Die Frage nach den Entstehungsgründen sozialer Ordnung ist seit jeher eine Grundkategorie menschlichen Denkens. Die Versuche, gesellschaftliche Stabilität und die – zumindest überwiegende – Abwesenheit von anomischem Chaos zu erklären, ziehen sich durch zahlreiche Traditionen der Sozialwissenschaften und bilden so ihren latenten, allgegenwärtigen Bezugspunkt.
Gerade vor dem Hintergrund auflösender Ordnung durch Terror und Bürgerkriege in einigen Ländern der so genannten Dritten Welt oder der ungeklärten Regelungsfrage des internationalen Staatensysstems, bleibt die Frage, was Ordnung in ihren Grundfesten ausmache, aktuell.
Die vorliegende Arbeit soll verschiedene Ansätze zur Beantwortung der Frage nach sozialer Ordnung gegenüberstellen und stellt selbst die Frage, ob eine dieser Denkrichtungen das Problem der Ordnung in seiner Vielfalt erfassen und einen Erklärungsvorteil liefern kann.
Als klassischer Ausgangspunkt für eine individualistische Sichtweise auf das Problem gesellschaftlicher Ordnung gilt Thomas Hobbes. Er beschreibt in seinem Hauptwerk „Leviathan“ (1651), vor dem Hintergrund des englischen Bürgerkriegs, ein gedankliches Experiment, in welchem er Prämissen eines pessimistischen Menschenbildes in Zusammenhang mit einem fiktiven gesellschaftlichen Zustand bringt. Dieser Zustand gleicht einer kriegerischen Anarchie und kann, nach Hobbes, nur durch einen Souverän wieder zur Ordnung geführt werden. In Kapitel 2 wird das Hobbes-Konstrukt theoretisch spezifiziert und mit modernen individualistischen Begriffskategorien rekonstruiert.
Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit ist die kritische Auseinandersetzung mit der Sichtweise Hobbes’, welche in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem durch Talcott Parsons geprägt wurde. In Kapitel 3 wird das von Parsons propagierte Hobbes’sche Ordnungsproblem beleuchtet, durch dessen Formulierung er nicht Hobbes allein, sondern die gesamte utilitaristische Denktradition zweier Jahrhunderte kritisiert. Parsons kommt nicht umhin, selbst eine Antwort auf das ‚Hobbesian problem of order’ zu suchen und scheint diese in der Formulierung einer ‚voluntaristischen Handlungstheorie’ zu finden.
Modernere sozialwissenschaftliche Ansätze, vor allem der Spiel- und Austauschtheorie, bringen das Ordnungsproblem zurück zu seinen radikal-utilitaristischen Wurzeln, finden jedoch Teil-Auswege aus den immanenten Erklärungslücken, welche Parsons dieser Denktradition anlastet. Diese Ansätze sollen in Kapitel 5 vorgestellt und erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Thomas Hobbes’ Zwangslösung – Der ‚Leviathan’
2.1 Hobbes’ Menschenbild und der Naturzustand der Gesellschaft
2.2. Der Gesellschaftsvertrag
2.3 Das Hobbes’sche Gefangenendilemma
3. Talcott Parsons und das ‚Hobbesian Problem of Order’
3.1 Parsons’ Ausweg aus dem Ordnungsdilemma
4. Soziale Ordnung durch Tausch und wiederholte Kooperation
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsbedingungen sozialer Ordnung, indem sie den klassischen Ansatz von Thomas Hobbes mit der kritischen Perspektive von Talcott Parsons sowie modernen austauschtheoretischen Erklärungsmodellen vergleicht und deren jeweilige Erklärungskraft hinterfragt.
- Das Hobbes’sche Menschenbild und das daraus abgeleitete Zwangskonstrukt des Leviathan.
- Die spieltheoretische Rekonstruktion des Naturzustands als Gefangenendilemma.
- Talcott Parsons’ Kritik am utilitaristischen Denken und sein normativer Lösungsansatz.
- Möglichkeiten der sozialen Kooperation durch Tauschprozesse und Reziprozität.
- Vergleichende Analyse der Ansätze hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf reale gesellschaftliche Ordnungen.
Auszug aus dem Buch
2.3 Das Hobbes’sche Gefangenendilemma
Eine Anwendung des modernen rationalitätsanalytischen Instrumentariums auf die politische Philosophie Thomas Hobbes’ kann deshalb gelingen, da Hobbes in seinen Überlegungen entscheidungstheoretische Erscheinungen präsentiert, die der strategischen Rationalität, wie sie beispielsweise die Spieltheorie untersucht, nahe kommen. Die besondere Pointe des Gefangenendilemmas als entscheidungstheoretische Figur besteht darin, dass sie genau das Folgeproblem der Hobbes’schen Prämissen widerspiegelt. Der rationale Egoismus verfehlt unvermeidbar die vorteilhafteste Lösung, nämlich Ordnung und Frieden für alle.
