„Natur Pur – Mit Freunden Abenteuerluft schnuppern“ wirbt das Prospekt einer Firma in Aschau im Chiemgau. Von Paragliding und Rafting über extremes Mountainbiking bis hin zu Canyoning und Erlebnistouren wie der „Patschnaßtour“, „Schlucht’In“ und „Outside Programmen“: Bei „Natur Pur“ kann sich jeder seinen individuellen Extremsportplan in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zusammenstellen. Für ein entsprechendes Entgelt kann man unter professioneller Anleitung den besonderen Kick erleben, den sich offenbar immer mehr Menschen wünschen.
Aber warum ist das so? Warum setzt ein Mensch in seiner Freizeit seinen Körper und sein ganzes Leben freiwillig aufs Spiel? Kann der Wunsch nach Aufregung nicht auch mit einem spannenden Film kompensiert werden? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich diese Arbeit. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht auf den persönlichen Gründen des Extremsportlers, die vor allem von der Psychologie erforscht werden, sondern auf den gesellschaftlichen Hinter-gründen. Sprich: Inwiefern ist die Gesellschaft und ihre Entwicklung dafür verantwortlich, dass der Extremsport entstehen konnte und nun so massenhaft von den Menschen betrieben wird? Zur Beantwortung dieser Frage werden modelltheoretische Ableitungen auf Grundlage gesellschaftstheoretischer Erkenntnisse vorgenommen. Der Extremsport wird in einen sozialen Kontext eingebettet. Dabei werden zur Erforschung des Entstehens und der Motive des Extremsports in hohem Maße die Erkenntnisse der Körpersoziologie herangezogen. Dieses relativ junge Teilgebiet der Soziologie beschäftigt sich mit dem gesellschaftlich beeinflussten Körper bzw. mit der „wechselseitigen Durchdringung von Körper und Gesellschaft“ (Gugutzer, 2004, S. 7). „Was immer wir mit unserem Körper tun, wie wir mit ihm umgehen, wie wir ihn einsetzen, welche Einstellung wir zu ihm haben, wie wir ihn bewerten, empfinden und welche Bedeutung wir dem Körper zuschreiben, all das ist geprägt von der Gesellschaft und der Kultur, in der wir leben“, schreibt Robert Gugutzer in seinem Buch „Soziologie des Körpers“ (2004, S. 5).[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung und Problemstellung
