Nachkommen Muhammads: Die Sayyid-Familien im südlibanesischen Berge Amil

Rolle und Präsenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1- Einleitung

2- Definitionen
2.1. Ğabal ʿĀmil
2.1.1. Benennungen
2.1.2. Religion und Konfession
2.2. ahl- al- Bait (üis²اه)
2.3. Sayyid

3. Sayyid- Familien in Ğabal ʿĀmil Präsenz und Rolle
3.1. Emigrierte
3.2. Sayyids innerhalb des Ğabal ʿĀmil

4. Drei Familientypen als Fallbeispiele
4.1. Immigrierte Sayyids im Ğabal
4.2. Nūr ad- Dīn Familie: emigrierte Sayyids
4.3. Schwerttragende Familien im Ğabal

5. Fazit

Literaturnachweis

1- Einleitung

Nach dem Tod des Propheten Muḥammad bildeten sich viele Problemfelder und Konflikte, welche bald zur Beeinträchtigung der Einheit der ʾUmma (islamischen Gemeinschaft) beitrugen. Im Mittelpunkt der Probleme standen Streitfragen über die Nachfolgerschaft (das Wesen des Khalifats) und die Frage nach ahl al- Bait (Angehörige des Hauses des Propheten). Während sich die Muslime am Tage der Saqīfa (yaum as- Saqīfa) über Abū Bakr als ersten Ḫalīf einig waren, entstanden Konfliktlinien, welche später eine entscheidende Rolle im Verlauf der Entwicklung des Islam spielen werden. Vor allem nach der Wahl und dem Tod des dritten Ḫalīf ʿUṯmān hat sich jene Konfliktlinie besonders hervorgehoben, welche später auf der einen Seite durch Hass und brutale Auseinandersetzungen gekennzeichnet und auf der anderen Seite eine Herausbildung zweier sich polar entgegenstehenden islamischen Gruppierungen bedeuten wird. Dies waren zum einen der Sunnismus und zum anderen der Šīʿismus (Šīʿat ʿAlī).

Die Anhänger beider Konfessionen versuchten und versuchen jede Partei auf ihre Weise, ihre verwandtschaftliche Anbindung und Nähe zum Propheten zu beweisen. Die Šīʿiten argumentieren ihre Verwandtschaft mit der Genealogie, welche auf ʿAlī und seine Frau Faṭima, die Tochter des Propheten und ihre Kinder Ḥasan und Ḥusain zurückzuführen. Diese werden sich später den Ehrentitel „Sāda“ bzw. „Ašrāf“ aneignen, durch den sie ihre Verwandtschaft mit dem Propheten ausdrücken.

Deshalb steht diese Gruppierung im Mittelpunkt meiner vorliegenden Hausarbeit, wobei ihr Fokus auf die Frage der Nachkommen des Propheten im so genannten Ğabal ʿĀmil im Südlibanon im Zeitraum vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhundert gerichtet werden soll.

Zunächst ist es für das Verstehen der Thematik erforderlich, auf die Definitionen der Zentralbegriffe S a yy id und ahl al- Bait einzugehen. Außerdem werde ich der Frage nach der Benennung Ğabal ʿĀmil als solchem nachgehen.

Nachdem ich jene für meine Hausarbeit notwendigen Begriffe definiert habe, werde ich mich mit der Frage der Sayyid- Familien im Berge ʿĀmil befassen. Mein Ziel ist es hier festzustellen, inwiefern und ob diese hier zulande ansässig waren, wobei es hier um ihre Präsenz und ihre Rolle in der Prägung der Geschichte des Ğabal ʿĀmil gehen soll. In diesem Kontext wird die letzte Aufgabe meiner Arbeit sein, vorhandene Familientypen aus dem Ğabal ʿĀmil als Fallbeispiele zu selektieren und ausführlicher zu betrachten.

