Zum Kursus im Doppelten Kursus - Gliederungsstrukturen in Hartmanns Erec


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbetrachtung

2 Zur inneren Logik der âventiuren-Kette

3 Zum Kursus im "Doppelten Kursus"
3.1 Einleitung: Gesellschaft und Individuum
3.2 Motivketten
3.2.1 Schönheit und Rittertum
3.2.2 Schuld und Sühne
3.3 Strukturierung aus (inter)-individueller Figurenperspektive
3.3.1 Die Sonderstellung Karnants
3.3.2 Der Sühneprozeß
3.3.2.1 Sühne 1: Das Modell 'falsche Minne' - Graf 1
3.3.2.2 Sühne 2: Guivreiz 1
3.3.2.3 Intermezzo Artushof
3.3.2.4 Sühne 3: Modell 'helfende Frau' - Die Cadoc-Episode
3.3.2.5 Sühne 4: Modell 'falsche Minne 2' - Graf Oringles
3.3.3 Guivreiz 2
3.3.4 Joie de la curt
3.4 Zusammenfassung

4 Schlußbetrachtung

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Vorbetrachtung

Berücksichtigt man die unsichere Überlieferungslage des "Erec" (Wolfenbütteler Erec-Fragmente im Vergleich zur hier besprochenen Ambraser Handschrift)[1], so wird deutlich, daß jede schematisierende Strukturierung immer nur bedingt als Interpretationsgrundlage verwendet werden kann, da die Abfolge der einzelnen Handlungssequenzen je nach Überlieferung erheblich voneinander abweicht und zu jeweils differierenden Struktur- wie auch Interpretationsmodellen führt[2].

Im folgenden soll in der Auseinandersetzung mit der von Kuhn[3] getroffenen Schematisierung eine weitere Gliederungsmöglichkeit samt den mit ihr verbundenen Implikationen besprochen werden, die sich allerdings vor dem Hintergrund der oben erwähnten Überlieferungssituation ebenfalls als eine Näherung an den Text versteht. Die jeweiligen Systematisierungsvorschläge werden im besonderen in bezug auf die für den "Erec" postulierte Schuldproblematik zu hinterfragen sein. Die Motivation der Schuldfrage, wenn ein Schuldigwerden für den / die Protagonisten überhaupt angenommen werden kann, ist, wie Gottzmann treffend formuliert "vielschichtig gestaltet"[4]. Dieser Ambiguität kann allerdings am ehesten, wenn auch nicht restfrei, im Vergleich der verschiedenen Deutungsvorschläge des Schuldigwerdens und des Entsühnens (bouze V. 1005) miteinander begegnet werden.

2 Zur inneren Logik der âventiuren-Kette ("Doppelter Kursus")

Die von Kuhn[5] vorgenommene Strukturierung des "Erec" sei in wesentlichen, für die weitere Analyse relevanten Punkten kurz skizziert. Sie setzt mit einer Zweiteilung des Werkes ein, die eine Unabhängigkeit der durch diese Unterscheidung entstandenen Einzelteile voneinander behauptet:

"Dem unbefangenen Blick gliedert sich Hartmanns Roman deutlich in zwei Hauptteile: I Geschichte Erecs und Enites bis zur Hochzeit — II die spätere Abenteuerfahrt des Paares, nach Handlung und Zeit völlig von I getrennt, nur durch die Einheit der Hauptpersonen damit verbunden"[6] (eigene Hervorhebung).

Die Segmentierung des ersten Teils orientiert sich am "Gang der Handlung"[7], d.h. also an der sequentiellen Abfolge der einzelnen thematischen Abschnitte. Eingeteilt wird der Handlungsfluß in einen äußeren Handlungsrahmen, dem Artushof, der als Ausgangspunkt über ein Intermezzo zum Schlußpunkt der Erzählung von Teil I führt. In diesen Rahmen sind nach der Prinzip der Überlappung — Handlungsschluß des Vorangegangenen bildet die Exposition des Folgenden[8] — die einzelnen Teilhandlungen (Jagd nach dem Weißen Hirsch; Zwergenbeleidigung; Herberge; Tulmein) eingebettet.

Im Vergleich der Texte von Chrestien mit Hartmanns wird augenscheinlich, daß Hartmann bezüglich der Komposition vor allem zwei Änderungen vorgenommen hat. Erstens die Verschiebung der Rückkehr von der Jagd nach dem Weißen Hirsch "bis zum Szenenwechsel vor Ider's Meldung am Artushof"[9] und zweitens die vorwegnehmende Erläuterung des Sperberkampfes vor die Szene Herberge[10], so daß die "Erzählelemente geschlossen und hart, mehr blockhaft"[11] nebeneinanderstehen.