II. Aufbau der Arbeit
TEIL A: EXTREMSPORT – BESCHREIBUNG DES GEGENSTANDES
I. Definition von Extremsport
1. Was ist Extremsport? – Begriffliche Schwierigkeiten
2. Merkmale des Extremsports
3. Selbstkontrolle oder externalisierte Kontrolle beim Extremsport
4. Verletzungen und Tod: Die gefährlichsten Extremsportarten
II. Beschreibung von Extremsportlern
1. Allgemeine Merkmale, Typus
2. Extremsport – Eine Männerdomäne?
III. Entwicklung von Extremsport
1. Abenteuer und Risiko im Wandel der Zeit
2. Aufkommen und Verbreitung des Extremsports
3. Kommerzialisierung des Abenteuers: Der Extremsportler als Held
IV. Paradoxien und Ambivalenzen im Extremsport
1. Individualitätserhaltung versus Massenverbreitung des Extremsports
2. Autonomie versus Kooperation mit Marktwirtschaft und den Medien
3. Ablehnung von Erfindungen der Moderne versus Benutzung von modernen Hilfsmitteln und Sicherheiten
4. Gefahrensuche versus Sicherheitsbedürfnis
5. Respekt vor Natur versus Naturschädigung
TEIL B: EXTREMSPORT IN DER GESELLSCHAFT
I. Allgemeine gesellschaftliche Theorien im Zusammenhang mit Extremsport
1. Die Leistungsgesellschaft
2. Die Risikogesellschaft
3. Die Erlebnisgesellschaft
4. Die Regulationstheorie
II. Zusammenhang von Gesellschaft, Körper und der Entwicklung von Extremsport
1. Zivilisierung und Disziplinierung des Körpers
1.1 Erscheinungsbild des Sports
1.2 Die Rolle des Körpers
2. Neue Beachtung des Körpers: Sportvielfalt und Individualisierung
2.1 Erscheinungsbild des Sports
2.2 Paradoxie der gleichzeitigen Körperverdrängung und Körperaufwertung
2.3 Die Rolle des Körpers
3. Der Körper als soziales Gebilde, Sport und seine gesellschaftlichen Schranken
3.1 Traditioneller Sport im neuen Gewand?
3.2 Das „modern/anti-moderne Doppelgesicht“ des Extremsports
III. Gesellschaftliche Hintergründe und daraus resultierende Motive für das Betreiben von Extremsport
1. Untersuchungsgegenstand
1.1 Ziel und Hypothese
1.2 Durchführung
2. Theoretische und empirische Ergebnisse
2.1 Extremsport als Gegenpol zur Körperverdrängung im Alltag
2.1.1 Wiederentdeckung von Körpereinsatz und körperlichem Erleben
2.1.2 Wiederbelebung der Sinne
2.1.3 Empirische Befunde
2.2 Extremsport als Mittel gegen den Verlust von Eindeutigkeits- und Evidenzerfahrungen
2.2.1 Evidenz durch die Intensität von Gefühlen
2.2.2 Evidenz durch das Erleben von natürlichen Größen und Kräften
2.2.3 Evidenz durch Flow
2.2.4 Empirische Befunde
2.3 Extremsport als Weg aus der eigenen Machtlosigkeit in der Gesellschaft
2.3.1 Erfahrung von Selbstermächtigung und Handlungswirksamkeit
2.3.2 Empirische Befunde
2.4 Extremsport als Kontrast zur heutigen Raum- und Gegenwartsverdrängung
2.4.1 Sinnliches Erleben von Räumen
2.4.2 Erleben von Zeit und Gegenwart
2.4.3 Empirische Befunde
2.5 Extremsport als Gegengewicht zur Alltagsroutine
2.5.1 Risikoerfahrungen gegen Reizarmut und Langeweile
2.5.2 Ungefährliches Ausleben von Aggression
2.5.3 Spaßorientierter Umgang mit Angst
2.5.4 Empirische Befunde
2.6 Extremsport als Unterstützung des heutigen Gebotes zur Distinktion
2.6.1 Selbstdarstellung durch die Gefährdung des Körpers
2.6.2 Dem Leben Stil verleihen
2.6.3 Empirische Befunde
2.7 Unterschiede in Theorie und Praxis und weitere Auffälligkeiten
3. Interpretation der Ergebnisse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die soziologischen Hintergründe des Extremsports. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich damit, inwiefern die moderne Gesellschaft und ihre Entwicklung dafür verantwortlich sind, dass Extremsport entstehen konnte und massenhaft betrieben wird. Dabei liegt der Fokus nicht auf psychologischen Motiven des Individuums, sondern auf den strukturellen und körpersoziologischen Faktoren, die den Menschen dazu bewegen, seinen Körper und sein Leben in riskanten Sportarten aktiv aufs Spiel zu setzen.
- Die soziologische Deutung von Extremsport im Kontext der Leistungs-, Risiko- und Erlebnisgesellschaft.
- Die körpersoziologische Analyse des Sports als Ausdruck gesellschaftlicher Zivilisierungs- und Disziplinierungsprozesse.
- Die Rolle des Extremsports als Gegengewicht zur Alltagsroutine und als Mittel zur Distinktion in einer individualisierten Gesellschaft.
- Die Untersuchung der paradoxen Beziehung zwischen dem Freiheitsanspruch des Extremsportlers und seiner Einbindung in kommerzielle Strukturen.
- Die empirische Überprüfung theoretischer Annahmen anhand von Experteninterviews mit Extremsportlern.
Auszug aus dem Buch
1. Was ist Extremsport? – Begriffliche Schwierigkeiten
Extremsport, Risikosport, Abenteuersport, Trendsport, Funsport, Wagnissport, Outdoorsport, Soft Adventure,... In der Literatur stößt man auf viele verschiedene Begriffe, die nicht gründlich voneinander abgegrenzt werden. Oft wird in unterschiedlichen Büchern dasselbe Phänomen mit einem anderen Begriff benannt oder ein Begriff auf verschiedenste Sportarten angewendet. Viele Sportarten finden sich auch in mehreren Kategorien wieder. So hängt es offensichtlich vom jeweiligen Ansatz, von der wissenschaftlichen Fachrichtung und auch dem Autor selbst ab, welche Bezeichnung für welchen Sport verwendet wird.
