Aus den patriotischen Reden nach dem 11. September 2001 wurden
schnell und heimlich Kriegsreden. In diesen sind vor allem drei
sprachliche und argumentative Zielsetzungen zu erkennen, die „(1)
Kriegsgründe konstruieren bzw. Kriegsziele definieren sowie (2)
verbindliche Selbst- und (3) Feindbild[er] vermitteln sollen“. Dialektik
bezeichnet hierbei den geschickten sprachlichen Umgang mit Thesen und
Antithesen. Dabei werden durch die verbale Aneignung und Erzeugung
gewisser Mustern aus Religion oder Mythos, Gedankenkonzepte, die
womöglich in sich widersprüchlich sein könnten, gezielt und
zweckorientiert für den eigenen Gewinn vereinnahmt und verbreitet.
Die US-Kriegsrhetorik, die den ‚war on terror’ vermittelt und unter
anderem zur Legitimation des Irakkriegs eingesetzt wurde, möchte ich zum
Untersuchungsgegenstand der folgenden Arbeit machen. Hierzu beziehe ich
mich ausschließlich auf die Reden des US-Präsidenten George W. Bush.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Vorüberlegung
1.2. Einteilung der Arbeit
1.3. Abgrenzung
2. Schaffung einer Gemeinschaftsseele
2.1. Eigenheiten und Nutzen einer Masse
2.2. Verteidigungsfall der USA?
2.3. Kampf gegen Ideologien
2.4. Bedeutung der Medien
2.5. Exkurs: Propaganda
3. Religiöse Motive in der Rhetorik
3.1. Das Konzept der ‚Zivilreligion’ in den USA
3.2. Oberbefehlshaber, Prophet, Priester, Held & Führer
3.3. Das Gute
3.4. Das Böse
4. Der Mythos in der US-Kriegsrhetorik
4.1. Das Heldenabenteuer
4.2. Hollywoodeske Muster der Heldenreise
4.3. Instrumentalisierung hollywoodesker Muster
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die dialektische Struktur der US-Kriegsrhetorik unter George W. Bush zwischen 2001 und 2004. Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch den gezielten Einsatz religiöser Mythen, mediale Inszenierungen und propagandistische Mechanismen ein gesellschaftlicher Konsens für militärische Interventionen geschaffen wurde.
- Analyse der Schaffung einer ideologischen „Gemeinschaftsseele“ und eines nationalen Selbstbildes.
- Untersuchung religiöser Motive und des Konzepts der „Zivilreligion“ in den Präsidentenreden.
- Analyse mythischer Heldenmuster im Kontext der US-Außenpolitik und deren Parallelen zu Hollywood-Narrativen.
- Reflexion über die Rolle der Medien als „vierte Gewalt“ und Instrument der propagandistischen Sinnstiftung.
Auszug aus dem Buch
3.4. Das Böse
Der Begriff ‚evil’ ist ins Deutsche zwar mit ‚böse’ zu übersetzen, wird aber in der amerikanischen Alltagssprache nicht entsprechend gebraucht. Denn ‚evil’ umfasst noch eine weitläufige religiöse Komponente, die gleichzeitig das zutiefst Verdorbene und Sündige meint. Die einprägsamste Anwendung hat ‚evil’ in dem Begriff ‚axis of evil’ – ‚Die Achse des Bösen’ gefunden:
„States like these, and their terrorist allies, constitute an axis of evil, arming to threaten the peace of the world. By seeking weapons of mass destruction, these regimes pose a grave and growing danger.“
Mit Achse des Bösen bezeichnete Bush in der Rede zur Lage der Nation im Januar 2002 die Staaten Irak, Iran und Nordkorea. Ob von Bush bewusst gewählt oder nicht, knüpft diese Begrifflichkeit an die Bezeichnung der Achsenmächte, Deutschland, Italien und Japan in der Zeit des zweiten Weltkrieges an, erweckt aber auch Konnotationen die in die Zeit des Kalten Krieges reichen, als die Sowjetunion von Ronald Reagan als Reich des Bösen, also ‚evil empire’ bezeichnet wurde. Auch wenn ähnliche Begriffe also schon vorher verwandt wurden und man gar sagen kann, sie haben Tradition in der US-Rhetorik, wurde ‚die Achse des Bösen’ durch die stetige Wiederholung des Begriffs und die damit verbundene Manifestierung zu einer akuten Gefahr aufgebaut. Zwar war Bush schon mit Amtsantritt das Bestehen des Bösen als Gegenpol zum eigenen Land klar, doch erst nach 9/11 wurde es als gegenwärtig und nahe ausgemacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur Dialektik der US-Kriegsrhetorik und methodische Abgrenzung der Arbeit.
2. Schaffung einer Gemeinschaftsseele: Untersuchung der Mechanismen zur Bildung einer emotionalen Masse, um Rückhalt für militärische Interventionen zu legitimieren.
3. Religiöse Motive in der Rhetorik: Analyse der US-Zivilreligion und der religiösen Rollenzuschreibungen (Prophet, Priester, Held) in den Reden von George W. Bush.
4. Der Mythos in der US-Kriegsrhetorik: Untersuchung der Heldenreise-Strukturen und deren Instrumentalisierung durch hollywoodeske Erzählmuster.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der rhetorischen Dialektik und der damit verbundenen Gefahren für den kritischen Diskurs.
Schlüsselwörter
Kriegsrhetorik, George W. Bush, Zivilreligion, Propaganda, Gemeinschaftsseele, Heldenreise, USA, Irakkrieg, Mythos, Feindbild, 11. September, Medialisierung, Massenpsychologie, politische Kommunikation, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit analysiert die sprachlichen und rhetorischen Strategien des US-Präsidenten George W. Bush in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001, um die Legitimation des „war on terror“ zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Konstruktion eines nationalen Selbstbildes, der Rolle religiöser Motive, der Nutzung mythischer Heldenmuster und der mediale Vermittlung dieser Narrative.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die dialektische Funktionsweise der Rhetorik offenzulegen, die komplexe politische Sachverhalte auf simple Gut-Böse-Kontraste reduziert, um ein „Wir-Gefühl“ zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Analyse, die Ansätze der Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Linguistik und Politikwissenschaft verknüpft, um die rhetorischen Muster in den Präsidentenreden zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Massenpsychologie, religiösen Versatzstücken in der Zivilreligion sowie den Einsatz von mythischen Heldenstrukturen, die sich an Hollywood-Narrativen orientieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kriegsrhetorik, Zivilreligion, Propaganda, Mythos, Feindbild, Gemeinschaftsseele und Medialisierung sind zentrale Begriffe der Analyse.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Medien?
Die Medien werden nicht nur als Mittler gesehen, sondern als „Sprachrohr und maßgebliches Instrument der Propaganda“, das durch die Selektion von Informationen und emotionalisierende Berichterstattung den gesellschaftlichen Konsens fördert.
Was bedeutet der Begriff „Amerikanischer Monomythos“ in diesem Kontext?
Der Autor bezieht sich auf Jewett und Lawrence, um zu zeigen, wie Bushs Rhetorik biblische Erlöserszenarien in ein weltliches politisches Handeln übersetzt und sich selbst als heroische Führergestalt inszeniert.
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- Martin Thiele (Author), 2008, Zur Dialektik der US-Kriegsrhetorik - Eine Analyse der Reden des US-Präsidenten George W. Bush, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118690