Schließlich ist es für den Verlauf meiner Hausarbeit noch wichtig zu sagen, dass die Anzahl der Literatur für dieses Thema limitiert ist und dass die Primärliteratur sich auf die Sammlung der Biographien des so genannten al- Ḥur al- ʿĀmilī „amal al- Āmil

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

“begrenzen wird. Dieses Werk ist ein Nachschlagewerk für die Biographien diverser Wissenschaftler und Gelehrten aus dem Ğabal ʿĀmil. In diesem Werk versucht der Autor, die Namen aller Gelehrten des Ğabal ʿĀmil, die vor ihm lebten oder zu seiner Zeit ihm bekannt waren, zusammenzutragen. Weiterhin stellte er sich der Aufgabe, den wissenschaftlichen Lebenslauf jener Gelehrten darzustellen und vor allem ersichtlich zu machen, ob und inwieweit sich diese unter einander kannten. Dieses Werk ist also für die vorliegende Arbeit deshalb von Bedeutung, weil ich mit seiner die Familientypen kategorisieren kann. Die unvermeidliche Frage bleibt hier, inwieweit diese Biographien richtig sind, was aber in dieser Hausarbeit nicht die kleinste Relevanz hat und für mich aufgrund der Unmöglichkeit der Verifikation offen bleiben soll.

2- Definitionen

2.1. ĞabalʿĀmil

In diesem Abschnitt soll es um die Darstellung des Ğabal ʿĀmil im Südlibanon gehen. Dabei soll es zunächst um die Benennung und Bezeichnung dieser Region gehen. Des Weiteren werde ich auf die Religiosität und Konfessionalität der Region eingehen, wobei ihre Šīʿitisierung in den Vordergrund gestellt werden soll.

2.1.1. Benennungen

Die Region, welche heute unter dem Namen Ğabal ʿĀmil zusammengefasst wird, wird auch bilād ʿĀmila (IJa¹⁄) oder bilād bišāra genannt. Die Benennung des sich im Süden des Libanon befindenden Gebiets geht auf den Stamm ʿĀmila zurück1, der sich im 4. Jahrhundert (v. C.)2 aus dem Jemen in Richtung Norden fortbewegte. Man geht davon aus, dass die Gründe für die Auswanderung dieser Stämme die Zerstörung des Damms Maʾrib3 waren. Mit diesem Ereignis haben sich die Lebensqualität und wirtschaftliche Lage der Stämme verschlechtert. Der einzige Ausweg aus dieser Lage war ihre Flucht und somit begaben sie sich in die Regionen im Norden, um sich Nahrung und bessere Lebensqualität zu sichern4. Der Name des Stammes, welcher die Berge im heutigen Südlibanon erreichte, hieß qabīlat ʿĀmila, wonach dann der Ğabal ʿĀmil genannt wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachdem die Osmanen5 in dieser Region Fuß gefasst haben, wurde der Region ein anderer Name gegeben und so hieß sie ab diesem Zeitpunkt bilād bišāra

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Historiker sind sich über die Gründe und Ursprünge des Namen nicht einig. Die einen beziehen sich in der Argumentation auf den bekannten Stamm Banū maʿan, dessen Emir Bišāra hieß6.

Andere Wissenschaftler gehen nicht von der osmanischen Zeit aus, sondern stützen sich in ihren Aussagen auf die Zeit der Ayyubiden in der Region. In diesem Zusammenhang soll Ṣalāḥ ad- Dīn einem seiner Mitkämpfer Muḥammad ibn Bišāra die Oberhand über bilād ʿĀmila gegeben haben.7

2.1.2. Religion und Konfession

Nachdem ich die beiden berühmten Bezeichnungen des Ğabal ʿĀmils ausführlich dargestellt habe, soll nun in diesem Abschnitt die religiöse Geschichte desselben bis zur Gründung des Libanon 1943 kurz aufgezeigt werden.

Zunächst kann die These aufgestellt werden, dass in jener Region des Ğabals eine 12er- Schiitisierung durchgeführt wurde und seither sich nicht anders konfessionalisieren ließ. In seinem Werk amal al- Āmil fī ʿUlamāʾ Ğabal ʿĀmil sagte al- Ḥurr al- ʿĀmilī, dass die Region eher zum schiitischen Islam übergetreten ist als andere Regionen der islamischen Welt: „ ... Und drittens, dass ihre Schiitisierung älter als die Schiitisierung anderer ist…“8 . Danach setzt er fort und sagt, dass nachdem der Prophet gestorben war, waren dem Gefährten, Schwiegersohn und Vetter des Propheten ʿAlī ibn noch vier Menschen treu geblieben. Einer von ihnen war der berüchtigte Abū Ḍarr al- Ġifārī, der durch seine Anwesenheit im Ğabal ʿĀmil die 12er- Šīʿa missioniert hat, wobei ihm immer mehr Menschen folgten und sich seiner Konfession anschlossen.9

