall mit Desinteresse oder Gleichgültigkeit interpretiert werden, sie weist vielmehr auf die momentane Gefühlslage hin, die für das Kind derart schmerzhaft ist, dass es sich vor der schrecklichen Wirklichkeit schützen muss.40 Sie befinden sich in einer Welt von einer überwältigenden Sinnlosigkeit und fragen sich, wie sie weiterleben sollen. Das Leugnen hilft, die Gefühle zu dosieren, denn wenn wir alle Gefühle, die mit Verlust verbunden sind, auf einmal zuließen, wären wir emotional überfordert. Diese Gefühle sind eine Art Schutzmechanismus.41 Erst wenn dem Kind die Endgültigkeit des Todes bewusst wird, kann es wirklich trauern, eine emotionale Reaktion auf den Abbruch einer Beziehung von lebenswichtiger Bedeutung zeigen. Auch noch lange nach dem Todeserlebnis kehren Momente wieder ein, in denen der Verlust aus dem Bewusstsein gedrängt wird. Wenn das Leugnen abnimmt, tritt die Realität des Verlustes an seine Stelle. Es beginnt mit Fragen über das Wie und Warum. Die Endgültigkeit des Verlustes wird allmählich bewusst, denn mit jeder Frage nimmt die Gewissheit zu, dass der Verstorbene auch wirklich tot ist. Wenn sie die Realität des Verlusts akzeptieren und beginnen, sich selbst Fragen zu stellen, setzt unbewusst der Heilungsprozess ein. Sie werden stärker und das Leugnen nimmt ab. Doch auf diesem Weg werden alle Gefühle, die sie geleugnet haben in ihnen hoch kommen.42

Aus einem Gemisch von Wut, Zorn und Enttäuschung heraus kann bei Kindern statt stiller Depression manchmal eher aggressives Benehmen gegenüber Gleichaltrigen oder Erwachsenen entstehen. Diese Phase nennt man die Phase der aufbrechenden Emotionen. Solche Verhaltensänderungen äußern sich in frechem, provozierendem Stören des Schulunterrichts oder einer rohen Behandlung von Mitschülerinnen und Mitschülern oder aber Geschwistern. Seelisch verletzte Kinder können äußerst aggressiv und destruktiv reagieren, weil ihnen der Tod Schmerzen zufügt. Emotionen wie Hass und Wut können deshalb als Schutzreaktion gegen übergroße Gefühle von Sehnsucht und Liebe sein. Sie können Ausdruck dessen sein, wie ausgeliefert oder ohnmächtig sich ein Kind gegenüber der Macht des Todes fühlen kann. Manches Kind wird zum „Rächer“, indem es andere mit seiner Wut bestraft. Dadurch befreit es sich von seinen schwachen Gefühlen und fühlt sich mächtig und stark. Die äußerlich sichtbare Auffälligkeit hat eine Signalfunktion, die allerdings bei vielen Erwachsenen nicht ankommt.43 Zusätzlich kann ein liebloses Umgehen mit Pflanzen und Tieren eine Folge tiefer Verletzung sein. Das Kind hat den Eindruck, dass der geliebte Mensch es absichtlich im Stich gelassen hat und es nun hilflos anderen Menschen ausgeliefert ist. Sie entwickeln einen Zorn, welcher nicht logisch oder gerechtfertigt sein muss.44 Sie können auch zornig auf sich selbst sein, weil sie nicht die Macht dazu hatten, aber den Willen, ein Leben zu retten. Aber den größten Zorn werden sie auf diese unerwartete, unverdiente und ungewollte Situation haben.

Zorn ist eine notwendige Phase im Prozess der Heilung, je mehr sie ihn wahrhaft empfinden, desto mehr wird er sich auflösen und der Heilung Raum geben. Der Zorn hat in Wahrheit keine Grenzen, er richtet sich nicht nur gegen Freunde, Ärzte und Familie, sondern auch gegen Gott. Man fragt sich: „Wo ist Gott? Wo ist seine Liebe, seine Macht und sein Erbarmen?“ Kinder hoffen, dass Gott seinen Fehler, den er gemacht hat einsieht und rückgängig macht. Sie denken, vielleicht ist Gott wütend auf mich und das ist die Strafe dafür. Die Situation wird schwierig, denn für die Kinder bleibt er ein Gott, der ihnen nicht zu Hilfe gekommen ist, als sie ihn am dringendsten brauchten.