„Was ist warum extrem?“ fragt sich zum Beispiel Neumann in Bezug auf den Extremsport-Begriff (2003, S. 26/27). Missverständlich und unscharf findet er ebenso andere gängige Bezeichnungen wie Risikosport und Erlebnissport. Frage man genauer nach, was riskant, was abenteuerlich, erlebnisreich usw. an diesem Sport sein soll, würden die Antworten diffus. Die Begründung für dieses „Durcheinander“ wird von Neumann anhand des häufig benutzten Ausdrucks Abenteuersport auf den Punkt gebracht: „Denn es gibt nicht die Bedeutung des ‚Abenteuersports’, sondern verschiedene pädagogische Programme oder Ansätze stützen sich in unterschiedlicher Weise auf den Abenteuerbegriff,...“ (Neumann, 2003, S. 26). M.E. kann dieses Zitat stellvertretend auch auf andere Begriffe und außerpädagogische Fachrichtungen angewandt werden. Neumann entscheidet sich jedenfalls für den Begriff Wagnissport. Das Wagnis definiert er als Entschluss, sich trotz bestehenden Unsicherheiten und Gefährdungen freiwillig sportlichen Herausforderungen zu stellen (vgl. Neumann, 1999, S. 5).
Wie das Beispiel Neumann zeigt, wird es in der Literatur üblicherweise so gehandhabt, dass der Autor „seinen“ Begriff wählt, erläutert, was er darunter versteht und ihn auf seine Erkenntnisse anwendet. Aufgrund der Fülle von spezifischen Definitionen, sollen an dieser Stelle nur einige beispielhaft herausgegriffen werden, um zu zeigen, welche Unterschiede zwischen den einzelnen Autoren zu finden sind.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung und Problemstellung: Diese Einleitung führt in die körpersoziologische Fragestellung ein und erläutert, dass Extremsport nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern ein gesellschaftlich geprägtes Phänomen ist.
II. Aufbau der Arbeit: Dieser Abschnitt strukturiert die Arbeit in zwei Blöcke: die Beschreibung des Extremsports an sich sowie die Einbettung des Sports in gesellschaftliche und körpersoziologische Zusammenhänge.
TEIL A: EXTREMSPORT – BESCHREIBUNG DES GEGENSTANDES: Hier wird der Begriff Extremsport definiert, die Akteure beschrieben, die historische Entwicklung betrachtet und auf zentrale Paradoxien im Extremsport eingegangen.
TEIL B: EXTREMSPORT IN DER GESELLSCHAFT: Dieser Teil befasst sich mit den soziologischen Deutungen (Leistungs-, Risiko-, Erlebnisgesellschaft) und der wechselseitigen Beeinflussung von Gesellschaft, Körper und Extremsport.
Schlüsselwörter
Extremsport, Körpersoziologie, Risikogesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Leistungsgesellschaft, Körperdisziplinierung, Identität, Selbstermächtigung, Distinktion, Körperlichkeit, Wagnissport, Moderne, Risiko, Individualisierung, Körperbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Extremsport aus einer soziologischen Perspektive. Es wird untersucht, wie sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf die Entstehung und Massenverbreitung dieses Sports auswirken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die moderne Gesellschaft, der Körper als soziales Gebilde, das Bedürfnis nach Risiko und Abenteuer sowie die Frage, wie Extremsport zur Identitätsstiftung beiträgt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu verstehen, warum der Einzelne heute freiwillig riskante körperliche Herausforderungen sucht und inwiefern der Extremsport als eine Reaktion auf gesellschaftliche Anforderungen wie Leistungsdruck und Alltagsroutine gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer Fachliteratur, ergänzt durch eigene qualitative Experteninterviews mit sieben Extremsportlern und einer Extremsportlerin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Beschreibung des Extremsports, eine Analyse der gesellschaftlichen Hintergründe und Motive (theoretisch sowie empirisch) und eine Untersuchung der Verknüpfung von Körper, Sport und Gesellschaft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Risikogesellschaft, Körpersoziologie, Leistungsgesellschaft, Selbstermächtigung, Distinktion und Körperverdrängung.
Welche Rolle spielt der Körper im Extremsport laut der Arbeit?
Der Körper wird als Instrument und Medium der Selbstdarstellung begriffen. Durch riskantes Handeln wird der Körper als „real existierende Größe“ zurückgewonnen, um ein Gefühl von Beständigkeit und Kontrolle in einer als flüchtig empfundenen Welt zu erlangen.
Wie wird das paradoxe Verhältnis zwischen Autonomie und Kommerzialisierung erklärt?
Die Arbeit zeigt auf, dass Extremsportler zwar Unabhängigkeit und Freiheit suchen, sich jedoch zugleich in die Strukturen von Medien und Marktwirtschaft begeben, da diese die Bühne für ihre Selbstdarstellung und Distinktion bieten.
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- Silvia Obster (Author), 2005, Extremsport aus Sicht der Soziologie des Körpers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118634