Rula Abisaab schreibt, dass südarabische Stämme aus dem Jemen mit der Glaubensrichtung 12er- Šīʿa schon in den frühen Zeiten des Islam im Ğabal ʿĀmil präsent gewesen waren10. Wird die Geschichte der Šīʿa allgemein im Libanon und speziell in Ğabal ʿĀmil nach Dynastien konzipiert, so bemerkt man gleich, dass ihre Mission eine Konjunktur zwischen Antipathie und Akzeptanz erlebte. In der islamischen Futūḥ- Phase verlief die Schiitisierung ohne Hindernisse oder Feindseeligkeiten11. Dies blieb bestehen, bis Muʿāwiya ibn abī Sufyān ʿUṯmān darum bat, abū Ḍarr al- Ġafārī nach Ḥiğāz zu versetzen, wonach Mʿāwiya die Ausplünderung der Šīʿa in bilād aš- Šām versucht haben sollte.12

Erwartungsgemäß war die Situation der schiitischen Mission in Großsyrien in der Dynastie der Ummayaden nicht zu Gunsten ihrer Anhänger, denn nach dem Tod von ʿUṯmān wurde ʿAlī von den Ummayaden als sein Mörder angesehen13. Dies hatte zur Folge, dass die Anhänger ʿAlīs keine Chance hatten, um ihren Glauben praktizieren. An dieser Situation ändert sich Nichts in der ʿabbasidischen Dynastie14.

Mit dem Aufgang der fatimidischen Dynastie und den günstigen Abläufen im Irak und Iran, wo die Buyiden15 immer mehr an Macht gewannen, wurde die Situation der Schiiten wieder verbessert. Damit war Ğabal ʿĀmil unter der Kontrolle der Fatimiden geblieben, bis die Kreuzfahrer aus Europa sie erobert haben.16

Mit der Expansion der Kreuzfahrer in der Region wurde u. a. die Verbreitung der Šīʿa geschwächt, wobei die Stadtbewohner aus ihren Städten vertrieben sein sollten und ihr Platz durch die Eroberer eingenommen wurde. Allerdings sollen die Eroberer die Dorfbewohner nicht vertrieben haben, was zur Folge hatte, dass der Šīʿismus im Berg der ʿĀmila weiter bestehen bleiben konnte.17

Was die Periode der Mamluken in der Region betrifft, so sollen sie der Politik der Unterdrückung und des Unrecht u. a. der ʿUlamāʾ- Bewegung gegenüber gefolgt sein. Bei diesen Auseinandersetzungen ist der seitdem genannte erste Märtyrer, aš- Šahīd al- Awwal ums Leben gekommen, wobei er den Glauben der 12er- Šīʿa zu missionieren versuchte. Dies hat aber die ʿĀmilis nicht davon abgehalten, ihre schiitische Wissenschaftsbewegung zu Ende zu bringen. Vielmehr war dies die Blütezeit der „ʿāmilitischen“ Gelehrsamkeit, wobei sie sich mit den verschiedensten Bereichen der diversen Wissenschaften und vor allem der islamisch- schiitischen Theologie (fiqh, Ḥadīṯ, Philosophie, Geschichte und arabische Linguistik etc.) erfolgreich befasst haben sollen.18

Zur Herrschaftszeit der Osmanen waren auf der einen Seite die schiitischen Klans mit der Frage beschäftigt, wer von ihnen die Herrschaft über das Gebiet des Ğabal ʿĀmil erobern wird, auf der anderen Seite fanden zwischenkonfessionelle Konflikte zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen der Region um die Macht statt, welche mit dem Sieg der Šīʿa beendet war und deren Macht in der Region etablieren wurde19. Dies ändert sich wiederum, als die Emirfamilie Āl Saifa den Auftrag des Sultans in Istanbul bekam, die osmanische Dynastie dort zu vertreten. Vor allem kam es hier zu brutalen Auseinandersetzungen mit den Osmanen, deren Konsequenz die Unterdrückung und Vertreibung der Schiiten sowie die Einnahme hoher Steuern war20.

[...]


1 Vgl. al- Qalqašandī. Qalāʾid ağ- Ğamān fī at- Taʿrīf bi Qabāʾil ʿarab az- Zamān, Ğuzʾ 1. S. 30.

2 Vgl. Rizq, Rāmiz. Mais al- Ğabal. Luʾluʾat Ğabal ʿĀmil. Beirut 2005. S.11-12. Auch: Mervin, Sabrina. Un réformmisme chiite. Paris 2000. S. 20.