Außerdem stellt sich die Frage nach der Schuld. Gedankenlose Äußerungen, wie „Du wirst mich noch ins Grab bringen.“, können extreme Schuldgefühle auslösen. In solch einer Phase der aufbrechenden Emotionen braucht das Kind einen Menschen, der es in seinen Ängsten ernst nimmt und von dem es sich verstanden fühl.45 Körperbewegungen können helfen Zorn abzubauen, man muss sich mit den Empfindungen auseinandersetzen. Denn Zorn ist nur ein weiteres Zeichen der Tiefe ihrer Liebe und eine natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeit des Verlusts.46 Er ist eine Bestätigung, dass man fühlt und das man einen Menschen geliebt und verloren hat. Dieser Zorn sollte von niemandem kritisiert werden. Wut gegenüber der verstorbenen Person ist ein Zeichen dafür, dass ein Kind den Tod noch nicht vollständig akzeptiert hat. Indem Kinder den Toten beschimpfen, ihn anklagen oder herabsetzen, bleibt er lebendig. Andere Kinder betonen unsympathische Züge oder negative Eigenschaften des Verstorbenen, um nachträglich seinen Tod zu legitimieren. So wie der Verstorbene das Kind bestraft, indem er gestorben ist, bestraft das Kind nun den Verstorbenen mit Liebesentzug, indem es nicht mehr länger bereit ist, ihn zu lieben. Meist relativiert sich die negative Meinung nach einiger Zeit von selbst und die Kinder finden zu einem realistischen Bild über den Verstorbenen, der weder über-, unter-, noch entwertet werden sollte. Wenn das Kind seine Kritik gegenüber dem Verstorbenen offen äußern darf und sich hierbei angenommen fühlt, muss es ihn nicht länger hassen oder heimlich schlecht machen.47

Hat das Kind den Verstorbenen zuvor entwertet oder herabgesetzt, verkehrt sich sein Verhalten nun ins Gegenteil. Das Kind überschätzt die Fähigkeiten des Toten, gibt ihm möglicherweise eine wichtigere Bedeutung oder einen höheren Stellenwert, als er diesen zu Lebzeiten jemals innehatte. Diese überhöhte Identifizierung des Verstorbenen kann sich in der Übernahme bestimmter Verhaltensweisen, die für ihn typisch waren, zeigen. Die übermäßige seelische Bindung an den Toten hält die Erinnerungen an sich zunächst lebendig und wirkt einer gefühlsmäßigen Verdrängung entgegen.48

Entweder nach einer gewissen Zeit oder unmittelbar nach dem Tod tritt oft diese Phase der Idealisierung des oder der Verstorbenen ein, die zu einer ungesunden Fixierung führen kann.49 Der oder die Verstorbene wird gesucht, in Räumlichkeiten oder Bildern. Besonderen Wert gewinnen Gegenstände mit denen bestimmte Erinnerungen verbunden sind. Die Unerreichbarkeit des geliebten Menschen erzeugt oft auch eine Sehnsucht. Das Bemühen muss dahin gehen, dass die Erinnerungen an die verstorbene Person weder verdrängt, noch idealisiert wird, sondern sich ihrer so wahrhaftig als möglich zu erinnern. Daher hilft es dem Kind, wenn es oft Erinnerungen aus dem gemeinsamen Leben mit dem oder der Verstorbenen erzählen darf und sich darauf besinnt, wie das Leben gemeinsam war. Wenn so die Substanz der Beziehung als unverloren erlebt werden kann, dann wird die nächste Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs erarbeitet.

Das Ende der aktiven Trauerarbeit ist absehbar, wenn ein Kind anderen Menschen sein Vertrauen schenken kann. Das bedeutet nicht, dass die Erinnerungen und die Trauer damit abgeschlossen sind, aber der Verlust ist akzeptiert und der oder die Verstorbene ist zu einer inneren Figur geworden. Das Kind findet Trost in den Gedanken, dass es mit der verstorbenen Person auf der Ebene der Erinnerungen weiterhin in Verbindung bleiben kann. Man spricht auch von der so genannten Zustimmung, man nimmt die Realität an, dass der Verstorbene physisch nicht mehr da ist. In dieser Phase geht es um Erinnerungen, Gedenken und neue Orientierung.