Das Problem des Naturzustands lässt sich als eine Art Gefangenendilemma-Spiel mit n-Personen beschreiben. Die Menge der Spieler entspricht der Menge der Menschen im Naturzustand. Diese Menschen wollen Ziele/Güter erreichen, es besteht dabei eine Knappheitssituation. Die Akteure untereinander haben keine Information über die Handlungsabsichten des jeweils anderen, es besteht also eine Erwartungsunsicherheit, wie im Hobbes’schen Naturzustand dargestellt. Das oberste Ziel aller Menschen ist die Sicherheit. Dieses Ziel ist aufgrund der Abhängigkeit der Kooperationsbereitschaft aller anderen Akteure ein reines Kollektivgut, von dem prinzipiell niemand ausgeschlossen werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Grundfrage nach den Entstehungsgründen gesellschaftlicher Stabilität ein und skizziert den Aufbau der Arbeit vom klassischen Hobbes-Modell bis hin zur modernen Austauschtheorie.
2. Thomas Hobbes’ Zwangslösung – Der ‚Leviathan’: Dieses Kapitel analysiert Hobbes’ pessimistisches Menschenbild im Naturzustand und erläutert die Notwendigkeit des Gesellschaftsvertrags zur Etablierung eines Souveräns.
3. Talcott Parsons und das ‚Hobbesian Problem of Order’: Hier wird die kritische Auseinandersetzung von Talcott Parsons mit dem Hobbes’schen Modell dargelegt, wobei Parsons besonders das utilitaristische Dilemma hervorhebt.
4. Soziale Ordnung durch Tausch und wiederholte Kooperation: In diesem Kapitel werden ökonomische und spieltheoretische Lösungsansätze vorgestellt, die Ordnung ohne externe Zwangsmacht durch Prozesse der Reziprozität und Tauschinteraktionen erklären.
5. Resümee: Das abschließende Kapitel fasst die verschiedenen theoretischen Perspektiven vergleichend zusammen und betont, dass kein einzelner Ansatz als Königsweg fungiert, sondern eine komplementäre Sichtweise notwendig ist.
Schlüsselwörter
Soziale Ordnung, Thomas Hobbes, Talcott Parsons, Leviathan, Gefangenendilemma, Utilitarismus, Handlungstheorie, Naturzustand, Kooperation, Reziprozität, Austauschtheorie, Gesellschaftsvertrag, methodologischer Individualismus, Macht, Sicherheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Herleitung und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung innerhalb der politischen Philosophie und Soziologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der klassische Zwangstheoretische Ansatz von Thomas Hobbes, die systemtheoretische Kritik von Talcott Parsons und neuere spieltheoretische Austauschmodelle.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche Denkrichtungen das Problem der sozialen Ordnung am besten erfassen und ob eine dieser Theorien einen überlegenen Erklärungsvorteil bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und theoretisch-analytische Methode, um die verschiedenen Ansätze gegenüberzustellen und ihre logische Konsistenz zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Hobbes’schen Naturzustands, Parsons’ Kritik an der utilitaristischen Ordnungslösung sowie die Mechanismen sozialer Kooperation durch Tausch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Gefangenendilemma, Leviathan, soziale Ordnung, Handlungstheorie und Reziprozität.
Inwiefern beeinflusst das „Gefangenendilemma“ Hobbes’ Argumentation?
Das Gefangenendilemma dient als moderne Entsprechung des Hobbes’schen Naturzustands und verdeutlicht, warum egoistische Akteure ohne externe Sanktionen zur gegenseitigen Zerstörung anstatt zur Kooperation neigen.
Warum hält Parsons den Gesellschaftsvertrag für „zu optimistisch“?
Parsons bezweifelt, dass rationale Akteure allein aus einer Nutzenerwägung heraus das Vertrauen aufbringen können, dass der Vertrag von allen Beteiligten dauerhaft eingehalten wird.
Wie schlagen Austauschtheoretiker die Lösung des Ordnungsproblems vor?
Sie argumentieren, dass wiederholte Interaktionen und die Norm der Reziprozität „Schatten der Zukunft“ werfen, die das Verhalten der Akteure zu kooperativen Strategien hin stabilisieren.
Welches Fazit zieht der Autor zur Lösung des Ordnungsproblems?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass kein Ansatz ein vollständiges Modell darstellt; vielmehr ergänzen sich die verschiedenen Theorien als ein Baukastensystem zur Erklärung unterschiedlicher Aspekte sozialer Ordnung.
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- Konrad Langer (Author), 2008, The Hobbesian problem of order - Entstehen und Vergehen gesellschaftlicher Ordnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118636