3 Vgl. Fayyaḍ, Nawāl. Ṣafaḥāt min Tārīḫ Ğabal ʿĀmil fī al- ʿahdaīn al- ʿuṯmānī wa-l-faransī. Beirut 1998. S. 11-12.

4 Vgl. al- Amīn, Ḥasan. Ğabal ʿĀmil: as- Saif wal- Qalam. Beirut 2003. S. 33-34.

5 Vgl. Fayyaḍ, Nawāl. Ṣafaḥāt min Tārīḫ Ğabal ʿĀmil fī al- ʿahdaīn al- ʿuṯmānī wa-l-faransī. Beirut 1998. S. 12.

6 Vgl. Mervin, Sabrina. Un réformmisme chiite. Paris 2000. S. 20.

7 Vgl. Abū Ḫalīl, Wağīh. Al- Qulaila mamarr al- ʾanbiyāʾ wa maqar al- ʾawliyāʾ. Beirut 1998. S. 18.

8 Vgl. Al- Ḥurr al-ʿĀmilī. Amal al- Āmil fī ḏikr ʿulamāʾ Ğabal ʿĀmil. Baghdad 1385 (H.). S. 13.

9 Vgl. Al- Ḥurr al-ʿĀmilī. Amal al- Āmil fī ḏikr ʿulamāʾ Ğabal ʿĀmil. Baghdad 1385 (H.). S. 13.

10 Vgl. Abisaab, Rula. Shiʿite Beginnings and Scholastic Tradition in Jabal ʿAmil in Libanon. In: The Muslim World, Vol. 89, Nr. 1. Januar 1999. S.6.

11 Vgl. Muḥammad ʿAmr, Yūsuf. Ṣafaḥāt min māḍī aš- Šīʿa wa Ḥāḍiruhum fī Lubnān. Beirut 2006. S. 14.

12 Vgl. Ibn Ḫaldūn. Tārīḫ ibn Ḫaldūn, Ğuzʿ 2. S. 139.

13 Vgl. Halm, Heinz. Die Schia. Darmstadt 1988. S. 14.

14 Vgl. Muḥammad ʿAmr, Yūsuf. Ṣafaḥāt min māḍī aš- Šīʿa wa Ḥāḍiruhum fī Lubnān. Beirut 2006. S. 14-15.

15 Die Buyiden waren Schiiten. Siehe: Halm, Heinz. Die Schia. S. 57.

16 Vgl. Al- Amīn, Ḥasan. Ğabal ʿĀmil: as- Saif wal- Qalam. Beirut 2003. S. 38-39.

17 Vgl. Al- Muhāğir, Ğaʿfar. Ğabal ʿĀmil taḥt al- ʾIḥtilāl aṣ- Ṣalībī. Beirut 2001. S. 19-62.

18 Vgl. Subaitī, Mustafā. Al- Ḥayā al- Fikriya lilʾaqaliyāt al- maḏhabiya fī Lubnan fī al- ʿahd al- mamlūkī. Beirut 2007. S. 162-171.

19 Vgl. Muḥammad ʿAmr, Yūsuf. Ṣafaḥāt min māḍī aš- Šīʿa wa Ḥāḍiruhum fī Lubnān. Beirut 2006. S. 18-19.

20 Vgl. Muḥammad ʿAmr, Yūsuf. Ṣafaḥāt min māḍī aš- Šīʿa wa Ḥāḍiruhum fī Lubnān. Beirut 2006. S. 19.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Nachkommen Muhammads: Die Sayyid-Familien im südlibanesischen Berge Amil
Untertitel
Rolle und Präsenz
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Orientalistik)
Veranstaltung
Nachkommen des Propheten Muhammad
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V118708
ISBN (eBook)
9783640220953
ISBN (Buch)
9783640371457
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkommen, Muhammads, Sayyid-, Familien, Propheten, Muhammad, islamische notabeln, scherifen, schia, südlibanon, Libanon, schia im südlibanon
Arbeit zitieren
M.A. Muhammad Khaskeia (Autor), 2008, Nachkommen Muhammads: Die Sayyid-Familien im südlibanesischen Berge Amil , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118708

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