Identitätsfindung des Ich-Erzählers in Bezugnahme auf die zwischenmenschlichen Beziehungen bei Christian Krachts 'Faserland'


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ich-Erzähler
2.1 Der Erzählstil

3. Die zwischenmenschlichen Beziehungen: Männer
3.1 Die zwischenmenschlichen Beziehungen: Frauen

4. Zusammenfassung:

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Dann zünde ich mir eine Zigarette an und denke daran, daß ich Partys hasse, auf denen es Prosecco gibt, weil Prosecco weder Wein ist noch Champagner, sondern nur so ein blödes Zwischending, das eigentlich gar keine Existenzberechtigung hat.[1]

Christian Kracht gilt als ein Vertreter der jüngeren Generation, ein Popliterat. Der Begriff der Popliteratur wird einer nicht ganz klar umrissenen Literaturgattung Mitte des 20. Jahrhunderts zugeordnet. Krachts Werk Faserland wird als der typischste Roman seiner Zeit schlechthin gesehen. Der Akteur, ein typischer Flaneur[2], ist ein reicher junger Mann Ende 20, der quer durch Deutschland, von Sylt bis zum Bodensee, komfortabel reist und von seinen Erfahrungen in der Wohlstandsgesellschaft und deren Partyszene erzählt. Er geht in angesagte Clubs und Bars, ist auf Parties und einem Rave zu finden. Der Titel Faserland kann in unterschiedlicher Art gedeutet werden. Das englische „Fatherland“, wobei das „th“ als eingedeutschtes „s“ zu lesen ist, wäre eine Variante. Hinweise, dass sein Vaterland in diesem Werk thematisiert wird, gibt es viele wie zum Beispiel die zahlreichen Rückbezüge auf die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Anspielung auf die Kleidungsfasern ist ebenfalls möglich. Der Ich-Erzähler befasst sich viel mit dem äußeren Erscheinen von Menschen, die ihm begegnen. Verknüpfungen von Fasern zeigen ein Bild. In dem Roman werden viele Thematiken zusammen geknüpft, wie etwa die Party- und Drogenszene oder das Labelcrashing und es entstehen verkörperte Klischees[3]. Diese werden durchgehend beibehalten und es wird nicht durch Kommunikation oder Interaktion versucht, diese zu widerlegen. Es finden keine richtigen tief gehenden Gespräche statt, da alle aneinander vorbeireden und niemand dem anderen zuhört[4].

Im Folgenden werden die Hauptproblematiken, die Beziehungen des Ich-Erzählers zu Männern und Frauen, aufgezeigt, die dazu geführt haben, dass die Unsicherheit des Protagonisten immer allgegenwärtig ist. Zwischenmenschliche Beziehungen, sei es zu Frauen oder zu Männern, bilden ein großes Problem für den namenlosen Ich-Erzähler. Er weiß nicht, wie er sich ihnen gegenüber verhalten soll. Äußerlichkeiten nimmt er detailreich wahr und analysiert diese für sich, um dadurch auf den Charakter des entsprechenden Menschen schließen zu können[5]. Doch sein Inneres gibt er nicht preis und so kommt es zu einer Oberflächlichkeit, die sich in der kompletten Gesellschaft verbreitet zu haben scheint.

2. Der Ich-Erzähler

Identität: die;-,-en (lat.):

a) vollkommene Gleichheit oder Übereinstimmung (in Bezug auf Dinge oder Personen); Wesensgleichheit; das Existieren von jemandem, etwas als ein Bestimmtes, Individuelles, Unverwechselbares, b) (Psychol.) die als „Selbst“ erlebte innere Einheit der Person.[6]

Die Namenlosigkeit des Helden im Roman deutet schon auf eine fehlende eigene Identität hin. Jede andere Figur wird mit Namen versehen, doch der Protagonist bleibt anonym. Individualität und eine gewisse Unverwechselbarkeit ist fraglich, denn das Dandytum[7] ist in den Kreisen, in denen im Roman verkehrt wird, weit verbreitet. Er, der privilegierte Schüler aus dem Eliteinternat Schloss Salem ist hilflos in Bezug auf seine Umwelt. Aus seinen Äußerungen sprechen die Arroganz und der Narzissmus. Doch er ist verunsichert und emotional distanziert. Dadurch ist er unangreifbar, doch zugleich auch durch seine Einsamkeit verletzlich. Gedachtes seinerseits wird entweder zurückgenommen oder eingeschränkt, sodass er im Grunde keine feststehenden Äußerungen von sich gibt. Das Ich versucht sich immer wieder selbst zu versichern, dass das Gesagte nicht unpassend ist oder falsch verstanden werden kann. „Außerdem interessiert Karlsruhe mich nicht wirklich, das habe ich vorhin nur so gesagt!“[8] „Ich meine, ich kenne das, was unter der Insel liegt und dahinter, ich weiß jetzt nicht, ob ich mich da richtig ausgedrückt habe. Ich kann mich natürlich auch täuschen.“[9]

Flucht und Rastlosigkeit zeichnen sein Verhalten aus. Konflikten wird aus dem Weg gegangen, nahezu davor weggelaufen. Seine mangelnde Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen zeichnet sich unmittelbar von Anfang bis Ende aus.