Die Kinder hören meistens auf Gott zu hinterfragen, auch wenn sie die letzte Ursache, wie es zu dem Verlust kommen konnte nie verstehen werden.50 Für das Kind ist es wichtig Kraft zu sammeln, um sich auf Beziehungen einzulassen und sein Bedürfnis nach dem geliebt werden neuen Bezugspersonen antragen kann. Die Angst vor einer Beziehung, die zu Beginn des Trauerprozesses sehr groß ist, da ein erneuter Verlust befürchtet wird, wird nach einiger Zeit weichen, weil die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit größer ist. Das Kind spürt, dass es sich trotz der Verlusterfahrung am Leben erfreuen kann.

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1 Hier und im Folgenden: www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm

2 Vgl. hier und im Folgenden: Spölgen, Eichinger 1996, S. 28.

3 Vgl. hier und im Folgenden: Franz 2004, S. 44 – 49.

4 Vgl. hier und im Folgenden: Scheilke, Schweitzer 2006, S. 7, 8.

5 Nocke 2005, S. 220.

6 Vgl. Tausch-Flammer, Bickel 1994, S. 18, 19.

7 Görke-Sauer 2006, S. 35.

8 Vgl. hier und im Folgenden: Ennulat 2003, S. 11.

9 Vgl. Bodarwè 1989, S. 13.

10 Specht-Tomann, Tropper 2000, S. 59.

11 Canacakis 1992, S. 183.

12 Kast 1982, S. 7

13 Freud 1973, S. 428.

14 Vgl. Iskenius-Emmler 1988, S.11.

15 Vgl. Franz 2004, S. 111.

16 Vgl. hier und im Folgenden: Specht-Tomann, Tropper 2000, S. 34, 35.

17 Vgl. hier und im Folgenden: Sprecht-Tomann, Tropper 2000, S. 40.

18 Jerneizig, Schubert 1994, S. 13.

19 Vgl. hier und im Folgenden: Görke-Sauer 2006, S. 10, 11.

20 Vgl. hier und im Folgenden: Spölgen, Eichinger 1996, S. 34,35.

21 Vgl. Spölgen, Eichinger 1996, S. 37,38.

22 Vgl. Franz 2004, S. 115.

23 Vgl. hier und im Folgenden: Tausch-Flammer, Bickel 1994, S. 80.

24 Vgl. Franz 2004, S. 119.

25 Vgl. hier und im Folgenden: Spölgen, Eichinger 1996, S. 50.

26 Vgl. Tausch-Flammer, Bickel 1994, S. 79.

27 Vgl. hier und im Folgenden: Franz 2004, S. 121 – 123.

28 Raimbault 1980, S. 134.

29 Vgl. Spölgen, Eichinger 1996, S. 55.

30 Specht-Tomann, Tropper 2000, S. 78.

31 Vgl. Scheilke, Schweitzer 2006, S. 6.

32 Vgl. Spölgen, Eichinger 1996, S. 56.

33 Vgl. hier und im Folgenden: Specht-Tomann, Tropper 2000, S. 133.

34 Specht-Tomann, Tropper 2000, S. 134.

35 Vgl. Franz 2004, S. 163.

36 Vgl. Schambeck 2002, S. 113.

37 Zachmann 2000, S. 92.

38 Zachmann 2000, S. 91.

39 Vgl. Früchtel, Ohla, Othmer-Haake 1996, S. 210.

40 Vgl. Franz 2004, S. 90.

41 Vgl. Kübler-Ross, Kessler 2005, S. 23.

42 Vgl. Kübler-Ross, Kessler 2005, S. 24.

43 Vgl. Franz 2004, S. 93.

44 Vgl. hier und im Folgenden: Kübler-Ross, Kessler 2005, S. 26, 27.

45 Vgl. Spölgen 1993, S. 122.

46 Vgl. Kübler-Ross, Kessler 2005, S. 30.

47 Vgl. Franz 2004, S. 94.

48 Vgl. Franz 2004, S. 96.

49 Vgl. hier und im Folgenden: Spölgen, Eichinger 1996, S. 42, 43.

50 Vgl. Kübler-Ross, Kessler 2005, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Trauer - Möglichkeiten des Umgangs und der Thematisierung mit Kindern im Religionsunterricht
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
83
Katalognummer
V118565
ISBN (eBook)
9783640213535
ISBN (Buch)
9783640213597
Dateigröße
1128 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trauer, Möglichkeiten, Umgangs, Thematisierung, Kindern, Religionsunterricht
Arbeit zitieren
Laura Medenbach (Autor), 2007, Trauer - Möglichkeiten des Umgangs und der Thematisierung mit Kindern im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118565

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