Analyse der Interaktionsbedingungen am Beispiel von Carmen Martín Gaites Roman „Retahílas“ mit Schwerpunkt auf dem Beziehungsaspekt nach Watzlawick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Watzlawicks Kommunikationsmodell

3. Die Beziehung zwischen Eulalia und Germán
3.1 Die Bedeutung der Interaktion für Germán
3.2 Die Bedeutung der Interaktion für Eulalia

4. Das Wiedererleben der Vergangenheit als Katharsis

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit soll sich mit der Interaktion zwischen Eulalia und Germán, welche die zwei inter- und autodiegetischen Erzählpersonen in Carmen Martín Gaites „Retahílas“ sind, beschäftigen. Sie erzählen in 11 Kapiteln abwechselnd von ihrem Leben und ihrer Vergangenheit. Dieser Dialog, der in der Zeitspanne von einer Nacht zustande kommt, soll hier weitestgehend auf der analogen Kommunikationsebene analysiert werden. Zuerst soll über Watzlawicks Kommunikationsmodell ein theoretischer Ansatz gefunden werden, der dann auf die Gesprächssituation in der Novelle angewandt wird. Hierbei geht es um theoretische Grundsätze und Analysen, die ein Gesprächserfolg begünstigen.

Im folgenden Teil (Kap. 2) soll darauf aufbauend eine genauere Gesprächsanalyse vorgenommen werden. Was für eine Atmosphäre herrscht zwischen den Interakteuren? Wie kommt es zu dem großartigen Erfolg des Gesprächs? In welcher Verbindung stehen Germán und Eulalia zueinander? Und letztlich auch die Frage, was für eine Bedeutung die Interaktion für den jeweiligen Gesprächspartner hat? Neben der Beantwortung dieser Fragen setzt sich das Kapitel ebenfalls mit vier von Martín Gaite aufgestellten Prämissen für den Erfolg eines Gesprächs auseinander, welche dann auf die hier vorliegende Interaktion angewandt werden sollen.

Im letzten Kapitel wird der Prozess des Gesprächs, des Aussprechens auf psychologischer Ebene erklärt. Hierbei werden Ansätze der beiden Psychologen C. R. Rogers und H. Jackins berücksichtigt Auch sollen Schlüsse Gesprächspsychotherapie bzw. dem neuartigen Konzept des Co-Counseln gezogen werden. Hierbei wird jedoch ein größeres Augenmerk auf die Analyse von Eulalia gelegt, da diese sich hier in einer entscheidenden Selbstfindungskrise befindet.

Übergreifend soll die Arbeit veranschaulichen, wie Carmen Martín Gaite in ihrem Werk „Retahílas“ ein positives Ende für Germán und Eulalia aus ihrer „búsqueda de interlocutor“ präsentiert, und wie sie dadurch ihrer Einsamkeit entkommen.

