Nach dem Tod des Propheten Muḥammad bildeten sich viele Problemfelder und Konflikte, welche bald zur Beeinträchtigung der Einheit der ʾUmma (islamischen Gemeinschaft) beitrugen. Im Mittelpunkt der Probleme standen Streitfragen über die Nachfolgerschaft (das Wesen des Khalifats) und die Frage nach ahl al- Bait (Angehörige des Hauses des Propheten). Während sich die Muslime am Tage der Saqīfa (yaum as- Saqīfa) über Abū Bakr als ersten Ḫalīf einig waren, entstanden Konfliktlinien, welche später eine entscheidende Rolle im Verlauf der Entwicklung des Islam spielen werden. Vor allem nach der Wahl und dem Tod des dritten Ḫalīf ʿUṯmān hat sich jene Konfliktlinie besonders hervorgehoben, welche später auf der einen Seite durch Hass und brutale Auseinandersetzungen gekennzeichnet und auf der anderen Seite eine Herausbildung zweier
sich polar entgegenstehenden islamischen Gruppierungen bedeuten wird. Dies waren zum einen der Sunnismus und zum anderen der Šīʿismus (Šīʿat ʿAlī).
Die Anhänger beider Konfessionen versuchten und versuchen jede Partei auf ihre Weise, ihre verwandtschaftliche Anbindung und Nähe zum Propheten zu beweisen. Die Šīʿiten argumentieren ihre Verwandtschaft mit der Genealogie, welche auf ʿAlī und seine Frau Faṭima, die Tochter des Propheten und ihre Kinder Ḥasan und Ḥusain zurückzuführen. Diese werden sich später den Ehrentitel „Sāda“ bzw. „Ašrāf“ aneignen, durch den sie ihre
Verwandtschaft mit dem Propheten ausdrücken.
Deshalb steht diese Gruppierung im Mittelpunkt meiner vorliegenden Hausarbeit, wobei ihr
Fokus auf die Frage der Nachkommen des Propheten im so genannten Ğabal ʿĀmil im
Südlibanon im Zeitraum vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhundert gerichtet werden soll.
Zunächst ist es für das Verstehen der Thematik erforderlich, auf die Definitionen der
Zentralbegriffe Sayyid und ahl al- Bait einzugehen. Außerdem werde ich der Frage nach der
Benennung Ğabal ʿĀmil als solchem nachgehen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1- Einleitung
2- Definitionen
2.1. Ğabal ʿĀmil
2.1.1. Benennungen
2.1.2. Religion und Konfession
2.2. ahl- al- Bait
2.3. Sayyid
3. Sayyid- Familien in Ğabal ʿĀmil Präsenz und Rolle
3.1. Emigrierte
3.2. Sayyids innerhalb des Ğabal ʿĀmil
4. Drei Familientypen als Fallbeispiele
4.1. Immigrierte Sayyids im Ğabal
4.2. Nūr ad- Dīn Familie: emigrierte Sayyids
4.3. Schwerttragende Familien im Ğabal
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Rolle und Präsenz der Sayyid-Familien in der Region Ğabal ʿĀmil im Südlibanon zwischen dem 14. und dem Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie diese Familien trotz politischer Fluktuationen und sozioökonomischer Herausforderungen zur Etablierung schiitischer Identität und Wissenschaft beigetragen haben.
- Definition der zentralen Begriffe Sayyid und ahl al- Bait
- Analyse der demographischen Fluktuation von Gelehrten und Sayyids
- Untersuchung der sozialen und politischen Rolle der Sayyids im Ğabal ʿĀmil
- Kategorisierung verschiedener Familientypen als Fallbeispiele
- Bedeutung der 12er-Schiitisierung für die Region
Auszug aus dem Buch
4.1. Immigrierte Sayyids im Ğabal
Für diese Gruppe von Sayyids habe die Familie der al- Amīns exemplarisch ausgewählt, welche in ihrer Immigration prominente Namen vorweisen konnte. Im 40. Band des Werkes Aʿyān aš- Šīʿa, das sich mit „sīrat Muḥsin al- Amīn“ beschäftigt, wird ersichtlich, dass die Herkunft des Stammes al- Amīn im Irak ist und zwar in Ḥilla. Dies ist bei Salati bestätigt allerdings mit einer minimalen Abweichung, indem er sagt „around the city of Ḥillah“.
Zunächst berichtet die Sīrat Muḥsin al- Amīn, die von ihm verfasst wurde, dass einer seiner Vorfahren in den Ğabal nach einer Einladung der Einheimischen gekommen war, um den Posten eines religiösen Wegweisers (muršid) und eines religiösen Vorbilds (qudwa) einzunehmen. Muḥsin al- Amīn konnte sich nicht auf einen Namen festlegen, da die Berichte darüber sich zwischen Ibrāhīm al- Qasāqīs ibn Aḥmad ibn al- Qāsim und seinem Sohn Aḥmad schwanken. Zudem bekräftigt Salati in seinem Aufsatz, dass die Wurzeln dieses Stammes Ḥusaini und auf Zaid ibn ʿAlī al- Šahīd ibn Zain al- ʿĀbidīn zurückzuführen sind. Diese Familie erhält ihren neuen Namen erst mit dem Vater des Muḥsin al- Amīn, dem Muḥammad al- Amīn, der ein Muftī in Ğabal ʿĀmil war.