Er liebt es, zu provozieren.

„Das Nichtraucherzeichen erlischt, und ich zünde mir eine Zigarette an, obwohl ich ja im Nichtraucher sitze, aber das mache ich immer, weil es eigentlich der einzige Ort ist, wo Menschen noch auf ihr Recht pochen, im Nichtraucher im Flugzeug, meine ich. Und so hat man immer die Gelegenheit, den blöden Nichtrauchern ein kräftiges Faschist! entgegen zurufen, wenn sie einen auffordern, die Zigarette auszumachen, weil man ja schließlich im Nichtraucher sitzt.“[10]

Interessiert ihn etwas nicht oder langweilt es ihn, schenkt er dem keine Aufmerksamkeit. Die Äußerung seinerseits „Ich habe ihr nie zugehört, obwohl ich sonst eigentlich allen zuhöre, [...].“[11] ist falsch und dient nur zur Beruhigung seines Gewissens, da er selten jemandem zuhört.

Das Ich konzentriert sich selten auf etwas und findet vieles einfach nur dumm oder blöd[12]. Sein Klischee-Denken zeigt sich durchgehend im ganzen Roman.[13] Moralisch gesehen ist sein Verhalten nicht klar vertretbar. Er beschimpft Menschen als Nazi[14], andererseits verabscheut er die NS-Vergangenheit Deutschlands[15].

Nach außen hin hält der Hauptakteur eine Fassade aufrecht, die er in sich aber nicht füllen kann. Er inszeniert sich immer wieder selbst und versucht auf sich und sein Umfeld klug zu wirken, zum Beispiel erinnert ihn ein Gesicht, das er sieht, an ein Bild von Walther von der Vogelweide oder von Bernard von Clairvaux.[16] Intellektuelle an sich aber werden zum Hassobjekt[17] seinerseits. Das wird deutlich, als er darüber nachdenkt, wen Nigels T-Shirts alles provozieren soll. „Linke, Nazis Ökos, Intellektuellem Busfahrer, einfach alle.“[18]

[...]


[1] Kracht, Christian: Faserland. S. 35

[2] Definition: Flaneur [fla'nøir, französisch] der, jemand, der flaniert, ohne bestimmtes Ziel langsam spazieren geht. (www.meyers.de) Stand: 10.07.2008

[3] „Frankfurter Mädchen haben immer so eine Selbstverständlichkeit, die man nirgendwo sonst in Deutschland findet.“ (Kracht, Christian: Faserland. S.75)

[4] „Jetzt erzählt sie von Gaultier und da0 der nichts mehr auf die Reihe kriegt, designmäßig, und das sie Christian Lacroix viel besser findet, weil der so unglaubliche Farben verwendet oder so ähnlich. Ich hör nicht genau zu.“ (Kracht, Christian: Faserland. S.10)

[5] „Karin sieht eigentlich ganz gut aus, mit ihrem blonden Pagenkopf. Bißchen viel Gold an den Fingern für meinen Geschmack. Obwohl, so wie sie lacht, wie sie das Haar aus dem Nacken wirft und sich leicht nach hinten lehnt, ist sie sicher gut im Bett.“ (Kracht, Christian: Faserland S.9)

[6] Wermke, M.: Duden: S.435

[7] Definition: Dandy n. pl. dan·dies: A man who affects extreme elegance in clothes and manners; a fop.

(www.thefreedictionary.com) Stand: 10.07.2008

[8] Kracht, Christian: Faserland. S.83

[9] Kracht, Christian: Faserland. S.11

[10] Kracht, Christian: Faserland. S.53f

[11] Kracht, Christian: Faserland. S.69

[12] „Wir parken direkt zwischen einem Porsche und so einem blöden Geländewagen.“ (Kracht, Christian: Faserland: S.11)

[13] „Alle sind tätowiert, wie ja inzwischen fast jeder in Deutschland. Und alle sind sie schön knackig braun und tragen den Keim des Krebses schon in sich.“ (Kracht, Christian: Faserland. S. 83)

[14] Kracht, Christian: Faserland. S.34

[15] Kracht, Christian: Faserland. S.81

[16] Kracht, Christian: Faserland. S.63

[17] Vgl. Röhling, Jürgen: Vergangenheitsbewältigung. S.177

[18] Kracht, Christian: Faserland. S.27

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindung des Ich-Erzählers in Bezugnahme auf die zwischenmenschlichen Beziehungen bei Christian Krachts 'Faserland'
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V118626
ISBN (eBook)
9783640220540
ISBN (Buch)
9783640222872
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätsfindung, Ich-Erzählers, Bezugnahme, Beziehungen, Christian, Krachts, Faserland
Arbeit zitieren
Helene Erwin (Autor), 2008, Identitätsfindung des Ich-Erzählers in Bezugnahme auf die zwischenmenschlichen Beziehungen bei Christian Krachts 'Faserland', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118626

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