Die Ereignisse in Karnant werden bereits als Bestandteil des zweiten Teils gedeutet und als privat, dem höfischen Leben entgegengesetzt, charakterisiert[12]. Auch die noch zu besprechende Schuldfrage, das "zu 'privat' "[13] werdende "Dasein"[14] Erecs und Enites, fällt in diesen Bereich. Erec erfährt durch Zufall aus dem Munde Enites von der Verurteilung seines Verhaltens, verbietet ihr daraufhin bei Todesstrafe das Sprechen und bricht — ohne eine weitere Erklärung — mit ihr auf. Die eigentliche Gliederung des zweiten Teils setzt bei Kuhn aber erst mit der sich anschließenden, in sich gedoppelten Räuber-âventiure (1 a und b) ein, so daß der Station Karnant ein gesonderter Status für die Interpretation der folgenden Ereignisse zukommt. Kuhn liest die Doppelung der Räuber-Episode als epischen Doppelpunkt, als "Mahnung an die Hörer"[15], auf Wiederholungen zu achten. Fortgesetzt wird die Strukturierung — nunmehr nach Maßgabe der Nacht- und Tageswechsel — mit der ersten Grafen-Episode, der ersten Begegnung mit Guivreiz, der wiederum ersten Einkehr im Artushof, die sich jeweils in gleicher Reihenfolge (mit teilweise wechselnder Besetzung) wiederholen — der 'Doppelte Kursus'. Unterbrochen wird die Einteilung nach Tagen bzw. Nächten durch die Ereignisse auf Penefrec (14 Nächte) und auf Brandigan, die zwischen Guivreiz 2 und Artushof 2 angesiedelt sind. Als Prinzip der Komposition postuliert Kuhn hier demnach Motivdopplung[16] (zweimaliges Ausführen der einzelnen Handlungsstationen) und Motivsteigerung[17], da die Handlungselemente bei ihrer zweiten Umsetzung intensiviert sind (so z.B. Graf 1: Werben um Enite vs. Graf Oringles: erzwungene Heirat / versuchte Vergewaltigung).

Den Sonderstatus der Joie de la curt -Episode erklärt Kuhn aufgrund ihres allegorischen Charakters[18]: des hoves vreude (V. 9759) versinnbildlicht anhand eines Gartens, der ebenfalls — wie im Falle Erecs — als Folge von gesellschaftlicher Isolation als von schœner vreude bar (V. 9595) bezeichnet werden muß. "Der Garten bedeutet, was er heißt: die höfische Freude, allen offen und doch nur auf besondere Weise zugänglich"[19]. Demnach ist diese Episode als Parallele zum Gesamtgeschehen zu lesen und der Kampf Erecs mit Mabonagrin als "ein Kampf um die rechte Minneform"[20] zu deuten. Durch das Motiv der achtzig Witwen, das Hartmann zusätzlich in den Text einfügt, wird zudem besonders auf die gesellschaftliche Bedeutsamkeit einer isolierten Zweierbeziehung hingewiesen.

3 Zum Kursus im "Doppelten Kursus"

3.1 Einleitung: Gesellschaft und Individuum

Kuhn schränkt die eingangs zitierte Gliederung des Romans in zwei voneinander unabhängige Teile in seinem Schlußkapitel teilweise wieder ein[21]. So macht er beispielsweise darauf aufmerksam, daß sich sowohl in Teil I als auch in Teil II eine Entwicklung des Protagonisten in Richtung einer gesellschaftlichen Repräsentationsebene (Artushof) vollzieht, die jeweils über dem Niveau der Ausgangssituation liegt (so z.B. Teil I: Wandel einer eingangs "'neutrale[n]' Situation"[22] zur "Höhe eines idealen, vom Artushof in breiter höfischer Repräsentation bestätigten Musterpaares"[23] ). Des weiteren erwähnt er einige formale Zusammenhänge wie den Schönheitskampf gegen Iders und gegen Mabonagrin[24]. Dennoch kommt er zusammenfassend zu dem Schluß, daß "eine inhaltliche Verbindung von I und II"[25] fehle. Dem ist entgegenzuhalten, daß seine Strukturierung im wesentlichen darauf zielt, Erecs Entwicklung vom potentiellen Rittertum (Artushof, Eingangsszene) über die Erlangung von êre (Artushof, Ende Teil I), deren Verlust (Karnant) und Wiedererlangung (Schlußszene) nachzuzeichnen. Fokussiert werden also vor allem sozial-gesellschaftliche Aspekte[26]. Daß diese Problemstellung tatsächlich einen hohen Stellenwert für den Fortgang der Handlung hat, zeigt sich nicht zuletzt in der Frage Erecs an Mabonagrin: wie ir mohtet belîben / ein alsô wætlîcher man, / wie mich des verwundern enkan! wan bî den liuten ist sô guot (V. 9438)[27]. Eine Äußerung, die, berücksichtigt man den spiegelbildlichen Charakter der Joie de la curt-Episode mit der Gesamterzählung, zumindest für Erec programmatischen Aussagewert besitzt und den Verlust an gesellschaftlicher Integration (Karnant) als Mangel bzw. das Herbeiführen dieses Mangels als schuldhaft erscheinen läßt. Daß allerdings für die Entfaltung der Romanhandlung neben der gesellschaftlichen Ebene auch eine (inter)individuelle bestimmend ist, sei im folgenden anhand der vorherrschenden Motivketten sowie einer darauf basierenden Strukturierungsvariante illustriert.