2. Watzlawicks Kommunikationsmodell

Es gibt schon seit Jahrzehnten den Wunsch, das menschliche Verhalten zu analysieren, zu deuten und wissenschaftlich festzulegen. Zum menschlichen Verhalten gehört auch das Agieren in der Kommunikation zwischen zwei Individuen. Mehrere Wissenschaftler beschäftigten sich mit einer Systematisierung der Interaktion zwischen Menschen. Ich möchte mich hier jedoch nur auf einen von ihnen beziehen: Paul Watzlawick. In seinen Arbeiten und in seiner Forschung fokussiert er das Zusammenspiel der verbalen und nonverbalen Sprache. Er schenkt hierbei der verbalen Sprache, also dem Inhaltsaspekt (Informationen, Daten, Fakten) auf der Sachebene, weniger Aufmerksamkeit und konzentriert sich mehr auf den Beziehungsaspekt, die Wie-Ebene in Form der nonverbalen Sprache (die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Sender und Empfänger). Auf der ,,sachlichen Ebene“ werden also die Inhalte mitgeteilt, auf der ,,Beziehungs-Ebene“ wird kommuniziert, wie Inhalte gemeint und aufzufassen sind. Watzlawick beschreibt diese nonverbale Kommunikation als einen äußerst wichtigen Teilfaktor der menschlichen Kommunikation, der immer aktiv, wenn auch nicht bewusst, betrieben wird und somit sogar einen höheren quantitativen Wert erzielt, als der der verbalen Kommunikation: „Man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn man also akzeptiert, dass alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, d.h. Kommunikation ist, so folgt daraus, dass man, wie man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alles Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikation reagieren und kommunizieren damit selbst.“[1] In diese Kategorie der nonverbalen Sprache lassen sich vor allem die Verhaltensweisen Körperhaltung, Gestik, Mimik, Tonfall und Blick einordnen, die grundlegender Bestandteil einer Interaktion sind. Demnach muss eine Mitteilung (message) immer sowohl auf den Inhaltsaspekt als auch auf den Beziehungsaspekt überprüft werden, um sie richtig verstehen zu können. Diese zwei „Bereiche der Interaktion“ werden bei Watzlawick weiter unterteilt zu den zwei Begriffen der digitalen und der analogen Kommunikation. Die digitale Kommunikation bezieht sich auf Worte und Sätze, die bestimmten Objekten zugeordnet werden. Diese Sprache ist logisch, abstrakt und repräsentiert den Inhaltsaspekt. Sie vermittelt somit in erster Linie Informationen und bietet keine Hinweise darauf, wie diese Information bewertet und interpretiert werden soll. Die analoge Kommunikation steht in einem viel näheren und unvermittelten Kontakt zu den betroffenen Objekten. Sie basiert auf archaischen Kommunikationsformen und besitzt daher eine allgemeinere Gültigkeit und Verbreitung als die viel jüngere digitale Kommunikation. Analoge Kommunikation bezieht sich nicht auf Dinge (wie die digitale Kommunikation), sondern auf die Beziehung zwischen den Dingen / Menschen.[2] Gesprächspartner, die also auf diesen Ebenen miteinander in Interaktion treten, sind also ständig am verschlüsseln und entschlüsseln der eigenen Botschaften und der Nachrichten des Gesprächpartners.

Dialogisches Kommunikationsmodell von Watzlawick[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses „Übersetzen“ und „Rückübersetzen“ birgt vor allem in der analogen Kommunikation zahlreiche Fehlermöglichkeiten. Gefühle und Empfindungen werden durch die analoge Sprache kodiert, da sie sich der logischen digitalen Kommunikation entziehen. Das Dekodieren ebendieser Information ist laut Watzlawick der Kernpunkt für das Entstehen von Störungen bei zwischenmenschlichen Interaktionen. Zusätzlich zu der Gefahrenquelle der Interaktionsstörung durch die Uneinigkeit der Gesprächspartner sowohl auf der Inhaltsebene als auch auf der Beziehungsebene gelten auch die folgenden Punkte als Störfaktoren: Dialekte, Ausdruck, Wortwahl, mangelnde Bereitschaft, verschiedene Sprachen (Fach- und Fremdsprachen) und Lärm, bzw. ein hoher Geräuschpegel.

So kann man auf die eigentliche Thematik des Aufsatzes abzielend feststellen, dass eine Kommunikation genau dann unter einem guten Stern verläuft, wenn beide Gesprächspartner aufeinander eingehen, aneinander Interesse zeigen, sich gegenseitig kennen und einschätzen können, sich ausreden und erklären lassen und somit sich gegenseitig Zeit geben, Nachrichten so gut wie möglich, d.h. so nah wie möglich an der Urnachricht zu entschlüsseln. Ebenso darf kein zu hoher emotionaler Druck durch die Anwesenheit der anderen Person aufgebaut werden, da es auch dadurch schneller zu Kommunikationsstörungen kommen könnte. Natürlich ist es von Vorteil, wenn die beiden Interaktionäre dieselbe Sprache sprechen und sich in einem ruhigen Raum mit positiver Atmosphäre befinden.

Somit lässt sich zu Beginn festhalten, dass die rein theoretischen Umstände, unter denen Eulalia und Germán ihr Gespräch führen, durchaus positiv sind und auf ein „gutes“ Gespräch hoffen lassen. Im folgenden Kapitel soll diese Beziehung, die die beiden Gesprächspartner zu einander haben, analysiert und erläutert werden.

