Der Weg zum Militärputsch in Spanien am 17. Juli 1936


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorbemerkung

1 Eine zerrüttete Gesellschaft

2 Die Zweite Republik und ihren bedeutsamsten Reformen
2.1 Die Agrarreform
2.2 Die Trennung von Staat und Kirche
2.3 Die Militärreform
2.4 Regionale Autonomien

3 Weitere Ursachen

4 Eigene Stellungnahme

5 Literaturverzeichnis:

Vorbemerkung

„Eine Übersicht über das innenpolitische Konfliktpotential des iberischen Landes zu geben, fällt angesichts der Fülle der vielen Frontlinien, die seine Gesellschaft durchzogen, außerordentlich schwer, zumal alle sozialen Fragen ihre starken regionalen Wurzeln und Abweichungen hatten, was eine Gesamtdarstellung ohne ungerechtfertigte Vereinfachungen fast unmöglich macht,“[1] beschreibt Patrick v. zur Mühlen in seinem Buch Spanien war ihre Hoffnung, die deutsche Linke im spanischen Bürgerkrieg, welches 1985 erschien. Zu Beginn dieser Hausarbeit sah ich mich genau dieser beschriebenen Problematik ausgesetzt. Die Frage nach den „Gründen“, „Auslösern“, „Ungleichgewichten“, „strukturellen und aktuellen Ursachen“, etc., die zum spanischen Bürgerkrieg bzw. zu dem am 17. Juli 1936 stattfindenden Militärputsch führten, beschäftigt nach wie vor viele Wissenschaftler. Das Spanienbild, welches uns von dieser Zeit vermittelt wird, ist so eindeutig wie die Farbe eines Chamäleons. Deshalb möchte auch ich ganz zu Beginn sagen, dass diese Hausarbeit ein weiterer Versuch ist, auf Fakten basierend, diesen Ablauf der Geschehnisse, diesen sich immerfort verändernden ideologischen Prozess zu fassen und zu deuten.

Zunächst gebe ich einen kurzen Einblick in die Zeit und somit auch in die Stimmung, die in Spanien herrschte. Im Anschluss folgen Schilderungen die die Hauptproblematiken einbetten. Hierbei wird ein besonderer Schwerpunkt auf die immer wieder Probleme auslösenden Reformen geworfen, welche die Bevölkerung untereinander aufspalteten. Die Reformen betrafen die Trennung von Kirche und Staat, die regionalen Autonomien (Katalonien und das Baskenland), das Militär und die sozialen Verhältnisse in der Landwirtschaft.

Abschließen werde ich diese Arbeit mit einer persönlichen Stellungnahme. Ich werde darin ausführen, warum in meinen Augen der Bürgerkrieg damals unvermeidbar war. Hierbei handelt es sich natürlich um eigene Meinungen und Gedanken und obliegt dementsprechend keiner allgemeinen Gültigkeit.

1 Eine zerrüttete Gesellschaft

Das spanische Volk war zur Zeit der Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert sehr angeschlagen. Nachdem die erste Republik gescheitert und von einer 11-jährigen Monarchieetappe unter Alfons den XII. abgelöst worden war, stand ab 1885 eine politische Restauration auf dem Programm. Die Idee einer Modernisierung wurde nicht umgesetzt. Das politische System, welches die Interessen der Bürgerschaft mit einbeziehen und erneuern sollte, fuhr weiterhin in bekannten Gewässern, die dem Adel und den großbürgerlichen Familien vorbehalten waren. Die angepriesene Restauration erfüllte in diesem Sinne nicht die Hoffnungen. Das Bürgertum mit seinen Forderungen und Interessen fand keinen Anklang im neuen politischen System, welches neben der politischen Macht natürlich auch die soziale und wirtschaftliche Lenkung beinhaltete.[2]