Schließlich waren die Beweggründe für die Immigration nach Ğabal ʿĀmil, die vermutlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (ca. 1670) stattgefunden haben soll, die Hoffnung auf ein besseres und erfolgreicheres Leben als im Irak. Dies lässt sich mindestens ab der dritten Generation zeigen, wo die Familie sich in zwei Zweige gespaltet haben soll. Sie haben wichtige Positionen und Ämter besetzen können, durch die sie sich mit politischen und religiösen Einfluss in der Region bereichern konnten. Dies kommentiert Salati wie folgendes: „The al- Amīn clan gained the virtual monopoly of the official position muftī bilād Bišārah, standing for an element of stability amidst the upheavels that were shaking the region. It is worth keeping in mind that these muftīs were accorded a pension for life, an iqtāʿ on villages and farmlands an other material benefits.”
Zusammenfassung der Kapitel
1- Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Entstehung schiitischer Gruppierungen nach dem Tod des Propheten und legt den Fokus auf die Rolle der Nachkommen des Propheten im Ğabal ʿĀmil.
2- Definitionen: Dieser Abschnitt definiert die Region Ğabal ʿĀmil sowie die religiösen Fachbegriffe ahl al- Bait und Sayyid, um die theoretische Grundlage für die Analyse zu schaffen.
3. Sayyid- Familien in Ğabal ʿĀmil Präsenz und Rolle: Hier werden die Fluktuationen von Sayyids in der Region analysiert und zwischen Ein- und Auswanderungsbewegungen unterschieden.
4. Drei Familientypen als Fallbeispiele: Das Kapitel kategorisiert verschiedene Familien, darunter immigrierte Gelehrte, emigrierte Sayyids und militante Familientypen, anhand konkreter Fallbeispiele.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die Gelehrten aus Ğabal ʿĀmil maßgeblich zur Verbreitung und Stabilität des 12er-Schiismus beigetragen haben.
Schlüsselwörter
Ğabal ʿĀmil, Sayyid, Schiismus, ahl al- Bait, 12er-Schiia, Libanon, Emigration, Immigration, Gelehrsamkeit, Muğtahid, Genealogie, al- Amīn, Nūr ad- Dīn, Geschichte, Islam
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Präsenz, die Rolle und den sozialen Einfluss der Sayyid-Familien in der libanesischen Region Ğabal ʿĀmil zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Identitätsbildung durch Abstammung, die Bedeutung der 12er-Schiitisierung, die Gelehrtenkultur und die Auswirkungen von Migration auf die regionale Machtstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, die Rolle der Sayyids im Ğabal ʿĀmil zu klassifizieren und aufzuzeigen, wie sie als Gelehrte und religiöse Autoritäten zur religiösen Kontinuität der Region beitrugen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine historisch-deskriptive Methode, wobei er sich primär auf biographische Nachschlagewerke, insbesondere das Werk von al- Ḥurr al- ʿĀmilī, sowie moderne wissenschaftliche Aufsätze stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition der Begriffe, die Untersuchung der Ein- und Auswanderungsphänomene von Gelehrten sowie die detaillierte Vorstellung dreier verschiedener Familientypen als Fallbeispiele.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Ğabal ʿĀmil, Sayyid, Schiismus, 12er-Schiia, Gelehrsamkeit und Muğtahid geprägt.
Warum spielt die Migration der Gelehrten für das Verständnis der Region eine so große Rolle?
Die ständige Ein- und Auswanderung erklärt, wie Wissen und religiöse Praktiken zwischen verschiedenen Zentren der islamischen Welt (Irak, Iran, Mekka und Ğabal ʿĀmil) zirkulierten und warum die Region als intellektuelles Zentrum der Schiia gelten konnte.
Welchen Einfluss hatte der Titel "Sayyid" auf die soziale Stellung der Gelehrten?
Der Titel Sayyid verlieh den Trägern ein zusätzliches Prestige, das in Kombination mit dem Rang eines Muğtahid ihre politische und religiöse Autorität innerhalb der Gemeinschaft stärkte.
Was unterscheidet die "Schwerttragenden Familien" von den anderen Kategorien?
Im Gegensatz zu den primär gelehrt-orientierten Sayyids waren diese Familien stärker in lokale Konflikte und Machtkämpfe um Besitz und Steuern involviert, was ihre militante Natur erklärt.
Welche Rolle spielt die Familie al- Amīn in der Untersuchung?
Die Familie al- Amīn dient als exemplarisches Fallbeispiel für die Einwanderung, da sie durch ihre religiösen Ämter und ihren langfristigen Einfluss in der Region maßgeblich zur Stabilität unter wechselnden Herrschaftsverhältnissen beitrug.
- Quote paper
- M.A. Muhammad Khaskeia (Author), 2008, Nachkommen Muhammads: Die Sayyid-Familien im südlibanesischen Berge Amil , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118708