3.2 Motivketten

Schönheit und Rittertum -die schœnen vrouwen Enîten (…) half im vaste strîten

Mit dem Zitat der Überschrift ist ein Motiv angesprochen, das bereits zu Beginn der Gesamthandlung thematisiert wird. Der Leser erfährt im (nach Chrestien rekonstruierten) Prolog von der Jagd nach dem Weißen Hirsch. Wer diesen erlegt, darf die schönste Dame des Hofes küssen. Damit ist zugleich eine spezifische Rollenverteilung impliziert: Rittertum konstituiert sich im Rahmen von Jagd und Kampf; Aufgabe der Damen ist es hingegen, Anreiz und Lohn für die Bewährung dieses Rittertums zu sein. Außerdem, so wird im späteren Handlungsverlauf deutlich, obliegt es der Dame, Unstimmigkeiten zu beklagen und auf diese Weise eine Erneuerung und/oder Bestätigung des Rittertums herbeizuführen — vor allem auf Tulmein (V. 801-806; V. 850-854) und in Teil II (vgl. Kapitel 3.3.1.4; 0).[28]

Wieder aufgegriffen (und variiert) wird dieses Motiv zunächst in der Beschreibung des Sperberkampfes: Des Ritters Sieg gilt als ein Zeichen für die Schönheit der Dame (V. 200-217). Gleichermaßen ist es die Funktion der Frau — wie auf Tulmein ersichtlich wird —, durch ihren Anblick, d.h. durch ihre Schönheit, den Ritter im Kampf zu stärken: und als er dar zuo ane sach / die schœnen vrouwen Ênîten, / daz half im vaste strîten: / wan dâ von gewan er dô / sîner krefte rehte zwô (V. 935-939).

[...]


[1] Vgl. Edrich-Porzberg, Brigitte: Studien zur Überlieferung und Rezeption von Hartmanns Erec. Göppingen: Kümmerle 1994.

[2] Beispielsweise muß der Prolog nach dem Muster von Chrestiens "Erec" erschlossen werden.

[3] Kuhn, Hugo: Erec. In: Hugo Kuhn / Christoph Cormeau (Hg.): Hartmann von Aue. Darmstadt 1973. S. 17-48.

[4] Gottzmann, Carola L.: Die Sinnstruktur der "Erex saga" im Vergleich mit Chrétiens und Hartmanns "Erec". In: Petra Hörner (Hg.), Hartmann von Aue. Mit einer Bibliographie 1976-1997. Frankfurt am Main: Lang 1998. S. 127.

[5] Kuhn, Hugo: Erec. In: Hugo Kuhn / Christoph Cormeau (Hg.): Hartmann von Aue. Darmstadt 1973. S. 17-48.

[6] ebd., S. 18.

[7] ebd.

[8] ebd., S. 20.

[9] ebd., S. 21.

[10] ebd., S. 22.

[11] ebd.

[12] ebd., S. 22.

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] ebd., 34.

[16] ebd., S. 26.

[17] ebd.

[18] ebd., S. 38.

[19] ebd., S. 34.

[20] ebd., S. 36.

[21] ebd., S. 39.

[22] ebd., S.41.

[23] ebd., S. 42.

[24] ebd., S. 39.

[25] ebd., S.40.

[26] Dies wird auch in der Strukturierung des zweiten Romanteils deutlich. Kuhn stellt einer "anti-höfischen" A-Reihe (ungemach) eine höfische B-Reihe (vreude) gegenüber, die samt dem Motiv der 80 Witwen auf eine Re-Integration Erecs und Enites ins höfische Dasein zielt. (Vgl. Kuhn a.a.O., S. 31ff.).

[27] Vgl. auch: Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue. 4., ergänzte Auflage. Stuttgart: Metzler 1962. S. 53.

[28] V. 936-937.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zum Kursus im Doppelten Kursus - Gliederungsstrukturen in Hartmanns Erec
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Mediävistik)
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
25
Katalognummer
V11861
ISBN (eBook)
9783638179072
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kursus, Doppelten, Kursus, Gliederungsstrukturen, Hartmanns, Erec
Arbeit zitieren
Jana Kullick (Autor), 1998, Zum Kursus im Doppelten Kursus - Gliederungsstrukturen in Hartmanns Erec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11861

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