Eines der größten Probleme, da es die Mehrheit der Bevölkerung betraf, stellte sich in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft besaß lange ins 20. Jahrhundert hinein einen wichtigen Stellenwert in Spanien. 65 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ermöglichte sie ihre Existenz durch die Arbeit auf dem Feld. Allerdings waren die meisten Landarbeiter nicht in der Lage sich ein eigenes Stück Land und die dazugehörigen Anschaffungen von Maschinen und Düngemitteln zu leisten. Somit war die Verteilung des Grund und Bodens sehr einseitig: Es entstanden große Betriebe mit riesigem Landbesitz (die sogenannten latifundias; hauptsächlich im Süden Spaniens zu finden), die von einem Großgrundbesitzer geleitet und von Tagelöhnern und Saisonarbeitern betrieben wurden und so das Überleben der kleinen und mittleren eigenständigen Betrieben gefährdeten. Diese Großgrundbesitze nahmen bis zur zweiten Republik ein Drittel des gesamten Bodens ein, währen sie aber nur 0.1 Prozent der Betriebe stellten. Im Gegenzug teilten sich die Kleinbauern, die insgesamt 96 Prozent der Betriebe besaßen, ebenfalls ein knappes Drittel der gesamten wirtschaftlichen Nutzfläche.[3] Die große Zahl im Proletariat an arbeitsfähigen Menschen ermöglichte den latifundias, durch Einstellung von immer mehr Arbeitskräften, der Industrialisierung entgegenzuwirken und der technischen Modernisierung somit den Einzug zu verhindern.

Ein weiteres Symptom, was zur Bevölkerungsspaltung beitrug, war das stetig steigende Bevölkerungswachstum. Ende des 19. Jahrhunderts betrug die Bevölkerungszahl mehr als 20 Millionen. In den Großstädten Madrid und Barcelona wohnten mehr als 600.000 Menschen, die meist als Industriearbeiter tätig waren. In Katalonien, mit Barcelona als Zentrum, stieg die Zahl der Industriearbeiter auf 45 Prozent an, gemessen an der gesamten berufstätigen Bevölkerung. Diese Zahl ist um 20 Prozent höher als im restlichen Spanien und hebt die Rolle Barcelonas als industrielles Zentrum Spaniens hervor.[4] Die oben angesprochenen 65 Prozent der Bevölkerung, die im Primärsektor arbeiteten, lebten auf dem Land unter miserablen Umständen. Eine finanzielle Förderung, um Technik, wenn auch nur in bescheidenen Umfang einführen zu können, bekamen sie nicht und deshalb blieb ein industrieller Boom, der eine Umsiedlung in die Stadt erlaubt hätte, aus.[5] Eine Verarmung der ländlichen Bevölkerung und ein damit einhergehendes überproportionales Bevölkerungswachstum führten zu Verelendungserscheinungen und zu auftretenden Hungerrevolten, die jedoch meist schon in der Entstehung von der Guardia Civil niedergeschlagen wurden. Die schlechten Lebensbedingungen waren allerdings grausamer als die Übergriffe der Guardia Civil und so schlossen sich die Arbeiter in verschiedenen Gruppierungen zusammen. Die Auflehnungen waren immer stärker von einem organisierten und politischen Interesse geleitet. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ein solch konzentriertes Proletariat denkt und sich organisiert und so kam es in Andalusien zu den Gründungen der ersten Arbeitergewerkschaften, u.a. die „Confederación Nacional del Trabajo“ (CNT). Sie folgte der Ideologie des Anarchismus und hierbei besonders des Anarchosyndikalismus.[6] Der Begriff Anarchosyndikalismus bezeichnet die Organisierung von Lohnabhängigen basierend auf den Prinzipien von Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Solidarität.