3. Die Beziehung zwischen Eulalia und Germán

Im ersten Kapitel wurde dargestellt, dass die Beziehung der Interakteure zueinander einen wesentlichen Einfluss auf die Kommunikation hat. Eulalia ist die Schwester von Germáns Vater. Es treffen also Neffe und Tante aufeinander, die in einer familiären Beziehung zu einander stehen. Diese besteht aus vier Grundpfeilern, die sich zu folgenden Klassemen aufspalten lassen:

1. +[Zuneigung]

- Es posiblemente la única persona en el mundo por la que yo me movería en este momento para hacer un viaje.[4] (Germán)
- …aunque te extrané…[5] (Eulalia)
- A mí hoy me hacías falta tú, precisamente tú, menos mal que has venido.[6] (Eulalia)
- Además es un fuego que lo propagas, te lo he dicho antes y es la pura verdad, porque yo en mi vida he hablado como esta noche ni he sido capaz de contar así las cosas, necesitaba tu hoguera para encender la mía.[7] (Germán)

Die Zuneigung, die zwischen den beiden besteht, nimmt von Kapitel zu Kapitel zu, bis sie am Ende von der Waisen Juana, mittlerweile erwachsen, in dem Raum, sich umarmend, aufgefunden werden.[8] Diese letzte Umarmung, in der das Gespräch, welches sich über die ganze Nacht hinzog, endet, ist die abschließende, aber zugleich auch ewig währende Zuneigung, die sich zwischen den beiden über die Stunden hinweg ins Unermessliche gesteigert hat. Somit ist das Klassem +[Zuneigung] ein tragender Pfeiler in dem Gerüst der Beziehung von Eulalia und Germán.

2. +[gegenseitiges Interesse]

- Dime, soy todo oídos, ¿qué problema hay con Juana? Siempre decís su nombre con misterio, (…) cuéntame lo que sea, no te importe tardar (…)¿Quién se duerme a tu lado?, tus historias me gustan,…[9] (Germán)
- ¿Crees que iba a hablar así si tú no me escucharas como lo estás haciendo?[10]

Das zweite Attribut, das dem Verhältnis der beiden zugeschrieben werden kann, ist das Klassem des gegenseitigen Interesses. Germán saugt Eulalias Geschichten in sich auf, er will sein Verlangen nach Geschichten aus der Vergangenheit sättigen. Gerade die Geschichten, die seine verstorbene Mutter und Eulalias alte Schulfreundin betreffen, faszinieren ihn, da dieses Thema bisher nur ausgeschwiegen wurde und ihm dadurch noch mehr schmerzte. Es lebt durch die Erinnerungen Eulalias auf und lässt die Vergangenheit zurückkehren und gibt seinen sehr verblassten Vorstellungen wieder Farbe und Form. Eulalia hingegen durchlebt die vergangene Zeit ebenfalls aufs Neue. Sie ist dankbar, dass sie einen so interessierten Zuhörer gefunden hat, bei dem sie die Chance bekommt, sich auch an die Kleinigkeiten zu erinnern. Beide betreiben durch das Wiederbeleben der Vergangenheit eine Reflexion, auf die ich allerdings erst später genauer eingehen möchte.

Der zweite Pfeiler ist zwangsläufig mit dem dritten stark verbunden, da dieser sich auch mit der Vergangenheit auseinandersetzt.

[...]


[1] Paul Watzlawick: Menschliche Kommunikation, S.51.

[2] Paul Watzlawick: Menschliche Kommunikation, S. 63.

[3] http://www.it-infothek.de/osz/kt1.html 18.04.06, 15.38h.

[4] Carmen Martín Gaite, Retahílas, S.66.

[5] ebenda, S. 74.

[6] ebenda, S. 75.

[7] ebenda, S. 159.

[8] ebenda, S. 165.

[9] ebenda, S. 72.

[10] ebenda, S. 73.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Analyse der Interaktionsbedingungen am Beispiel von Carmen Martín Gaites Roman „Retahílas“ mit Schwerpunkt auf dem Beziehungsaspekt nach Watzlawick
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V118649
ISBN (eBook)
9783640224135
ISBN (Buch)
9783640224616
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Interaktionsbedingungen, Beispiel, Carmen, Martín, Gaites, Roman, Schwerpunkt, Beziehungsaspekt, Watzlawick
Arbeit zitieren
Anna Ritte (Autor), 2006, Analyse der Interaktionsbedingungen am Beispiel von Carmen Martín Gaites Roman „Retahílas“ mit Schwerpunkt auf dem Beziehungsaspekt nach Watzlawick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118649

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