Dies sind für mich die zwei ausschlaggebenden Gründe für die Katastrophe von 1898, mit der die (angebliche) Restaurationsphase abrupt beendet wurde. Die militärische Niederlage bei den Unabhängigkeitskriegen forderte fast die letzten Teile des einst riesigen Kolonialreichs. Mit diesem Verlust brach eine Depressionswelle in Spanien aus. Die Niederlage stürzte die spanische Bevölkerung in tiefen Pessimismus und eine nationale Identitätskrise. Diese Nationskrise lässt sich rückblickend am Besten auf der literarischen Ebene erkennen und nachvollziehen, indem man sich Werke der Künstler, wie z.B. Miró, Ortega y Gasset, Unamuno, Machado, etc., anschaut, die sich als Reaktion auf dieses „desastre“ in der Gruppe „generación del ´98“ zusammenfanden. Azorín (José Martínez Raiz), Gruppenmitglied der „generación del ´98“, beschreibt sein Kastilien und seine „Gebrochenheit“ wie folgt: “...No se divisa nada; indudablemente se ha empañado el cristal. Limpiémoslo. Ya está claro; tornemos a mirar. Los bosques que rodeaban la ciudad han desaparecido. Allá, por aquellas lomas redondas que se recortan en el cielo azul, en los confines del horizonte, ha aparecido una mancha negra; se mueve, avanza, levanta una nubecilla de polvo.”[7] Die Welt, die dominiert und geprägt wurde von der Wertevorstellung und dem Denkschemata des Ancien Régime, ist durch diese Ereignisse in sich zusammengefallen und hat somit auch den spanischen Geist der ländlichen und städtischen Mittelschicht und des Kleinbürgertums gebrochen. Dieses System der Bourgousie hatte als Stütze und Zusammenhalt der Gesellschaft seine Gültigkeit verloren.[8] Dennoch wurde das Ancien Régime aufrecht erhalten und wirtschaftliche, politische und soziale Fragen wurden, ohne die breite Masse der Gesellschaft oder deren Interessen mit einzubeziehen, von einer kleinen Gruppe entschieden, die nach wie vor im Sinne des Adels, des Klerus und der großbürgerlichen Familien handelten. Allerdings forderte die Entwicklung in der Technologie und Ökonomie des 20. Jahrhunderts aufgrund der Industrialisierung[9] ein schnelleres Tempo, als jenes des „Machtblocks“ mit seinen feudalen Wertemaßstäben und Gesellschaftsvorstellungen vertrat. Das verhinderte die eigentlich notwendige Modernisierung. Zudem stand die industrielle Revolution im scharfen Gegensatz zu der traditionellen Landwirtschaft, die noch immer 65 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung beschäftigte.[10] Walther L. Bernecker beschreibt diese Entwicklung bzw. Nichtentwicklung wie folgt: „Der spanische Kapitalismus blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Agrarkapitalismus.“[11] Diese Wertevorstellungen werden aber, um zum ersten Mal auf die Rolle der Kirche in dieser Zeitepoche zu kommen, nicht von einer säkularisierten Schule weitergegeben und verbreitet sondern von der Kanzel aus der Bevölkerung anerzogen. Hieran wird deutlich, dass Staat und Kirche eng zusammenarbeiten und gemeinsam ihre Interessen vertreten, wobei gesellschaftlich-soziale Bedürfnisse von geringer Bedeutung sind. Erziehung und Bildung fallen in die Aufgabenbereiche der Kirche. Um 1915 herum ruft dieses Verhalten bei den Intellektuellen eine kritische Haltung gegenüber dem Staat und der Kirche hervor, die mit verschiedenartigen Zusammenschlüssen (u. a. „Liga de Educación Política“) reagieren.

[...]


[1] Patrick von zur Mühlen: Spanien war ihre Hoffnung, die deutsche Linke im spanischen Bürgerkrieg. S. 17.

[2] Carlos Collado Seidel: Der Spanische Bürgerkrieg, Geschichte eines europäischen Konflikts. S. 15f.

[3] Frank Schauff: Der spanische Bürgerkrieg. S. 37.

[4] Pierre Vilar: Der spanische Bürgerkrieg. S. 15f.

[5] Manuel Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen und unmittelbare Anlässe, in: Der spanische Bürgerkrieg. S. 13.

[6] Carlos Collado Seidel: Der Spanische Bürgerkrieg, Geschichte eines europäischen Konflikts. S. 19.

[7] http://roble.pntic.mec.es/~msanto1/lengua/2g98.htm 02.10.07; 18.14h.

[8] Manuel Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen und unmittelbare Anlässe, in: Der spanische Bürgerkrieg. S. 12.

[9] Aufgrund von Wandlungen demographischer, sozioökonomischer und technischer Art wie z. B. die neuen Formen der Eisenverhütung, der Einsatz von Elektrizität, der Gebrauch chemischer Produkte oder die Anwendung des Verbrennungsmotors, setzte eine zweite industrielle Revolution ein.

[10] Manuel Tuñón de Lara: Strukturelle Ursachen und unmittelbare Anlässe, in: Der spanische Bürgerkrieg. S. 12.

[11] Frank Schauff: Der spanische Bürgerkrieg. S. 37.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Weg zum Militärputsch in Spanien am 17. Juli 1936
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Geschichte der Franco-Diktatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V118650
ISBN (eBook)
9783640224142
ISBN (Buch)
9783640224623
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
9 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 4 Internetquellen.
Schlagworte
Militärputsch, Spanien, Juli, Geschichte, Franco-Diktatur
Arbeit zitieren
Anna Ritte (Autor), 2007, Der Weg zum Militärputsch in Spanien am 17. Juli 1936, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118650

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Weg zum Militärputsch in Spanien am 17. Juli 1936


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden